Mittwoch, 23. Oktober 2019

Positionsbeschreibung: Marius Ebbers Angreifer.

Da wird einem plötzlich bewusst, dass man diesen Begriff viel zu oft verwendet. Und dass die eigentlich geplante Serie bis jetzt bei einem Beitrag seit 2017 ist. Und dass damals schon dieser Beitrag angekündigt worden ist. Macht doch Hoffnung für die "Passives Abseits vs Tradition" Serie.

Um euch kurz daran zu erinnern, worum es hier gehen soll: Die klassischen Positionsbeschreibungen sind im Modernen Fußball ja völlig überholt. Viel zu statisch in einem immer komplexer werdenden System. Das Problem an den "neuen" Begriffen wie "abkippender 6er" oder "falsche 9" ist aber, dass sie lediglich die Rolle eines Spielers in einem System beschreibt. Viel spannender und lehrreicher ist es doch, sich die Rollen eines Spielers in verschiedenen Systemen anzugucken und dadurch dann Muster zu erkennen, die einem bei der Einordnung von Spielern weiter hilft.

Und damit machen wir jetzt weiter:

Der Marius Ebbers Angreifer

Marius Ebbers ist jetzt ja doch schon eine Weile im Ruhestand. Aber er hatte zu seiner aktiven Zeit eine gewisse Sonderrolle: Er war als Stürmer gut genug um praktisch jeden Verein in die Bundesliga zu schießen. Dort dann aber zu schlecht, um sich wirklich durchzusetzen und den Klassenerhalt zu sichern. Deswegen stehen bei seinem Erfolgen 3 Aufstiege... und sonst nichts.
Marius Ebbers war aber als Zweitligastürmer so absurd gut, dass er selbst den FC St.Pauli und Alemannia Aachen in die Bundesliga schoss, also 2 Vereine die in dieser Liga praktisch gar nichts verloren haben. Das Problem war aber halt, dass er stets postwendend wieder abstieg.

Und so einen Spieler zu haben, ist einerseits schön, weil man ja aufsteigt, andererseits ein riesiges Problem, weil man diesen Spieler dann irgendwie absägen muss, wenn man auch die Klasse halten will. Das ist für alle Beteiligten eine eher unangenehme Situation. Denn der Spieler ist ja auf Grund seiner Leistungen auf dem Weg zur Legender bei den Fans. Er wird auch innerhalb der Mannschaft eine gewisse Führungsrolle einnehmen. Die Vereinsführung ist ihm auch irgendwie zu Dank verpflichtet. Und der Spieler selber geht natürlich davon aus, dass ihm dieses Mal endlich der Durchbruch gelingt und wird deswegen seinen Platz nicht freiwillig räumen. Solche Spieler auf die Bank zu setzen ist immer ein schwieriges Unterfangen.

Wenn man es allerdings nicht macht, schafft man sich am anderen Ende Probleme. Also man sieht ja gerade an Paderborn, was einem passiert, wenn man darauf hofft, dass die Aufstiegshelden den nächsten Schritt machen... und der dann kollektiv nicht kommt. Nebenbei passiert es Uwe Hünemeier ja bereits zum 2. Mal, dass er überraschend aufsteigt und dann in der Bundesliga überfordert ist. Dies passiert also nicht nur bei Angreifern, sondern technisch gesehen auf allen Positionen.

Bei Angreifern ist es halt nur am auffälligsten, weil die die eindeutigste Statistik haben: Tore. Also ein Marius Ebbers Angreifer erzielt in seiner Karriere mehr Zweitligatore, als er Bundesligaspiele absolviert. Das kann man schön einfach festhalten. Bei Ebbers sind es 102 Zweitligatore und 77 Bundesligaspiele. Anhand dieser Fixpunkte kann man dann schön die aktuellen Stürmer durchgehen:

Simon Terodde ist bei 118 Zweitligatoren und 43 Bundesligaspielen. Mit seinen 31 Jahren wird er diese Kategorie selbst dann nicht mehr verlassen, wenn er jetzt 2 Jahre am Stück unumstrittener Stammspieler ist. Faszinierender Weise wurde bei Terodde, als er im Winter zum hoffnungslos abgeschlagenen 1.FC Köln ging, offiziell davon geredet, dass das ja kein Vorgriff auf die nächste Saison und das Projekt Wiederaufstieg sein soll. Praktisch gesehen war es genau das.

Köln hat zusätzlich noch Dominick Drexler im Kader, der jetzt ja leider verletzt ist, der aber auch mit 29 Jahren nachweisen muss, dass er wirklich noch den Sprung in die Bundesliga schaffen kann. 

Rouwen Hennings ist bei 62 Zweitligatoren und 53 Bundesligaspielen. Der müsste bald mal wieder absteigen, sonst wird das eng und er ein ganz normaler Bundesligastürmer. Wer will denn das bitte schön sein?

Union Berlin hat Sebastian Polter, der die Voraussetzungen stand jetzt gerade nicht erfüllt, aber bei Union nur noch Ergänzungsspieler ist und damit wohl bald wieder in die 2. Liga abgegeben wird. Der kann sich das quasi als Karriereziel setzen...

Als weiteres historisches Beispiel fällt mir Michael Turk mit 81 Bundesligaspielen und 96 Zweitligatoren ein.

Nur um mal zu erwähnen, dass die Liste derartiger Angreifer gar nicht mal so kurz ist. Was mich aber an diesen Spielern am meisten fasziniert: Warum tun sie sich das immer wieder an? Also sind die Aufstiegsjahre so geil, dass sie die Frustration des folgenden Abstieges als Bankdrücker aufwiegen? Warum wechselt man danach dann wieder in die 2. Liga, wenn es doch sinnvolle andere Alternativen gäbe, in denen man diesen Kreislauf durchbrechen kann.

Anders ausgedrückt: Warum wechselt keiner dieser Spieler zu Stade Renne nach Frankreich? Oder zu Heracles Almelo in Holland? Oder nach Österreich oder in die Türkei? Also in einer Liga, deren durchschnittliches Niveau so weit unter der Bundesliga liegen dürfte, dass man dort dann eben bei einem Mittelklasse Team mit gelegentlichen Ambitionen nach Oben mitspielen kann.

Solche Wechsel würden für alle Beteiligten extrem viel Sinn ergeben. Da würden alle von profitieren. Und wenn man nicht unbedingt will, muss man ja nicht mal ins Ausland ziehen. Also als Hennings wäre es kein Problem in Düsseldorf zu wohnen und in Holland zu spielen. Bei Twente Enschede. Ein Emil Bergreen hat genau das gemacht, als seine Karriere in der Bundesliga, auch Verletzungsbedingt, ins Stocken geriet. Dass Deutsche Profis gehen diesen Schritt zum Nachbarn nur sehr selten. Also nicht als Talent und Zwischenschritt in der persönlichen Entwicklung, sondern als Erkenntnis, dass es halt nur für diese Liga reicht. Beim Transfermarkt.de durchklicken fällt mir nur Steffen Schäfer auf, der vom 1.FC Magdeburg zu VVV Venlo gewechselt ist.

Ich frage mich halt auch, ob das an der mangelnden Bereitschaft der Spieler liegt, oder ob die Vereine der Nachbarländer diesen potenziellen Markt für Verstärkungen einfach nicht wahr nehmen... oder ob das Preisgefälle zwischen 2. Liga und Holländischer Liga einfach so gewaltig ist, dass es finanziell nicht machbar ist. Ein cleverer Manager würde den Karriereverlauf der Aufstiegshelden zumindest mal im Blick behalten und versuchen an diese Spieler zu kommen.

Jedenfalls ist es bei den Marius Ebbers Angreifern genau so wie bei den Martin Harnik Angreifern: Man kann dieses Konzept auf jedes Niveau anpassen. Egal in welche Liga man aufsteigt, man muss hinterher kritisch hinterfragen, ob die Spieler, die den Aufstieg gefeiert haben, wirklich auch in der Lage sind auf dem nächsthöheren Niveau mitzuhalten. Und wenn man dann zu dem Schluss kommt, dass es auf dem nächsten Level nicht mehr reicht, muss man seine Herangehensweise anpassen. Oder sich um neue, bessere Besetzungen kümmern.

Und auch als Fan ist es halt wichtig nach einem Aufstieg vernünftige Erwartungen an seine Spieler und den Verein zu stellen. Und gegebenfalls nachzuvollziehen, warum eure Lieblingsikone nur noch Ergänzungsspieler ist und durch diesen komische Lukebakio ersetzt worden ist...

