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Dienstag, 31. Mai 2022

Die wichtigste Frage in Gladbach gerade: Was wäre schlimmer?

 Also zunächst mal große Anerkennung an Lucien Favre. Das ist ein absoluter Überzeugungstäter. Es hätte echt keine weiteren Beweise mehr gebraucht, der wäre auch so als größter Zögerer und Zauderer in die Fußballgeschichte eingegangen. Aber er entschied sich dann nach 2-wöchigen Verhandlungen doch dafür, dass er nicht mehr in Deutschland arbeiten will. Also nicht nur nicht mehr für Gladbach, sondern allgemein nicht mehr in diesem Land. Da geht es ihm ein bisschen wie Toni Kroos oder Mesut Özil... 

Aber ihn kann es ja auch egal sein, dass er Gladbach jetzt in einer wirklich beschissenen Situation hinterlässt... obwohl er doch gleich gewusst haben muss, dass er eigentlich kein Bock mehr auf dieses Land hat. Denn Gladbach muss jetzt mit der Trainersuche von vorne anfangen, obwohl sie eigentlich schon längst mit dem Neuen an den Stellschrauben des Kaders drehen sollten. Das ist richtig schlecht für die.

Es ist natürlich auch richtig schlecht, dass der eine oder andere begehrte Kandidat schon weg ist. Niko Kovac als nicht nur Meistertrainer, sondern nebenbei auch als Pokalsieger mit Eintracht Frankfurt. Also klar, der kam bei seinen letzten beiden Stationen am Ende nicht so wirklich gut weg. Aber er hat nachgewiesen, dass er in Deutschland Titel gegen die Bayern holen kann. Überlegt euch einfach mal, wie klein dieser Kandidatenkreis ist... Also Julian Nagelsmann steht nicht auf dieser Liste. Jürgen Klopp und Thomas Tuchel natürlich. Aber die zu verpflichten, dürfte schwierig werden. Dann bleiben auch nur noch Dieter Hecking, Felix Magath, Edin Terzic und Domenico Tedesco übrig. Und eben Kovac. Wenn ich also als Verein wie Gladbach mal auf einen Titel spekuliere, hätte statistisch gesehen Kovac mehr Sinn ergeben als Favre. Der holt nämlich bekannterweise keine Titel.

Hecking und Magath sind im Jahr 2022 keine realistischen Kandidaten mehr und Tedesco sitzt fest im Sattel und Dortmund hat gerade sichergestellt, dass ihnen niemand den Terzic wegnimmt... was macht man also als Gladbach, wo man jetzt zur ungünstigsten Zeit einen Trainer suchen muss?

Nun ja, es gibt da halt 2 Kandidaten, die verfügbar wären. Beide haben durchaus einen guten Ruf. Und beide lassen angeblich tollen Offenisvfußball spielen. Einer würde sogar in die "Hat ohne die Bayern einen Titel geholt" Kategorie fallen... aber beide wären eine Katastrophe.

Der erste Kandidat ist offensichtlich Florian Kohfeldt. Obwohl, jetzt hat ja das letzte halbe Jahr nachgewiesen, dass selbst Max Kruse dem nur bedingt hilft. Dessen Lack hat ganz schön gelitten, seit dem er vor 3 Jahren als das größte Trainertalent der neusten Generation galt. 

Ich wollte mal so ganz nebenbei erwähnen, dass der "Trainerpreis des deutschen Fußballs" nicht mehr vergeben wird, seitdem Kohfeldt den bekommen hat. Falls das ein Wanderpokal war, steht der immer noch bei ihm im Regal. Es gibt da auch keinerlei Informationen zu. Der DFB verschweigt einfach, dass er diesen Preis jemals vergeben hat. Das hat nicht mal Barack Obama geschafft, obwohl er sich alle Mühe gegeben hat den "Friedensnobelpreis" ins Lächerliche zu ziehen...

Aber machen wir uns nichts vor: Nur weil ich hier seit Jahren auf dem armen Jungen rumhacke, bedeutet dies nicht, dass sich der eine oder andere Bundesliga-Manager in ihn verlieben wird. Also dass sich der Max Eberl Nachfolger (wer ist das eigentlich?) einredet, dass er zusammen mit diesem eine neue Ära einleiten wird. Der wird dann einfach sagen, dass er in Wolfsburg ja nur als Feuerwehrmann im Einsatz war und auch gar nicht wirklich gescheitert ist... und dass das alles viel besser wird, wenn man gleich die ganze Saison mit ihm plant und ihm den richtigen Kader zusammenbastelt. Da muss er nur noch rauskriegen, wie viel Ablöse Max Kruse gerade kostet...

Kohfeldt wird noch eine weitere Chance in der 1. Liga bekommen. Es wird immer noch nicht bei allen angekommen sein, dass der nur eine einzige gute Saison in seiner Trainerkarriere erlebt hat...

Aber es gibt noch einen anderen Kandidaten mit einem viel besseren Resümee. Jemanden, der bei all den Trainerposten überhaupt nicht auf dem Radar war, bis der Kicker ihn dann plötzlich in Gespräch gebracht hat. Dem einzigen Trainer auf der Welt, der DFB Pokalsieger und Weltmeister wurde. Ok, das behaupte ich jetzt so, aber wenn man bedenkt, wie wenige Titel unser Nationalmannschaftstrainer im Allgemeinen sonst so geholt haben....

Die Rede ist ganz offensichtlich von Jogi Löw. Wem auch sonst. Und für mich gibt es ja 2 Varianten, warum Löw nirgendwo im Gespräch ist:

1.) Er sucht sich seinen nächsten Job sehr gezielt aus und sagt selber direkt nein. Und ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass Löw einen riskanten Job wie bei der Hertha annehmen würde... auch wenn Bild das irgendwann mal behauptet hat. (Ihr könnt da ruhig draufklicken, der Link führt nicht zur Bild). Da müsste Löw ja mal so wirklich arbeiten und genaugenommen könnte er nur verlieren. Also gerade bei der Hertha kann man ja derzeit nur zurücktreten. Die sind 2 Tage nach Beendigung der Mitgliederversammlung immer noch nicht mit allen Rücktritten durch. 

Aber ganz ehrlich, selbst im Idealfall... so ein "Projekt", bei dem man vielleicht in 4 bis 5 Jahren Titel holen kann, wird sich Löw nicht antun. Also da bin ich persönlich überzeugt von. Damit bleiben in Deutschland ja nur Bayern, Dortmund und RB übrig. Da wird er sich einen interessanten Job im Ausland suchen müssen.

2.) Er ist wirklich nirgends im Gespräch, weil niemand Interesse an ihm hat. Dann würde es ihm richtig auf die Füße fallen, dass er nicht früher zurückgetreten ist. Klarer Fall von "Den Zeitpunkt zum Absprung verpasst." Denn mittlerweile ist er halt nicht mehr der Weltmeistertrainer, sondern hat halt seinen letzten Titel vor 8 Jahren geholt... Sein letzter Titel als Vereinstrainer ist 19 Jahre her, sein einziger Titel in Deutschland 25. Das ist ein Vierteljahrhundert ohne Trophäe... 

Es ist halt faszinierend, weil ihm nach 2014 definitiv alle Türen offen standen. Da hätte er es sich echt aussuchen können, welchen Champions League Aspiranten in Bayern oder im Ausland er übernimmt. Damals glaubten wir alle halt, dass dieser Titel wirklich was mit ihm als Trainer zu tun hatte... mittlerweile wissen wir, dass eher die ganzen vercoachten Titelchancen auf ihn zurückzuführen waren.

Für mich persönlich ist das natürlich schade. Ich hätte gerne gesehen, wie Löw eine deutsche Vereinsmannschaft übernimmt und dann allen auffällt, dass der nur ein Scharlatan ist. Und nie mehr gewesen ist. Das würde nicht so dramatisch eskalieren, wie der Versuch mit Jürgen Klinsmann bei den Bayern... aber auch ein langsamer, aber unaufhaltsamer Zerfall kann doch etwas sehr Schönes sein. Also zumindest als Unbeteiligter, alle Werder Fans werden berechtigterweise das Gegenteil behaupten.

Es ist aber schon bezeichnend: Das ist ja die 2. große Trainerrotation in Folge. Und klar, direkt nach der EM war es unwahrscheinlich, dass Löw sofort was macht. Aber, dass er diesen Sommer nirgends ernsthaft im Gespräch ist... Er muss fast schon darauf hoffen, dass Gladbach mal bei ihm anruft, sonst könnte der Zug endgültig abgefahren sein.

Mittwoch, 2. Februar 2022

Der VfL Wolfsburg legt nach

 Um zurück zum eigentlichen zu kommen: dem Herziehen über schlecht geführte Bundesligisten.

Wir haben in Wolfsburg jetzt also mit Jörg Schmadkte einen Manager, der heftig in der Kritik steht und gleichzeitig den Kader umbauen muss. Das logische Ergebnis schreit nach Panik!

Mein erster Gedanke, als ich die "Max Kruse wechselt eventuell nach Wolfsburg" Schlagzeile gelesen habe, war: Wenn Union Berlin 5-6 Millionen angeboten bekommt, sollten sie das sofort machen.

