Freitag, 9. August 2024

Olympia vs Herrenfußball: Teil 2: Druck und Charakter...

Das olympische Turnier offenbart halt 2 Lügen, die wir Fußballfans seit Jahrzehnten einreden: 1.) Das sind doch nur Emotionen und zeigt Charakter. Ich frage mich ja eher, was es über deinen Charakter aussagt, wenn du dich bei jeder Kleinigkeit beim Schiedsrichter beschwerst. Und Emotionen zeigen Marta und Lohmann bei den gestern erwähnten Beispielen auch. Lohmann flucht aber ins Leere, anstatt die Schiedsrichterin anzugeifern. Und Marta weint sich an der Schulter ihrer Mitspielerin aus.

Die 2. Lüge ist ja dieses "Der Druck ist halt viel zu hoch, das muss raus!" Fußballer haben doch so ein entspanntes Leben. Im Großen, wie im Kleinen. Sie haben 90 Minuten Zeit, um einen frühen Fehler auszugleichen. Sie haben alle 2 Jahre ein großes Turnier im Kalender. Und ja, Julian Nagelsmanns "dass man 2 Jahre warten muss" klingt herzzerreißend. Aber die DaNas werden nach ihrem aus für 4 Jahre in der Versenkung verschwinden, bevor wir in Los Angeles wieder einschalten.

Dabei ist es ja auch "nur" die Nationalmannschaft, die 2 Jahre lang in den Ruhemodus schaltet. Die Spieler bekommen in den Vereinen direkt die nächste Gelegenheit zum Jammern und Meckern. Wenn sie jetzt wirklich nur bei den Nationalmannschaftsturnieren und dem Champions League Finale zum Schiedsrichter rennen würden, könnte man eine außerordentliche Drucksituation als Argument bringen. Aber sie machen es auch bei jedem verdammten Bundesligaspiel.

Und um die 90 Minuten Spielzeit in Relationen zu setzen, betritt Nera Tiebwa die Matte. Ihr olympischer Wettkampf dauerte 5 Sekunden. Die ist dafür 14.0000 Kilometer angereist. Nun ist das de facto eine wunderschöne Episode, weil die 15-Jährige durch die Teilnahme ihren olympischen Traum gelebt hat. Es geht hier mehr um das Prinzip, mit dem sich Daria Bilodid übers gesamte Turnier auseinandersetzen musste: Im Judo kann eine einzige Aktion sofort den Kampf beenden. Und es gibt keine 2. Chance. Wenn du einen Kampf verlierst, bist du raus. Du trainierst 4 Jahre lang für dieses eine Turnier und nach einem einzigen Fehler kann sofort alles vorbei sein. Fußballer haben gar keine Ahnung, was Druck ist.

Dazu werden sie ja auch Schritt für Schritt an diesen Druck gewöhnt. Denn schon in Jugendmannschaften ist die Aufmerksamkeit ja mittlerweile so hoch, dass kaum noch jemand spontan bei einer WM auf die große Bühne tritt. Die wissen alle, was auf sie zukommt und können sich auch entsprechende Expert*innen leisten, die sie durch mental schwierige Situation kommen. Nicht, dass das einfach ist. Aber vergleicht das mal mit dem, was Imane Khelif durchmachen musste. Diese junge Frau betreibt als Algerierin mit dem Frauenboxen eine Nischensportart. Niemand interessierte sich für sie oder für ihre Wettkämpfe. Bis auf einmal aus dem Nichts das Gerücht aufkam, dass sie eine Transfrau sein soll. ALS ALGERIERIN. Einem Land, dass dich gerade auf seine konservativen Werte besinnt.
Anscheinend hat der ebenfalls eher korrupte Box-Verband festgestellt, dass sie einen erhöhten Testosteronwert hat. Dadurch wurde sie zur Zielscheibe des konservativen Mobs, der ja glaubt, dass der nur 2 Geschlechter gibt, die bei Geburt festgestellt werden. Was nebenbei völlig absurd ist, denn Khelif wurde ja als Frau geboren.

