Donnerstag, 24. September 2026

Das Freiburger Torwart Mysterium Teil 2: Der Nachfolger des Nachfolgers.

 In der Saison 2014/15 stand der SC Freiburg dann vor einem Problem, dem die meisten Bundesligisten lieber aus dem Weg gehen: Sie mussten einen Ersatz für ihren durchschnittlichen Torhüter suchen. Natürlich wusste damals noch niemand, dass ein aufstrebendes, 23-jähriges Talent nicht mehr als das werden würde, deswegen tat der Abgang von Oliver Baumann schon weh. Man entschied sich nicht direkt für das Eigengewächs Alexander Schowlow, sondern verpflichtete den Schweizer Roman Bürki. Und man stieg sofort ab.

Nun könnte man natürlich behaupten, dass das an dem neuen Torhüter und seinen Patzern lag. Aber Roman Bürki kassierte nur 47 Gegentore. Er beendete die Saison mit einem Kicker Notenschnitt von 2,72. Das ist deutlich besser als Baumanns 3,09er Schnitt aus der Vorsaison. Also klar, wenn Bürki gegen Hannover nicht gepatzt hätte, wäre man drin geblieben. Aber das war auch der letzte echte Patzer und der kam am 17. Spieltag. Danach bekam er nur noch eine einzige 4,0. Man ist definitiv mit und nicht wegen Bürki abgestiegen.

Das zeigte sich dann auch im Sommer, als Bürki zu Borussia Dortmund ging. Denn damit wurde er zu einem echten Unikat. Er war der einzige Freiburger Torhüter, der zu einem Champions League Teilnehmer wechselte. Die 33 Einsätze in diesem Wettbewerb sind mehr, als alle anderen Freiburger Torhüter zusammen im Lebenslauf stehen haben. Also Mark Flekken und eben Baumann kommen auf jeweils 6.

Nebenbei holte Bürki auch 2 Titel. Also so richtige Titel. Nicht die A‑Juniorenmeisterschaft oder Deutscher Zweitligameister, sondern den DFB‑Pokal. Damit holte er auch mehr Titel als alle anderen Torhüter des Vereins zusammen. Er war also der Einzige, der nach seinem Wechsel steil ging und eine internationale Karriere hinlegte.

Nach Bürki war dann endlich Alexander Schwolow dran. Der Abstieg wurde postwendend repariert und Schwolow etablierte sich als Nummer 1. 3 Jahre und einen Schnitt von 1,54 Gegentoren pro Spiel. Das klingt nach Oliver Baumann. Dementsprechend bekam er nach den 3 Jahren auch "nur" ein Angebot von der Hertha und nicht von einem wirklich großen Verein. Ähnlich wie Hoffenheim wollten die Berliner gerne nach ganz oben und hofften darauf, dass ein Schwolow da ein wichtiges, stabilisierendes Puzzleteil sein könnte. Der Stammtorwart für die nächsten 10 Jahre halt.

Das Ganze endete eher katastrophal. Im ersten Jahr konnte man dem Abstieg noch entgehen, aber in der 2. Saison scheiterte man in der Relegation. Schwolow verpasste die letzten Spiele mit einer Muskelverletzung. Aber mit Schwolow im Tor stand man nach 28 Spieltagen auf Platz 17. Und laut Kicker-Notenschnitt war er 0,19 Notenpunkte schlechter als sein Ersatzmann. Mit einem Notenschnitt von 3,44 war er der schlechteste Torwart der Saison. Wenn man das mit Bürki vergleicht.

Nur um das zu belegen, stieg er in der nächsten Saison mit Schalke 04 direkt noch einmal ab.  Dort verlor er nach einem 1:6 gegen RB Leipzig seinen Stammplatz an Ralf Fährmann, der einen deutlich besseren Kicker-Notenschnitt hinlegte. Aber da sich Fährmann verletzte, musste man die Saison mit Schwolow beenden. Damit war dann irgendwie das Urteil gefällt, dass man mit diesem Torwart nur um den Abstieg spielen kann. Also außer man ist der SC Freiburg. Schwolows war mehr oder weniger dabei, seine Karriere auf der Ersatzbank austrudeln zu lassen, bis eine überraschend starke Saison in Schottland ihn zurück in den Fokus brachte. Er hätte es sogar fast geschafft, die Glasgow-Dominanz zu durchbrechen und als erster Freiburger Torhüter einen Meistertitel zu holen. Erst in der 87. Minute des letzten Spieltages wurde dieser Traum zerstört. Schwolow nutzte diese Welle, um einen Vertrag in Mainz zu unterschreiben, damit er wenigstens wieder die Rolle als Ersatztorwart in der Bundesliga bekommt. Und weil Robin Zentner, der in meinen Augen ebenfalls nur ein durchschnittlicher Bundesligatorwart ist, mehrere Wochen verletzt ausfällt, bekommt er mit 34 Jahren erneut die Chance, sich in der Bundesliga zu beweisen. Aber am Ende erlebte er seinen Karrierehöhepunkt mit Anfang 20 in Freiburg.

Zurück zu diesen Freiburgern: Die reagierten auf den Abgang von Schwolow mit einer Leihe von Florian Müller. Müller war als Mainzer Talent in einem ewigen Zweikampf mit Robin Zentner verstrickt. Er konnte sich nie so klar durchsetzen, dass man bedingungslos auf ihn setzen wollte. 2021 entschied man sich dann gegen Müller. Nach einer Saison in Freiburg mit einem 2,9er Notenschnitt tauchte er auf dem Radar des VfB Stuttgarts auf. Nach 1 1/2 Jahren mit einem 3,2er Notenschnitt verlor er dort aber seinen Stammplatz. Nur um dann zur Relegation wieder zurück ins Tor zu kehren, weil Fabian Bredlow verletzt ausfiel. Aber für den HSV reichte es auch mit Müller. In der Saison 2023/24 entschied der VfB dann, mit Alexander Nübel einen richtigen Bundesligatorwart zu verpflichten. Seitdem geht es dort steil bergauf. Müller kehrte nach Freiburg zurück, um dort die Rolle der Nummer 2 anzunehmen. 

Die hatten dieses Mal vorausschauend geplant und mit Mark Flekken den Ersatz für Müller bereits in ihren Reihen. Flekken war mit 28 Jahren eigentlich schon zu alt, um den Schritt zum Stammspieler noch zu machen. In Freiburg legt er trotzdem 2 souveräne Jahre hin, in denen er auf einen Notenschnitt von 2,88 und 2,79 kam. Das war gut genug, um sich den Traum von der Premier League zu erfüllen und dem SC Freiburg 13 Millionen Ablöse in die Kassen zu spülen. Dort spielte er 2 Jahre für das Überraschungsteam aus Brentford. Quasi dem SC Freiburg dieser Liga. Auch wenn natürlich selbst die Kleinen in der Premier League verdammt reich sind. Dennoch ist das ein Verein, der mit einem stabilen Umfeld für viele Überraschungen sorgt. Dieses Jahr haben sie sich sogar für die Champions League qualifiziert. Also nach dem Abgang von Flekken. 
Denn der ist mittlerweile in Leverkusen gelandet. Dort kam er verletzungsbedingt nur auf 24 Einsätze und auf einen Notenschnitt von 3,24. Das ist Platz 16 im Notenranking. Jetzt darf er den Titel "umstrittene Nummer 1" tragen. Wenn man den News zu seiner Person Glauben schenkt, ist er nicht wirklich die Ideallösung. Auch hier kann es sein, dass Flekken seinen Karriere- und Leistungshöhepunkt in Freiburg erlebt hat. Seine Champions League Bilanz kann Flekken dieses Jahr jedenfalls nicht ausbessern, denn Bayer Leverkusen verpasste diesen Wettbewerb als Sechster.

