Dienstag, 21. Juli 2026

WM Wrap Up: Dass Rudi Völler seinen Job behält

 Der DFB so: Nach diesem Desaster müssen wir gründlich aufräumen. Also behalten wir Rudi Völler... weil das am meisten Sinn ergibt.

Fangen wir mal ganz vorne an: Rudi Völler war sowieso kein Revoluzzer... oder wenigstens ein Reformator. Das ist ein Blitzableiter. Er "gilt als emotionales und verbindendes Element im deutschen Fußball". Das ist eine wunderbar treffende KI Antwort. Die liegt doch nicht immer falsch. Aber wie soll dieser 66 Jahre alter Mann jetzt die nötige Innovation einbringen?

Vor allem ist er ja technisch gesehen Jürgen Klopps Vorgesetzter, musste aber auf dessen Segen warten, um den Job zu behalten. Aber warum sollte Klopp auch nicht mit Völler zusammenarbeiten, der sichert ihm ja eine Wohlfühloase. Der bietet dir vor dem Turnier eine Vertragsverlängerung an. Und dann muss er hinterher deine Entlassung verantworten.

Also das ist eigentlich das Schlimmste: Völler muss sich als leitender Angestellter für die Art und Weise, wie Julian Nagelsmann entlassen wurde, rechtfertigen. Und die können sich das schönreden, wie sie wollen: Wenn man dem Mann und seinem Team 6,8 Millionen Euro bezahlen muss, damit er geht, dann ist er nicht zurückgetreten... sondern dann wurde er entlassen.

Ganz praktisches Beispiel: Die Niederlande sind wenige Stunden nach der deutschen Mannschaft ausgeschieden. Aber Ronald Koeman übernahm wesentlich schneller als Nagelsmann die notwendige Verantwortung. Und weil er wirklich und von sich aus zurückgetreten ist, bekommt er nach niederländischem Recht keine Abfindung. 
Wenn Nagelsmann am Ende wirklich eingesehen hätte, dass er dieses Turnier verkackt hat, wäre er wirklich zurückgetreten. Und dann hätte er auf eine Abfindung verzichtet. Der DFB hat aber noch nicht mal die Eier, das auch offen so zu benennen. Aber gut, wer 2026 Eier zeigt, muss damit rechnen, dass Merz die leckt... da würde ich das auch lassen.

Für diese 6,8 Millionen Euro, die jetzt dem DFB an allen Ecken und enden fehlen, muss Völler sich jetzt eigentlich rechtfertigen. Das wird am Ende Geld sein, welches vor allem dem Breitensport fehlen wird. Da hätte er dann wenigstens dem DFB die 3 Millionen, die ihm bis 2028 überwiesen werden, erlassen können.

Hier muss man auch nochmal festhalten, dass Nagelsmann genug Geld verdient haben sollte, dass er es sich leisten könnte, auf eine Abfindung zu verzichten. Und er wird ja auch zeitnah wieder einen interessanten Job für sich und seine Assistenten finden, bevor einer von denen in ernsthafte Schwierigkeiten gerät. Das Geld wird der DFB aber irgendwo streichen müssen, wo eben keine Millionen in der Hinterhand rumliegen. Also dass Nagelsmann auf dieses Geld besteht, ist richtig eklig.

Für mich ist es sowieso fragwürdig, dass man als Trainer der Nationalmannschaft unbedingt vor dem Turnier seinen Vertrag verlängern muss. Bei Vereinsmannschaften sehe ich es ja ein, dass es schwierig ist, seine Autorität zu erhalten, wenn man nur noch wenige Monate unter Vertrag steht. Das schaffen vielleicht Carlo Ancelotti und Pep GuardiolaJupp Heynckes hat es offensichtlich auch geschafft. Aber das ist schon verdammt viel verlangt. Als Vereinsprofi kannst du aber, wenn du erfolgreich gegen den Trainer gespielt hast, im nächsten Jahr wieder angreifen. Du hast oftmals nach der Entlassung des ungeliebten Trainers doch noch genügend Zeit, zumindest das Minimalziel zu sichern. Und wenn du zu erfolgreich, also Wolfsburg-esque, gegen den Trainer gespielt hast, kannst einfach den Verein wechseln.

Als Nationalspieler hast du im Normalfall 3 Chancen darauf, eine Weltmeisterschaft zu spielen. Wenn es für dich überdurchschnittlich gut läuft. Dazu kommen dann noch 3 Europameisterschaften. Aber mehr als 6 Turniere absolvieren nur die Ausnahmespieler... Dafür muss man 12-15 Jahre auf höchstem Niveau agieren, ohne dass ein jüngerer Spieler auftaucht, der das einfach besser kann. Oder man ist Lukas Podolski und wurde einfach im richtigen Moment geboren. 
Dass man als Nationalspieler ein Turnier wegwirft, nur weil der Vertrag des Trainers nach dem Turnier ausläuft, halte ich für extrem unwahrscheinlich. Ich meine, was hätte denn passieren sollen? Dass Deniz Undav in Interviews gegen die ihm zugedachte Rolle rebelliert? Oder das Leon Goretzka schlechte Stimmung verbreitet, weil er die ihm versprochene Rolle doch nicht übernehmen darf? Oh, wartet, das ist alles passiert, obwohl Nagelsmann's Vertrag verlängert wurde.

Nebenbei hat Didier Deschamps nachgewiesen, dass man eine Ansammlung großartiger Individualisten als Lame Duck souverän und diszipliniert ins Halbfinale führen kann. Aber gut, der hatte vorher auch Erfolge mit der Mannschaft vorzuweisen. 

Das ist nebenbei das andere Problem: Nagelsmann hatte jetzt technisch gesehen für 3 Turniere die Verantwortung. 2 davon waren im eigenen Land. Die EM vor 2 Jahren war in Ordnung und man konnte am Ende dem Schiedsrichter die Schuld am Ausscheiden geben. Aber man hatte den späteren Sieger des Turnieres vor echt schwierige Aufgaben gestellt. Das war zwar ein Schritt in die richtige Richtung, aber ein Viertelfinale ist, gemessen an den deutschen Ansprüchen, eben auch nicht überragend. Und das Nations League Final Four war... nun ja... dürftig. Dort verlor man beide Spiele. Das war ganz sachlich gesehen schon der erste deutliche Fingerzeig, dass die Entwicklung eher rückläufig ist. Denn 2024 war man gegen Spanien 90 Minuten lang auf Augenhöhe. Ein Jahr später konnte man gegen Portugal und Frankreich nur jeweils eine Halbzeit mithalten. Am Ende konnte man sich nebenbei bei Marc-André ter Stegen bedanken, dass man nur mit 1:2 gegen Portugal verloren hat.

Und ein weiteres Jahr später hatte man auf ein Mal Probleme mit Paraguay mitzuhalten. Also das ist ein ganz eindeutiger und stetiger Abwärtstrend, den man da in den letzten 2 Jahren erkennen muss. Den hätte man aber auch bei kritischer Betrachtung schon vor 12 Monaten wahrnehmen können.

Warum musste man den Vertrag überhaupt im Januar 2025 verlängern? Also vor dem Belastungstest Nations League... Warum hat man sich nicht wenigstens ein gewisses Sicherheitsnetz eingebaut? In dem man eine vernünftige und nachvollziehbare Abfindung von 13,12 in den Vertrag schreibt, falls man nicht mindestens das Viertelfinale erreicht. Nach den Erfahrungen der letzten Weltmeisterschaften wäre das doch irgendwie angemessen gewesen.

Und ganz ehrlich: Wenn Nagelsmann das nicht angenommen hätte, weil er, der offen vom Titel gesprochen hat, anscheinend doch Angst vor einem frühzeitigen aus hatte... dann hätten wir wenigstens gleich gewusst, dass er nicht der richtige Mann für den Job ist.  

Ernsthaft: Wäre es nicht mal geil, wenn ein Bundestrainer einen Vertrag unterschreibt, in dem er symbolische 1900 Euro Abfindung erhält, wenn er nicht mindestens das Viertelfinale erreicht? Damit würde dann auch ein Jürgen Klopp vorher ganz klar festlegen, was sein Mindestanspruch an ein erfolgreiches Turnier ist. Und wenn man wirklich extrem unglücklich im Achtelfinale ausscheidet, muss der DFB diese Klausel ja nicht ziehen.

