Freitag, 19. Juni 2026

Zeit für ein Worst Of.

 Es ist ja genug passiert. Also die WM hält, was sie verspricht... wenn man sich bescheidenen Fußball gewünscht hat.

Mein persönliches erstes Highlight war tatsächlich Haiti - Schottland. Selbst für jemanden, der dieses Jahr relativ viele Hansa Spiele gesehen habe, muss ich zugeben: Das war episch. Also Schottlands Angriffsplan bestand im Wesentlichen aus "Hoffentlich geht ein abgefälschter Schuss rein." Das hat nach 28 Minuten auch perfekt funktioniert. Und danach dachte man sich anscheinend "Mission Accomplished" und stellte jegliche Offensivbemühungen komplett ein. Also ernsthaft: Die weigerten sich bei den wenigen Kontergelegenheiten mit mehr als 3 Leuten nachzurücken.

Haitis Plan bestand dagegen aus "Umfallen, sobald man einen Kontakt im Strafraum spürt" und "Den Gegner den Ball an den Arm schießen". Die hatten so überhaupt keine Idee, wie sie die Schotten wirklich in Bedrängnis bringen können.
Das Lustigste daran: Das ZDF kündigt seine Zusammenfassung als "Der Außenseiter ist auf Augenhöhe" an... Das stimmt sogar. Weil Schottland auch unfassbar schlecht war. Trotzdem hatte Haiti kurz vor Schluss die Riesenchance zum Ausgleich. Aber der Angreifer war so irritiert, dass er in den "Gomez der Woche" Modus schaltet.

Ich finde es ja faszinierend, dass der Kicker dem Spiel irgendwie eine 3,5 gegeben hat. Weil es bis zum Schluss spannend war... es hätte ja noch was passieren können. Also um mal nachzuweisen, was für ein Bullshit diese Spielnoten sind: In der zweiten Halbzeit gab es bis zur Trinkpause keinen einzigen Torschuss von beiden Seiten. Nur von den Schotten, die wie erwähnt gar nicht nachrückten, ging so etwas wie Torgefahr aus. In der 94. Minute musste Angus Gun dann tatsächlich einen harmlosen Kopfball halten. Es war seine 2. Parade im gesamten Spiel. Und der Kicker so: War ganz nett, den es hätte ja was passieren können. 

Das faszinierendste: Das war nicht mal das schlechteste Spiel. Ghana hatte zur Pause einen Expected Goals Wert von 0,00. Wahrscheinlich hätte man noch 5 weitere Nullen einfügen können, bevor da die zaghafte 1 auftaucht. Ghana gewann das Spiel am Ende... Und obwohl hier am Ende sogar wirklich was passiert ist, hat der Kicker ein schlechteres Spiel gesehen...

Ich habe zu Forschungszwecken bei den schottischen Experten reingehört. Der sagte zur Pause echt: Hoffentlich bleibt das so. Denn er erklärte direkt, dass dieses Unentschieden die Chancen von Schottland auf ein Weiterkommen erhöht, das hier die beiden Außenseiter in der Gruppe gegeneinander spielen. Und die werden ja nicht gegen England oder Kroatien gewinnen. Jedes Unentschieden zwischen Außenseitern erhöht aber die Chance auf ein schottisches Weiterkommen mit 3 Punkten... Der hat der ersten Halbzeit damit eine 1,0 gegeben... 
Aber das beweist, wie absurd diese Gruppenphase ist. Als Fan muss man irgendwie darauf hoffen, dass es viele Gurkenspiele gibt, weil das ja die eigenen Chancen erhöht.  

Als Bawful Bonus Feature gewann Mexiko gegen Südkorea, weil die Asiaten eine absurde Slapstick-Vorlage produzierten. Sonst hätten beide Mannschaften noch stundenlang spielen können, ohne ein Tor zu erzielen...

Aber im Großen und Ganzen ist es faszinierend zu sehen, wie gut Christoph Kramers Aussage zu Italien gealtert ist. Also dass Kap Verde dabei ist, aber die Italiener nicht. Zunächst muss man an der Stelle nochmal eines festhalten: Dass Kramer nach dieser Aussage noch ein Job als Experte bei der WM hat, obwohl er offensichtlich nicht versteht, worum es bei einer WM geht, sagt alles über die Lage im Deutschen Fernsehen aus. Bei einer WM ging es nie darum, die X besten Teams zusammenzutrommeln, sondern darum uns ein Abbild des aktuellen Entwicklungsstandes in der Welt zu geben.

Nebenbei sind 33 % der Teilnehmer Europäer, obwohl dieser Sport mittlerweile auf der gesamten Welt gespielt wird. Vor allem sehen die afrikanischen Teilnehmer überraschend stark aus. Also außer TunesienSüdafrika hat das Auftaktspiel gegen den Gastgeber verloren. Das kann passieren. Nach dem Unentschieden gegen Tschechien stehen sie aber gar nicht so schlecht da. Oh und ja, gegen die Europäer holten sie einen Punkt. Genauso wie Kap Verde gegen Spanien. Die DR Kongo gegen PortugalÄgypten gegen Belgien. Und Marokko gegen Brasilien. Einzig Argentinien und Frankreich konnten ihrer Favoritenrolle gegen die Afrikaner gerecht werden. Das ist doch eine mehr als ordentliche Bilanz. Auch wenn es sich ganz klar damit erklären lässt, dass die Europäer noch am Fahr aufnehmen sind.

Nebenbei gibt es aber auch echt positive Entwicklungen. Also sportlich positive Entwicklungen. Dass das Zeitspiel endlich konsequent und zeitnah angezählt wird, ist großartig. Und das es endlich keine Gelben Karten mehr gibt, sondern Ballbesitz für die geschädigte Mannschaft. Wenn die Schiedsrichter dieses Werkzeug konsequent nutzen, erleben wir gerade das Ende des Zeitspiels. Das wirkt wie eine Kleinigkeit, aber es ist ein unfassbarer Fortschritt. 

Aber so, wie ich die Bundesliga kenne, werden sie nach 4 Wochen vergessen haben, dass es diese Regeländerung gibt... 

Jetzt möchte ich euch noch 2 Tipps für die Interaktion in Sozialen Medien geben. Oder fürs wirkliche Leben, falls ihr da auch auf solche Experten trifft. Die AfD verbreitet ja gerade, dass es vereinzelt Biergärten gibt, in denen Deutschland-Fahnen unerwünscht sind. Da sollte man was gegen machen. Also ja, sollte man. Nämlich nicht hingehen, wenn man es als wichtig empfindet, die Sicht seines Hintermannes mit Fahnen zu beeinträchtigen. Und in 9 von 10 Lokalen ist das ja auch kein Problem. Gönnt euch. Es gibt aber auch ein paar Fußball Fans, die sich unwohl fühlen, wenn der Patriotismus nach außen getragen wird. Gönnt diesen Menschen doch das eine Lokal, wo die sich auch wohlfühlen. Dann kann jeder genau so Fußball gucken, wie er es mag. Und wenn es wirklich niemanden gibt, der dieses Angebot annehmen will, dann regelt das der Markt.

