Ja, ich weiß, ist lange her. Aber Bastian Schweinsteiger hat etwas Rassistisches gesagt. Auch wenn er das gar nicht wollte. Er wollte einfach nur über Fußball reden.
Hier ist etwas ganz Wichtiges: Man muss kein Rassist (oder Sexist, oder homophob, oder...) sein, um eine derartige Aussage zu machen. Denn wie Gerald Asamoah zu dem Thema treffend sagte, sitzen die Denkmuster so tief, dass man oft einfach unüberlegte Aussagen macht, die dann rassistisch sind. Schweinsteiger ist halt von dem Fußball und der Denkweise der letzten 25 Jahre geprägt. Als er sich noch aktiv mit Fußball beschäftigt hat, mag seine Aussage vielleicht noch richtig gewesen sein. Aber sie ist einfach nicht mehr zeitgemäß. Damit wird Schweinsteiger sich hoffentlich jetzt mal gründlich beschäftigen, denn er soll ja nicht den Fußball von vor 20 Jahren analysieren, sondern den aktuellen.
Genau darum soll es heute eigentlich gehen. Deswegen ist es auch gut, dass ich bis zum Abschluss der WM gewartet habe... das kann ich mir zumindest jetzt einreden. Das bringt mich direkt zur wichtigsten Frage:
Gibt es überhaupt noch afrikanische Mannschaften? Und wenn ja, wie viele? Fangen wir mal bei dem Anstoß der Debatte an: Wie viele der Nationalspieler der Côte d’Ivoire spielen denn gerade in Afrika? Saudi-Arabien ist nur dicht dran, die gehören zu Asien. Die Antwort ist also... Null. Und Franck Kessié, der jetzt für Al-Ahly spielt, hatte vorher die Trikots von Barcelona, AC Mailand und Atalanta Bergamo an. Das sind alles Spieler, die in den europäischen Vereinen geschult und geschliffen wurden. Ein Yan Diamonde ging mit 15 Jahren in die USA, was mich auch verwirrt. Also die sind ja nicht unbedingt für ihre Fußballakademien bekannt. Er kam auch erst mit 18 nach Europa. Er hat seine Ausbildung trotzdem woanders genossen. Der bereits angesprochen Kessié kam ebenfalls mit 19 nach Bergamo.
Das sind alles Spieler, die in ihren Vereinen diszipliniert und taktisch organisiert arbeiten müssen. Der gesamte Kader. Jetzt zu behaupten, dass die dann in der Nationalmannschaft plötzlich wieder ihre Instinkte durchbrechen und sie "ein bisschen unorthodox ist, ein bisschen wild" spielen, ist absurd.
Die Elfenbeinküste ist dabei aber die Ausnahme, weil die Hälfte der Startelf in Abidjan geboren wurde. Fast die andere Hälfte kommt aus Ouragahio. Was faszinierend ist, weil da nur 35.000 Menschen leben. Im Ballungsgebiet Abidjan leben 5,6 Millionen Menschen.
Lediglich Ange-Yoan Bonny und Yahia Fofana wurden in Frankreich geboren. Und damit ist die Elfenbeinküste beinah eine Ausnahme.
Denn es gab in spätestens den letzten 10 Jahren einen drastischen Wandel im Weltfußball, der sich am besten an den Zidanes erklären lässt: Zinedine spielte trotz seiner Algerischer Wurzeln nicht für das Land seiner Eltern, sondern für Frankreich. Sein Sohn Luca spielt dagegen für Algerien, obwohl schon sein Vater nie etwas in diesem Land erlebt hat.
Zidane ist, aufgrund des Vaters, nur der offensichtlichste Name. Aber die afrikanischen Verbände sind mittlerweile verdammt gut darin, Spieler mit afrikanischen Vorfahren, die nicht gut genug sind, um für die europäischen Nationalmannschaften sind, ausfindig zu machen und zurück in das Land ihrer Vorfahren zu holen...