Aber wie gesagt: Dass Jürgen Klopp gerne unter einem Rudi Völler arbeiten will, ist vollkommen nachvollziehbar. Das wird definitiv gut für in sein. Aber das bedeutet nicht, dass es auch gut für den DFB wird.
Aber der DFB ist auch der einzige Verband, bei dem eine gründliche interne Aufarbeitung immer wieder damit endet, dass die Verantwortlichen weitermachen dürfen. Das hat ja bei Jogi Löw und Hansi Flick schon super funktioniert, das wird bei Rudi jetzt auch werden...

Montag, 20. Juli 2026

Das erwartbare Finale nahm seinen erwartbaren Verlauf

 Das ist halt der Nachteil einer Setzliste: Am Ende kommt alles genau so, wie man es vorhersagen konnte... obwohl doch gerade die WM von der Unberechenbarkeit lebt. Wenn ich sehen will, wie die 4 besten Mannschaften taktische Meisterwerke abliefern, gucke ich die Champions League. Bei einer WM geht es doch um die großen und kleinen Überraschungen. Um Marokko, Kroatien und Belgien.

Das Lustigste daran war ja das Gejammer um das Spiel um Platz 3 von Thomas Tuchel...  Nur damit seine Mannschaft ihn dann widerspricht und in der ersten Halbzeit ein absolutes Feuerwerk abliefert. Frei nach dem Motto: Wenn wir diesen Scheiß mitmachen müssen, stellen wir aber sicher, dass die nächsten Mannschaften das auch müssen. In der 2. Halbzeit ging den Engländern dann aber völlig überraschend die Luft aus. Wer hätte das kommen sehen?

Ernsthaft: Das Spiel um Platz 3 ist nur dann überflüssig, wenn die Top 4 der Setzliste ins Halbfinale einziehen. Das sind jetzt quasi die Geister, die Gianni Infantino rief. Denn dank seiner (durchaus vernünftigen) Setzliste konnten diese 4 Mannschaften, wenn sie denn ihre Gruppe gewinnen, erst im Halbfinale aufeinandertreffen. Und genau so kam es dann auch. Danach mussten dann die erfolgsverwöhnten Franzosen und die überspielten Engländer austragen, wer denn nun dritter wird.

Aber gerade aus englischer Perspektive... Also dieses Spiel sorgte am Ende dafür, dass England die erfolgreichste Weltmeisterschaft seit 1966 spielte. Wenn die Engländer nicht so arrogant wären, würden sie das auch anerkennen. Wer seit 60 Jahren auf einen großen Titel wartet, sollte so eine Bronzemedaille nicht verschmähen.

Das Spiel um Platz 3 ist halt nur sinnlos, wenn man nur an die großen 5 Nationen denkt. Für die ist dieses Spiel eine unnötige Zusatzbelastung. Aber nehmen wir mal spaßeshalber das Spiel um Platz 3 aus dem Jahr 2006: Deutschland und Portugal haben vorher ein überraschend starkes Turnier gespielt. Beide kamen weiter als erwartet. Gerade die Deutschen haben eine riesige Euphorie ausgelöst. Also nutze man die Gelegenheit, um nochmal mit den Fans zu feiern. Während Oliver Kahn und Luís Figo ihren letzten Auftritt auf der Nationalmannschaftsbühne bekamen. War doch wunderschön.

Und in den meisten Fällen wird dieses Spiel von einem (oder zwei) Überraschungen als buchstäbliche Ehrenrunde genommen. 2002 war es die Türkei. 2010 Uruguay. Selbst Belgien kann hinterher behaupten, dass ihre doch nicht goldene Generation wenigstens 2018 Bronze geholt hat... was halt der größte Erfolg der Verbandsgeschichte ist. Einzig Brasilien - Niederlande 2014 war halt "das Spiel, das keiner wollte." Das ist doch eine respektable Quote. 

Man muss mal wieder festhalten, dass am Ende nur die ganz Großen jammern, während sich alle anderen über solche Gelegenheiten freuen. Vielleicht sollten die mal anerkennen, dass sie nicht die einzigen auf der Welt sind, die Fußball spielen. Und nebenbei sorgt der Fakt, dass das Spiel nicht ganz so ernst genommen wird, ja auch dafür, dass die hemmenden Ketten abgelegt werden. Also außer bei Kroatien und Marokko...

Das Finale war dann aber das erwartbare Finale. Spanien spielte Argentinien einfach müde. Argentinien versuchte sich vergeblich zu wehren und testeten dabei die Grenzen des Erlaubten großzügig aus. Am Ende zu großzügig, das man die Verlängerung in Unterzahl bestreiten musste. Aber nach 100 Minuten sah es doch so aus, als hätte man es geschafft, diesen Robotern auf die Nerven zu gehen... Weshalb Spanien sich dann doch dazu entschied, einfach mal ein Tor zu schießen...

Das bezeichnende an diesem Finale war aber, wie Spanien Lionel Messi aus dem Spiel nahm. Keine Manndeckung, die Thomas Tuchel ins Spiel gebracht hat. Keine spezielle Taktik, die nur auf ihn zugeschnitten war. Sie entschieden sich einfach dafür, seine 10 Helfer anderweitig zu beschäftigen. Sie sorgten dafür, dass der Gegner die ganze Zeit dem Ball hinterherlief. Und Messi geht halt in solchen Momenten meistens spazieren. Am Gegenpressing nimmt er doch seit mindestens 10 Jahren nicht mehr Teil. Mittlerweile ist es wirklich eklatant. Was aber auch für Argentinien völlig in Ordnung ist, denn wenn die Mitspieler sich darum gekümmert haben, dass er den Ball bekommt, zahlt er das ja zurück. Aber wie vorher schon erwähnt, kann man sich das gegen Mannschaft, die de facto auf Champions League Niveau spielen, nicht erlauben. Die logische Konsequenz: 54 Ballkontakte und ein Torschuss in 120 Minuten. Gegen England waren es 96 in der regulären Spielzeit. 

Und hier muss man nochmal festhalten: Messi hat genau so gespielt, wie in den Runden davor. Auch da war er im Spiel gegen den Ball kein Faktor. Nur bestand das Spiel da nicht ausschließlich aus der Arbeit gegen den Ball. Spanien konnte sich aber voll und ganz darauf verlassen, dass Argentiniens Spiel gegen den Ball nicht ausreichend sein wird, um Messi ins Spiel zu bringen. Was natürlich nach der Machtdemonstration gegen Frankreich auch keine große Überraschung war.

Es ist nebenbei faszinierend, dass Spanien zum 2. Mal im selben Modus Operandi Weltmeister wird. Schon 2010 wurde man nur 8 Toren Weltmeister. Man kassierte 2 Tore übers gesamte Spiel. Die Defensivtaktik bestand aus dem "Wenn der Gegner den Ball nicht hat, kann er kein Tor erzielen" Prinzip.  Jetzt war man vorne etwas großzügiger, kassierte aber nur ein einziges Gegentor. Man hielt die Offensivstars von Frankreichs und Argentiniens bei einem Expected Goals Wert von jeweils 0,3. Man musste nur im Finale in die Verlängerung. Nur Kap Verde konnten sie nicht besiegen... was kein Vorwurf ist, die konnte schließlich niemand besiegen. Ernsthaft, wer vorher darauf getippt hat, dass die gegen beide Finalisten nach 90 Minuten ein Unentschieden erringen...

Aber ganz sachlich gesehen war dies der dominanteste Auftritt bei einer Weltmeisterschaft seit... also seit Ewigkeiten. Gehen wir das mal kurz durch: Argentinien verlor vor 4 Jahren das Auftaktspiel gegen Saudi-Arabien. Und man musste gegen die Niederlande und im Finale gegen Frankreich ins Elfmeterschießen.
Frankreich lag 2018 im Achtelfinale gegen Argentinien bis zur 57. Minute in Rückstand.
Deutschland 2014 hatte seinen "Schreckmoment" gegen Algerien, wo man ohne Manuel Neuer ausgeschieden wäre und selbst mit ihm in die Verlängerung musste.
Spanien verlor 2010 zum Auftakt gegen die Schweiz. Und sie gewannen nur ein einziges Spiel mit mehr als einem Tor Vorsprung.
2006 wurde das Finale erst im Elfmeterschießen entschieden. Auch wenn Italien ohne Gegentor durch die K.O. Phase ging, muss man da irgendwie Punkte für abziehen.
2002 geriet Brasilien gegen England in Rückstand. Der einzige Makel in einem sonst perfekten Turnier.
Frankreich lag im Halbfinale gegen Kroatien kurz zurück. Also wirklich ganz kurz, der Ausgleich wurde postwendend erzielt.

