Donnerstag, 24. Juni 2021

Worst of der Gruppenphase

 Und natürlich gleich das Allerbeste vorneweg: die Dänen. Verdammt, diese Dänen. Sein wir kurz ehrlich: Für die wirklichen Gänsehautmomente haben die Dänen gesorgt. Im tragischen, wie im positivsten Sinne. Wie die nach dem fragwürdigen Elfmeter gesagt haben: jetzt erst Recht! Wir holen uns das Achtelfinale mit einer überzeugenden Leistung.

Es hat auch noch nie eine Mannschaft gegeben, die so überzeugend aufgetreten ist und trotzdem nur 3 Punkte gesammelt hat. Gegen Finnland waren sie schon die klar bessere Mannschaft. Und sein wir ganz ehrlich: ohne den tragischen Vorfall verlieren sie das Spiel höchstwahrscheinlich nicht. Man kann natürlich im Fußball nie "nie" sagen, aber es war schon dicht dran an "auf keinen Fall".

Dann gab es eine absolut beeindruckende Reaktion gegen den Titelfavoriten aus Belgien. Die Belgier dachten sich wahrscheinlich, dass bis zur 10. Minute nichts passieren wird, die Dänen hatten andere Ideen. Nur fehlte es halt an letzter Konsequenz vor dem Tor. Aber als sie beim Stand von 1:2 den Ball an die Latte köpften, dachte doch selbst Courtois: Hoffentlich geht der rein, uns tut das nicht weh, die hätten sich das verdient.

Und wie man dann trotz VAR aus Moskau (das ist zumindest die logische Erklärung, warum diese Entscheidung nicht korrigiert wurde) auf den Elfmeter reagierte. Simon Kjaer ist als Kopf dieser Mannschaft jetzt schon der Spieler des Turniers. Und wer in diesem Turnier gegen Dänemark wettet, ist ein schlechter Mensch.

Aber danach fangen halt auch schon die großen Probleme an. Denn abgesehen von Dänemark waren die emotionalen Momente... das Aufbäumen der Polen und der verzweifelte Widerstand der Ungarn. Die restlichen Spiele waren mehr aus der Kategorie "Wir verteidigen lieber das 0:1 und hoffen auf die anderen Ergebnisse" als ein "wir wehren uns mit allem, was wir haben." Obwohl ich es ein wenig Schade finde, dass Ukraine - Österreich nicht "Die Schande von Gijon 2.0" geworden ist... also, dass beide Mannschaften sagen "Bei einem 0:0 sind wir sicher weiter, lasst uns nichts riskieren" und den Ball in der eigenen Hälfte ohne jeglichen Druck hin und her spielen. 

Aber nur um mal festzuhalten, wie schlimm es ist: Die Tschechen haben beim Stand von 0:1 als Gruppendritter ihren einzigen guten Angreifer Patrik Schick ausgewechselt... weil sie den fürs Achtelfinale schonen wollten. Die 2. Halbzeit hätte so großartig werden können, wenn die Tschechen gemusst hätten. Aber so hatten wir Glück, dass nicht alle Spiele so aussahen, wie die 2. Halbzeit in Wembley... Was halt nur daran liegt, dass der Modus absolute Scheiße ist.

Nur um das mal festzuhalten: Mit Nordmazedonien, Finnland, der Slowakai und Schottland habe ich 4 von 8 ausscheidenden Mannschaften richtig vorhergesagt. Oder anders ausgedrückt (das wäre nur umständlicher gewesen): 12 von 16 Achtelfinalteinnehmer hätte ich richtig getippt. Die Ukraine war halt wirklich besser als erwartet. Gerade offensiv. Dass die 4 Tore erzielen würden, habe ich nicht kommen sehen. Die Tschechen haben halt davon profitiert, dass die Kroaten gegen sie gar keinen Bock hatten. Nebenbei hat Kroatien mit ihrem begeisterten Schlussspurt dafür gesorgt, dass sie den Schweden aus dem Weg gehen.

Hier stehen wir jetzt vor der entscheidenden Frage: Konnten die alle nicht mehr, oder wollten sie aufgrund des Modus nicht? Also England - Deutschland ist ja praktisch das Duell der größten Turnierenttäuschungen. Beide Mannschaften blieben weit hinter ihren Erwartungen zurück. Und mit Harry Kane und Thomas Müller treffen die personifizierten Offensiv-Enttäuschungen aufeinander. Fun Fact: In der 80. Minute gegen Ungarn kam es das erste Mal zur Sprache, dass Müller noch ohne EM Tor ist... Also bei den bezahlten Experten von ZDF... Immerhin. Besser spät, als nie.

England ist hauptsächlich deswegen Gruppensiege geworden, weil Kroatien 2 1/2 Spiele lang noch schlechter war. Aber die Kroaten können wenigstens behaupten, dass sie den Schalter spät umgelegt haben... aber sie haben ihn umgelegt. So heftig, dass sie als Dank dafür gegen die Spanier antreten dürfen... Der eigene Beitrag der Engländer zum Gruppensieg war eher minimalistisch.

Aber da geht es ja nicht nur den Engländern und den Deutschen so: Auch Frankreich machte nicht mehr, als unbedingt nötig. Portugal kommt zum 2. Mal in Folge als Gruppendritter weiter. Wie ich vorher angekündigt habe, reichte ein Sieg gegen Ungarn. Die einzige Überraschung in dieser Gruppe war, dass die Ungarn so kurz vorm Weiterkommen standen. Und bei allem Respekt vor der couragierten Leistung der Ungarn: Das lag am Ende auch an den sehr uninspirierten Leistungen der Favoriten. 

