Dienstag, 20. Oktober 2026

Julian Schuster, Vollidiot der Woche

 Doch nicht der? Der ist doch einer von den Guten. Also auf jeden Fall ein richtig guter Trainer. Aber jetzt hat er seinen inneren Christian Streich rausgelassen und sich zu Themen jenseits des Platzes geäußert.

Also ganz konkret zu den Protesten Wochenende in Leverkusen. Das Grundproblem der Freiburger Fans: "Fankultur eingeschränkt = Spielbetrieb unterbrochen - gegen Materialverbote." Man brachte den Klassiker zurück. Den einzigen Fanprotest, der bisher wirklich was gebracht hat: Die Tennisbälle. 

Julian Schuster ist auch "maximal offen" für Protestaktion... die dürfen halt nur den Spielfluss nicht beeinflussen. Dann ist das doof. Aber sonst könnt ihr gerne. Oder so. Fehlt nur noch ein "hört doch lieber auf die Wissenschaftler!" um voll im CDU Modus anzukommen.

Hier ist das Grundlegende Problem: Proteste, die keinen Einfluss aufs Spiel nehmen, bringen wenig bis nichts. Ganz praktisches Beispiel: Nur durch die massiven Spielunterbrechungen damals bei den Montagsspielen wurden diese wieder abgeschafft. Wenn die sich damals auf Plakataktionen beschränkt hätten, würden wir diese Plakate heute noch am Montagabend zu sehen bekommen, weil da immer noch gespielt werden würde.

Proteste müssen per Definition Einfluss auf ihr Umfeld nehmen und dieses Einschränken. Alles andere sind am Ende "nur" Demonstrationen. Also ganz praktisch ist das der Unterschied zwischen Fridays for Future und den Klimaklebern: Auch wenn es da einige Überschneidungen gab, haben die einen in angemeldeten Demos friedlich demonstriert, während die anderen ganz konkret die Straße blockiert haben. Das ist natürlich am Ende ein blödes Beispiel, weil beides wenig bis nichts gebracht hat. Aber es ist schon faszinierend, wie anders Wissenschaftler wie Mojib Latif auf Letztere reagieren. Denn als bei den FFF Demonstrationen von der Politik auf die Wissenschaftler verwiesen wurde, haben die ja verlauten lassen, dass sie hinter den Demonstranten standen. Wenn die dann aber, weil es auf die Demonstrationen keine wirkliche Reaktion gab, zu krassenen Protesten entschlossen, sagten die Wissenschaflter doch "Macht mal langsam."

Beim Fußball kann man, wie schon erwähnt, die Aufstückelung des Spieltages als Beispiel nehmen. Die Aktion "Pro 15:30" hat 20 Jahre lang für einheitliche Anstosszeiten demonstriert. Da wurden immer wieder Banner in den Stadien aufgehangen, die es dann vielleicht sogar mal ins Fernsehen geschafft haben. In ganz großen Momenten wurde sogar explizit erwähnt, dass es eine Aktion gab. Das galt dann schon als Protest. Der Spieltag wurder aber weiter in kleinere Häppchen verteilt. Also der verlinkte Artikel ist aus dem Jahr 2002. 2009 kamen dann als "Dank" das Spitzenspiel um 18:30. Die Bayern haben seitdem über 100 Mal zu dieser Zeit gespielt. Also im Jahr 2023 waren es 97... Auch Borussia Dortmund wird bei über 100 sein. Irgendwo hat einer der "Pro 15:30" Aktivisten eine "Ich war bei 100 Spitzenspielen und habe da einen Banner hochgehalten" Auszeichnung bei sich im Schrank stehen.

Aber als dann auch noch die Montagsspiele eingeführt wurden, kam es zum Breaking Point. Da wurden dann wirkliche und koordinierte Protestaktionen gestartet. Da wurde der Spielfluss unterbrochen und damit Einfluss aufs Geschehen genommen. Und die Reaktion des Establisments war "Wir verstehen das ja, aber könnt ihr bitte leise demonstrieren?" Aber nach 3 Jahren wurde der Scheiß wieder abgeschafft.

Und nur so werden die Fans es schaffen, irgendwelche Veränderungen zu bewirken. Ein weiteres praktisches Beispiel sind die regelmäßigen Beschwerden der Bayern-Fans über die eskalierenden Preise bei Auswärtsspielen in der Champions League. Die haben sich regelmäßig beschwert, dass sie auswärts 70 € bezahlen sollen. 2019 in Liverpool zu einem Achtelfinale. 2022 in Pilsen zu einem Vorrundenspiel. Aber erst als die Anfragne storniert worden sind, gab es dann plötzlich eine Reaktion von Donezk. Das war dann in dem Moment kein Protest, sondern ein gut organisierter Boykott. Aber das reine Demonstrieren hat auch da nichts gebracht. 

Ein richtiger Protest wäre es natürlich gewesen, einfach einer Horde Hansa Fans die Tickets zu schenken, damit die dann im Block das machen, was sie am Besten können. Mit einem "Wenn ihr so schreckliche Preise aufruft, schicken wir euch die schlimmsten Fans" Bekennerschreiben. 

Um jetzt den Bogen zu Julian Schuster zu schlagen: Wenn ihr als Verein oder Verantwortliche wirklich Verständnis und Unterstützung für Proteste zeigt, dann beschwert ihr euch nicht, wenn diese das Spiel unterbrechen. Im Gegenteil, ihr gebt öffentlich bekannt, dass das halt die einzige Möglichkeit ist, die die Fans haben, um Veränderungen herbeizuführen. Also ein "Es ist natürlich ärgerlich, dass die Fans das Spiel unterbechen müssen, damit sich Dinge verändern, aber die jüngere Geschichte hat halt gezeigt, dass dies die einzige Möglichkeit ist, die sie haben." Das wäre mal eine Ansage, mit der man was verändern könnte.

Wer aber leere Phrasen drischt und sich über die Unterbrechungen beschwert, unterstützt damit nicht die Proteste, sondern schützt das Establisment. Dann wäre es schon besser, einfach nichts zu sagen.

