Dienstag, 31. Juli 2018

Wenn man gedacht hat, der Höhepunkt sei erreicht...

Wird die Mesut Özil-Debatte noch mal absurder. Ja, das geht. Auf einen einzigen Weg:

Jetzt versuchen uns die alten, weißen Männer zu erklären, was Rassismus ist... und noch viel schlimmer: Dass sie das besser beurteilen können als die Spieler mit Migrationshintergrund. Weil sie... Statistiken gelesen haben?

Also hier kurz die "Money Quotes" aus dem Montags-Kicker:
Heribert Bruchhagen, 69 Jahre: "Reinhard Grindel in die Nähe des Rassismus zu bringen, ist absurd." Der Bruchhagen muss es ja wissen, der ist schon so oft Opfer der Alltagsrassismus geworden. Also als HSV Vorstand...
Lothar Matthäus, 57 Jahre: "Sportlich ist Özils Rücktritt kein Verlust." Auch da ist Matthäus echter Experte, weil er ja selber weiß, wie es ist, wenn man eigentlich komplett durch ist und trotzdem noch ein großes Turnier spielt... Gut, Matthäus war damals wesentlich älter als Özil... aber Details...
Rainer Holzschuh, 74 Jahre: "Als ob ein Mensch wie Özil, der, in Deutschland aufgewachsen, als talentierter Fußballer gehegt und gepflegt wurde (...) die Probleme der Migration und des Rassismus glaubwürdig skizzieren könnte." Besser als der Kicker-Cheredakteur. Und nebenbei haben all die Einwände niemanden gestört, als Özil als Paradebeispiel für gelungene Integration galt... Und genau dies ist das Problem, welches Özil hat: Wenn es den Leuten passt, dass er ein Imigrantenkind ist, stellen sie es in den Vordergrund, wenn es ihnen nicht passt, sprechen sie ihm die Kompetenz ab... Und genau das ist auch Rassismus. Entweder Özil war jahrelang Vorbild der Integration, dann kann er sich zu dem Thema äußern und seine Wahrnehmung und sein Urteil muss respektiert werden... oder wir müssen unsere Berichtserstattung der letzten 10 Jahre komplett korrigieren. Beides ist halt verdammt schwierig.

Rassismus ist eben nicht nur ein Nazi Mob, der einen Afrikaner durch die Straßen jagt und tötet. Oder die "Fans", die Schwarze Spieler mit Affengeräuschen begrüßen... Rassismus ist auch, wenn identische Situationen auf Grund des unterschiedlichen Aussehens der handelnden Personen anders beurteilt werden...
Und dass der Kicker das diesen Sommer extrem macht, will er sich halt bis heute nicht eingestehen.

Lasst uns da mal als weiteres Indiz einen Blick auf die Kicker Rangliste werfen... da haben wir gerade 3 Kandidaten: einer heißt Thomas Müller und war durchaus der Beste von den 3. Das will ich nicht in Frage stellen... aber Internationale Klasse? Weil er in einem Freundschaftsspiel gegen Spanien, welches nicht in die Bewertung fallen sollte, ein Traumtor erzielt hat? Da verzeihen wir ihm natürlich die bescheidene WM... Und den Fakt, dass er gegen Real Madrid und den FC Sevilla genau so effektiv war, wie Robert Lewandowski. Aber nur einer der beiden muss sich Vorwürfe gefallen lassen, dass er in den entscheidenden Spielen nichts gerissen hat... Das ist natürlich nicht der vorbildlichste aller Deutschen. Der kann ja nichts dafür... Da sind wir halt solidarisch...
(Und ja, ich verstehe nicht, wie Müller und Franck Ribery, der seit 3 Jahren auf ein Tor auf der internationalen Bühne wartet, internationale Klasse darstellen sollen... Der Kicker hat an der Stelle halt sein eigenes "Die Bundesliga ist nicht mehr so gut" Narrativ wieder komplett vergessen... Und ja, ich erwähne Müller hauptsächlich deswegen, weil ich am Ende im großen Bild auf ihn zurück komme.

