Donnerstag, 10. Juni 2021

Wie der gar nicht mehr so neue Modus die Vorrunde ruiniert.

 Irgendwie sitze ich seit Tagen da und frage mich, warum ich so gar keinen Bock darauf habe, eine Vorschau auf die EM Vorrunde zu verfassen. Dabei habe ich mir als Motivationshilfe das Kicker-Sonderheft geholt. Und die neue Socrates beschäftigt sich quasi ausschließlich mit der EM, bringt aber nicht ganz so offensichtliche Geschichten. Eigentlich macht eine derartige Sondervorschau, in der man nach kleinen und besonderen Fakten sucht, den meisten Spaß beim Schreiben...

Aber dieses Jahr habe ich einfach keinen Bock, obwohl ich schon Bock auf das Turnier habe. Was wahrscheinlich daran liegt, dass es das erste größere soziale Event seit November wird. Und es gibt ja auch zumindest eine richtige Hammer-Gruppe.

Dann fiel es mir auf: Selbst diese Hammer-Gruppe ist am Ende vollkommen egal. Also eigentlich sollte der EM Auftakt Frankreich - Deutschland das erste richtige Turnierhighlight werden. Dank der Portugiesen kann man sich eigentlich nicht mal ein Unentschieden leisten. Verlieren ist auf jeden Fall verboten. Und dazu gibt es 2 richtig gute Mannschaften.

Aber dann fällt dir auf, dass bei einer Niederlage nichts passiert... und selbst wenn Deutschland das erste Spiel knapp verliert UND dann gegen Portugal nur Unentschieden spielt, kommen sie immer noch sicher weiter... Denn dann gewinnen sie 3:0 gegen Ungarn und mit 4 Punkten und einem positiven Torverhältnis ist man garantiert unter den 3 besten Gruppendritten. Es gibt kein realistisches Szenario, dass das nicht reicht.

Das ist halt das Problem mit der Bezeichnung "Todesgruppe": Wenn keinem der Favoriten wirklich das Ausscheiden droht, ist die Gruppe halt nicht wirklich tödlich. 

Und wenn man Ungarn, bei allem Respekt, nicht schlägt, hat man mit der Titelvergabe eh nichts zu tun. Und ja, ich habe das 3:3 von Ungarn gegen Portugal im Hinterkopf. Da muss man aber bedenken, dass es alle 12 Jahre ein völlig abgefucktes Turnier gibt, bei der jemand völlig absurdes gewinnt.

Es ist nebenbei superfaszinierend, wie mir alle erzählen, dass Portugal ja jetzt noch viel stärker ist als vor 5 Jahren. Habt ihr diese EM wirklich schon erfolgreich verdrängt? Portugal hat damals statistisch gesehen (also nach 90 Minuten Spielzeit) ein einziges Spiel gewonnen. Das Halbfinale gegen Wales. Die Vorrundenspiele endeten allesamt Unentschieden und man kam trotzdem weiter (was meinen "4 Punkte reichen auf jeden Fall" Punkt belegen sollte). Die K.O. Spiele gingen fast ausschließlich in die Verlängerung und im Viertelfinale gegen Polen ging es sogar ins Elfmeterschießen.

Selbst wenn Portugal wirklich besser ist... das entscheidet nebenbei am Ende Cristiano Ronaldo, der zuletzt fast die Champions League verpasst hätte und den Juventus im entscheidenden Spiel auf der Bank ließ... Wenn Cristiano Ronaldo nur wie ein Normalsterblicher spielt, sind sie nicht besser als vor 5 Jahren...

Aber selbst, wenn sie besser sind... also das Team von damals würde wahrscheinlich dieses Jahr im Achtelfinale scheitern... Denn diese Mannschaft wird realistisch gesehen Gruppendritter und spielt dann gegen Belgien oder die Niederlande. 2 Mannschaften, die besser sein sollten, als die 2016er Edition Portugals (aka der 3. schlechteste Europameister aller Zeiten). Genauso wie Deutschland, Italien, England, Spanien und je nach Laune von Robert Lewandowski Polen

Nur weil die Portugiesen stärker sind als vor 5 Jahren, gehören sie nicht zu den Titelkandidaten. 

Aber zurück zur Gruppenphase: Dadurch, dass 4 Gruppendritte weiter kommen, ist halt endgültig jegliche Spannung raus. Selbst wenn man als Titelfavorit seinen Auftakt verkackt... und danach dann im 2. Spiel auch nicht wirklich in die Gänge kommt... kommen sie am Ende doch noch mit ziemlicher Sicherheit weiter. Weil jede Gruppe ein Ungarn, Nordmazedonien, Finnland, Tschechien oder die Slowakei hat. Um mal direkt 5 Mannschaften zu nennen, die ausscheiden werden. Dazu kommt Schottland und die Ukraine.

Bleibt also... die Gruppe A mit Italien, der Schweiz, der Türkei und Wales. Das ist tatsächlich die einzige Gruppe, bei der ich mich nicht vorher festlegen würde, wer weiter kommt. Also klar, Italien sollte Platz 1 sicher haben. Aber die anderen 3 Mannschaften könnten so dicht beieinander liegen, dass ich mich vorher nicht festlegen will, wer von denen 4. wird. Es gibt sogar ein Szenario, in dem Italien alles gewinnt und der Rest gegeneinander Unentschieden spielt... was dazu führt, dass jemand mit 2 Punkten ins Achtelfinale einzieht (was aber nichts mit dem Modus zu tun hat)... und dann den Schotten oder der Ukraine das Tor zum Achtelfinale geöffnet wird.

Und so richtig kann man ja nicht mal vernünftige Erkenntnisse für den weiteren Turnierverlauf erkennen. Denn oftmals steigern sich die Titelträger ja im Verlauf des Turniers. Und die Spannung ist halt komplett raus.