Der andere faszinierende Talking Point, der immer zu dieser "Jahreszeit" aufkommt, ist der allgemeine Mangel an Deutschland-Fahnen. Also abgesehen davon, dass es schon wieder viel zu viele Check 24 Shirts auf der Straße gibt. Ich hoffe, die haben einfach die Alten ausgegraben, befürchte aber, dass die alle schon wieder ihre Daten mit dem Vergleichsportal geteilt haben. Was ich da immer erwähne: Wir "Deutschen" sind notorische Spätstarter, wenn es um Fußball-Turniere geht. Also die Fans, nicht die Mannschaft. Die startet entweder durch, oder gar nicht. Dieses ganze "Mit Deutschland- und Alkohol-Fahne durch die Straßen ziehen" kommt frühstens im Achtelfinale. Ab dem Viertelfinale dann aber richtig und exzessiv. Die Leute, die jetzt darüber jammern, dass das ja so wenig geworden ist, vergleichen aber die Stimmung vor dem Halbfinale 2006 mit der Stimmung vor einem Vorrundenspiel. Aber spätestens wenn Deutschland gegen Frankreich gewinnen sollte, wird das alles wieder rausbrechen. 
Also man kann sich ja kaum noch daran erinnern, aber 2006 waren auch alle überrascht, wie auf einmal eine nationale Ekstase ausgebrochen ist. Da wurden hinterher Dokus drüber gedreht. Dann kam der Kater und 4 Wochen später war alles wieder "normal".

Aber gut die AfD Nationalisten werden ja eh das Problem bekommen, dass sie eine Nationalmannschaft mit Migrationshintergrund anfeuern müssen. Das war damals mit Podolski und Klose noch besser...

Nebenbei wurden schon 2006 9 der 18 WM-Toren von Spielern "mit Migrationshintergrund" geschossen. Wobei das sogar falsch ist. 9 der 18 Tore wurden von Spielern geschossen, die nicht mal in Deutschland geboren worden sind: Klose, Podolski und Olivier Neuville. Der einzige Unterschied ist halt, dass man denen ihren Migrationshintergrund nicht direkt ansieht, deswegen kann man das weg ignorieren.

Donnerstag, 11. Juni 2026

WM Vorschau auf den sportlichen Teil

 Denn hier ist ja die andere Lektion aus der WM in Qatar: Wenn die Spiele geil sind, ist das alles relativ egal. 

Denn eines muss man den Menschenrechtsverachtern ja lassen: Der Turnierverlauf war episch. Das begann mit einer Gruppenphase, die spannend wie nie war. Quasi in allen Gruppen hätte bis zur letzten Sekunde ein Tor alles verändern können. Mit Deutschland und Belgien flogen 2 Mannschaften aus zumindest dem erweiterten Titelfavoritenkreis in der Vorrunde raus. Die Vorrunde war so gut, dass Gianni Infantino hinter doch auf 4er-Gruppen für die jetzige WM umschwenken wollte. Es endete im wohl besten Finale aller Zeiten.

Was Infantino aber nicht bedacht hat: Wenn die besten Gruppendritten weiterkommen, nimmt das jegliche Spannung aus der Vorrunde. Also das wäre auch ohne die Erweiterung des Teilnehmerfeldes der Fall. Die Erweiterung macht es nur noch schlimmer.

Um das nochmal festzuhalten: Wenn man 3 Spiele am Stück 0:0 Unentschieden spielt, ist man so gut wie sicher unter den 8 besten Gruppendritten. Und erstellen wir mal ein konkretes Szenario: Bosnien Herzegowina verliert zum Auftakt gegen Kanada mit 0:1. Und dann kassieren sie im 2. Spiel gegen die Schweiz in der 60. Minute das Gegentor zum erneuten Rückstand. Theoretisch ist das der Moment, in dem sie schon anfangen müssen, offensiv auf mindestens den Ausgleich zu gehen. Ganz praktisch bedeutet das im derzeitigen Modus nur, dass sie das dritte Gruppenspiel beim Außenseiter mit 3 Toren Unterschied gewinnen sollten, wenn sie vor der Mannschaft, die alle Spiele mit 0:0 beendet, liegen wollen. 2 knappe Niederlagen bedeuteten früher das vorzeitige Aus. Jetzt ist es gar keine so schlechte Ausgangslage für den letzten Spieltag, wenn man am letzten Spieltag gegen den krassen Außenseiter der Gruppe antreten darf. Das wird beeinflussen, wie viel Risiko die Mannschaften am 2. Spieltag gehen.

Dazu könnten, als Bawful Bonus Feature, ausgerechnet Algerien und Österreich die "Schande von Gijon" nachspielen. Also das ist das letzte Gruppenspiel. Der Topfavorit in der Gruppe ist Argentinien, die sollten alle 3 Spiele gewinnen. Der krasse Außenseiter ist Jordanien. Algerien und Österreich dürften also am letzten Spieltag um Platz 2 kämpfen. Aber sie dürften auch genau wissen, mit welcher Niederlage sie trotzdem in die K.O. Phase einziehen würden. Also wenn wir davon ausgehen, dass beide gegen Jordanien gewinnen und gegen Argentinien verlieren. 

Kroatien gegen Ghana findet unter ähnlichen Voraussetzungen statt. Persönlich würde ich niemanden einen Vorwurf machen, wenn er lieber die knappe Niederlage verteidigt, um in die K.O. Phase einzuziehen. Und der Zyniker in mir hofft auf einen richtigen Nicht-Angriffspakt. Das ist die einzige Variante, wie wir diesen Scheiß mit den besten Gruppendritten wieder loswerden.

Auch qualitativ hat dieses Turnier ein riesiges Problem. Und versteht mich nicht falsch: die, aus rein europäischer Sicht, Gurkenspiele gehören dazu. Also nicht nur die erwartbaren Schützenfeste, die auch schon relativ langweilig werden. Sondern die Anti-Klassiker wie Haiti - Schottland. Nachts um 3. Ich werde mir das so was von reinziehen... Jordanien gegen Algerien morgens um 5. Die Krankschreibung ist schon eingereicht. Chef ich kann nicht, ich musste die ganze Nacht lang Fußball gucken...

Und nochmal: Für die Fans in Haiti und Schottland werden vor den Fernsehgeräten hängen. Die kommen ja anscheinend beide nicht ins Land rein... Aber das ist die historische Chance auf den ersten WM-Sieg der Verbandsgeschichte für Haiti. Für Schottland wäre es der erste Sieg bei einer WM seit 1990 und der vierte in der Geschichte. Solche Geschichten machen eine WM auch aus. Aber es muss halt auch einen gewissen Rahmen geben.

