In der Saison 2014/15 stand der SC Freiburg dann vor einem Problem, dem die meisten Bundesligisten lieber aus dem Weg gehen: Sie mussten einen Ersatz für ihren durchschnittlichen Torhüter suchen. Natürlich wusste damals noch niemand, dass ein aufstrebendes, 23-jähriges Talent nicht mehr als das werden würde, deswegen tat der Abgang von Oliver Baumann schon weh. Man entschied sich nicht direkt für das Eigengewächs Alexander Schowlow, sondern verpflichtete den Schweizer Roman Bürki. Und man stieg sofort ab.
Nun könnte man natürlich behaupten, dass das an dem neuen Torhüter und seinen Patzern lag. Aber Roman Bürki kassierte nur 47 Gegentore. Er beendete die Saison mit einem Kicker Notenschnitt von 2,72. Das ist deutlich besser als Baumanns 3,09er Schnitt aus der Vorsaison. Also klar, wenn Bürki gegen Hannover nicht gepatzt hätte, wäre man drin geblieben. Aber das war auch der letzte echte Patzer und der kam am 17. Spieltag. Danach bekam er nur noch eine einzige 4,0. Man ist definitiv mit und nicht wegen Bürki abgestiegen.
Das zeigte sich dann auch im Sommer, als Bürki zu Borussia Dortmund ging. Denn damit wurde er zu einem echten Unikat. Er war der einzige Freiburger Torhüter, der zu einem Champions League Teilnehmer wechselte. Die 33 Einsätze in diesem Wettbewerb sind mehr, als alle anderen Freiburger Torhüter zusammen im Lebenslauf stehen haben. Also Mark Flekken und eben Baumann kommen auf jeweils 6.
Nebenbei holte Bürki auch 2 Titel. Also so richtige Titel. Nicht die A‑Juniorenmeisterschaft oder Deutscher Zweitligameister, sondern den DFB‑Pokal. Damit holte er auch mehr Titel als alle anderen Torhüter des Vereins zusammen. Er war also der Einzige, der nach seinem Wechsel steil ging und eine internationale Karriere hinlegte.
Nach Bürki war dann endlich Alexander Schwolow dran. Der Abstieg wurde postwendend repariert und Schwolow etablierte sich als Nummer 1. 3 Jahre und einen Schnitt von 1,54 Gegentoren pro Spiel. Das klingt nach Oliver Baumann. Dementsprechend bekam er nach den 3 Jahren auch "nur" ein Angebot von der Hertha und nicht von einem wirklich großen Verein. Ähnlich wie Hoffenheim wollten die Berliner gerne nach ganz oben und hofften darauf, dass ein Schwolow da ein wichtiges, stabilisierendes Puzzleteil sein könnte. Der Stammtorwart für die nächsten 10 Jahre halt.
Das Ganze endete eher katastrophal. Im ersten Jahr konnte man dem Abstieg noch entgehen, aber in der 2. Saison scheiterte man in der Relegation. Schwolow verpasste die letzten Spiele mit einer Muskelverletzung. Aber mit Schwolow im Tor stand man nach 28 Spieltagen auf Platz 17. Und laut Kicker-Notenschnitt war er 0,19 Notenpunkte schlechter als sein Ersatzmann. Mit einem Notenschnitt von 3,44 war er der schlechteste Torwart der Saison. Wenn man das mit Bürki vergleicht.
Nur um das zu belegen, stieg er in der nächsten Saison mit Schalke 04 direkt noch einmal ab. Dort verlor er nach einem 1:6 gegen RB Leipzig seinen Stammplatz an Ralf Fährmann, der einen deutlich besseren Kicker-Notenschnitt hinlegte. Aber da sich Fährmann verletzte, musste man die Saison mit Schwolow beenden. Damit war dann irgendwie das Urteil gefällt, dass man mit diesem Torwart nur um den Abstieg spielen kann. Also außer man ist der SC Freiburg. Schwolows war mehr oder weniger dabei, seine Karriere auf der Ersatzbank austrudeln zu lassen, bis eine überraschend starke Saison in Schottland ihn zurück in den Fokus brachte. Er hätte es sogar fast geschafft, die Glasgow-Dominanz zu durchbrechen und als erster Freiburger Torhüter einen Meistertitel zu holen. Erst in der 87. Minute des letzten Spieltages wurde dieser Traum zerstört. Schwolow nutzte diese Welle, um einen Vertrag in Mainz zu unterschreiben, damit er wenigstens wieder die Rolle als Ersatztorwart in der Bundesliga bekommt. Und weil Robin Zentner, der in meinen Augen ebenfalls nur ein durchschnittlicher Bundesligatorwart ist, mehrere Wochen verletzt ausfällt, bekommt er mit 34 Jahren erneut die Chance, sich in der Bundesliga zu beweisen. Aber am Ende erlebte er seinen Karrierehöhepunkt mit Anfang 20 in Freiburg.