Spanien jetzt... musste in kein einziges Elfmeterschießen. Lag nie in Rückstand. Kassierte überhaupt nur ein einziges Gegentor. Selbst Mannschaften, die die vorherigen Turniere dominiert haben, wie Frankreich 1998 und Brasilien 2002 kommen da nicht ran. Das war eine historische Leistung.

Kommen wir nun aber zum eigentlich wichtigsten: der Halbzeitshow. Und der Kritik daran. Ich sage das mal so: War gut. Also außer, dass ich darauf gehofft habe, dass sie die Wikinger-Referenz dazu nutzen, um endlich Beyoncés Act 3 Sea Shantys zu droppen... WHAT SHALL WE DO WITH THE DRUNKEN JAY-Z?
Aber ernsthaft: dass die es geschafft haben, solche ganz aktuellen Trends des Turniers mit einzubauen, war schon großartig. Mein eigentlicher Breaking Point kam aber, als die Vuvuzelas im Bild waren. Denn das war ernsthaft der Moment, in dem ich meine Meinung zu dieser Show komplett geändert habe: Ja, wir brauchten das. Also dieses eine Mal.

Denn bei einer WM geht es ja auch immer darum, die kulturellen Eigenheiten des Gastgeberlandes der ganzen Welt zu präsentieren. Deswegen fiel mir das bei den Vuvuzelas auf: Die haben damals die Stimmung bei der WM in Südafrika geprägt. Das ging uns Europäern mächtig auf die Nerven, weil man die Fangesänge nicht hören konnte. Aber als die Engländer dann beim Singen ihrer Nationalhymne während des Spieles dieses Getröte durchbrachen, war das ein Gänsehautmoment. Und vor allem war es, alles in allem, eine einzigartige Stimmung.

Zu den Eigenheiten der Amerikaner gehören, neben Massenschießereien, diese pompöse Show. Das gehört zu deren Großveranstaltungen einfach dazu. Damit war es bei dieser einzigen Veranstaltung auch Nachvollziehbar, dass man den Amis die Chance gibt, genau diesen Teil ihrer Kultur zu repräsentieren. Das bedeutet natürlich nicht, dass wir das jetzt in einem Akt kultureller Aneignung zwingend übernehmen müssen... aber dieses eine Mal hat es gepasst.
Random Side Note, weil ich das ja vorher angekündigt habe: Es gab während der WM über 60 Massenschießereien in den USA. Mit 55 Toten. Nur um nochmal festzuhalten, wie bekloppt die Verhältnisse vor Ort da sind. Aber das ist ja wirklich nur "am Rande" passiert und es gab zum Glück keine Überschneidungen mit dem Turnier...

Freitag, 17. Juli 2026

Mein innerer Zahlenfetischist bricht dann aus

 Frei nach Götz Widmann: War kompliziert, hab meinen digitalen Helfer zücken müssen. Aber die Frage, wie viele Minuten die englische Nationalmannschaft in den Beinen hat und wie viel mehr als bei den Argentiniern das sind, hat mich einfach interessiert. Und wenn man dann schon dabei ist, guckt man sich gleich noch Spanien als europäischen Vergleichswert mit an...

Die Daten kommen alle von Transfermarkt.de. Ich werde jetzt aber nicht jedes einzelne Spielerprofil verlinken.

Jordan Pickford   3540       Emiliano Martínez 3870     Unai Simón       4140
Reece James        2667      Nahuel Molina        2400        Pedro Porro        3923
Marc Guéhi         4522      Cristian Romero      2657        Pau Cubarsí        3978
John Stones         1144      Lisandro Martinez   1310        Aymeric Laporte 2434
Djed Spence        3024     Nicolás Tagliafico    2019        Marc Cucurella   3871
Declan Rice         4456     Leandro Paredes      1634        Fabián Ruiz        2122
Elliot Anderson   4168     Alexis Mac Allister  3885        Rodri                  2185
Jude Bellingham  2718    Enzo Fernández        4379      Lamine Yamal    3702
Anthony Gordon  2869    Julián Alvarez           3549       Dani Olmo          2838
Morgan Rogers    4564    Guliano Simeone       3803       Álex Baena         2305
Harry Kane          4050    Lionel Messi              1423       Mikel Oyarzabal 3195

Gesamt                 37723                                   30929                                  34693

Der selbst der Unterschied zwischen Spanien und England ist beachtlich. Der Unterschied zu Argentinien ist eklatant. Also das sind in der Summe über 75 Spiele mehr, die die Engländer in den Beinen hatten. Im Vergleich zu den Spaniern sind es immer noch über 33. Das ist beinah eine komplette Bundesligasaison... Natürlich geteilt durch 11, aber das macht dann immer noch 6,8 bis 3 zusätzliche Spiele pro Spieler. Und da sind wir noch nicht mal bei dem Fakt, dass diese 3 Spiele in der härtesten Liga der Welt absolviert werden und nicht in der Bundesliga, die selbst Harry Kane gewinnt und wo die Gegner sich ehrfürchtig ergeben.

Das dürfte ja keine Ausnahmesituation sein. Das ist ja der ganz normale Wahnsinn für die. Und ja, es ist irgendwie bezeichnend, dass der einzige 4000er der Spanier im Tor steht. 

Faszinierend an diesem offensichtlichen Einbruch ist ja, dass diese WM ein Belastungstest für die Belastung war. Also nochmal extremer für die Engländer, die ja für ein Spiel in die Berge mussten, was nebenbei völlig bekloppt ist. Und danach noch eine Verlängerung gegen Norwegen überstehen mussten. Dass die überhaupt so lange durchgehalten haben, ist eher ein Wunder.

Aber es stand eine entscheidende Frage im Raum: Wie vertragen unsere Stars eine Mega-WM, teilweise in der Hitze, nachdem sie eine lange Saison mit aufgeblähter Champions League und eine Klub-WM im vorherigen Sommer in den Beinen haben? Und die erste Antwort war: Extrem gut. Die Stars wie Kane und Bellingham haben schon abgeliefert. Kylian Mbappé hat 8 Tore erzielt. Erling Haaland ist bei 7 Toren in 5 Spielen. Ousmane Dembélé erzielte 5 Treffer. Die besten Angreifer der Champions League haben richtig abgeliefert.

Aber... Erling Haaland hat sich in der Verlängerung des Viertelfinales auswechseln lassen. Der musste im wichtigsten Moment der Fußballgeschichte seines Landes zugeben, dass der Tank einfach komplett leer ist. Dass er als bester Spieler, den das Land je hervorgebracht hat, dieser Mannschaft nicht mehr helfen kann, weil er einfach zu fertig ist. Harry Kane spielte in der zweiten Halbzeit ein paar wunderbare Seitenverlagerungen, aber sonst war von ihm wenig zu sehen. Bellingham ist erst nach Abpfiff wirklich aufgefallen. Nur traute sich Thomas Tuchel halt nicht, den wieder auszuwechseln und einen frischeren Mann zu bringen. 
Declan Rice sah am Ende eher wie ein Zombie als wie ein Profi aus und musste nach 82 Minuten runter. Dass man dann nicht mehr konsequent verschieben kann und die Argentinier zu Chancen kommen, ist eher logisch als überraschend. Und da muss ich auch die Kritik an Tuchel etwas revidieren: Dass es dann unmöglich ist, überhaupt über Entlastung nachzudenken, erscheint nachvollziehbar.

Am Ende könnte man doch zu dem Schluss kommen, dass es einfach zu viel ist. Man ist als Fußball Fan jetzt in einem Turnierjahr in einer völlig absurden Situation angekommen: Man muss irgendwie hoffen, dass seine Stars gesund durch die Saison kommen. Aber man muss zeitgleich darauf hoffen, dass man nicht zu gesund durch die Saison kommt, denn dann hat man plötzlich zur WM 4500 Minuten in den Beinen... Das Paradebeispiel hierfür ist ja Lamine Yamal, auch wenn der erst im Halbfinale wirklich ins Laufen kam. Der hatte nämlich im beinah perfekten Moment seine Verletzung. Der verpasste die letzten 6 Ligaspiele. Aus der Champions League war Barca bereits ausgeschieden. In der Liga hatte man aber genug Vorsprung, dass man souverän Meister werden können. Auch im Pokal war man bereits ausgeschieden. Es ging für Yamal quasi nur noch darum, zur WM fit zu sein. Idealer wäre natürlich eine leichtere Verletzung gewesen, sodass er die letzten 2 Spiele noch zum Einspielen nutzen kann.