Nur um mal zu verdeutlichen, wie absurd dieser "Beste Gruppen Dritter" Scheiß ist: Albanien musste beim letzten Turnier 3 Tage auf die Ergebnisse der anderen Gruppen warten, bevor endgültig feststand, dass sie mit 3 Punkten, einem Tor und einem Torverhältnis von -2 tatsächlich ausgeschieden sind...

Gucken werde ich es wahrscheinlich trotzdem. Aber mehr, weil es ein guter Anlass ist um Freunde zu sehen, die ich seit November nicht mehr getroffen habe... Rein fußballerisch bleibt zu hoffen, dass der eine oder andere Titelfavorit die ersten 2 Spiele so verkackt, dass am letzten Spieltag wirkliche Spannung entsteht. Man muss also darauf hoffen, dass das Turnier Scheiße läuft...

Montag, 7. Juni 2021

Ist die UEFA in ihr Glück gestolpert?

 Ist eine europaweite EM plötzlich das sinnvollste? Die einzige Möglichkeit das halbwegs ordentlich durchzuziehen?

Eine Europaweite EM könnte plötzlich die einzige Variante sein, wie man allen (oder zumindest möglichst vielen) die Gelegenheit gibt zu partyzipieren. Und was wir alle gerade am dringendsten brauchen, ist eine ordentliche Party.

Und machen wir uns nichts vor: Die EM in der Pandemie ist ein Risiko. Also wenn Jogi Löw nicht schon wieder verkackt und die Deutsche Mannschaft das Halbfinale erreicht, werden die Bars und Kneipen voll sein. Und dann wird niemand die Abstandsregeln durchsetzen können, wenn ein Tor fällt. Aber dieses Risiko ist unabhängig vom Veranstaltungsort der EM.

Wenn man sich jetzt allerdings doch pandemiebedingt für einen Austragungsort entschieden hätte, wäre dies dann das Land, in das alle Fußballfans für 4 Wochen pilgern wollen. Und dabei halt immer auf andere Fangruppen aus anderen Ländern treffen.

Das hat ja damals die WM 2006 so faszinierend gemacht: Da waren dann die Niederländer noch und die Spanier schon da und beide haben auf den Straßen gefeiert. Was aber gerade halt ein absolutes Horrorszenario für die Drostens und Lauterbachs ist. Denn auch wenn es in einem kleineren Rahmen als gewöhnlich stattfinden würde, wäre es immer noch verdammt gefährlich.

Auf der anderen Seite haben wir aber herausgefunden, dass die Mannschaften reisen zu lassen kein Pandemietreiber ist. Also ja, der R-Wert unter Fußballern war verdammt hoch. Und es gibt auch jetzt schon den ersten Corona-Fall der EM mit Sergio Busquet. Aber die ständigen Kontrollen haben halt auch immer dafür gesorgt, dass die Fußballer eben nicht für exponentielles Wachstum gesorgt haben, 

Und dann ist es auf ein Mal sinnvoller die Fußballer reisen zu lassen, als die Fans. Einige wenige Fans ins Stadion zu lassen, aber halt dafür zu sorgen, dass die sich nur am Flughafen mit anderen treffen. Wenn überhaupt, man wird das ja eher über Tagesreisen organisieren.

Fürs Klima ist das natürlich eine Katastrophe. Aber wenn man mal darüber nachdenkt, wie viele Flugreisen die Champions League braucht, macht die EM jetzt auch den Braten nicht fett. Auf der anderen Seite würde das eine Gastgeberland 2 Monate nach dem Turnier wieder in einen Lockdown müssen. So müssen wir das entweder alle, oder gar keiner...

Die einzige offene Frage ist ja, warum man die EM nicht an die EU vergeben hat. Wenn man eine europäische Wertegemeinschaft feiern will, wäre es doch geschickt gewesen, genau die Länder zum Gastgeber machen, die diese Werte vertreten...

Donnerstag, 3. Juni 2021

Passives Abseits Hall of Shame: Alluhüte auf!

 Oder ist das gar keine Verschwörungstheorie, weil es am Ende doch zu offensichtlich ist? Weil es einfach keine andere logische Erklärung gibt?

Also es ist ja keine wirkliche Überraschung, dass Schalke 04 sich "mit Wetten auf die Zukunft" ein Millionengrab geschaufelt hat. Das klingt halt wie etwas, dass ein von Clemens Tönnies geführter Verein macht. 

Die wirkliche Überraschung ist doch, dass Christian Heidel für den Höhepunkt dieser Entwicklung verantwortlich ist. Der hat die meisten Verträge, die jetzt problematisch für Schalke sind, abgeschlossen. Der hat den Verein zugrunde gewirtschaftet...

Wie sein Autohaus, welches still und heimlich auch insolvent gegangen ist... hmm...

Aber wenn ihr diesen alten Artikel aus der FAZ lest, in der aufgeführt wird, dass Heidel Excel-Tabellen mit den Gehältern geführt hat und eben nicht nur die Millionenablöse gesehen hat, sondern auch die entstehenden Folgekosten mit eingerechnet hat... dann wundert es einen schon, wie dieser Mann all diese Vorsicht über Bord werfen konnte, als er auf Schalke anheuerte... 

Dass genau dieser Mann völlig absurde Punktprämien vergab, die jetzt auch noch in der 2. Liga gelten. Die gesparte Ablöse komplett einfach in Handgelder steckte... 

Wir reden hier von einem der besten Bundesliga-Manger aller Zeiten. Dem Uli Hoeneß von Mainz 05. Dem Beweis, dass man einen Verein auf einem gesunden Fundament nach oben führen kann, auch wenn es bei diesem "oben" dann in der Bundesliga natürlich seine Grenzen gibt. Wie konnte dieser Mann all das, was ihn ausmacht, so schnell vergessen und verraten?