Flekkens Abgang konnten sich die Freiburger leisten, weil sie die designierte Nummer 1 schon im Kader hatten. Also Deutschlands designierte Nummer 1 Noah Atubolu. Nach 32 Einsätzen in diversen U-Nationalmannschaften bestand zumindest die allgemeine Hoffnung, dass Atubolu die Frage nach Neuers Nachfolge beenden würde.
Doch schon in Freiburg hatte er immer mit der Konstanz zu kämpfen. Er kam noch nie auf einen 2er Notenschnitt im Kicker. Trotzdem setzte sein Berater ihm den Floh ins Ohr, dass er für Höheres berufen ist. Also wollte er im Sommer weg. Der SC so: "Gut, dann geh bitte." Einen Nachfolger, der bei uns funktioniert, finden wir schon. Die Ablöse wird uns guttun.
Nur interessierte sich niemand für Atubolu. Erst als der Eintracht bewusst wurde, dass sie dringend wenigstens einen durchschnittlichen Bundesligatorwart brauchen, konnte eine Paniklösung gefunden werden. Sonst wäre Atubolu wohl wirklich auf der Tribüne gelandet. In Frankfurt kassierte er dann direkt 7 Tore in den ersten 2 Spieltagen. Er patzte bereits am 2. Spieltag schwer. Klar, der ist noch ganz neu dort, aber auf den ersten Blick wirkt es nicht so, als könnte sich Atubolu dort als Stabilisator etablieren. Die Karrieren seiner Vorgänger machen aber wenig Hoffnung.

Freiburg hat sich ganz entspannt Mio Backhaus geholt und chillt nach 4 Spieltagen mit 3 Gegentoren auf Platz 3. Dabei ist Bachkaus Beitrag dazu eher überschaubar. Er hat noch keine überragenden Leistungen gezeigt, sondern liefert ungefähr auf dem durchschnittlichen Niveau von Atubolo ab. Oder er steigert sich noch ein wenig und liefert auf dem Niveau von Flekken, Müller oder Schwolow ab. Also irgendwo zwischen 2,77 und 3,04 wird sich sein Notenschnitt einpendeln. Stabil, aber nicht überragend halt.

Aber das ist ja der entscheidende Punkt: Es ist völlig egal, wer beim SC Freiburg im Tor steht. Solange es zumindest ein durchschnittlicher Bundesligatorwart ist, sorgt das stabile Umfeld dafür, dass der schon gut aussehen wird. Und bei passender Gelegenheit kann man den dann verkaufen und günstig durch den nächsten durchschnittlichen Bundesligatorwart ersetzen.

Freiburg hat halt auch Philipp Lienhart, der still und heimlich seit 2017 einen souveränen Job in der Innenverteidigung macht. Man hat mit Christian Günter eine absolute Institution auf der Position des Linksverteidigers. Dazu kommt Matthias Ginter als Rückkehrer. Lukas Kübler kommt auf 231 meist unauffällige Spiele als Rechtsverteidiger. Und Maximilian Eggestein schwingt davor auch schon im 5. Jahr den Taktstock. Ginter und Kübler wurden, als das Alter sich bemerkbar machte, relativ nahtlos durch Philipp Treu und Jordy Makengo ersetzt. 

Das sind alles keine ganz großen Namen. Also ja, Ginter ist Weltmeister. Er kommt auf 51 Länderspiele. Philipp Lienhart kommt auf über 40 Länderspiele für Österreich. Aber die spielen auch alle noch oder wieder in Freiburg, weil sie für die ganz großen Namen, also in diesem Fall Real Madrid und Borussia Dortmund, nicht gut genug waren. 

Und natürlich hat Freiburg auch den unfairen Wettbewerbsvorteil Christian Streich und Julian Schuster. Dass dort seit 2011 ein stabiles System herrscht, ist eigentlich unfassbar. Und Schuster lässt Streich ja seit über einem Jahr wie einen Bremser aussehen.

Die meisten Torhüter sind am Ende auch nur Rollenspieler. Wenn man sie in ein stabiles System integriert, sehen sie wie der nächste Nationaltorwart aus. Wenn man die Verteidiger austauscht, wackeln sie plötzlich. Die Anzahl der Torhüter, die wirklich das Fundament für eine stabile Abwehr bieten, ist dagegen sehr gering.

Nirgends wird das so deutlich, wie bei den Freiburgern und ihren Torhütern. Natürlich ist es bei Atubolu noch zu früh für ein Urteil, aber bei allen anderen gilt: Sie konnten das in Freiburg angedeutete Potenzial nie konstant abrufen, nachdem sie den Breisgau verlassen haben. Und ja, das trifft auch auf Oliver Baumann zu, von dem wir damals alle mehr erwartet haben.

Es ist schon faszinierend, dass abgesehen von Roman Bürki, der auch nur ein Jahr da war, alle Nachfolger von Oliver Baumann eine sehr ähnliche Karriere hingelegt haben. Denn keiner konnte sich als unumstrittene Langzeitlösung zwischen den Pfosten eines Bundesligisten etablieren. 

Mittwoch, 23. September 2026

Das Freiburger Torwart Mysterium: Teil 1: Die Akte Baumann im Detail.

Oliver Baumann wurde jetzt ja nicht zur Nationalmannschaft eingeladen. Es reicht halt ein alter Sack im Tor und da nimmt man, trotz der vielen Verletzungen, lieber Marc-André ter Stegen. Also den Torhüter, der zumindest mal über einen längeren Zeitraum Weltklasse war. 

Ich habe ja bereits vor der WM ausführlich argumentiert, dass Oliver Baumann am Ende nur ein durchschnittlicher Bundesligatorhüter ist, der in einer völlig absurden Debatte zum großen Hoffnungsträger im Tor verklärt wurde. Dass Julian Nagelsmann überhaupt über eine Rückholaktion von Manuel Neuer nachdenken musste, liegt doch hauptsächlich daran, dass seine einzige Option ein 36 Jahre alter durchschnittlicher Bundesligatorwart war. Oder mit Alexander Nübel ein in Nagelsmanns Wahrnehmung etwas schlechterer, aber auch deutlich jüngerer Torwart. Keiner der beiden hat wirklich das Prädikat „Weltklasse“ in seiner Spielerakte stehen.

Das ist ja auch das eigentliche Grundproblem: In den letzten 30 Jahren hat praktisch immer der nächste Weltklasse-Torwart mit den Hufen gescharrt. Das war ganz praktisch schon bei Bodo Illgner und Andreas Köpke so. Auch wenn Köpke's größtes Talent darin bestand, sich die falschen Vereine auszusuchen.

