Mittwoch, 28. September 2016

Wie soll man so eine sachliche Debatte führen?

Och nö ne? Nicht schon wieder RB... Und ja, genau darüber habe ich die letzten Tage auch viel nachgedacht: Muss ich mich schon wieder in "seitenlangen" Diskursen über den Umgang mit diesem neuen Verein beschweren? Am Ende glauben die Leute wirklich noch, dass ich selber ein Freund von denen bin...
Dann fiel mir auf: Es geht am Ende um etwas viel wichtigeres. RB dient in diesem Fall nur als Proxy fürs Medienkompetenztraining. Hah. 2 Große Worte. Das reicht als Legitimation.

Ich wäre ja wirklich mal an einer sachlichen Diskussion über RB interessiert. Letzte Woche habe ich dann verstanden, warum es diese gar nicht geben kann. Weil unsere Diskussionsgrundlage aus den Medien viel zu häufig so aussieht, wie in diesem Artikel bei den 11 Freunden.

Aus journalistischer Sicht ist dieser Artikel eine Katastrophe. Auf Augenhöhe mit der Bild. Denn als aller erstes sollte in einem Artikel niemals die Meinung des Journalisten im Vordergrund stehen. Die Teile, in denen es darum geht, kennzeichnet man als Kommentare oder Kolumnen. Oder verschiebt sie in seinen Hauseigenen Blog. Dieser Beitrag wurde aber als offizieller Artikel ins Web gestellt.
Und ja, jedem Journalisten ist es bewusst, dass man irgendwie immer seine eigene Meinung durchdrücken muss, weil man die subjektive Perspektive ja praktisch nie verlassen kann. Man kommt halt nicht aus seiner eigenen Haut. Und die Medien manipulieren an der Stelle immer. Der Anspruch eines guten Journalisten ist es aber, dass der Konsument gar nicht mitbekommt, dass er manipuliert wird. Weil die Meinung da nur sehr unterschwellig transportiert wird. Der Werbesologen "Bild dir deine Meinung" hat dieses Phänomen gerade zu pervers gut getroffen.

Und Christoph Biermann, der den Scheiß verzapft hat, ist Chefredakteur dieses Magazins... das sagt viel aus...

Als Journalist hast du ja genau genommen 2 Aufgaben.
1.) Informationen vermitteln. Oder Aufklärung betreiben. Wir verlassen uns darauf, dass die Journalisten uns erklären, was an Orten passiert, die wir nie selber erreichen können. Syrien und den Bundestag halt... Wir gehen davon aus, dass das Bild, dass uns der Journalist aus diesen Gebieten zeichnet, möglichst nah an der Wirklichkeit liegt. So dass ich hinterher zumindest in groben Zügen weiß, was in Syrien oder im Bundestag abgeht.
Auf dieser Ebene scheitert der Artikel einfach. Denn ich, der noch nie zu einem Bundesligaspiel von RB im Stadion war, lerne aus diesem Artikel eine einzige Sache: Der Autor hasst RB. Danke für die Information. Das hätte er genau so sachlich in 3 Worten ausdrücken können: "Ich hasse RB."

2.) Eine Diskussionsgrundlage schaffen. Das ist natürlich das Meisterwerk eines Journalisten. Er veröffentlicht einen sachlichen Beitrag und löst damit eine Debatte auf größerer oder höherer Ebene aus. Das funktioniert aber gerade bei emotionalen Themen wie RB auch nur, wenn man es schafft, mehr als eine Seite zu beleuchten.
Das Problem an diesem Propaganda Artikel ist ja... dass er echt alles an RB schlecht macht. Selbst die Spielweise, die von dem gesamten Produkt getragen wird und die die Bundesliga auf jeden Fall innerhalb des Grünen Vierecks bereichern wird. Das muss man erst Mal schaffen.
Hier mal ein Beispiel, wie das ganze hätte funktionieren können:

Dass die den ganzen Verein durchdringende Spielphilosophie die Bundesliga auf dem Platz eher bereichern wird, als der Hamburger SV oder der VfB Stuttgart, die alle 6 Monate das leitende Personal und damit auch das Grundkonzept austauschen, steht außer Frage. Man darf dabei aber nie vergessen, dass Dietrich Mateschitz als Patron diese Vereinsidentität nicht, wie ein Armin Stocker früher ein Freiburg oder ein Harald Strutz bis heute in Mainz, aus der persönlichen Überzeugung, dass dies die Beste Variante ist erfolgreich einen Verein zu führen, ausgerufen hat. Sondern einzig und allein weil er davon überzeugt ist, dass er so sein eigentliches Produkt am besten Vermarkten kann. Der attraktive und progressive Fußball ist dabei genau genommen nur ein teures Abfallprodukt, das Mittel zum Zweck und im wahrsten Sinne eine Aluminiumdose, aber nicht das Ziel des Vereins.

Man könnte halt auch einfach mal beide Seiten beleuchten. Den Leuten, die da ins Stadion gehen, ein gewissen Verständnis entgegen bringen. Anstatt so zu tun, dass die sich blind ein grotesk schlechtes Fußballspiel angucken und da dann trotzdem klatschen... Diese Leute dann aber darauf hinweisen, dass man sich mit der Motivationsgrundlage dieser Spielweise mal beschäftigen könnte... Dann könnte man vielleicht auch eine Diskussion in Gang treten. Zwischen den Freunden und den Feinden.

Stattdessen... passiert auf erster Ebene folgendes (und ja, so habe ich diesen Artikel gefunden): Die Feinde von RB posten diesen Artikel auf Facebook... die Freunde antworten darauf hin mit einer bissig-pissigen Antwort. Der Feind (der ja im realen Leben (oder zumindest im sozialen Netzwerk) mit dem Freund befreundet ist,) wundert sich dann, dass der RB Sympathisant so aggressiv reagiert und das man jetzt ja nur noch aneinander vorbei reden kann...
Das passiert halt, wenn man Propaganda Artikel teilt, auf den die Staatsmedien der DDR stolz wären...
Dem durchaus sinnvollen Diskurs über die Motivation von RB steht dieser Artikel eher im Weg als das er hilft.

Natürlich ist das in diesem Falle auch gar nicht das Ziel. Das Ziel war es, das möglichst viele Traditionsfans auf diesen Artikel klicken. Und sich hinterher die neuste Ausgabe kaufen, in denen es hauptsächlich um die Leiden der Traditionsfans geht... wie gefühlt in jeder dritten Ausgabe...

Aber welche Wirkung hat denn dieser Artikel erzielt? Und das ist der eigentlich Grund, warum ich mich doch dazu äußern musste. Denn die erste Reaktion war... eine Sitzblockade gegen den Mannschaftsbus und Transparente, die unter die Gürtellinie gingen. Herzlichen Glückwunsch, Herr Biermann, ihr Zündstoff ist in den Köpfen der Leute angekommen. Joseph Goebbels nominiert sie für den Preis zum Deutschen Journalisten des Jahres.

Und ja, dieses Wochenende blieb alles friedlich. Aber wie lange wird es dauern, bis Steine auf den Mannschaftsbus fliegen? Bis Leuchtraketen in den RB Fanblock fliegen? Bis diese Fans an den Autobahnraststätten bei Auswärtsfahrten angegriffen werden? Alles Sachen, die Fans von Traditionsklubs nachweislich im Repertoire haben, wenn sie auf Vereine treffen, die sie halt so gar nicht mögen.
Und wenn der erste RB Fan anstatt ins Stadion zu gehen ins Krankenhaus muss, wird sich Christoph Biermann fragen müssen, ob er da nicht seinen kleinen klick baitenden Teil dazu beigetragen hat...