Zurück zu diesen Freiburgern: Die reagierten auf den Abgang von Schwolow mit einer Leihe von Florian Müller. Müller war als Mainzer Talent in einem ewigen Zweikampf mit Robin Zentner verstrickt. Er konnte sich nie so klar durchsetzen, dass man bedingungslos auf ihn setzen wollte. 2021 entschied man sich dann gegen Müller. Nach einer Saison in Freiburg mit einem 2,9er Notenschnitt tauchte er auf dem Radar des VfB Stuttgarts auf. Nach 1 1/2 Jahren mit einem 3,2er Notenschnitt verlor er dort aber seinen Stammplatz. Nur um dann zur Relegation wieder zurück ins Tor zu kehren, weil Fabian Bredlow verletzt ausfiel. Aber für den HSV reichte es auch mit Müller. In der Saison 2023/24 entschied der VfB dann, mit Alexander Nübel einen richtigen Bundesligatorwart zu verpflichten. Seitdem geht es dort steil bergauf. Müller kehrte nach Freiburg zurück, um dort die Rolle der Nummer 2 anzunehmen.
Die hatten dieses Mal vorausschauend geplant und mit Mark Flekken den Ersatz für Müller bereits in ihren Reihen. Flekken war mit 28 Jahren eigentlich schon zu alt, um den Schritt zum Stammspieler noch zu machen. In Freiburg legt er trotzdem 2 souveräne Jahre hin, in denen er auf einen Notenschnitt von 2,88 und 2,79 kam. Das war gut genug, um sich den Traum von der Premier League zu erfüllen und dem SC Freiburg 13 Millionen Ablöse in die Kassen zu spülen. Dort spielte er 2 Jahre für das Überraschungsteam aus Brentford. Quasi dem SC Freiburg dieser Liga. Auch wenn natürlich selbst die Kleinen in der Premier League verdammt reich sind. Dennoch ist das ein Verein, der mit einem stabilen Umfeld für viele Überraschungen sorgt. Dieses Jahr haben sie sich sogar für die Champions League qualifiziert. Also nach dem Abgang von Flekken.
Denn der ist mittlerweile in Leverkusen gelandet. Dort kam er verletzungsbedingt nur auf 24 Einsätze und auf einen Notenschnitt von 3,24. Das ist Platz 16 im Notenranking. Jetzt darf er den Titel "umstrittene Nummer 1" tragen. Wenn man den News zu seiner Person Glauben schenkt, ist er nicht wirklich die Ideallösung. Auch hier kann es sein, dass Flekken seinen Karriere- und Leistungshöhepunkt in Freiburg erlebt hat. Seine Champions League Bilanz kann Flekken dieses Jahr jedenfalls nicht ausbessern, denn Bayer Leverkusen verpasste diesen Wettbewerb als Sechster.
Flekkens Abgang konnten sich die Freiburger leisten, weil sie die designierte Nummer 1 schon im Kader hatten. Also Deutschlands designierte Nummer 1 Noah Atubolu. Nach 32 Einsätzen in diversen U-Nationalmannschaften bestand zumindest die allgemeine Hoffnung, dass Atubolu die Frage nach Neuers Nachfolge beenden würde.
Doch schon in Freiburg hatte er immer mit der Konstanz zu kämpfen. Er kam noch nie auf einen 2er Notenschnitt im Kicker. Trotzdem setzte sein Berater ihm den Floh ins Ohr, dass er für Höheres berufen ist. Also wollte er im Sommer weg. Der SC so: "Gut, dann geh bitte." Einen Nachfolger, der bei uns funktioniert, finden wir schon. Die Ablöse wird uns guttun.