Montag, 21. Oktober 2019

Worst of des "Nur in der Bundesliga" Wochenendes

Ok, gleich vorne weg. Das stimmt so gar nicht. Auch in England könnte der Tabellenführer seinen Platz an der Sonne verteidigen, ohne dass er gewinnt. Das Problem daran ist: Liverpool steht bei 8 Siegen und einem Unentschieden... Wenn eine ähnlich gut Mannschaft in der Bundesliga antreten würde, wäre die Meisterschaft jetzt schon entschieden.

Aber ja, nur in der Bundesliga kann man am 9. Spieltag mit einer Niederlage die Tabellenführung verteidigen. Weil keine der angeblichen "Spitzenteams" gewinnen kann oder will...

Das muss vor allem bedacht werden, wenn Kicker-Redakteur Tino Lieto eine "Oh, wie ist das schön!" Jubelarie verfasst. Ist es nicht toll, dass die Bundesliga so schön spannend ist? Wenn man extrem kurzsichtig, ist es das natürlich. Praktisch gesehen ist diese Liga aber nur spannend, weil die angeblichen Spitzenteams ihren eigenen Ansprüchen extrem hinterher hinken. Und weil das Niveau konstant sinkt. Fangen wir mal beim eigentlichen Ligaprimus an:

Bayern München: Das einzige, was bei Kovac und Salihamidzic "kritischer Analyse" fehlte, war ja der Fakt, dass Bayern gegen Augsburg doch 90 Minuten am Stück ohne Gegentor blieb... und dass das ja normaler Weise für einen Sieg reichen müsste. Stimmt natürlich, aber Fakt ist halt auch, dass man schon wieder 2 Gegentore kassiert hat. Dass man gerade dabei ist, das Ergebnis-Konzept seines größten Konkurrenten aus Dortmund zu imitieren. Und dass das 7:2 gegen Tottenham gefühlt schon Jahre her ist.
Am besten lässt sich die Entwicklung der Bayern an der Thomas Müller Debatte verdeutlichen. Eigentlich sollte die "Muss Müller spielen?" Frage gar nicht mehr gestellt werden, da ja mit Coutinho ein absoluter Experte auf der einzige Position, auf der Müller noch spielen kann, verpflichtet worden ist. Aber irgendwie ist dieser Coutinho halt doch nur ein hochtalentierter Mitläufer... Was Passives Abseits Leser natürlich zuerst wussten. Wenn der Brasilianer so einflussreich wäre, wie er bei seinem Marktwert eigentlich sein sollte, hätten die Bayern 5 Punkte Vorsprung und niemand würde nach Müller schreien. Ist er aber nicht.

Der eigentliche Tabellenführer heißt allerdings offiziell... Borussia Mönchengladbach. Und die werden sich denken: Verdammt, wir haben den Platz an der Sonne auch noch verteidigt, damit gewinnen wir nächste Woche wieder nicht. Denn die Kicker-Datenbank hat eine sehr interessante Information ausgespuckt: Gladbach hat die letzten 7 Spiele als Tabellenführer nicht gewonnen. Um zu verdeutlichen, wie absurd das ist: Der letzte Sieg in dieser Konstellation kommt vom 14.Mai 1977. Die Woche drauf wurde man stilecht Meister, in dem man Unentschieden spielte. Durch ein Eigentor in der 90. Minute. Wahrscheinlich versucht man seit diesem Jahr genau dieses Endergebnis zu reproduzieren. Und hey, sie sind ja gerade auf einem guten Weg, schließlich haben sie ihre Tabellenführung verteidigt.
Ich habe ja in den letzten Tagen oft fest gestellt, wie alt ich doch bin. Jetzt kann ich behaupten: Als Gladbach das letzte Mal eine Tabellenführung verteidigte, war ich noch nicht mal geboren!!!

Geklappt hat das vor allem, weil Schalke 04 das 2. Wochenende in Folge "Nein Danke" sagte. Dabei bekamen sie vom gegnerischen Trainer Alfred Scheuer das höchste Lob: "Schalke war bis jetzt der beste Gegner, gegen den wir gespielt haben." Und das, obwohl die letzte Woche in München antreten durften... Das Problem daran. Nun ja, wenn man es freundlich ausdrückt, ist Schalke der ultimative Malocher-Klub. Dort wird Fußball halt gearbeitet und nicht gezaubert. Direkt ausgedrückt bedeutet das aber nur: Schalke hat sich als Verein darauf spezialisiert, beschissene Spiele zu gewinnen. Und in absurden Jahren Vize-Meister zu werden. Statistisch ausgedrückt ist Schalke halt die einzige Mannschaft der Welt, die mit 63 Punkten Vize-Meister werden kann. 2 Mal. Mit 53 und 56 erzielten Toren. Anders ausgedrückt: Wenn Schalke wirklich der Beste Gegner sein soll, den ein Scheuer in der Bundesliga gesehen hat, dann kann das kein gutes Zeichen für die Bundesliga sein.

Als letztes Indiz für das weiterhin nachlassende Niveau sei als Individuum Rouwen Hennings genannt. Hennings ist eigentlich der ultimative "Marius Ebbers Angreifer": Gut genug um deinen Verein in die Bundesliga zu schießen, aber dort als erste Option zu schlecht. Dachte man zumindest. Also 8 Tore in 45 Bundesligaspielen sprechen da eine deutliche Sprache. Allgemein hat man ja als Bundesligaprofi gewisse Probleme, wenn man mehr Zweitligatore als Bundesligaspiele auf dem Konto hat. Jetzt ist der allerdings (gemeinsam mit Marco Reus) der 2. Beste Deutsche Angreifer. Lasst uns den in die Nationalmannschaft berufen!!! Nach dem Leischtungschprizschip müsste genau das... oh warte, er spielt halt nicht in Freiburg oder Stuttgart. Aber wenn er seine 5 Tore für einen dieser Vereine gemacht hätte, würde jetzt genau das passieren.
Nun gibt es genau 3 Varianten: Hennings hat gerade einen absurden Lauf und steht halt zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Das ist sachlich gesehen die wahrscheinlichste Variante. Ab und zu hat man halt so Phasen, in denen man als Angreifer auch die Eckfahne anvisieren könnte und trotzdem ein Tor erzielt. Oder aber Hennings hat mit seinen 32 Jahren noch mal einen entscheidenden Entwicklungsschritt gemacht und ist deswegen jetzt ein legitimer Angreifer... Auch wenn er dafür eigentlich zu alt ist. Oder halt das Niveau in der Bundesliga ist endgültig so weit gesunken, dass selbst bessere Zweitligaangreifer jetzt in der höchsten Spielklasse glänzen können.

Oh und als Bawful Bonus Stat hat Union Berlin, die allgemein noch ein wenig überfordert wirken, all ihre Siege gegen Mannschaften aus der Spitzengruppe geholt. Weil man halt nicht wirklich gut sein muss um da reinzurutschen...

Der Gemeine Fan wird sich da doch sagen: Kann mir doch egal sein, Hauptsache mein Verein hat möglichst lange theoretische Chancen auf die Meisterschaft! Und solange es ein spannendes Saisonfinish gibt, interessiert mich das sinkende Niveau doch nicht.

Hier ist das Problem daran: Realistisch gesehen gibt es gerade 3 Szenarien: Die Bayern rumpeln weiter vor sich hin, Niko Kovac wird irgendwann entlassen und sein Nachfolger sieht sofort wie ein verdammtes Genie aus. Oder Kovac kriegt selber noch die Kurve und die Bayern starten spätestens im März eine Siegesserie. Oder die Bayern gurken sich durch die gesamte Saison, aber die Konkurrenz ist zu schwach um dies zu nutzen.
In allen Fällen werden die Bayern halt am Ende mehr oder weniger souverän Meister. Würde man die Bayern wirklich herausfordern wollen (und die haben halt ganz sachlich gesehen das größte Potenzial), müsste man sich jetzt in der Schwächephase ein gewisses Polster aufbauen. Damit man dann im direkten Duell nur Unentschieden spielen muss und sich vielleicht noch mal den einen Ausrutscher leisten kann. Denn es ist schon irgendwie davon auszugehen, dass die Bayern sich zusammenreißen werden und mal so ne 7 Spiele Siegesserie starten.