Und wenn ihr jetzt denkt "Der übertreibt doch, so doof sind wir doch gar nicht." Ich habe euch ja Medienkompetenztraining versprochen. Erinnert euch einfach mal daran, wie schon zu Beginn der Flüchtlingskrise gegen Ausländer Stimmung gemacht worden ist. Angefangen bei den Faulen Griechen, bevor das mit der eigentlichen Krise los ging. Fortgeführt über die Titelblätter der großen Zeitungen: "Der Ansturm" und "Wie viele Flüchtlinge verträgt Deutschland". Und, als besonderes Wertvollen Highlight: "Was sie jetzt gegen die Asylflut tun können." Ja... das stand so auf dem Focus...
Jetzt könnt ihr natürlich behaupten: Aber das sind doch nur die Titelbilder, die Artikel sind bestimmt total ausgewogen und fundiert. Vielleicht. Aber wie viele lesen die Artikel? Also verglichen mit den 40 Millionen, die (bewusst oder unbewusst) die Zeitungen im Kiosk rumliegen sehen? Und die dann durch die Titelbilder eine Bedrohungssituation eingetrichtert bekommen...
Dass dies kein neues Phänomen ist, hat Hagen Rether schon vor Jahren im Scheibenwischer (als es den noch gab) anhand eines Spiegel-Jahres vorgeführt.

Und dann... stellt ihr auf einmal nicht mal überrascht fest, dass es allein in Nordrhein Westfalen dieses Jahr mehr Anschläge auf Flüchtlingsheime gab, als in ganz Deutschland vor 2 Jahren... und das die Täter gar nicht mehr nur Rechtsextreme Perspektivlose aus Ostdeutschland sind... auch wenn das in den Medien gerne zu einem Ostdeutschen Problem gemacht wird... 2015 wurden mehr als 1.000 Attacken auf Flüchtlingsheime gezählt. Die Zahl dürfte 2016 nicht zurück gehen.

Dann wird einem bewusst, dass die Brandsätze, die die Medien in unsere Köpfe setzen, wirklich zünden. Und dass die eine verdammt kurze Zündschnur haben.
Wichtig ist es, sich persönlich bewusst zu werden, wo diese Brandstifter überall sitzen können. Teilweise halt auch in Gebieten, bei denen man es gar nicht erwartet hätte. Und dass man dann diese Brandstifter im Rahmen seiner Möglichkeiten ächtet.

Kommentare:

  1. Schön geschrieben, 50% der RB Artikel sind wirklich leider einfach nur Hetze gekoppelt an haltlosen Behauptungen.
    Aber ich denke wir haben eher ein generelles Problem, die Medien haben Macht und können definitv "wenig denkende" Menschen manipulieren ggf lenken, auch durch solche Artikel.

    Ich will nicht behauptet, dass alle RB Gegner wenig mitdenken, hier spielt auch viel Emotion eine Rolle und die lässt ja bekanntlich oftmals wenig Raum für die Wirklichkeit. Und die Wirklichkeit sieht nun mal so aus, dass die meisten Dinge die RB vorgehalten werden genauso im eigenen Verein geschehen.

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  2. Top Artikel, nicht übertrieben geschrieben, gut analysierte Kritik am 11-Freunde-Machwerk.

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  3. Schöner Kommentar und leider zutreffender als viele Menschen sich das eingestehen möchten

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  4. Na ja, mit dem Goebbels biste glaube ich selber ein wenig aufs falsche Gleis geraten, Schade :-/

    Noch was ergänzendes zum Inhalt: "Und wenn der erste RB Fan anstatt ins Stadion zu gehen ins Krankenhaus muss,..." Es steht zwar nichts vom Krankenhaus im Bericht, aber trotzdem: http://www.faszination-fankurve.de/index.php?head=RB-Leipzig-Trommler-geht-nicht-mehr-ins-Stadion&folder=sites&site=news_detail&news_id=7216

    LG Markus

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  5. Grundsätzlich trifft der Artikel in vielen Punkten und lässt doch einige -schlussendlich fundamentale- Aspekte außen vor.