Danach kamen aber Oliver Kahn, Jens Lehmann und eben Manuel Neuer. Und ter Stegen, der sich ewig mit der Rolle als Nummer 2 begnügen musste. Dann schlug, als er endlich an der Reihe war, das Verletzungspech zu.

Oliver Baumann gehört, bei allem Respekt, nicht in diese Reihe. Sondern eher in die Rolle eines Oliver Recks: Zwischen den Turnieren kann man den durchaus mal einsetzen, aber wenn der bei einem Turnier im Tor stehen muss, haben wir ein Qualitätsproblem. Was, das muss noch einmal explizit erwähnt werden, nichts Schlimmes ist. Ein durchschnittlicher Bundesligatorwart ist immer noch besser als 95% aller Fußballer weltweit. Aber wir, und wahrscheinlich auch alle anderen Nationen, haben die Angewohnheit, unseren eigenen Durchschnitt zu etwas Besonderem zu verklären. Außer die Engländer, die wissen, dass ihre Torhüter scheiße sind,  

Anstatt also vor der WM die kritische Frage zu stellen, warum man zum ersten Mal seit 1988 keine Weltklasse-Option zur Verfügung hat, schrien alle laut, dass Baumann ja ins Tor muss. Und hinterher behaupteten die wirklich, dass Baumann gegen Paraguay mehr Elfmeter gehalten hätte, als Neuer. Obwohl Baumann in der Saison vor der WM keinen einzigen Elfmeter abwehren konnte. Was nicht an mangelnden Gelegenheiten lag.

Lustigerweise hat Baumann jetzt den Rekord für die meisten Bundesligatore eingesammelt. Er hat den jahrelangen Spitzenreiter Eike Immel abgelöst. Also den einzigen anderen durchschnittlichen Bundesligatorwart, der jemals bei einem Turnier im Tor stehen musste. Das passt schon.

Genau das passiert halt, wenn man 16 Jahre lang in der Bundesliga im Tor steht und sich kein Spitzenverein für dich interessiert. Also lasst uns mal ein wenig nachrechnen. Oliver Baumann kassierte seine 834 Gegentore in 527 Spielen. Das sind 1,58 Gegentore pro Spiel. Sein "direkter Konkurrent" Immel kommt auf 829 in 534. Das sind 1,55 pro Spiel. Und Baumann kommt nur auf 115 Weiße Westen, während Immel auf 147 kommt. Dieter Budenski kommt als Nummer 3 in der Liste auf 796 Gegentore in 478 Spielen. Der hat also die deutlich schlechtere Quote von 1,66.

Jetzt lasst uns aber mal die Quoten von Turniertorhütern angucken. Manuel Neuer ist bei absurden 463 Gegentoren in 548 Spielen. Der genießt aber auch den Bayern-Bonus. Marc-André ter Stegen dagegen ist früh zu einem Spitzenverein ins Ausland gewechselt. Er kommt deswegen "nur" auf 108 Spiele und 117 Gegentore. Das sind 1,08 Gegentore für Borussia Mönchengladbach. Der war also auch für Barcelona interessant, weil er in Gladbach auf einem Niveau abgeliefert hat, das Baumann nie erreicht hat. Vielleicht, crazy thought, wollte Baumann den Hoffenheimern gar nicht treu bleiben, sondern es war alternativlos.
Jens Lehmann beendete seine Karriere mit 455 Gegentoren in 394 Bundesligaspielen für Schalke und Dortmund. Das ist eine Quote von 1,15. Oliver Kahn kommt trotz "Bayern-Bonus" auf 582 Gegentore in 557 Spielen. Das ist eine 1,04er Quote.

Alle Turniertorhüter dieses Jahrtausends haben also eine deutlich bessere Quote als Baumann. Das könnte daran liegen, dass sie wesentlich bessere Torhüter waren. Hier ist nebenbei eine schockierende Statistik: Selbst Andreas Köpke kommt auf 1,49 Gegentore pro Bundesligaspiel. 517-mal musste der in 346 Spielen hinter sich greifen. Der Mann ist in seiner Karriere 2‑mal aus der Bundesliga abgestiegen und kommt trotzdem auf einen besseren Schnitt als Baumann.

Wenn man dann Baumanns Gegentore nach Gegentoren sortiert, fällt einem auf, dass man mit etwas 50 Gegentoren plus X pro Saison rechnen kann. In seinem schlechtesten Jahr waren es 66. In 11 seiner 18 Jahre waren es mehr als 50. Aber er hat halt auch diese eine Saison mit 37 in der Vita. Was war da denn los? Nun ja... Niklas Süle halt. Also das war die Saison, in der Süle sich für höhere Aufgaben bei den Bayern beworben hat. Im ersten Jahr mit Süle als sich noch etablierendem Stammspieler gab es 50 Gegentore. Als Süle dann zu den Bayern ging und Benjamin Hübner mit wechselnden Partnern die Innenverteidigung bildete, gab es direkt wieder 48 Gegentore.

Man könnte meinen, dass Baumann persönlich gar keinen so großen Einfluss darauf hatte, wie viele Gegentore der Verein bekommt, sondern dass die Frage, wer vor ihm verteidigt, viel wichtiger ist. Das ist ja für mich genau die Definition eines durchschnittlichen Bundesligatorwarts: Wenn er eine stabile Viererkette vor sich stehen hat, sieht er wie der souveränste Torwart der Liga aus, aber er schafft es selbst nicht, die Grundlage für eine stabile Viererkette zu bilden. 

Aber jetzt kommt das eigentlich Absurde: Baumann hat noch 2 weitere Jahre mit zumindest weniger als 45 Gegentoren in der Vita. In einem dieser Jahre stellte er sogar seinen persönlichen Bestwert mit 13 Toren ohne Gegentor in einer Saison auf. Aber das haben ja viele vergessen: Oliver Baumann kommt eigentlich aus der Freiburger Fußballschule. Und dort hatte er auch seine vielleicht besten Jahre.

In den 4 Jahren in Freiburg fehlte ihm natürlich noch etwas die Konstanz. Aber er sah schon wie das nächste große Versprechen aus. Wie einer dieser Torhüter, die eine internationale Karriere hinlegen werden. Hoffenheim sollte da eigentlich nur den Zwischenschritt zu größeren Vereinen darstellen. So wie das auch bei Roberto Firmino, Kevin Volland und Joelinton geklappt hat. Also um nur 3 Namen zu nennen, die Hoffenheim mit großem Gewinn weiterverkauft hat.

Nur hat Baumann halt nie den Schritt zur internationalen Klasse, die er in Freiburg angedeutet hat, in Hoffenheim nie vollzogen. Und damit ist er jetzt, 13 Jahre später, die ultimative Vereinslegende, weil seine Leistungen halt immer in Ordnung, aber selten wirklich überragend waren. Er war halt nie so gut, dass Borussia Dortmund oder Manchester United sich sagten: „Das ist unsere nächste Nummer 1."