Wenn Yamal aber all diese 6 Spiele komplett macht, ist er bei 4223 Minuten... Plus Nachspielzeit. Ob er dann wirklich inspirierter spielen würde... Obwohl man an der Stelle auch zugeben muss, dass Yamal halt noch verdammt jung ist und er die 4500 Minuten Saison im Vorjahr gut verkraftet hat. Aber es könnte gut sein, dass er dann genauso motiviert aussieht, wie Declan Rice.

Natürlich wird da niemand so genau hingucken wollen. Es ist leichter Thomas Tuchel für seine definitiv fragwürdigen Wechsel zu kritisieren, als das große Ganze zu hinterfragen. Man wirft den Spielern vor, dass sie völlig unmotiviert den Betrieb einstellen, weil sich mit der Frage, warum sie so fertig sind, niemand beschäftigen will. Und in 2 Jahren sind dann alle wieder überrascht, wenn England grausamen Fußball spielt und ihnen am Ende die Kraft fehlt, um das Turnier zu gewinnen.

Es ist ja faszinierend, wie oft Tuchel sich während dieser WM anhören musste, dass er ja Southgate-Fußball spielen lässt. Dass die Auftritte oft genauso uninspiriert sind, wie bei den Turnieren davor. Vielleicht müssen wir mal die bittere Wahrheit akzeptieren, dass man nur Southgate-Fußball spielen lassen kann, wenn man 9 Premiere League Profis plus 2 Stars von Bayern München und Real Madrid aufstellen muss. Denn es macht ganz offensichtlich einen Unterschied, ob man 5 Spieler mit mehr als 4000 Minuten in den Beinen aufstellen muss... oder nur einen.

Donnerstag, 16. Juli 2026

Worst of der WM Halbfinale

 Wo ich nach 2 Wochen endlich wieder Internet habe... Kann ich mich endlich auch wieder mit dieser WM beschäftigen... erstmal zum ganz Aktuellen.

Spanien gegen Frankreich war das faszinierendste schlechte Spiel, dass ich seit langem gesehen habe. Also wie die Spanier den Franzosen den Zahn gezogen haben, war schon beeindruckend. Wie Frankreich versucht hat zu pressen, aber einfach keine Aussichten auf Erfolg hatten. Ich habe irgendwo die These gelesen, dass das der Moment war, in dem auffiel, dass Frankreich's Starensemble eben doch untrainierbar ist und von Didier Deschamps nur gemanaged wird. Denn die Automatismen, die man bräuchte, um die Spanier wirklich unter Druck zu setzen, muss man sich halt erarbeiten. Frankreich lief zwar verdammt viel, aber nie geschlossen an. 

Dass dann von der Offensive bei eigenem Ballbesitz kam, war auch beeindruckend. Also dass sich eine Offensive aus Kylian Mbappé, Ousmane Dembelé, Bradley Barcola und Michael Olise in 45 Minuten einen Expected Goals Wert von 0,07 erarbeitet, sollte praktisch unmöglich sein. Also das war Ghana-esque... Nach 90 Minuten lagen sie bei 0,3. Das war also buchstäblich ein "Die hätten ewig so weiterspielen können, ohne ein Tor zu erzielen."

Sachlich gesehen war das sogar absehbar. Also das EM Halbfinale vor 2 Jahren lief ja ähnlich. Und in der Nations League führte Spanien 5:1, bevor es plötzlich nochmal spannend wurde. Es ist also kein überraschender Ausgang. Didier Deschamps hatte praktisch gesehen in den letzten 2 Jahren eine einzige Aufgabe: Seine Mannschaft auf ein Duell mit Spanien vorzubereiten. Den Rest der Welt kann schlägt die Mannschaft aufgrund ihres absurden Talents auch so. 

Aber obwohl Deschamps viel dafür gelobt wurde, dass zum Beispiel ein Mbappé unter seiner Führung viel disziplinierter spielt, als man das vom Verein kennt, hat er das eben nicht geschafft.

Das wirklich enttäuschende war, wie Mut und Widerstandslos Frankreich sich ergeben hat. Am offensichtlichsten war das bei dem zögerlichen Abschluss von Desiré Doué in der 81. Minute. Aber die wirklich schlimmste Szene kam viel früher. Guckt euch einfach mal das Ende der Trinkpause aus der Vogelperspektive an. Das ist bei 1:43:00. Da trabt Olise dann zurück auf den Platz, nur um dann direkt ausgewechselt zu werden... und wieder runterzutraben. Alles mit der Entspanntheit einer 2-Tore-Führung... nur das Frankreich eigentlich 2 Tore erzielen musste.

Entweder hatte Olise sich schon mit dem Ausscheiden abgefunden und wollte noch ein wenig Zeit auf dem Platz genießen... also sich "seinen Applaus" abholen. Oder Deschamps hat es wirklich verkackt, seinen Spielern mitzuteilen, dass er sie gleich auswechselt. Da auch Rayan Cherki auf den Platz zurücktrabt... da fällt es nur nicht so auf, weil er an der Seitenlinie bleibt. Dafür geht der sogar vom Platz und klatscht mit einem Spanier ab. Dann muss man sich natürlich fragen, was Deschamps in dieser Trinkpause eigentlich gemacht hat. Aber eine Mannschaft, die noch daran glaubt, dass sie diesen Rückstand dreht, wechselt da anders aus...

Nur so als Vergleich: Argentinien lag ebenfalls zur Trinkpause im Rückstand. Da standen aber beide auszuwechselnden Spieler schon an der Seitenlinie, bevor die Tafel überhaupt hochgehalten wurde. Und hier ist ein weiteres Detail: Während Didier Deschamps konsequent positionsgetreu wechselte, brachte Lionel Scaloni am Ende den Torschützen zum 2:1 Lautaro Martínez für seinen Linksverteidiger Nicolas Tagliafico. Es war auch wirklich auffällig, wie Argentinien in der 2. Halbzeit seine komplette Spielanlage umstellte. Wie Lionel Messi wieder zum Rechtsaußen wurde, weil der englische Spielplan mit dem Verdichten des Zentrums so gut funktionierte, dass die in der Halbzeit das Singen der Nationalhymnen als Highlight zeigen mussten. Es war aber nicht nur Messi. Er brachte mit Nicolas Gonzalez und Martinez zwei Zielspieler für Messis Flanken, die im Strafraum für extrem viel Unruhe sorgten...

Deschamps hat es dagegen nur geschafft, ein einziges System einzuplanen. Und an diesem ein musste stur festgehalten werden. Obwohl es aus den Spielen davor und aus den 60 Minuten an diesem Tag genügend Anschauungsmaterial gab, dass das nicht reichen wird. 
Jetzt muss man schon irgendwie die Frage in den Raum werfen, ob Deschamps damit ganz offiziell der Jogi Löw dieser Generation ist. Wie viele Titel hätte diese Mannschaft holen können, wenn sich wirklich trainiert worden wäre... Deschamps hat ja schon angekündigt, dass er jetzt belegen will, dass es nicht an ihm lag, da er eben nicht in den Ruhestand geht, sondern neue Herausforderungen sucht. 

Wo wir gerade schon die Anpassungen der Argentinier angesprochen haben, kommen wir nun zum Einbruch der Engländer. Denn die andere Seite deren Medaille ist der extreme Einbruch der Engländer nach der Führung. Dafür hat die Kraft anscheinend gerade so noch gereicht, danach war der Tank dann leer.

Für mich ist auch das gar nicht so überraschend. Denn die Engländer zahlen halt in genau solchen Momenten die "Premiere League Steuer". Und ja, es haben natürlich alle Mannschaften Spieler aus der Premiere League in ihren Reihen. Bei Spanien sind es 7. Die Argentinier haben 5. Aber England hat nur 5 Spieler, die nicht durch die Knochenmühle Premiere League gehen mussten. In der Startelf waren das dann nur Harry Kane und Jude Bellingham. Und die Premiere League ist einfach intensiver, als der Rest. Allein schon weil Arsenal und Manchester City bis zum 37. Spieltag um die Meisterschaft kämpften, die in der Bundesliga und in Spanien frühzeitig entschieden war. Aber diese Liga ist halt auch in der Breite so gut, dass ihre Abstiegskandidaten gleichzeitig um europäische Titel kämpfen. Da gibt es einfach keine einfachen Spiele. Und dann gibt es 38 davon. Dazu die 2 Pokale. Und die Champions League, in der die Schlüsselspieler ja ebenfalls oft weit kommen. 