Jetzt reden sich natürlich alle ein, dass es "keine Kleinen" mehr gibt, dabei muss es mehr Kleine bei einer EM geben, wenn das Teilnehmerfeld erweitert wird. Und wenn man sich dann die Überlegenheit der Spanier gegen die Slowakei anguckt, dann wird einem eben doch bewusst, dass es einen Klassenunterschied gibt, wenn die "Großen" das Gaspedal finden. Aber Jogi Löw und dessen Sympathisanten wollen halt nicht zugeben, dass sie einfach nicht gut waren. Also gibt es keine Kleinen mehr.

Wenn man es mal ganz genau nimmt... Theoretisch sollten die Leistungszentren und die Millionen Euro, die in die Talentförderung von Kinderbeinen gesteckt wird, doch dazu führen, dass der Abstand zu den Ungarn größer geworden ist. Ein ungarisches Talent hat doch gar nicht dieselben Möglichkeiten und Chancen wie ein deutsches. Die Frage, warum wir diesen Talentvorsprung nicht auf den Rasen bringen... muss Jogi Löw halt nicht beantworten, wenn er einfach behauptet, dass es keine Kleinen mehr gibt, weil die sich mittlerweile mit 8 Mann vorm eigenen Strafraum vergraben. Ist ja auch bekannt, dass die kleinen Nationen früher immer mit 3 Angreifern angetreten sind.

Egal, kommen wir zum größten Gewinner der Vorrunde: die UEFA und ihre Anti-Diskriminierung-Kampagne. Ganz ehrlich, ich verstehe gar nicht, warum die von allen so kritisiert werden. Zunächst mal haben sie die ganze Debatte überhaupt losgetreten, indem sie Manuel Neuers Binde untersucht haben. Das war quasi ein "Antiuntersuchungsausschuss"... denn in Deutschland werden in Untersuchungsausschüssen ja normalerweise Dinge vergraben. Aber seid mal ehrlich: Ohne diese Reaktion der UEFA wäre Neuers Protestaktion doch vollkommen untergegangen. Kaum einer hat es überhaupt mitbekommen, weil wir ja alle mit den Frisuren beschäftigt waren. Die UEFA hat die Debatte also selber losgetreten.

Und dann haben sie auch noch bereitwillig (und natürlich unterstützt von Dr. Koch) die Rolle des Bösewichts übernommen und damit nochmal richtig Öl ins Feuer gegossen. Wenn sie einfach nur "Ja, macht doch, ist uns egal" geantwortet hätte, wäre wirklich nur die Allianz Arena in Regenbogenfarben angestrahlt worden. Durch das "nein" konnte auf einmal das ganze Internet im Namen einer guten Sache ihren Hass gegen die UEFA herauslassen. Überlegt einfach mal, wie viele eurer Facebook Freunde, denen das ungarische Gesetz letzte Woche vollkommen egal war, sich jetzt solidarisch mit den Homosexuellen zeigen. Nicht, weil sich an ihrer Haltung gegenüber Schwulen irgendwas geändert hätte, sondern weil man mit dieser Haltung plötzlich gegen die UEFA sein kann. So muss man eine Debatte erstmal managen.

Als Kirsche auf der Sahnetorte musste dann selbst Ursula von der Leyen ihren Job machen und darauf hinweisen, dass Orbans neues Gesetz im Widerspruch zu den europäischen Werten steht. Das hätte sie eigentlich gleich machen können. Aber am Ende musste sie es tun, weil die UEFA Haltung bewahrt hat. Wenn man es schafft, dass Zenursula sich für eine gute Sache äußert, hat man alles richtig gemacht, auch wenn der Weg dahin vielleicht fragwürdig war.

Wenn man jetzt noch darauf hinweist, dass Homosexuelle Männer in Deutschland immer noch kein Blut spenden dürfen... ABER DIE UNGARN!!!!

Sonntag, 20. Juni 2021

Fuck your National Identity Part 2

 Ernsthaft, nachdem ich das ein Mal ausgesprochen habe, wird mir noch viel bewusster, wie schlimm diese Klischees sind. Und das nicht nur, weil England mittlerweile relativ selten Kick and Rush spielen, wir aber auch darüber jedes Mal überrascht sind.

Das ist ja vielleicht noch ertragbar, aber was ich vor dem Deutschland - Portugal Spiel hören durfte... war genau dieser dumme Patriotismus, der dann auch irgendwann zum Problem wird.

Also vor dem Spiel hieß es "Der Schiedsrichter Anthony Taylor ist ein Brite, das ist gut für 'uns', weil die Portugiesen mit ihrer südländischen Mentalität Probleme bekommen könnten, wenn ein körperliches Spiel zugelassen wird." Das war jetzt nicht direkt der Wortlaut und ich weiß auch nicht, wer das gesagt hat, aber diese Aussage ist genau genommen so daneben.

Denn erstens: Die portugiesische Mannschaft besteht aus 8 Premiere League Profis. Dabei sind auch echte Elitekicker wie Bruno Fernandes. Dazu kommen Cristiano Ronaldo, der jahrelang bei Manchester United gespielt hat und Pepe, der als einer der härtesten Verteidiger der Gegenwart gilt und bei dem man sich fragen muss, warum er eigentlich nie in England gespielt hat. DIESE Mannschaft soll Probleme bekommen, wenn es härter zur Sache geht? Ernsthaft?