Ich frage mich halt persönlich echt, was daran "Schön" sein soll, dass das Niveau in der Bundesliga Jahr für Jahr nachlässt. Und natürlich ist das keine Neuigkeit, die einzige Mannschaft, die ein internationales Abstürzen der Bundesliga bisher verhindert hat, ist Bayern München (und ja, die eine fantastische Ausnahmesaison der Frankfurter zählt da nicht...). Und auch die lassen ja mehr und mehr nach.

Dienstag, 15. Oktober 2019

Passives Abseits vs Tradition, Teil 2: Hansa Rostock als Fallbeispiel I für Willkür

Home Sweet Home. Und ja, ich fange die konkreten Beispiele mit Hansa Rostock an, weil es für mich als Einstieg das einfachste ist. Es ist halt der Verein meiner Heimatstadt, da kriegt man am meisten mit und muss am wenigsten nachschlagen. Weil man im Zweifelsfall auch mal selber im Stadion war...

Vor allem lässt sich anhand der Vereinsgeschichte auf wunderbar der Riss in der Fußballgeschichte der DDR erklären. Denn Hansa war nie ein natürlich gewachsener Verein. Er wurde in 2 Instanzen durch das Regierungssystem erschaffen. Zunächst "musste" von Abstieg Motor Wismar der SC Empor Rostock in die Oberliga gepusht werden, damit die Fußballlandkarte nicht so sächsisch dominiert wird. Das ist, als würde der DFB festlegen, dass der SC Paderborn (faszinierender Weise mit Steffen Baumgart, also einem Bezug zu Hansa) ab sofort in Rostock antreten muss um dieses riesige Loch auf der Landkarte der beiden höchsten Spielklassen zu schließen. Man kann sich vorstellen, was für ein Beben das heutzutage auslösen würde, selbst wenn sich eigentlich niemand für Paderborn interessiert. In der DDR war das völlig normal. Faszinierender Weise ist der einzige Mensch, der sich an der Gründungsgeschichte des Fußballstandortes Rostock stört, der eine verirrte FSV Zwickau Ultra, den ich mal getroffen habe... "Das sind doch verkappte Schachter" war dessen Standartspruch...

Formell gegründet wurde Hansa nebenbei erst 1965, weil wieder das DDR Regime reine Fußballleistungszentren erschaffen wollte. Deswegen kam es zu einer vom Staate verordneten Zwangsausgliederung. Ein Schicksal, welches Hansa mit anderen Traditionsvereinen wie dem 1.FC Magdeburg teilt.
Das führt aber zu einem völlig belanglosen, aber interessanten Fakt: Meine beiden Jugendvereine, in denen ich aktiv gespielt habe (SV Hafen Rostock und SV 47 Rövershagen) sind beide älter als Hansa Rostock. Das hat aber in den Vereinen selber nie irgendjemand gestört.
Gerade wenn man dann noch bedenkt (eine weitere Besonderheit der DDR-Sportgeschichte, wir waren quasi alle Bayer Leverkusen), dass der so genannte "Trägerbetrieb" das "Kombinat Seeverkehr und Hafenwirtschaft" war. Also den Verein aus Hafen zu gründen und so zu nennen, wäre eigentlich näher liegend gewesen. Und hätte sich auch mit dem sonstigen Trend (Motor Zwickau, Lokomotive Leipzig, Dynamo Dresden) gut vertragen. Aber irgendwer legte fest, dass es Hansa sein sollte, obwohl das "Konzept Hansestadt" ja erst nach der Wende wieder eingeführt worden ist.

Oh und als Bonus Zusatzfakt, den ich selber auf Wikipedia erfahren habe: Der ASK Vorwärts Rostock musste Zwangsweise nach Stralsund umziehen, weil das ein zu großer Konkurrent für das neu erschaffene Konstrukt war. Warum man nicht einfach den vorhandenen Verein gepusht hat? Keine Ahnung.

Wir haben also eine Gründungsgeschichte, die sich eigentlich mit jeder traditionellen Idee eine natürlich gewachsenen Fußballvereines beißen sollte. Also selbst TSG 1899 Hoffenheim kann da im Vergleich behaupten natürlich gewachsen zu sein. Und vor allem ist diese Gründungsgeschichte geprägt von den Machenschaften eines Unrechtsstaates.

Dazu kommt, und das ist die nächste Absurdität, dass Hansa Rostock in der DDR nie wirklich gut war. In den besten Jahren war man das Vize-Kusen Ostdeutschlands. Den Rest der Zeit war man halt eine Fahrstuhlmannschaft, die zwischen den beiden Ligen pendelte. Also das Bayer Uerdingen der DDR. Es war in keinster Weise abzusehen, dass man nach der Wende jahrelang der Vorzeigeklub des Ostdeutschen Fußballs werden würde. Und man war dementsprechend auch kein Traditionsverein.

Aber man hatte halt das Glück zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Oder besser ausgedrückt: Gut, aber nicht zu gut zu sein. Denn der erste Titel der Vereinsgeschichte kam im Jahr 1991. Der letzten DDR Oberligasaison. Aber halt auch dem Jahr, in dem entschieden wurde, wer sich hinterher der Bundesliga anschließen durfte (die ersten beiden halt) und wer sich danach in tieferen Ligen wiederfindet.
Und es war eine Zeit, die durch den Exodus der besten Spieler in den Westen geprägt wurde. Also Dynamo verlor halt Matthias Sammer und Ulf Kirsten. Rostock hatte Axel Kruse und Hilmar Weilandt. Und nichts gegen Hilmar Weilandt, der ist eine absolute Legende. Aber er war halt kein Spieler auf den die Westdeutschen Scouts scharf waren. Und nur um zu verdeutlichen, dass Weilandt kein Einzelfall war, nenne ich noch Juri Schlünz und Heiko März.

Und natürlich stieg Hansa Rostock, nachdem sie am ersten Spieltag noch Platz eins belegten und am letzten Spieltag Eintracht Frankfurt die Meisterschaft ruinierten postwendend wieder ab. Aber diese "Nicht gut genug für die Bundesliga, aber stabil genug um Hansa in der 2. Liga zu halten" Generation legte halt die Grundlage für eine vernünftige Integration in die Wiedervereinigte Fußballwelt.
Also abgesehen davon, dass damals auch außerhalb des Platzes viele richtige Entscheidungen getroffen worden sind, was bei anderen ehemaligen Ostklubs halt erst Mal die Ausnahme war. Aber zu den Zeiten der DDR hat es wenige Anzeichen gegeben, dass ausgerechnet dieser Verein das Vorzeigeprojekt dieser sportlichen Wiedervereinigung werden würde.

Und hier kommt das nächste faszinierende: In Rostock war es den Leuten damals auch relativ egal, was dieser Verein machte. In der einen Bundesligasaison zog Hansa ganze 13.000 Zuschauer an. Gut genug für Platz 18 in der 20er Liga. Und 3.000 Fans hinter dem eigentlich Ostdeutschen Zugpferd Dynamo Dresden. Nach dem Abstieg fiel diese Zahl auf 3.300... Nun sind Zuschauerzahlen von damals natürlich schwer mit heutigen zu vergleichen, aber die Relationen sind schon spannend. Also absolut kommen heute so viele Leute zu Drittligaspielen, wie damals in die Bundesliga. Relativ gesehen würde Hansa, mit der Bedeutung, die dieser Verein heutzutage für die Region hat, nie unter den letzten 3 Vereinen der 2. Liga abschneiden. Also beim Zuschauerzuspruch. Ganz im Gegenteil, der Zuschauerschnitt in der 3.Liga ist höher als bei bei 8. Zweitligisten. Wie das halt so ist, wenn man ein Traditionsverein ist.
Nur um noch ein letztes Zahlenbeispiel zu nutzen, um zu verdeutlichen, wie egal den Rostockern damals Hansa war. In der Saison 1991/92 trat der spätere Champions League Sieger Barcelona zu 2 Pflichtspielen in Deutschland an. Halt (damals war das noch genau so) gegen den Deutschen Meister Kaiserslautern und gegen Hansa als Meister der DDR Oberliga. Zum Heimspiel ins Ostseestadion verloren sich 8.500 zahlende Gäste. Also zum, und das war ja absehbar, größten Heimspiel der Vereinsgeschichte war das Stadion nicht mal zur Hälfte gefüllt. Das Spiel in der Nächsten Runde am Betzenberg wollten dagegen 30.200 Menschen sehen. Da merkt man schon, welcher Verein eine Anziehungskraft auf die Menschen in der Umgebung ausübte... und welcher nicht.