Nur um mal festzuhalten, wie absurd diese Position: Einerseits darf Khelif laut Arschlöchern wie J.K. Rowling nicht an Frauenwettbewerben teilnehmen, weil sie einen zu hohen Testosteronwert hat. Andererseits dürfte eine Khelif als Privatperson, falls sie das will, nicht auf diesen zu hohen Testosteronwert reagieren, indem sie eine Geschlechtsumwandlung durchführen lässt. Sie ist also gleichzeitige eine Frau und keine Frau, obwohl es das nach deren Weltbild gar nicht geben kann.

Und weil das noch nicht genug war, zeigten die Araber ihren Antisemitismus und schoben die Schuld den Juden in die Schuhe. So wurde sie zur Symbolfigur des Palästina-Konflikts, obwohl sie damit eigentlich so gar nichts zu tun hat. All das bricht völlig unvorbereitet über Khelif herein. Und unter diesen Voraussetzungen muss sie sich jetzt auf den wichtigsten Kampf ihrer Karriere vorbereiten, der heute Abend steigt. 

Ich empfehle an der Stelle nebenbei das ARD-Interview mit Caster Semanya. Da geht es auch darum, was diese ganze Debatte bei jungen Frauen auslösen kann. Da landet man ganz schnell bei Selbstmordgedanken.

Und ihr wollt euch einreden, dass Fußballer extreme Drucksituationen kennen? Ernsthaft?

Wir als Fußballfans müssen uns einfach eingestehen, dass unsere Idole zu verzogenen Gören geworden sind. Das sind immer noch Kleinkinder, die im Supermarkt anfangen, laut zu weinen, wenn Mutti ihnen keine Schokolade kauft. Wir haben diese Stars aber auf ein derart hohes Podest gestellt, dass wir uns einreden, dass diese ganz klaren Defizite ja notwendig und etwas Gutes sind. Emotionen und Charakter halt. Und beides kann man ja nur so ausleben und zeigen.

Die Olympischen Spiele zeigen uns jetzt, wie dumm das von uns und für uns war. Dass ein auch für den Zuschauer wesentlich angenehmerer Sport möglich wäre, wenn man den Athleten nicht einfach alles verzeiht, sondern sie sofort in die Schranken weist, wenn sie unangenehm auffällt.

Die neue Regel ist ein wichtiger Schritt dahin. Genauso wichtig ist es aber, dass alle anderen die Spieler darauf hinweisen, dass sie diese Regel für wichtig halten. Dass sie nicht jammern, wenn ihre Helden plötzlich gesperrt fehlen, weil sie sich 4 völlig überflüssige Gelbe Karten fürs Diskutieren abgeholt haben. Dass die Journalisten den Spielern kontra geben, wenn die Trainer sich beschweren wollen, dass diese Regel ja sinnlos sein soll. Man kann dann auch gerne erwähnen, dass es ganz schön erbärmlich ist, dass wir diese Regel brauchen, aber dass liegt ja nicht an der Fifa oder den Schiedsrichtern. Und wenn das alles nicht passiert, sollte man einfach zum Hockey gehen... Als ob das passieren würde.

In 4 Jahren werden wir dann wieder überrascht feststellen, dass es eigentlich viel angenehmer und sympathischer wäre, sich eine andere Sportart auszusuchen. Suprised Pikachu Face. Aber dann wird die Olympiaübertragung für die Zusammenfassung eines Zweitligaspiels unterbrochen und wir sind doch wieder gefangen im Bann des Königs...

Donnerstag, 8. August 2024

Herrenfußball vs Olympia: Teil 1: Der Umgang mit den Schiedsrichter

 Einer der faszinierenden Nebeneffekte bei Olympia ist ja, dass man den Sport, den man eigentlich verfolgt, wunderbar in Relationen zu anderen Sportarten auf absolutem Spitzenniveau setzen kann. Man kann sich dann informieren, wie woanders die Probleme, die man selbst hat, gelöst wurden. Und welche Auswirkungen diese Lösungsansätze auf das Geschehen auf den Plätzen haben. Deswegen gucke ich so gerne bei den anderen Mannschaftssportarten vorbei. Also abgesehen davon, dass ich einfach gerne Turniere in einem zeitlich begrenzten Rahmen mit K.O. Spielen gucke.