Es sei denn... nun ja... das war alles sein Masterplan. Kurz bei Schalke ordentlich abkassieren, dann 6 Monate auf Mallorca entspannen und danach einfach die Rückkehr zu seinen Mainzern organisieren... und schon hat er sich eines lästigen Konkurrenten entledigt. Und jetzt kann er dann wieder seriös arbeiten. Gleichzeitig hat er dafür gesorgt, dass das Mindestziel Klassenerhalt in 2021 und 2022 einfacher zu erreichen ist, weil er dafür gesorgt hat, dass Schalke keine bundesligataugliche Mannschaft hat.

Und seine "Zerstörung von Schalke" war im Gegensatz zu den Rezo-Zerstörungen so effektiv, dass es unklar ist, ob sich der Verein davon jemals wieder erholen wird.

Also ich frage mich gerade wirklich, wie viele Dortmund-Fans im Fußball Manager von Fifa, Anstoss oder Sega Schalke ausgewählt haben und mal geguckt haben, ob sie den Verein in Grund und Boden wirtschaften können... und wie lange es dauert, bis sie entlassen werden. Dann spielen sie das Spiel mit anderen Vereinen weiter, nur um zu gucken, wie nachhaltig ihr Werk wirklich war... (Aus eigener Erfahrung als Bayern-Trainer kann ich euch sagen: Wichtig ist, dass man immer 11 Spieler aufstellt, auch wenn man nur 8 Vollpfosten verpflichten konnte, sonst wird man sehr schnell entlassen...)

Heidel hat genau das im echten Leben gemacht. Der hat Jon Bois und Kofis Fumble Dimension ins wirkliche Leben übertragen. Was für ein Teufelskerl.

Wenn es nicht Schalke wäre, könnte es einem fast Leid tun, dass sie den miesen Verschwörungen dieses Scharlatans auf den Leim gegangen sind. Aber es ist halt doch nur Schalke, die kriegen am Ende, was sie verdienen...

Aber was Heidel in Gelsenkirchen vollbracht hat, sollte als eine der größten Managerleistungen aller Zeiten in die Geschichte eingehen. Und im Gegensatz zum Wirecard Chef muss Heidel danach nicht mal untertauchen, sondern kann lächelnd im Vorstand seines eigentlichen Vereins sitzen. Hoffentlich veröffentlicht Heidel irgendwann seine Memoiren, in denen er uns im Detail erklärt, wie er Schalkes Niedergang am Reißbrett plante...

Dienstag, 1. Juni 2021

Passives Abseits Leser wissen es Exklusiv Saison 2020/21

 Wo ich mich ja schon ausführlich selbst dafür gelobt habe, dass Florian Kohfeldt nicht die Lösung für die Probleme bei Werder Bremen ist und damit nachgewiesen ist, dass es sich lohnt, diesen Blog zu lesen, weil man einige Dinge einfach früher erfährt als bei anderen, können wir jetzt ja zu den kritischeren Themen kommen: Die Thesen, die sich nicht Bewahrheitet haben.

Auf der einen Seite behaupte ich ja immer, das wahre Experten nicht ständig darauf rumreiten müssen, dass sie richtig lagen... andererseits geben diese wahren Experten auch nie offen zu, wenn sie daneben gelegen haben. Nur um doppelt zu beweisen, dass ich mich gar nicht für einen Experten halte.

Jetzt heißt es also wieder: "Passives Abseits Leser wissen es exklusiv."

Das Erste, was mir dabei als Anschluss an den gestrigen Beitrag auffällt, ist: Julian Nagelsmann hat doch nicht den Punkterekord der Leipziger gebrochen, wie hier in einem Nebensatz behauptet wurde. Aber RB holte aus den letzten 3 Spielen nur einen Punkt und verlor das Pokalfinale. Wie bereits gestern erwähnt, sind halt wirklich ALLE Vereine eingebrochen, nachdem festgestanden hatte, dass ihr Trainer im Sommer zur Konkurrenz wechselt. Selbst Nagelsmann, der ja wirklich ein überragender Trainer ist, konnte dies nicht verhindern. Nun können die Hoffenheimer Fans behaupten, dass das ja abzusehen war, weil es ihnen im letzten halben Jahr genau so ging... aber dafür müsste es Hoffenheim Fans geben...

Wo wir schon beim Saisonabschluss von den Leipzigern sind: Deren Niederlage am letzten Spieltag führte eine weitere These sehr schnell ad absurdum: das "Ohne eigenes Zutun." Also ja, man musste am Ende wirklich Punkte sammeln, um seine Saisonziele zu erreichen. Damit hätte ich nicht gerechnet. Total faszinierend war ja, wie in der Sportschau Zusammenfassung die Leistung der Gladbacher gewürdigt wurde, die nicht einfach abschenkten... weil die Zuschauer schon wussten, dass Union Berlin sich in der allerletzten Minute in die Conference League geschossen hat. Ausgerechnet durch Max Kruse, der ja gar keinen Bock auf diesen Wettbewerb hat. Aber anstatt mit einem Unentschieden in diesen Wettbewerb zu stolpern, reichte nicht mal ein Sieg. Woher die Gladbacher wissen sollten, dass Union das Spiel gegen RB noch gewinnt, bleibt mir zumindest ein Rätsel...

Auch Werder Bremen konnte sich nicht ohne eigenen 3er retten. Was vor allem an Friedhelm Funkel lag, unter dem die Kölner 10 Punkte in 6 Spielen holten. Und am Ende selbst einen überzeugenden Sieg in der trotzdem unfairer Relegation geholt haben.

Also klar, ich bin immer noch der Meinung, dass Horst Heldt zu lange an Markus Gisdol festgehalten hat und das Holstein Kiel den Aufstieg einfach verdient hatte. Und das die Relegation abgeschafft gehört. Aber Köln hat sich am Ende wenigstens gewehrt, wovon ich nicht ausgegangen bin.