Dann fiel mir auf: Max Kruse ist 33 Jahre, war nie wirklich austrainiert und sein Vertrag läuft in 6 Monaten aus. Für den wird niemand 6 Millionen Euro bieten. Das ist einfach dumm. Und Jörg Schmadtke so: Aber er ist der einzige, der Florian Kohfeldt wie einen guten Trainer aussehen lässt, der Wechsel ist alternativlos... sagt einfach, was ihr haben wollt, wir zahlen das dann... Ok, er hat zunächst selber eine Zahl gesagt, die zu niedrig war und dann das überwiesen, was Union haben wollte...

Gut, man könnte auch stattdessen einen vernünftigen Trainer verpflichten. Lucien Favre ist derzeit vereinslos und hat bereits nachgewiesen, dass er all das, was Wolfsburg in den nächsten 3-4 Jahreb braucht, leisten kann. Dazu müssen wir nochmal festhalten: Dass Max Kruse wirklich gut altern wird, ist eher unwahrscheinlich. Er müsste dafür mit Mitte 30 nochmal die Auffassung zu seinem Beruf komplett umdrehen. Und dieser Wechsel beweist ja, dass Kruse genau des einfach nicht vorhat.

Kruse bleibt einer der faszinierendsten Charaktere der neueren Bundesligageschichte. Er entscheidet sich eiskalt und völlig frei von Moral immer fürs Geld. Er hätte bei so vielen Vereinen zur Vereinslegende aufsteigen können.

Also zunächst mal in Freiburg, wo er schon frühzeitig die Rolle von Christian Günter übernehmen könnte. Oh und seiner Nationalmannschaftskarriere hätte das auch geholfen. Aber gut, aus Freiburg gehen ja irgendwie alle weg.

Dann hätte er in Gladbach die neue Generation an Fohlen anführen können. Also man stelle sich Gladbach mit einem besseren Lars Stindl vor. Bei Werder Bremen eine Renaissance auslösen und den Verein zurück in internationale Gewässer bringen können. Bei Fenerbace in die Fußstapfen deutscher Legenden treten können, die allgemein in der Türkei immer verehrt worden sind. Oder er hätte den Aufstieg der Berliner ins Gutsbürgertum des deutschen Fußballs begleiten können. Er sagte aber jeweils eiskalt: Da hab ich keinen Bock drauf, da drüben gibt es 100.000 mehr zu verdienen. Und Tschüss.

Das lustigste ist ja sein "Dazu geht es um einen Verein, bei dem ich noch ein Kapitel offen habe, das ich nun zu Ende schreiben kann." Statement. Wenn Kruse wirklich noch all seine offenen Kapitel beenden will, hat er noch einiges vor und wird noch nen paar mal wechseln müssen. Wahrscheinlich geht er dann im Sommer nach dem Abstieg ablösefrei zum FC St. Pauli... Ich meine ernsthaft, warum muss er ausgerechnet sein Wolfsburg Kapitel beenden, wo er ein relativ bedeutungsloses Jahr mit 6 Bundesligatoren gespielt hat. Es ist tatsächlich der Verein, für den er die wenigsten Tore erzielt hat. Und es ist der VfL Wolfsburg, ein derzeit chaotisch geführter Verein ohne großartige Fanszene, einem durchschnittlichen Stadion mitten in der niedersächsischen Pampa... Er hätte sich ja echt einige schöne Orte und außergewöhnliche Vereine aussuchen können, um sein Kapitel zu vollenden... er entscheidet sich für den einen Plastikklub auf der Liste.

Ich will ihn da auch gar keinen Vorwurf machen. Max Kruse kann es egal sein, was die Fans der Vereine von ihm halten. Eine "ich maximiere meine Finanzen" Ansatz ist nicht verkehrt. Und vielleicht ist er so schlecht im Pokern, dass er es wirklich nötig hat. 

Aber Kruse wird halt als "Der beste deutsche Spieler, der nirgends zur Legende wurde" in die Bundesligageschichte eingehen. Und da er nirgends langfristig bleibenden Eindruck hinterlassen wollte, wird er auch chronisch unterschätzt. So schreibt die Sportschau zu seinem neusten Wechsel: "Max Kruses gibt es überall." Dabei stimmt das so doch gar nicht: Max Kruse ist einzigartig. Er ist und bleibt der einzige Angreifer, der Kohfeldt wie einen kompetenten Trainer aussehen ließ. Jetzt setzt Wolfsburg alles darauf, dass Kruse diese Magie nicht verlernt hat. Und darauf, dass er im Sommer auch noch Bock hat...

Und ja, ich gehe voll davon aus, dass dieser Transfer kurzfristig funktionieren wird. Also dass die Wolfsburger die Klasse halten, weil Kruse 5 bis 8 Tore erzielt. Aber allein schon, dass man sich in eine Position manövriert hat, in der man über derartige Transfers nachdenken muss, sagt doch alles über die Entwicklung in Wolfsburg.

Aber das Schlimmste ist ja: Selbst "Der Transfer wird kurzfristig funktionieren" bringt einen heftigen Rattenschwanz mit sich, wenn Max Kruse selber von einem "langfristigen Vertrag" spricht. Denn das Ergebnis lautet, dass man irgendwann einen 35-jährigen Max Kruse bezahlen muss, wie einen 29-jährigen Star. Und dass Florian Kohfeldt weiterhin dein Trainer bleibt, obwohl mittlerweile doch einige zu der Überzeugung gekommen sind, dass der kein guter Trainer ist.

Der Schaden könnte also geringer sein, wenn Kruse direkt einbricht, nur noch den Gehaltscheck einstreicht und Kohfeldt dafür früher entlassen wird...

Mittwoch, 26. Januar 2022

Ist Wolfsburg der am schlechtesten geführe Verein der Bundesliga?

 Kurze Antwort: Ja, klar. Allein schon, weil der Hamburger SV, Werder Bremen und Schalke 04 schon abgestiegen sind. Ich jammere ja gerne darüber, dass die Qualität der Liga nachgelassen hat, weil Vereine mit fantastischem Potenzial so schlecht geführt werden, dass sie jetzt in Liga 2 antreten dürfen. Auf der anderen Seite muss ich aber zugeben, dass dadurch halt besser geführte Vereine aufgestiegen sind. Leider sind sie damit in eine Liga gerutscht, in der sie wenig bis nichts verloren haben. Aber da können sie ja wenig für und gute Arbeit muss halt auch hin und wieder belohnt werden.

Nebenbei reden wir hier nicht primär über die Arbeit der Trainer oder Manager, sondern über die Ebene darüber. Also die Spielvereinigung Greuther Fürth ist still und heimlich einer der am besten geführten Vereine. Das sind sie unabhängig davon, wer da gerade an der Seitenlinie steht. Dabei geht es nicht mal darum, dass man es 2 Mal nicht verhindern konnte aufzusteigen. Es geht viel mehr um die unglaublich konstanten Ergebnisse in der 2. Liga. Denn man ist praktisch DIE INSTITUTION dieser Liga. Gründungsmitglied der zweigleisigen und der eingleisigen 2. Liga. Und logischerweise liegen die auf Platz 1 der ewigen Tabelle

Und klar, auch Fürth ging den Weg des ganz normalen Zweitligisten, der sich verschuldet und deswegen absteigt und abstürzt. Aber seit dem man sich 1996 mit Harry Kochs Verstenbergsgreuthern zusammenschloss und damit faktisch zu der Spielvereinigung wurde, die wir heute können, arbeitete man sehr konstant und sehr seriös.

Da muss man sich nur mal die Abschlusstabelle ihrer Comback-Saison angucken. Die Konkurrenz von damals hat seit dem wie viele Konkursverfahren hinter sich? Die Antwort lautet: Lok Leipzig musste neu gegründet werden. Wattenscheid 09 hat den Spielbetrieb einstellen müssen. Die Lage beim KFC Uerdingen bleibt konfus. Die Stuttgarter Kickers und der FC Gütersloh spielen in der Oberliga. Carl Zeiss Jena, Energie Cottbus, Unterhachingen und Fortuna Köln sind inzwischen in der Regionalliga gelandet. Zwickau und Meppen landeten zumindest zwischenzeitlich ebenfalls in der 4. Liga. Genauso wie Fortuna Düsseldorf, die bisher in diesem Jahrtausend extrem viel erlebt haben. Selbst der FC St. Pauli, den man am eheste mit den Fürthern vergleichen kann, spielten 4 Jahre in der Regionalliga. Auch wenn das damals natürlich noch die 3. Liga war.

Dazu kommen mit Mainz, Freiburg und Frankfurt 3 Mannschaften, die sich in Richtung Bundesliga verabschiedet haben und nur noch in Ausnahmefällen in der 2. Liga antreten. Oder anders ausgedrückt: Von den 18 Mannschaften haben 14 der Liga langfristig den Rücken zugekehrt. Einzig St. Pauli, Düsseldorf, der 1.FC Nürnberg und eben die Fürther sind heute wie damals etablierte Zweitligisten.

Und Fürth musste sich dabei ja die ganze Zeit den aufstrebenden Emporkömmlingen mit wesentlich größeren finanziellen Mitteln zu Wehr setzen. Also Augsburg, RB Leipzig, Hoffenheim, Wolfsburg sind da offensichtliche Kandidaten, aber auch Heidenheim fällt halt in diese Kategorie.

