Oliver Baumann wurde jetzt ja nicht zur Nationalmannschaft eingeladen. Es reicht halt ein alter Sack im Tor und da nimmt man, trotz der vielen Verletzungen, lieber Marc-André ter Stegen. Also den Torhüter, der zumindest mal über einen längeren Zeitraum Weltklasse war.
Ich habe ja bereits vor der WM ausführlich argumentiert, dass Oliver Baumann am Ende nur ein durchschnittlicher Bundesligatorhüter ist, der in einer völlig absurden Debatte zum großen Hoffnungsträger im Tor verklärt wurde. Dass Julian Nagelsmann überhaupt über eine Rückholaktion von Manuel Neuer nachdenken musste, liegt doch hauptsächlich daran, dass seine einzige Option ein 36 Jahre alter durchschnittlicher Bundesligatorwart war. Oder mit Alexander Nübel ein in Nagelsmanns Wahrnehmung etwas schlechterer, aber auch deutlich jüngerer Torwart. Keiner der beiden hat wirklich das Prädikat „Weltklasse“ in seiner Spielerakte stehen.
Das ist ja auch das eigentliche Grundproblem: In den letzten 30 Jahren hat praktisch immer der nächste Weltklasse-Torwart mit den Hufen gescharrt. Das war ganz praktisch schon bei Bodo Illgner und Andreas Köpke so. Auch wenn Köpke's größtes Talent darin bestand, sich die falschen Vereine auszusuchen.
Danach kamen aber Oliver Kahn, Jens Lehmann und eben Manuel Neuer. Und ter Stegen, der sich ewig mit der Rolle als Nummer 2 begnügen musste. Dann schlug, als er endlich an der Reihe war, das Verletzungspech zu.
Oliver Baumann gehört, bei allem Respekt, nicht in diese Reihe. Sondern eher in die Rolle eines Oliver Recks: Zwischen den Turnieren kann man den durchaus mal einsetzen, aber wenn der bei einem Turnier im Tor stehen muss, haben wir ein Qualitätsproblem. Was, das muss noch einmal explizit erwähnt werden, nichts Schlimmes ist. Ein durchschnittlicher Bundesligatorwart ist immer noch besser als 95% aller Fußballer weltweit. Aber wir, und wahrscheinlich auch alle anderen Nationen, haben die Angewohnheit, unseren eigenen Durchschnitt zu etwas Besonderem zu verklären. Außer die Engländer, die wissen, dass ihre Torhüter scheiße sind,
Anstatt also vor der WM die kritische Frage zu stellen, warum man zum ersten Mal seit 1988 keine Weltklasse-Option zur Verfügung hat, schrien alle laut, dass Baumann ja ins Tor muss. Und hinterher behaupteten die wirklich, dass Baumann gegen Paraguay mehr Elfmeter gehalten hätte, als Neuer. Obwohl Baumann in der Saison vor der WM keinen einzigen Elfmeter abwehren konnte. Was nicht an mangelnden Gelegenheiten lag.
Lustigerweise hat Baumann jetzt den Rekord für die meisten Bundesligatore eingesammelt. Er hat den jahrelangen Spitzenreiter Eike Immel abgelöst. Also den einzigen anderen durchschnittlichen Bundesligatorwart, der jemals bei einem Turnier im Tor stehen musste. Das passt schon.
Genau das passiert halt, wenn man 16 Jahre lang in der Bundesliga im Tor steht und sich kein Spitzenverein für dich interessiert. Also lasst uns mal ein wenig nachrechnen. Oliver Baumann kassierte seine 834 Gegentore in 527 Spielen. Das sind 1,58 Gegentore pro Spiel. Sein "direkter Konkurrent" Immel kommt auf 829 in 534. Das sind 1,55 pro Spiel. Und Baumann kommt nur auf 115 Weiße Westen, während Immel auf 147 kommt. Dieter Budenski kommt als Nummer 3 in der Liste auf 796 Gegentore in 478 Spielen. Der hat also die deutlich schlechtere Quote von 1,66.
Jetzt lasst uns aber mal die Quoten von Turniertorhütern angucken. Manuel Neuer ist bei absurden 463 Gegentoren in 548 Spielen. Der genießt aber auch den Bayern-Bonus. Marc-André ter Stegen dagegen ist früh zu einem Spitzenverein ins Ausland gewechselt. Er kommt deswegen "nur" auf 108 Spiele und 117 Gegentore. Das sind 1,08 Gegentore für Borussia Mönchengladbach. Der war also auch für Barcelona interessant, weil er in Gladbach auf einem Niveau abgeliefert hat, das Baumann nie erreicht hat. Vielleicht, crazy thought, wollte Baumann den Hoffenheimern gar nicht treu bleiben, sondern es war alternativlos.