Montag, 19. Oktober 2026

Worst of des "Der SC Freiburg ist eine richtige Spitzenmannschaft" Wochenendes

 So läuft das halt in der Bundesliga: Wenn eine andere Mannschaft als der FC Bayern an der Tabellenspitze steht, lassen die sofort Federn. Da kannst du echt die Uhr nachstellen.

Wobei das dieses Jahr echt absurd wird. Also nach 6 Spieltagen haben alle Tabellenführer ihr Spiel nicht gewinnen können. Selbst die Bayern haben da dieses Jahr solidarisch ein Mal mitgemacht: Am 2. Spieltag trennten sie sich 0:0 Unentschieden von Schalke 04.
Am 3. Spieltag gab Augsburg die Tabellenführung mit einem 2:2 Unentschieden gegen Leverkusen an den SC Freiburg weiter. Die spielten dann Unentschieden gegen Eintracht Frankfurt. Die Woche darauf war fing Dortmund sich 2 späte Tore, um ebenfalls 2:2 zu spielen. Also ja, die 3 Spiele gingen allesamt 2:2 aus. Und wenn Lucas Höler seinen Kopfball in allerletzter Sekunde aufs Tor bringt, geht auch Leverkusen gegen Freiburg 2:2 aus. Da hat irgendein Chinese verdammt viel Geld darauf gewettet, dass der Tabellenführer der Bundesliga 4 Spieltage lang mit einem 2:2 vom Platz geht.

Das war aber auch erwartbar. Also weil die Bayern zuletzt so souverän durchmarschiert sind, ist das vielleicht in Vergessenheit geraten. Aber wenn jemand anderes als der Rekordmeister auf Platz 1 steht, verkackt diese Mannschaft quasi immer. 

Klingt übertrieben? Nun ja... wer war denn der letzte "alternative Tabellenführer", der in dieser Position sein Spiel gewinnen konnte? Die Antwort lautet logischerweise: Bayer Leverkusen. Muss ja. Die wurden ja am 34. Spieltag des Saison 2023/24 deutscher Meister. Die gingen ungeschlagen durch die Saison. Das schafft man nicht, indem man immer, wenn man auf Platz 1 landet, Unentschieden spielt. Außerdem ist irgendwie davon auszugehen, dass der Fußballgott da einfach nicht so genau hingeguckt hat und Bayer mit Bayern verwechselt hat, als er die Ergebnisse festgelegt hat...

Aber danach? Der SC Freiburg verliert am 2. Spieltag 2024/25 gegen die Bayern. Heidenheim am Spieltag danach gegen Borussia Dortmund. Und danach stand dann der FC Bayern 66 Spieltage infolge auf Platz 1. Die sind von dieser Regel natürlich ausgenommen.

Faszinierenderweise war Union Berlin im Jahr 2022/23 vom 6. bis 12. Spieltag Tabellenführer. Sie verteidigten diese Position durchaus auch mit dem einen oder anderen Sieg... aber eben auch mit 2 Niederlagen gegen Frankfurt und Bochum. Und wenn selbst Bochum die alternativen Tabellenführer besiegen kann, weiß man ungefähr, was die Stunde geschlagen hat.

Da fällt einem dann wieder auf: Selbst wenn die Bayern es irgendwie schaffen würden, mit 2 Punkten Rückstand in den letzten Spieltag zu gehen, kann man immernoch davon ausgehen, dass die trotzdem Meister werden, weil die Mannschaft auf Platz 1 das schon verkacken wird. Und das ist ja kein theoretisches Konstrukt, denn 2023 spielte Borussia Dortmund am letzten Spieltag, natürlich, nur 2:2, um den Bayern die Meisterschale zu überlassen. Nebenbei übernahm die Borussia schon am 29. und 25. Spieltag kurzzeitig die Tabellenführung, um sie direkt wieder abzugeben.

Also um das nochmal ganz konkret festzuhalten: die letzten 9 Tabellenführer, die nicht Bayern oder Bayer hießen, konnten ihr Spiel dann nicht gewinnen und mussten die Tabellenführung sofort wieder abgeben. Das ist eine völlig absurde Statistik. Aber jetzt sollte doch wieder die normale Langeweile eintreten, da man von einem Durchmarsch der Bayern ausgehen muss.

Dass das jährliche Dosenschießen der Bayern so deutlich ausging, wie es dann ausging, war so gar keine Überraschung. RB Leipzig ist gerade auswärts alles andere als stabil. Und die haben schon in der letzten Saison unter Ole Werner 10 Gegentore in 2 Spielen bekommen. Dass die Bayern da also richtig Gas geben und die Räume, die ein mitspielendes Team wie RB halt bietet, ausnutzen würde, war wirklich abzusehen. Und es verdeutlicht auch wieder, wie groß der Abstand von den Bayern zu Dortmund und Leipzig ist: Selbst für diese Teams wäre ein Sieg in München eine große Überraschung und es ist wesentlich wahrscheinlicher, dass die einfach aus dem Stadion geschossen werden.

Aber hey, immerhin kann Martin Demichelis jetzt behaupten, dass er wenigstens gegen die Bayern genauso besser abliefert, als sein Vorgänger. Denn immerhin hat man ja ein Tor erzielt. Das ist doch der Fortschritt, für den Werner unbedingt entlassen werden musste.

Dienstag, 13. Oktober 2026

Worst of des "Verteidigen bleibt optional" Wochenendes

 Es stürzen sich natürlich alle auf Manuel Neuer, weil der mit seinen 40 Jahren immernoch auf Rekordjagd ist... und einer der wenigen Rekorde, die er noch nicht hatte, war halt das schnellste Gegentor der Saison. Dazu fehlte ihm noch eine 6 in seinem Notenbuch. Und was kann er denn dafür, dass seine Kollegen es nicht schaffen, 3 Tore zu erzielen? Das konnte doch keiner erwarten.

Dabei sollte es uns eher erschrecken, wie schlecht weiterhin in dieser Bundesliga verteidigt wird. Fangen wir mal am Freitagabend an. Da spielten die Dortmunder ihren Lieblingklassiker ab: Einen Zwei Tore Vorsprung gegen Werder Bremen verspielen. Tradition ist doch was schönes. Das wichtigste war aber hierbei, wie der Sportschau-Kommentator das 2:1 beschrieb. Zitat: „Alle anderen Dortmunder flüchten vor dem Ball.“ Das soll der Bayern-Herausforderer Nummer 1 sein. Dass Nico Schlotterbeck formell gesehen die Torvorlage gutgeschrieben bekommt, ist da nur Nebensache.

