Zunächst muss ich natürlich zurückrudern: Said El Mala ist doch als einen spannenden Spieler für Borussia Dortmund und RB Leipzig. Denn der hat, entgegen aller Erwartungen, seinen Vertrag bis 2031 verlängert. Ohne Ausstiegsklausel. Der stellte gerade sicher, dass sein Verein der 1. FC Köln richtig fett abkassieren kann, wenn alles nach Plan läuft. Aber er sagt jetzt all das, was ich gestern von ihm hören wollte. Das ist aber eine Entwicklung, mit der ich nach den bisherigen Gerüchten des Sommers wirklich nicht gerechnet hat. Aber ich bin beeindruckt und gebe zu, dass ich da anscheinend daneben lag.
Wobei dieses "Auf Podolskis Spuren" ja doch eher wie eine Drohung klingt. Die Köln Fans so "Scheiße, wir steigen ab."
Kommen wir aber zum eigentlichen letzten Teil der Serie: Wie hat Bayer Leverkusen denn eigentlich die Dominanz der Bayern durchbrochen? Wie haben sie es geschafft, einen Kader zu bauen, der selbst mit den Bayern in Bestform mitgehalten hätte und ungeschlagen durch die Saison geht?
Wenn man sich das Transferjahr 2023/24 da mal anguckt, fällt auf, dass sich Bayer nur ein einziges "Juwel" gegönnt hat: Arthur kam als 21-Jähriger für 7 Millionen. Er absolvierte in der Meistersaison 4 Spiele. Stattdessen holte man mit Nathan Tella und Victor Boniface lieber Spieler, die schon einen Schritt weiter in der Karriere waren. Und mit Granit Xhaka einen absoluten Leader. Dazu noch Jonas Hofmann als Veteran. Dazu fand man mit Alejandro Grimaldo einen absoluten Schatz. Der Mann kam ablösefrei von Benfica. Er war aber auch schon 28.
Man verstärkte das vorhandene Potenzial mit wichtigen, aber erfahrenen Spielern. Das sind nebenbei alles Spieler, die Dortmund auch hätte holen können. Die hätten Dortmund auch geholfen, aber es waren eben nicht die sexy Talente, die man dort ständig sucht.
Leverkusen hatte aber die wichtigen Transfers, abgesehen von Xhaka, vorher schon eingetütet. Man hat es aber halt geschafft, dass diese wichtigen Transfers auch entsprechend lange geblieben sind. Das offensichtlichste Beispiel ist Florian Wirtz. Der kam im Januar 2020 mit einigen Nebengeräuschen aus Köln. Sein Bundesliga-Debüt gab er am 18.05.2020. Im Jahr darauf war er dann schon Stammspieler mit 27 Startelf-Einsätzen. Schon hier hätte er wahrscheinlich wechseln können, auch wenn 9 Scorerpunkte noch von mangelnder Effizienz zeugen. 2022 endete mit einem Kreuzbandriss, was damals echt wie das Ende dieser Leverkusener Mannschaft aussah. 2023 kam er zurück und bewies, dass weiterhin mit ihm zu rechnen ist und er diese Verletzung gut verarbeitet hat. Erst in der 4. Saison als Stammspieler holte er dann mit seiner Mannschaft als Eckpfeiler den Titel. Wann ist das letzte Mal in Dortmund ein Talent in die 4. Saison gegangen? Wirtz legte sogar noch eine 5. Saison als Bonus für den Verein drauf. In Dortmund bleiben dagegen nur die gescheiterten Talente 5 Jahre.
In der Summe kommt er auf 197 Spiele für die Werkself. Das sind mehr als doppelt so viele, wie Erling Haaland für Borussia Dortmund absolviert hat. Über 60 Spiele mehr als Jude Bellingham, Jaime Gittens oder Manuel Akanji. Man erkennt da ein Muster.
Und Wirtz ist da nicht alleine. Jeremie Frimpong kam ebenfalls im Jahr 2020. Schon im Sommer. Er blieb bis 2025 und kommt auf 190 Spiele. Patrick Schick kam auch 2020 und ist immer noch da. Er kommt mittlerweile auf über 100 Tore. 7 davon in der Meistersaison. Die Grundlage für die Meisteroffensive legte man bereits 4 Jahre vor dem Titel.
Im Jahr darauf holte man mit Robert Andrich den ersten Führungsspieler. Andrich war da schon 27 Jahre alt. Und klar, Dortmund versucht auch ständig solche Spieler zu holen. Nur holen sie halt Sebastian Rode oder Marcel Sabitzer. Oder man holt Mats Hummels und Mario Götze zurück. Man holt sich also die Spieler, die für die Bayern nicht gut genug waren, damit sie dann in Dortmund Führungsrollen übernehmen.