Also ganz konkret ein paar "richtig gute" Spiele, die dafür sorgen, dass wir Europäer und auch für das Spiel interessieren. Spielen, in denen 2 Mannschaften aus der Top 20 der Welt aufeinandertreffen. Und das ist jetzt nicht zu hoch angesetzt. Es muss ja nicht unbedingt direkt Deutschland gegen Spanien sein. 

Wir müssen da leider die aktuelle Fifa-Rangliste zur Hand nehmen, weil das ein historisch so irrelevantes Dokument ist, dass man die Rangliste von vor oder nach der WM 2022 nicht mehr findet. Bei diesem Turnier gab es nur eine Gruppe, in der nicht mindestens 2 "Top 20" Nationen aufeinandertrafen... weil Dänemark gerade aus dieser Top 20 gerutscht ist, nachdem sie die Quali für dieses Turnier verpasst haben. Es gab also genügend auch sportlich interessante Spiele. Und Deutschland und Belgien mussten 2 Top 10 Nationen schon nach der Gruppenphase die Heimreise antreten.

Jetzt werfe ich mal eine dreiste These in den Raum: Aus den Top 20 werden nur Italien und der Iran die K.O. Phase verpassen. Warte, was, der IRAN hat Dänemark aus der Top 20 verdrängt? Damn.

Aber damit ist Iran - Belgien eines von 3 Top 20 Duellen. Die anderen sind Niederlande - Japan und Brasilien - Marokko. 3 von 72 Spielen ist ganz schön dürftig. Und hier kommt direkt das nächste Problem: Während das einzige Top 10 Duell Brasilien - Marokko normalerweise hochbrisant wäre, weil der Verlierer am 2. Spieltag mächtig unter Zugzwang steht, ist es jetzt ja relativ egal... weil halt wie erwähnt viel zu viele Gruppendritte weiterkommen. Marokko muss am Ende nur hoch gegen Haiti gewinnen... oder gerade so gewinnen und ein Unentschieden gegen Schottland holen.  

Auf der anderen Seite haben wir die schon erwähnte Gruppe aus Kanada, Bosnien-Herzegowina, Qatar und er Schweiz. Die Schweiz ist da plötzlich der Favorit auf den Gruppensieg. Das ist, bei allem Respekt, eine Nation, die noch nie ein K.O. Spiel bei einer WM gewinnen konnte. Die sollten jetzt als Gruppensieger gegen einen dieser besten Gruppendritten antreten.

Das Grundproblem der Gruppenphase lässt sich ja ganz einfach verdeutlichen: Das wird eine 72 Spiele Dauerbeschallung auf fußballerisch bescheidenem Niveau... und am Ende scheiden 16 Mannschaften aus. Da dürfte selbst für Deutschland mal wieder die K.O. Phase drin sein...

Deswegen denkt ja zum Beispiel Kanada darüber nach, ob sie Alphonso Davies die gesamte Gruppenphase lang schonen wollen. Und deswegen sollte es auch kein Problem sein, dass Manuel Neuer kein einziges Vorbereitungsspiel gemacht hat. Denn wenn es für Curacao und die Elfenbeinküste nicht reichen sollte, wird das nicht an der mangelnden Spielpraxis des Torhüters liegen. Ganz realistisch gesehen hat man jetzt noch 2 Vorbereitungsspiele, bevor das Turnier so langsam Fahrt aufnimmt.  

Erst ab dem Achtelfinale geht es dann richtig los. Also da dürfte Deutschland als Gruppensieger gegen Frankreich spielen... oder wenn sie nur 2. werden gegen Brasilien. Da muss man schon ein bisschen von Lospech reden, da hätte es einfachere Wege gegeben. Aber selbst ein strategischer 2. Platz wird einem keinen einfacheren Weg bereiten. Wenn man bedenkt, dass irgendwer gegen den Gewinner des Spiels USA - Iran im Achtelfinale antreten muss... und das ist nur eines von 4 Sechzehntelfinalen, in dem 2 Gruppenzweite aufeinander treffen.

Aber jetzt, wo ich das so beschrien habe, werden wahrscheinlich Deutschland UND Frankreich nur Gruppenzweiter und treffen dann schon vor dem Achtelfinale aufeinander. Nur um mich zu widerlegen. 

Jedenfalls ist ja der eigentliche Punkt, dass dieses ideale Achtelfinale Deutschland - Frankreich das 89. Spiel der WM ist. Und bis zu diesem Achtelfinale ist alles Vorspiel.

Natürlich wird die endgültige Einordnung des Turnieres erst mit den Achtelfinalspielen beginnen. Aber das Geplänkel vorher ist schon extrem lang und zäh. Und auch das trägt halt dazu bei, dass ich noch so gar nicht in WM Stimmung bin. Muss ich aber auch gar nicht sein, denn das eigentlich spannende Turnier beginnt ja erst in 89 Spielen...   

Mittwoch, 10. Juni 2026

WM Vorschau: Ich war noch nie so wenig Bock auf eine WM

Das letzte Mal war der politische Diskurs wenigstens halbwegs interessant. 3 1/2 Jahre später wissen wir aber, dass Sportswashing halt funktioniert und niemand nach der WM weiterverfolgt hat, wie das mit den Menschenrechten in Qatar jetzt weitergeht. Und dieses "niemand" schließt ja auch mich mit ein. Dass so ein Fußballturnier irgendwie die Welt verbessern und die Zustände vor Ort verändern können, wurde auch dank Russland eindeutig widerlegt. 

Wobei dieses Turnier jetzt für mich ja schon ein finaler Belastungstest ist: Ist eine Fifa-WM wirklich too big to fail? Denn dieses Mal gibt es ja kein Sportswashing, sondern Turbokapitalismus im Endstadium. Die Welt zu Gast bei Abzockern. Jetzt ist es natürlich einfach, den Städten Vorwürfe zu machen, wenn sie die Bahntickets von der Innenstadt zum Stadion von 12 Dollar auf 105 Dollar erhöht haben... Bis einem dann bewusst wird, dass das die einzige Möglichkeit für die Stadt ist, den Spaß zu refinanzieren. Denn von den restlichen 11 Milliarden bekommen sie halt nichts ab. Denn bei diesem Turnier zocken sich ja alle Gegenseitig ab... und am Ende gemeinsam die Fans.

Die Fifa zahlt wie immer nichts dafür, dass sie dieses Turnier austragen. Aber anders als in Deutschland gibt es auch kein halbwegs vernünftiges Steuersystem, welches dafür sorgt, dass zumindest ein Teil der Umsätze, die diese WM so machen wird, auch bei den Kommunen ankommt.

Das muss man sich nochmal vor Augen führen: Die Fifa hat völlig absurde Ticketpreise UND völlig absurde Parkplatzpreise aufgerufen... aber von dem Geld bleibt dann nichts vor Ort hängen. Dennoch wird man hinter mit dem heftigsten Gewinn und den größten Umsatz aller Zeiten prahlen. Nun ist das natürlich ein USA-Problem, welches uns aber nur verdeutlicht, wie kaputt dieses Land ist. 