Aber gut, dass Müller der beste dieser Kandidaten ist, sehe ich sofort ein. Aber danach... wird es völlig absurd:
Denn dann behauptet der Kicker tatsächlich, dass Julian Draxler eine genau so gute (also im Blickfeld endende) Halbserie wie Mesut Özil gespielt hat. Warte, was? Der Ersatzspieler in einer Gurkenliga war genau so gut wie der Stammspieler in der Premiere League, der mit seinen Leistungen in der K.O. Phase einen entscheidenden Anteil an der Halbfinal-Teilnahme in der Europa League hatte? Kann mir das jemand erklären? Der eine spielte in der K.O. Phase insgesamt 20 Minuten, der andere sammelte derweil (wenn auch im schlechteren Wettbewerb) 5 Torvorlagen... Und brachte bis zu seiner Verletzung in der besseren Liga die besseren Leistungen... Oh und eine bessere WM hat er auch noch gespielt... auch wenn das keiner wahrnehmen will.
Natürlich habe ich auch behauptet, dass das Nachlassen von Özil, welches keiner in Frage stellen will, einer der Gründe ist, warum Arsenal London nur noch in der Europa League spielt, weil der Mann halt keine internationale Klasse mehr liefert. Aber sachlich betrachtet gehört der Mann (was nebenbei auch Bodo Illgner so sieht) in den weiteren Kreis. Genau so wie er gegen Südkorea keine 5 verdient gehabt hat...
Und mal wieder schafft es der Kicker nicht, die persönlichen Geschehnisse abseits des Fußballs (also den Fakt, dass der Junge halt Deutsch-Türke ist) auszublenden... dafür blenden sie lieber die Leistungen in der Europa League aus. Das ist einfacher... Und dann kann man sich eine Erklärung zusammen basteln...
Oder um einen deutlicheren Rahmen aufzumachen: Will mir wirklich jemand erzählen, dass Özil im letzten Halbjahr schlechter war als Lewis Holtby, Kai Havertz und Maximilian Eggestein? Ja, der Kicker will das... 

Aber es gibt hier ja keinen Rassismus. Hat es nie gegeben. Zumindest nicht im Wahrnehmungskreis der greisen, weißen Männer, die ja die Deutungshoheit für sich beanspruchen... Deswegen (jetzt kommt der Bogen) muss sich Thomas Müller jetzt ja aus reinen Leistungsgründen die selben Urteile über sich ergehen lassen, wie wie Mesut Özil. Oh, warte... nur einer von denen wird als überflüssig und nutzlos betrachtet... von allen Seiten... (also Uli Hoeneß, dem Kicker und Lothar Matthäus).

Stellen wir uns mal vor, ein Müller würde über einen Rücktritt nachdenken... Dann würden alle mit einem "Tu's nicht!" um die Ecke kommen. Das Abstimmungsergebnis im Kicker würde bei 90% pro Müller ausfallen...
Oder es wäre vor der WM (wie im Fall Özil im Kicker geschehen) davon geschrieben worden, dass dies seine Abschiedsvorstellung sein könnte, weil er zuletzt einfach nicht die Leistung gebracht hat, die eine weitere Nominierung rechtfertigt. Der Journalist wäre sofort entlassen worden... (Ok, der Stern hat es sich erlaubt vom Problemkind Müller zu schreiben... als einzige und erst nach dem 2. Spiel) Dabei hat Müller vor 2 Jahren eine schlechtere EM gespielt... und mindestens eine genau so beschissene Weltmeisterschaft. Trotzdem würde niemand die Bedeutung von Müller für die Nationalmannschaft in Frage stellen. Im Gegensatz: Im großen "Wer könnte zurücktreten" Gemurmel ist sein Name nie gefallen... obwohl es leistungstechnisch mehr als angebracht wäre... Aber der ist halt der sympathische Deutsche...
Und genau das ist auch Rassismus: 2 Spieler bringen dieselbe Leistung, werden aber völlig unterschiedlich beurteilt.

Guckt euch einfach mal die Liste mit den Nationalspielern, die mehr als 90 Länderspiele absolviert haben, an. Und dann fragt euch wer von denen die meiste Kritik über all die Jahre einstecken musste. Wessen Leistungen immer wieder in Frage gestellt wurden, weil einem "die Körpersprache" nicht gefällt. Erinnert euch einfach an die Public Viewing Abende in eurer Stadt und fragt euch, wer dringend ausgewechselt werden sollte, weil er "heute nichts bringt" und "mal wieder abtaucht"... Fragt euch wer all die Jahre am häufigsten hinterfragt worden ist... (also während der Karriere, nicht danach... Und wegen ihrer fußballerischen Leistungen und nicht wegen ihres Privatlebens...)
Die Antwort lautet. Der einzige muslimische Migrant auf dieser Liste. Der einzige, den man definitiv ansieht, dass kein arisches Blut in seinen Adern fließt... Das ist kein Zufall. Und ich nehme mich selbst da ja auch nicht aus... Ich gebe durchaus zu, dass ich Özil stellenweise und unbewusst kritischer betrachtet habe als andere Spieler.

Und genau deswegen kann sich Özil zu diesem Thema äußern. Denn selbst als gehegter und gepflegter Fußballer wird man in der Öffentlichkeit anders beurteilt, wenn man Deutsch-Türke ist.
Auch wenn keiner in Frage stellen sollte, dass er über das Ziel hinaus geschossen hat. Das kann man durchaus erwähnen und kritisieren. Ihm aber jegliche Kompetenz zu dem Thema abzusprechen und dadurch zu versuchen, seine Vorwürfe komplett lächerlich zu machen... oder man schiebt die Aussagen seinen Berater zu, der eine völlig absurde Agenda haben soll... nur damit man sich selber nicht hinterfragen muss... Das ist kein Lösungsansatz, sonder bestätigt Özils Aussagen nur.