Und das setzte sich in der 2. Liga genau so fort. Erst in der Aufstiegssaison stieg die Zuschauerzahl merklich an. Auch wenn man immer noch hinter den klassischen Westdeutschen Traditionsvereinen zurück hing.

Das deckt sich nebenbei auch mit meinen persönlichen Erfahrung. Ich habe damals selber schon im oben erwähnten Verein gespielt und die Bundesliga auf Ran verfolgt. (Sagte ich schon mal: Scheiße, ich bin alt). Aber bis Fank Pagelsdorf als Aufstiegstrainer in der Sonntagsedition (also Ranissimo, habe ich schon mal erwähnt, dass ich mir viel zu viel sinnlosen Scheiß merke?) interviewt wurde, war mir nicht mal bewusst, dass es eine halbwegs hochklassig spielenden Verein in der Stadt gibt, die um den Aufstieg in die Bundesliga kämpft.

Aber dann schlug die Generation Stefan Beinlich ein und man hatte auf ein Mal einen richtig überragenden Fußballer in seiner Stadt. Und einen Verein der die Bundesliga aufmischte. Der erst am letzten Spieltag die Teilnahme am UEFA Cup (also ein theoretischen Rematch mit Barcelona) verspielte. Man hatte einen Jonathan Akpoborie, der Bayern München abschoss und damit Otto Rehagel direkt entlassen hat.
Und plötzlich war die ganze Stadt mit dem Verein infiziert. Der Zuschauerschnitt stieg auf 26.000.

Und ja, er pendelte sich danach bei 18.000 ein, aber die Grundlage für die Identifikation der Rostocker mit ihrem Verein wurde in diesem Jahr gelegt. Und den folgenden 10 Jahren, die im wesentlichen aus reinem Abstiegskampf bestanden. Also bis auf ganz wenige Ausnahmen. Bis es einen dann irgendwann doch erwischte.

Aber genau genommen zehrt Hansa bis heute von dieser einen herausragenden Saison, die die gesamte Region mit dem Verein infizierte. Und nur in finstersten "Wir könnten sogar in die Regionalliga absteigen" Zeiten fielen die Zuschauerzahlen zurück auf das Zweitliganiveau von 1994. Abgesehen davon kamen konstant zwischen 18.000 (in der Bundesliga) und 12.000 (in der Dritten Liga) Menschen ins Stadion. Und klar, wenn man erfolgreicher ist, steigen die Zahlen leicht. Aber dass der Unterschied zwischen 1. und 3. Liga lediglich bei 6.000 Fans liegt, belegt schon, dass der Zuspruch der Menschen nicht zwingend von der Liga abhängig ist.
Als unpassendes Beispiel: In Kaiserslautern fiel der Zuschauerschnitt um 20.000. Und relativ um 50%, während es in Rostock nur um 30% waren.

Wenn Hansa dagegen damals 1995 direkt wieder abgestiegen und sich als Zweitligist etabliert hätte. Also über dem Niveau von heute spielen, aber die Höhepunkte ausgelassen hätte... Ich bin mir nicht sicher, ob der Zuschauerschnitt zwingend über dem von Heidenheim liegen würde.

Dennoch denkt man, wenn man an Ostdeutsche Traditionsvereine denkt, sehr schnell an Hansa Rostock. An Ostderbys als Hochsicherheitsspiele mit explosiver Stimmung. An angeblich hundert Jahre alte Rivalitäten mit Halle, obwohl man zwischen 1991 und 2012 kein einziges Pflichtspiel gegeneinander absolviert hat... und die Rivalität vorher in der DDR vollkommen irrelevant war. Und an die meisten Bundesligajahre aller ehemaliger DDR Vereine.

All das hat mit der eigentlichen Geschichte des Vereines aber nichts zu tun, sondern geht auf eine kurze, erfolgreiche Phase und für den Verein günstigste Umstände zwischen 1991 und 1995 zurück.
Das sind quasi alles Erfolgsfans, nur dass es in der Region halt nur verdammt wenige Erfolge zu feiern gab... Und sie, wie das gemeine Fans halt so an sich haben, bei dem einen Verein hängen geblieben sind.
Die Geschichte eines klassischen Traditionsvereines sieht definitiv anders aus. Trotzdem würde im Jahr 2019 niemand hinterfragen, ob Hansa eigentlich einer ist.

Montag, 14. Oktober 2019

Ilkay Gündogan fasziniert mich.

Also ernsthaft... wie kann man überrascht sein, dass ein Foto mit einem Politiker als politisch angesehen wird? Ok, bei Angela Merkel vielleicht, aber bei allen anderen Politikern auf der Welt... ist ein Foto mit einem Präsidenten immer genau das: Ein politisches Statement.

Vor allem hätte er zumindest aus dem Vorall mit Mesut Özil lernen können, dass solche Äußerungen, in welcher Form auch immer, Reaktionen auslösen... Und das man sie sich zumindest sparen sollte, wenn man zeitnah danach im Patriotischen Dienst ein anderes Land repräsentieren muss.

Und was an einem "Für unsere Nation, vor allem für jene, die für unser Land ihr Leben riskieren" Statement, welches unter dem Bild steht, unpolitisch sein soll. Selbst wenn es den keine Offensive gegen die Kurden geben würde... ist das immer noch ein deutliches Statement pro türkischen Nationalismus und Militarismus. Was ich einem türkischen Nationalspieler, der von deren System profitiert hat, nie vorwerfen würde. Aber dass Gündogan als deutscher Nationalspieler sich jetzt wundert, wenn das für Aufsehen und Unruhe sorgt...
Und wenn er den Text unter dem Bild nicht gelesen hat, sondern einfach nur das Foto von Freunden geliked hat... sollte er sich unbedingt mal mit seinem Verhalten in den Sozialen Netzwerken auseinander setzen. Nur so als allgemeiner Tipp: Erst alles lesen, dann liken.

Das aller faszinierendste ist aber... dass er angibt „ein absoluter Pazifist und gegen jede Art von Krieg“ zu sein. Vielleicht habe ich eine falsche Vorstellung vom absoluten Pazifismus, aber wenn man so was sein will, teilt und liked man doch nie im Leben Bilder mit militärischen Grüßen. Egal von welcher Armee. Denn als absoluter Pazifist ist man gegen jede Armee der Welt. Und auch gegen jegliche Anspielungen in diese Richtung. Dafür steht das "absolut"...
Natürlich ist Gündogan im Krisenmanagement-Modus. Und da sagt man halt alles, was einem einfällt und die Vorfälle irgendwie relativieren. Selbst wenn bei genauerem Hinsehen deutlich wird, dass sich die Aussagen komplett widersprechen. Man hofft im Wesentlichen, dass niemand so genau hinsieht. Funktioniert bei allen anderen ja auch.
Und hey, dazu kommt, dass Gündogan seinen Partner in Crime Emre Can mit 2 Toren gerettet hat. Man stelle sich mal den Shitstorm nach einem 0:0 vor... mit dem Platzverweis von Can als Hauptursache... Dann hätten wir wieder all die schönen Vorwürfe aus der Özil Debatte hervorkramen können. Was will man denn mehr?

Aber wo wir schon beim Thema sind: Dass Fortuna Düsseldorf jetzt ein Statment abgeben müssen... Weil es ja auf dem eigentlichen Bildern um ihre Spieler geht. Zunächst mal bleibt festzuhalten: Ayhan und Karaman Vorwürfe zu machen ist absurd. Denn die sind halt türkische Nationalspieler. Im Auftrag ihrer Nation unterwegs. Da ist die Gruppendynamik und der Druck ein ganz anderer.

Also mal nen ganz dummes Beispiel: Wenn jetzt, nehmen wir das buchstäblich dümmste Beispiel, Horst Seehofer nach einem Länderspiel Angie-Like in die Kabine zum Fototermin will und dann ein Spieler sagt "Das ist ein hetzender Vollidiot, mit dem will ich nicht auf einem Bild sein, der soll meine Beliebtheit nicht für sich nutzen!"... dann gucken den doch alle Bayern-Spieler in der Kabine an... und sagen ihm: Geh schon mal Duschen, wir kommen dann gleich nach.