Man schaffte es halt ohne das alternative Image als Kiezklub, externen Investoren und ohne eine WM Arena, die öffentlich gefördert worden ist. Und ja, Düsseldorf hat als Oberligist ein neues Stadion auf WM Niveau bekommen, weil die Stadt sich für WM und Olympia als Spielort bewerben wollte. Da flossen 80 Millionen Euro aus öffentlichen Geldern in das Stadion eines Oberligisten... Derartige finanzielle Spritzen dürften die Fürther noch nie bekommen haben.

Ich erwähne das nur, um zu verdeutlichen, dass ich vor der Arbeit in Fürth durchaus Respekt habe, auch wenn ich mich gerade darüber lustig mache, dass sie in der Bundesliga überfordert sind. 30 Jahre lang unter den Top 25 in Deutschland zu landen ist keine Selbstverständlichkeit. Und, um zum eigentlichen zurückzukommen, dass die Arbeit in Fürth nicht nur wegen Stefan Leitl und Rachid Azzouzi da stehen, wo sie gerade stehen. Und ja, ich habe auch gerade ein wenig den Faden verloren, wo war ich?


Ach ja... Zurück zu einem Verein, der sich gerade als Gegenteil entpuppt: dem VfL Wolfsburg. Wolfsburg macht gerade seine Zukunft von einem Ergebnis gegen eben diese Fürther ab. Einem Verein, der eigentlich in einer anderen Liga spielen sollte, aber dem man aufgrund der eigenen Inkompetenz fast auf Augenhöhe begegnet. Und wenn man jetzt durch ein Kacktor des Monats zu einem glücklichen 1:0 Sieg kommt, dürfen Jörg Schmadtke und Florian Kohfeldt weiterwurschteln? Wenn man aber durch einen fragwürdigen Elfmeter unglücklich verliert, weil man selber 3 Mal Aluminium trifft, müssen beide gehen?

Derartige Entscheidungen von einzelnen Ergebnissen abhängig zu machen, ist sowieso schon albern. Also Schmadtke ist ein überdurchschnittlicher, aber menschlich anstrengender Manager. Wenn ich den verpflichte, bringt er mich im Idealfall ins internationale Geschäft und dann zofft er sich mit dem Trainer. Das weiß ich, wenn ich ihn verpflichte. Und Kohfeldt hat halt diesen einen Trainerpreis gewonnen, der seit dem nicht mehr vergeben wird...

Und natürlich hat Schmadtke gerade bei der wichtigsten Frage "Wer soll mein Trainer sein?" 2 Mal daneben gelegen. Jetzt kann man zu dem Schluss kommen, dass dies die gute Arbeit aus der Vorsaison, in der man ja in die Champions League eingezogen ist, negiert. Und die 2 Jahre davor waren ja auch schon stabil bis ordentlich. Oder man kommt vorher schon zu dem Schluss, dass das Zerwürfnis mit Oliver Glasner diese Arbeit zunichtemacht. Was ich aber nicht machen kann: Diese Beurteilung von einem Auftritt gegen ein abgeschlagenes Tabellenschlusslicht abhängig machen. Also man kann schon, dann ist man aber ein beschissen geführter Verein...

Und ja, man hätte im Dezember die Entscheidung treffen können, dass man einen neuen Manager braucht. Dass Schmadtke den Verein mit seinen hohen Ambitionen nicht so nach vorne bringt, wie man sich das vorgestellt hat. Und dann holt man vor dem Transferfenster jemanden, der schonmal eine Neuausrichtung anschieben kann. Stattdessen wartet man jetzt, bis das Transferfenster geschlossen ist, damit der neue Manager dann auch garantiert keinen Einfluss auf die aktuelle Saison nehmen kann.

Und machen wir uns nichts vor: Die meisten dieser Ultimaten enden kurz- oder langfristig mit der Entlassung der Trainer und Manager. Dass wirklich der Bock nach einer derartigen Konstellation umgestoßen wird, ist eine echte Rarität. Wenn man dann noch bedenkt, dass Kohfeldt chronisch schlecht im "Bock umstoßen" ist...

Was die ganze Sache noch schlimmer macht: Jetzt wäre genau der richtige Zeitpunkt für einen neuen Trainer. Oder man stärkt seinem leitenden Angestellten richtig den Rücken und macht den Spielern klar, dass sie mit ihm durch diese Scheiße gehen müssen. Denn wir haben ja gerade eine einzigartige Konstellation: Eine Länderspielpause, an der die europäischen Verbände nicht teilnehmen. Das bedeutet: Man hat praktisch seinen gesamten Kader beisammen und kann eine 3. Vorbereitung durchziehen. Weil ja die letzte Vorbereitung im Januar so viel gebracht hat, lässt man das Kohfeldt jetzt nochmal machen... nur um ihn dann doch zu entlassen, wenn die Ergebnisse nicht stimmen. Das sind doch die perfekten Voraussetzungen für die tägliche Trainingsarbeit.

Nur mal so als Vergleich wie ein gerade gut geführter Verein dies regelt: beim VfB Stuttgart sägt noch keiner am Stuhl von Pellegrino Matarazzo oder Sven Mislintat. Man ist überzeugt davon, dass die letzten beiden Jahre kein Zufall waren und dass die Leistungen und Ergebnisse schon zurückkehren werden, wenn sich das Lazarett lichtet. Also fliegt man gemeinsam ins Trainingslager, um gemeinsam an genau diesen Leistungen zu arbeiten. Und wenn sich die Ergebnisse nicht sofort einstellen (Die gezeigten Leistungen gegen RB Leipzig und Freiburg waren ja schon ordentlich.), wird man dann nicht sofort in Panik verfallen. Zumindest hoffe ich das. Aber das ist die Grundlage für eine erfolgreiche Aufholjagd.

Wolfsburg dagegen versucht sich irgendwie durchzuwurschteln und hofft, dass das funktioniert. Oder dass andere halt noch dümmer sind, als man es selber ist. Man setzt eher auf den Dead Coach Bounce (der ja diese Saison schonmal funktioniert hat...), anstatt einem neuen Trainer wirklich die Möglichkeit zu geben sich auf den Frühling vorzubereiten.

Und macht mir am meisten Sorge macht: Wir reden hier im Wesentlichen von der Vorstandsriege bei VW... einem der größten Unternehmen in Deutschland... Nun sollte es mich im Zuge des Abgasskandals nicht schockieren, aber dennoch muss man irgendwie darauf hoffen, dass sie ihre richtige Firma mit mehr Weitsicht und Kompetenz führen.

Und nur um das mal festzuhalten: der VfL steckt zum dritten Mal in 6 Jahren im Abstiegskampf. Wir reden hier also nicht, wie in Fürth, über eine Ausnahmesituation, mit der man überfordert sein darf, sondern von ganz normalen Entwicklungen im Verein.

Sonntag, 23. Mai 2021

Passives Abseits Hall of Shame: Herzlichen Glückwunsch Werder!

 Euer letztes Bundesligator könnte zum "Tor des Monats" im Mai gewählt werden. War ein wirklich schöner Distanzschuss von Niclas Füllkrug. Und das war doch das einzige Saisonziel, welches man unbedingt erreichen wollte.

Der Einbruch am letzten Spieltag war ja nur eine wunderbare Schlusspointe einer jahrelangen Entwicklung. Also ich würde mal behaupten: Der letzte Verein, der so zielgerichtet auf einen Abstieg hingearbeitet hat, war Hannover 96. Die dafür ebenfalls einen Hall of Shame Eintrag bekommen haben. Werder Bremen lässt diesen "geplanten Abstieg" von Hannover wie einen Unfall aussehen.

Das Grundproblem, welches hier schon oft erörtert wurde, ist und bleibt, dass Werder sich mit viel zu wenig viel zu zufriedengegeben hat. Florian Kohfeldt wurde zum Übertrainer verklärt, weil er den Europapokal knapp verpasst hat. Ein 8. Platz ist halt nicht überragend, sondern nur anständig. Und keine Leistung, für die man dann 23 Monate lang unantastbar bleiben muss. Aber bei Werder ist genau das passiert.

Man hätte die letzte Saison, in der man sich schon nur durch 2 Unentschieden (immerhin nutzte man sich dank der Europapokal Arithmetik, Saisonziel erreicht...) in der Relegation rettete, vernünftig analysieren müssen. Vor allem hätte man die Vorsaison, die man mit Platz 8 beendete, richtig einordnen müssen: Das Genie hinter dem Offensivfußball aus der Saison 2018/19 war nicht Kohfeldt, sondern Max Kruse. Der wollte sich unbedingt für die Champions League bewerben und hat eine dementsprechend starke Saison hingelegt. Contract Year Phenomenon nennen die Amerikaner das. Nur das dieses Mal nicht der Spieler mit einem fetten Vertrag belohnt wurde, sondern der Trainer.

Und man kann ja gerade bei Union Berlin wunderbar nachvollziehen, welchen Einfluss ein Kruse auf eine mittelmäßige Bundesligamannschaft hat.

Ich habe mich ja schon beim verlinkten Hannover Artikel auf "Game of Thrones" bezogen. Machen wir das wieder. Kohfeldt ist halt wie Benioff und Weiss: Als die sich auf das Werk von Georg R.R. Martin berufen konnten, sahen sie wie Genies aus. Als sie selber Dialoge und Plotlines für die Show erschaffen mussten, weil sie das Originalmaterial aus der Buchserie überholt haben, stießen sie sehr schnell an ihre Grenzen. Die nachlassende Qualität wurde aber zunächst einfach ignoriert und die wenigen Kritiker als notorische Nörgler abgetan... bis die Serie dann in der totalen Katastrophe "Season 8" endete... Und die Kritiker fragten sich nur, warum alle plötzlich so entsetzt sind, die Katastrophe wurde doch vorher angekündigt... Man hätte nur aufpassen müssen.

