Und keiner merkt's. Oder kritisiert ist. Es ist halt Jürgen Klopp, der wird nur von der AfD kritisiert, weil er sich die Deutschland Fahne zurückholen will.
Aber genaugenommen macht Klopp jetzt denselben Scheiß, den schon Jogi Löw erfolglos versucht hat. Ganz praktisch in derselben Extremität. Also Löw hat ja damals auch einen 2. Kader für den Confed Cup nominiert. Und dann mit dieser B-Elf den letzten Titel für dieses Land geholt. Nur um die Spieler, die diesen Titel geholt haben, ein Jahr später weitestgehend zu ignorieren. Also ernsthaft: Mit Kimmich, Goretzka und Werner standen nur 3 Spieler sowohl im Confed Cup Finale als auch im Spiel gegen Südkorea in der Startelf. Aber damals hatte man einen eigentlich eingespielten und abgestimmten Kern, der zusammen mehrere Halbfinale erreicht haben. Also dass Kroos, Özil und Hummels dieses Turnier ausgesetzt haben, war sogar nachvollziehbar. Trotzdem hätte man daraus den Schluss ziehen können, dass Testspiele doch irgendwie wichtig sind und man da seine besten Spieler zusammenziehen sollte.
Aber das wäre ja das offensichtliche. Stattdessen konnte ich im März 2004 vorrechnen, wie wenig Zeit die designierten Schlüsselspieler vor dem Turnier im Sommer gemeinsam auf dem Platz standen. Vor der WM im letzten Sommer war es dann nicht ganz so selbstverschuldet. Also Kai Havertz war erst lange verletzt und dann zu erfolgreich. Deswegen verpasster er erst die gesamte Nations League und die Qualifikation und konnte erst relativ spät zur Mannschaft stoßen. Shit happens.
Aber gerade weil so ein Scheiß immer passieren kann, sollte man doch als Nationaltrainer jede Gelegenheit nutzen, die man hat. Also hier nochmal zum Mitschreiben: Jamal Musiala, Florian Wirtz und Kai Havertz werden die 3 Schlüsselspieler in der Offensive bei der EM in 2 Jahren sein. Also das ist jetzt keine gewagte Prognose, wenn alle Gesund bleiben, stehen sie über dem Rest.
Musiala ist der designierte Schlüsselspieler in der Bayern Offensive. Dass der damit auch in der Nationalmannschaft gesetzt sein wird, ist nur konsequent. Wirtz hat natürlich eine eher mäßige erste Premiere League Saison gespielt. Es war aber auch erwartbar, dass ein immer noch verdammt junger Spieler eine Saison braucht, um sich an die schnellere und härtere englische Liga zu gewöhnen. Es ist immer noch davon auszugehen, dass er den Durchbruch schaffen wird, der Junge ist einfach zu talentiert.
Und Kai Havertz wird halt gerne übersehen. Das liegt hauptsächlich an 3 Dingen: 1.) Er ist leider relativ häufig verletzt. 2.) Er ging in dem allgemeinen Chaos bei Chelsea ein wenig mit unter. 3.) Er ist halt zu Chelsea und Arsenal gewechselt und nicht zu den Bayern. Das verzeiht der gemeine Fan nicht so schnell.
Aber ganz sachlich nachgerechnet hat Havertz in 2 unterschiedlichen Champions League Finalen getroffen. 2006 für Arsenal und 2021 für Chelsea erzielte er jeweils das 1:0. Zum Titel reichte das aber nur ein Mal. Er hat also nachgewiesen, dass er auf allerhöchstem Niveau den Unterschied ausmachen kann.
Um das mal einzuordnen: Es gibt insgesamt nur 9 Spieler, die in mehr als einem Champions League Finale getroffen haben. Die letzten deutschen Spieler, die das geschafft haben, waren Gerd Müller und Franz Roth in den Siebzigern. Das ist verdammt lange her.
Diese 3 Spieler in der Offensivreihe zu haben, ist erstmal eine gute Grundlage. Aber es bringt auch einige Probleme mit sich. Das offensichtlichste: Die 3 spielen für unterschiedliche Vereine. Und das wird wohl auch so bleiben. Das 2. Problem ist, dass keiner von ihnen ein klassischer Mittelstürmer ist. Das würde die Dinge deutlich vereinfachen. Havertz kann das zwar auch spielen, aber er ist nicht der eiskalte Torjäger, der Musiala und Wirtz perfekt ergänzen würde.