Also ich verlinke hier mal ganz demonstrativ die Gerüchteküche von Transfermarkt.de. Da gab es kurz nach dem Wechsel zu Hoffenheim angeblich ein Tottenham-Gerücht … und danach dann ganz lange nichts mehr. Aber an dem Freiburger Juwel waren noch verdammt viele Vereine interessiert. Erst 2023 und 2026 gab es laut dieser Seite anscheinend wieder Anfragen von Vereinen, die nach einem erfahrenen Veteranen und Mentor gesucht haben. 

Aber hier ist ja das völlig Faszinierende, was dann endlich den Übergang zur Headline bringt: Baumann ist dabei gar keine Ausnahme. Er hat am Ende nur die Blaupause eines Freiburger Torhüters hingelegt. Denn die sind überraschend gut darin, durchschnittliche Bundesligatorhüter gut aussehen zu lassen und diese dann nahtlos zu ersetzen. Das schauen wir uns morgen im Detail an.

Montag, 21. September 2026

New Coach, same Shit

 Und keiner merkt's. Oder kritisiert ist. Es ist halt Jürgen Klopp, der wird nur von der AfD kritisiert, weil er sich die Deutschland Fahne zurückholen will. 

Aber genaugenommen macht Klopp jetzt denselben Scheiß, den schon Jogi Löw erfolglos versucht hat. Ganz praktisch in derselben Extremität. Also Löw hat ja damals auch einen 2. Kader für den Confed Cup nominiert. Und dann mit dieser B-Elf den letzten Titel für dieses Land geholt. Nur um die Spieler, die diesen Titel geholt haben, ein Jahr später weitestgehend zu ignorieren. Also ernsthaft: Mit Kimmich, Goretzka und Werner standen nur 3 Spieler sowohl im Confed Cup Finale als auch im Spiel gegen Südkorea in der Startelf. Aber damals hatte man einen eigentlich eingespielten und abgestimmten Kern, der zusammen mehrere Halbfinale erreicht haben. Also dass Kroos, Özil und Hummels dieses Turnier ausgesetzt haben, war sogar nachvollziehbar. Trotzdem hätte man daraus den Schluss ziehen können, dass Testspiele doch irgendwie wichtig sind und man da seine besten Spieler zusammenziehen sollte.

Aber das wäre ja das offensichtliche. Stattdessen konnte ich im März 2004 vorrechnen, wie wenig Zeit die designierten Schlüsselspieler vor dem Turnier im Sommer gemeinsam auf dem Platz standen. Vor der WM im letzten Sommer war es dann nicht ganz so selbstverschuldet. Also Kai Havertz war erst lange verletzt und dann zu erfolgreich. Deswegen verpasster er erst die gesamte Nations League und die Qualifikation und konnte erst relativ spät zur Mannschaft stoßen. Shit happens.

Aber gerade weil so ein Scheiß immer passieren kann, sollte man doch als Nationaltrainer jede Gelegenheit nutzen, die man hat. Also hier nochmal zum Mitschreiben: Jamal Musiala, Florian Wirtz und Kai Havertz werden die 3 Schlüsselspieler in der Offensive bei der EM in 2 Jahren sein. Also das ist jetzt keine gewagte Prognose, wenn alle Gesund bleiben, stehen sie über dem Rest.

Musiala ist der designierte Schlüsselspieler in der Bayern Offensive. Dass der damit auch in der Nationalmannschaft gesetzt sein wird, ist nur konsequent. Wirtz hat natürlich eine eher mäßige erste Premiere League Saison gespielt. Es war aber auch erwartbar, dass ein immer noch verdammt junger Spieler eine Saison braucht, um sich an die schnellere und härtere englische Liga zu gewöhnen. Es ist immer noch davon auszugehen, dass er den Durchbruch schaffen wird, der Junge ist einfach zu talentiert.

Und Kai Havertz wird halt gerne übersehen. Das liegt hauptsächlich an 3 Dingen: 1.) Er ist leider relativ häufig verletzt. 2.) Er ging in dem allgemeinen Chaos bei Chelsea ein wenig mit unter. 3.) Er ist halt zu Chelsea und Arsenal gewechselt und nicht zu den Bayern. Das verzeiht der gemeine Fan nicht so schnell.
Aber ganz sachlich nachgerechnet hat Havertz in 2 unterschiedlichen Champions League Finalen getroffen. 2006 für Arsenal und 2021 für Chelsea erzielte er jeweils das 1:0. Zum Titel reichte das aber nur ein Mal. Er hat also nachgewiesen, dass er auf allerhöchstem Niveau den Unterschied ausmachen kann. 
Um das mal einzuordnen: Es gibt insgesamt nur 9 Spieler, die in mehr als einem Champions League Finale getroffen haben. Die letzten deutschen Spieler, die das geschafft haben, waren Gerd Müller und Franz Roth in den Siebzigern. Das ist verdammt lange her. 

Diese 3 Spieler in der Offensivreihe zu haben, ist erstmal eine gute Grundlage. Aber es bringt auch einige Probleme mit sich. Das offensichtlichste: Die 3 spielen für unterschiedliche Vereine. Und das wird wohl auch so bleiben. Das 2. Problem ist, dass keiner von ihnen ein klassischer Mittelstürmer ist. Das würde die Dinge deutlich vereinfachen. Havertz kann das zwar auch spielen, aber er ist nicht der eiskalte Torjäger, der Musiala und Wirtz perfekt ergänzen würde.

Wenn ich aber jetzt schon grob weiß, wer meine besten 3 Offensivspieler sind. Und weiß, dass zumindest einer von denen verletzungsanfällig ist, während der andere offensichtliche gesundheitliche Probleme hat. Dazu ist klar, dass die sich nie im Verein einspielen können und dass die nicht so ganz natürlich zusammenpassen. Dann nutze ich doch jede Gelegenheit, damit die 3 sich einspielen können. Sei es nur im Training. Selbst wenn ich die nicht in jedem Spiel einsetze, so behalte ich die doch auf dem Campus und lasse die wenigstens gemeinsam trainieren.

Jürgen Klopp hätte jetzt die einzigartige Gelegenheit mit diesen 3 Spielern 3 Wochen am Stück zu arbeiten. Die wird er bis zur EM nie wieder bekommen. Und selbst vor dem Turnier dürfte er nicht so viel Zeit mit denen verbringen, bevor er dann wirklich in den Turniermodus schalten muss. Und Klopp verzichtet freiwillig darauf. Er nutzt die 2. Hälfte der überraschend langen Länderspielpause lieber als Scouting-Fest. Lass mal gucken, wer eventuell die Rolle als Joker bei der EM übernehmen kann, das ist doch viel wichtiger.

Dabei haben die letzten Turniere doch gezeigt, dass diese 3 Spieler sich doch einspielen müssen. Da ist viel Potenzial, aber es rumpelt ganz schön heftig. Gerade wenn es gegen gut organisierte Defensiven geht.

Mich fasziniert hier, dass Deutschland da immer noch diese Arroganz an den Tag legt. Nach, ganz sachlich gesehen, 5 eher mäßigen Turnieren. Also um das nochmal festzuhalten: In diesen 10 Jahren hat man ein einziges K.O. Spiel gewonnen. Gegen Dänemark. Sobald man auf richtig gute Gegner wie England oder Frankreich traf, war Schluss. Spätestens. Meistens reichte ein aggressiv verteidigender Gegner, damit man diesen Mannschaften aus dem Weg gehen konnte. 