Also ganz praktisch hatte Declan Rice vor der WM vor der WM 4.456 Minuten in den Beinen. Ein Harry Kane nur 4.050. Und diese 400 "Bonusminuten" werden nicht, wie bei anderen Vereinen, mal 5, sondern mal 18 genommen. 
Da ist es dann auf einmal nicht mehr so überraschend, dass die Argentinier hinten raus noch Kraft haben, obwohl sie das älteste Team des Turniers sind. Gerade die ganz alten Säcke wie eben Lionel Messi haben sich doch praktisch monatelang für diese WM geschont, weil sie sich den Stress des europäischen Rahmenterminkalenders erspart haben. Und selbst ein Alexis Mac Allister, der ja auch bei Liverpool spielt, kommt da nur auf 3.885 MinutenJulián Alvarez kommt auch verletzungsbedingt nur auf 3.549 Minuten. Bei Messi sind es lächerliche 1.423...

Und hier muss man auch nochmal festhalten, dass das Alter bei einer WM nur bedingt ein Problem ist, da das Tempo in den Spielen im Allgemeinen deutlich niedriger ist, als in der Champions League. Das macht man ja auch am besten an Messi fest. Der hat 2015 seinen letzten Titel in der Königsklasse geholt. Der hat halt auch irgendwann das Spiel gegen den Ball fast komplett eingestellt. Und seitdem er das gemacht hat, gab es immer wieder "überraschende" und vor allen Dingen heftige Pleiten in diesem Wettbewerb. Bei Paris, wo dann gleich 3 Angreifer nicht konsequent gegen den Ball gearbeitet haben, wurde es nur noch schlimmer. Aber er steht vor seinem dritten WM-Finale. 

Bei einer WM gibt es aber nur 3 Mannschaften, die rein vom Talent her in ein Halbfinale der Champions League einziehen könnten. Eine davon ist am Ende der langen Saison zu Müde für den Scheiß. Die andere wird von Deschamps "trainiert". Bleibt also nur noch Spanien, die wirklich auf höchstem Niveau agieren. Deswegen kann Argentinien es sich auch erlauben, einen Messi gegen den Ball durchzuschleppen. Und ja, er zahlt das natürlich auch zurück, das ist kein Thema, aber wenn der Gegner den Ball hat, geht Messi hauptsächlich spazieren. In der Champions League würde das viel krasser bestraft werden. 

Dennoch müssen wir an der Stelle auch über Thomas Tuchel reden. Denn das Argentinien die Luft und den Willen für ein Comeback hat, war ja keine ganz große Überraschung. Das haben sie in den vorherigen Spielen schon eindrucksvoll nachgewiesen. Auch dass Scaloni und Messi Anpassungen vornehmen werden, um deinen Matchplan auszuhebeln, ist keine ganz große Überraschung. Warum also mimt Tuchel plötzlich den Gareth Southgate? Dass man gegen Mexiko in Unterzahl auf 5er-Kette umstellt, ist ja nachvollziehbar. Aber dass er gegen Argentinien und einem Messi in überragender Form dasselbe macht, ist total bescheuert. Vor allem hätte er ja mit Noni Madueke und Bukayo Saka frische Flügelspieler auf der Bank gehabt. Wobei man "frisch" bei englischen Profis im Sommer immer in Anführungsstriche setzen muss. Was England brauchte, war kein Mauerwerk, sondern Entlastung. Tuchel wechselte aber ängstlich. Und genau diese Angst übertrug sich auch auf seine Mannschaft, die ehrfürchtig auf die Gegentore wartete.

Es ist halt wirklich faszinierend, dass in diesen beiden, taktisch hochwertigen, Spielen die besseren Trainer den Unterschied ausmachten. Also im Fall von Spanien - Frankreich eher in der Vorbereitung: Da war ein Team perfekt darauf ausgerichtet, den Gegner aus dem Spiel zu nehmen und dem gegnerischen Trainer fiel kein Mittel ein, dieses Team in Not zu bringen. Und bei England - Argentinien machten die besseren Anpassungen während des Spiels den Unterschied aus. Wobei man auch hier festhalten muss, dass Tuchel das ja eigentlich kann. Er hat sich dieses Mal nur verzockt. 

Das ist aber etwas, dass ich eher in der Champions League als bei einer WM erwarten würde. Bei einer WM regeln halt normalerweise die Stars und nicht die Taktik, weil man ja als Trainer auch nur bedingt die Zeit hat, entsprechende taktische Kniffe vorzubereiten. Aber dieses eine Mal muss man ganz klar festhalten, dass die richtige Taktik und die richtigen Anpassungen den Unterschied ausgemacht haben. 

Sonntag, 28. Juni 2026

Fußball ist so ein dummes Spiel

Und so kann aus einem beschissenen Kick plötzlich ein "Spektakel" werden. Einfach nur, weil beide Mannschaften zu unfähig sind, um zu verteidigen. Selbst wenn der Gegner es nicht mal versucht, anzugreifen...

Also ganz ehrlich: Das war schon groteskes Kino. Gerade in der 2. Halbzeit. Aber schon vorher. Der Kicker hat da ja einen "munteren Schlagabtausch" gesehen, obwohl es schon in der ersten Halbzeit verdammt viele Phasen gab, in denen die Österreicher den Ball im Mittelkreis ziellos hin und her spielten. Aber dann dachte David Alaba sich: och, jetzt sind mal die anderen dran, wir geben den Ball mal an die weiter.

Nur stellte sich Oussama Benbout unfassbar dumm an. Davor hebt Aissa Mandi erst das Abseits auf und lässt sich dann einen 37 Jahre alten Arnautovic wegrennen. Und Ramy Bensebaini bewies, dass er ein Dortmunder Führungsspieler ist, in dem er den Arm hob und sich dann beschwerte, anstatt seinem Torwart und seinem Verteidiger zu helfen. 

Das mag jetzt unfair sein, sich bei diesem Tor auf Bensebaini einzuschießen, aber er sollte doch wissen, dass sein eigentlicher Stammtorwart verletzt ist. Und dass Zidane Jr. gerade auf die Bank versetzt wurde... dass es also der dritte Torwart ist, der da im Kasten ist. Das ist ein Mann, der in genau solchen Momenten die Hilfe seiner erfahrenen Mitspieler braucht... aber Bensebaini, der genau das ist, verlässt sich darauf, dass das schon geregelt wird.

Dieses Tor kam nur zustande, weil sich Algerien unfassbar dumm anstellte. Vorher lag der Expected Goal Wert bei ghana-esquen 0,05... für beide Mannschaften. Danach passierte etwas Faszinierendes: Algerien spielte plötzlich mit. Also 15 Minuten lang spielten sie tatsächlich auf das Tor des Gegners. Es wurde tatsächlich ein Fußballspiel. Der Ausgleich bewies aber nur, dass die Österreicher genauso schlecht verteidigen könnten, wie die Algerier. Phillip Mwene verliert da einen Zweikampf mit der Eckfahne. Und das ist keine Übertreibung. Rafik Belghali stolpert danach durch den Strafraum. Es gibt mehrere Österreicher, die da eigentlich einen Zweikampf führen müssten, aber alle hatten anscheinend Angst davor, noch dümmer als Mwene auszusehen... und plötzlich stand es 1:1.

Die 2. Halbzeit begann dann mit 10 Minuten Ballgeschiebe und einem Fernschuss... bis Österreich aus dem Nichts ein Mal das Tempo anzog und die Algerier damit komplett überforderte. Auch diesen Ball hätte Manuel Neuer nebenbei gehalten. Also die 2026er-Version.  Algerien machte aber exakt dasselbe wie in der ersten Halbzeit: Sie bewiesen, dass sie durchaus Fußball spielen können... und erzielten eine sauber heraus gespieltes 2:2. 