Ganz groß daneben lag ich auch bei der Einschätzung des FC Augsburgs. Also dass die Heiko Herrlich entlassen würden, bevor sie auf einen Abstiegsplatz abrutschen... hat mich schon überrascht. Dass selbst bei Stefan Reuter auf ein Mal die Entwicklung der Mannschaft und nicht nur das Ergebnis eine Rolle spielt, ist neu: Man wollte am Ende doch besseren Fußball sehen und war nicht mehr nur mit dem Halten der Klasse zufrieden.

Apropos Halten der Klasse: Das Mainz das am Ende so souverän schaffen würde, hätte ich trotz der Verpflichtung von Bo nicht gedacht. Aber der nur so "Türlich, Türlich!" Wenn Christian Heidel jetzt noch bemerkt, dass Eisfeld ablösefrei zu haben ist und er damit die legendärste Hip Hop WG aller Zeiten in die Bundesliga bringen kann... Oh und ja, das Eimbush Bassment schlägt die Blumentopf Großes Kino WG...

Montag, 31. Mai 2021

Ich habe Max Eberl ja für einen richtig guten Manager gehalten

 Also genau genommen sogar für den Besten. Also seitdem Uli Hoeneß im Vorruhestand ist...

Aber dann haut der heute ein Ding raus, welches diese Annahme infrage stellt: Bei einer Niederlage gegen Schalke hätte er Marco Rose entlassen, aufgrund des 3:0 Sieges durfte er den Rest der Saison weiterwurschteln. Das sind so Entscheidungen, die ich von Frank Baumann erwarte. (Fun Fact: Baumann hat erkannt, dass sich das Gesicht der Mannschaft ändern muss... No Shit Sherlock.)

Das bezeichnende ist ja die Kicker-Schlagzeile zum Gladbach Sieg: Schalke schlägt sich selbst. Also es ist nicht mal so, dass Gladbach einen überzeugenden Sieg gegen einen ernstzunehmenden Gegner errungen hat.

Ich ging ja eigentlich davon aus, dass Max Eberl die Bundesliga verfolgt. Und das dem aufgefallen ist, dass Schalke der schlechteste Bundesligist aller Zeiten war. Also ja, den offiziellen Rekord hält weiterhin Tasmania Berlin, aber das war praktisch eine Amateurmannschaft, die in die Bundesliga geworfen wurde. Deswegen sind jegliche Tasmania-Vergleiche unangebracht. Von den richtigen Bundesligisten, die sich sportlich für die Liga qualifiziert, ein vernünftiges Budget und ein ordentliches Management hatten, kommt nur der Wuppertaler SV auf eine schlechtere Punkteausbeute als die Knappen. Das war 1975. Faszinierender Weise kassierten beide 86 Gegentore. 

Ich bin ja auch kein Freund von zu schnellen Trainerentlassungen. Aber wenn man sich vor einem Duell mit diesem Schalke fragt, was eigentlich passiert, wenn man dieses Spiel verliert... wenn man die Weiterbeschäftigung wirklich von diesem Duell abhängig machen will... dann sollte man den Trainer einfach gleich entlassen. Es sei denn, man ist der FC Augsburg und rechnet die Niederlage gegen mit ein, weil man einer von 2 Vereinen ist, gegen die Schalke weiterhin gut war... 

Nur so zum Vergleich: Rudi Völler, der ja sonst auch eher unter die Kategorie "Vollpfosten" fällt, hat auf den Spielplan geguckt, gesehen, wer der nächste Gegner ist und sich gedacht: Verdammt, wenn Peter Bosz da 3 Punkte holt, kann ich den schlecht entlassen, also mache ich das lieber gleicht. Und so bekam Hannes Wolf dann den quasi garantierten Dead Coach Bounce. Wenn Rudi Völler sich cleverer anstellt, als du, hast du ein Problem...

Wobei Fußball halt eine absurde Sportart bleibt. Denn Gladbach blieb plötzlich 4 Spiele in Folge ohne Niederlage. Man holte in den letzten 9 Spielen 16 Punkte. 

An der Stelle wieder ein großes Danke an Kicker.de (und alle anderen Online-Datenbanken), die mir nicht die Möglichkeit geben mir eine Tabelle vom 27. bis 34. Spieltag anzeigen zu lassen. Kann es denn so schwierig sein, derartige Features zur Verfügung zu stellen? Also sowohl eine Tabelle der letzten X Jahre, als auch "Von Spieltag Y bis Z"? Damit könnte man bestimmt lustige Spielereien anstellen. Und der Kicker selber beweist ja hin und wieder, dass man selber dieses Feature in seinen sicher verschlossenen Datenbanken hat...

Zurück zum Thema: Auf 34 Spieltage hochgerechnet, wäre man mit 60 Punkten in die Europa League eingezogen. "Result Based Analysis" gibt Eberl also recht. Oder man stellt an der Stelle fest, dass es praktisch egal ist, denn auch mit einem guten Saisonfinish verpasste man die europäischen Wettbewerbe... und nur, wenn man alle Spiele verloren hätte, wäre man am Ende abgestiegen... (Fun Fact: Werder Bremen stand vor dem "Schalke Spiel" 3 Punkte hinter Gladbach... nur um mal zu erwähnen, dass man noch nicht gerettet war, sondern nur gerettet wirkte...)

Das beweist aber auch das strukturelle Problem hinter dem Umgang mit der Marco Rose Personalie: Diese wurde so weit aufgeschoben, dass es am Ende egal war, wie Eberl sich entscheidet. Das ist halt praktisch das exakte Gegenteil von "gutem Management".

Also nur so zum Vergleich: Horst Heldt wird ja gerade gerne vorgeworfen, dass er zu lange an Markus Gisdol festgehalten hat. Unter anderem deswegen wurde er jetzt ja entlassen. Aber am Ende hat er ja doch noch (im Gegensatz zu Baumann halt) den letztmöglich richtigen Zeitpunkt gefunden, um sich vom Trainer zu trennen.