Natürlich werden sich die Offiziellen bei der Fifa nie damit beschäftigen. Die sind nur an der Gewinnmaximierung interessiert, werden sich also am ehesten mit Thomas Bach treffen und ihn fragen, wie er das Putin-Problem so elegant gelöst hat... Oder er fragt bei den Fechtern nach, wie die Kampfrichter die Kämpfe so effektiv manipulieren können, dass man die Sportart laut Meinung einiger Experten aus dem Programm nehmen sollte. An progressiven Lösungen zur Verbesserung des Spieles ist Infantino doch gar nicht interessiert.

Was mir als erstes aufgefallen ist: Die haben die Linienrichter beim Volleyball abgeschafft. Die Technologie ist so weit, dass der Schiedsrichter sofort ein Signal bekommt, wenn der Ball im Aus war. Und klar, das haben die theoretisch beim Fußball geklaut, wo die Torlinientechnoligie auch alles sofort und zweifelsfrei klärt. Aber da fällt einem auf, wie geil es wäre, wenn die halbautomatische Abseitserkennung in Echtzeit funktionieren würde. Also nur, weil beim Volleyball auffällt, wie viel Druck man aus dem Diskurs nimmt, wenn das sofort und objektiv geklärt wird.

Der wirklich spannende Teil bleiben aber die Challenges, die es praktisch in allen anderen Sportarten gibt... die aber im Fußball nicht umsetzbar sein soll. Warum auch immer. Bleiben wir beim Volleyball: Es war faszinierend, wie die Italienerinnen in ihrem Spiel bei einer verpassten Netzberührung der Serbinnen direkt aufschrien. Nur wurde nicht die Schiedsrichterin angeschrien, sondern sie drehten sich automatisch zu ihrem eigenen Coach. Der löste dann ruhig und sachlich die Challenge aus und die Italienerinnen bekamen ihren Punkt.
Beim Fußball wäre es bei einer vergleichbaren Szene zu einer Rudelbildung um den Mann in Schwarz gekommen, aber die Fehlentscheidung wäre bestehen geblieben...

Natürlich ist auch beim Volleyball nicht alles entspannt. Schließlich gab es im Spiel der Deutschen eine wohl eher fragwürdige Rote Karte, weil der Angreifer einen Gegner provokant angestarrt hat. Aber auch hier ist es faszinierend, dass die Proteste human ausfallen. Also verglichen mit einer krassen Fehlentscheidung beim Fußball, wo auch der Trainer direkt zum Schiri gerannt und den angeschrien hätte. Im Fußball wäre das Spiel minutenlang unterbrochen worden, im Volleyball wird das in unter 60 Sekunden geklärt und es geht weiter.

2 Beispiele für eine bessere Kommunikation gibt es beim Hockey. Fangen wir mit einer chinesischen Unsportlichkeit an, die zu einer Rudelbildung führte. Ja, so was passiert auch bei Olympia. Das Ergebnis: 2 Gelbe Karten. Was wahrscheinlich eine Fehlentscheidung ist, aber mir fehlt die Erfahrung, um im Hockey zu beurteilen, ob es für die Aktion der Chinesin normalerweise Rot gibt. Aber wie schnell sich die Rudelbildung auflöst. Die bestrafte Belgierin sagt dann ein "Ich habe meine Mitspielerin verteidigt"... und die Schiedsrichterin erklärt in aller Ruhe "I know, but you can not do it." Dann geht sie in aller Ruhe zu den Chinesinnen und lässt den Trainer übersetzen, warum und für wen es Gelb gibt. Das Eurosport-Video ist nebenbei gekürzt, die gesamte Kommunikation gibt es bei 1:39:00 im ReLive bei den Öffentlich Rechtlichen. Die gesamte Aktion von der Unsportlichkeit, über die Rudelbildung und die VAR Überprüfung, zur Bestrafung und Erklärung dauert ungefähr 3 Minuten. Man sieht nebenbei, wie unzufrieden die Kapitänin der Belgierinnen mit der Gelben Karte für die Chinesin ist. Aber sie murmelt ihre Kritik in sich hinein, anstatt sie der Schiedsrichterin ins Gesicht zu brüllen, wie das beim Fußball zum guten Ton gehört.

Das andere Beispiel gab es in der Schlussminute des Hockeyspiels Indien - Deutschland: Der Schiedsrichter sieht und bestraft einen technischen Fehler. Der Deutsche beantragt eine Challenge. Die Kommunikation zwischen VAR und Feldschiedsrichter via Funk wird live übertragen. Man erfährt sofort, was überprüft wird und erfährt transparent, wie die Entscheidung ausfällt. So nimmt man die Spannung aus solchen Situationen.