So sehr Rafael van der Vaart für seine Aussage hinterher zerlegt wurde, weil die Niederlande gegen die Spieler, "die nicht gut genug sind", verloren hat. Im Kern ist diese Aussage schon richtig. Also in überraschend vielen Fällen. Ich nenne hier einfach mal Rani Khedira, der jetzt seine erste Weltmeisterschaft für Tunesien absolvierte.
Auch wenn sie keine Afrikaner sind, muss hier demonstrativ Curacao genannt werden. Das ist eine Mannschaft, die beinah komplett aus Niederländern besteht. Da hätte man echt den Joint Venture Song vorm Anpfiff spielen können, um die Stimmung anzuheizen...
Im Kader von Marokko standen 6 Spieler, die auch in Marokko geboren wurden: Ahmed Reda Tagnaouti, Marwana Saadane, Youssef Belammari, Azzedine Ounahi, Amine Sbai, Soufiane Rahimi, und Ayoub El Kaabi. Nur Ouanhi und Rakimi waren Stammspieler. Ounahi ging mit 18 nach Europa. Anders ausgedrückt: Der einzige "afrikanische" Spieler in diesem Kader ist Rahimi. Alle anderen wurden durch die europäische Schule genormt.
Wenig überraschend spielte Marokko den diszipliniertesten Fußball und verteidigten sich als erste "afrikanische Mannschaft" ins Halbfinale... also vor 4 Jahren. Spätestens da hätte einem als Experten auffallen können, dass die "unorthodoxe und wilde" Zeit endgültig vorbei ist.
Auch bei Kap Verde fasst das Kicker-Sonderheft den Kader mit einem "gelernt haben viele von ihnen in Europa" zusammen. Und diese Mannschaft erarbeitet sich dann mit viel Glück ein 0:0 gegen den späteren Weltmeister aus Spanien. Und auch der andere Finalist musste in die Verlängerung. Kap Verde war eine Mannschaft, die diszipliniert und organisiert verteidigte, aber im Angriffsspiel seine Schwächen hatte.
Ghana hatte mit Benjamin Asare einen einzigen Spieler, der wirklich in der Heimat spielt, im Kader. Sie spielten unter Carlos Queiroz den destruktivsten Fußball der WM. Keine Mannschaft parkte den Bus so konsequent vor dem eigenen Tor. Sie hatten 2 Spiele infolge in der ersten Halbzeit einen Xpected Goals Wert von 0,0. Das mag man veraltet nennen, aber definitiv nicht "wild".
Der Senegal bestand ebenfalls ausschließlich aus europäischen oder saudi-arabischen Legionären. Und nur die Hälfte des Kaders wurde in Afrika geboren. Im Wesentlichen wurde man entweder in Europa geboren oder ging vor seinen 20 Geburtstag zu einem europäischen Verein.
Algerien spielte sich den Ball über 100 Mal hin und her, weil sie eigentlich keinerlei Interesse daran hatten, das 3:2 zu erzielen. Es war schon sehr europäisch, wie die gegen Österreich immer wieder das Tempo rausgenommen haben. Es spielen aber halt auch nur 2 Spieler in der Heimat. Der Rest, wie immer, in Europa oder bei den Öl-Scheichs. Es wurden aber auch nur 10 Spieler überhaupt in Algerien geboren...
Die DR Kongo hat mit Fiston Mayele einen Ägypten Legionär. Der Rest verdient sein Geld ebenfalls in Europa. 6 Spieler im Kader kamen nicht in Europa zur Welt. Man verteidigte diszipliniert gegen den Geheimfavoriten aus Portugal. Da war noch nicht allen bewusst, dass Portugal im Wesentlichen freiwillig in Unterzahl antritt... Gegen Kolumbien nahm man zur Trinkpause die nötigen taktischen Anpassungen vor, um den gegnerischen Angriffswirbel zu unterbinden. Und dann holte man den nötigen Sieg gegen eine der schwächsten Mannschaften im Turnier aus Usbekistan. In der K.O. Phase trieb man 70 Minuten lang die Engländer in die Verzweiflung, bevor die individuelle Klasse von Harry Kane doch den Unterschied ausmachte. Das klingt auch nach viel Disziplin und wenig Chaos.