Man hat sich aber nach dem letzten Titel angewöhnt, dass man die Testspiele nicht zum Einspielen, sondern zum exzessiven Ausprobieren nutz. Das ist ein gravierender Unterschied. Dabei zeigen die letzten Turniere deutlich, dass man sich das nicht erlauben kann.

Also nur so zum Vergleich: Zinédine Zidane nominiert 23 Spieler für die 3 Wochen.  Spaniens Luis de la Fuente plant mit 26 Spielern. Thomas Tuchel begnügt sich mit 27 Akteuren. Das sind Mannschaften, die ein wesentlich solideres und eingespieltes Fundament haben. Trotzdem nutzen die Trainer die Gelegenheit, möglichst lange mit ihren wichtigsten Spielern zusammenzuarbeiten.

Nur Jürgen Klopp, bei dem diese Arbeit am angebrachtesten wäre, lädt lieber 2 getrennte Kader ein. Dann werden im Sommer alle wieder entsetzt gucken, wenn die Automatismen fehlen. Gerade wenn man bedenkt, dass dieser Kader auch erstmal seine persönliche Hierarchie klären muss und man vielleicht nochmal gemeinsam die letzten Turniere aufarbeiten sollte, ist das doch eher fahrlässig.

Ich werfe hier mal eine dreiste These in den Raum: Dem ewigen Vereinstrainer Klopp ist einfach nicht bewusst, wie wenig Zeit ein Bundestrainer wirklich hat, um mit seinen Spielern zusammenzuarbeiten. Er erinnert sich noch zu gut daran, wie er früher immer darüber gejammert hat, dass die Spieler so oft und so viel zu ihren Nationalmannschaften reisen müssen und dass er selbst keinen direkten Zugriff auf sie hatte. Und er ignoriert die Absagen, die es dann im Frühjahr, wenn im Idealfall alle Schlüsselspieler im Europacup Modus sind, eintrudeln werden. Sorry, Coach, ich muss absagen, ich hab die Männergrippe... Deswegen ist ihm nicht bewusst, wie rar seine Möglichkeiten wirklich sind.

Dienstag, 15. September 2026

Die Jagd auf Ole Werne wurde offiziell eröffnet

 Eugen Polanski hat als erster Trainer seinen Stuhl geräumt. Angeblich hat Polanski sogar selbst seinen Rücktritt angeboten. Also vielleicht sogar so richtig, ohne dass dafür Millionen an Abfindung bezahlt werden muss. So was soll ja vorkommen, wenn man als Trainer komplett verkackt.

Damit hat Polanski Merlin Polzin und Daniel Thioune "überholt". Aber das war auch absehbar. Er hat ja am Ende auf eher uninspirierte Weise den Klassenerhalt gesichert. Auch wenn 2 überraschende Siege an den letzten 3 Spieltagen gegen Dortmund und Hoffenheim anscheinend die 7 Spiele davor, in denen man nur den überforderten Absteiger aus St.Pauli schlagen konnte, überdeckten. Phyrrussiege verhindern eine langfristige Analyse. Das könnte ja das neue Vereinsmotto sein, denn schon an Gerado Seoane hielt man viel zu lange fest. 

Jetzt ging man mit im "Es wird schon irgendwie gut gehen"  Modus in die neue Saison. Ich meinte natürlich "Wir wollen nach Jahren des Durchschnitts wieder nach oben schielen." Natürlich. Mit "nach oben" war halt die Spitzengruppe der 2. Liga gemeint.

Den Trainer nach 3 Spieltagen zu entlassen, bleibt eine absolute Panikaktion. Vor allem wenn es ein Trainer ist, mit dem man in der Vorsaison schon zusammengearbeitet hat. Das ist ein absolutes Versagen auf der Managerebene. Das sollte so auch mal angesprochen werden: Bei der gründlichen Analyse nach Saisonabschluss hat Rouven Schröder sich ordentlich blenden lassen. Und nach so einer Analyse die richtigen Entscheidungen zu treffen, ist die Grundaufgabe eines Managers. Es ist hier wirklich viel zu leicht, mit dem Finger nur auf den Trainer zu zeigen.

Daniel Thioune, wollte ich an der Stelle mal erwähnen, hat anscheinend den richtigen Joker zugesteckt bekommen: Niclas Füllkrug ist zurück. Und Füllkrug macht direkt mal den Eindruck, dass er wieder ein "Unterschiedstürmer" sein kann. So wie in seiner letzten Werder Saison. Wie Tim Kleindienst im ersten Jahr der Heidenheimer. Der Unterschied zwischen knallhartem Abstiegskampf und einer sorgenfreien Saison ist ja oftmals nur ein Stürmer, der 15 Tore für dich erzielt. Wenn Füllkrug auf seinem "Hey, ich war mal Torchützenkönig in dieser Liga" Level abliefert, könnte Thioune echt den Job bis nächste Saison behalten.
Obwohl man an der Stelle mal festhalten muss, dass Füllkrug mit 16 Toren diesen Titel errungen hat. Er hatte das Glück, genau in der Phase zwischen Lewandowski-Haaland und Kane zu treffen.

Der dritte im Trainerbunde, der sich nach 3 Spieltagen vielleicht mal umgucken sollte, ist leider Merlin Polzin. Denn die Hamburger haben den Saisonstart noch krasser verkackt, als die Gladbacher. Und damit wird, auch wenn der Verein selbst über eine Verlängerung nachdenkt, der Trainer von den Fans angezählt. Was, das muss an der Stelle dringend erwähnt werden, völlig absurd ist. Denn Polzin ist weiterhin der einzige Aufstiegstrainer der Vereinsgeschichte. Und es war ja der 7. Anlauf, in dem der Aufstieg endlich vollbracht wurde. Dann hat der die Mannschaft souverän mit 9 Punkten Vorsprung auf den Relegationsrang geführt. Um das mal in Relationen zu setzen: Das war die 2. beste Saison der letzten 13 Jahre.

Jetzt... hat er ganz realistisch eine heftige Heimklatsche gegen Mainz bekommen. Und da das restliche Auftaktprogramm mit Auswärtsspielen in Dortmund und Leipzig echt heftig war, grüßt man von Platz 18. Das Polzin aber zum ersten Mal 3 Bundesligaspiele infolge verloren hat, scheint man dabei völlig auszublenden. Aber anscheinend ignorieren die Hamburger Fans (also zumindest der Teil, der jetzt Polzin hinterfragt), dass Dortmund und Leipzig mittlerweile auf einem ganz anderen Level spielen, als man selbst. 

Diese Trainerfragen werden ja viel spannender, weil Ole Werner plötzlich auf dem Markt ist. Denn RB Leipzig hat halt genau das gemacht, was ihr ehemaliger Angestellter vermieden hat: Man hat trotz der oberflächlich erfolgreichen Saison eine knallharte Analyse durchgeführt und kam zu dem Schluss, dass man mit diesem Trainer nicht mehr weiterarbeiten will.