Beim Hockey merkt man, wie sehr es helfen kann, wenn die Kommunikation der Schiedsrichter mit den Spielern und dem VAR durchs Stadion und die Fernsehstationen transportiert wird. Man kann immer nachvollziehen, was überprüft wird und warum es zu welcher Entscheidung kam. Das ist eine Lektion, die der Fußball definitiv lernen sollte. Und wenn dann noch die Vereine selber entscheiden könnten, was genau überprüft werden soll, weil sie eine Challenge nehmen können...

Sind Challenges perfekt? Bestimmt nicht. Sowohl in der Halle, als auch beim Beachvolleyball wurden immer wieder Challenges genommen, wenn man spät im Satz noch eine offen hatte, um den Spielfluss zu unterbrechen und sich eine kleine, zusätzliche Auszeit zu nehmen und sich nochmal abzusprechen. Aber in Sportarten ohne herunterlaufende Uhr ist das ja kein wirkliches Problem. Außerdem unterbrechen die Fußballspieler und -trainer doch auch ständig den "Spielfluss", wenn sie zum Schiedsrichter rennen und die Schuld bei dem suchen. Zudem beweist die angesprochene Challenge beim Hockey, dass man, revolutionärere Gedanke, die Uhr auch einfach anhalten kann.
Wie geil wäre das eigentlich: Nettospielzeit ab der 70. Minute. Also ab dem Moment, wo das Zeitspiel meistens beginnt. Der 4. Offizielle nimmt die Zeit und funkt sie überall durch. Die Nachspielzeit durch vorherige Verletzungen, Tore und Wechsel wird auch schon in der 70. festgelegt. Sobald das Spiel danach unterbrochen ist, wird die Uhr angehalten. Dieses sich ewig Zeit lassen beim Einwurf oder Abstoß wird komplett abgeschafft. Andere Sportarten können das. Der Fußball ist die einzige Sportart, in der dieses extreme Zeitschinden einfach dazu gehört.

Es ist allgemein faszinierend, wie viel respektvoller der Umgang oftmals ist. Also sowohl mit Gegnern, als auch mit den Schiedsrichtern. Hier muss man sofort erwähnen, dass die neue "nennt sie nicht Mecker-Regel, auch Kapitäne dürfen nicht meckern" Idee ausschließlich für den Herrenbereich eingeführt wurde. Denn bei den Frauen brauchte man sie normalerweise nicht. Hier mal ein praktisches Beispiel: Beim Halbfinale USA - Deutschland gab es nach der 53. und in der 55. Minute 2 Fehlentscheidungen. Zunächst wurde Sidney Lohmann ein harmloses Einsteigen im Mittelkreis zurückgepfiffen. Kann man so sehen, muss man aber nicht. Lohmann flucht laut und sichtbar, aber eben nicht zur Schiedsrichterin. Der Eckball in der 55. Minute war deutlicher. Und dann... laufen Sidney Lohmann und Nicole Anyomi zur Offiziellen... und es passiert nichts.
Aber es ist eben auch ein merklicher Unterschied, ob so was ein Mal im Spiel passiert, oder bei jeder Kleinigkeit. Und beim Frauenfußball passierte es eben nur ein Mal. Dann muss man auch nicht sofort Gelb zeigen.

Kurzer Einschub hier, dass die olympischen Spiele für die Frauennationalmannschaft bisher extrem unglücklich gelaufen sind. Zunächst liefern sie im Viertelfinale, wenn gerade alle hingucken, ihre bestmögliche Imitation des langweiligen Achtelfinales zwischen Slowenien und Portugal ab. Wie schlimm muss dieses Spiel gewesen sein? Deutsche regen sich plötzlich darüber auf, dass zu viel Fußball im Fernsehen gezeigt wird! Dann entscheidet Felicitas Rauch sich im wichtigsten Spiel dafür, den einen Fehler, den Philipp Lahm je gemacht hat, nachzustellen. Es ist an sich nicht verkehrt, sich als Linksverteidigerin an einem jungen Lahm zu orientieren, aber ich muss doch nicht an dem 1:0 der Spanier...
Nebenbei merkte man auch deutlich, dass der olympische Spielplan wirklich hart ist. Also das Niveau im Halbfinale war deutlich niedriger als in der Vorrunde. Und das von beiden Mannschaften. Man merkte aber auch, dass es das 5. Spiel in 13 Tagen war und dass beide in der Runde davor in die Verlängerung mussten. Nur so als Vergleich: Bei der EM hatten die Spanier 5 Spiele in 20 Tagen auf dem Spielplan.