Genauso lief es jetzt doch bei Werder. Und ja, der Einzige, der darauf hingewiesen hat, dass Kohfeldt einfach nicht so gut ist, wie alle behaupten... war ich. Passives Abseits Leser wissen es früher. Faszinierender Weise kam eine detaillierte, im Nachhinein bestätigte, Einordnung des Trainers Kohfeldts vor genau einem Jahr raus. Wenn Frank Baumann meinen Blog lesen würde, hätte sich Werder einiges ersparen können. Genug Selbstbeweihräucherung, vor allem, weil ich ja selber wirklich lieber widerlegt worden wäre.

Die wirklich schlechte Nachricht für Werder ist ja, dass Frank Baumann nicht von sich aus zurücktritt... und Entlassungen sind halt echt nicht deren Stil. Es ist also durchaus vorstellbar, dass Baumann wirklich den Neuaufbau in Angriff nehmen soll, damit Werder sich dann nächstes Jahr dafür feiern kann, dass man den Aufstieg knapp verpasst hat. Während der Hamburger SV wieder an einem vorbeizieht (und Vierter wird...)

Der HSV ist auch ein interessanter Vergleich. Denn natürlich kann man denen Aktionismus und eine schädliche, aus dem Inneren kommende, Unruhe vorwerfen. Aber die haben wenigstens ALLES versucht um den Niedergang abzuwenden. Wahrscheinlich haben sie sogar zu viel versucht. Werder ist dagegen mit einer absurden Entspanntheit abgestiegen. 

Mit einem Vorstand, der schulterzuckend danebenstand und sich dachte "Das wird schon irgendwie werden." Der es immer verweigerte im größeren Kontext zu denken und die gezeigten Leistungen richtig einzuordnen Paradebeispiel: Ein 0:0 in einem Heimspiel gegen nur 3 Auswärtstore im Jahr erzielende Leverkusener wurde gefeiert. Und man ging halt davon aus, dass es schon mindestens 2 dümmere Mannschaften geben wird.

Der Trainer war zunehmend überfordert und schaffte es über Jahre nicht einen halbwegs vernünftigen Ersatz für Max Kruse zu entwickeln. Und Werder hat sich halt in die Lage gewirtschaftet, dass man solche Spieler entwickeln und nicht mehr verpflichten kann. So blieb dann Yuya Osako ein elementarer Bestandteil der Angriffsbemühungen, obwohl bei dem keine wirklichen Fortschritte zu erkennen waren. Aber irgendwie glaubten halt alle, dass der mittlerweile 31-jährige nochmal einen wirklichen Sprung nach vorne machen kann und zum Fixpunkt in einer Bundesliga-Offensive werden kann. Oder Kohfeldt hat wirklich einen guten Bundesligastürmer in ihm gesehen. Am Ende überschätzte man die 2 Tore gegen sich auflösende Kölner am letzten Spieltag der letzten Saison gnadenlos. Das war nebenbei laut Kicker das einzige "gute Bundesligaspiel", welches Osako seit dem 10.11.2019 in seinem Lebenslauf stehen hat. Und ja, der ist gut in die Saison gestartet. Aber er ist dann unter Kohfeldts Führung komplett eingebrochen. Da ist entweder der Trainer nicht in der Lage ein ordentliches System um vielleicht an sich gute Spieler zu entwickeln. Oder er hält einfach zu lange an untauglichen Spielern fest. 

Auch die "Lösung" für die Offensivprobleme ist interessant: Man lieh sich Davie Selke aus. Einen Rückkehrer als Hoffnungsträger. Dass Selke sowohl bei Hertha als auch bei RB Leipzig gescheitert ist und aussortiert wurde, ignorierte man einfach. Das lag ja daran, dass diese Vereine keinen guten Trainer hatten, der Selkes Stärken einbauen konnte. Die eine gute Nachricht für Werder ist ja, dass sie jetzt nicht die 10 Millionen Euro Ablöse für Selke überweisen muss. Aber hey, als letzten relevanten Beitrag im Werder-Trikot sicherte er sich den Titel "Gomez der Woche"... beim Stand von 1:0 für Gladbach ließ er halt eine 100%ige Chance liegen...

Am Ende kommt eine Mannschaft raus, die ganz gelassen 2 Punkt aus den letzten 12 Spielen holte. Nach dem 23. Spieltag war man eigentlich schon gerettet. 9 Punkte Vorsprung bei einem Spiel weniger sind eigentlich nicht zu verspielen. Nur so als Vergleich: Der Abstand zu Platz 7 waren nur 8 Punkte. Aber anstatt sich mit einem starken Saisonfinish das Selbstvertrauen für höhere Ziele in der nächsten Saison zu holen, schaltete man in den entspannten Verwaltungsmodus. Oder man brach komplett ein, je nachdem wie man es sehen will. Egal was es am Ende war, Kohfeldt konnte es nicht verhindern, was seine Aufgabe war.

Nebenbei ist das "Nachlassen zum Saisonende" ja kein neues Phänomen. Letztes Jahr holte man in der Rückrunde 3 Siege. Den ersten gegen am Ende absteigende Düsseldorfer. Den nächsten gegen bereits abgestiegene Paderborner, die halt mit der Liga am Ende überfordert waren. Einen gegen schon gerettete Kölner am letzten Spieltag. Im Wesentlichen rettete man sich mit 2 Siegen aus 18 Spielen (inklusive Relegation). Und diese 2 Siege kamen gegen in dem Moment nicht bundesligataugliche Gegner. Aber hey, bei diesen Siegen erzielte man überragende 11 Tore. Aber wie immer verweigerte man es, diese Ergebnisse ordentlich einzusortieren und ließ sich blenden...

In der Saison 2017/18 "rettete" man sich mit einer Serie von 5 sieglosen Spielen in Folge, bevor man am letzten Spieltag bedeutungslose 3 Punkte gegen Mainz einfuhr. Wirklich stark war man zum Saisonende ausschließlich 2018/19. Also, auch wenn ich mich wiederhole, in der einen Saison, in der Max Kruse richtig Bock hatte.

Dabei wäre es doch ein Anzeichen für gute Trainingsarbeit, wenn sich die Mannschaft im Verlauf der Saison steigert und ein starkes Saisonfinish hinlegt. Werder ist das in 4 Jahren ein Mal geglückt. Und dann gucken alle überrascht, wenn Kohfeldt auch im 4. Jahr den Bock nicht umstoßen kann. 

Das wirklich bezeichnende in dieser Serie von 12 Spielen mit 2 Punkten ist ja... die Leistung von Ralf Fährmann. Also während Werder auf einem guten Weg war das bessere Torverhältnis zu verspielen und mit 0:4 zurücklag, trieb Fährmann die Kölner in den Wahnsinn. Es würde mich nicht überraschen, wenn der zum Spieler des Spieltages gekürt wird. Oder zumindest in die Elf des Tages kommt. Und nachdem er sich dann doch einmal geschlagen geben musste, stürmte er wild entschlossen nach vorne und hätte nach eine Ecke fast noch den Ausgleich erzielt.

Bezeichnender kann die Bundesliga-Geschichte von Werder nicht enden (und genau das könnte ja bei der finanziellen Lage des Vereines jetzt passiert sein): Ein Schalker, dessen Mannschaft im Jahr 2021 sonst überhaupt nichts gerissen hat, ist am Ende der einzige, der sich gegen den Abstieg der Bremer stemmt. Mit allem was er hat und dem Mut der Verzweiflung.

Um nochmal festzuhalten wie erbärmlich das Saisonfinish von Werder war: Wenn Fährmann am Ende das 1:1 köpft, wäre es nur fair gewesen, wenn die Werder-Profis ihre gesamte Prämie für den Klassenerhalt an ihn überweisen... und man hätte über eine Statue vorm Stadion nachdenken müssen. Von Werder selber kam derweil bis es praktisch viel zu spät war gar nichts...

Und ja, natürlich gehe ich davon aus, dass Werder sich in der Relegation trotzdem gerettet hätte, egal gegen wen es geht. Aber meine extreme Ablehnung gegen diesen kommerziellen Auswuchs ist ja auch mehr als gut dokumentiert... Immerhin hatte Werder den Anstand diesen letzten Rettungsring nicht schon wieder zu ergreifen.

Mittwoch, 24. Juni 2020

2 weitere lustige Kohfeldt Details

Weil sein Ausdruck von Panik ja nicht belastend genug war. Aber ganz ehrlich: Man hatte als Neutraler Zuschauer echt das Gefühl, dass ihm während des Spieles gegen Mainz tatsächlich bewusst wurde, wie übel er diese Saison verkackt hat. Und da denke ich mir schon: Das hätte ihm früher auffallen können.

Aber es gibt ja immer noch Leute, die Florian Kohfeldt verteidigen. Die den für einen immer noch guten Trainer halten. Das basiert aber im Wesentlichen auf 2 Scheinargumenten. die bei genauerer Betrachtung null und nichtig sind. Lasst uns die mal genauer betrachten.