Der entscheidende Unterschied zu Qatar: Der gemeine, politisch desinteressierte Fan kann diese Probleme nicht einfach ignorieren. Also um das nochmal zu verdeutlichen: Ein Finalticket Kategorie 1 kostete damals 1390 Euro. Jetzt gibt es die billigsten Finaltickets für 1759 Euro... Und die gelten nicht als Fahrschein. Die Dollars für die Anreise kommen da noch dazu. Dazu dürften die Hotelpreise eskalieren...

Aber da scheint es schon das erste Problem zu geben... denn der große Ansturm bleibt anscheinend aus. Denn dies wird ein Turnier werden, dass sich die Mittelschicht einfach nicht mehr leisten kann. Also außer man lebt in New York, die haben einen Sozialisten gewählt. Da ist jetzt also Land unter und man kann für 50 $ eine WM Spiel erleben... inklusive Bahnfahrt. Fair.

Aber kann so eine WM funktionieren, wenn die großen Fangruppen ausbleiben, weil sie sich dieses Fest einfach nicht mehr leisten können? Kann da überhaupt Stimmung entstehen?
Eine meiner Lieblings-Fußball-Erfahrungen war ja sowohl 2006 als auch 2024 einfach entspannt vom Marktplatz zum Stadion zu laufen und zu genießen, wie die Fans sich und ihre Mannschaften feiern. Das hab ich gerade beim Conference League Finale wiederholen dürfen. Aber wie soll das funktionieren, wenn die WM Stadien in Kleinstädten liegen? Wenn die Tickets zum Stadion dann so absurd viel Geld kosten, dass einfach hinfahren und feiern keine Option ist?

Da frage ich mich ernsthaft, ob es überhaupt Fans gibt, die ohne Ticket einfach nur die Stadt belagern und dort dann 2-3 Tage feiern. Wenn alles, was eine WM so besonders macht, ausfällt, ist es dann noch eine WM?
Und ja, das Best-Case-Szenario wäre halt eine WM mit mauer Stimmung vor halbleeren Rängen. Denn nur dann könnte sich vielleicht doch noch mal was ändern.

Viel Schlimmer: Das Turnier sollte eigentlich mit einer Triggerwarnung kommen. Also buchstäblich, denn die ganze Nation hat ja den Finger am Abzug.
Die Bedrohung, dass irgendein durchgeknallter die WM nutzt, um wild um sich zu ballern, ist viel zu real. Auch das muss man sich vor Augen führen: Dass der WM Monat ohne Amoklauf abläuft, ist statistisch ausgeschlossen. Denn es gab dieses Jahr schon mehr als 150 davon. 23 mit 4 oder mehr Toten. Könnt ihr euch noch an Columbine erinnern? Es ist mittlerweile so "normal" geworden, dass das in den deutschen Nachrichten gar nicht mehr auftaucht. Es bleibt zu hoffen, dass es zwischen den Amokläufen, die in diesem Land zum Alltag gehören, und den Fanfesten genügend räumlicher Abstand besteht.

Aber jetzt haben die unbehandelten Psychopathen auf einmal die Chance auf eine ganz große Bühne... Lustiger (oder doch eher rassistischer?) Weise macht sich das Kicker-Sonderheft Sorgen darum, dass es im Rahmen des allgemeinen Drogenkrieges in Mexiko zu Vorfällen kommen könnte. Die Tagesschau berichtete vor 4 Monaten. Dass in den USA jeder 15. schon mal einen Amoklauf live erleben durfte, muss man dagegen beim MDR suchen... Nebenbei ist ja auch nicht absehbar, ob ein "Linker", der seine Arztrechnung nicht bezahlen kann, durchdreht... oder ein ICE Agent und MAGA Fanatiker frei dreht. Das Land ist tief gespalten und die Lage hochbrisant. Und da haben wir den senilen Rassisten im Weißen Haus noch gar nicht erwähnt...

Ganz ehrlich: Ich hoffe inständig, dass das ein "PassivesAbseitsLeserwissenesexklusiv" wird. Aber der Rest hat sich ja dafür entschieden, dieses Problem komplett zu ignorieren. Ich will wenigstens offen die Daumen drücken, dass nichts passiert.
Auch hier muss man nochmal den Vergleich zur WM in Qatar ziehen: Solange man da nicht zur LBGTQ+ Community gehörte, war das nicht nur eine günstige, sondern auch eine verdammt sichere WM. Gut, man musste sich damit arrangieren, den Scheiß nüchtern zu gucken, aber das dürfte ja eher zu allgemeinen Sicherheit beigetragen haben. 
Jetzt... ich sage das mal so: Wenn man sich das Turnier vor Ort anguckt, sollte man sich vorher irgendwie darauf vorbereiten, wie man im Falle eine Eskalation reagiert. Die Einheimischen haben da einen klaren Vorteil, für die ist das quasi zum Schulfach erhoben worden...

Das dürfte nebenbei auch Teil des "Bauchgefühls" sein, von dem Rudi Völler gerade gesprochen hat, nachdem der Schiedsrichter aus Somalia nicht einreisen durfte. Wenn ich mit Rudi Völler übereinstimme, muss die Lage wirklich extrem sein...

Und ganz nebenbei führt das Gastgeberland auch noch einen völkerrechtswidrigen Krieg gegen ein Teilnehmerland. Hier ist ein apokalyptisches Szenario für die Fifa: Wenn die USA und der Iran jeweils 2. in ihrer Gruppe werden, treffen die im Sechzehntelfinale aufeinander. Das dürfte dann das erst mal sein, dass 2 gegeneinander Krieg führende Nationen bei einer WM aufeinandertreffen... aber zum Glück ist der Sport ja unpolitisch... 

Freitag, 5. Juni 2026

Passives Abseits vs Investoren Teil 2: 1860 München. The Final Edition

 Vielleicht motivieren mich ja die aktuellen Ereignisse, endlich diese Serie in Gang zu bringen. Oder mein allgemeines Desinteresse in Sachen Weltmeisterschaft führt dazu, dass ich im Sommer nur dieses Projekt angehe.

Aber zunächst mal muss man kurz festhalten: Wieso schafft es der DFB eigentlich nicht, seine Regularien anzupassen und etwas fairer zu gestalten. Also die einfachste Variante zumindest etwas den Wind aus der "Die Meister müssen aufsteigen" Debatte zu nehmen, wäre es doch, die Meister wenigstens aufsteigen zu lassen, wenn einer Mannschaft die Lizenz entzogen bekommt. 