Auf der anderen Seite kommt ein Großteil der deutschen Mannschaft aus der Bundesliga. Also nur die Schweiz haben noch mehr "Bundesliga-Stars" in ihren Reihen... Und das Problem mit dieser Liga ist: Dort werden halt eher Weicheier herangezogen, weil die Schiedsrichter viel zu kleinlich pfeifen. Auch wenn dieselben Schiedsrichter dann bei internationalen Einsätzen durchaus nachweisen, dass sie großzügigere Linien ansetzen können, aber im Ligaalltag ist das anscheinend nicht gewollt.

Also um es konkret zu machen: Deutschland ist die Liga, in der man sich als 1,90 m Schrank in die Nationalmannschaft "janckern" kann. Es gibt ja Gründe, warum von "internationaler Härte, an die man sich erst Mal gewöhnen muss" geredet wird, wenn deutsche Mannschaften im Europacup unterwegs sind. Oder warum deutsche Spieler, wenn sie zu Chelsea wechseln, erst mal ein halbes Jahr brauchen um klarzukommen. Das konnte man ja gerade ganz praktisch bei Timo Werner und Kai Havertz nachvollziehen.

Warum sollte ausgerechnet diese Mannschaft einen Vorteil haben, wenn der Schiedsrichter mehr laufen lässt? Aber das Klischee besagt halt, dass "wir" richtige Männer schicken und dass die Südländer alles Weicheier sind. Und ja, genau darauf läuft diese Aussage am Ende hinaus. Wir verpacken das nur schöner mit "einer anderen Mentalität"...

Ansonsten muss ich noch zwingend festhalten, dass selbst Raphael Guerrero und Ruben Dias mittlerweile mehr EM Tore für Deutschland erzielt haben, als Thomas Müller. Langsam wird es echt unheimlich...

Freitag, 18. Juni 2021

Fuck your National Identity!

 Wer hat das nochmal gesagt? Angeblich Eric Cantona. Also anscheinend hat der sich mit entsprechendem Merch ablichten lassen... Was mich auch nur zu dem Punkt bringt: Cantona trägt Merchandise von Roter Stern Leipzig... Das ist ein Bezirksligist, der, optimistisch ausgedrückt, sozial engagiert ist. Wie geil ist das denn?

Anyhow, ich wollte ja woanders hin: FUCK YOUR NATIONAL IDENTITY! 

Denn es ist mal wieder so weit. Die gewöhnlichen 2 Jahre sind vergangen. Dieses Mal waren es 3, aber das tut nichts zur Sache. Denn alle 2 Jahre stellen wir völlig entsetzt fest: Die Italiener spielen gar keinen Catenaccio mehr! Die spielen mittlerweile richtig attraktiven Fußball. Wie unfair von denen. Die haben doch sonst IMMER nur gemauert.

Hier ist das faszinierende: Die ursprüngliche Catenaccio Strategie kommt aus den 30er Jahren. Sie wurde in Italien bis in die 70er Jahre hinein praktiziert. Aber selbst das ist 50 Jahre her. Trotzdem wird das Klischee jedes Turnier wieder ausgepackt.

Also nur um das mal festzuhalten: Arigo Sacchi legte die Grundlagen für modernes, offensives Ballbesitzspiel. Er ist quasi der Vater von Pep Guardiola, wenn Johann Cruyff die Mutter ist. Und der war 1994 italienischer Nationaltrainer.

Oh und ein gewisser Marcelo Lippi hat in einem WM-Halbfinale 3 Stürmer eingewechselt, weil er auf keinen Fall ins Elfmeterschießen wollte. Hat auch gut funktioniert. Und jetzt haben sie mit Roberto Mancini einen Trainer, der für begeisternden Offensivfußball steht. Wer da überrascht ist, dass die nicht mehr Mauern... hat sich praktisch seit 100 Jahren nicht mehr mit Fußball beschäftigt. Das ist natürlich auch wieder der Kicker.

Aber dieses Stigma der defensiv denkenden Mannschaft werden sie nicht mehr los. Obwohl es mittlerweile die Franzosen sind, die sich vor dem eigenen Tor verbarrikadieren, auch wenn sie das gar nicht nötig haben. Aber da niemand auf die Idee kommt, dass die Franzosen, bei all ihrem Offensivpotenzial, von sich aus mauern, gehen alle davon aus, dass es eine großartige Leistung war, gegen die 60 % Ballbesitz zu haben. Wie schon erwähnt schafft das selbst Peru

Die Franzosen spielen einen richtigen Assi-Fußball. Da fängt der Torwart in der 30. Minute mit dem Zeitspiel an. Aber weil das unserem Bild von Michel Platini und Zinedine Zidane entspricht, weigern wir uns einfach, das anzuerkennen. Deswegen steht in der Vorschau auch kein "Wird sich zum Titel Mauern, obwohl sie Potenzial für wesentlich mehr hätten... aber der Erfolg gibt Didier Deschamps recht."

Und gerade das Deschamps schon vor 3 Jahren seine technisch hochbegabten Individualisten davon überzeugte, dass der Weg zum Titel über disziplinierte Defensivarbeit gehen wird, ist eine herausragende Trainerleistung. Man sieht das ja an Paul Pogba, der im Nationalteam ein ganz anderer Spieler ist, als bei Manchester United. Die Arbeit, die Deschamps macht, ist schon richtig, richtig gut. Aber man muss halt auch den richtigen Kontext dieser Arbeit darstellen. Macht aber keiner, weil es nicht ins Klischee passt.