Am Samstag ging dann das lustige Scheibenschießen bei Hoffenheim gegen den HSV, Augsburg gegen Bayern und Bayer Leverkusen gegen Mainz 05 weiter. Augsburg erzielte beide Tore auf freundliche Einladung vom schon erwähnten Neuer. Hoffenheim hatte das Geschehen eigentlich im Griff, bevor Bernado vom Platz flog. Aber ganz ehrlich: Die 2. Gelbe war auch ganz grausam verteidigt.

Das sah aber alles noch relativ souverän aus. Also verlgichen mti dem, was Leverkusen und Mainz zwischenzeitlich so im Angebot hatten. Da 0:1 fällt nach einer grausamen Kopfballabwehr von Phillipp Mwene. Noch ein Gegentorassist. Vor allem würde dich dein Kreisliga-Coach zerlegen, wenn du den Ball so unbedrängt und so unnötig in die Mitte köpfst.  Aber Robert Andrich revanchierte sich ja beim 1:2, indem er bei einer Standartsituation 1,5 Meter Sicherheitsabstand zum Gegner hielt. Ernsthaft, wie kann bei einem Eckball in der Bundesliga ein Stürmer so frei stehen? Also der musste ja nicht mal einlaufen oder frei geblockt werden, der stand da einfach so rum. Das war dann direkt die 2. Aktion, die eines Bundesligisten unwürdig war. 

Und das ist ja kein Sandhausen, die als Aufsteiger vielleicht allgemein mit dem Tempo der Bundesliga überfordert sind. Das sind 2 Teams, die diese Liga im europäischen Wettbewerb repräsentieren sollen. Also Bayer regelmäßig, Mainz hin und wieder. Trotzdem haben beide Mannschaften mit den einfachsten Grundregeln so ihre Probleme.

Als Bonus kam dann der Auftritt von Eintracht Frankfurt, die meinen Beitrag zu Noah Atobulu eindrucksvoll untermauern wollten: Die Freiburger waren nicht wegen, sondern trotz ihres Torhüters gut.

Dass sich mit Dortmund, Bayern, Bayer, Frankfurt und Mainz 5 Mannschaften aus der oberen Tabellenhälfte an einem Wochenende derart krasse Aussetzer und Schwachstellen offenbaren, kann einfach kein gutes Zeichen für die Liga sein. Ein Liga, in der immernoch 8 Mannschaften 2+ Gegentore pro Spiel bekommen.  

Und klar, im laufe der Saison sollte sich das alles noch ausgleichen. Allein schon, weil man mit 2 Gegentoren pro Spiel am Ende absteigt... und es können halt nicht 8 Mannschaften absteigen. Aber der derzeitige Trend ist unterhaltsam, aber irgendwie auch besorgniserregend. 

Mittwoch, 7. Oktober 2026

Wo waren wir nochmal?

 Wie sieht die Tabelle eigentlich gerade aus? Ist das nach 4 Spieltagen überhaupt schon relevant? 

Das sind so die Fragen, die sowohl den Trainern, als auch den Fans, gerade durch den Kopf gehen. Und klar, wenn man wie Nico Kovac, herausragend in die Saison gestartet ist und eh nur an wenigen Stellschrauben drehen will, kommt einen so eine lange Länderspielpause extrem ungelegen. Also noch ungelegener, als sonst schon. Aber die Mannschaften, die wirklich gut gestartet sind, kann man ja an 3 Fingern abzählen. Dortmund, Augsburg und Freiburg halt. Selbst die Bayern zählen an der Stelle nicht dazu, denn die müssten ja Tabellenführer sein, um ihre eigenen Erwartungen zu erfüllen.

Beim Rest der Liga finde ich es wirklich spannend, wie sich diese extrem lange Pause auf den weiteren Saisonverlauf auswirkt. Und das ist ja ein Szenario, welches es so noch nie gab. Normalerweise hat man Anfang September eine kürzere Länderspielpause, in der man dann die letzten Neuzugänge in seine Spielidee integrieren muss. Und zumindest schonmal mit denen telefonieren kann, falls die auf Länderspielreise sind.

An der Stelle muss nebenbei nochmal eingeschoben werden, dass mir dieses ewige Gejammer über die vielen Spieler, die man mittlerweile abstellen muss, nur noch auf den Sack geht. Denn es war ja die Gier der Vereine, die jegliche Beschränkungen für die Verpflichtung von Spielern aufgehoben hat. Und das führt dann dazu, dass die Borussia 7 ausländische U21 Nationalspieler abstellen muss. Und natürich wieder kein einziges deutsches Talent in ihren eigenen Reihen hat. 

Wer ausschließlich internationale Talente scoutet und verpflichtet, muss dann auch damit leben, dass die zu ihren Nationalmannschaften fliegen müssen. Das Problem könnte man lösen, in dem man in den eigenen Nachwuchs investiert.

Aber wirklich spannend ist ja, wie die anderen Trainer auf den Saisonstart reagieren. Gerade wo die halbe Liga so schlecht verteidigt, dass es selbst dem Kicker auffällt. Ein Adi Hütter hat jetzt einen großen Haufen an Informationen, die er verarbeiten kann. Und natürlich leidet auf Eintracht Frankfurt an den 14 Abstellungen für diverse Nationalmannschaften. Er kann also die Lektionen nicht direkt an seine Mannschaft weitervermitteln. Aber er kann schonmal den Trainingsplan erstellen, der diese Lektionen dann in den nächsten Wochen vermitteln sollen. 

Und er gehört ja auch zu den Trainern, die unter der Woche genügend Zeit dafür haben, weil seine Mannschaft nicht nur von der einen englischen Woche zur nächsten fliegt. Da ist er aber nicht alleine, Hamburg und Union Berlin haben ähnliche Vorraussetzungen... und noch viel größere Probleme. Borussia Mönchengladbach hat jetzt die noch speziellere Situation, dass sich der neue Trainer Alexander Blessing 3 Wochen lang mit den Problemen seiner Mannschaft theoretische auseinandersetzen durfte, aber praktisch wenig umsetzen konnte.