Aber eine Angelique Kerber wird darüber nur lachen, schließlich hatte die auch ein absurdes Mammutprogramm hinter sich... und ihr letztes Spiel gegen die spätere Olympiasiegerin Zheng Qinwen dauerte über 3 Stunden. Zheng gewann 2 Tage später das nächste Duell. Vielleicht sollte man darüber nachdenken, die Spiele doch auf 3 Wochen zu strecken, damit die Athlet*innen wirklich mit genügend Pausen absolute Spitzenleistungen abrufen können.

Zurück zum Umgang miteinander: Ein weiteres konkretes Beispiel: Martas Platzverweis im dritten Gruppenspiel. Extrem unglücklich, weil es ja eher ungeschickt als böswillig war. Extrem emotional, weil es ja durchaus Martas letzte Aktion. Und natürlich gibt es danach eine Rudelbilldung... um die vom Platz geschickte Marta und die am Boden liegende Olga. Die Schiedsrichterin wird aber fast komplett in Ruhe gelassen. Nur eine einzige Brasilianerin geht ganz kurz zu ihr. Wenn man bedenkt, dass sie da gerade die Karriere der ungekrönten Königin beendet haben könnte... stellt euch vor, wie die Brasilianer auf den Schiri zustürmen würden, wenn der einen Neymar vom Platz stellt. Egal ob das völlig zurecht geschehen ist.

Die Olympischen Spiele zeigen, dass man Charakter und Emotionen zeigen kann, ohne dass man auf den Schiedsrichter zustürmen muss. Sie beweisen auch, dass dieser Umgang miteinander auch für die Zuschauer wesentlich angenehmer ist. Aber im Fußball geht das natürlich nicht, weil der Druck so viel extremer ist. Nebenbei beweisen die Olympischen Spiele, dass dieser extreme Druck im Fußball eigentlich nur ein Mythos ist. Aber damit beschäftigen wir uns morgen.

Montag, 29. Juli 2024

Zum Glück gibt es Olympia

 Ein Haufen sympathischer Deutscher planen einen Siegeszug durch Paris... das hat es auch lange nicht mehr gegeben. Aber wo der Fußball gerade wirklich im Sommerloch ist, kann man dieses Update aller anderen Sportarten einfach genießen.

Im Fußball geht es ja gerade nur darum, wer den größten Bullshit von sich gibt. Kandidat Nummer 1 ist Jupp Heynckes, der das Elfmeterschießen abschaffen und durch ein Wiederholungsspiel ersetzen würde. Dass der Rahmenterminkalender das selbst für ein einziges Finale nicht hergeben würde, ignoriert er dabei vollkommen. Dass die Spieler allgemein bereits weit über dem Limit agieren und nicht einfach am nächsten (oder übernächsten) Tag nochmal antreten können, ist auch nicht sein Problem. Aber selbst wenn das alles lösbar wäre, so wäre es immer noch eine logistisch unmögliche Aufgabe spontan 2 Tage später nochmal ein Großevent stattfinden zu lassen. Also allein die Polizei, die das ja am Ende irgendwie absichern muss, würde da sagen "Fickt euch, wir gehen nach Hause"... und das zurecht.