Wer jetzt dachte: Wenn beide Mannschaften absolut nicht verteidigen können, dann muss es doch eine aufregende Schlussphase geben... hat irgendwie recht. Aber sachlich gesehen stellten beide Mannschaften nach der 2. Trinkpause das Spiel ein. Es gab nur noch ganz wenige, ganz zaghafte Versuche, irgendwie in die gegnerische Hälfte zu kommen. Algerien spielte sich im Mittelkreis den Ball hin und her. So kommt man am Ende auf 754 Pässe. Also um das Hin und Her Geschiebe in Relationen zu setzen: In der 90. Minute blendete die Fifa eine Grafik ein, dass Algerien 667 Pässe gespielt hat. Und den 3 folgenden Minuten spielten sie 87 weitere. Und dann spielten sie aus dem Nichts einen Pass nach vorne... damit hatte Österreich nicht gerechnet. Algerien wahrscheinlich auch nicht. Die wollten doch eigentlich nur eine Spielunterbrechung provozieren, damit Farés Gehdjemis eingewechselt werden kann. Der sollte seine ersten WM-Sekunden bekommen... doch plötzlich stand es 3:2, obwohl niemand die Absicht hatte, ein Tor zu erzielen. 

Ralf Rangnick brachte Saša Kalajdžić und Österreich war verzweifelt alles nach vorne... Um tatsächlich nochmal belohnt zu werden. Was für ein faszinierendes Ende. Also tatsächlich. Und die armen Iraner. Aber hier muss man nochmal eines festhalten: War es nur wegen des völlig absurden Endes ein großartiges Spiel? Also der Kicker gibt dem "Spektakel" eine 1,0... obwohl der Kicker auch einen Expected Goals Wert von 3,16 "abdruckt". Also für beide Mannschaften zusammen. Man gibt offen zu, dass die Tore völlig unerwartet und völlig unnötig vielen. Der Kicker erkennt auch an, dass beide Mannschaften "doch lieber wieder hinten rum" spielten. Und das schon in der ersten Halbzeit. Hier ist eine weitere Perle aus dem Kicker-Ticker: "Weiterhin spielen die Algerier im Mittelfeld hin und her. Daraus entsteht keine Torgefahr. Österreich steht relativ tief und läuft gemächlich knapp hinter der Mittellinie an". 

Und versteht mich nicht falsch: Die Partie war deutlich besser, als ich erwartet hatte. Also ich hatte ja ausschließlich auf belangloses Ballgeschiebe gesetzt. Aber es war trotzdem ein Spiel, das mindestens zu 50 % aus Leerlauf bestand. Wo die Fans im Stadion mehrmals deutlich hörbar gepfiffen haben, weil halt wirklich NICHTS passierte. Und die 6 Tore sind nicht gefallen, weil beide Mannschaften zielstrebig nach vorne spielten, sondern weil sie sich unfassbar unfähig anstellten.

Ich finde es faszinierend, wie sich angebliche Fachjournalisten von diesen 6 Toren blenden lassen, die 20 Minuten vor den letzten beiden Toren aber komplett ausblenden. Und auch wie die Tore vorher gefallen sind, interessiert niemanden. Um das mal festzuhalten: Viele Tore bedeuten nicht, dass ein Spiel gut war. Und ein Spiel mit so viel Leerlauf und Ballgeschiebe kann eigentlich nie die Note 1 bekommen. Also als 2. "Die Kicker Spielbewertungen sind willkürlich und sinnlos" Rant dieser WM. Eine sachliche Zusammenfassung wäre eher "Die dramatische Schlussphase und die 6 Tore können den kompletten Leerlauf, der das Spiel lange Zeit prägte, nicht komplett vergessen machen. 2,5."

Für die Fifa ist das aber großartig. Die können aus den brauchbaren 20 Minuten einen All-Time-Classic machen und können mindestens 4 Jahre lang ignorieren, dass der Modus sachlich gesehen unfair ist, weil die Mannschaften in den "späten" Gruppen einen entscheidenden Vorteil haben. 

Aber kommen wir zum Iran. Die haben es tatsächlich geschafft, mit 3 Unentschieden auszuscheiden. #PassivesAbseitsLeserwissenesexklusiv. Also ich hatte ja vor der WM (und sicherlich auch vor der letzte EM) behauptet, dass man mit 3 Unentschieden quasi sicher weiterkommt. Hier muss man eines festhalten: Die Wahrscheinlichkeit, dass man mit 3 Toren und einem ausgeglichenen Torverhältnis weiterkommt, liegt bei laut Football Meets Data 96 %. Und es mussten haufenweise absurde Ereignisse zusammenkommen, damit der Iran am Ende ausscheidet. Da war "Manuel Neuer patzt beim 1:2" noch das wahrscheinlichste Ereignis. Aber das ist auch Teil der Wahrheit: Wenn Deutschland sein eigentliches Leistungsvermögen auf dem Platz bringt, wäre der Iran jetzt noch dabei. Auch wenn der DR Kongo sein Spiel in den letzten 20 Minuten nicht komplett dreht... Und wenn Kalajdžić nicht in allerletzter Sekunde zum Volkshelden wird... Dazu musste der Irak in Unterzahl 5 Tore gegen den Senegal kassieren.  

Anders ausgedrückt: Das war das eine Mal in 100 Turnieren, dass man mit dieser Bilanz ausscheidet. Und natürlich passiert es dem Iran... Das ist doppelt bitter, weil der Iran selber erst ein Abseitstor erzielte und dann den Siegtreffer um Zentimeter verpasste. Wenn die sich darauf verlassen hätten, dass ein Unentschieden reicht, aber sie haben auf Sieg gespielt... und trotzdem wurden sie am Ende mit dem Ausscheiden bestraft. Es gibt halt kein Karma im Fußball... 

Mittwoch, 24. Juni 2026

Worst of des "It is too big to fail" 2. Spieltages

 Das Urteil ist dann durch. Also spätestens in dem Moment, wo laut gejubelt wurde, als das Feindbild Nummer 1 aus dem Iran im gegnerischen Strafraum auftauchte. Selbst wenn man die Menschen aus dem Land nicht einreisen lässt, finden die Fans einen Weg ins Stadion. Auch wenn es hilft, dass Los Angeles eine der größten iranischen Kommunen außerhalb des Heimatlandes hat. Teherangeles. Fußball gucken bildet.

Und auch wenn die aufgerufenen Preise für die Anreise eigentlich absurd sind, finden Fans einen Weg ins Stadion. Selbst wenn das Land an sich die Einreise so unangenehm wie möglich macht, kommen die Schotten und saufen ganz Boston leer. Und schaffen es damit zu Jon Oliver. Nicht als "Our Main Story tonight", da ging es nur um Wildschweine, aber noch ist ja auch nicht Finale. Den dreifachen Umsatz eines gewöhnlichen St. Patricks Day haben die gemacht. St. Patricks Day ist quasi deren Herrentag, wo sich der gesamte männliche Teil des Landes sinnlos betrinkt. Aber wahrscheinlich vertragen die Amis doch einfach nichts, schließlich trinken die hauptsächlich Bud Light... das einzige Bier, dass die Schotten verschmähten.

Nebenbei rudern die Norweger Rolltreppen hoch. Und die Australier singen "Donald Trump is a Sex Offender". Die WM kann also doch politisch sein. Aber ja, trotz aller skeptischer Prognosen, auch von den örtlichen Hotels, sind die Fans da. Und trotz der absurden Preise sind die Stadien voll. Für mich ist das der offizielle Beweis, dass man auch eine WM in der Antarktis austragen könnte, die Fans würden kommen.

Fußballerisch geht es jetzt ja eigentlich los. Also wäre es früher jetzt losgegangen, weil am 3. Spieltag die wirklich spannenden Spiele starten. Stattdessen listet ESPN schon 18 Mannschaften auf, die die K.O. Phase sicher erreicht haben. Oder quasi sicher, denn mit 4 Punkten kann man eigentlich nicht ausscheiden... außer jeder in der gesamten Gruppe hat am Ende 4 Punkte, dann ist das was anderes. 

Wirklich spannend wird ja, meiner Meinung nach, das Duell Frankreich Norwegen. Also wollen am Ende beide dieses Spiel doch lieber verlieren? Wäre vielleicht vernünftiger. Denn der Verlierer spielt, stand jetzt, gegen die Elfenbeinküste und danach gegen Brasilien. Der Gewinner spielt gegen Schweden und Deutschland. Danach gibt es ein "relativ leichtes" Viertelfinale und dann ein Halbfinale gegen Spanien... Deutschland hat den Gruppensieg ja schon sicher. Und natürlich ist es Ewigkeiten her, seitdem Deutschland ein Achtelfinale gewonnen hat... Aber Brasilien war zuletzt auch 2014 richtig gut. Mich würde es nicht wundern, wenn Didier Deschamps sich da zum 2. Platz rotiert. Einfach nur, weil Deschamps allgemein bekannt dafür ist, dass er am 3. Spieltag all seinen Reservisten ihre Minuten gibt. So hat er beim letzten Turnier gegen Tunesien verloren. Für Frankreich gibt eigentlich nichts zu gewinnen.