Als letzter faszinierender Akt des Dramas... ermittelt die UEFA gegen den politischen Gruß, weil die ja gegen jegliche Form von politischen Aussagen sind. Also zunächst mal nutzt jedes Land auf der Welt seine Nationalmannschaft als Aushängeschild. Also als "guckt mal wie toll wir doch sind" Imagekampagne. Deswegen sind Politiker bei solchen Veranstaltungen, sobald sie denn relevant werden, auch vor Ort.
2.) nutzt ja auch die UEFA jede Gelegenheit um sich mit Staatsoberhäuptern ablichten zu lassen. Also die sitzen auf den Ehrentribünen meistens in unmittelbarer Nähe der sympathischen Präsidenten verschiedenster Nationen. Und ja, das Bild führt demonstrativ zu Infantino, als dieser schon Fifa-Präsident war. Aber auch Aleksander Ceferin wird 2020 (bei seinem ersten Turnier, dafür kann er dann aber gleich ganz Europa abgrasen) die Gelegenheiten nutzen und sich entsprechend ablichten lassen. Aber das ist dann natürlich kein politisches Statement. Zumindest nicht, wenn Angela Merkel im Bild ist.

Freitag, 11. Oktober 2019

Passives Abseits vs Tradition Teil 1: Warum gerade ich?

Eine Serie in unbestimmt vielen Teilen.

Ok, ganz ehrlich, ich schiebe diese Idee jetzt seit gefühlt einem Jahr vor mich her. Und irgendwie habe ich immer wieder Gründe vorgeschoben, damit ich nicht anfangen muss. Damit ist jetzt Schluss.
Denn an sich ist es ja auch gar nicht so schlimm anzufangen, wenn das ganz eh eher eine Lose Serie werden soll. Was habe ich also vor?

Ab sofort soll sich hier neben dem Normalen Grausamkeiten des Tagesgeschäfts Fußball ausführlich mit dem ledigen Thema "Traditionsfußball" beschäftigt werden. Und zwar langfristig auf allen Ebenen von der Bezirksliga bis zur Champions League. Ernsthaft, ich habe in meinem Hinterkopf Beiträge zu Bezirksligisten geplant, aber alles zu seiner Zeit.

Vorher müssen wir aber erst Mal eine wichtige Grundlage klären: Was qualifiziert dieses eingebildete Individuum dazu, sich tiefgründig und ausführlich mit diesem Thema zu beschäftigen.

Zunächst mal der Fakt, dass es sich hier definitiv um einen Fußball-Verrückten handelt. Also allein schon, dass dieser Blog seit 2010 betrieben wird und auf über 16.000 Beiträge kommt. Wenn ich es irgendwann nochmal auf die Reihe bekommen würde das drum herum zu koordinieren und Werbung zu machen... aber Details. Die Liebe zum Runden Leder ist definitiv vorhanden.

Aber dennoch bin ich, behaupte ich ganz dreist mal, in einer Sonderposition. Denn genau genommen bin ich jemand, der sich gerne über schlechten Fußball lustig macht, selber aber am liebsten einfach nur guten Fußball zu sehen bekommt. Völlig unabhängig davon, wer da jetzt auf dem Feld steht. Ok, fast völlig unabhängig, die Bayern-Führung ist derart unsympathisch, dass ich die verlieren sehen will, egal wie gut die spielen. Und auch ein Jogi Löw kann ich absolut nicht ab, so dass ich dem und seinen Mannschaften nichts gönne... Hoffentlich wird der 2021 Bayern Trainer, das wird großartig. Aber sonst...
Oder aber es liegt an meinem Goliath-Komplex, dass ich immer gegen die Haushohen Favoriten war. Gibt es diese Diagnose eigentlich, oder habe ich mir die ausgedacht?

Vor allem bin ich aber auch kein Anhänger irgendeines Traditionsvereins. Die Logik, dass ich etwas großartig finden muss, weil mein Vater das schon großartig fand, hat sich mir nie erschlossen. Oder dass ich einem Verein jetzt katastrophale Fehlkalkulationen verzeihe, nur weil es den Verein schon seit 100 Jahren gibt.
Praktisch kann man das an Hansa Rostock erklären. Als Sohn der Stadt habe ich natürlich an dem Verein gehangen. Denn wenn Hansa Bundesliga gespielt hat, ging es ungelogen der gesamten Region besser. Man konnte keine Heimspiele am Samstag um 15 Uhr ansetzen, weil 80% der Spieler unbedingt wissen wollte, wie Hansa spielt. Und jeden 2. Samstag im Monat gab es einen Stau bis zum Nachbardorf, weil alle ins Stadion fahren wollten. Dass dies nebenbei die Hauptmotivation hinter dem "Der Sonntag gehört den Amateuren" ist, wurde hier schon ausführlicher erörtert.

Aber gerade in den letzten Jahren musste ich immer wieder feststellen: Der Verein hat so viele Fehler gemacht. Und das werden ja gefühlt immer mehr. Ich überlege gerade, wer der letzte Hansa Trainer war, der eine gesamte Saison überstanden hat. Ich würde auf Frank Pagelsdorf tippen... Der Klub ist das reinste Chaos. Und ein Millionengrab. Wenn dann das Land Mecklenburg-Vorpommern und die Stadt dem Verein mehrmals die Schulden erlassen muss, damit er überhaupt überleben kann, habe ich damit ein moralisches Problem. Nur weil die nach der Wende 20 Jahre lang fast alles richtig gemacht haben, muss man danach doch nicht 20 Jahre lang jeden Mist ausgleichen, der da verzapft wird.
Dazu kommt natürlich, dass die Fans des Vereins ein Abbild der Probleme und der Perspektivlosigkeit in dieser Region sind. Hansa hat halt auch eine Fangemeinschaft, die immer wieder unangenehm auffällt. Seit mittlerweile auch 20 Jahren.

Aber nur weil mir dieser Fanatismus selber abgeht, heißt das nicht, dass ich ihn nicht faszinierend finde. Ich durfte mal einem Hardcore 1860 München Fan ins Gesicht sagen, dass er sich nicht wirklich über RB Leipzig aufregen darf, wenn er selber Fan eines Investors ist. Also als 60er sein muss, denn ohne Hasan Ismaik wäre der Verein halt pleite gegangen und der ist ebenfalls ein Investor, der mit dem Sport Geld verdienen will. Es gibt bis heute Leute, die sich wundern, dass ich diese Vorwürfe überlebt habe. Und die Emotionale Reaktion, die ich dort ausgelöst habe, ist einerseits für mich nicht nachvollziehbar. Diese Anziehungskraft hat aber auch etwas wirklich faszinierendes für mich. Das ist auch etwas, was RB Fans niemals in der Intensität erleben werden.
Dass Intelligente Menschen jegliche Vernunft und Anstand verlieren, weil man ihren Lieblingsverein kritisiert... Dass Fußballergebnisse gestandene Männer zum Weinen bringen, verdeutlicht die absurde Bedeutung dieser Sportart und der Institutionen, die sie vertreten, für unsere Gesellschaft. Und nur weil ich diese Wirkungen nur bedingt persönlich nachvollziehen kann, heißt das nicht, dass ich sie für etwas verwerfliches halte. Eher im Gegenteil.

Zu guter Letzt bin ich als Kind der ehemaligen DDR halt auch mit einer anders geprägten Fußballgeschichte sozialisiert worden. Auch wenn ich selber nicht soo alt bin, dass die die DDR Oberliga gesehen habe. Aber die Geschichte des Ost-Fußballs ist teilweise derart absurd, dass es wirklich im nach hinein fast Willkür ist, welcher der Vereine jetzt ein Traditionsverein ist und wer diesen Titel nicht zugesprochen bekommt. Denn die erfolgreichsten Ost-Vereine im Wiedervereinten Deutschland waren nicht die großen Legenden der DDR-Oberliga. Ganz im Gegenteil, Energie Cottbus hat genau so viele Jahre in der Bundesliga verbracht, wie in der höchsten Liga der DDR... was eigentlich eine völlig absurde Statistik ist. Und auch die Geschichte der DDR Oberliga wurde ist mehrmals gebrochen, aber dazu später mehr.

Das liegt natürlich auch daran, dass viele Traditionsvereine nach der Wende auf die falschen Leute reingefallen sind. Rolf-Jürgen Otto ist der bekannteste Unternehmer, der Dynamo Dresden ganz souverän Richtung Abgrund geführt hat. Aber es sind ja praktisch all die großen Traditionsvereine nach 1990 abgestürzt. Und nur Magdeburg und Dresden haben sich zumindest halbwegs wieder erholt. Das liegt aber auch nicht nur an geldgierigen, die naiven Ossis ausnehmende Investoren... sondern an genügend eigenen Fehlern, die über die Jahre gemacht worden sind. Deswegen denke ich bei Tradition irgendwie auch immer an Misswirtschaft.