Nächstes Beispiel: Die Spanier sollen jahrelang Tikitaka mit falscher 9 gespielt haben. "Wie Barca ohne Messi", weil wir das halt erwarten, wenn eine Mannschaft um Xavi und Iniesta aufgebaut wird. Aber, dass die jahrelang nur mit Ballbesitz verteidigt haben. Dass die eigentlich nicht angegriffen haben, sondern nur den Gegner Müde spielen wollten, um dann irgendwann ein Tor zu erzielen. Erzählt euch natürlich niemand, weil es nicht ins Klischee passt. Also gut, ich habe euch das natürlich erzählt, aber Details.

Wo wir schon dabei sind: Die Holländer haben seit dem Rücktritt von Johann Cruyff häufiger Rumpelfußball um Beert van Marwijk und Mark van Bommel als Voetball Total gespielt. Trotzdem gehen wir vor jedem Turnier davon aus, dass die begeisternden Offensivfußball spielen, nur um wieder enttäuscht zu werden.

Nur um zu beweisen, dass das in alle Richtungen geht: Selbst wir Deutschen gelten ja immer als "Turniermannschaft, die sich reinarbeitet und mit den deutschen Tugenden" überzeugt. Aber die beste Nationalelf aller Zeiten bestand in wesentlichen Teilen aus Beckenbauer, Breitner, Netzer, Heynckes und Müller. Die stehen jetzt nicht für die klassischen deutschen Tugenden. 

Jetzt wird aber gerne behauptet, dass Jogi Löw eine neue Identität geschaffen hat. Dabei hat er doch eigentlich "nur" den Geist der 70er Jahre wiederbelebt. Und das ohne das damalige Niveau wieder zu erreichen oder zu übertreffen. 

Selbst ich rechne es Jogi Löw hoch an, dass er immer der Manager war, der schon beim ersten Spieltag auf Sieg spielte anstatt zu taktieren. Und der auch schon am ersten Spieltag konsequent aufs 2. und 3. Tor ging. Das machen halt nicht viele. Aber er hat die deutsche Nationalmannschaft nach finsteren Jahren, die nichts mit ihm zu tun hatte, wieder dahin geführt, wo sie sonst auch immer war: Er hat den guten Individualisten (Damals Beckenbauer und Netzer, 2014 Özil und Kroos) ein Kollektiv zur Seite gestellt, in dem diese gut funktionieren konnte.

Aber es passt halt nicht in das Klischee, dass "wir" auch schon in den 70ern einige großartige Künstler in der Mannschaft hatten.

Donnerstag, 17. Juni 2021

Ok, das war's dann

 War auch schön, auch wenn unsere Beziehung zuletzt ja schon eher kompliziert. Ich habe dich ja hauptsächlich kritisiert und dich bewusst als ehemaliges Fachmagazin bezeichnet... und habe mich immer wieder gewundert, warum Menschen, die sich offensichtlich nicht wirklich mit Fußball beschäftigen, so häufig im Kicker schreiben dürfen

Aber es gab halt immer die eine Sache, für die es sich doch gelohnt hat. Bevor ich am Montag über die Schiedsrichter-Entscheidungen und das Eingreifen des VARs diskutiert habe, informierte ich mich vorher über die Ansichten des Kickers zu diesem Thema. Und deren Beurteilungen habe ich auch immer vertraut.

Jetzt ist das definitiv auch vorbei. Der Kicker hat heute eindrucksvoll nachgewiesen, dass er auch bei Regelauslegungen einfach nur Scheiße labert.

Also man muss ja nicht zwingend einen Elfmeter gegen sein eigenes Land fordern. Das ist halt immer schwierig. Und ich kann ja auch nachvollziehen, dass das am Ende auch immer Fußballfans sind und es schwieriger ist, die Journalistische Distanz zu wahren. Alles kein Thema.

Aber wenn ein Verteidiger bei einer Grätsche von hinten erst den linken und dann den rechten Fuß berührt, bevor er den Ball spielt... dann muss ich mindestens sagen "Wow, da kann es Elfmeter geben." Selbst durch die Nationenbrille muss man da mindestens eine "klassische 50-50 Szene" sehen.

Unser ehemaliges Fachmagazin dagegen... verschweigt die Szene bei der Analyse des Schiedsrichters komplett. Und in der Einzelkritk von Mats Hummels wird dann ein "Herausragend, wie er das Tempo-Defizit gegen Mbappé mit mutigem Tackling kompensierte." In diesem Moment hat der Kicker einen treuen, aber halt kritischen Leser verloren. 

Wer an der Stelle was anderes schreibt als "Deutschland hatte Glück, dass es da keinen Elfmeter gab", der ist offensichtlich nicht an einer sachlichen Berichtserstattung über das Spiel interessiert. Der soll das dann auch aber so Kennzeichnen und sich als "deutsches Fußball-Propaganda-Blatt" verkaufen. Und wer dafür Geld geben will, der soll dies tun.

Und ja, die Berichtserstattung über Deutschland (oder deutsche Vereinsmannschaften, wenn sie im Europapokal weit kommen) war schon immer kritisch. Aber das ist halt ein völlig neues Niveau. Obwohl, genau genommen ist es gar nicht schlimmer, als damals, als der Kicker damals für seine Manuel-Neuer-Wichsvorlage ausgerechnet das Motiv genommen hat, in dem Neuer den legendären Schlag von Toni Schumacher nachstellte. Das ist halt auch nur so ein "Jetzt reicht es endgültig...", weil es eben kein bedauerlicher Einzelfall ist.