Erst Mal das Offensichtliche: Kohfeldt war Jahrgangsbester! Und das, obwohl er im selben Jahr seine Trainerlizenz gemacht hat, wie ein gewisser Julian Nagelsmann. Da muss der doch genau so gut sein wie Nagelsmann. Mindestens. Schließlich ist unsere Trainerlizenz patentiert und perfekt.

Hier ist ein ganz großes Problem: Diese Noten bedeuten echt noch weniger, als der Abischnitt. Eher im Gegenteil: Jahrgangsbester zu werden, scheint eher ein Fluch zu sein. Guckt euch einfach mal die Listen der Jahrgangsbesten an... Wenn das die wichtigste Ausschlusskriterium ist, kann Werder im Sommer als Kohfeldt Nachfolger Karsten Baumann verpflichten. Oder Dirk Schuster. Oder Holger Stanislawski. Würde irgendjemand im Jahr 2020 behaupten, dass das gute Trainer sind? Oder sind das nicht eher alles gescheiterte Talente? Alle 3 sind weit weg von einem Vertrag in der Bundesliga. Stanislwaski so weit, dass er lieber Filialleiter bei ReWe wurde.

Nur um das mal zu verdeutlichen: Ein gewisser Hansi Flick wurde 2003 als Jahrgangsbester ausgezeichnet. Gemeinsam mit Thomas "da lach ich mir doch den Arsch ab" Doll. Dass Hansi Flick jetzt aber in jedem Kicker mit Jupp Heynckes verglichen wird, hat absolut nichts mit seiner Trainerausbildung zu tun...
Es liegt hauptsächlich daran, dass Heynckes dies selber befeuert. Wahrscheinlich, weil er selber nur unfassbar glücklich ist, dass das mit Flick funktioniert hat und er nicht selber noch mal ran musste.

Im Wesentlichen hat sich Flick über jahrelange Co-Trainer-Tätigkeiten in die glückliche Position geschummelt, dass er jetzt Bayern-Trainer ist. Und der Fakt, dass er mal Jahrgangsbester war, ist dafür und dabei so irrelevant, dass es niemand jemals angebracht hat.

Unsere Trainerausbildung ist weit weg davon eine Erfolgsgarantie für die spätere Karriere zu sein. Ob ein Trainer wirklich was taugt, kriegt man erst in der Praxis raus. Und dann genau genommen auch erst in der ersten Krise.


ABER Kohfeldt ist ja nicht nur Jahrgangsbester. Er ist ja auch Trainer des Jahres! Das muss doch etwas bedeuten...

Nun ja... hier ist das faszinierende an diesem Titel: Er wurde gar nicht zu "DEM TRAINER DES JAHRES" ausgezeichnet. Also wenn man den Begriff einfach so googlet, landet man hier: bei der vom Kicker-Sportmagazin initiierten und seit 2002 durchgeführten Wahl. Selbst diese Wahl ist ja eigentlich bedeutungslos. Also die verteilen solche Titel ja gerne um sich selbst Relevanz zu geben. Und Themen zu generieren, über die man dann schreiben kann.
Praktisches Beispiel: Die Geschichte des Balon d'Or. Also 2010 verschmolzen der Preis der Medien und der Preis der Fifa zu einem Titel, so dass einen Weltfußballer gibt. Dann viel den Printmedien unter der Federführung von France Football auf, dass es gar nicht so cool ist, wenn man selber einen Titel weniger hat. Also wurde der UEFA Best Player Award eingeführt und der Ballon d'Or wieder von der Fifa gelöst. So dass jetzt 3 Mal pro Jahr abgestimmt wird, ob Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi jetzt der Beste Spieler der Welt ist.
Und man kann dann nochmal eine extra Schlagzeile aufmachen, wenn ein Spieler wirklich alle 3 Preise gewinnt. Auch wenn der Mehrwert des einzelnen Preises egal ist. Aber irgendwie muss man ja die Seiten füllen...

Und praktisch ist es genau so bei der Wahl zum Trainer des Jahres. Praktisch denkt sich der Kicker: Cool, das sieht dank des Verbandes Deutscher Sportjournalisten legitim aus. Und wir wissen genau, wie wir die Kicker-Ausgabe Nummer 25 gestalten können. Kapitel 1 des Sommerlochs gefüllt, jetzt brauchen wir nur noch einen Spieler des Jahres. Und ja, ich hetze nur dagegen, weil ich nicht abstimmen darf... Aber Details... Im Wesentlichen geht es bei solchen Preisen darum, Inhalte zu generieren, Interviewtermine drum herum zu fixieren und sich selber als Medien Relevanz einzureden. Praktisch bringt einem so ein Titel aber nichts.

Das ist ja noch nicht mal das lustigste daran. Also ja, ich dachte auch, dass Florian Kohfeldt genau diesen Titel gewonnen hat. Einen Preis für Meistertrainer oder diejenigen, die es mal werden wollen. (und... nun ja... Dirk Schuster...) Hat er aber gar nicht.

Kohfeldt hat einen Preis gewonnen, nachdem man sehr spezifisch suchen muss, wenn man zu einer List der Titelträger kommen will: Den Trainerpreis des Deutschen Fußballs. Vergeben wird das Ding seit 2009 vom DFB. Und die Kriterien für den Preis sind... schwammig. Also entweder man bringt "herausragende Leistungen im Spielbetrieb"... oder man zeigt "besonderes gesellschaftliches Engagement"... Eines von beidem wäre nett. An sonsten noch irgendwas mit Jugendarbeit.
Es weiß nebenbei auch niemand genau, wie dieser Preis verteilt wird und wer da abstimmt. Nur so als Randinformation.

Meine persönliche Theorie: Der DFB wollte die Arbeit von Horst Hubresch irgendwie honorieren. Also nicht nur, aber auch finanziell. Schließlich hat der in der Jugendarbeit beim DFB um 2009 herum Großes geleistet... und war dem DFB gegenüber immer loyal. Oder es ist einfach aufgefallen, dass man vergessen hat ihm eine Titelprämie in den Vertrag zu schreiben und man musste dies irgendwie elegant regeln...
Da dachte sich jemand: "Wir haben noch nen Budgetposten 'Sonstiges und Preise'... lasst uns einen Preis mit 50.000 Euro dotieren und den an Hubresch verteilen. Danach müssen wir das noch nen paar Jahre weiter machen, aber lasst uns darauf achten, dass wir nicht die offensichtlichen Kandidaten nehmen, sondern auch Trainerinnen wie Maren Meinert, die in der Jugendausbildung bei den DFB Damen wichtige Rollen spielt."
"Geile Idee. Wie lange müssen wir das machen, damit es keinen auffällt?"
"10 mal, also bis einschließlich 2018."

Und das würde jetzt vollkommen absurd klingen, wenn es einen Preisträger für das Jahr 2019 gäbe... der wurde aber noch nicht bekannt gegeben.

Nur um nochmal zu verdeutlichen, wie irrelevant dieser Preis tatsächlich ist: Wenn ich Trainerpreis des Deutschen Fußballs 2019 google, weil man rauskriegen will, wann und wie der aktuelle Preisträger bekannt gegeben wird... finde ich 6 Einträge zu Kohfeldt, einen zu Julian Nagelsmann und einen zur aktuellen Saison von Werder Bremen. Dass dazwischen ein Hannes Wolf diesen Titel geholt hat, interessiert keinen. Gut, das mag daran liegen, dass ich zu häufig Kohfeldt gegoogled habe... Aber ihr könnt ja mal rauskriegen, ob ihr andere antworten bekommt und das in die Kommentare schreiben...
Und da ist er, der erste "Schreibt es in die Kommentare" Teil! Nach all den Jahren...

Jedenfalls ist es im Umfeld von Werder Bremen so oft erwähnt worden, dass Kohfeldt diesen Preis gewonnen hat, dass jetzt alle denken, dass es ja von Bedeutung sein muss. Auch wenn der Preis am Ende eher mit dem Echo für Farid Bang und Kollegah vergleichbar sein könnte...


Also ja... der Mythos "Kohfeldt muss ein guter Trainer sein" basiert auf einer guten Abschlussnote, die aber vollkommen irrelevant und einem Preis, bei dem keiner genau weiß, warum er existiert, wer da abstimmt und ob er überhaupt noch existiert. Das weckt doch vertrauen.

Samstag, 23. Mai 2020

Das Kohfeldt Paradoxon

Bevor das Tagesgeschehen diese Geschichte überholt... schreibt man lieber etwas, am Samstag.

Meinem derzeitigen Lieblingstrainer Florian Kohfeldt ist etwas unfassbares gelungen: Er hat anscheinend den Rückhalt der Medien verloren. Und wie hat er das geschafft? Nun ja, er hat offenbar das, was der Kicker über ihn geschrieben hat und was seine Vorgesetzten bei Werder Bremen ihm die ganze Zeit über gesagt haben, tatsächlich geglaubt... und jetzt im Wesentlichen eins zu eins zurück gegeben.
Wobei er ja genau genommen wenig neues sagt. Also dass er seinen Stuhl räumen würde, wenn Werder jemand besseres findet, fiel, glaube ich, vor Monaten schon. Dass er sich immer noch für den Besten Trainer für Werder hält, ist weder größenwahnsinnig noch "tollkühn"... es ist praktisch der einzige Weg, wie er als Bundesligatrainer seine Arbeit machen kann. Also wenn er selber diesen Glauben an seine Arbeit und damit auch an sich nicht mehr vermitteln kann, dann wird seine Mannschaft ihm auf keinen Fall folgen.