Anstatt sich bei den Ergänzungsspielern des Rekordmeisters zu bedienen, hat man nach kreativeren Lösungen gesucht. Man hat darauf gesetzt, dass Andrich nach seinen überzeugenden Leistungen bei Union Berlin auch auf höherem Niveau abliefern kann. Und man hat auf die Führungsqualitäten von Xhaka gesetzt. Beides hat dann perfekt funktioniert.
Das sind beides Transfers, die auch Dortmund oder Leipzig hätte tätigen können. Leipzig verzichtet aus Prinzip darauf, Spieler aus dem letzten Jahrtausend zu verpflichten. Dortmund hat es zuletzt bei Niclas Füllkrug versucht und ist damit gescheitert. Vielleicht fällt auch Serhou Guirassy. Beide fallen für mich aber eher in die "Wir bezahlen nach einer starken Bundesligasaison zu viel für einen Angreifer der Konkurrenz" Kategorie, als in die "Wir suchen bewusst nach Führungsspielern, die unseren Talenten Halt geben."
Das Dortmund nach einem erfahrenen und etablierten Zentrumsspieler, der nicht von den Bayern kommt, sucht, dürfte zuletzt bei Ramy Bensebaini passiert sein. Der kam mit 28 ablösefrei aus Gladbach. Der ist Linksverteidiger und kein Zentrumsspieler, er passt also auch nur bedingt in die Andrich und Xhaka Kategorie.
Bayer Leverkusen war nicht nur in dieser Phase wesentlich besser darin, die eigenen Talente zu halten. Sie haben aber auch nicht jedes Jahr 4 davon geholt, sondern bewusst Frimpong. Und im Jahr darauf Odilon Kossounou. Davor Paulinho, um auch ein Beispiel zu nennen, das nicht funktioniert hat. Am deutlichsten wird das bei Jonathan Tah, den man mit 19 vom Hamburger SV geholt hat und der dann 10 Jahre als Leistungsträger im Verein blieb, bevor er doch dem Lockruf der Bayern erlag.
Hier ist eine weitere faszinierende Personalie: An Moussa Diaby erinnert man sich am ehesten als einen dieser "Der zog nach einer starken Saison weiter" Spieler. Aber selbst der blieb nach seiner Saison mit 25 Scorerpunkten ein weiteres Jahr in Leverkusen. Und auch der verbrachte 4 Jahre oder 172 Spiele im Bayer Trikot. Er hatte halt das perfekte Timing und ging direkt vor der Meistersaison. Auch Leon Bailey war 4 Jahre da. Kai Havertz hat immer noch mehr Spiele für Leverkusen absolviert, als jeweils für Chelsea und Arsenal. Auch der blieb nach einer 17 Tore Saison ein weiteres Jahr in Leverkusen. Also nur um zu verdeutlichen, dass das kein neuer Trend ist: Leverkusen hält seine Top-Talente meistens für 4 Jahre, Leipzig und Dortmund nur für 2-3. Leverkusen schafft es offensichtlich einen Bogen um die Talente zu machen, die die Bundesliga nur als kurze Durchgangsstation sehen. Während man in Dortmund und Leipzig auf genau diese schnelle Wertsteigerung setzt, baut man in Leverkusen auf Nachhaltigkeit.
Nur um mich an der Stelle schamlos selbst zu loben: Dass Bayer da einen Kader zusammengestellt hat, der mit und dank Wirtz "die Saison 2022/23 spannend gestalten und die Bayern fordern" kann, habe ich direkt nach dem Kreuzbandriss von Wirtz geschrieben. Ich habe damals Wirtz mit dem jungen Mario Götze verglichen. Nur ging ich damals davon aus, dass die Verletzung von Wirtz verhindern wird, dass diese Mannschaft ihr volles Potenzial ausschöpfen wird. Dass Wirtz danach aber noch 3 weitere Jahre in Leverkusen verbringen würde, war unvorstellbar, weil man halt die Dortmunder Rotation gewöhnt war. Diese Meisterschaft kam halt nicht "aus dem Nichts", sondern die Mannschaft ist über mehrere Jahre kontinuierlich aufgebaut worden.
Natürlich war die Meistersaison auch ein perfekter Sturm, den man nicht so leicht reproduzieren kann. Man hat es aber auch geschafft, ein entsprechendes Umfeld zu schaffen, in dem so ein Sturm losgetreten werden kann. In Leipzig und Dortmund weigert man sich prinzipiell, dieses Umfeld zu erschaffen.