Aber getoppt wird das von Lukas Podolski, der sich über die Arbeitsmoral der Gen Z aufregt. Zunächst sollte jeder mal 3 Monate 40 Stunden die Woche für den Mindestlohn arbeiten, bevor er über die Arbeitsmoral anderer urteilt. Das hat Poldi nie gemacht. Und dann muss ich an der Stelle tatsächlich auf Cathy Hummels verweisen, laut der die Fußballprofis auch eher zum fauleren Teil der Gesellschaft gehören.
Vor allem muss man hier nochmal festhalten, dass Luka P aus Köln diese Kritik von sich gelassen hat. Wenn das ein Thomas Müller gewesen wäre, der seine Karriere mit seiner extremen Arbeitsmoral auf ein gehobenes Niveau gehoben und dort lange gehalten hat. So oft ich den hier kritisiere: Was der aus seinem limitierten Talent gemacht hat, muss man respektieren. Lukas hatte dagegen einen überragenden linken Fuß. Ihm fehlte aber immer die Arbeitsmoral, um seinen rechten Fuß auch auf ein ordentliches Niveau zu heben. Hätte er dies geschafft, hätte er sich auch bei den Bayern durchgesetzt. Aber anstatt sich richtig reinzuhängen und sich beim Rekordmeister durchzubeißen, ist der zurück zu Mutti gerannt. Und der will mir jetzt erklären, dass die Gen Z härter arbeiten muss?

Aber zum olympischer Fußball: Dieses Fest begann für mich dann mit einem unkommentierten Stream des Fußballspiels Guinea - Neuseeland. Getoppt wurde das nur durch Glenn Nyberg. Der dachte anscheinend 14 Minuten lang, dass er ja nicht abpfeifen darf, bevor Argentinien den Ausgleich erzielt hat. Und dann fiel ihm 2 Stunden später auf, dass Lionel Messi gar nicht mitspielt und die deswegen keinen besonderen Schutz genießen, also nahm er den Treffer zurück.

Ganz ehrlich: Bei all den großartigen Athlet*innen, die da gerade auftreten, sollte man das Fußballturnier einfach ignorieren. Zumindest das der Männer. Denn das Turnier der Damen ist ja hochklassig besetzt.
Und USA - Deutschland war technisch und taktisch auf gehobenem Niveau. Nur war da für den gemeinen Fan der Engländer, Franzosen und Portugiesen viel zu viel Dynamik im Spiel. Ernsthaft: Wer wie ich die 120 Minuten Portugal gegen Slowenien "genossen" hat, hat keinerlei Ausreden, warum er das olympische Turnier der Frauen jetzt nicht gucken kann. Denn die besseren Spiele gibt es dort. Unter anderem mit einem völlig bekloppten 5:6 bei Sambia - Australien.

Der Unterschied zur EM lässt sich nebenbei gut an den Deutschen Ansetzungen der Deutschen festmachen: Am ersten Spieltag ging es gegen Australien, die bei der letzten WM das Halbfinale erreichten. Am 2. Spieltag ging es gegen die USA, einen der klaren Titelfavoriten. Die haben anscheinend das uneingelöste Versprechen der WM in eine offene Drohung umgewandelt. Am dritten Spieltag geht es dann gegen die Außenseiterinnen aus Sambia, was das einzige "entspanntere" Spiel werden dürfte. Dann geht es im Viertelfinale entweder gegen Kolumbien, wo Linda Caicedo bei der einen oder anderen Verteidigerin böse Flashbacks auslösen dürfte. Oder gegen Kanada, die sich mit einem Drohneneinsatz in eine richtig beschissene Position gebracht haben, aber die Nummer 8 der Weltrangliste sind. Oder gegen Frankreich als Gastgeber und Nummer 2 der Welt...

Wenn man das mit der deutschen EM Gruppe um Schottland, Ungarn und der Schweiz vergleicht... treffen die jetzt auf die wesentlich besseren Gegner. Und klar, dass die besten Gruppendritten weiterkommen, ruiniert auch dieses Turnier. Vor allem, weil das an der Stelle ja auch wirklich albern ist. Die Qualifikation für Olympia ist auch an der Stelle schon verdammt schwierig. Aber man könnte ja ohne eine Eskalation des Spielplanes auf 16 Teilnehmerinnen hochgehen. Und wenn man bedenkt, dass England, Schweden und Nordkorea, als 3 der 10 besten Nationen, fehlen, gibt es auch noch genügend Mannschaften, die Bock hätten... oder Bock machen würden. Und im Gegensatz zu den Herren der Schöpfung würden die ja auch ihre beste Elf schicken. Aber damit würden dann mehr Frauen als Männer an der Olympiade teilnehmen und das geht natürlich nicht...
Fun Fact: Die Frauen im Allgemeinen haben den Kampf um #Keychange gewonnen, es treten genau so viele weibliche wie männliche Personen an. Vielleicht sind die Festival-Veranstalter in Deutschland einfach nicht korrupt genug... Denn da sind wir von einer Gleichberechtigung bei der Buchung noch weit entfernt.