Nur um an der Stelle nochmal meine persönliche Position zu Kohfeldt zu verdeutlichen: Ich halte den Mann offensichtlich für überschätzt. Das bedeutet aber nicht, dass ich ihn für einen schlechten Trainer halte. Es ist halt verdammt leicht überschätzt zu werden, wenn alle so tun, als wäre man der nächste Jürgen Klopp oder, weil es halt logisch ist, der nächste Thomas Schaaf. Dabei ist er realistisch eher der nächste Bruno Labbadia.
Und ja, ich musste meine Position zu Labbadia neulich auch revidieren. Also Hertha BSC Berlin den als neuen Trainer vorgestellt hat, dachte ich "Unnötig, denn die Klasse halten sie auch so... aber an sich ein guter Move von Hertha"... Aber Labbadia dürfte die Rückschläge in Form von Entlassungen halt auch gebraucht haben. Und jetzt ist er mindestens ein sehr solider Bundesligatrainer.

Kohfeldt ist halt ein interessantes Trainertalent. Er bringt hervorragende Anlagen mit. Und er hat den Anspruch selbst unter schwierigen Umständen wirklichen Fußball spielen zu lassen. Aber er hat diese Saison halt auch richtig in den Sand gesetzt. Wenn man es nicht schafft seine Talente weiter zu entwickeln und bei Standards immer dieselben Fehler macht, muss man das genau so nennen. Und mir kann keiner erzählen, dass Werder wirklich den 2. schlechtesten Kader der Liga hat. Auch mit den Verletzungssorgen gibt es andere, die schwächer besetzt sind. Aber Kohfeldt hat es nie geschafft das vorhandene Potenzial auf den Rasen zu bringen.

Werder Bremen selber hat ja in den letzten Tagen den Christian Streich Vergleich ins Spiel gebracht. Ok, lasst uns das mal machen: Also Streich hat unter schwierigsten Voraussetzungen nach einer Hinrunde mit 13 Punkten den direkten Klassenerhalt gefeiert. Ohne jegliche Relegation, weil der SC Freiburg so was halt nicht braucht. In der Rückrundentabelle war er auf Platz 7. Im Jahr darauf hat er Freiburg in die Europa League geführt. Zum 2. Mal in der Vereinsgeschichte. Nur ein Mal stand man in der Bundesligaabschluss-Tabelle besser da... da dies vor der Einführung der 3 Punkte pro Sieg Regel war, kann Streich behaupten: Nie holte ein Freiburger Trainer in einer Saison mehr Punkte. Wobei auch festzuhalten bleibt: An die 27 Punkte seiner ersten Halbserie kam er dabei gar nicht ran... Nach 1 1/2 historisch spielte Freiburg eine ganz normale Saison, was für einen Verein wie dem SC Freiburg halt Platz 14 bedeutete. Aber dieser "Rückfall aufs Normale Niveau". Erst nach 1 1/2 historisch guten Jahren und einer normalsterblichen Saion stieg der SC Freiburg dann ab.
Hierbei muss man aber auch mal dringend erwähnen, dass ein Abstieg mit dem SC Freiburg etwas ganz anderes ist als ein Abstieg mit Werder Bremen.

Und das wird einem halt beim Vergleich deutlich. Denn Kohfeldt startete genau so beeindruckend wie Streich mit 29 Punkten in 17 Spielen. Seine erste Mission als Retter erledigte er mit Bravour. Dass kann ein Bruno Labbadia allerdings auch von sich behaupten. Oder, oder, oder. Es gibt genügend "Dead Coach Bounces."
Das Jahr darauf führte er Werder dann ins Mittelmaß. Das ist ordentlich. Aber halt auch nicht mehr. Vor allem wenn man bedenkt, dass er den "Klassenerhalt" mit einer Serie von 5 Spielen ohne Sieg endgültig sicherte.
Und letztes Jahr hätte er seine Mannschaft, auf dem Rücken eines überragenden Individualisten im "Contract Year Modus" fast nach Europa geführt. Es war am Ende echt knapp. So, wie Werder sich derzeit präsentiert, sollten sie echt froh sein, dass sie nicht nebenbei noch über die europäischen Dörfer tingeln müssen...

Und hier ist das entscheidende Problem im Streich-Vergleich: Mit Werder die Europa League zu erreichen ist keine überragende Leistung. Also historisch betrachtet. Eigentlich sollte es für einen jahrelangen Werder Trainer der Mindestanspruch sein, Werder ein Mal alle 4 Jahre nach Europa zu führen.

Nehmen wir da mal zur Verdeutlichung seinen Emotionalen Vorgänger Thomas Schaaf als Vergleich: Der führte Werder bereits im ersten vollen Jahr fast nach Europa. Und dann 2 Mal in Folge auf Platz 6, was ein Mal zur Teilnahme an der Europa League reichte. Werder hatte damals Probleme mit der Balance zwischen Offensive und Defensive... und brach in der Rückrunde immer ein. Aber trotzdem war jede der ersten 3 Jahre in der Abschlusstabelle erfolgreicher als alles, was Kohfeldt jemals abgeliefert hat. Und danach wurde Werder dann Doublesieger. Und Thomas Schaaf wurde zum Heiligen. Danach durfte er sich dann praktisch einen auf Jahre angelegten schleichenden Niedergang leisten, ohne dass irgendjemanden auffiel, dass der moderne Fußball irgendwie an Schaaf vorbei gezogen ist... Nen bischen, als spontaner Vergleich, wie bei Arsene Wenger und Arsenal London...

Kohfeldt darf dagegen ohne historische Vorleistungen eine der schlechtesten Werder-Saisons aller Zeiten spielen lassen, ohne dass er irgendwie in Frage gestellt wird. Und bis Mitte Mai wurde er ja nicht mal von den Medien oder den Alteingesessenen in Frage gestellt.
Aber mal als spekulative Frage: Glaubt irgendjemand, Thomas Schaaf hätte Werder anstatt zur Meisterschaft auf Platz 17 führen dürfen ohne entlassen zu werden?

An der Stelle fällt mir dann auf: Kohfeldt ist gar nicht das Problem, er ist das Symptom. Die Personalie, an der halt allen deutlich wird, dass bei Werder eigentlich fundamental etwas falsch läuft. Dass die eigene Genügsamkeit und die mangelnden Ansprüche zu einer kaum noch aufzuhaltenden Negativspirale, die über kurz oder lang in Liga 2 enden wird, geführt hat.

Denn hier kommt mal das kurze Realitäts-Update: Eigentlich sollte sich Bremen mit Borussia Mönchengladbach vergleichen. Mindestens. Denn eigentlich hat man dank der doch überraschend zahlreichen Abstiege der Gladbacher einen extremen Vorsprung. Den man auf beeindruckende Art und Weise verspielt hat.
Und ja, auch Gladbach steht für ruhiges, kontinuierliches Arbeiten und seriöses Wirtschaften in einem familiären Umfeld. Nur wird in Gladbach ein Dieter Hecking für Arbeit, die sich im normalen Rahmen des erwartbaren Erfolges bewegt, nicht zum Heiligen verklärt... sondern am Ende einfach ersetzt um neue Impulse zu setzen.

Die bittere Realität lautet: Man kann sich noch nicht mal mit dem FC Augsburg messen. Also zumindest was die Europa League Teilnahmen der letzten 10 Jahre betrifft.
Eigentlich sollte es Bremens Anspruch sein, dass man zumindest selber diese eine Mannschaft ist, die in die Internationalen Plätze rein rutscht, wenn die wirtschaftlich stärkeren Teams dies verkacken. Stattdessen haben Augsburg, Mainz, Freiburg und Hannover diese Rolle übernommen. Genau genommen auch Eintracht Frankfurt, die jetzt versuchen sich auf dem Erfolg der letzten Jahre eine konstante Basis für eine bessere Zukunft zu erarbeiten. Also genau das, was Werder in den letzten 20 Jahren verkackt hat...

Bremen sollte eigentlich über diesen Mannschaften stehen. Stattdessen vergleicht man sich mit dem SC Freiburg, deren Anspruch es ist zu den 25 besten Mannschaften in Deutschland zu gehören. Wo eine schlechte Saison eigentlich erst beginnt, wenn man nicht zur Spitzengruppe der 2. Liga gehört, wo aber ein Abstieg halt auch mal passieren kann. Werder sollte aber den Anspruch haben zu den 10 besten Mannschaften in Deutschland zu gehören. Die Voraussetzungen dafür sollten immer noch gegeben sein. Zumindest wenn man den Abstieg noch vermeidet. Aber stattdessen gibt man sich mit wesentlich weniger zufrieden.
Und so erhöht man dann auch einen Trainer, der ganz normale Ergebnisse erzielt, zur Legende... und wundert sich, dass die Leistungen nicht besser werden, wenn man die Ansprüche runter schraubt.