Also das ist jetzt ja kein einmaliger Vorfall. Es passiert allein 1860 München bereits zum 2. Mal nach 2017. Dazu kommen wir gleich. Dazu kommen Türkgücü München (2021/22), VfR Aalen (2018/2019) und Kickers Offenbach (2012/2013). Als Bonusfeature eröffnete Carl Zeiss Jena die Drittligahistorie mit einem Lizenzentzug. Man hatte genügend Anlässe, um eine entsprechende Anpassung vorzunehmen.

Und ja, es ist lustig, weil es Lok Leipzig trifft. Trotzdem ist der einzige Grund, warum die jetzt nicht aufsteigen dürfen, das Regelwerk des DFBs. Die könnten da problemlos reinschreiben: Wenn einem Verein die Lizenz entzogen wird, rückt als Erstes der in den Aufstiegsspielen gescheiterte Verein nach. Wenn 2 Vereinen die Lizenz entzogen wird, hält der 17. die Klasse.

Aber zurück zum Chaos in München. Die haben es Mal wieder verkackt und müssen zum 2. Mal in die Regionalliga. Alles nur, weil dieser böse Investor den Verein kaputt gemacht hat. Oh, warte... Ismaik hat den Verein de facto 2017 gerettet und nicht verdammt. Ohne den hätte man den Weg von Lok Leipzig einschlagen und in der Kreisklasse neu starten müssen. Der Verein konnte, zumindest in erster Instanz, durch den Investor überleben. Nur durch den Investor. Der hat also die Tradition bewahrt.

Nur ist leider das Chaos Teil dieser Tradition. Und deswegen passt das halt auch zur Vereinsgeschichte, wenn sie sich an einen chaotischen Investor verkaufen. Deswegen gelten sie ja auch weiterhin als Traditionsverein. 

Ich habe bereits in der "alten Serie" darüber geschrieben, wie absurd es ist, dass 1860 weiterhin als Traditionsverein gilt, nachdem sie ihre Seele verkauft haben. Und ich habe auch direkt nach dem Einstieg zusammengefasst, wie kaputt das da alles ist und das es garantiert nicht gut gehen wird. #PassivesAbseitsLeserwissenesfrüher.

Das Problem daran: Der gemeine Fan, der sich nicht wirklich mit dem Verein auseinandersetzt, kann jetzt mit dem Finger auf das Scheitern zeigen und laut brüllen "Guckt mal! Investoren sind Scheiße! Ein Hoch aufs 50+1!" 
Und die 60er selbst können sich einreden, dass es ja nur an diesem Scheiß-Investor liegt. Dabei sprechen die "Legenden" des letzten Lizenzentzuges deutlich davon, dass es eben nicht nur an dem Investor lag. Es gibt genügend Leute aus dem direkten Vereinsumfeld, die mindestens genauso viel Schuld haben...

Vor allem hat der Verein es ja ganz Alleine geschafft, sich in die Situation zu manövrieren, in der ein Ishmaik die letzte Option war. Man muss das nochmal festhalten: Die Optionen damals lauteten: Entweder wir lassen uns auf einen offensichtlichen Scharlatan ein, oder wir lösen den Verein auf. Man hat sich bei der Wahl zwischen Cholera und Pest für die falsche Option entschieden.

Vielleicht würde der neu gegründete Verein ohne Ismaik mittlerweile ebenfalls in der Regionalliga spielen. Das wäre zumindest im Rahmen des Möglichen. Nur wäre das auch das realistische Limit für sie gewesen: mit dem Fansupport in der 4. oder 3. Liga rumgurken. Es gibt genügend Beispiele von Traditionsvereinen, die dort ihre Nische gefunden haben. Aber bei 1860 wurde weiterhin lieber groß geträumt. Also entschied man sich für den Investor, der von der Champions League redete.

Jetzt bleibt aber die Frage: War es wirklich etwas Schlechtes, dass der Investor den Verein weitere 15 Jahre am Leben erhalten hat? Es gab ja die 10 % Chance, dass das vielleicht doch gut geht. Und man hatte ja dieses Jahr nochmal das klare Ziel, mit seinem Elitekader aufzusteigen. Das hat man halt verkackt. Das ist eine Frage, auf die selbst die 1860-Ultras keine klare Antwort finden werden... Und vor allem ist es eine Antwort, die sie vor 15 Jahren mit "Wir gehen diesen Weg mit" beantwortet haben. Denn die Fans hätten dem ganzen ja ganz schnell ein Ende machen können, wenn sie den United of Manchester Weg gegangen und ihren eigenen Gegenverein gegründet hätten. Man hat sich aber lieber an der Illusion festgehalten, dass der eigene Verein doch überlebt... und das der alte Glanz zurückkommt.

Im Wesentlichen lernen wir hier eine Sache: Kaputte und chaotische Vereine bleiben kaputte und chaotische Vereine. Ein Investor schafft es nicht, diese Vereine mit ihren Strukturen magisch zu heilen und in ein seriös geführtes Konstrukt zu verwandeln.

Aber ein seriöser Investor hätte 1860 ja auch nicht mit der Kneifzange angefasst. Allein schon, weil er das Millionengrab Allianz-Arena mit eingekauft hätte. Und so großartig dieses Stadion für die Bayern ist... für den kleinen Verein war es quasi der Sarg. Da haben dann all die Verantwortlichen seit dem Abstieg aus der Bundesliga ihre Nägel reingehämmert. Und Ismaik hat das unvermeidbare "Den Deckel drauf machen" nochmal 15 Jahre rausgezögert.

Jetzt mögen optimistische Fans behaupten: Genau deswegen brauchen wir 50+1! Um solche Vereine vor fiesen Investoren zu schützen. Ihr wollt also im Wesentlichen Vereinen helfen, denen nicht zu helfen ist. Gute Idee.

Wobei... sowohl 1860 als auch ihr "Brother in Crime" KFC Uerdingen beweisen ja, dass solche Vereine trotz 50+1 diesen fiesen Investoren auf den Leim gehen. Diese Regel führt nur dazu, dass das ganze noch viel chaotischer wird. Diese Vereine aber als Argument gegen Investoren anzubringen, funktioniert nur, wenn man einen sehr begrenzten Horizont hat. Denn die Wurzel des Problems sind nicht die externen Investoren, sondern die chaotischen Strukturen innerhalb des Vereins.

Donnerstag, 28. Mai 2026

Erinnert ihr euch noch an den März?

 An diese eine ominöse Woche, in der wir uns alle gefragt haben, ob die Premiere League vielleicht gar nicht so gut ist. Der Kicker schrieb damals von "Riesen-Problemen". All das, weil man seine Hinspiele nicht komplett dominiert hat.

Alle muss man natürlich wieder mal relativieren. Ein kleines gallisches Dorf hat damals schon darauf hingewiesen, dass das eine absurde Überreaktion ist. #PassivesAbseitsLeserwissenesfrüher

2 Monate später hat diese so krass schwächelnde Premiere League schonmal 2 der 3 europäischen Wettbewerbe gewonnen. Nur das Lospech verhinderte nebenbei, dass wir ein rein englisches Finale in der Europa League erleben durften, da Aston Villa im Halbfinale auf Nottingham Forest traf.