Jens Lehmann beendete seine Karriere mit 455 Gegentoren in 394 Bundesligaspielen für Schalke und Dortmund. Das ist eine Quote von 1,15. Oliver Kahn kommt trotz "Bayern-Bonus" auf 582 Gegentore in 557 Spielen. Das ist eine 1,04er Quote.
Alle Turniertorhüter dieses Jahrtausends haben also eine deutlich bessere Quote als Baumann. Das könnte daran liegen, dass sie wesentlich bessere Torhüter waren. Hier ist nebenbei eine schockierende Statistik: Selbst Andreas Köpke kommt auf 1,49 Gegentore pro Bundesligaspiel. 517-mal musste der in 346 Spielen hinter sich greifen. Der Mann ist in seiner Karriere 2‑mal aus der Bundesliga abgestiegen und kommt trotzdem auf einen besseren Schnitt als Baumann.
Wenn man dann Baumanns Gegentore nach Gegentoren sortiert, fällt einem auf, dass man mit etwas 50 Gegentoren plus X pro Saison rechnen kann. In seinem schlechtesten Jahr waren es 66. In 11 seiner 18 Jahre waren es mehr als 50. Aber er hat halt auch diese eine Saison mit 37 in der Vita. Was war da denn los? Nun ja... Niklas Süle halt. Also das war die Saison, in der Süle sich für höhere Aufgaben bei den Bayern beworben hat. Im ersten Jahr mit Süle als sich noch etablierendem Stammspieler gab es 50 Gegentore. Als Süle dann zu den Bayern ging und Benjamin Hübner mit wechselnden Partnern die Innenverteidigung bildete, gab es direkt wieder 48 Gegentore.
Man könnte meinen, dass Baumann persönlich gar keinen so großen Einfluss darauf hatte, wie viele Gegentore der Verein bekommt, sondern dass die Frage, wer vor ihm verteidigt, viel wichtiger ist. Das ist ja für mich genau die Definition eines durchschnittlichen Bundesligatorwarts: Wenn er eine stabile Viererkette vor sich stehen hat, sieht er wie der souveränste Torwart der Liga aus, aber er schafft es selbst nicht, die Grundlage für eine stabile Viererkette zu bilden.
Aber jetzt kommt das eigentlich Absurde: Baumann hat noch 2 weitere Jahre mit zumindest weniger als 45 Gegentoren in der Vita. In einem dieser Jahre stellte er sogar seinen persönlichen Bestwert mit 13 Toren ohne Gegentor in einer Saison auf. Aber das haben ja viele vergessen: Oliver Baumann kommt eigentlich aus der Freiburger Fußballschule. Und dort hatte er auch seine vielleicht besten Jahre.
In den 4 Jahren in Freiburg fehlte ihm natürlich noch etwas die Konstanz. Aber er sah schon wie das nächste große Versprechen aus. Wie einer dieser Torhüter, die eine internationale Karriere hinlegen werden. Hoffenheim sollte da eigentlich nur den Zwischenschritt zu größeren Vereinen darstellen. So wie das auch bei Roberto Firmino, Kevin Volland und Joelinton geklappt hat. Also um nur 3 Namen zu nennen, die Hoffenheim mit großem Gewinn weiterverkauft hat.
Nur hat Baumann halt nie den Schritt zur internationalen Klasse, die er in Freiburg angedeutet hat, in Hoffenheim nie vollzogen. Und damit ist er jetzt, 13 Jahre später, die ultimative Vereinslegende, weil seine Leistungen halt immer in Ordnung, aber selten wirklich überragend waren. Er war halt nie so gut, dass Borussia Dortmund oder Manchester United sich sagten: „Das ist unsere nächste Nummer 1."
Also ich verlinke hier mal ganz demonstrativ die Gerüchteküche von Transfermarkt.de. Da gab es kurz nach dem Wechsel zu Hoffenheim angeblich ein Tottenham-Gerücht … und danach dann ganz lange nichts mehr. Aber an dem Freiburger Juwel waren noch verdammt viele Vereine interessiert. Erst 2023 und 2026 gab es laut dieser Seite anscheinend wieder Anfragen von Vereinen, die nach einem erfahrenen Veteranen und Mentor gesucht haben.
Aber hier ist ja das völlig Faszinierende, was dann endlich den Übergang zur Headline bringt: Baumann ist dabei gar keine Ausnahme. Er hat am Ende nur die Blaupause eines Freiburger Torhüters hingelegt. Denn die sind überraschend gut darin, durchschnittliche Bundesligatorhüter gut aussehen zu lassen und diese dann nahtlos zu ersetzen. Das schauen wir uns morgen im Detail an.