Aber eines der Grundprobleme bleibt ja, dass sich Manager viel zu oft auf eigentlich irrelevante Einzelresultate berufen, anstatt sich die Entwicklungen der Mannschaften anzugucken. Also nur, weil ich die 2021 Version von Schalke 04 schlage, bin ich plötzlich kein besserer Trainer. Genauso wenig wie eine Niederlage gegen die Bayern mich zu einem schlechteren macht.

Das wirklich faszinierende ist ja: Eberl hat ja schon bewiesen, dass er Entscheidungen unabhängig von den Tagesresultaten treffen kann. Also als er Dieter Hecking ziehen ließ, um eben auf Rose zu setzen. Das war schon ein "Die Ergebnisse sehen gut aus, aber die Entwicklung gefällt mir nicht." Jetzt hat er aber in diesem Frühjahr nicht erkannt, wie schlecht die jüngsten Entwicklungen nach der Bekanntgabe des Rose-Wechsels aussah.

Was wiederum auch irgendwie zu entschuldigen ist. Also ich muss auch zugeben, dass ich den Einfluss auf die Trainerwechsel unterschätzt habe. Vor allem, weil ich halt auch dachte, dass die Spieler sich nicht selbst schaden wollen. Also Rose trainiert jetzt ja trotzdem international, die Spieler, die ihm eventuell nicht mehr zu 100 % gefolgt sind, aber nicht mehr. Sie verpassen also die Prämien. Oder bekommen aufgrund ihrer Leistungen nicht die Angebote, auf die sie eigentlich gehofft haben. Und sie können sich jetzt ein Jahr lang nicht auf internationalem Parkett empfehlen. Rose geht es gut, Gladbach wird eine Saison ohne internationales Geld überleben... also sind die Spieler die wirklich geschädigten dieser Entwicklung. Allein aus egoistischen Motiven hätten die sich also viel stärker gegen den Einbruch stemmen müssen.

Aber wie Sebastian Rode ehrlich ausgeführt hat, war das ja kein reines Gladbach Problem. Am Ende sind ja echt alle Vereine nach der Bekanntgabe der Trainerwechsel zu Saisonende eingebrochen. Ja, selbst die Bayern. Nur dass bei denen "Eingebrochen" halt bedeutet: Die spielen nur 2:2 gegen den SC Freiburg... oh und verlieren gegen Mainz 05... Also ja, selbst die Bayern hatten eine für sie halt irrelevante Ergebnisdelle... und schieden mitten in der (aber garantiert nicht wegen, denn dann müsste man ja Hansi Flick kritisieren und der ist jetzt Nationaltrainer, solche Menschen kritisiert man nicht) Debatte aus der Champions League aus. 

Spannend ist ja, welche Lehren die Manager aus dieser Saison ziehen. Denn den ersten Impuls des "Wir stellen jetzt nicht die erfolgreiche Arbeit, die diese Trainer ja für andere Mannschaften interessant gemacht haben, infrage" ist ja nachvollziehbar. Allerdings hat diese Saison recht eindrucksvoll nachgewiesen, dass dies nicht funktioniert. Dass die Fans mit ihrer "Jagd den vom Hof" Haltung recht behalten hätten... (Nebenbei ist es auch spannend, ob die Entscheidungen anders ausgefallen wären, wenn die Fans bei jedem Heimspiel gnadenlose Pfeifkonzerte gestartet hätten...)

An der Stelle müssen wir nochmal festhalten, was für ein absurdes Trainer-Talent Edin Terzic ist. Denn das ist der einzige "Ich räume meinen Posten am Ende und habe trotzdem Erfolg" Trainer der Saison. Der hat es geschafft, dass seine Mannschaft ihm folgt, obwohl alle wussten, dass der ab Sommer nichts mehr zu sagen hat. Und die Truppe hat ja unter Lucien Favre nachgewiesen, dass sie nicht unbedingt einfach zu leiten ist. Oder er ist halt nur der ultimative Beweis, dass ein Dead Coach Bounce auf jeden Fall funktioniert... Eines von beidem...

Sonntag, 23. Mai 2021

Passives Abseits Hall of Shame: Herzlichen Glückwunsch Werder!

 Euer letztes Bundesligator könnte zum "Tor des Monats" im Mai gewählt werden. War ein wirklich schöner Distanzschuss von Niclas Füllkrug. Und das war doch das einzige Saisonziel, welches man unbedingt erreichen wollte.

Der Einbruch am letzten Spieltag war ja nur eine wunderbare Schlusspointe einer jahrelangen Entwicklung. Also ich würde mal behaupten: Der letzte Verein, der so zielgerichtet auf einen Abstieg hingearbeitet hat, war Hannover 96. Die dafür ebenfalls einen Hall of Shame Eintrag bekommen haben. Werder Bremen lässt diesen "geplanten Abstieg" von Hannover wie einen Unfall aussehen.

Das Grundproblem, welches hier schon oft erörtert wurde, ist und bleibt, dass Werder sich mit viel zu wenig viel zu zufriedengegeben hat. Florian Kohfeldt wurde zum Übertrainer verklärt, weil er den Europapokal knapp verpasst hat. Ein 8. Platz ist halt nicht überragend, sondern nur anständig. Und keine Leistung, für die man dann 23 Monate lang unantastbar bleiben muss. Aber bei Werder ist genau das passiert.