Wenn man jetzt alle Legionäre und Auswanderer abzieht, bleiben verdammt wenige afrikanische Spieler übrig. Im Wesentlichen sind das Ägypten, Südafrika und Tunesien. Von denen hatte nur Tunesien eine wirklich chaotische Weltmeisterschaft. Inklusive Trainerentlassung nach dem ersten Spieltag. 12 Gegentore sind gemeinsam mit dem Irak der Spitzenwert. Die Mannschaft war auf dem Platz überfordert. Der Verband war mit der Organisation überfordert. Aber irgendwer muss halt die schlechteste Mannschaft im Turnier stellen. Und wenn man eine Rani Khedira als Hoffnungsträger einbürgern muss, sind die Erwartungen nicht allzu hoch.
Ägypten brachte daneben den Klassiker: Der Altstar Mohamed Salah bittet mit seinen alten Freunden zum letzten Tanz. Gleichzeitig gibt er den Staffelstab an Omar Marmoush weiter. Auf dem Platz war das Geschehen aber eher von Vorsicht geprägt. Und dann gaben sie England die ultimative Blaupause, wie man sich in der Schlussphase gegen Argentinien zurückzieht und den Gegner zurück ins Spiel kommen lässt.
Und Südafrika verteidigte in der K.O. Phase 90 Minuten lang diszipliniert gegen Kanada, nur um in der Nachspielzeit doch noch den entscheidenden Gegentreffer zu kassieren. Südafrika ist nebenbei echt faszinierend. 20 Spieler im Kader spielen tatsächlich noch in der Heimat. 9 bei den Orlando Pirates und 9 bei Mamelodi Sundowns. Ihr "Star" spielt beim FC Burnley in der 2. Englischen Liga. Am ersten Spieltag wirkten sie gegen Mexiko recht überfordert. Aber die schwachen Auftritte der Tschechen und Südkoreaner halfen ihnen dabei, die K.O. Phase zu erreichen. Südafrika spielte dabei selbst aber eher einen sachlichen und nüchternen Stil. Selbst nach dem Rückstand im 2. Spiel übernahmen sie nur zögerlich die Initiative, konnten aber dank eines Elfmeters ausgleichen. Gegen Südkorea schalteten sie nach der Führung, Zitat Kicker-Analyse "in den Verteidigungsmodus". Die vom Personal her afrikanischste Mannschaft überzeugte also durch disziplinierte und geschlossene Auftritte. Ich würde die Auftritte nach dem Eröffnungsspiel waren "berechnend" als "wild": Die wussten genau, dass ein Unentschieden am 2. und ein knapper Sieg am dritten Spieltag zum Erreichen der K.O. Phase reicht. Also gingen sie auf genau diese Ergebnisse, anstatt irgendein Risiko einzugehen.
Im Wesentlichen gab es mit Tunesien eine Mannschaft, wo die Leistung auf und neben dem Platz gar nicht gestimmt hat. Die haben die Fahne der klassischen afrikanischen WM Teilnehmer hochgehalten. Die restlichen 9 Nationen überzeugten mit taktisch disziplinierten Auftritten.
Was lernen wir daraus? Die afrikanischen Mannschaften bei Weltmeisterschaften werden durch europäische Spieler mit Migrationshintergrund und durch europäische Legionäre geprägt. Sie sind fast alle in der Lage, diszipliniert und gut organisiert zu verteidigen. Der Mythos vom "wilden oder unorthodoxen Spiel" sollte also endgültig begraben werden.