Nur interessierte sich niemand für Atubolu. Erst als der Eintracht bewusst wurde, dass sie dringend wenigstens einen durchschnittlichen Bundesligatorwart brauchen, konnte eine Paniklösung gefunden werden. Sonst wäre Atubolu wohl wirklich auf der Tribüne gelandet. In Frankfurt kassierte er dann direkt 7 Tore in den ersten 2 Spieltagen. Er patzte bereits am 2. Spieltag schwer. Klar, der ist noch ganz neu dort, aber auf den ersten Blick wirkt es nicht so, als könnte sich Atubolu dort als Stabilisator etablieren. Die Karrieren seiner Vorgänger machen aber wenig Hoffnung.
Freiburg hat sich ganz entspannt Mio Backhaus geholt und chillt nach 4 Spieltagen mit 3 Gegentoren auf Platz 3. Dabei ist Bachkaus Beitrag dazu eher überschaubar. Er hat noch keine überragenden Leistungen gezeigt, sondern liefert ungefähr auf dem durchschnittlichen Niveau von Atubolo ab. Oder er steigert sich noch ein wenig und liefert auf dem Niveau von Flekken, Müller oder Schwolow ab. Also irgendwo zwischen 2,77 und 3,04 wird sich sein Notenschnitt einpendeln. Stabil, aber nicht überragend halt.
Aber das ist ja der entscheidende Punkt: Es ist völlig egal, wer beim SC Freiburg im Tor steht. Solange es zumindest ein durchschnittlicher Bundesligatorwart ist, sorgt das stabile Umfeld dafür, dass der schon gut aussehen wird. Und bei passender Gelegenheit kann man den dann verkaufen und günstig durch den nächsten durchschnittlichen Bundesligatorwart ersetzen.
Freiburg hat halt auch Philipp Lienhart, der still und heimlich seit 2017 einen souveränen Job in der Innenverteidigung macht. Man hat mit Christian Günter eine absolute Institution auf der Position des Linksverteidigers. Dazu kommt Matthias Ginter als Rückkehrer. Lukas Kübler kommt auf 231 meist unauffällige Spiele als Rechtsverteidiger. Und Maximilian Eggestein schwingt davor auch schon im 5. Jahr den Taktstock. Ginter und Kübler wurden, als das Alter sich bemerkbar machte, relativ nahtlos durch Philipp Treu und Jordy Makengo ersetzt.
Das sind alles keine ganz großen Namen. Also ja, Ginter ist Weltmeister. Er kommt auf 51 Länderspiele. Philipp Lienhart kommt auf über 40 Länderspiele für Österreich. Aber die spielen auch alle noch oder wieder in Freiburg, weil sie für die ganz großen Namen, also in diesem Fall Real Madrid und Borussia Dortmund, nicht gut genug waren.
Und natürlich hat Freiburg auch den unfairen Wettbewerbsvorteil Christian Streich und Julian Schuster. Dass dort seit 2011 ein stabiles System herrscht, ist eigentlich unfassbar. Und Schuster lässt Streich ja seit über einem Jahr wie einen Bremser aussehen.
Die meisten Torhüter sind am Ende auch nur Rollenspieler. Wenn man sie in ein stabiles System integriert, sehen sie wie der nächste Nationaltorwart aus. Wenn man die Verteidiger austauscht, wackeln sie plötzlich. Die Anzahl der Torhüter, die wirklich das Fundament für eine stabile Abwehr bieten, ist dagegen sehr gering.
Nirgends wird das so deutlich, wie bei den Freiburgern und ihren Torhütern. Natürlich ist es bei Atubolu noch zu früh für ein Urteil, aber bei allen anderen gilt: Sie konnten das in Freiburg angedeutete Potenzial nie konstant abrufen, nachdem sie den Breisgau verlassen haben. Und ja, das trifft auch auf Oliver Baumann zu, von dem wir damals alle mehr erwartet haben.
Es ist schon faszinierend, dass abgesehen von Roman Bürki, der auch nur ein Jahr da war, alle Nachfolger von Oliver Baumann eine sehr ähnliche Karriere hingelegt haben. Denn keiner konnte sich als unumstrittene Langzeitlösung zwischen den Pfosten eines Bundesligisten etablieren.