Man hätte die letzte Saison, in der man sich schon nur durch 2 Unentschieden (immerhin nutzte man sich dank der Europapokal Arithmetik, Saisonziel erreicht...) in der Relegation rettete, vernünftig analysieren müssen. Vor allem hätte man die Vorsaison, die man mit Platz 8 beendete, richtig einordnen müssen: Das Genie hinter dem Offensivfußball aus der Saison 2018/19 war nicht Kohfeldt, sondern Max Kruse. Der wollte sich unbedingt für die Champions League bewerben und hat eine dementsprechend starke Saison hingelegt. Contract Year Phenomenon nennen die Amerikaner das. Nur das dieses Mal nicht der Spieler mit einem fetten Vertrag belohnt wurde, sondern der Trainer.

Und man kann ja gerade bei Union Berlin wunderbar nachvollziehen, welchen Einfluss ein Kruse auf eine mittelmäßige Bundesligamannschaft hat.

Ich habe mich ja schon beim verlinkten Hannover Artikel auf "Game of Thrones" bezogen. Machen wir das wieder. Kohfeldt ist halt wie Benioff und Weiss: Als die sich auf das Werk von Georg R.R. Martin berufen konnten, sahen sie wie Genies aus. Als sie selber Dialoge und Plotlines für die Show erschaffen mussten, weil sie das Originalmaterial aus der Buchserie überholt haben, stießen sie sehr schnell an ihre Grenzen. Die nachlassende Qualität wurde aber zunächst einfach ignoriert und die wenigen Kritiker als notorische Nörgler abgetan... bis die Serie dann in der totalen Katastrophe "Season 8" endete... Und die Kritiker fragten sich nur, warum alle plötzlich so entsetzt sind, die Katastrophe wurde doch vorher angekündigt... Man hätte nur aufpassen müssen.

Genauso lief es jetzt doch bei Werder. Und ja, der Einzige, der darauf hingewiesen hat, dass Kohfeldt einfach nicht so gut ist, wie alle behaupten... war ich. Passives Abseits Leser wissen es früher. Faszinierender Weise kam eine detaillierte, im Nachhinein bestätigte, Einordnung des Trainers Kohfeldts vor genau einem Jahr raus. Wenn Frank Baumann meinen Blog lesen würde, hätte sich Werder einiges ersparen können. Genug Selbstbeweihräucherung, vor allem, weil ich ja selber wirklich lieber widerlegt worden wäre.

Die wirklich schlechte Nachricht für Werder ist ja, dass Frank Baumann nicht von sich aus zurücktritt... und Entlassungen sind halt echt nicht deren Stil. Es ist also durchaus vorstellbar, dass Baumann wirklich den Neuaufbau in Angriff nehmen soll, damit Werder sich dann nächstes Jahr dafür feiern kann, dass man den Aufstieg knapp verpasst hat. Während der Hamburger SV wieder an einem vorbeizieht (und Vierter wird...)

Der HSV ist auch ein interessanter Vergleich. Denn natürlich kann man denen Aktionismus und eine schädliche, aus dem Inneren kommende, Unruhe vorwerfen. Aber die haben wenigstens ALLES versucht um den Niedergang abzuwenden. Wahrscheinlich haben sie sogar zu viel versucht. Werder ist dagegen mit einer absurden Entspanntheit abgestiegen. 

Mit einem Vorstand, der schulterzuckend danebenstand und sich dachte "Das wird schon irgendwie werden." Der es immer verweigerte im größeren Kontext zu denken und die gezeigten Leistungen richtig einzuordnen Paradebeispiel: Ein 0:0 in einem Heimspiel gegen nur 3 Auswärtstore im Jahr erzielende Leverkusener wurde gefeiert. Und man ging halt davon aus, dass es schon mindestens 2 dümmere Mannschaften geben wird.

Der Trainer war zunehmend überfordert und schaffte es über Jahre nicht einen halbwegs vernünftigen Ersatz für Max Kruse zu entwickeln. Und Werder hat sich halt in die Lage gewirtschaftet, dass man solche Spieler entwickeln und nicht mehr verpflichten kann. So blieb dann Yuya Osako ein elementarer Bestandteil der Angriffsbemühungen, obwohl bei dem keine wirklichen Fortschritte zu erkennen waren. Aber irgendwie glaubten halt alle, dass der mittlerweile 31-jährige nochmal einen wirklichen Sprung nach vorne machen kann und zum Fixpunkt in einer Bundesliga-Offensive werden kann. Oder Kohfeldt hat wirklich einen guten Bundesligastürmer in ihm gesehen. Am Ende überschätzte man die 2 Tore gegen sich auflösende Kölner am letzten Spieltag der letzten Saison gnadenlos. Das war nebenbei laut Kicker das einzige "gute Bundesligaspiel", welches Osako seit dem 10.11.2019 in seinem Lebenslauf stehen hat. Und ja, der ist gut in die Saison gestartet. Aber er ist dann unter Kohfeldts Führung komplett eingebrochen. Da ist entweder der Trainer nicht in der Lage ein ordentliches System um vielleicht an sich gute Spieler zu entwickeln. Oder er hält einfach zu lange an untauglichen Spielern fest. 

Auch die "Lösung" für die Offensivprobleme ist interessant: Man lieh sich Davie Selke aus. Einen Rückkehrer als Hoffnungsträger. Dass Selke sowohl bei Hertha als auch bei RB Leipzig gescheitert ist und aussortiert wurde, ignorierte man einfach. Das lag ja daran, dass diese Vereine keinen guten Trainer hatten, der Selkes Stärken einbauen konnte. Die eine gute Nachricht für Werder ist ja, dass sie jetzt nicht die 10 Millionen Euro Ablöse für Selke überweisen muss. Aber hey, als letzten relevanten Beitrag im Werder-Trikot sicherte er sich den Titel "Gomez der Woche"... beim Stand von 1:0 für Gladbach ließ er halt eine 100%ige Chance liegen...