Nebenbei wird die Trainerleistung von Deschamps auch unterschätzt. Man denkt ja immer, dass das Talent das regelt und er die mit seiner, nennen wir es optimistisch, sachlichen Herangehensweise das Team eher hemmt. Aber selbst ein Kylian Mbappé arbeitet in diesem Team relativ seriös nach hinten. Vielleicht sollte Real Madrid Deschamps holen, denn da funktioniert das so überhaupt nicht.

Also um das nochmal festzuhalten: Die mangelnde Defensivarbeit von Mbappé und seiner Vereinskollegen in Paris und Madrid dürften der Hauptgrund sein, warum der Mann noch nie die Champions League gewonnen hat. Aber er hat schon in 2 WM-Finalen getroffen. Und Frankreich ist wieder der Topfavorit auf den Titel. Er wäre nebenbei der erste Spieler, der in 3 WM-Finalen trifft. Also falls ihr euch wundert, warum Mbappé in den "Beste WM Spieler aller Zeiten" Liste ganz weit oben steht.

Nebenbei ist jetzt dem Kicker zum 2. Mal aufgefallen, dass der Modus Scheiße ist... weil sie meine Argumente übernehmen. Also schon vor dem Curacao Spiel hieß es, dass Deutschland mit einem hohen Sieg praktisch weiter wäre, weil man mit 3 Punkten und einem guten Torverhältnis praktisch nicht ausscheiden kann. Jetzt warnt der Kicker vor "der Schande von Kansas". Denn jetzt haben wir die Konstellation, dass Algerien und Österreich mit einem Unentschieden sicher weiterkommen. Hätte uns doch jemand gewarn... oh warte... #PassivesAbseitsLeserwissenesfrüher.

Wo wir schon dabei sind: Es gab die erste Unwetter-Unterbrechung. Und die ging so lange, dass es das erste "Parallelspiel" gab... und das erste Spiel ohne Trinkpause in der 2. Halbzeit. Frankreich nutze die Gelegenheit eiskalt und ruinierte all die "Zwischen der 66. und 69. Minute werden keine Tore fallen" Tippscheine. 
Viel wichtiger ist aber: Ich habe schon bei der Klub-WM darauf hingewiesen, dass die Fifa da einen Plan braucht. Also solche Unwetter passieren im amerikanischen Sommer halt relativ regelmäßig. Und es ist uns ja auch bei der EM in Deutschland passiert. Wenn es jetzt aber im Sinne des Wettbewerbes wichtig ist, dass beide Spiele zeitgleich stattfinden, dann ist es auch irgendwie wichtig, dass beide Spiele dann auch unterbrochen werden. Damit nicht ein Spiel eine Stunde später beendet wird, als das andere... Aber die Fifa scheint hier auf das Prinzip "Wird schon gut gehen" zu setzen... Obwohl wir genau dieses Szenario schon bei der Klub-WM erleben durften...

Aber es gibt nicht nur Schlechtes von der Fifa Seite. Denn die Fifa hat endlich Verwarnungen für Zeitspiel abgeschafft und bestraft derartige vergehen stattdessen mit Ballbesitz für den Gegner. Das sind auch Dinge, die ich hier seit Jahren vorgeschlagen habe. Bei dem derzeitigen Tempo werden wir noch in diesem Jahrhundert erleben, dass es für ein unabsichtliches Handspiel im Strafraum keinen Elfmeter, sondern einen indirekten Freistoß gibt. 
Geil war auch die Rote Karte für Miguel Almirón. Der hat anscheinend nicht mitbekommen, dass man die Gegner nicht mehr hinter vorgehaltener Hand beleidigen darf. Im Gegensatz zum Türken, die den Schiedsrichter sofort darauf aufmerksam machten und dafür sorgten, dass der VAR da eingreift. Und ja, auch das Verhalten der Türkei ist unsportlich. Eigentlich sollte man das Fordern von Karten ja auch mit Verwarnungen bedenken, aber das ist auch eine dieser Regeln, die nie angewendet wird.
Anyhow, ich finde es faszinierend, wie Fans dann mit einem "Die Regel ist dumm, denn sie führt dazu, dass ein Spieler oder ein Trainer Rot sieht, wenn diese die Taktik absprechen." Das ist so ein Grundproblem vom Fußball: Die Fans erschaffen bei an sich guten Regeländerungen völlig absurde Szenarien, die nichts mit der Realität zu tun haben. Also wenn jetzt 2 Spieler einer Mannschaft hinter vorgehaltener Hand die Freistoß-Variante absprechen, wird da kein Schiedsrichter Rot zeigen. Die Regel ist nur für die Interaktion mit Gegenspielern gedacht. Miguel Almirón wird in diesem Moment keine Taktikanweisungen mit seinem türkischen Gegenspieler geteilt haben. 
Aber anstatt zu sagen "Geil, jetzt kann man Spieler nicht mehr homophob beleidigen" (Und man muss hier nochmal festhalten, dass die Verteidigungslinie beim Präzedenzfall von Gianluca Prestianni lautete: Ich hab ihn gar nicht rassistisch beleidigt, das war nur homophob...

Großes Lob geht dabei an die Türkei, die es tatsächlich geschafft haben, als erste Mannschaft auszuscheiden. Was primär daran liegt, dass bei Punktgleichheit das direkte Duell als erster "Tiebreaker" genutzt wird. 

Wo wir schon bei den Kommentarspaltern sind: Ich wünschte mir, die würden sich einfach eine Scheibe bei Miroslav Klose abschneiden. Denn der hat, als großer Sportsmann, natürlich Lionel Messi zu seinem neuen Torrekord gratuliert... während die deutschen Fans auf die Elfmeter verweisen. Und auf die 6 Weltmeisterschaften, die Messi für diesen Rekord brauchte. Fehlt nur noch, dass die behaupten, dass Tore gegen Saudi-Arabien nicht zählen sollten... Anstatt einfach anzuerkennen, dass es völlig absurd ist, dass Messi in diesem hohen Alter noch so abliefert. 
Das ist wahrscheinlich die letzte Chance einen der 2 besten Fußballer aller Zeiten nochmal live spielen zu sehen... aber die deutschen Fans heulen lieber rum, weil da einem ihrer Helden ein Rekord gestohlen wurde. Das ist schon irgendwie bekloppt.

Zum Schluss noch etwas vom Antifußball: Das Spiel Ghana - England bewies, dass es doch so etwas wie Karma gibt. Denn der ghanaische Trainer beschwerte sich, meiner Meinung nach zurecht, dass es in der einen spannenden Szene keinen Elfmeter gab. Aber der VAR hat da anscheinend gerade einen Kaffee geholt. Oder einen Schnaps. Oder einen Kaffee mit Schuss... aber ganz ehrlich: Selbst Schuld. Denn das die Spiele Ghanas ohne Aufputschmittel unerträglich sind, liegt hauptsächlich an denen. Ghana hatte zum 2. Mal infolge zur Pause einen Expected Goal Wert von 0,0. Und England hatte lange Zeit auch keinen Bock. Irgendwo sitzt Gareth Southgate und denkt sich "Das sind meine Jungs. Ich bin so stolz"...
Ernsthaft, Bastian Schweinsteiger musste in der Pause einen Freistoß "analysieren", der anderthalb Meter über das Tor ging. Sein ehrlicher Satz: Was soll ich dazu sagen... der geht halt drüber. Das man sich als VAR in so einem Spiel andere Unterhaltung sucht, ist doch nachvollziehbar.

Freitag, 19. Juni 2026

Zeit für ein Worst Of.

 Es ist ja genug passiert. Also die WM hält, was sie verspricht... wenn man sich bescheidenen Fußball gewünscht hat.

Mein persönliches erstes Highlight war tatsächlich Haiti - Schottland. Selbst für jemanden, der dieses Jahr relativ viele Hansa Spiele gesehen habe, muss ich zugeben: Das war episch. Also Schottlands Angriffsplan bestand im Wesentlichen aus "Hoffentlich geht ein abgefälschter Schuss rein." Das hat nach 28 Minuten auch perfekt funktioniert. Und danach dachte man sich anscheinend "Mission Accomplished" und stellte jegliche Offensivbemühungen komplett ein. Also ernsthaft: Die weigerten sich bei den wenigen Kontergelegenheiten mit mehr als 3 Leuten nachzurücken.