Vor allem, weil ich ja auch die Folgeschäden sehe. Also ich werde mich halt tierisch aufregen, wenn der Kicker dann am Ende das "Aber der VAR hat doch wunderbar funktioniert und in allen kritischen Situationen eingegriffen" bilanziert. Denn machen wir uns nichts vor: Die richtige Anweisung wäre gewesen "Du Schiri, der hat beide Füße touchiert, das solltest du dir nochmal angucken, denn das hast du in Realgeschwindigkeit bestimmt nicht so gesehen." Und wenn der Schiedsrichter dann sagt "Ist mir zu wenig um meine Entscheidung zu revidieren..." Dann ist das eine Entscheidung, die alle Franzosen nicht nachvollziehen können, aber wenigstens hat er es sich nochmal angeguckt...


Das wirklich traurige ist nebenbei: "Der Kicker" ist noch nicht mal der "Vollidiot der Woche". Dieser Titel geht an... Drumroll pls... Das französische Ärzteteam. WHAT THE FLYING FUCK? Wie kann einen Spieler, der 10-15 Sekunden bewusstlos war, einfach weiterspielen lassen? 3 Tage nachdem Christian Eriksen auf dem Platz wiederbelebt werden musste?? DREI TAGE! 

Und als Arzt sollte man die Folgen von Gehirnerschütterungen kennen. Da sollte man wissen, dass ein weiterer leichter Schlag auf dem Kopf (sagen wir mal durch einen Ball, der mehr oder weniger scharf in deine Richtung geschlagen wird) dazu führen kann, dass man dann plötzlich umkippt. Was hatten die französischen Betreuer sich da gedacht? Hey, wir wollen mal allen zeigen, dass wir das genauso gut können, wie der Boesens

Kopfverletzungen sind etwas verdammt gefährliches. Etwas, worüber man im Fußball viel, viel mehr aufklären müsste. Mit einer potenziellen Gehirnerschütterung einfach weiterzuspielen ist echt das Dümmste, was man als Arzt machen lassen kann. Und die Franzosen haben gerade mal wieder eindrucksvoll nachgewiesen, dass man den eigenen Ärzten da nicht trauen kann. Und ja, Benjamin Pavard wird im nächsten Spiel wieder in der Startelf stehen, obwohl man bei einer Gehirnerschütterung erstmal mehrere Tage Ruhe verschrieben werden sollten.

Aber es gibt ja kein "Concussion Protocol" und keine neutralen Ärzte, die sicherstellen, dass auf die Gesundheit und Sicherheit der Spieler geachtet wird. Wir sind hier bei der UEFA, die traumatisierte Spieler selber entscheiden lässt, ob sie weitermachen wollen. Die lassen dann auch Spieler, die unter einer Gehirnerschütterung leiden, selbst entscheiden, ob es weiter gehen kann oder nicht. Oder halt Mannschaftsärzte, die nur an den Erfolg ihrer Nationalmannschaft und nicht an die Gesundheit ihrer Spieler denken. Denn das muss man an der Stelle auch bedenken: Diese Ärzte machen die Spieler nicht "gesund", sie sorgen dafür, dass die Spieler auf dem Platz stehen können... Nur 3 Tage nach dem erschütternden Vorfall von Eriksen heißt es schon wieder: Sei keine Memme, stecke das weg wie ein Mann und spiel weiter. 

Selbst die "Nach Corona wird der Fußball ein anderer werden" Illusion hat länger gehalten als 3 Tage...

Mittwoch, 16. Juni 2021

Worst of des "Ein letzter Rekord für Jogi Löw"

Als man dachte: Der hat doch schon alles erreicht. WM Vorrundenaus. Nations League Abstieg. Längste Serie ohne Pflichtspielsieg. Was kann der noch leisten, was kein Nationaltrainer je zuvor erreicht hat?

Die Antwort: Ein EM Auftaktspiel verlieren. Ja, selbst die Gurkentruppe von Erich Ribbeck hat damals gegen Rumänien ein Unentschieden geholt. Damit hat Jogi jetzt praktisch alle Negativrekorde auf- oder eingestellt. Jetzt wissen wir auch, warum er die EM unbedingt noch durchziehen wollte.

Und wenn ihr jetzt mit "Ja, aber der kann doch nichts dafür, dass es gegen die Franzosen ging!" ankommt: Doch, kann er. Wenn er die letzten 5 Jahre nicht so vollkommen verkackt hätte, dass Deutschland nicht mehr unter den Top 6 Europas steht, hätte er gegen die Türkei oder Wales spielen dürfen. Dass "wir" in dieser "Todesgruppe" spielen hat ausschließlich der Bundestrainer zu verantworten. Aber hey, er hat ja die Heilande (Highländer? Oder kann es nur einen geben?) gefunden. Das bringt mich zu einer völlig absurden Statistik:

Toni Kroos und Thomas Müller sind die einzigen deutschen Feldspieler mit mehr als 10 EM-Spielen und keinem Treffer in ihrem Lebenslauf. Also vor dem Anpfiff hat sich Mats Hummels zu diesen beiden aufgeschlossen, aber der dachte sich dann auch: Ist doch irgendwie peinlich 10 Turnierspiele ohne Tor zu absolvieren, ich ändere das mal... (Nebenbei dürfte Dietmar Hamann der einzige Spieler auf der Welt sein, der 6 EM Spiele absolvierte, ohne eines zu gewinnen... Nur so am Rande...)

Ich erwähne das ja auch nur, weil immer noch alle glauben, dass Müller wirklich einen Unterschied machen wird. Und hey, vielleicht trifft er gegen biedere Ungarn oder einen zu alten Pepe sogar. Das ändert nichts daran, dass wir gegen die Spitzenmannschaften genau das erwarten können, was er heute gezeigt hat.