Das wäre nebenbei das 2. rein englische Finale infolge gewesen. Hierbei muss eines dringend bedacht werden: Die Premiere League stellt lediglich 2 Teilnehmer in diesem Wettbewerb. Das bedeutet: Das letzte Mal, dass eine "europäische" Mannschaft einen Teilnehmer aus England aus diesem Wettbewerb kegeln konnte, war im Viertelfinale 2024Atalanta Bergamo besiegte überraschend Liverpool und Bayer Leverkusen setzte sich gegen West Ham United durch. Das ist verdammt lange her.

Nebenbei haben die Engländer sich 3 der 5 Conference League Titel geholt. Und es ist ja nicht mal so, dass das zwingend die "Superreichen Scheichklubs" sind, die diese Wettbewerbe gewinnen. Es ist eher so, dass selbst Teams wie Tottenham und Nottingham, die in der Premiere League im Abstiegskampf stecken, trotzdem in Europa unbesiegbar sind. Der Abstand dieser Liga zum Rest ist einfach nur krass.

Im Wesentlichen gibt es so 5 Vereine, die in der Champions League mit den besten Mannschaften aus England mithalten können: Paris St. Germain, Real Madrid, Barcelona, Bayern und Atlético Madrid. Vielleicht noch Inter Mailand, aber deren 2 Finalteilnahmen kamen nur zustande, weil man den Engländern in der K.O. Phase aus dem Weg gehen konnte... Aber Ehre, wem Ehre gebührt: Die haben Arsenal in der Gruppenphase geschlagen. Dieses Jahr gab es aber 2 Niederlagen. Borussia Dortmund konnte bei seinem überraschenden Finaleinzug ebenfalls den Engländern in der K.O. Phase aus dem Weg gehen. Und gewann 2 Mal gegen Newcastle United

Mittlerweile wäre es einfach eine Sensation, wenn eine englische Mannschaft gegen Dortmund ausscheidet. Das muss man einfach mal so anerkennen.

Nebenbei muss der AFC Bournemouth plötzlich als Favorit auf den Europacup Titel geführt werden. Das ist quasi deren FC Augsburg. Aber wer soll die realistisch stoppen, außer der AFC Sunderland? Es ist einfach nur krass, wie die Premiere League gerade nochmal eskaliert. Die einzige gute Nachricht ist ja, dass Aston Villa sich doch auch über die Liga für die Champions League qualifiziert hat. So bleibt uns eine weitere Saison mit 6 Champions League Startern erspart. Lucky us.

Aber hier muss man nochmal festhalten: Für Bournemouth und Sunderland ist der Weg über die Europa League in die Champions League der einfachere... Kein leichter, da man ja doch auf Milan, Juventus oder Bayer Leverkusen treffen kann, aber der einfachere...

Und es gibt ja keinerlei Anzeichen, dass sich das irgendwie wieder einpendelt. Der Abstand der Premiere League zum Rest wird nur weiter wachsen. Für Crystal Palace ist es eben kein Problem, einen Jean-Philippe Mateta aus Mainz zu verpflichten. Für Mainz ist es aber schwierig, einen halbwegs vergleichbaren Ersatz zu finden. Und so wird das jetzt jeden Sommer weitergehen. 

Vor allem sollte man sich dessen bewusst sein, falls es wirklich mal eine einzige Runde in der K.O. Phase gibt, wo nicht alles nach Plan läuft. Oder falls es wirklich mal das eine Jahr gibt, in dem die Liga "nur einen einzigen" Halbfinalisten stellt. Das würde eine absolute Ausnahme sein.

Gerade die jetzt neue Dominanz in der Europa League ist ja schon faszinierend. Also den Wettbewerb hatten die Engländer halt immer sehr stiefmütterlich behandelt. Da schickt man seine B-Elf und guckt, wie weit man kommt. Man hat dem FC Sevilla seine Dominanz dort gegönnt. Lasst die doch spielen. Jetzt hat man sich doch 4 der letzten 10 Titel gesichert. Vorher gab es eine Phase, in der man tatsächlich nur einen von 15 Titeln geholt hat. Ich prognostiziere mal: So eine lange Durststrecke wird diese Liga nie wieder erleben.

Mittwoch, 27. Mai 2026

Passives Abseits Hall of Shame: Wolfsburg verspielt alle Sympathien...

Doch, wirklich. Und ich hätte auch nicht gedacht, dass da geht.

Also stellt euch mal vor, ihr bastelt euch einen Millionenkader. Also ganz praktisch bastelt ihr euch ein Transferminus von 50 Millionen in 2 Jahren. Dann holt ihr euch noch einen jungen und aufstrebenden Trainer, der das Potenzial dieses Kaders zu entfalten.

Anstatt um den Einzug in die Conference League zu kämpfen, verkackt man den Saisonauftakt. Aber gut, dass ein neuer, junger Trainer nicht funktioniert kann ja passieren, auch wenn es kein gutes Licht auf den Entscheidungsprozess im Sommer wirft. Das Paul Simonis Projekt wurde so schon nach 10 Spieltagen auf Platz 14 abgebrochen. Und man entschied sich für die logische Variante: Der Beförderung des Jugendtrainers Daniel Bauer. Bis zur Winterpause ist das ja auch OK. Und der Dead Coach Bounce führte ja auch zu 7 Punkten in 3 Spielen. Aber das 3:4 zum Jahresausklang gegen den SC Freiburg machte jetzt nicht unbedingt Mut für die Rückrunde. Trotzdem entschied man sich dann doch dafür, dem jungen Trainer diesen offensichtlich schwierigen Kader langfristig anzuvertrauen, auch wenn es da schon Anzeichen gab, dass das nicht die Dauerlösung sein wird.

Das klappte natürlich nicht. Es gab nur einen Sieg in 10 Spielen und somit musste man die nächste Notlösung auspacken. Und die war noch uninspirierter als die letzte: Dieter Hecking. Spätestens da war klar: Das ist ein faszinierender Autounfall. Heckings Zeit als Bundesligatrainer ist halt seit 10 Jahren vorbei. Der hat es schon letzte Saison geschafft, einen Abstieg zu betreuen. Da wird er das doch bestimmt dieses Jahr wieder hinbekommen.

Trotzdem ging ich davon aus, dass Wolfsburg sich schon noch retten wird. Denn die Konkurrenz war ja alles andere als Angst einflößend. Ganz praktisch rettete Werder Bremen sich mit einem Sieg in den letzten 7 Spielen. In Köln sammelte man 1 Sieg in den letzten 11 Spielen. Das waren jetzt keine hohen Hürden, die man irgendwie überwinden musste.