Am Ende kommt eine Mannschaft raus, die ganz gelassen 2 Punkt aus den letzten 12 Spielen holte. Nach dem 23. Spieltag war man eigentlich schon gerettet. 9 Punkte Vorsprung bei einem Spiel weniger sind eigentlich nicht zu verspielen. Nur so als Vergleich: Der Abstand zu Platz 7 waren nur 8 Punkte. Aber anstatt sich mit einem starken Saisonfinish das Selbstvertrauen für höhere Ziele in der nächsten Saison zu holen, schaltete man in den entspannten Verwaltungsmodus. Oder man brach komplett ein, je nachdem wie man es sehen will. Egal was es am Ende war, Kohfeldt konnte es nicht verhindern, was seine Aufgabe war.

Nebenbei ist das "Nachlassen zum Saisonende" ja kein neues Phänomen. Letztes Jahr holte man in der Rückrunde 3 Siege. Den ersten gegen am Ende absteigende Düsseldorfer. Den nächsten gegen bereits abgestiegene Paderborner, die halt mit der Liga am Ende überfordert waren. Einen gegen schon gerettete Kölner am letzten Spieltag. Im Wesentlichen rettete man sich mit 2 Siegen aus 18 Spielen (inklusive Relegation). Und diese 2 Siege kamen gegen in dem Moment nicht bundesligataugliche Gegner. Aber hey, bei diesen Siegen erzielte man überragende 11 Tore. Aber wie immer verweigerte man es, diese Ergebnisse ordentlich einzusortieren und ließ sich blenden...

In der Saison 2017/18 "rettete" man sich mit einer Serie von 5 sieglosen Spielen in Folge, bevor man am letzten Spieltag bedeutungslose 3 Punkte gegen Mainz einfuhr. Wirklich stark war man zum Saisonende ausschließlich 2018/19. Also, auch wenn ich mich wiederhole, in der einen Saison, in der Max Kruse richtig Bock hatte.

Dabei wäre es doch ein Anzeichen für gute Trainingsarbeit, wenn sich die Mannschaft im Verlauf der Saison steigert und ein starkes Saisonfinish hinlegt. Werder ist das in 4 Jahren ein Mal geglückt. Und dann gucken alle überrascht, wenn Kohfeldt auch im 4. Jahr den Bock nicht umstoßen kann. 

Das wirklich bezeichnende in dieser Serie von 12 Spielen mit 2 Punkten ist ja... die Leistung von Ralf Fährmann. Also während Werder auf einem guten Weg war das bessere Torverhältnis zu verspielen und mit 0:4 zurücklag, trieb Fährmann die Kölner in den Wahnsinn. Es würde mich nicht überraschen, wenn der zum Spieler des Spieltages gekürt wird. Oder zumindest in die Elf des Tages kommt. Und nachdem er sich dann doch einmal geschlagen geben musste, stürmte er wild entschlossen nach vorne und hätte nach eine Ecke fast noch den Ausgleich erzielt.

Bezeichnender kann die Bundesliga-Geschichte von Werder nicht enden (und genau das könnte ja bei der finanziellen Lage des Vereines jetzt passiert sein): Ein Schalker, dessen Mannschaft im Jahr 2021 sonst überhaupt nichts gerissen hat, ist am Ende der einzige, der sich gegen den Abstieg der Bremer stemmt. Mit allem was er hat und dem Mut der Verzweiflung.

Um nochmal festzuhalten wie erbärmlich das Saisonfinish von Werder war: Wenn Fährmann am Ende das 1:1 köpft, wäre es nur fair gewesen, wenn die Werder-Profis ihre gesamte Prämie für den Klassenerhalt an ihn überweisen... und man hätte über eine Statue vorm Stadion nachdenken müssen. Von Werder selber kam derweil bis es praktisch viel zu spät war gar nichts...

Und ja, natürlich gehe ich davon aus, dass Werder sich in der Relegation trotzdem gerettet hätte, egal gegen wen es geht. Aber meine extreme Ablehnung gegen diesen kommerziellen Auswuchs ist ja auch mehr als gut dokumentiert... Immerhin hatte Werder den Anstand diesen letzten Rettungsring nicht schon wieder zu ergreifen.

Donnerstag, 20. Mai 2021

Passives Abseits vs Tradition Teil 9: Ein Gütesiegel ohne Verfallsdatum

Erinnert ihr euch noch an diese kleine Serie? Nun ja, Traditionen muss man pflegen, sonst gehen sie verloren... oder tun sie genau das nicht und bleiben so oder so für die Ewigkeit.

In der dritten Liga passiert gerade etwas wirklich Erstaunliches: Die Traditionsvereine arbeiten an ihrem Comeback. Dynamo Dresden ist schon sicher aufgestiegen. Hansa Rostock hat zumindest die Relegation sicher. Und 1860 München muss die bösen Emporkömmlinge aus Ingolstadt schlagen um diese zu erreichen.

Und ja, Ingolstadt sind in dieser Konstellation für den Gemeinen Fan die Bösewichte, weil sie halt keine offensichtliche Tradition haben. Der Verein wurde schließlich erst in diesem Jahrtausend durch eine Fusion "gegründet". 1860 ist dagegen noch älter als die TSG Hoffenheim.

Aber sind die Löwen wirklich noch ein Traditionsverein? Oder ist dieser nicht gestorben, als Hasan Ismaik den Verein übernommen hat? Denn machen wir uns nichts vor: Ismaik steht für alles, was die Traditionsfans bekämpfen wollen: Ein Investor, der permanent versucht das Prinzip 50+1 auszuhebeln. Kein treuer Fan, der seinen Verein (wieder) nach oben führen will, wie Dietmar Hopp, sondern ein Spekulant, der mit diesem Verein seinen Reichtum vermehren will. Und ein Ignorant, der immer wieder versucht möglichst brachial vorzugehen.

Trotzdem wurde nur Hopp im Fadenkreuz abgebildet. Großflächige Aktionen gegen Ismaik bleiben bis jetzt aus. Der einzige Widerstand gegen ihn kommt aus dem Fanlanger der 60er, denn die kriegen ja direkt mit, was dieser Mensch mit ihrem Verein vorhat. 