Haitis Plan bestand dagegen aus "Umfallen, sobald man einen Kontakt im Strafraum spürt" und "Den Gegner den Ball an den Arm schießen". Die hatten so überhaupt keine Idee, wie sie die Schotten wirklich in Bedrängnis bringen können.
Das Lustigste daran: Das ZDF kündigt seine Zusammenfassung als "Der Außenseiter ist auf Augenhöhe" an... Das stimmt sogar. Weil Schottland auch unfassbar schlecht war. Trotzdem hatte Haiti kurz vor Schluss die Riesenchance zum Ausgleich. Aber der Angreifer war so irritiert, dass er in den "Gomez der Woche" Modus schaltet.

Ich finde es ja faszinierend, dass der Kicker dem Spiel irgendwie eine 3,5 gegeben hat. Weil es bis zum Schluss spannend war... es hätte ja noch was passieren können. Also um mal nachzuweisen, was für ein Bullshit diese Spielnoten sind: In der zweiten Halbzeit gab es bis zur Trinkpause keinen einzigen Torschuss von beiden Seiten. Nur von den Schotten, die wie erwähnt gar nicht nachrückten, ging so etwas wie Torgefahr aus. In der 94. Minute musste Angus Gun dann tatsächlich einen harmlosen Kopfball halten. Es war seine 2. Parade im gesamten Spiel. Und der Kicker so: War ganz nett, den es hätte ja was passieren können. 

Das faszinierendste: Das war nicht mal das schlechteste Spiel. Ghana hatte zur Pause einen Expected Goals Wert von 0,00. Wahrscheinlich hätte man noch 5 weitere Nullen einfügen können, bevor da die zaghafte 1 auftaucht. Ghana gewann das Spiel am Ende... Und obwohl hier am Ende sogar wirklich was passiert ist, hat der Kicker ein schlechteres Spiel gesehen...

Ich habe zu Forschungszwecken bei den schottischen Experten reingehört. Der sagte zur Pause echt: Hoffentlich bleibt das so. Denn er erklärte direkt, dass dieses Unentschieden die Chancen von Schottland auf ein Weiterkommen erhöht, das hier die beiden Außenseiter in der Gruppe gegeneinander spielen. Und die werden ja nicht gegen England oder Kroatien gewinnen. Jedes Unentschieden zwischen Außenseitern erhöht aber die Chance auf ein schottisches Weiterkommen mit 3 Punkten... Der hat der ersten Halbzeit damit eine 1,0 gegeben... 
Aber das beweist, wie absurd diese Gruppenphase ist. Als Fan muss man irgendwie darauf hoffen, dass es viele Gurkenspiele gibt, weil das ja die eigenen Chancen erhöht.  

Als Bawful Bonus Feature gewann Mexiko gegen Südkorea, weil die Asiaten eine absurde Slapstick-Vorlage produzierten. Sonst hätten beide Mannschaften noch stundenlang spielen können, ohne ein Tor zu erzielen...

Aber im Großen und Ganzen ist es faszinierend zu sehen, wie gut Christoph Kramers Aussage zu Italien gealtert ist. Also dass Kap Verde dabei ist, aber die Italiener nicht. Zunächst muss man an der Stelle nochmal eines festhalten: Dass Kramer nach dieser Aussage noch ein Job als Experte bei der WM hat, obwohl er offensichtlich nicht versteht, worum es bei einer WM geht, sagt alles über die Lage im Deutschen Fernsehen aus. Bei einer WM ging es nie darum, die X besten Teams zusammenzutrommeln, sondern darum uns ein Abbild des aktuellen Entwicklungsstandes in der Welt zu geben.

Nebenbei sind 33 % der Teilnehmer Europäer, obwohl dieser Sport mittlerweile auf der gesamten Welt gespielt wird. Vor allem sehen die afrikanischen Teilnehmer überraschend stark aus. Also außer TunesienSüdafrika hat das Auftaktspiel gegen den Gastgeber verloren. Das kann passieren. Nach dem Unentschieden gegen Tschechien stehen sie aber gar nicht so schlecht da. Oh und ja, gegen die Europäer holten sie einen Punkt. Genauso wie Kap Verde gegen Spanien. Die DR Kongo gegen PortugalÄgypten gegen Belgien. Und Marokko gegen Brasilien. Einzig Argentinien und Frankreich konnten ihrer Favoritenrolle gegen die Afrikaner gerecht werden. Das ist doch eine mehr als ordentliche Bilanz. Auch wenn es sich ganz klar damit erklären lässt, dass die Europäer noch am Fahr aufnehmen sind.

Nebenbei gibt es aber auch echt positive Entwicklungen. Also sportlich positive Entwicklungen. Dass das Zeitspiel endlich konsequent und zeitnah angezählt wird, ist großartig. Und das es endlich keine Gelben Karten mehr gibt, sondern Ballbesitz für die geschädigte Mannschaft. Wenn die Schiedsrichter dieses Werkzeug konsequent nutzen, erleben wir gerade das Ende des Zeitspiels. Das wirkt wie eine Kleinigkeit, aber es ist ein unfassbarer Fortschritt. 

Aber so, wie ich die Bundesliga kenne, werden sie nach 4 Wochen vergessen haben, dass es diese Regeländerung gibt... 

Jetzt möchte ich euch noch 2 Tipps für die Interaktion in Sozialen Medien geben. Oder fürs wirkliche Leben, falls ihr da auch auf solche Experten trifft. Die AfD verbreitet ja gerade, dass es vereinzelt Biergärten gibt, in denen Deutschland-Fahnen unerwünscht sind. Da sollte man was gegen machen. Also ja, sollte man. Nämlich nicht hingehen, wenn man es als wichtig empfindet, die Sicht seines Hintermannes mit Fahnen zu beeinträchtigen. Und in 9 von 10 Lokalen ist das ja auch kein Problem. Gönnt euch. Es gibt aber auch ein paar Fußball Fans, die sich unwohl fühlen, wenn der Patriotismus nach außen getragen wird. Gönnt diesen Menschen doch das eine Lokal, wo die sich auch wohlfühlen. Dann kann jeder genau so Fußball gucken, wie er es mag. Und wenn es wirklich niemanden gibt, der dieses Angebot annehmen will, dann regelt das der Markt.

Der andere faszinierende Talking Point, der immer zu dieser "Jahreszeit" aufkommt, ist der allgemeine Mangel an Deutschland-Fahnen. Also abgesehen davon, dass es schon wieder viel zu viele Check 24 Shirts auf der Straße gibt. Ich hoffe, die haben einfach die Alten ausgegraben, befürchte aber, dass die alle schon wieder ihre Daten mit dem Vergleichsportal geteilt haben. Was ich da immer erwähne: Wir "Deutschen" sind notorische Spätstarter, wenn es um Fußball-Turniere geht. Also die Fans, nicht die Mannschaft. Die startet entweder durch, oder gar nicht. Dieses ganze "Mit Deutschland- und Alkohol-Fahne durch die Straßen ziehen" kommt frühstens im Achtelfinale. Ab dem Viertelfinale dann aber richtig und exzessiv. Die Leute, die jetzt darüber jammern, dass das ja so wenig geworden ist, vergleichen aber die Stimmung vor dem Halbfinale 2006 mit der Stimmung vor einem Vorrundenspiel. Aber spätestens wenn Deutschland gegen Frankreich gewinnen sollte, wird das alles wieder rausbrechen. 
Also man kann sich ja kaum noch daran erinnern, aber 2006 waren auch alle überrascht, wie auf einmal eine nationale Ekstase ausgebrochen ist. Da wurden hinterher Dokus drüber gedreht. Dann kam der Kater und 4 Wochen später war alles wieder "normal".

Aber gut die AfD Nationalisten werden ja eh das Problem bekommen, dass sie eine Nationalmannschaft mit Migrationshintergrund anfeuern müssen. Das war damals mit Podolski und Klose noch besser...

Nebenbei wurden schon 2006 9 der 18 WM-Toren von Spielern "mit Migrationshintergrund" geschossen. Wobei das sogar falsch ist. 9 der 18 Tore wurden von Spielern geschossen, die nicht mal in Deutschland geboren worden sind: Klose, Podolski und Olivier Neuville. Der einzige Unterschied ist halt, dass man denen ihren Migrationshintergrund nicht direkt ansieht, deswegen kann man das weg ignorieren.