An diesem Wochenende wird man davon noch nichts zu sehen bekommen. Also das dürfte wirklich das reinste Chaos werden, weil die Vereinstrainer ihre Spieler quasi 3 Wochen nicht gesehen haben. Gleichzeitig können sie im Training eigentlich nur gucken, wer jetzt welche Wehwehchen von der Länderspielreise mitgebracht hat. Dreist gefragt: Wer hat sich wirklich verletzt und wer suchte nur eine Ausrede, dass er früher abreisen kann? 

Aber in den nächsten Wochen wird man dann sehen, wer diese Länderspielpause wirklich genutzt hat, um die Probleme zu identifizieren. Und wer in der täglichen Arbeit gut genug ist, um diese Probleme auch zu lösen.

Ein derartiges Szenario ja vorher noch nie gab. Sonst sind die Länderspielpausen entweder kürzer, oder die Vorbereitungszeit nach der Rückkehr länger. Aber gute Trainer sollten für dieses Wochenende eine Lösung finden und dann von den langfristigeren Erkenntnissen profitieren. 

Aber wenn ihr in 6 Wochen die Schlagzeile "So fand Trainer X die neue Stabilität nach dem chaotischen Saisonstart" lesen werdet, wird der Ursprung der Antwort in dieser Länderspielpause zu finden sein. 

Montag, 5. Oktober 2026

Läuft doch alles nach Plan

Wenn der Plan lautet, dass man diese Nations-League-Sache so schnell wie möglich hinter sich bringen will. Denn dann ist ein dritter Platz doch perfekt. Da muss man nicht in die Relegation und auch nicht um den Titel mitspielen. Und von letzterem sind "wir" ja noch weit entfernt.

Praktisch halte ich die ganze Aktion doch für eher sinnlos. Also ja, wir wissen jetzt, dass der 2. Kader Jürgen Klopps Ideen besser umsetzt, als der erste. Schön zu wissen. Nur wird selbst dieser 2. Kader in der Formation nie wieder zusammenspielen.

Lustigerweise konzentriert sich die ganze Debatte jetzt auf Joshua Kimmich, weil die deutsche Nationalmannschaft ohne ihren Kapitän ja besser aussah, als mit ihm. Und das war ein absolut absehbares Problem. Wobei das eigentlich größere Problem doch darin besteht, dass Kimmich der einzige Führungsspieler im Kader ist. Wenn es einen offensichtlichen Nachfolger gäbe, könnte man Kimmich ganz leicht absetzen. Aber die Kandidaten sind entweder junge Freigeister (Musiala, Wirtz), häufig verletzt (Havertz) oder halt nur Rollenspieler in der Nationalmannschaft (Raum, Anton). Und ja, David Raum ist der Kapitän bei RB Leipzig. Anton ist, gemeinsam mit Nico Schlotterbeck der Stellvertreter bei Borussia Dortmund. Ich drücke das mal diplomatisch aus: Das sind halt Konstrukte, die unter gewissen Führungsschwankungen leiden. Das ist also nicht das verlässlichste Fachpersonal.

Viel schlimmer ist ja der Fakt, dass Havertz, Wirtz und Musiala mal wieder für 0 Sekunden gemeinsam auf dem Platz standen. Und das lag ja nicht an der verletzungsbedingten Abreise von Havertz, sondern das war so geplant. Aber hey, vielleicht bei nächster Gelegenheit. Da wird sich bestimmt noch etwas ergeben.

Es ist echt faszinierend, wie jetzt alle sagen, dass Klopps Plan halt noch Zeit braucht. Dass Klopp jetzt relativ viel Zeit verschwendet hat, ignorieren dabei die meisten. Und das einzige wirkliche Ergebnis ist die erwartbare Debatte um den Kapitän Kimmich und die Erkenntnis, dass man noch Zeit braucht, die man aber nicht hat.

Ich möchte hier nochmal festhalten, dass alle anderen großen Nationen das anders handhaben. Ein Harry Kane und Lamine Yamal haben bisher in allen 3 Spielen getroffen. Die sind auch fürs 4. Spiel eingeplant. Ganz praktisch hat nur Portugal auch einen Star nach Hause geschickt.

Und boah, ist Cristano Ronaldos Selbstwahrnehmung weit weg von der Realität. Und anscheinend hat er auch niemanden in seinem persönlichen Umfeld, der ihm das mal sagt. Schon vor der Weltmeisterschaft hieß es ja, dass die Portugiesen durchaus um den Titel mitspielen müssen, wenn sie nicht diesen, man muss es so benennen, ehemaligen Weltklassespieler durchschleppen müssten. Und die Spanier zeigten, wie auch später im Finale gegen Lionel Messi, dass man sich das nicht erlauben kann, wenn man gegen sie mithalten will.

Nebenbei könnte Cristiano Ronaldo den Portugiesen als absoluter Edeljoker ja durchaus helfen. Also als Zielspieler im Falle eines Rückstandes. Aber diese Rolle zu akzeptieren, lässt sein Ego nicht zu. Das will ich ihm nicht mal vorwerfen, denn dieses übertriebene Ego und der ungesunde Ehrgeiz sind ja Gründe, warum Ronaldo so lange so gut war. Aber auch hier muss man festhalten, dass Ronaldo ja nicht erst seit gestern praktisch im Vorruhestand ist. Dass es auf diesem allerhöchsten Niveau nicht mehr reicht, wurde eigentlich 2021 klar. Also auch wenn 6 Tore in der Champions League auf den ersten Blick überragend aussehen, so hat er am Ende doch nur in der Vorrunde getroffen und war in der K.‑o.‑Phase gegen Atlético Madrid kein Faktor mehr. 