Mein Lieblingssatz dazu ist ja, dass die Tradition in Leipzig mehr Konkursverfahren (ähm... 2 für Lok Leipzig, eines für Sachsen) nach sich gezogen hat, als Bundesligajahre (ein Einziges). Im vielleicht einzigen wirtschaftlichen Wachstumsmarkt Ostdeutschlands haben es die Traditionsvereine nicht auf die Reihe bekommen sich zumindest in der 2. Liga zu etablieren. Und nur deswegen lag dieses riesige Einzugsgebiet ja so brach, dass es für Red Bull interessant wurde. Wenn es in der Stadt schon einen Verein mit 30.000 Fans gegeben hätte, wäre die Heuschrecke weiter gezogen. Erst das kollektive und jahrelange Versagen der Traditionalisten legte den Nährboden für das überkommerzielle Kunstprodukt. Deswegen sollten die Fans von Traditionsvereinen (sowohl in Leipzig, als auch außerhalb) nicht auf RB fluchen, sondern auf die Führungen, die es einfach nicht auf die Reihe bekommen haben hier vernünftig Fußball spielen zu lassen. Und vor allem sollten die Fans von Außerhalb froh sein, dass sie in einem Gebiet leben, in dem andere Vereine dies besser hinbekommen haben.
Dasselbe gilt nebenbei absurder Weise für Hoffenheim. Wer sich die Bundesliga Landkarte genauer anschaut, dem wird auffallen, dass es im Herzen von Baden-Würtemberg ein überraschend großes Loch gibt. Überraschend vor allem deswegen, weil wir von einer der wirtschaftlich stärksten Regionen Deutschlands sprechen. Es ist ja kein Zufall, dass ein Dietmar Hopp dort wohnt. Trotzdem spiel Waldhof Mannheim, also der Verein, der diese Region eigentlich abdecken sollte, ja, wo eigentlich? Der Karlsruher SC ist auch eher in der Versenkung verschwunden. Auch hier stieß der aufstrebende, finanzgespritze Verein in ein Vakuum.

Aber ich sehe halt nicht nur das Schöne und Emotionale der Traditionsvereine, sonder auch die Misswirtschaft, die dort immer wieder betrieben worden ist. Und nur die führte am Ende immer zum Niedergang dieser Vereine.
Deswegen habe ich auch relativ wenig Angst vor den Kunstprodukten. Die werden den Fußball nicht kaputt machen. Ich habe eher Angst davor, dass die inkompetente Führung der Traditionsvereine seine Vormachtstellung hergibt und damit den Fußball kaputt macht.

Tradition ist in der Summe etwas absurd faszinierendes. Weil es teilweise auch vollkommene Willkür ist, was jetzt Tradition ist und was nicht. Es hat ja auch noch niemand wirklich fest gelegt, was jetzt Tradition ist und was entstehende Brauchtümer sind. Oder was es nie zur Tradition schaffen wird. Lasst uns versuchen an einigen Beispielen zu klären, wie facettenreich Tradition wirklich sein kann.

Donnerstag, 10. Oktober 2019

Verdammt, ich komme mir alt vor!

Es kommt mir so vor, als wäre es gestern gewesen, als es endlich das lange erwartete Duell zwischen dem aufmüpfigen Aufsteiger und dem leicht genervten etablierten Rekordmeister an stand. Also für ein wenig Kontext: Damals stürmten die Hoffenheimer in ihrer Debüt Saison durch die Bundesliga. Sie spielten ganz sachlich gesehen den berauschendsten Fußball der gesamten Liga. Was heutzutage niemanden mehr überrascht, schließlich war Ralf Rangnick der Ingenieur hinter dieser Mannschaft. Der galt damals aber eher noch als verrückter Professor, während er ja heute ein Mal im Jahr ein Kicker Interview zum Status Quo abgeben muss, weil wir alle seinem Sachverstand huldigen müssen.
Nebenbei stand ein gewisser Vedad Ibisevic damals mit 18 Toren aus 17 Spielen an der Spitze der Torjäger-Liste. Wer den Ibisevic aus dieser Saison gesehen hat, wird sich hinterher schon fragen, warum der eigentlich nie International gespielt hat. Oder zumindest so gut wie nie.

Damit repräsentiert Ibisevic, der sich am 17. Spieltag das Kreuzband riss, perfekt die Absurdität dieser Hinrunde: Wer das damals gesehen hat, dachte, dass ein richtiger Konkurrent auf die Bayern zukommt. Eine Mannschaft, die den Rekordmeister mit absurden Tempo vor riesige Probleme stellen würde.

Daraus ist dann aber aus verschiedensten Gründen nichts geworden. Dass nebenbei mit Luiz Gustavo nur ein einziger der Hoffenheimer eine wirklich große Karriere hinlegen sollte, ist schon irgendwie absurd. Der Rest verschwand in der relativen Versenkung, oder halt in Russland. Aber wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass Carlos Eduardo, Sejad Sahilovic, Demba Ba, Chinedu Obasi und eben Ibisevic einen einzigen Meistertitel unter sich aufteilen würden... und das auch nur, weil Demba Ba 2017 türkischer Meister wurde... Irgendwie war die Hinrunde gleichzeitig das absolute Karrierehighlight dieser damals blutjungen Truppe. Was den Fußball, den die damals gemeinsam in der Hinrunde ablieferten, um so faszinierender machte. Es war halt der perfekte, aber nie wieder erreichbare Sturm... ein wenig wie das eine SXTN Album...

Darum soll es aber auch gar nicht so sehr gehen. Eigentlich geht es heute um den einen Spieler, der bei diesem Spitzenspiel, welches ein neues Zeitalter einläuten sollte, gnadenlos überfordert war: Bastian Schweinsteiger. Der einzige Spieler, der bei diesem Duell die Kicker-Note 5 bekam.

Die Kicker Schlagzeile am Montag danach ging in die Richtung "Zu schnell für Schweinsteiger". Und damit war es am Ende eines der Schlüsselspiele in seiner Karriere. Klingt übertrieben? Ist es aber kaum.
Klar Schweinsteiger war damals schon auf dem Weg zu seiner 4. Meisterschaft. Aber er stand mit seinen 24 Jahren halt auch irgendwie am relativen Scheideweg seiner Karriere. Denn es war eines dieser Spiele, in denen es deutlich wurde, dass Schweini zu langsam ist um auf internationalem Niveau auf dem Flügel zu spielen.
Und ihr jetzt so: Warte, was? Aber ja, Schweini begann seine Karriere als "Flügelflitzer". Und als Offensivspieler. Wenn er das geblieben wäre, hätte ein gewisser Arjen Robben ihn auf die Bank verdrängt und er hätte sich auf eine durchschnittliche Karriere bei weniger guten Bundesligisten einstellen können. Da hatte der aber nicht so wirklich Bock drauf...

Also, und hier (würg) muss man Jogi Löw erwähnen, weil ihm das als mit erstes aufgefallen ist, zog es Schweinsteiger ins Zentrum und mehr in die Defensive. Er distanzierte sich vom "Schweini und Poldi Hallordri Image" und durfte stattdessen eine "Chefchen" Debatte über sich ergehen lassen... Weil er einerseits seinem Vorgänger Stefan Effenberg deutlich, auch optisch, nacheiferte, sich andererseits von ihm distanzieren musste.
Vor allem wurde er von einem Spieler, der versuchte Fußball zu zelebrieren, dies aber nur bedingt konnte, zu einem, der Fußball arbeitet. Gemeinsam mit einem gewissen Mark van Bommel auf der Doppel-Sechs. Faszinierender Weise galt van Bommel eigentlich als der große Holzer, Schweinsteiger beging aber de facto mehr Foulspiele. Nur wurden über van Bommels Fouls mehr diskutiert, weil der halt richtig dazwischen haute... Aggressive Leader war die freundliche Bezeichnung.

Aber Schweinsteiger legte mit der Umstellung seiner Spielweise die Grundlage für alle die furchtbaren Siege, die ich als bekennender Bayern- und Deutschland-Hater in den letzten 15 Jahren über mich ergehen lassen musste. Und entwickelte sich damit zum Fixpunkt der Champions League Sieger und Weltmeister Generation. Mit seinen 18 Titeln kann er sich einer der erfolgreichsten Titelsammler bei den eh schon es verwöhnten Bayern nennen.