In dem Deutschland-Spiel fiel nebenbei ein anderer interessanter Satz. Denn die US-Damen haben ja den Kampf um die Gleichberechtigung und die gleiche Bezahlung gewonnen. Diese Gleichberechtigung im US-Fußball betrifft halt den gesamten Verband. Das bedeutet auch, dass die Trainerin genau so viel kassiert, wie ein Gregg Berhalter. Ungefähr 2 Millionen war die Zahl, die während der Liveübertragung fiel. Das ist für eine Trainerin verdammt viel. Aber das USMNT sucht gerade einen neuen Trainer, weil Gregg Berhalter eher ein Vollpfosten ist und gerade in der Vorrunde der Copa América gescheitert ist. Da fielen dann so Namen wie Jürgen Klopp... Der wird sich das für 2 Millionen Dollar im Jahr aber nicht antun. Überhaupt wird sich für das Geld kein Trainer aus der gehobenen Etage an die Seitenlinie begeben. Damit können die Männer dort jetzt wirklich behaupten, dass sie aufgrund der Gleichberechtigungs-Kacke einen Wettbewerbsnachteil haben. Was damit ein historisch einmaliger Vorfall sein dürfte...

Am Ende würde das natürlich über diverse Sponsoringdeals, die Klopp zusätzlich zum Vertrag als Nationaltrainer angeboten bekommt, geregelt werden... Dafür kann man ja Lösungen finden. Im schlimmsten Fall zahlen sie der US Trainerin auch einfach mehr, das wäre ja auch eine Option...

Dienstag, 16. Juli 2024

Lasst mal einen kreativen Ansatz finden:

 Zunächst mal muss man natürlich festhalten, dass dieses EM Turnier mit dem absehbaren Plottwist endete: Harry Kane verliert das Finale. Zur allgemeinen Überraschung von niemanden.

In 20 Jahren werden wir alle nebenbei von einem großartigen Turnier sprechen. Wir werden uns nur an die englischen Aufholjagden erinnern, die in jedem K.O. Spielen einen Rückstand aufholen konnten. Dass der Ausgleich meistens aus dem sprichwörtlichen Nichts fiel, fällt dann niemanden auf.
Wir werden uns an die späten Tore von Bellingham, Verthongen, Wirtz, Merino, Saka, Watkins und Oyarzabal erinnern. Und ja, es ist schon faszinierend, wie viele Spiele ganz am Ende entschieden wurden. 

Dazu werden wir uns an die faszinierenden jungen Talente erinnern. Selbst der Sicherheitsfanatiker Gareth Southgate setzte auf den 19-jährigen Kobbie Mainoo. Dazu kommen Yamal, Williams, Wirtz, Musiala, Güler. Da kam schon viel frischer Wind rein. Dass das eventuell auch einfach daran gelegen haben könnte, dass diese jungen Spieler relativ wenige Minuten in den Beinen haben und deswegen um einiges frischer sind, könnte man bei Wirtz relativ enttäuschender EM gesehen haben. 

Die Highlights von Frankreich - Portugal werden einfach... nicht gezeigt. Denn es gab ja keine. Und Didier Deschamps hat ja selber gesagt, dass wir was anderes gucken sollen. Dass diese beiden (und die Engländer) einen brutalen Pragmatismus walten ließen, wird einfach verschwiegen.
Nebenbei will ich das Deschamps und auch Southgate gar nicht vorwerfen. Deren Aufgabe ist es ja nicht, uns zu unterhalten, sondern Titel zu gewinnen. Und die Turnierbilanz der beiden spricht, auch wenn Southgate weiterhin der Titel fehlt, für sich. 

Die müssen nicht darüber nachdenken, wie man das Spiel attraktiver gestaltet. Das ist die Aufgabe der UEFA. Die müssen jetzt überlegen, wie sie eine aktivere Spielanlage fördern. Und der Ansatz, die Abseitsregel umzustellen, dass nur noch die Ferse des Angreifers auf Höhe des Verteidigers sein muss, wird gerade diese beiden nicht motivieren, offensiver zu spielen. Eher im Gegenteil: gerade die beiden werden dann einfach einen Feldspieler abstellen, der den Strafraum nicht mehr verlässt, damit die durchstartenden Stürmer aufgehalten werden. Das Comeback des klassischen Liberos.