Das ist halt Schade, weil Werder eigentlich echt der einer der sympathischen Bundesligisten ist. Eigentlich stehen wir alle auf offensiv ausgerichteten Fußball und seriös geführte Vereine. Selbst ich, der ja eigentlich vom Zynismus lebt und gar nichts zu schreiben hätte, wenn alle Vereine wie Werder geführt werden würden.
Aber, als interessante These, wahrscheinlich wurde Kohfeldt deswegen so viel verziehen, anstatt diese Saison als das zu beschreiben, was sie eigentlich ist: Eine extrem schlechte Trainerleistung. Deswegen will auch keiner glauben, dass Kohfeldt irgendwie Schuld an der mangelnden Fitness hat. Irgendwie wissen wir alle, dass es für die Liga im Allgemeinen das beste wäre, wenn Werders Weg zum Erfolg führt. Denn wenn man gute Trainer in einem ruhigen Umfeld ihre Arbeit machen lässt, muss dies zwangsweise zu einem besseren Produkt auf dem Rasen führen.

Nur wird halt allen langsam deutlich, dass die Arbeit von Kohfeldt unangemessen wenig Früchte trägt.
Das wirkliche Problem für Werder lautet aber: Wenn man jetzt Kohfeldt einfach entlässt, aber an sonsten genau so Selbstzufrieden weiter macht, wird das genau so wenig helfen, wie ein Wiederaufstieg mit Kohfeldt, für den man sich dann auf die Schulter klopft. Nur wenn man selber sein Weltbild wieder richtig ausrichtet, wird es in Bremen wirklich vorwärts gehen.

Donnerstag, 2. Januar 2020

Machen wir da weiter, wo wir aufgehört haben:

Beim lustigen Floran Kohfeldt Bashing. Nicht unbedingt, weil es lustig ist, aber weil mir seit dem letzten Mal einige Dinge aufgefallen sind, die ihn auch nicht unbedingt besser aussehen lassen... die man aber mal durchdenken könnte.

Dabei ist eines ganz wichtig: Ich empfinde es als albern, die Leistungen eines Trainers ausschließlich von den Ergebnissen abhängig zu machen. Also nur, weil der Ball von der Latte ins Tor sprang und nicht zurück ins Feld, wird der Trainer nicht besser oder schlechter. Und natürlich sollte man als Trainer dafür sorgen, dass seine Spieler möglichst häufig in die Position kommt um Tore zu erzielen, aber Spiele werden oft durch sehr wenige, auch auf Zufall basierenden Ereignissen entschieden. Gerade wenn man nicht bei einem der großen, ständig dominant auftretenden Mannschaften ist.

Im Wesentlichen hat ein Trainer, nachdem er eine Spielphilosophie etabliert hat, was bei Kohfeldt ja der Fall gewesen sein soll, 3 wesentliche Aufgaben, an denen er sich messen lassen muss: 1. Wie hat er Neuzugänge integriert? 2. Hat er bereits bekannten Spieler weiter gebracht? Und 3. hat er die Spielphilosophie seiner Mannschaft weiter entwickelt.

Lasst uns mal erstens und zweitens ansehen und Kohfeldt mit einigen anscheinend guten Trainern vergleichen. Fangen wir bei erstens mit Julian Nagelsmann an. Klar, Leute mit Nagelsmann zu vergleichen, wirkt immer erst Mal unfair, aber andererseits... wer, wenn nicht einen Trainer des Jahres, soll diesem Vergleicht standhalten?

Vor allem geht es gar nicht um das Gesamtkonstrukt bei RB gehen, sondern um einen einzelnen Spieler, an dem man die Arbeit von Nagelsmann schön nachvollziehen kann: Patrik Schick. Der könnte einer dieser Standard-RB-Transfers sein, bei denen sich die Konkurrenz schon irgendwie fragen muss, warum sie nicht auf den Aufmerksam geworden sind. 18 Millionen haben die ja mittlerweile auch. Und man hätte ihn sich ja sogar erst mal leihen können. Aber man muss halt auf die Idee kommen, einen Stürmer zu holen, der in der Vorsaison in der Serie A nur 3 Tore erzielt hat... und das Potenzial aus diesem Spieler herausholen. Für das eine ist die Scoutingabteilung und das Management zuständig, das andere macht ein guter Trainer.
Vor allem war eigentlich nicht abzusehen, dass Schick schon in seiner ersten Halbserie eine relevante Rolle spielen sollte.  Eher im Gegenteil: Nach 12 Spieltagen stand er nur 3 Mal überhaupt im Kader und kam auf 42 Minuten Einsatzeit. Aber seit dem kommt er auf 5 Scorerpunkte in 5 Spielen... und könnte der Spieler sein, der Yussuf Poulsen nach all den Jahren verdrängt.

Offensichtlich haben Nagelsmann und sein Team es geschafft Schick zwischen den Spielen an das anspruchsvolle System und die Bundesliga heranzuführen. Und als er ihn endlich loslassen konnte, war Schick auch in der Position voll einzuschlagen.
Natürlich ist so was in einem Team, welches auf einer Erfolgswelle schwimmt und faszinierend funktioniert, einfacher. Aber dennoch ist es keine Selbstverständlichkeit.

Und derartige Geschichten hört man ja bei guten Trainern in schöner Regelmäßigkeit. In Freiburg brauchen Neuzugänge praktisch traditionell ein halbes Jahr als Anlaufzeit, aber dann fängt die Arbeit an Früchte zu tragen. Natürlich nicht immer, aber immer wieder.
Benito Raman ist gerade auf Schalke so ein weiteres schönes Beispiel, welches mir spontan einfällt: Nach 10 Spieltagen sah das nach einem Missverständnis für alle Beteiligten aus. Wie der Verpflichtung des nächsten "Schalke Angreifers". Seit dem hat es aber Klick gemacht und Raman lieferte eine überragende 2 Hälfte der Hinrunde ab. Das wird auch mit der Arbeit David Wagner zu tun haben.

Jetzt fragt euch mal, welcher Werder Neuzugang nach anfänglichen Problemen am durchstarten ist. Leonardo Bittencourt hat immerhin 2 Tore erzielt, aber wirklich viel ist das auch nicht. Michael Lang pendelt zwischen Startelf und Tribüne. Bei Ömer Toprak kann man immerhin auf Verletzungen verweisen... aber hier ist ja das ganz große Problem: Das ist keine zwingend neue Erkenntnis. Also auch bei den Transfers aus der Vorsaison Davy Klaassen (den man als überragenden Transfer von Frank Baumann einstufen muss, also als Sicheres Ding, aber wirklich entwickelt hat der sich auch nicht), Nuri Sahin und Yuyo Osako wartet man irgendwie auf den entscheidenden Schritt. Und Martin Harnik ist schon wieder weg.

Die letzten beiden bringen einen wunderbaren Übergang zu 2.: Die Weiterentwicklung vorhandener Profis. Yuyo Osako hat ja letzte Saison einen sehr ordentlichen Job als "Martin Harnik Angreifer" abgeliefert: Als Nebenmann von Max Kruse hat er wunderbar funktioniert. Nur hätte er dieses Jahr den Schritt zum Alphatier um Angriff nehmen müssen, damit Werder Bremen keine Probleme bekommt. Damit ist er anscheinend immer noch überfordert. Auch diesen Spieler hat Kohfeldt nicht entscheidend nach vorne gebracht.

Schon das letzte Mal habe ich ja, damals noch hauptsächlich auf Talente bezogen, dargelegt, dass die mangelnde Entwicklung das eigentliche Problem an der Misere ist. Und dafür ist halt auch irgendwie der Trainer verantwortlich.
Wenn man sich dann noch den spätestens gegen Köln offensichtlichen Verfall der Spielkultur anguckt... und sich anschaut, wie oft die Mannschaft komplett auseinander fällt...

Lasst uns das mal mit jemanden vergleichen, der genau so beschissen dasteht, dem die Entwicklung aber gelungen ist: Steffen Baumgart. Zu Saisonbeginn war diese Mannschaft hoffnungslos überfordert. Nach 8 Spieltagen war man ganz souverän auf Tasmania Berlin Kurs. Aber Baumgart hat einerseits die Spielphilosophie weiterentwickelt, so dass man nicht mehr so naiv spielt wie vorher. Und er hat einzelne Spieler wie Streli Memba deutlich weiterentwickelt. Bei dem denkt man sich mittlerweile: Er wird auch nächste Saison Bundesliga spielen können. Christopher Antwi-Adjei ist ein weiterer Name, dessen Leistungskurve (wenn auch auf bescheidenem Niveau) nach oben zeigt und der, wenn es so weiter geht, im Sommer tatsächlich Bundesliganiveau darstellen dürfte...

Und das Spielermaterial, mit dem Baumgart arbeiten muss, ist wesentlich schlechter als das der Bremer. Aber dennoch hat er sie an den Punkt gebracht, dass sie Bremen schlagen.

Lasst uns da mal ein fiktives Beispiel nehmen und uns fragen, ob der SC Paderborn stand jetzt das Team vom Saisonbeginn schlagen würde. Darauf dürfte es ein eindeutiges Ja geben. Bei Werder Bremen sieht dies eindeutig anders aus.

Nebenbei will ich gar nicht behaupten, dass Kohfeldt ein schlechter Trainer ist. Er hat durchaus Talent und ist noch jung genug um sich zu einem richtig guten Trainer zu entwickeln. Aber derzeit ist er einer dieser Durchschnittstrainer der Bundesliga. Etwas wie Bruno Labbadia oder Markus Gisdol: Mit gutem Material machen die brauchbare Dinge, aber selber gutes Material zu entwickeln ist nicht so ihres. Über Kohfeldt wird aber immer noch geredet, als wäre er ein Übertrainer.