Sein letztes Tor in der K.O. Phase erzielte er im Achtelfinale 2021 beim Ausscheiden gegen Porto. Im Halb- oder Viertelfinale traf er zuletzt im Jahr 2017. Was völlig absurd ist, weil er mit Real Madrid im Jahr darauf den Titel holte. Nur blieb er da gegen die Bayern und Liverpool ohne Scorerpunkt. Aber gut, geben wir ihm 2018 noch die Weltklasse, weil es ja absurd ist, von Spielern zu erwarten, dass er in diesen 3 Spielen trifft. Also an der Stelle muss man festhalten, dass er "nur noch" Weltklasse war, denn Messi und er waren in den Jahren davor in der "eigentlich unerreichbar" Kategorie. Das ist auch schon 8 Jahre her. Selbst die Optimisten haben 2022 erkannt, dass beide keine wirklich relevante Rolle im Vereinsfußball mehr einnehmen können.

Und beide sind dann auch in die Altherrenliga gewechselt. Nur will Ronaldo halt nicht akzeptieren, dass das eine Altherrenliga ist, in der er da spielt. Er will es auch nicht wahrhaben, dass kein einziger Champions League Teilnehmer sich noch für ihn interessiert. Und er ist noch einmal 2 Jahre älter, als Messi. Wenn Messi jetzt noch ein Turnier spielen würde, dürfte das genau so traurig enden, wie Ronaldos Nationalmannschaftskarriere. Aber Messi hat das erkannt. Er gönnt sich und seinen Fans noch einen letzten, aber bedeutungslosen Tanz. Dann ist endgültig Schluss. Damit beendet er seine Karriere selbstbewusst und mit einem epischen Highlight.

Es ist schon faszinierend, dass es in den letzten 4 Jahren niemand in Ronaldos engerem Umfeld geschafft hat, Ronaldo mitzuteilen, dass auch er Vater Zeit nicht besiegen kann. Also der Vorwurf geht echt mehr an sein Umfeld als an ihn selbst. Wobei das natürlich auch eine Frage nach dem Huhn und dem Ei ist, weil ein Ronaldo sich ja sein eigenes Umfeld bauen kann. 

Langfristig ist das natürlich völlig egal, weil Peak Cristiano Ronaldo eben so verdammt gut war. Für den Moment ist es aber einfach nur schade, dass diese Karriere ein so unwürdiges Ende nimmt. Aber die Schuld dafür muss man nur bei Ronaldo und seinem Umfeld suchen. 

Donnerstag, 24. September 2026

Das Freiburger Torwart Mysterium Teil 2: Der Nachfolger des Nachfolgers.

 In der Saison 2014/15 stand der SC Freiburg dann vor einem Problem, dem die meisten Bundesligisten lieber aus dem Weg gehen: Sie mussten einen Ersatz für ihren durchschnittlichen Torhüter suchen. Natürlich wusste damals noch niemand, dass ein aufstrebendes, 23-jähriges Talent nicht mehr als das werden würde, deswegen tat der Abgang von Oliver Baumann schon weh. Man entschied sich nicht direkt für das Eigengewächs Alexander Schowlow, sondern verpflichtete den Schweizer Roman Bürki. Und man stieg sofort ab.

Nun könnte man natürlich behaupten, dass das an dem neuen Torhüter und seinen Patzern lag. Aber Roman Bürki kassierte nur 47 Gegentore. Er beendete die Saison mit einem Kicker Notenschnitt von 2,72. Das ist deutlich besser als Baumanns 3,09er Schnitt aus der Vorsaison. Also klar, wenn Bürki gegen Hannover nicht gepatzt hätte, wäre man drin geblieben. Aber das war auch der letzte echte Patzer und der kam am 17. Spieltag. Danach bekam er nur noch eine einzige 4,0. Man ist definitiv mit und nicht wegen Bürki abgestiegen.

Das zeigte sich dann auch im Sommer, als Bürki zu Borussia Dortmund ging. Denn damit wurde er zu einem echten Unikat. Er war der einzige Freiburger Torhüter, der zu einem Champions League Teilnehmer wechselte. Die 33 Einsätze in diesem Wettbewerb sind mehr, als alle anderen Freiburger Torhüter zusammen im Lebenslauf stehen haben. Also Mark Flekken und eben Baumann kommen auf jeweils 6.

Nebenbei holte Bürki auch 2 Titel. Also so richtige Titel. Nicht die A‑Juniorenmeisterschaft oder Deutscher Zweitligameister, sondern den DFB‑Pokal. Damit holte er auch mehr Titel als alle anderen Torhüter des Vereins zusammen. Er war also der Einzige, der nach seinem Wechsel steil ging und eine internationale Karriere hinlegte.

Nach Bürki war dann endlich Alexander Schwolow dran. Der Abstieg wurde postwendend repariert und Schwolow etablierte sich als Nummer 1. 3 Jahre und einen Schnitt von 1,54 Gegentoren pro Spiel. Das klingt nach Oliver Baumann. Dementsprechend bekam er nach den 3 Jahren auch "nur" ein Angebot von der Hertha und nicht von einem wirklich großen Verein. Ähnlich wie Hoffenheim wollten die Berliner gerne nach ganz oben und hofften darauf, dass ein Schwolow da ein wichtiges, stabilisierendes Puzzleteil sein könnte. Der Stammtorwart für die nächsten 10 Jahre halt.

Das Ganze endete eher katastrophal. Im ersten Jahr konnte man dem Abstieg noch entgehen, aber in der 2. Saison scheiterte man in der Relegation. Schwolow verpasste die letzten Spiele mit einer Muskelverletzung. Aber mit Schwolow im Tor stand man nach 28 Spieltagen auf Platz 17. Und laut Kicker-Notenschnitt war er 0,19 Notenpunkte schlechter als sein Ersatzmann. Mit einem Notenschnitt von 3,44 war er der schlechteste Torwart der Saison. Wenn man das mit Bürki vergleicht.