Also er hat bestimmt voll viel geredet, wir haben das nur nicht gehört. Er war aber auch in 90 Minuten an keiner gefährlichen Szene beteiligt. Trotzdem behaupten alle ZDF Experten, dass er ein gutes Spiel gemacht hat... weil... ähm... er nach dem 0:1 nicht den Kopf hat hängen lassen! Ohne ihn hätten wir 0:3 verloren!! Aber andererseits hat es auch noch nie eine Auftaktniederlage gegeben, die so gut war...

Und das, obwohl man einfach nur Schwein hatte, dass Mats Hummels nicht auch noch einen Elfmeter verursachte. Also mal ganz sachlich gesehen: Hummels setzt von hinten zu einem Hochrisiko Tackling an und trifft definitiv erst die Beine von Kylian Mbappé. Wenn ein deutscher Stürmer so abgeräumt wird, sieht Bela Rethy da einen ganz klaren Elfmeter. Und fragt sich, warum der VAR nicht eingreift.

Aber das ist ja auch derselbe Rethy, der ein "freundschaftliches Anknabbern" gesehen hat, als Antonio Rüdiger Paul Pogba gebissen hat. Eine Aktion, für die Luiz Suarez 8 Spiele gesperrt wurde. Auch wenn er nicht "so doll" gebissen hat... sorry, das ist Rot. Also wenn man als Kommentator neutral bleiben würde, wäre es da. Aber Rethy packte Rüdiger und Pogba ja am Ende zusammen in "die Beißer Fraktion"... 

Dazu kommen nebenbei fachliche Fehler wie die Behauptung, dass Matthias Ginter bei der WM 2014 als einziger Feldspieler ohne Einsatz war... während Kevin Großkreutz und Erik Durm ebenfalls nicht auf dem Platz standen.

Und ja, wenn Müller der Fixpunkt der Offensive ist, bin ich so entspannt, dass ich solche Fakten während des Spieles nachschlage.

Immerhin hat Bela dieses Mal die französischen dunkelhäutige Stars nicht mit Klischees beleidigt. Das ist ein Fortschritt zum letzten Frankreich Spiel, welches er kommentieren durfte. Eigentlich gibt es da nur eine Frage: Kriegt Bela Rethy eigentlich Prämien für jedes Magenta Abo, welches spontan noch während der EM verkauft wird? Ist der heimlich ein V-Mann von der Telekom?

Halten wir mal fest: Ein neutraler Kommentator sieht eine Tätlichkeit von Rüdiger und einen von Hummels verursachten Elfmeter. Also er stellt jeweils zumindest die Möglichkeit in den Raum, dass diese Strafen angemessen wären.

Also selbst Per Mertesacker und Christoph Kramer sahen das so. Und waren froh, dass Pogba da nicht mehr draus gemacht hat, denn dann hätte der VAR eingegriffen. Den eigentlich logischen Schritt, dass es nicht sein kann, dass man bei solchen Aussetzern vom Gegner zusammenbrechen muss, damit der VAR eingreift, gehen sie nicht. Wenn man sich nicht mehr fallen lassen müsste, um einen Elfmeter zu bekommen, weil der VAR auch eingreift, wenn man dies nicht tut, würde der Sport wirklich mal besser werden... aber die beiden lesen halt diesen Blog nicht...

Nebenbei war die Selbstbeweihräucherung der Experten nach dem Spiel auch wieder... sehr konstruktiv. Also anscheinend bin ich der einzige, der nach dem Vorrundenaus 2018 nicht abgeschaltet hat und sich daran erinnert, wie Frankreich Weltmeister geworden ist: Mit absolutem Assi-Fußball. Also im Finale hatte Kroatien 66 % Ballbesitz. Im Halbfinale kamen die Belgier auf stolze 64 %. Selbst Peru kam auf 54 %!!! Frankreich hat sich die Offensive der Deutschen um Müller angeguckt und kam zu den Schluss: Denen können wir den Ball überlassen, da passiert nichts. Jetzt sind unsere Experten (und Toni Kroos) aber stolz darauf, dass "wir" Frankreich tief in die eigene Hälfte gedrängt haben... auch wenn es nur eine wirkliche Torchance von Serge Gnabry gab. Wenn "wir" genau das Spiel gespielt haben, das Frankreich sehen wollte.

Gegen Frankreich auf den Ballbesitz zu verweisen ist ungefähr so sinnvoll, wie es gegen eine von José Mourinho trainierte Mannschaft zu machen: Es bringt einem nichts. Vor allem hat Frankreich ja bis zum Tor durchaus nach vorne gespielt. Das Ding fiel ja nicht aus dem nichts, sondern als das Ergebnis konsequent vorgetragener französischer Angriffe. Erst danach sagten die sich: Wir kontern jetzt nur noch... und waren auch dabei (Der Elfmeter, der Pfostenschuss von Rabiot, 2 Abseitstore) wesentlich dichter am 2:0 als Deutschland am Ausgleich. Aber der Ballbesitz. Man wie toll.

Aber das einzige wirkliche Highlight in der 2. Halbzeit war "Gosens trifft Pavard am Kopf". Und "Hummels rettet in höchster Not". Das behaupte nicht ich, sondern das ZDF... mehr "Highlights" gab es nach der 54. Minute nicht. Obwohl man ja im Training so viel Zeit in Standardsituationen gesteckt hat, von denen es auch genug gab, die aber allesamt harmlos verpufften... ABER DER BALLBESITZ!!!

