Das ist halt der Nachteil einer Setzliste: Am Ende kommt alles genau so, wie man es vorhersagen konnte... obwohl doch gerade die WM von der Unberechenbarkeit lebt. Wenn ich sehen will, wie die 4 besten Mannschaften taktische Meisterwerke abliefern, gucke ich die Champions League. Bei einer WM geht es doch um die großen und kleinen Überraschungen. Um Marokko, Kroatien und Belgien.
Das Lustigste daran war ja das Gejammer um das Spiel um Platz 3 von Thomas Tuchel... Nur damit seine Mannschaft ihn dann widerspricht und in der ersten Halbzeit ein absolutes Feuerwerk abliefert. Frei nach dem Motto: Wenn wir diesen Scheiß mitmachen müssen, stellen wir aber sicher, dass die nächsten Mannschaften das auch müssen. In der 2. Halbzeit ging den Engländern dann aber völlig überraschend die Luft aus. Wer hätte das kommen sehen?
Ernsthaft: Das Spiel um Platz 3 ist nur dann überflüssig, wenn die Top 4 der Setzliste ins Halbfinale einziehen. Das sind jetzt quasi die Geister, die Gianni Infantino rief. Denn dank seiner (durchaus vernünftigen) Setzliste konnten diese 4 Mannschaften, wenn sie denn ihre Gruppe gewinnen, erst im Halbfinale aufeinandertreffen. Und genau so kam es dann auch. Danach mussten dann die erfolgsverwöhnten Franzosen und die überspielten Engländer austragen, wer denn nun dritter wird.
Aber gerade aus englischer Perspektive... Also dieses Spiel sorgte am Ende dafür, dass England die erfolgreichste Weltmeisterschaft seit 1966 spielte. Wenn die Engländer nicht so arrogant wären, würden sie das auch anerkennen. Wer seit 60 Jahren auf einen großen Titel wartet, sollte so eine Bronzemedaille nicht verschmähen.
Das Spiel um Platz 3 ist halt nur sinnlos, wenn man nur an die großen 5 Nationen denkt. Für die ist dieses Spiel eine unnötige Zusatzbelastung. Aber nehmen wir mal spaßeshalber das Spiel um Platz 3 aus dem Jahr 2006: Deutschland und Portugal haben vorher ein überraschend starkes Turnier gespielt. Beide kamen weiter als erwartet. Gerade die Deutschen haben eine riesige Euphorie ausgelöst. Also nutze man die Gelegenheit, um nochmal mit den Fans zu feiern. Während Oliver Kahn und Luís Figo ihren letzten Auftritt auf der Nationalmannschaftsbühne bekamen. War doch wunderschön.
Und in den meisten Fällen wird dieses Spiel von einem (oder zwei) Überraschungen als buchstäbliche Ehrenrunde genommen. 2002 war es die Türkei. 2010 Uruguay. Selbst Belgien kann hinterher behaupten, dass ihre doch nicht goldene Generation wenigstens 2018 Bronze geholt hat... was halt der größte Erfolg der Verbandsgeschichte ist. Einzig Brasilien - Niederlande 2014 war halt "das Spiel, das keiner wollte." Das ist doch eine respektable Quote.
Man muss mal wieder festhalten, dass am Ende nur die ganz Großen jammern, während sich alle anderen über solche Gelegenheiten freuen. Vielleicht sollten die mal anerkennen, dass sie nicht die einzigen auf der Welt sind, die Fußball spielen. Und nebenbei sorgt der Fakt, dass das Spiel nicht ganz so ernst genommen wird, ja auch dafür, dass die hemmenden Ketten abgelegt werden. Also außer bei Kroatien und Marokko...
Das Finale war dann aber das erwartbare Finale. Spanien spielte Argentinien einfach müde. Argentinien versuchte sich vergeblich zu wehren und testeten dabei die Grenzen des Erlaubten großzügig aus. Am Ende zu großzügig, das man die Verlängerung in Unterzahl bestreiten musste. Aber nach 100 Minuten sah es doch so aus, als hätte man es geschafft, diesen Robotern auf die Nerven zu gehen... Weshalb Spanien sich dann doch dazu entschied, einfach mal ein Tor zu schießen...
Das bezeichnende an diesem Finale war aber, wie Spanien Lionel Messi aus dem Spiel nahm. Keine Manndeckung, die Thomas Tuchel ins Spiel gebracht hat. Keine spezielle Taktik, die nur auf ihn zugeschnitten war. Sie entschieden sich einfach dafür, seine 10 Helfer anderweitig zu beschäftigen. Sie sorgten dafür, dass der Gegner die ganze Zeit dem Ball hinterherlief. Und Messi geht halt in solchen Momenten meistens spazieren. Am Gegenpressing nimmt er doch seit mindestens 10 Jahren nicht mehr Teil. Mittlerweile ist es wirklich eklatant. Was aber auch für Argentinien völlig in Ordnung ist, denn wenn die Mitspieler sich darum gekümmert haben, dass er den Ball bekommt, zahlt er das ja zurück. Aber wie vorher schon erwähnt, kann man sich das gegen Mannschaft, die de facto auf Champions League Niveau spielen, nicht erlauben. Die logische Konsequenz: 54 Ballkontakte und ein Torschuss in 120 Minuten. Gegen England waren es 96 in der regulären Spielzeit.