Wolfsburg selber holte in der gesamten Rückrunde halt nur 2 Siege, also musste man in die Relegation. Das ist zwar emotional anstrengend, aber in 9 von 10 Fällen gewinnt das der Bundesligist. Das sollte also auch machbar sein. Man hat ja mehr Geld auf der Bank sitzen, als die Paderborner in den gesamten Kader gesteckt haben. Also um das mal ganz praktisch vorzurechnen: Für die Einwechselspieler Paredes, Wind, Lindström, Shiogai und Amoura alleine hat der VfL Wolfsburg in der Summe 43,75 Millionen Euro an Ablöse und Leihgebühr bezahlt. Der Paderborner Kader ist insgesamt 40 Millionen Euro wert... Um es drastisch auszudrücken: Selbst der Hamburger SV hat das am Ende immer hinbekommen.

Das sind jedenfalls die "Vorleistungen" der Wölfe vor der Relegation. Dann schafft man es im Hinspiel vor den eigenen Fans ein Spiel anzubieten, bei denen sich der neutrale Zuschauer fragt, welche Sportart das eigentlich sein sollte. Zitat aus dem Kicker-Ticker: "Ansonsten bietet das Relegationshinspiel wenig Anlass zur Aufregung, beide Mannschaften scheuen das Risiko."

Aber daran hat es ja nicht gelegen. Die allgemeine Reaktion nach dem Relegationsrückspiel war dann ein "ABER DER SCHIEDSRICHTER!" Wenn der nur etwas mehr Fingerspitzengefühl gezeigt hätte, wäre Wolfsburg noch in der Bundesliga.

Und da keiner von den Medien sich das traut, sage ich das jetzt so: Alter, fickt euch! 

Selbst wenn die erste Gelbe Karte ganz schön hart war. Dann muss ich als Profi meine Spielweise anpassen und kann nicht so in den Zweikampf gehen, wie Maehle das direkt danach macht. Deswegen verdient man ja Millionen Euro im Jahr. Allein schon die Schuld für den Platzverweis beim Schiedsrichter zu suchen und nicht direkt anzumerken, dass der eigene Spieler sich da unfassbar dumm anstellt, ist grenzwertig.

Aber nach so einer Saison mit dem Finger auf den Schiedsrichter zu zeigen, ist einfach nur erbärmlich. Kein "Wir haben es halt nicht geschafft, das in 34 Spieltagen zu regeln." 
Und natürlich ist es ein bisschen unfair, dass Dieter Hecking so direkt und als Erstes darauf angesprochen wird. Aber er ist auch ein sehr erfahrener Trainer. Er hätte das Interview mit einem "Wir sind nicht heute und damit nicht wegen dieser einen Schiedsrichterentscheidung abgestiegen, sondern weil wir vorher in 35 Spielen richtig schlecht waren." anfangen können. Also wenn seine Erfahrung schon auf dem Platz wenig bis nichts gebracht hat, dann hätte er sie doch wenigstens im Umgang mit den Medien nutzen können.

Auch Diego Benaglio zeigt wenig Reflextion und Selbstkritik, sondern schaut lieber in Richtung Schiedsrichter. Ich zumindest habe aus Wolfsburg noch kein einziges Eingeständnis des eigenen Versagens gehört. 

Im klassischen VW Stil wird Dieter Hecking für seine tragende Rolle im erfolgreichen Projekt Abstieg befördert. Vom Trainer zum Geschäftsführer. Das Lustigste daran: Den "seine Trainerkarriere wäre dann wohl vorbei" Satz gab es 2020 schon, als er in Nürnberg diese Rolle übernahm... und am Ende scheiterte. Realistischer wäre da doch eher ein "Und damit hat der VfL Wolfsburg auch schon eine passende Notlösung da, falls man für den Aufstieg einen Interimstrainer braucht"... 

Aber nur um das nochmal festzuhalten: Wenn Dieter Hecking in Nürnberg einen guten Job als Geschäftsführer gemacht hätte, wäre er schon nicht in Bochum als Trainer zurückgekehrt. Wenn Hecking seinen Job dort ordentlich gemacht hätte, wäre er nie als Trainer für die Wolfsburger verfügbar gewesen. Wenn er jetzt die Mission Klassenerhalt geschafft hätte... Aber dieses 3fache Versagen hat ihn jetzt die Beförderung eingebracht. So sieht ein vernünftiger Neuanfang aus...

Nachtrag: Wir müssen natürlich von einem 4fachen Versagen sprechen, weil Dieter Hecking ja die Saison als Trainer in Bochum begonnen hat und nach einem Sieg aus 5 Spielen entlassen wurde... Aber hey, vielleicht ist es auch ein Fortschritt, dass Wolfsburg immerhin nicht den Trainer Dieter Hecking behält...

Donnerstag, 21. Mai 2026

Rapid Reaction zur verwirrenden Kadernominierung

 Ist das noch "Schnell", wenn man erst auf die Nominierungen wartet und dann reagiert? 

Hauptsächlich bin ich ja verwirrt, dass Julian Nagelsmann nach 3 Jahren im Amt die Kommunikation so verkackt. Also das ist ja ein moderner, immer noch junger Trainer. Das bedeutet, der hat mehrere Medienberater. Und das ist ja auch nicht sein erstes Turnier.

Dass er die Deniz Undav Situation so schlecht vermittelt hat, war schon bemerkenswert. Dass er jetzt bei der Kadernominierung wieder so bescheiden kommuniziert, muss einen einfach verwundern. Dabei geht es nicht mal so sehr um die Manuel Neuer Rückkehr. Dazu kommen wir gleich. Aber dass der Kader so scheibchenweise geleakt wurde, ist wirklich ungewöhnlich. Wobei das lustigste das falsche Leak zur Said El Mala war.

Nur um das nochmal festzuhalten: Diesen Prozess zu moderieren und kontrollieren ist quasi die wichtigste Aufgabe für Nagelsmann zwischen den Turnieren. Und da ist er ganz sachlich gescheitert.

Aber kommen wir mal zu Oliver Baumann und Manuel Neuer. Hier muss man fairerweise sagen, dass Nagelsmann nur verlieren konnte. Das Neuer der beste Deutsche Torhüter ist, stellt ja kaum jemand infrage. Falls doch: An durchschnittlichen Tagen ist der immer noch besser als Baumann. An den herausragenden Tagen ist er deutlich besser. Diese herausragenden Tage werden seltener, aber es gibt sie noch.

Wenn ihr euch nebenbei fragt, was passiert ist... nun ja, das Spiel Hoffenheim - Stuttgart. Denn da wurde deutlich, dass Baumann derzeit eher der drittbeste Torhüter im Land ist. Als Nummer 1 in dieser Torhüternation muss er da 2 der Gegentore verhindern.