Nur um das zu belegen, stieg er in der nächsten Saison mit Schalke 04 direkt noch einmal ab.  Dort verlor er nach einem 1:6 gegen RB Leipzig seinen Stammplatz an Ralf Fährmann, der einen deutlich besseren Kicker-Notenschnitt hinlegte. Aber da sich Fährmann verletzte, musste man die Saison mit Schwolow beenden. Damit war dann irgendwie das Urteil gefällt, dass man mit diesem Torwart nur um den Abstieg spielen kann. Also außer man ist der SC Freiburg. Schwolows war mehr oder weniger dabei, seine Karriere auf der Ersatzbank austrudeln zu lassen, bis eine überraschend starke Saison in Schottland ihn zurück in den Fokus brachte. Er hätte es sogar fast geschafft, die Glasgow-Dominanz zu durchbrechen und als erster Freiburger Torhüter einen Meistertitel zu holen. Erst in der 87. Minute des letzten Spieltages wurde dieser Traum zerstört. Schwolow nutzte diese Welle, um einen Vertrag in Mainz zu unterschreiben, damit er wenigstens wieder die Rolle als Ersatztorwart in der Bundesliga bekommt. Und weil Robin Zentner, der in meinen Augen ebenfalls nur ein durchschnittlicher Bundesligatorwart ist, mehrere Wochen verletzt ausfällt, bekommt er mit 34 Jahren erneut die Chance, sich in der Bundesliga zu beweisen. Aber am Ende erlebte er seinen Karrierehöhepunkt mit Anfang 20 in Freiburg.

Zurück zu diesen Freiburgern: Die reagierten auf den Abgang von Schwolow mit einer Leihe von Florian Müller. Müller war als Mainzer Talent in einem ewigen Zweikampf mit Robin Zentner verstrickt. Er konnte sich nie so klar durchsetzen, dass man bedingungslos auf ihn setzen wollte. 2021 entschied man sich dann gegen Müller. Nach einer Saison in Freiburg mit einem 2,9er Notenschnitt tauchte er auf dem Radar des VfB Stuttgarts auf. Nach 1 1/2 Jahren mit einem 3,2er Notenschnitt verlor er dort aber seinen Stammplatz. Nur um dann zur Relegation wieder zurück ins Tor zu kehren, weil Fabian Bredlow verletzt ausfiel. Aber für den HSV reichte es auch mit Müller. In der Saison 2023/24 entschied der VfB dann, mit Alexander Nübel einen richtigen Bundesligatorwart zu verpflichten. Seitdem geht es dort steil bergauf. Müller kehrte nach Freiburg zurück, um dort die Rolle der Nummer 2 anzunehmen. 

Die hatten dieses Mal vorausschauend geplant und mit Mark Flekken den Ersatz für Müller bereits in ihren Reihen. Flekken war mit 28 Jahren eigentlich schon zu alt, um den Schritt zum Stammspieler noch zu machen. In Freiburg legt er trotzdem 2 souveräne Jahre hin, in denen er auf einen Notenschnitt von 2,88 und 2,79 kam. Das war gut genug, um sich den Traum von der Premier League zu erfüllen und dem SC Freiburg 13 Millionen Ablöse in die Kassen zu spülen. Dort spielte er 2 Jahre für das Überraschungsteam aus Brentford. Quasi dem SC Freiburg dieser Liga. Auch wenn natürlich selbst die Kleinen in der Premier League verdammt reich sind. Dennoch ist das ein Verein, der mit einem stabilen Umfeld für viele Überraschungen sorgt. Dieses Jahr haben sie sich sogar für die Champions League qualifiziert. Also nach dem Abgang von Flekken. 
Denn der ist mittlerweile in Leverkusen gelandet. Dort kam er verletzungsbedingt nur auf 24 Einsätze und auf einen Notenschnitt von 3,24. Das ist Platz 16 im Notenranking. Jetzt darf er den Titel "umstrittene Nummer 1" tragen. Wenn man den News zu seiner Person Glauben schenkt, ist er nicht wirklich die Ideallösung. Auch hier kann es sein, dass Flekken seinen Karriere- und Leistungshöhepunkt in Freiburg erlebt hat. Seine Champions League Bilanz kann Flekken dieses Jahr jedenfalls nicht ausbessern, denn Bayer Leverkusen verpasste diesen Wettbewerb als Sechster.

Flekkens Abgang konnten sich die Freiburger leisten, weil sie die designierte Nummer 1 schon im Kader hatten. Also Deutschlands designierte Nummer 1 Noah Atubolu. Nach 32 Einsätzen in diversen U-Nationalmannschaften bestand zumindest die allgemeine Hoffnung, dass Atubolu die Frage nach Neuers Nachfolge beenden würde.
Doch schon in Freiburg hatte er immer mit der Konstanz zu kämpfen. Er kam noch nie auf einen 2er Notenschnitt im Kicker. Trotzdem setzte sein Berater ihm den Floh ins Ohr, dass er für Höheres berufen ist. Also wollte er im Sommer weg. Der SC so: "Gut, dann geh bitte." Einen Nachfolger, der bei uns funktioniert, finden wir schon. Die Ablöse wird uns guttun.
Nur interessierte sich niemand für Atubolu. Erst als der Eintracht bewusst wurde, dass sie dringend wenigstens einen durchschnittlichen Bundesligatorwart brauchen, konnte eine Paniklösung gefunden werden. Sonst wäre Atubolu wohl wirklich auf der Tribüne gelandet. In Frankfurt kassierte er dann direkt 7 Tore in den ersten 2 Spieltagen. Er patzte bereits am 2. Spieltag schwer. Klar, der ist noch ganz neu dort, aber auf den ersten Blick wirkt es nicht so, als könnte sich Atubolu dort als Stabilisator etablieren. Die Karrieren seiner Vorgänger machen aber wenig Hoffnung.

Freiburg hat sich ganz entspannt Mio Backhaus geholt und chillt nach 4 Spieltagen mit 3 Gegentoren auf Platz 3. Dabei ist Bachkaus Beitrag dazu eher überschaubar. Er hat noch keine überragenden Leistungen gezeigt, sondern liefert ungefähr auf dem durchschnittlichen Niveau von Atubolo ab. Oder er steigert sich noch ein wenig und liefert auf dem Niveau von Flekken, Müller oder Schwolow ab. Also irgendwo zwischen 2,77 und 3,04 wird sich sein Notenschnitt einpendeln. Stabil, aber nicht überragend halt.