Lasst mich, weil es mir gerade aufgefallen ist, mal über ein Beispiel einer überragenden Trainerleistung in einer anderen Sportart sprechen: Brian Flores von den Miami Dolphins in der NFL. Nur kurz zur Erklärung: Die Dolphins haben, weil man in Amerika nicht Absteigen kann (also zumindest nicht im Sport) vor der Saison ihren gesamten Kader auseinandergenommen um absichtlich schlecht zu sein. Und zu Saisonbeginn waren sie auf einem historisch schlechten Kurs. Man verlor unter anderem 0:43 gegen die New England Patriots, was quasi der FC Bayern der NFL ist. Als es für diese Patriots in einem Heimspiel am Ende um alles ging und für die Dolphins um nichts mehr... verloren zur allgemeinen Überraschung die Patriots. Und das Team, welches eigentlich alle 16 Spiele verlieren sollte, stand plötzlich bei 5 Siegen.
So sieht überragende Trainerarbeit aus: Er hat eine absolute Katastrophenmannschaft in 2 Monaten wettbewerbsfähig gemacht. Jetzt wird hinter vorgehaltener Hand darüber geredet, ober nicht Trainer des Jahres werden sollte.

Natürlich ist so was in der Bundesliga schlecht möglich, weil Mannschaften (abgesehen vielleicht vom Hamburger SV oh und Hannover 96... das muss an den HSV Initialen liegen) nicht den Plan haben schlecht zu sein, weil man dann ja absteigen könnte. Und vor allem werden Trainer, wenn es schlecht läuft, häufig schnell entlassen. Am ehesten würden mir das Friedhelm Funkel aus Fortunas Vorsaison und Markus Weinzierl in seiner ersten Augsburger Saison einfallen: Beide sahen in der Hinrunde wie sichere Absteiger aus und entwickelten aber (der eine schneller, der andere mit 9 Punkten aus der Hinrunde) eine Mannschaft, die sich souverän den Klassenerhalt sicherten.

Vielleicht ist das ja das wirklich spannende an dieser Vorbereitung: Kohfeldt muss genau jetzt nachweisen, dass er eine ähnliche Trainerleistung wie Funkel oder Weinzierl vollbringen kann. Er muss genau jetzt die Probleme, die sich angehäuft haben, lösen. Und auch wenn mich das überrascht, weil Werder ja zum Ende ein wenig die Luft ausging, aber den Nachweis, dass er eine bessere Rück- als Hinrunde spielen lassen kann, hat er letzte Saison geliefert. Wenn ihm das wieder gelingt, nehme ich alles zurück und verneige mich vor der Ruhe von Frank Baumann. Denn wenn er das jetzt schafft, ist er definitiv ein Guter Trainer. Aber er muss halt jetzt seine Meisterprüfung ablegen.

Freitag, 20. Dezember 2019

Warum wollen uns alle einreden, dass Floran Kohfeldt ein guter Trainer sein muss?

Und wer überzeugt da eigentlich wen?

Dass Werder Bremen dass selber macht, kann ich ja noch nachvollziehen. Es ist halt deren Vereins-DNA alle paar Jahre einen Trainer zu finden, der dann jahrelang überragende Arbeit abliefert. Anderseits ist Florian Kohfeldt auch erst der 3. Trainer nach der Ära Thomas Schaaf... und bei Otto Rehagel hat es damals 4 "Fehlversuche" gebraucht, bis man den richtigen gesucht hat. Nach der Logik sollte man schnell von Kohfeldt weiterziehen und sich für die Rückrunde einen Interimstrainer suchen, damit es danach dann endlich wieder aufwärts gehen kann...

Aber wie gesagt: Dass Werder seinen Trainer stützt, halte ich ja für völlig normal. Dass aber der Kicker praktisch ein Loblied nach dem nächsten anstimmt und alles im Zweifelsfall für Kohfeldt auslegt...

Fangen wir mal mit den historischen Leistungen von Kohfeldt an. Die ja angeblich so herausragend sein sollen. Klar, als er die Mannschaft im Herbst 2017 zum frühzeitigen Klassenerhalt... mit einer überragenden Serie von 5 Spielen ohne Sieg. Nur um sich dann doch mit einem Dreier in die Sommerpause zu verabschieden. Man könnte auch sagen: Sobald der Klassenerhalt mit 10 Punkten Vorsprung gesichert war, war auch sofort die Luft raus und von Werder kam nichts mehr.

Und klar, er war besser als Alexander Nouri. Aber würde irgendjemand behaupten, dass man ein überragendes Trainertalent sein muss um dies zu schaffen?

Letzte Saison sollte es dann den großen spielerischen Fortschritt geben. Und genau genommen gab es die auch. Nach einer starken Hinrunde mit 31 Punkten lag man sogar auf Europacup Kurs. Aber wie auch im Vorjahr schaffte Kohfeldt es nicht, die Saison vernünftig Zuende zu bringen. Auch wenn es dieses Mal eher Februar war, in dem man kaum was gewinnen konnte.

Und ob es den großen spielerischen Fortschritt wirklich gab... oder Max Kruse einfach nur auffiel, dass er eine richtig starke Saison abliefern muss, wenn er ablösefrei zu einem Champions League Kandidaten wechseln will... im Englischen nennt man das "Contract Year Phenomenon". Am Ende kam er auf 22 Scorerpunkte und war bester Torschütze und bester Vorlagengeber. Wie viel Einfluss Kohfeldt wirklich auf die Motivation hatte... vielleicht lag es daran, dass er seinen Ausnahmespieler zum Kapitän gemacht hat und ihm, was echt auch keine Kunst ist, alle Freiheiten gab, die er so braucht. Oder aber Kruse beschloss selber, dass er diese Saison mal richtig Dampf macht, damit er hinterher die Millionen absahnen kann. Faszinierender Weise ist er jetzt bei einem Tor in der türkischen Liga...
Und dieses Jahr stellt Werder fest, dass sie ohne ihren Fixpunkt nichts auf die Reihe bekommen. Sind wir uns sicher, dass Werder ohne Kruse letzte Saison nicht auch auf Platz 16 gelandet wäre?
Vor allem tun jetzt alle so, als wäre es eine überragende Trainerleistung gewesen mit diesem Verein im gesicherten Mittelfeld zu landen. So als würden wir von Düsseldorf oder Paderborn reden. Im Wesentlichen hat er eine ordentliche Saison abgeliefert, nicht mehr und nicht weniger.

Aber die Freisprüche für Kohfeldt gehen ja noch weiter. Im heutigen Kicker wird echt die Frage gestellt, ob es dem Trainer "anzulasten" ist, dass sich die Talente "zuletzt eher zurück entwickelten"... ähm... Wem soll man das sonst anlasten? Dem Platzwart?

Und es ist ja nicht so, dass ein einzelnes Talent nicht den erhofften oder erwarteten nächsten Schritt in der Karriere gemacht hat. So was kann halt passieren. Aber weder Johannes, noch Maximilian Eggestein oder Marco Friedl oder Sargent Joshua oder Milos Veljkovic haben sich entwickelt. Und genau genommen ist das, und nicht die Verletztenmisere, das eigentliche Problem. Denn wenn ich darauf hoffen muss, dass mein 34 jähriger Kapitän die Saison verletzungsfrei übersteht, weil keiner der nachkommenden Verteidiger einen relevanten Entwicklungsschritt, der kommen musste, gemacht hat... dann kriege ich halt ein Problem.
Die einzige Ausnahme ist an der Stelle Milot Rashica. Aber wenn man sich die anderen so anguckt, kann man sich schon fragen, ob der sich wirklich wegen Kohfeldt entwickelt hat.
Nur so als Vergleich: Nur weil Heiko Herrlich in Leverkusen die Entwicklung des überragenden Talentes Kai Havertz nicht verhindern konnte, macht ihn das nicht zu einem überragenden Trainer... Vielleicht ist es bei Kohfeldt ähnlich und er trägt die Verantwortung dafür, dass 4 von 5 Talente nicht vom Fleck kommen.

Und die Mannschaft sowohl als Gruppe, als auch individuell weiterzuentwickeln ist doch die Aufgabe des Trainers.

Dazu kommt natürlich noch die hypothetische Frage ob es sich hier wirklich nur um Verletzungspech handelt... oder doch auch um ein strukturelles Fitnessproblem. Das ist halt die Frage nach dem Huhn und dem Ei. Und selbst Leute mit einer medizinischen Fachausbildung dürfte da zu keiner eindeutigen Antwort kommen.

Im Wesentlichen macht Kohfeldt echt immer noch dasselbe wie im letzten Jahr. Er hat es immer noch nicht geschafft einen Sargent so viel besser zu machen, dass der an einem Ü40er Angreifer vorbeizieht. Er hatte auch letztes Jahr einige heftige Pleiten im Angebot.  Nur hat er dieses Mal keinen überragenden Offensivakteur, der seine Probleme überdeckt.

Aber Kohfeldt hat es halt irgendwie geschafft vom DFB als "Trainer des Jahres 2018" ausgezeichnet zu werden. Und wer wenn nicht der DFB hat Ahnung von überragenden Trainern, die beschäftigen seit Jahren Jogi Löw... Also vertrauen alle auf deren Expertise und legen sich fest, dass Kohfeldt nicht der Schuldige ist...