Und hier kommt das eigentlich faszinierende: Von all den "Wir haben mindestens 8 Meisterschaften geholt" Spielern war Schweinsteiger individuell gesehen der schlechteste. Ja, noch schlechter als Thomas Müller. Mit deutlichen Abstand. (Bei den 7. Meisterschaften Spielern kommen dann Namen wie Rafihna und Alexander Zickler, die Schweinsteiger im 1 gegen 1 hinter sich lassen könnte...)
Aber genau das machte Schweinsteiger so besonders. Er ist ein Spieler, den man am Ende selbst dann respektieren musste, wenn man die Mannschaften, für die er gespielt hat, grundlegend unsympathisch findet. Denn er ist einer dieser Spieler, die aus ihren individuellen Möglichkeiten genau genommen mehr als das maximale raus geholt hat.

Ein Spieler, der seinen Körper so gnadenlos geschunden hat, dass er mir 31 schon deutlich zu alt für den Scheiß war. Der seine Fußballerischen Limitierungen überwunden hat um (abgesehen von einem Europameister Titel... oh und beim Europa League Titel hat er in einem Spiel mitgewirkt und wurde im Winter verkauft, aber Details) alles gewonnen hat, was man gewinnen konnte. Und er war gemeinsam mit Philipp Lahm halt der Schlüsselspieler der Bayern-Generation, die die Grundlage für die derzeitige absurde Überlegenheit legten.

Vor allem ist Schweinsteiger einer der ersten Profis, dessen Karriere ich als Pseudo-Experte komplett verfolgen konnte. Ich konnte über jeden relevanten Fehltritt auf dem Platz hämisch lachen.... und da gab es mehr von, als Schweinsteiger selber lieb sein kann. Vor allem musste ich aber auch jede von ihm gewonnene Schlacht Zähne knirschend anerkennen. Dabei konnte ich halt die Entwicklung von hoffnungsvollen aufgehenden Star bis hin zur Legende nachvollziehen. Was für einen Spieler mit derart begrenzten fußballerischen Mitteln halt auch ein Anstieg mit vielen Umwegen ist. Danach konnte ich ihn dann beim Altern zugucken, bis ich schließlich ganz zum Schluss nur noch das verhallende Echo im Kleingedruckten des Kickers wahrnahm. Und den jährlichen "Wie geht's dem bei Chicago Fire eigentlich so?" Artikel.

Jetzt ist eines meiner am meisten respektierten, aber genau deswegen Lieblingsfeindbilder im Ruhestand. Und bei allem sportlichen Respekt vor den aktuellen Bayern-Spieler: Eine auch nur annähernd vergleichbare Reizfigur fehlt im aktuellen Kader. Und so komme ich jetzt zu einem Schluss, denn ich 2008 für unmöglich gehalten hätte: Ich werde ihn vermissen.

Mittwoch, 9. Oktober 2019

Überlegt euch gut, warum ihr Boykottieren wollt

So was ist wichtig. Sonst kann jemand eure Argumentation ganz leicht auseinander nehmen und am Ende bleibt nur Rassismus und Islamfeindlichkeit über.

Wer sich jetzt noch fragt, worum es geht... Die WM in Katar natürlich. Da ja gerade die Leichtathletik WM in Doha war, ist es ja gerade wieder Mode die WM Vergabe an den Wüstenstaat zu hinterfragen. Denn Doha war ja nur in der Wahrnehmung der Offiziellen die Beste WM aller Zeiten. Man hört drum herum so viele lächerliche oder unangenehme Geschichten, dass dieses Turnier echt wenig Freude verbreitet hat. Weder bei Fans, noch bei Athleten.

Und die logische Konsequenz ist natürlich, dass man einen allerletzten Versuch startet, denen die Fußball-WM wegzunehmen. Und um das vorwegzunehmen: In der Summe bin ich da voll dafür. Vor allem wegen den Verstoßen gegen das Menschenrecht. Man sollte aber trotzdem noch mal überlegen, ob die Argumente wirklich neu sind.

Fangen wir mal direkt mit dem absurdesten an: Im Katar ist es im Sommer zu warm, da kann man keine WM austragen lassen. Stimmt. Aber ist das ein Grund denen das Recht auf eine WM komplett zu verwehren? Vor allem: Verwehrt man dann nicht perspektivisch 1/3 der Welt das Recht auf die Austragung einer Weltmeisterschaft? Nebenbei auch Ländern wie Mexiko, bei denen das bereits 2 Mal problemlos ging, obwohl es dort im Sommer auch verdammt heiß ist. Oder in den Südstaaten der USA. An beiden Orten werden demnächst wieder WM Spiele ausgetragen. Oder Indien, bei denen es im Sommer auch gerne mal 40 Grad warm wird. Wollen wir perspektivisch dem Wachstumsmarkt Südostasien komplett von Großveranstaltungen ausschließen? Klingt das fair? Wäre es nicht sinnvoller ein Mal alle 25 Jahre eine längere Winterpause einzulegen und die zu integrieren?

Aber dagegen spricht ja direkt Argument Nummer 2:
Weihnachten ist bei uns Heilig, da kann man keine WM gucken! Wirklich? In einem Land in dem sich 36% der Bevölkerung konfessionslos sein will, soll Weihnachten so wichtig sein, dass da kein Fußball gespielt werden kann? Ganz absurd wird das ganze dann in England. Da sagen die ernsthaft: An Weihnachten kann kein Fußball gespielt werden, weil wir da schon Fußball spielen! Boxing Day halt. Das ist wichtig, der hält die ganze Gesellschaft zusammen. Der ist damit auch alternativlos. Da kann man auch nicht ein Mal alle 24 Jahre drauf verzichten.
Wäre es schöner, wenn die Phase zwischen Halbfinale und Finale auf den 24.-26.12. fallen? Bestimmt. Kriegt man das irgendwie hin, wenn es sonst am cleversten ist die WM in den Dezember zu legen? Ganz sicher. Dann wären Dienstag und Mittwoch die Halbfinale und Sonntags das Spiel um Platz 3 um 15 Uhr und im 19 Uhr das große Finale. Einfach Lösungen für ein irrelevantes Problem.
Aber... da ist ja einerseits schon Weihnachtsmarkt und vor allem... ist es da ja kalt. Da kann man dann nicht in kurzer Hose und mit kaltem Bier zum Public Viewing... Ähm... den Leuten ist schon bewusst, dass es immer irgendwo kalt ist, weil die Erde eine Kugel ist? Dass dieses "Luxusproblem" in Australien und der Südhälfte Südamerika quasi der ganz normale Standard ist? Aber es müssen sich ja alle nach uns richten!
Hat sich eigentlich schon mal jemand darüber Gedanken gemacht, mit wie vielen Heiligen Feiertagen anderer Weltkulturen sich jede normale Fußball-WM überschneidet? Natürlich nicht, die andern sind ja alle irrelevant. Es geht hier um unser Wohlbefinden!
Um das ganze mal an einem ganz praktischen Beispiel zu verdeutlichen: 2018 ging der Fastenmonat Ramadan bis zum 14. Juni. Was all den muslimischen Spielern die Vorbereitung erschwerte. Wäre irgendjemand auf die Idee gekommen, die WM eine Woche nach hinten zu verlegen, weil sie sich mit heiligen islamischen Ritualen besser verträgt?
Hat überhaupt jemand nen Überblick, welche wichtigen Feiertage es in China und Indien gibt? Who cares? Aber Weihnachten ist nicht verhandelbar... Give me a break.