Aber das ist ja der entscheidende Punkt: Es ist völlig egal, wer beim SC Freiburg im Tor steht. Solange es zumindest ein durchschnittlicher Bundesligatorwart ist, sorgt das stabile Umfeld dafür, dass der schon gut aussehen wird. Und bei passender Gelegenheit kann man den dann verkaufen und günstig durch den nächsten durchschnittlichen Bundesligatorwart ersetzen.

Freiburg hat halt auch Philipp Lienhart, der still und heimlich seit 2017 einen souveränen Job in der Innenverteidigung macht. Man hat mit Christian Günter eine absolute Institution auf der Position des Linksverteidigers. Dazu kommt Matthias Ginter als Rückkehrer. Lukas Kübler kommt auf 231 meist unauffällige Spiele als Rechtsverteidiger. Und Maximilian Eggestein schwingt davor auch schon im 5. Jahr den Taktstock. Ginter und Kübler wurden, als das Alter sich bemerkbar machte, relativ nahtlos durch Philipp Treu und Jordy Makengo ersetzt. 

Das sind alles keine ganz großen Namen. Also ja, Ginter ist Weltmeister. Er kommt auf 51 Länderspiele. Philipp Lienhart kommt auf über 40 Länderspiele für Österreich. Aber die spielen auch alle noch oder wieder in Freiburg, weil sie für die ganz großen Namen, also in diesem Fall Real Madrid und Borussia Dortmund, nicht gut genug waren. 

Und natürlich hat Freiburg auch den unfairen Wettbewerbsvorteil Christian Streich und Julian Schuster. Dass dort seit 2011 ein stabiles System herrscht, ist eigentlich unfassbar. Und Schuster lässt Streich ja seit über einem Jahr wie einen Bremser aussehen.

Die meisten Torhüter sind am Ende auch nur Rollenspieler. Wenn man sie in ein stabiles System integriert, sehen sie wie der nächste Nationaltorwart aus. Wenn man die Verteidiger austauscht, wackeln sie plötzlich. Die Anzahl der Torhüter, die wirklich das Fundament für eine stabile Abwehr bieten, ist dagegen sehr gering.

Nirgends wird das so deutlich, wie bei den Freiburgern und ihren Torhütern. Natürlich ist es bei Atubolu noch zu früh für ein Urteil, aber bei allen anderen gilt: Sie konnten das in Freiburg angedeutete Potenzial nie konstant abrufen, nachdem sie den Breisgau verlassen haben. Und ja, das trifft auch auf Oliver Baumann zu, von dem wir damals alle mehr erwartet haben.

Es ist schon faszinierend, dass abgesehen von Roman Bürki, der auch nur ein Jahr da war, alle Nachfolger von Oliver Baumann eine sehr ähnliche Karriere hingelegt haben. Denn keiner konnte sich als unumstrittene Langzeitlösung zwischen den Pfosten eines Bundesligisten etablieren. 

Mittwoch, 23. September 2026

Das Freiburger Torwart Mysterium: Teil 1: Die Akte Baumann im Detail.

Oliver Baumann wurde jetzt ja nicht zur Nationalmannschaft eingeladen. Es reicht halt ein alter Sack im Tor und da nimmt man, trotz der vielen Verletzungen, lieber Marc-André ter Stegen. Also den Torhüter, der zumindest mal über einen längeren Zeitraum Weltklasse war. 

Ich habe ja bereits vor der WM ausführlich argumentiert, dass Oliver Baumann am Ende nur ein durchschnittlicher Bundesligatorhüter ist, der in einer völlig absurden Debatte zum großen Hoffnungsträger im Tor verklärt wurde. Dass Julian Nagelsmann überhaupt über eine Rückholaktion von Manuel Neuer nachdenken musste, liegt doch hauptsächlich daran, dass seine einzige Option ein 36 Jahre alter durchschnittlicher Bundesligatorwart war. Oder mit Alexander Nübel ein in Nagelsmanns Wahrnehmung etwas schlechterer, aber auch deutlich jüngerer Torwart. Keiner der beiden hat wirklich das Prädikat „Weltklasse“ in seiner Spielerakte stehen.

Das ist ja auch das eigentliche Grundproblem: In den letzten 30 Jahren hat praktisch immer der nächste Weltklasse-Torwart mit den Hufen gescharrt. Das war ganz praktisch schon bei Bodo Illgner und Andreas Köpke so. Auch wenn Köpke's größtes Talent darin bestand, sich die falschen Vereine auszusuchen.

Danach kamen aber Oliver Kahn, Jens Lehmann und eben Manuel Neuer. Und ter Stegen, der sich ewig mit der Rolle als Nummer 2 begnügen musste. Dann schlug, als er endlich an der Reihe war, das Verletzungspech zu.

Oliver Baumann gehört, bei allem Respekt, nicht in diese Reihe. Sondern eher in die Rolle eines Oliver Recks: Zwischen den Turnieren kann man den durchaus mal einsetzen, aber wenn der bei einem Turnier im Tor stehen muss, haben wir ein Qualitätsproblem. Was, das muss noch einmal explizit erwähnt werden, nichts Schlimmes ist. Ein durchschnittlicher Bundesligatorwart ist immer noch besser als 95% aller Fußballer weltweit. Aber wir, und wahrscheinlich auch alle anderen Nationen, haben die Angewohnheit, unseren eigenen Durchschnitt zu etwas Besonderem zu verklären. Außer die Engländer, die wissen, dass ihre Torhüter scheiße sind,  

Anstatt also vor der WM die kritische Frage zu stellen, warum man zum ersten Mal seit 1988 keine Weltklasse-Option zur Verfügung hat, schrien alle laut, dass Baumann ja ins Tor muss. Und hinterher behaupteten die wirklich, dass Baumann gegen Paraguay mehr Elfmeter gehalten hätte, als Neuer. Obwohl Baumann in der Saison vor der WM keinen einzigen Elfmeter abwehren konnte. Was nicht an mangelnden Gelegenheiten lag.

Lustigerweise hat Baumann jetzt den Rekord für die meisten Bundesligatore eingesammelt. Er hat den jahrelangen Spitzenreiter Eike Immel abgelöst. Also den einzigen anderen durchschnittlichen Bundesligatorwart, der jemals bei einem Turnier im Tor stehen musste. Das passt schon.