Hugo Lloris: Damit es hier nicht heißt, ich hacke nur auf den Deutschen rum: Warum wird das bereits in der ersten Halbzeit aufgezogene Zeitspiel nicht frühzeitig mit einer Verwarnung geahndet? Muss man als Schiedsrichter wirklich bis zur 88. Minute warten, bis man solche Aktionen ahndet? Wollen wir wirklich sehen, wie ein Torwart den Ball in der Hand hält? Oder beim Abstoß liegen lässt? Und klar, das ist abgezockt. Aber gefühlt fiel die Hälfte des Ballbesitzes der Franzosen auf ihren Torwart. Das eine mal, als ich wirklich darauf geachtet habe, hielt er den Ball nach einer abgefangenen Flanke (Paraden musste er ja de facto keine zeigen) 14 Sekunden in der Hand, obwohl er 6 Sekunden hat um den Ball wieder ins Spiel zu bringen. Und Lloris wird das ja so lange durchziehen, bis ihn jemand dafür verwarnt und er eine Sperre riskiert. Und es dann in Halbfinale und Finale jeweils wieder auf die Spitze treiben... wendet doch einfach mal das fukking Regelwerk an um das Spiel schneller und damit ansehnlicher zu machen.

Dienstag, 15. Juni 2021

Heute in der beliebten Seire

 "Ich bin kein Rassist, ich nutze nur rassistische Beleidigungen": Marko Arnautovic. Inklusive des schönen Mottos: "Mein bester Freund kommt aus Dänemark"... 

Das Traurigste daran ist ja, dass Arnautovic sich selber für einen ganz tollen Hecht hält, aber gar nicht bemerkt, dass er sich auf dem geistigen Niveau eines Donald Tumps bewegt... Wobei, er hat ja wenigstens den Anstand sich danach halbherzig zu entschuldigen.

Oh und es ist natürlich wieder ein bedauerlicher Einzelfall, dass ein ansonsten sympathischer Österreicher ein Mal beim Torjubel über die Stränge schlägt, ist kein strukturelles Problem und hat auch nichts mit den rassistischen Beleidigungen in Richtung Nadiem Amiri oder den Entgleisungen von Jens Lehmann zu tun. Es gibt halt kein Problem mit Rassismus, wir sind hier in Sachsen... Ich meine beim offiziellen Kriegsersatz Fußball-Europameisterschaft...

Nebenbei bin ich nicht mal der Meinung, dass Arnautovic jetzt von der UEFA bestraft gehört... der sollte einfach von den Fans mit einem Pfeifkonzert (also das, was die Russen so gut können, wenn es gegen Rassismus geht) begrüßt werden. Dann tritt ihm ein Gegenspieler noch mal so leicht auf den Fuß und gut ist. Und so kann dann jeder seine Meinung dazu äußern, ohne dass Arnautovic gesperrt werden muss...

Ist doch auch schön... also, dass man jetzt ein Feindbild hat, welches man so richtig schön unsympathisch findet. Dumm für die Österreicher, weil der halt aus ihrem Team kommt. War aber abzusehen, schließlich lebt Arnautovic diese Rolle bewusst. Und wenn man seine Mannschaft um solche Charaktere aufbaut, muss man auch damit leben, dass der Rest der Welt darauf reagiert und dann gegen einen ist. 

Aber ich bin ja auch immer dagegen Rassisten wegzusperren. Die werden dadurch nicht zu besseren Menschen, sondern es wird alles nur noch viel schlimmer. Man muss diese Leute damit konfrontieren, dass man ihre Aussagen oder Meinungen Scheiße findet. 

Wenn ihr euch fragt, warum es schon wieder so gar nicht um Fußball geht... nun  ja...

Heute in der beliebten Serie: Wie schlimm ist es? So schlimm: Selbst deutschen Kommentatoren fällt auf, dass der neue Gruppenmodus Scheiße ist. Wenn selbst DENEN das auffällt, was soll ich dann noch sagen?

Montag, 14. Juni 2021

Das Wichtigste zuerst

 Martin Boesens, Spieler des Tages: Er und sein Team retteten Christian Eriksen das Leben, was die wichtigste Nachricht ist. Und nebenbei auch uns allen das Turnier.

Warum eigentlich nicht? Also es fiel am Samstag ja verdammt häufig der Satz, dass Fußball jetzt nicht so wichtig ist. Warum ehrt und würdigt man dann danach nicht mal die Menschen, die es mit ihrem entschlossenen Handeln geschafft haben, dass eine wirkliche Tragödie abgewendet wurde. Und die damit auch dafür gesorgt haben, dass wir uns jetzt "nur" darüber streiten, ob man das Spiel gleich zu Ende spielen musste, und nicht ob das gesamte Turnier abgebrochen werden müsste. Wer, wenn nicht Boesens, sollte von der UEFA zum "Man of the Match" gekürt werden?

Ein besonderes Lob geht dann auch an Simon Kjaer, der im Gegensatz zur UEFA entschlossen handelte und mit seinen Mitspielern die Person Eriksen vor neugierigen Blicken schützte. Warum die UEFA so lange auf Sendung blieb, muss auch hinterfragt werden.

Genau so, wie man halt nicht die Spieler entscheiden lassen kann, ob sie jetzt weiter spielen. Denn während sie sich geschlossen vor Eriksen stellten, war ja deutlich zu sehen, wie sehr sie das gerade mitnimmt. Und dass die UEFA keine vernünftige Alternative als Option angeboten hat, muss auch kritisiert werden. So "Ihr spielt das Spiel am Montag zu Ende oder entscheidet bis dahin, ob ihr euch aus dem Turnier zurückzieht, wir finden dann eine Lösung." Aber die Entscheidung darüber müsst ihr erst morgen fällen. Aber wenn man den Spielern nur die Wahl zwischen "Gleich, oder morgen Mittag" gibt...