Und hier muss man nochmal festhalten: Messi hat genau so gespielt, wie in den Runden davor. Auch da war er im Spiel gegen den Ball kein Faktor. Nur bestand das Spiel da nicht ausschließlich aus der Arbeit gegen den Ball. Spanien konnte sich aber voll und ganz darauf verlassen, dass Argentiniens Spiel gegen den Ball nicht ausreichend sein wird, um Messi ins Spiel zu bringen. Was natürlich nach der Machtdemonstration gegen Frankreich auch keine große Überraschung war.
Es ist nebenbei faszinierend, dass Spanien zum 2. Mal im selben Modus Operandi Weltmeister wird. Schon 2010 wurde man nur 8 Toren Weltmeister. Man kassierte 2 Tore übers gesamte Spiel. Die Defensivtaktik bestand aus dem "Wenn der Gegner den Ball nicht hat, kann er kein Tor erzielen" Prinzip. Jetzt war man vorne etwas großzügiger, kassierte aber nur ein einziges Gegentor. Man hielt die Offensivstars von Frankreichs und Argentiniens bei einem Expected Goals Wert von jeweils 0,3. Man musste nur im Finale in die Verlängerung. Nur Kap Verde konnten sie nicht besiegen... was kein Vorwurf ist, die konnte schließlich niemand besiegen. Ernsthaft, wer vorher darauf getippt hat, dass die gegen beide Finalisten nach 90 Minuten ein Unentschieden erringen...
Aber ganz sachlich gesehen war dies der dominanteste Auftritt bei einer Weltmeisterschaft seit... also seit Ewigkeiten. Gehen wir das mal kurz durch: Argentinien verlor vor 4 Jahren das Auftaktspiel gegen Saudi-Arabien. Und man musste gegen die Niederlande und im Finale gegen Frankreich ins Elfmeterschießen.
Frankreich lag 2018 im Achtelfinale gegen Argentinien bis zur 57. Minute in Rückstand.
Deutschland 2014 hatte seinen "Schreckmoment" gegen Algerien, wo man ohne Manuel Neuer ausgeschieden wäre und selbst mit ihm in die Verlängerung musste.
Spanien verlor 2010 zum Auftakt gegen die Schweiz. Und sie gewannen nur ein einziges Spiel mit mehr als einem Tor Vorsprung.
2006 wurde das Finale erst im Elfmeterschießen entschieden. Auch wenn Italien ohne Gegentor durch die K.O. Phase ging, muss man da irgendwie Punkte für abziehen.
2002 geriet Brasilien gegen England in Rückstand. Der einzige Makel in einem sonst perfekten Turnier.
Frankreich lag im Halbfinale gegen Kroatien kurz zurück. Also wirklich ganz kurz, der Ausgleich wurde postwendend erzielt.
Spanien jetzt... musste in kein einziges Elfmeterschießen. Lag nie in Rückstand. Kassierte überhaupt nur ein einziges Gegentor. Selbst Mannschaften, die die vorherigen Turniere dominiert haben, wie Frankreich 1998 und Brasilien 2002 kommen da nicht ran. Das war eine historische Leistung.
Kommen wir nun aber zum eigentlich wichtigsten: der Halbzeitshow. Und der Kritik daran. Ich sage das mal so: War gut. Also außer, dass ich darauf gehofft habe, dass sie die Wikinger-Referenz dazu nutzen, um endlich Beyoncés Act 3 Sea Shantys zu droppen... WHAT SHALL WE DO WITH THE DRUNKEN JAY-Z?
Aber ernsthaft: dass die es geschafft haben, solche ganz aktuellen Trends des Turniers mit einzubauen, war schon großartig. Mein eigentlicher Breaking Point kam aber, als die Vuvuzelas im Bild waren. Denn das war ernsthaft der Moment, in dem ich meine Meinung zu dieser Show komplett geändert habe: Ja, wir brauchten das. Also dieses eine Mal.
Denn bei einer WM geht es ja auch immer darum, die kulturellen Eigenheiten des Gastgeberlandes der ganzen Welt zu präsentieren. Deswegen fiel mir das bei den Vuvuzelas auf: Die haben damals die Stimmung bei der WM in Südafrika geprägt. Das ging uns Europäern mächtig auf die Nerven, weil man die Fangesänge nicht hören konnte. Aber als die Engländer dann beim Singen ihrer Nationalhymne während des Spieles dieses Getröte durchbrachen, war das ein Gänsehautmoment. Und vor allem war es, alles in allem, eine einzigartige Stimmung.
Zu den Eigenheiten der Amerikaner gehören, neben Massenschießereien, diese pompöse Show. Das gehört zu deren Großveranstaltungen einfach dazu. Damit war es bei dieser einzigen Veranstaltung auch Nachvollziehbar, dass man den Amis die Chance gibt, genau diesen Teil ihrer Kultur zu repräsentieren. Das bedeutet natürlich nicht, dass wir das jetzt in einem Akt kultureller Aneignung zwingend übernehmen müssen... aber dieses eine Mal hat es gepasst.
Random Side Note, weil ich das ja vorher angekündigt habe: Es gab während der WM über 60 Massenschießereien in den USA. Mit 55 Toten. Nur um nochmal festzuhalten, wie bekloppt die Verhältnisse vor Ort da sind. Aber das ist ja wirklich nur "am Rande" passiert und es gab zum Glück keine Überschneidungen mit dem Turnier...