Und ja, der Kicker hat sich bis heute nicht im Ansatz hinterfragt, ob er nicht selber seinen Beitrag dazu geleistet hat, dass der Özil sich so fühlt, wie er sich fühlt. Obwohl er das über all die Jahre definitiv gemacht hat. Aber wie immer hat keiner Bock drauf sich mal an die eigene Nase zu fassen. Aber die sind ja derzeit intensiv damit beschäftigt die Schuld auf Özil zu schieben, denn dann sehen sie selber besser aus.

Kommentare:

  1. Ich unterschreibe jedes deiner Worte zu dem Thema!

    Was mir bei der ganzen Debatte aber auch immer wieder auffällt: Der Umgang mit Gündogan und Sane.

    Gündogan hat wie Özil ein Bild mit Erdogan machen lassen, ist Deutsch-Türke und Muslim. Er hat sich im Gegensatz zu Özil dafür mehr oder weniger überzeugend entschuldigt. Was passiert? Er wird ausgepfiffen und Löw stellt sich öffentlich vor ihn. Bei der WM bringt er wenn er denn überhaupt mal spielen darf genauso wenig Leistung, wenn nicht gar weniger als Özil. Aber trotzdem wird er in der öffentlichen Debatte mittlerweile komplett ignoriert.

    Sane hingegen sieht halt nun wirklich nicht so aus wie sich alte weiße Männer einen typischen Deutschen vorstellen. Er hat in der Nationalmannschaft so wenig Leistung gebracht (ich weiß Leischtungsprinzip und so, aber trotzdem...) dass er von Löw aussortiert wurde wird aber trotz allem als die Zukunft des deutschen Fussballs gehandelt ...was nach den Leistungen in der letzten PL-Saison nicht ganz ungerechtfertigt ist... ohne das es jemanden wundert.

    Worauf ich hinaus will: Ich finde es auf der einen Seite beeindruckend, auf der anderen Seite verstörend wie willkürlich dieser Rassimus in der Gesellschaft zu Tage tritt. Solange jemand in das eigene Weltbild passt (und sei es nur weil er evtl. in ein paar Jahren mal ein paar wichtige Tore für Deutschland schießt)wird der eigene Rassismus einfach ausgeblendet, aber sobald man einen Sündenbock braucht sind all die Vorurteile nicht weit weg.

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  2. Ich kann dir in einigen Dingen ganz klar zustimmen aber ich betrachte es auch ein wenig anders. Als Özil noch als Integrationsbeispiel hervorgehoben wurde war von seiner Seite auch nichts von verstecktem oder offensichtlichen Rassismus zu lesen, den es aber auch zu diese Zeit bestimmt gab. Erst jetzt wo er quasi mit dem Rücken an der Wand steht thematisiert er das und das wirkt auf mich schon ein wenig verzweifelt. Über seine sportliche Leistung hat er nicht viele Worte verloren und Kritik daran mit Rassismusvorwürfen beantwortet. Diese Kritik müssen sich aber (fast) alle Spieler die bei der WM dabei waren gefallen lassen.

    Mich persönlich interessiert es nicht ob jemand Deutsch-Türke, Deutsch-Pole oder sonst was ist, die Leistung und die Identifikation muss stimmen und das haben viele Spieler vermissen lassen.
    Bevor Özil diese Debatte losgetreten hat habe ich nicht ein Mal darüber nachgedacht ob er Deutsch-Türke oder Deutscher ist, er war auf gut deutsch gesagt einfach Sche...., ich habe mich aber genauso über nen Müller, Kroos usw aufgeregt.

    Diese Diskussion ist einfach so vielschichtig das man da sehr schwer zu einer eindeutigen Lösung kommen kann. Rassismus gibt es leider in sehr vielen Ländern und da teilweise noch stärker ausgeprägt und offensichtlicher als bei uns. Und wenn man es ganz genau nimmt ist das was Özil da macht auch eine Art Rassismus und Gleiches mit Gleichem zu beantworten ist noch nie gut gegangen.

    Just my2cents

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  3. Interessant ist doch was Manuel Neuer zu Özils Vorwürfen gesagt hat. Nach seiner Aussage stellt sich das eigentlich anders dar als Özil es schreibt. Wer da jetzt die Wahrheit sagt oder nicht wird nie jemand herausfinden und es bleibt also alles Spekulation. Ich bin aber der Meinung von Christopher, dass man Gleiches nicht mit Gleichem bekämpfen sollte.

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