Ole Werner ist aber ein Trainer, der noch keine schlechte Saison in seiner Vita stehen hat. Dumm ist nur, dass Werner lieber seinen Gehaltscheck von Red Bull abkassiert, als sich den Stress in Gladbach anzutun. Es sei ihm gegönnt. Aber machen wir uns nichts vor: Die Werner Schlagzeile wird nach jeder Entlassung in dieser Saison kommen. Und bei der richtigen Gelegenheit wird er auch zuschlagen. Gladbach sollte sich eher Sorgen machen, dass er an der Stelle "Nein, Danke" sagt. Das ist kein gutes Zeichen.

Das ist halt wirklich spannend, denn normalerweise muss man sich ja mit einer dieser B-Lösungen zufrieden geben. Einem Trainer,  den ein anderer Verein entlassen hat. Aber die Frage "Was würde Ole Werner aus dieser Mannschaft holen" wird viele Manager in den nächsten Monaten beschäftigen.

Montag, 7. September 2026

Worst of des "Die Saison nimmt fahrt auf" Wochenendes

 Auch wenn die Tabelle gerade wirklich absurd wirkt. Die Bayern haben die Tabellenführung wieder abgegeben, weil Loris Karius sich tatsächlich daran erinnert hat, dass er mal in einem Champions League Finale stand. Es sollte uns eigentlich nicht überraschen, dass der Mann zu solchen Paraden fähig ist, er hat es aber verdammt lange versteckt.

Dabei haben die Bayern in der Schlussphase sogar Ernst gemacht und Harry Kane aufs Tor schießen lassen. So richtig mit Wumms. Ernsthaft, dass Kane nach 2 Spieltagen nur einen einzigen sehenswerten Abschluss hatte, schreit nach Wettmanipulation. Das war eigentlich ausgeschlossen. Aber selbst das Ziehen dieser bisher so gut versteckten Geheimwaffe hat nichts genützt und deswegen... 

Heißt der Tabellenführer nicht mehr Bayern, kommt aber weiterhin aus Bayern. Die eine Person, die "Augsburg steht auf Platz 1" auf ihrem Bingo-Zettel hatte, darf sich jetzt ihren Preis abholen. 

Aber sonst nimmt die Saison doch Fahrt auf. Wir haben unseren ersten VAR Skandal: Borussia Mönchengladbach nutzte im Milliardengeschäft Bundesliga eiskalt die Kreisliga-Tricks: Wenn wir uns einfach den Ball schnappen und einwerfen, wird schon keiner was sagen. Und das hat funktioniert! Alle Kreisliga-Trainer werden diese Szene in ihr Videostudium einbauen. 

Primär ist es natürlich eher peinlich, dass das bei einem Erstligaschiedsrichter auch klappt. Und dass man die Szene dann nicht Challengen kann. Hier muss man nochmal festhalten: Jede andere Sportart mit VAR Einsatz hat ein Challenge System. Nur der Fußball redet sich weiterhin ein, dass das nicht funktioniert.

Völlig absurd ist es aber, dass Vincent Wagner dann direkt Gelb-Rot sieht, weil er über die Situation gerne nochmal reden würde. Das sollte nebenbei als Kapitel 1 in Elversbergs "Wir sind nur ein Pissverein" Buch stehen. Denn es ist ja nicht mal so, dass Wagner mit hochrotem Kopf den Schiedsrichter anschreit. Also klar, er drückt sein Missfallen mit der Entscheidung aus. Und er würde vor der Pause gerne nochmal drüber reden. Aber wenn wir dafür die Trainer "vom Platz" stellen, sehen demnächst alle Trainer die 2. Halbzeit auf der Tribüne. 

Man könnte ab sofort mitschreiben, wie oft ein derartiges "Vergehen" bei anderen, bekannteren Trainern unbestraft bleibt. Wir würden jedes Wochenende genügend Beispiele finden. Man muss nochmal festhalten: Die gesamte Kommunikation würde sich deutlich entspannen, wenn Wagner einfach eine rote Flagge werfen könnte. Dann kann er dem Schiedsrichter ganz ruhig erklären, dass er gerne den Einwurf als entscheidenden Teil bei der Entstehung des Tores überprüfen lassen würde. Und dann kann der Schiedsrichter entweder die Entscheidung korrigieren, oder zugeben, dass es ein Fehler war, der aber aufgrund des Regelwerkes nicht zurückgenommen werden kann. 

Aber gut, das Gladbach nicht nur wie ein Kreisklasse-Team Einwürfe klaut, sondern auch wie ein Kreisklasse-Team verteidigt, war das ja alles nicht so schlimm. Und da wir nur über Dinge reden, wenn sie wirklich schlimm sind, wird dieser Vorfall nicht zur eigentlich nötigen "Wann bekommen wir endlich Challenges" Debatte führen.

Und ja, Challenges sind in anderen Sportarten wie Football oder Volleyball, die klarer segmentiert sind, einfacher. Trotzdem ist es nicht unmöglich ein derartiges System einzuführen. Man müsste nur wollen. Irgendwer müsste es sich einfach trauen, gegen den Willen der Fifa diese Möglichkeit einzuführen. Dann würde die Fifa erstmal toben und dann relativ schnell erkennen, dass es doch sinnvoll ist.

Im Allgemeinen bin ich aber entsetzt, wie schlecht in der Bundesliga gerade verteidigt wird. Das ging am Freitagabend los, als Bilal El Khannouss den Ball 30 Meter vor dem Tor annimmt und dann problemlos in Abschlussposition laufen darf. In der 39. Minute. Beim Stand von 0:0. Da sollte man eigentlich von den Kölnern etwas widerstand erwarten. Dortmund erzielt gegen Hoffenheim 3 Tore, obwohl sie erst nach 60 Minuten überhaupt am Spiel teilnehmen. Der Hamburger SV sollte sich eher mit der Frage, wie man schon 4 Tore kassieren konnte, beschäftigen, anstatt sich an Königsdorffers Jubel zum 0:5 aufzuhängen. Wenn ich mir anschaue, wie leicht sich Itakura vorm 1:1 abschütteln lässt, muss ich mich bei allen Kreisklasse Verteidigern entschuldigen. Die hätten da robuster dagegen gehalten. 

Mit dem Hamburger SV, Borussia Mönchengladbach, der TSG Hoffenheim, Union Berlin, Eintracht Frankfurt, dem VfB Stuttgart und dem 1. FC Köln haben wir 7 Mannschaften, die nach 2 Spieltagen 6 oder mehr Gegentore kassiert haben. Und nur die Stuttgarter können den "Wir mussten aber auch schon gegen die Bayern ran" Joker ziehen. Elversberg wird doch ehrlich überrascht sein, wie einfach es ihnen die Gegner in der Bundesliga bisher gemacht wurde.

Frankfurt und Hamburg haben sich gerade im eigenen Stadion von der Mittelschicht der Liga abschießen lassen. Und klar, für den Unterhaltungswert ist das ganz lustig. Aber man muss hier dringend festhalten: Viele Tore stehen nicht zwangsweise für eine hohe Qualität. Und wenn sich 2/3 der Bundesliga wirklich konsequent dagegen entscheiden sollte, konsequent zu verteidigen, werden wir eine unterhaltsame, aber problematische Saison erleben.