Genau das passiert halt, wenn man 16 Jahre lang in der Bundesliga im Tor steht und sich kein Spitzenverein für dich interessiert. Also lasst uns mal ein wenig nachrechnen. Oliver Baumann kassierte seine 834 Gegentore in 527 Spielen. Das sind 1,58 Gegentore pro Spiel. Sein "direkter Konkurrent" Immel kommt auf 829 in 534. Das sind 1,55 pro Spiel. Und Baumann kommt nur auf 115 Weiße Westen, während Immel auf 147 kommt. Dieter Budenski kommt als Nummer 3 in der Liste auf 796 Gegentore in 478 Spielen. Der hat also die deutlich schlechtere Quote von 1,66.

Jetzt lasst uns aber mal die Quoten von Turniertorhütern angucken. Manuel Neuer ist bei absurden 463 Gegentoren in 548 Spielen. Der genießt aber auch den Bayern-Bonus. Marc-André ter Stegen dagegen ist früh zu einem Spitzenverein ins Ausland gewechselt. Er kommt deswegen "nur" auf 108 Spiele und 117 Gegentore. Das sind 1,08 Gegentore für Borussia Mönchengladbach. Der war also auch für Barcelona interessant, weil er in Gladbach auf einem Niveau abgeliefert hat, das Baumann nie erreicht hat. Vielleicht, crazy thought, wollte Baumann den Hoffenheimern gar nicht treu bleiben, sondern es war alternativlos.
Jens Lehmann beendete seine Karriere mit 455 Gegentoren in 394 Bundesligaspielen für Schalke und Dortmund. Das ist eine Quote von 1,15. Oliver Kahn kommt trotz "Bayern-Bonus" auf 582 Gegentore in 557 Spielen. Das ist eine 1,04er Quote.

Alle Turniertorhüter dieses Jahrtausends haben also eine deutlich bessere Quote als Baumann. Das könnte daran liegen, dass sie wesentlich bessere Torhüter waren. Hier ist nebenbei eine schockierende Statistik: Selbst Andreas Köpke kommt auf 1,49 Gegentore pro Bundesligaspiel. 517-mal musste der in 346 Spielen hinter sich greifen. Der Mann ist in seiner Karriere 2‑mal aus der Bundesliga abgestiegen und kommt trotzdem auf einen besseren Schnitt als Baumann.

Wenn man dann Baumanns Gegentore nach Gegentoren sortiert, fällt einem auf, dass man mit etwas 50 Gegentoren plus X pro Saison rechnen kann. In seinem schlechtesten Jahr waren es 66. In 11 seiner 18 Jahre waren es mehr als 50. Aber er hat halt auch diese eine Saison mit 37 in der Vita. Was war da denn los? Nun ja... Niklas Süle halt. Also das war die Saison, in der Süle sich für höhere Aufgaben bei den Bayern beworben hat. Im ersten Jahr mit Süle als sich noch etablierendem Stammspieler gab es 50 Gegentore. Als Süle dann zu den Bayern ging und Benjamin Hübner mit wechselnden Partnern die Innenverteidigung bildete, gab es direkt wieder 48 Gegentore.

Man könnte meinen, dass Baumann persönlich gar keinen so großen Einfluss darauf hatte, wie viele Gegentore der Verein bekommt, sondern dass die Frage, wer vor ihm verteidigt, viel wichtiger ist. Das ist ja für mich genau die Definition eines durchschnittlichen Bundesligatorwarts: Wenn er eine stabile Viererkette vor sich stehen hat, sieht er wie der souveränste Torwart der Liga aus, aber er schafft es selbst nicht, die Grundlage für eine stabile Viererkette zu bilden. 

Aber jetzt kommt das eigentlich Absurde: Baumann hat noch 2 weitere Jahre mit zumindest weniger als 45 Gegentoren in der Vita. In einem dieser Jahre stellte er sogar seinen persönlichen Bestwert mit 13 Toren ohne Gegentor in einer Saison auf. Aber das haben ja viele vergessen: Oliver Baumann kommt eigentlich aus der Freiburger Fußballschule. Und dort hatte er auch seine vielleicht besten Jahre.

In den 4 Jahren in Freiburg fehlte ihm natürlich noch etwas die Konstanz. Aber er sah schon wie das nächste große Versprechen aus. Wie einer dieser Torhüter, die eine internationale Karriere hinlegen werden. Hoffenheim sollte da eigentlich nur den Zwischenschritt zu größeren Vereinen darstellen. So wie das auch bei Roberto Firmino, Kevin Volland und Joelinton geklappt hat. Also um nur 3 Namen zu nennen, die Hoffenheim mit großem Gewinn weiterverkauft hat.

Nur hat Baumann halt nie den Schritt zur internationalen Klasse, die er in Freiburg angedeutet hat, in Hoffenheim nie vollzogen. Und damit ist er jetzt, 13 Jahre später, die ultimative Vereinslegende, weil seine Leistungen halt immer in Ordnung, aber selten wirklich überragend waren. Er war halt nie so gut, dass Borussia Dortmund oder Manchester United sich sagten: „Das ist unsere nächste Nummer 1."

Also ich verlinke hier mal ganz demonstrativ die Gerüchteküche von Transfermarkt.de. Da gab es kurz nach dem Wechsel zu Hoffenheim angeblich ein Tottenham-Gerücht … und danach dann ganz lange nichts mehr. Aber an dem Freiburger Juwel waren noch verdammt viele Vereine interessiert. Erst 2023 und 2026 gab es laut dieser Seite anscheinend wieder Anfragen von Vereinen, die nach einem erfahrenen Veteranen und Mentor gesucht haben. 

Aber hier ist ja das völlig Faszinierende, was dann endlich den Übergang zur Headline bringt: Baumann ist dabei gar keine Ausnahme. Er hat am Ende nur die Blaupause eines Freiburger Torhüters hingelegt. Denn die sind überraschend gut darin, durchschnittliche Bundesligatorhüter gut aussehen zu lassen und diese dann nahtlos zu ersetzen. Das schauen wir uns morgen im Detail an.