Russland und seine Fans. Und ja, es soll auch in England vereinzelt gepfiffen worden sein. Aber "gellende Pfiffe" gab es halt nur in St.Petersburg. Die Idee der UEFA mit dem kontinentalen Turnier war ja auch, europäische Werte zu feiern. Jetzt wird plötzlich deutlich, dass selbst an sich nicht verhandelbare Werte wie Anti-Rassistische Aktionen nicht bei allen Gastgebern zum "Wertekatalog" gehören. Und es war ja auch kein Angriff auf die Russen, sondern es geht dabei grundlegend um Rassismus auf der ganzen Welt. Wer sich da persönlich angegriffen fühlt, ist halt selbst Schuld. Oder wirklich Teil des Problems. Also getroffene Idioten pfeifen...

Österreich - Nordmazedonien: Ich muss zugeben: Das war das erste EM Spiel, welches ich so richtig und aufmerksam verfolgt habe. Und dabei fiel mir dann sofort auf: Fußball muss halt gar nicht gut sein, um faszinierend zu sein. Und faszinierend war es auf jeden Fall. Die plötzliche Erkenntnis, dass eine Mannschaft bestehend aus durchschnittlichen Bundesligaspielern und David Alaba vielleicht einfach nicht wirklich gut ist... Ja, Passives Abseits Leser wissen es früher... Die Bundesliga ist einfach nicht mehr wirklich gut. Aufmerksame Leser (allen beiden...) dürfte es nicht überraschen, dass die Österreicher plötzlich Probleme bekommen.

Aber faszinierend war, wie dann Die Nordmazenodnier sich von der steigernden Unsicherheit der Österreicher inspirieren ließen... und plötzlich sichtbar dran glaubten, dass man hier mehr holen könnte als ein Unentschieden. Aber dann dachte sich Alaba "Fuck it, ich geh jetzt nach links und regel das"... Und 10 Minuten nachdem er endlich die Mitte verlassen hatte, wo er mehr Einfluss hat, weil er dann zentraler spielt, bereitete er mit einer großartigen Flanke den entscheidenden Treffer vor...

Und ja, die "Mitte Zentrum" Analyse kam von Prince... nur, weil jetzt im ZDF nicht mehr nur alte, weiße Männer das Spiel erklären, werden die Analysen nicht zwingend besser... Auch wenn es trotzdem angenehm ist, dass die verkrustete"Alte, Weiße Männer erklären mir Dinge, die ich schon weis" Struktur mal aufgebrochen wird.

Kroatien als bisher größte EM-Enttäuschung. Im Kicker steht tatsächlich indirekt der Satz, dass Kroatien wohl darauf spekuliert, als Gruppendritter weiterzukommen. Denn als erster trifft man auf Frankreich oder Portugal... Wobei der Kicker fairerweise nur durchrechnet, auf wen man trifft, wenn man 2. wird. Aber dass man als 2. der Gruppe D ebenfalls auf einen Gruppenzweiten im Achtelfinale trifft, ist ein weiteres Detail, welches belegt, wie beschissen es ist, dass die besten Gruppendritten weiterkommen. Also in der Gruppe D wird man auf jeden Fall bestraft, wenn man auf den Gruppensieg geht.

Und so dachte Kroatien sich dann: Naja, verteidigen wir lieber den knappen Rückstand, das hilft uns am ehesten. Ist ja auch vollkommen korrekt. Also jetzt kommen sie mit 4 Punkten aus den Spielen gegen Schottland und Tschechien garantiert weiter. Selbst ein Sieg gegen einen der beiden sollte reichen, solange man auch das 2. Spiel nur knapp verliert und dann selbst 2 Tore erzielt. Wenn man allerdings mit 0:3 verloren hätte, weil man sich beim Versuch den Ausgleich zu erzielen auskontern ließ...

Also praktisches Beispiel: Nordmazedonien wurde am Ende dafür bestraft, dass sie an erst an den Sieg geglaubt haben und danach dann doch noch versucht haben das Unentschieden zu erreichen... anstatt sich einfach ab der 60. hinten reinzustellen und nur noch das 1:1 zu verteidigen. Kroatien wird am Ende dafür belohnt werden, dass sie lieber das 0:1 verteidigten, anstatt ernsthafte und leidenschaftliche Angriffsversuche zu starten...

Das ist sowieso schon bei 4er Gruppen ein strukturelles Problem der Gruppenphase: Es ist sinnvoller gegen den Turnierfavoriten nur knapp zu verlieren, anstatt selber nach dem Rückstand auf das Unentschieden zu gehen und dem Gegner so Räume für mehr Tore zu geben. Aber dadurch, dass jetzt selbst 4 von 6 Gruppendritte weiterkommen, wird das ganze nochmal verschlimmert. Denn jetzt hat sich Kroatien nicht nur im eigenen 4er-Block einen Vorteil gegenüber den Tschechen und den Schotten verschafft... sondern auch noch im großen Rahmen gegenüber der Türkei oder den Russen. Denn wenn diese 3 Mannschaften jetzt am Ende mit 3 Punkten die Vorrunde beenden, kommt Kroatien souverän weiter... Damit ist es endgültig (und auch noch am 2. Spieltag) sinnvoller einen knappen Rückstand zu verteidigen, als auf den Ausgleich zu drängen... Was halt dazu führt, dass wir noch mehr spiele wie England - Kroatien sehen werden... Oder auch nicht, diese Partie haben ja nur 4 Millionen Deutsche verfolgt... Vielleicht ist dies ja wirklich das Turnier, bei dem die Leute abschalten, womit "mehr Spiele" eben nicht mehr automatisch auch "mehr Geld" bedeuten.