Dazu muss man irgendwann auch mal über die Torhüter reden. Also vielleicht mache ich das noch diese Woche.

Montag, 31. August 2026

Worst of des "Die letzte spannede Frage ist" Wochenendes

 Großes Lob an den VfB Stuttgart. Die haben immerhin bis zur 55. Minute durchgehalten, bevor die Bayern endgültig die alleinige Tabellenführung übernommen haben. Mit etwas mehr Glück hätten wir sogar kurzzeitig eine Blitztabelle einblenden können, in der die Bayern Tabellenletzter sind. Aber Tiago Tomas traf in der 12. Minute aus kurzer Distanz nur die Latte.

Ein Extralob muss man auch an Bayer Leverkusen und Werder Bremen verteilen. Die hätten es dank ihrer 75-minütigen Arbeitsverweigerung fast geschafft, dass wir nach dem ersten Spieltag doch einen anderen Tabellenführer erleben. Leider ist Elversberg halt doch zu schwach, was Leverkusen fast noch zurück ins Spiel gebracht hätte. Und Freiburg schaltete nach 60 Minuten in den Verwaltungsmodus, anstatt die einzige Chance zu nutzen, die Bayern von der Spitze zu stoßen.

Die Bayern werden ihre ersten 5 Spiele gewinnen. Und ja, ich versuche gerade wirklich alles, um einen Vorführeffekt herbeizureden. Aber das ist der realistische Ausgang. Damit stehen wir vor einem Durchmarsch.

Die einzige offene Frage: Werden die Bayern ohne einen einzigen Harry Kane Treffer Meister? Also ich würde es ja feiern, wenn Kane jetzt sagt: "In dieser Gurkenliga zu treffen, ist unter meiner Würde. Ich schieße überhaupt nur aufs Tor, wenn wir in Rückstand geraten." Stattdessen stellt er mit 43 Torvorlagen einen neuen, uneinholbaren Rekord auf. Und sein wir kurz ehrlich: Sie könnten sich das leisten.

Selbst wenn die Bayern jedem Gegner erstmal einen Treffer Vorsprung schenken würden, gäbe es kein spannendes Meisterschaftsfinale. Und auch RB Leipzig und Borussia Dortmund verdeutlichten, dass sie am Ende unter den ersten 4 landen werden.

Wobei beide natürlich Vorführmaterial für meine letzte Serie geliefert haben. Bei der Sportschau Zusammenfassung wird gefragt, wer Yan Diomande als "den Mann fürs Spektakel" ersetzen kann. Vielleicht ja Antonio Nusa. Natürlich. Das ist genau der Mann, der dieses Jahr 15 bis 20 Tore erzielen und dann wechseln wird. Das ist der designierte Plan. Nur wird das am Ende keinen Unterschied machen.

Und Samuele Inacio liefert uns ein Symbolbild, wie eines der jungen Talente eine Flasche auf das Vereinslogo wirft. Was natürlich eigentlich völlig Bedeutungslos ist, nur habe ich halt gerade ausführlich beschrieben, dass das Grundproblem der Dortmunder die mangelhafte Identifikation der Talentimporte mit dem Verein ist. Da passt dieses Bild natürlich wunderbar rein. Und es bleibt festzuhalten: Einem wirklichen Eigengewächs, dass schon beim Stillen dieses Logo auf der Brust der Mutter gesehen hat, wäre das nicht passiert. Solche Talente gibt es aber im Ruhrpott nicht nur auf Schalke.

Der erste Spieltag verdeutlicht also nur, dass alles beim alten bleiben wird. Die eigentliche Überreaktion dürfte aber eher die pomadige Leistung von Bayer Leverkusen und die 3 Gegentore von Eintracht Frankfurt sein. Und der Fakt, dass Frankfurt jetzt aus rein finanziellen Gründen Ritsu Doan verkauft hat. Das wären jetzt die beiden Mannschaften, die RB und Dortmund herausfordern sollten. Sie machen am ersten Spieltag nicht den Eindruck, dass sie das können. Und wir brauchen ja mehr als eine Mannschaft aus diesem Kern Leverkusen, Stuttgart, Frankfurt, die, wie man das so schön neudeutsch ausdrückt, overperformed.

Ansonsten ist es natürlich noch viel zu früh für Prognosen. Außer vielleicht, dass Daniel Thioune die Saison nicht überstehen wird. Das ist ja auch keine ganz neue Erkenntnis. Man ist ja saisonübergreifend seit 5 Ligaspielen Sieglos. Das man am ersten Spieltag, auf den man sich monatelang vorbereiten konnte, so auseinanderbricht, ist kein gutes Zeichen. 
Aber Werder hat ja in meinen Augen schon mit der Verpflichtung deutlich gemacht, dass man sich in der "Wir suchen jedes Jahr einen neuen Feuerwehrmann" Phase befindet. Vielleicht wird man es wirklich hin und wieder schaffen, sich mal ohne Trainerwechsel aus dem Abstiegskampf rauszuhalten, aber im Wesentlichen werden die nächsten Jahre genau so ablaufen.

Freitag, 21. August 2026

Im Westen nichts Neues: Teil 5: Bayer Leverkusen als Erfolgreiches Gegenbeispiel.

 Zunächst muss ich natürlich zurückrudern: Said El Mala ist doch als einen spannenden Spieler für Borussia Dortmund und RB Leipzig. Denn der hat, entgegen aller Erwartungen, seinen Vertrag bis 2031 verlängert. Ohne Ausstiegsklausel. Der stellte gerade sicher, dass sein Verein der 1. FC Köln richtig fett abkassieren kann, wenn alles nach Plan läuft. Aber er sagt jetzt all das, was ich gestern von ihm hören wollte. Das ist aber eine Entwicklung, mit der ich nach den bisherigen Gerüchten des Sommers wirklich nicht gerechnet hat. Aber ich bin beeindruckt und gebe zu, dass ich da anscheinend daneben lag.

Wobei dieses "Auf Podolskis Spuren" ja doch eher wie eine Drohung klingt. Die Köln Fans so "Scheiße, wir steigen ab."

Kommen wir aber zum eigentlichen letzten Teil der Serie: Wie hat Bayer Leverkusen denn eigentlich die Dominanz der Bayern durchbrochen? Wie haben sie es geschafft, einen Kader zu bauen, der selbst mit den Bayern in Bestform mitgehalten hätte und ungeschlagen durch die Saison geht?

Wenn man sich das Transferjahr 2023/24 da mal anguckt, fällt auf, dass sich Bayer nur ein einziges "Juwel" gegönnt hat: Arthur kam als 21-Jähriger für 7 Millionen. Er absolvierte in der Meistersaison 4 Spiele.  Stattdessen holte man mit Nathan Tella und Victor Boniface lieber Spieler, die schon einen Schritt weiter in der Karriere waren. Und mit Granit Xhaka einen absoluten Leader.  Dazu noch Jonas Hofmann als Veteran. Dazu fand man mit Alejandro Grimaldo einen absoluten Schatz. Der Mann kam ablösefrei von Benfica. Er war aber auch schon 28.
Man verstärkte das vorhandene Potenzial mit wichtigen, aber erfahrenen Spielern. Das sind nebenbei alles Spieler, die Dortmund auch hätte holen können. Die hätten Dortmund auch geholfen, aber es waren eben nicht die sexy Talente, die man dort ständig sucht. 