Stellen wir uns mal vor, wenn Ismaik sein Geld nicht in einen ehemaligen Deutschen Meister stecken würde, sondern in die Ingolstädter. Dann müssten sie sich ständig den Vorwurf gefallen lassen, dass sie ja nur künstlich nach oben gepumpt werden und gar nichts in der 2. Liga zu suchen habe.
Aber praktisch ist Ingolstadt doch der Verein, in dem weitgehend gut gearbeitet und seriös gewirtschaftet wird. Deswegen haben sie in den letzten 10 Jahren mehr Bundesligasaisons gespielt, als Dynamo, Hansa und 1860 zusammen. Aber die Münchener und genau genommen auch die Rostocker mit Rolf Elgeti sind die Vereine, die am Tropf des Investors hängen und ohne diesen kaum überlebensfähig war.

Aber anstatt die seriöse Arbeit der Ingolstädter zu schätzen, wünscht man sich lieber die Rückkehr des Chaosklubs 1860 in die 2. Liga. Obwohl die doch jahrelang intensiv daran gearbeitet haben, dass der Verein in der Versenkung verschwindet. 

Für mich persönlich ist der Traditionsverein 1860 in dem Moment gestorben, als sie ihre Seele an Ismaik verkauft haben. Vor allem, weil die ja nicht wegen einer unglücklichen Saison und einer falschen Schiedsrichterentscheidung in die beschissene Lage gerutscht sind, dass sie einen Investor brauche. Nein, in dem Verein wurde jahrelang darauf hingearbeitet, dass man sich entweder verkauft oder pleite geht. Also selbst die Führungskräfte des Hamburger SV wirken im Vergleich zu 1860 kompetent und seriös.

Sie sind damit auf demselben Status wie RB Leipzig. Nur ist mir das halt relativ egal, solange sie gut spielen, sollen sie aufsteigen. Wenn Ingolstadt besser ist, haben sie es halt verdient. Am Ende braucht ja jeder Profiverein externe Gelder um erfolgreich zu sein. Bei dem einen kommen sie von Audi, beim anderen von VW...

Aber 1860 hat halt eine Sonderposition, denn es hätte ja einen Alternativweg gegeben. Den Pfad, den Lokomotive Leipzig nach ihrem letzten Konkurs eingeschlagen haben. Damals wurde der Verein einfach neu gegründet und begann in der Kreisklasse. Aber man kehrte dank des Rückhalts der Fans auf einem gesunden Fundament in die Regionalliga zurück. Natürlich ist der Etat eines Regionalligisten immer auf Kante genäht und das man den Aufstieg in die dritte Liga verpasst hat, hat ihnen richtig weh getan. Trotzdem ist das Fundament so solide, dass man besser durch die Krise kommt, als Schalke 04, Werder Bremen oder Real Madrid.

Natürlich müsste man dann als 1860 Fan auch anerkennen, dass die Regionalliga wahrscheinlich das Limit ist. Vielleicht steigt man mal in die 3. Liga auf, aber da kann es dann nur noch um den Klassenerhalt gehen. Aber Liebe kennt ja keine Ligazugehörigkeit. Nebenbei soll in der Fanszene auch genau dieser Diskurs geführt worden sein.

Und es gibt ja genügend Beispielen von Traditionsvereinen, die eben nicht von der Landkarte verschwinden, sondern von den Fans getragen in der Regionalliga ihre Nische finden. Ich verlinke hier mal demonstrativ das Duell zwischen Rot-Weiss Essen und Alemannia Aachen. Das schwierigste war es ja immer für diese Vereine, anzuerkennen, dass sie nicht mehr ganz oben mitspielen können. Aber sie müssen dies halt auch gar nicht tun, denn dank ihrer festen Verwurzelung in der Region überleben sie auch in tieferen Ligen, solange sie vernünftig wirtschaften. Und klar, Aachen und Essen haben ihre Insolvenzverfahren durchgemacht. Aber diese sind ja eher der jahrelangen Misswirtschaft, die sie erst in die Regionalliga geführt hat, geschuldet. Wenn die früher anerkannt hätten, dass sie auch in der Regionalliga den Rückhalt der Fans haben würden, hätten sie sich nicht so verschulden müssen... 

Also gerade bei Lok sieht man ja, dass ein vernünftiger Neustart möglich ist. Und das man nicht unbedingt nach Profifußball streben muss um als Traditionsverein zu überleben.

1860 entschied sich dagegen und wollte doch lieber den Investor bei seiner Idee mit dem Verein Geld zu verdienen unterstützen. Das finde ich ja auch legitim. Nur sollten die Fans es dann vermeiden über andere von Investoren abhängigen "Vereine" zu lästern. Oder gar gegen solche Kunstprodukte zu protestieren. Und ja, die Fans von 1860 hätten auch ihr "United of Manchester" gründen und genau das durchziehen können. Sie entschieden sich dafür doch lieber den Investorenverein weiter zu unterstützen.

Als Freund von Konsequenz wäre es natürlich auch angemessen, wenn die "Ordnungshüter" aus nehmen wir mal Dortmund 1860 auf die Liste der zu bekämpfenden Vereine setzt. Aber dann müssten sich die Borussia-Anhänger ja damit auseinandersetzen, dass sie Fans einer Kommanditgesellschaft auf Aktien sind... 

RB Fans haben da einen entscheidenden Vorteil: Sie sind einfach ehrlich. Die müssen keine moralischen Verrenkungen vollziehen um zu erklären, dass der Investor hinter ihrem Verein ja nicht so schlimm ist, sondern können offen zugeben, dass sie einfach nur guten Fußball sehen wollen. So wie 90 % der Fußballfans weltweit...