Was mich jetzt am meisten verwirrt, ist ja das "Baumann hat ja die Qualifikation gespielt, der hat sich das verdient!" Argument. Hier ist das Grundproblem: Baumann hat diese Quali nur gespielt, weil Marc-André ter Stegen verletzt ausfiel. Jetzt tun aber alle so, als wäre es 2 Jahre lang der Plan gewesen, mit Baumann ins Turnier zu gehen.

Und natürlich hat Nagelsmann vor der Neuer-Rückkehr versucht, Baumann stark zureden. Aber das war ja auch alternativlos. Genaugenommen hat aber schon die Positionierung pro ter Stegen deutlich gemacht, dass man Baumann nur bedingt zutraut, so ein großes Turnier zu spielen. Erst im April wurde wirklich deutlich, dass man nicht mit ter Stegen planen kann. Im Januar hat er ja extra den Verein gewechselt, damit er die nötige Spielpraxis bekommt, um als Nummer 1 ins Turnier zu gehen. Trotzdem tun jetzt viele so, als wäre Baumann 2 Jahre lang der unumstrittene Stammtorwart gewesen.

Nebenbei muss man auch mal festhalten, dass dieses "Er hat uns als sicherer Rückhalt durch die Qualifikation geführt" absolut nichts Beeindruckendes ist. Das hätte Michael Zetterer wahrscheinlich auch geschafft. Also Zetterer ist laut Kicker-Noten der schlechteste Torhüter der Saison, deswegen nehme ich ihn. Nebenbei... stand Baumann bei der Niederlage in der Slowakei zum Auftakt im Tor. Das war jetzt nicht primär seine Schuld, aber "er hat uns Stabilität verliehen" sieht irgendwie anders aus. Und wir müssen nochmal festhalten, dass es nicht darum geht, die Luxemburg oder Nordirland hinter sich zulassen, sondern Spanien und Frankreich zu schlagen. Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass Baumann in so einem Spiel den Unterschied ausmachen kann.

Hinter der ganzen Debatte steht natürlich wieder die Überhöhung der Bundesliga. Denn es tun jetzt alle wieder so, als würde Nagelsmann einen Weltklasse-Torhüter auf die Bank setzen, weil Baumann eine starke Hinrunde in der besten Liga der Welt gespielt hat. Dabei hat er, realistisch gesehen, nur eine durchwachsene Rückrunde in einer guten, aber international von den Bayern getragenen, Liga gespielt. Und ich sage das mal so: Es ist kein Zufall, dass Baumann noch nie seine Leistungsvermögen auf dem allerhöchsten Champions League Niveau nachweisen konnte und durfte. Und es ist auch kein Zufall, dass er eine Teilnahme an diesem Wettbewerb zum Saisonende verspielt hat. Fun Fact: bei seiner einzigen Teilnahme dort hat er in 6 Spielen 14 Gegentore kassiert. Baumann ist halt "nur" ein guter Bundesligatorwart. Nicht mehr und nicht weniger. Aber das reicht halt nicht, um zwingend im Tor der deutschen Nationalmannschaft zu stehen. 

Denn das letzte Mal, dass "wir" "nur einen guten Bundesligatorhüter" zu einem Turnier im Kasten hatten, war... 1998 mit Andreas Köpke. Der ist da aber auch die absolute Anomalie. Es gab sonst keinen guten Torhüter, der sich konstant für die falschen Vereine entschieden hat, wie Köpke. Danach gab es Kahn, Lehmann und Neuer. Davor gab es Illgner, Schumacher und Meier. Die haben zusammen 11 Europacup-Siege geholt. Und Toni Schumacher als einziger, der sonst keinen internationalen Titel holen konnte, stand zumindest im UEFA-Cup Finale. Er verlor gegen Real Madrid
Baumann ist, bei allem Respekt, halt eher auf Augenhöhe mit Eike ImmelOliver Reck und Timo Hildebrandt. Alles keine schlechten Torhüter, aber eben nicht gut genug, um Deutschland in ein wichtiges Turnier zu führen. 

Zurück zu Neuer: Der hat halt auch einen völlig absurden Erfahrungsschatz. Er weiß als einziger im Kader, wie man eine WM erfolgreich bestreitet... UND wie man sie verkackt. Er ist der einzige Torhüter, für den es völlig normal ist, in einem wichtigen K.O. Spiel zu stehen und dort abzuliefern. Darauf zu verzichten, wenn Neuer selber Bock hat, wäre schon leichtsinnig.

Und das dümmste Argument ist die fehlende Abstimmung. Denn Baumann ist der einzige Hoffenheim Spieler im Kader. Neuer spielt dagegen Tah, Kimmich, Pavlovic, GoretzkaMusiala und Karl zusammen. Das sind nebenbei alles Spieler, die, wenn sie offen und ehrlich antworten würde, die Rückkehr von Neuer begrüßen dürften. Also falls sich jemand fragt, wie "die Mannschaft" das aufnehmen wird... es gibt da einen relativ großen Bayern Block und nur ganz wenige Spieler, die eine bedingungslose Loyalität zu Baumann haben. Die meisten werden froh darüber sein, dass Neuers Rückkehr ihre Chance auf einen Weltmeistertitel erhöht.

Und natürlich ist es nicht mehr ausgeschlossen, dass Neuer doch einen haltbaren Ball durchlässt. Oder dass er Arda Güler ein Tor vorlegt. Aber das wahrscheinlichste Szenario bleibt, dass neuer ein solides bis starkes Turnier hinlegen wird. Während bei Baumann das realistische Limit bei "solide" liegen würde. 
Ganz sachlich gesehen hat Nagelsmann da alles richtig gemacht. Er hat nach dem verletzungsbedingten Ausfall der eigentlichen Nummer ein ter Stegen seinen Ersatzmann öffentlich stark geredet. Aber als sich dann die Möglichkeit eröffnete, den besten deutschen Torhüter zu nominieren, hat er zugeschlagen. Denn am Ende geht es nicht darum, Baumann's Seele zu streicheln, sondern die bestmöglichen deutschen Kader zu nominieren.

Nebenbei bin ich ja relativ sicher, dass diese "Rückkehr zu Turnieren" relativ normal werden wird. Also Toni Kroos hat das ja vor ziemlich genau 2 Jahren auch schon vorgemacht. Da hat nebenbei niemand rumgeheult, dass irgendein "Quali-Spieler" seinen Stammplatz räumen musste. Der Rahmenterminkalender wird halt immer extremer. Dass da die Ü30 Spieler relativ frühzeitig sagen, dass sie statt der Qualifikation lieber in den Ski-Urlaub fahren, sollte niemanden überraschen. Dass es bei diesen Spielern dann aber wieder richtig kribbelt, wenn das Turnier vor der Haustür steht, überrascht aber auch nicht. Der einzige Grund, warum dies jetzt so hochkocht, ist der Fakt, dass wir die Torhüterposition irgendwie anders behandeln, als Feldspieler.
Aber wenn sich jetzt der Innenverteidiger vorm Torwart ändert, machen wir uns irgendwie weniger Sorgen...