3. Es gibt ja gar keine Fußballkultur und -geschichte im Katar.
Natürlich gibt es diese noch nicht. Aber unter welchem Stein habt ihr eigentlich die letzten 30 Jahre gelebt? Seit der WM in den USA geht es bei der Vergabe der WM auch immer um die Erschließung neuer Märkte. Und diese Märkte zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie keine Fußballgeschichte und -kultur haben. An solche Länder werden bewusst Weltmeisterschaften vergeben. Immer und immer wieder. Die WM in den USA war 1994! Danach gab es unter anderen auch Weltmeisterschaften in Fußballhochburgen wie Japan, Südkorea und Südafrika. Die sind ja bekannt dafür, dass Fußball dort Volkssport Nummer 1 ist.
4. Das ist ja die Totale Kommerzialisierung des Fußballs!
Die Erschließung neuer Märkte war immer ein entscheidender Faktor der Weltmeisterschaften. Das ist ja auch nichts schlimmes. Also ohne einige Schlüsselweltmeisterschaften (der Deutsche WM Sieg 1954 löste mal direkt ein Wirtschaftswunder aus) hätte dieser Sport in unserem Land nie diese Ausnahmestellung, die er heutzutage selbstverständlich hat. Und ohne einige geschickt gesetzte Weltmeisterschaften in den USA oder Asien würde es sich eventuell bis heute nicht lohnen seine Vorbereitungen nach dort zu verlegen. Das ist ja einer meiner Lieblingsvorwürfe an Karlheinz Rummenigge, der immer so tut als würden die Nationalmannschaften immer nur nehmen und nie was zurück geben: Ohne den absurden kommerziellen Erfolg der Fifa Weltmeisterschaften wäre Fußball nicht annähernd so weit entwickelt. Nur ist die Fifa halt nur bedingt bereit jetzt nicht weiter an den Kommerzialisierungsschrauben zu drehen. Aber das sind die Bayern, (die nebenbei genau deswegen jeden Winter nach Doha fliegen) doch auch nicht... Wir haben jahrelang alles dafür getan, dass Fußball ein absolutes Prämiumprodukt wird und jetzt stellen wir entsetzt fest, dass dieses Produkt total kommerziell ist. Natürlich ist es das. Wer damit ein Problem hat, soll Kreisklasse gucken gehen.

5. Der Katar macht solche Großveranstaltungen ja nur, um sein eigenes Image aufzupolieren! 
Ähm... ja. Wie alle anderen Gastgeber auch. Also selbst die WM in Deutschland 2006 wurde von der Bundesregierung extrem unterstützt und gefördert, weil sie einerseits wussten, dass das ein riesiges Konjunkturpaket ist... andererseits wussten sie auch, dass man durch so ein Volksfest unser Image als lustiges Partyvolk (und einer damals angeblich geglückten Wiedervereinigung) prägen konnte.
Brasilien gönnte sich eine WM und Olympische Sommerspiele um allen zu zeigen, was für großartige, hochentwickelte Industrienation man doch ist. Und Russland gönnte sich eine WM und Olympische Winterspiele, damit Vladimir Putin auf der Tribüne strahlen konnte. Gestört hat uns das nie so wirklich. Aber wenn das jetzt ein fundamentalistischer, muslimischer Staat macht, dann geht das gar nicht...

6. Aber die Vergabe war doch total korrupt!
Habe ich schon mal gefragt, unter welchem Stein ihr eigentlich die letzten 30 Jahre gelebt hat? Die einzigen WM Bewerbungen der letzten 30 Jahre, die nicht korrupt waren, kamen aus Marokko. Deswegen verlieren die auch jedes Mal im letzten Wahlgang. Es wurde schon immer bestochen und das wird man bei einem derart großen Verband auch nicht mehr ändern. Eine der faszinierendsten Erlebnisse meines Lebens war ja der Moment, in dem uns die Erkenntnis getroffen hat, dass unsere WM Vergabe doch auch korrupt war. Obwohl wir alle davon ausgingen, dass es bei den Jahren davor und danach nicht unbedingt nur mit sauberen Mitteln zugegangen ist. Aber WIR sind doch so GUT, dass wir das auch ohne Geldkoffer hinbekommen! Wenn man wegen der Korruption die WM boykottieren will, hätte man damit vor Jahrzehnten anfangen müssen. Aber jahrelang hat man es einfach ignoriert und doch ausgelassen genossen.

7. Diese WM Vergabe geschah an den Spielern vorbei!
Wann wurde denn das letzte Mal bei der Planung einer WM an die Spieler gedacht? Die kamen doch schon immer an letzter Stelle. Auch hier ein praktisches Beispiel: Bei der WM 2014 wurde Manaus trotz der 40 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit, die ja mal so gar nicht gehen, als Spielort auserkoren. Und weil man die Spiele aber nicht nach Mitternacht Europäischer Zeit ansetzen wollte, weil ja der europäische Markt der wichtigste ist, mussten einzelne Spiele auch noch um 16 Uhr angepfiffen werden. Immerhin konnte in Manaus der 13 Uhr Anpfiff Termin gerade so vermieden werden... aber auch den gab's in einem Land, das teilweise in tropischen Klimazonen liegt. Weil sich niemand jemals für das Wohl der Spieler interessiert hat. Wenn es nach denen gegangen wäre, wären die Standard-Anstosszeiten 19 und 21 Uhr Ortszeit gewesen.

8. Aber die Arbeitsbedingungen! Das ist doch moderne Sklaverei!
Ich meine, da sterben Leute auf den Baustellen! Wie nebenbei auch vor der WM in Brasilien. Gerade wenn es am Ende um die rechtzeitige Fertigstellung der Spielorte geht, hat sich noch nie jemand darum gekümmert, wie es den Arbeitern dabei geht. Und was in Katar die Inder sind, waren in Russland halt Nordkoreaner.

9. Aber die sind dort auch noch Schwulen feindlich!
Wer eine wirklich gleichberechtigte und unkomplizierte Schwulenehe hat, darf den ersten Stein werfen. Vor allem regen wir uns jetzt darüber auf, wenn die Scheichs uns erklären, dass Schwule ja durchaus kommen dürfen, sie können ihre Schwulitäten halt nur nicht im Land ausleben. Denn darauf gibt es bis zu 5 Jahre Haft. Oder wie Sepp Blatter es angeblich formulierte: Schwule sollen bei der WM halt auf Sex verzichten. Aber jetzt mal ganz ehrlich: Gab es denselben Hinweis nicht vor der Russland-WM auch? Also wer sich da als homosexueller Mensch auf der Straße küsst, begibt sich doch auch in Gefahr.

10. Es gibt da aber nicht mal Bier!
Scheiße, das stimmt. Wenn ich vor Ort nicht saufen kann, dann mache ich da auch nicht mit. Stellt euch mal vor, ihr seid Engländer und müsst euch diese Grütze auch noch nüchtern ansehen. Da wird man doch aggressiv.
Aber ganz ehrlich: Das betrifft am Ende höchstens 1% der Fußballfans Weltweit. Eher weniger. Der Rest wird eh nicht an Tickets kommen... oder kann sich diese gar nicht leisten. Vor allem sind das halt wirklich diese kulturellen Unterschiede, die als Grund für einen Boykott völlig absurd sind. Also stellt euch mal vor, ein Land, in dem Bierkonsum nicht zum Kulturgut erhoben wurde, boykottiert die WM in Deutschland, weil sie die ganzen Schnapsleichen und den Geruch von Erbrochenen in der Innenstadt nicht ertragen können. Die würden wir doch auslachen. Wir sind aber so was von überzeugt davon, dass unsere Lebensweise die einzig richtige ist, dass jegliche Einschränkung unserer Gewohnheiten gleich boykottiert werden muss.
Oder anderes Beispiel: Hätte man die WM Vergabe nach Südafrika verweigern sollen, weil die dort mit für unsere Ohren nervige Vuvuzelas ihre Stimmung in den Stadien erzeugen? Gerade da gilt: Andere Länder, andere Sitten, die dann vor Ort zu einer einzigartigen Stimmung führen.

Um das aber nochmal klar zustellen: Natürlich bin ich in der Summe gegen die WM im Katar, Hauptsächlich wegen den Verstoßen gegen die Menschenrechte. Ich bin auch der Meinung, dass man bei der Fifa noch gründlicher aufräumen müsste, damit es dort nicht mehr nur und ausschließlich um die Gewinnmaximierung geht. Gerade letzteres führt ja zu all den Fragwürdigen WM Vergaben und ist damit die eigentliche Wurzel des Problems, die man angehen müsste. Und die man auch nach der WM 2022 weiter angehen muss. Aber jetzt all das, was man jahrelang ignoriert hat, auf ein Mal gebunden anzubringen, ist irgendwie auch verkehrt. All die Vorwürfe, die sich Katar jetzt anhören muss, standen bei allen anderen Weltmeisterschaften auch mehr oder weniger im Raum. Ganz wenig davon ist neu.
Daher gilt: Wer wirklich gegen das System WM protestieren will, boykottiert die so lang, bis Marokko endlich alleine eine austragen kann. Dann ist die Veranstaltung gesund geschrumpft und die Vergabe war sauber. Wer nicht bereit ist diesen Schritt zu gehen, sollte jetzt nicht behaupten, dass Katar 2022 so viel schlimmer wird wie all das, was davor kam...