    Eine sachliche Diskussion mit/über RB wird von RB-Seite nicht gewünscht.
    Vom "Verein" nicht, weil eine sachliche Auseinandersetzung mit all den Regelbrüchen (Spielklasseneinkauf, Vereinsrecht, Wappen, 50+1, Spielerverschiebungen zwischen den RB-Teams, ...) und moralisch fragwürdigen Gebaren (Gehälter und Ablösen, die vielleicht jetzt in der BuLi einen halbwegs fairen Wettkampf zulassen, vorher aber nie fairen Wettkampf bedeuteten, Ablösen und Gehälter im Nachwuchsbereich) selbstredend nicht gewünscht ist, zumal für das Ziel der Investition, nämlich Öffentlichkeit, Markenbekanntheit, eine sachliche Diskussion nicht nötig ist, weil jedwede Berichterstattung genügt. Und vom Anhänger natürlich auch nicht, weil man weiß, dass man in den oben genannten Punkten nie recht haben kann, sondern, sofern man sich damit auseinandergesetzt hat, bestenfalls die orwellschen Diktionen aus der Marketingabteilung widergibt. Jeder Anhänger weiß, dass er als RB-Fan käuflich ist und auf dem Feld der Grundsätze (im Sport, hinsichtlich Käuflichkeit) in Diskussionen nichts entgegenzusetzen hat.
    Genügt dies nicht, wird nicht zuletzt die eigene Öffentlichkeitsarbeit aktiv und lanciert Stories bis hin zu Lügen. Stichwort Karlsruhe.
    Schluss: Eine Sachdiskussion ist unmöglich und auch unnötig, eben weil RB unverhandelbare Punkte hinterläuft, was am freien Markt Bundesliga aber genug Gutheißer findet und daher allem Tamtam der Fans zum Trotze willkommengeheißen und unterstützt wird.

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    1. Das Wort "Regelbruch" ist ein sehr hartes Wort. Und ob Regeln gebrochen wurden, speziell in den von Ihnen erwähnten Bespielen, ist fragwürdig. Juristisch ist bei RasenBallsport Leipzig e.V. bzw. RasenBallsport Leipzig GmbH, soweit öffentlich bekannt, alles in Ordnung.

      Der "Spielklasseneinkauf" war eine Spielrechtsübertragung und damals mit den Statuten des Sächsischen (SFV) sowie vom Nordostdeutschen Fußballverband (NOFV) gedeckt und wurde u.a. von Lok Leipzig (2005,SSV 52 Torgau) und Chemie Leipzig (2011, VfK Blau-Weiß Leipzig) praktiziert.

      Über die Einhaltung des Verechts müsste bei allen Profi-Fußballvereinen gestritten werden, juristisch ist gemäß Finanzamt und Amtsgericht Leipzig (VR 4730) der e.V.-Status von RBL in Ordnung. Die RBL GmbH (HRB, Registernummer: 30621, Registergericht: Leipzig) gehört zwar zu 99% der Red Bull GmbH, der Verein hat aber die Stimmenmehrheit somit ist 50+1 erfüllt. Ein Verein nach deutschem Vereinsrecht hat keinen Besitzer sondern Mitglieder und RBL hat gemäß BGB § 56 >=7 alle Voraussetzungen erfüllt.

      Das Wappen wurde von der DFL bestätigt als differenziert genug und damit nicht strittig.

      Thema "Spielerverschiebungen zwischen RB-Teams": Zwischen 1., 2. und den Jungendmannschaften von RBL? Ist legal!
      Spielertransfers zwischen den Red-Bull-gesponserten Vereinen wärend der Transferperionde ist auch legel und sowohl Spieler als auch dessen Berater müssen dem zustimmen.

      RasenballSport Leipzig hat den Status Quo seiner Mannschaften und der Liga-Zugehörigkeit sportlich erreicht. Es wurden weder Verbände noch Vereine noch Schiedsrichter bestochen. Nur Geld bringt keinen Erfolg. Kluge Entscheidungen und professionelle Arbeit sind wesentlich wichtiger, das vergessen viele Kritiker.

      Das es hier und da moralische Verwerfungen gibt, muss jeder selbst mit sich ausmachen. Die Ultras vieler Clubs sehen sich selbst gern als nationale Ethikkommision in Sachen Fußball. Doch setzen diese dann beim Thema Selbstreflexion oder dem Blick nach Europa gerne die Scheuklappen auf. Das ist einfach Doppelmoral, mehr nicht.

      Grüße Denis

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