Wenn ich aber jetzt schon grob weiß, wer meine besten 3 Offensivspieler sind. Und weiß, dass zumindest einer von denen verletzungsanfällig ist, während der andere offensichtliche gesundheitliche Probleme hat. Dazu ist klar, dass die sich nie im Verein einspielen können und dass die nicht so ganz natürlich zusammenpassen. Dann nutze ich doch jede Gelegenheit, damit die 3 sich einspielen können. Sei es nur im Training. Selbst wenn ich die nicht in jedem Spiel einsetze, so behalte ich die doch auf dem Campus und lasse die wenigstens gemeinsam trainieren.
Jürgen Klopp hätte jetzt die einzigartige Gelegenheit mit diesen 3 Spielern 3 Wochen am Stück zu arbeiten. Die wird er bis zur EM nie wieder bekommen. Und selbst vor dem Turnier dürfte er nicht so viel Zeit mit denen verbringen, bevor er dann wirklich in den Turniermodus schalten muss. Und Klopp verzichtet freiwillig darauf. Er nutzt die 2. Hälfte der überraschend langen Länderspielpause lieber als Scouting-Fest. Lass mal gucken, wer eventuell die Rolle als Joker bei der EM übernehmen kann, das ist doch viel wichtiger.
Dabei haben die letzten Turniere doch gezeigt, dass diese 3 Spieler sich doch einspielen müssen. Da ist viel Potenzial, aber es rumpelt ganz schön heftig. Gerade wenn es gegen gut organisierte Defensiven geht.
Mich fasziniert hier, dass Deutschland da immer noch diese Arroganz an den Tag legt. Nach, ganz sachlich gesehen, 5 eher mäßigen Turnieren. Also um das nochmal festzuhalten: In diesen 10 Jahren hat man ein einziges K.O. Spiel gewonnen. Gegen Dänemark. Sobald man auf richtig gute Gegner wie England oder Frankreich traf, war Schluss. Spätestens. Meistens reichte ein aggressiv verteidigender Gegner, damit man diesen Mannschaften aus dem Weg gehen konnte.
Man hat sich aber nach dem letzten Titel angewöhnt, dass man die Testspiele nicht zum Einspielen, sondern zum exzessiven Ausprobieren nutz. Das ist ein gravierender Unterschied. Dabei zeigen die letzten Turniere deutlich, dass man sich das nicht erlauben kann.
Also nur so zum Vergleich: Zinédine Zidane nominiert 23 Spieler für die 3 Wochen. Spaniens Luis de la Fuente plant mit 26 Spielern. Thomas Tuchel begnügt sich mit 27 Akteuren. Das sind Mannschaften, die ein wesentlich solideres und eingespieltes Fundament haben. Trotzdem nutzen die Trainer die Gelegenheit, möglichst lange mit ihren wichtigsten Spielern zusammenzuarbeiten.
Nur Jürgen Klopp, bei dem diese Arbeit am angebrachtesten wäre, lädt lieber 2 getrennte Kader ein. Dann werden im Sommer alle wieder entsetzt gucken, wenn die Automatismen fehlen. Gerade wenn man bedenkt, dass dieser Kader auch erstmal seine persönliche Hierarchie klären muss und man vielleicht nochmal gemeinsam die letzten Turniere aufarbeiten sollte, ist das doch eher fahrlässig.
Ich werfe hier mal eine dreiste These in den Raum: Dem ewigen Vereinstrainer Klopp ist einfach nicht bewusst, wie wenig Zeit ein Bundestrainer wirklich hat, um mit seinen Spielern zusammenzuarbeiten. Er erinnert sich noch zu gut daran, wie er früher immer darüber gejammert hat, dass die Spieler so oft und so viel zu ihren Nationalmannschaften reisen müssen und dass er selbst keinen direkten Zugriff auf sie hatte. Und er ignoriert die Absagen, die es dann im Frühjahr, wenn im Idealfall alle Schlüsselspieler im Europacup Modus sind, eintrudeln werden. Sorry, Coach, ich muss absagen, ich hab die Männergrippe... Deswegen ist ihm nicht bewusst, wie rar seine Möglichkeiten wirklich sind.