Leverkusen hatte aber die wichtigen Transfers, abgesehen von Xhaka, vorher schon eingetütet. Man hat es aber halt geschafft, dass diese wichtigen Transfers auch entsprechend lange geblieben sind. Das offensichtlichste Beispiel ist Florian Wirtz. Der kam im Januar 2020 mit einigen Nebengeräuschen aus Köln. Sein Bundesliga-Debüt gab er am 18.05.2020.  Im Jahr darauf war er dann schon Stammspieler mit 27 Startelf-Einsätzen. Schon hier hätte er wahrscheinlich wechseln können, auch wenn 9 Scorerpunkte noch von mangelnder Effizienz zeugen. 2022 endete mit einem Kreuzbandriss, was damals echt wie das Ende dieser Leverkusener Mannschaft aussah. 2023 kam er zurück und bewies, dass weiterhin mit ihm zu rechnen ist und er diese Verletzung gut verarbeitet hat. Erst in der 4. Saison als Stammspieler holte er dann mit seiner Mannschaft als Eckpfeiler den Titel. Wann ist das letzte Mal in Dortmund ein Talent in die 4. Saison gegangen? Wirtz legte sogar noch eine 5. Saison als Bonus für den Verein drauf. In Dortmund bleiben dagegen nur die gescheiterten Talente 5 Jahre. 
In der Summe kommt er auf 197 Spiele für die Werkself. Das sind mehr als doppelt so viele, wie Erling Haaland für Borussia Dortmund absolviert hat. Über 60 Spiele mehr als Jude Bellingham, Jaime Gittens oder Manuel Akanji. Man erkennt da ein Muster.

Und Wirtz ist da nicht alleine. Jeremie Frimpong kam ebenfalls im Jahr 2020. Schon im Sommer. Er blieb bis 2025 und kommt auf 190 Spiele. Patrick Schick kam auch 2020 und ist immer noch da. Er kommt mittlerweile auf über 100 Tore. 7 davon in der Meistersaison. Die Grundlage für die Meisteroffensive legte man bereits 4 Jahre vor dem Titel.

Im Jahr darauf holte man mit Robert Andrich den ersten Führungsspieler. Andrich war da schon 27 Jahre alt. Und klar, Dortmund versucht auch ständig solche Spieler zu holen. Nur holen sie halt Sebastian Rode oder Marcel Sabitzer. Oder man holt Mats Hummels und Mario Götze zurück. Man holt sich also die Spieler, die für die Bayern nicht gut genug waren, damit sie dann in Dortmund Führungsrollen übernehmen.

Anstatt sich bei den Ergänzungsspielern des Rekordmeisters zu bedienen, hat man nach kreativeren Lösungen gesucht. Man hat darauf gesetzt, dass Andrich nach seinen überzeugenden Leistungen bei Union Berlin auch auf höherem Niveau abliefern kann. Und man hat auf die Führungsqualitäten von Xhaka gesetzt. Beides hat dann perfekt funktioniert.

Das sind beides Transfers, die auch Dortmund oder Leipzig hätte tätigen können. Leipzig verzichtet aus Prinzip darauf, Spieler aus dem letzten Jahrtausend zu verpflichten. Dortmund hat es zuletzt bei Niclas Füllkrug versucht und ist damit gescheitert. Vielleicht fällt auch Serhou Guirassy. Beide fallen für mich aber eher in die "Wir bezahlen nach einer starken Bundesligasaison zu viel für einen Angreifer der Konkurrenz" Kategorie, als in die "Wir suchen bewusst nach Führungsspielern, die unseren Talenten Halt geben."

Das Dortmund nach einem erfahrenen und etablierten Zentrumsspieler, der nicht von den Bayern kommt, sucht, dürfte zuletzt bei Ramy Bensebaini passiert sein. Der kam mit 28 ablösefrei aus Gladbach. Der ist Linksverteidiger und kein Zentrumsspieler, er passt also auch nur bedingt in die Andrich und Xhaka Kategorie.

Bayer Leverkusen war nicht nur in dieser Phase wesentlich besser darin, die eigenen Talente zu halten. Sie haben aber auch nicht jedes Jahr 4 davon geholt, sondern bewusst Frimpong. Und im Jahr darauf Odilon Kossounou. Davor Paulinho, um auch ein Beispiel zu nennen, das nicht funktioniert hat. Am deutlichsten wird das bei Jonathan Tah, den man mit 19 vom Hamburger SV geholt hat und der dann 10 Jahre als Leistungsträger im Verein blieb, bevor er doch dem Lockruf der Bayern erlag.

Hier ist eine weitere faszinierende Personalie: An Moussa Diaby erinnert man sich am ehesten als einen dieser "Der zog nach einer starken Saison weiter" Spieler. Aber selbst der blieb nach seiner Saison mit 25 Scorerpunkten ein weiteres Jahr in Leverkusen. Und auch der verbrachte 4 Jahre oder 172 Spiele im Bayer Trikot. Er hatte halt das perfekte Timing und ging direkt vor der Meistersaison. Auch Leon Bailey war 4 Jahre da. Kai Havertz hat immer noch mehr Spiele für Leverkusen absolviert, als jeweils für Chelsea und Arsenal. Auch der blieb nach einer 17 Tore Saison ein weiteres Jahr in Leverkusen. Also nur um zu verdeutlichen, dass das kein neuer Trend ist: Leverkusen hält seine Top-Talente meistens für 4 Jahre, Leipzig und Dortmund nur für 2-3. Leverkusen schafft es offensichtlich einen Bogen um die Talente zu machen, die die Bundesliga nur als kurze Durchgangsstation sehen. Während man in Dortmund und Leipzig auf genau diese schnelle Wertsteigerung setzt, baut man in Leverkusen auf Nachhaltigkeit.

Nur um mich an der Stelle schamlos selbst zu loben: Dass Bayer da einen Kader zusammengestellt hat, der mit und dank Wirtz "die Saison 2022/23 spannend gestalten und die Bayern fordern" kann, habe ich direkt nach dem Kreuzbandriss von Wirtz geschrieben. Ich habe damals Wirtz mit dem jungen Mario Götze verglichen. Nur ging ich damals davon aus, dass die Verletzung von Wirtz verhindern wird, dass diese Mannschaft ihr volles Potenzial ausschöpfen wird. Dass Wirtz danach aber noch 3 weitere Jahre in Leverkusen verbringen würde, war unvorstellbar, weil man halt die Dortmunder Rotation gewöhnt war. Diese Meisterschaft kam halt nicht "aus dem Nichts", sondern die Mannschaft ist über mehrere Jahre kontinuierlich aufgebaut worden. 

Natürlich war die Meistersaison auch ein perfekter Sturm, den man nicht so leicht reproduzieren kann. Man hat es aber auch geschafft, ein entsprechendes Umfeld zu schaffen, in dem so ein Sturm losgetreten werden kann. In Leipzig und Dortmund weigert man sich prinzipiell, dieses Umfeld zu erschaffen.