Dabei war die K.O. Phase ja sogar echt in Ordnung. Wesentlich besser als erwartet. Selbst England hat eine Halbzeit lang richtig gut gespielt, bis Southgate das mit einer taktischen Umstellung unterbunden hat. Das eigentliche Problem war die Passivität in der Gruppenphase. Am besten verdeutlicht durch die Gruppe B mit ihren insgesamt 5 Toren.
Und abgerundet durch 2 Unentschieden am letzten Spieltag in der Gruppe E. Wenn 2 Mannschaften wissen, dass sie bei einem Unentschieden sicher weiter sind, kommen dabei beschissene Spiele raus. Wenn man mit 4 Punkten quasi sicher weiter ist (und ja, die Ukraine ist die eine Ausnahme, weil sie mit 4 Punkten nur Gruppenletzter wurde, aber das ist eine absolute Ausnahmesituation), kann ich im zweiten Gruppenspiel auf ein Unentschieden gehen... weil ich entweder nach dem Auftaktsieg das Achtelfinale sicher buche oder mir nach einer Auftaktpleite die Möglichkeit offen halte, mit einem Sieg am letzten Spieltag alles zu regeln.
Eigentlich beginnt so ein Turnier mit dem zweiten Spieltag, weil die Mannschaften, die zum Auftakt nicht gewonnen haben, gehörig unter Druck stehen und dringend etwas holen müssen. Sonst ist das Turnier nach 2 Spielen vorbei. Jetzt gibt es praktisch kein Szenario, wie man nach 2 Spielen sicher ausscheidet. Natürlich sichert man da als Trainer erstmal das Unentschieden.

Aber das ist jetzt ja allen aufgefallen. Selbst dem Kicker, und das soll was heißen. Jetzt fällt aber allen nur eine Lösung ein: Die EM auf 32 Teilnehmer aufstocken. Da sehen dann alle, dass ein Erling Haaland doch an der EM teilnimmt, das kann ja nur gut sein... auch wenn das bedeutet, dass bei 55 Landesverbänden mehr als die Hälfte aller Mitglieder zur Europameisterschaft müssen.
Für Deutschland wäre das nebenbei gut, denn so ein großes Turnier können dann nur noch England, Frankreich, Spanien und Italien austragen. Damit könnte es doch nicht das letzte Mal in unserem Leben sein, dass wir so ein Fest erleben. Denn dann wären wir in 20 Jahren wieder dran. Auch wenn wir dann wahrscheinlich jeweils einen Spielort an die Schweiz und Österreich abtreten müssen. Aber bucht schonmal den Urlaub für die EM 2044.

Da könnte man ja glatt mal einen kreativen Ansatz durchdenken. Denn "Aufstocken" ist nicht zwingend die einzige Option. Man könnte auch... eine Vor-Vorrunde ausrufen.

Ok, so wird das Ganze funktionieren: Die besten 7 Mannschaften und der Gastgeber sind für die eigentliche Gruppenphase gesetzt. Es ist natürlich ein bisschen schwierig, diese 7 Mannschaften zu bestimmen, aber bei Lostöpfen bekommt man das ja auch hin. Nehmen wir die Fifa Rangliste. Da wären das vor diesem Turnier Deutschland, Frankreich, Belgien, England, Portugal, Spanien, Kroatien und Italien.

Die restlichen Mannschaften spielen ein sogenanntes "Double Elimination Tournament" aus. Und ja, das ist mein absoluter Lieblingsmodus, der vom Esports bekannt ist. Ich hab das schonmal vorgeschlagen, um den Aufstieg in die dritte Liga gerechter zu machen

Double Elimination bedeutet: Vor dem ersten Spieltag wird ein Turnierbaum erstellt. Die Gewinner und Verlierer des ersten Spieltages spielen dann am 2. Spieltag gegeneinander. Wer bei 2 Siegen angekommen ist, hat die eigentliche Gruppenphase erreicht. Wer 2 Spiele verloren hat, fährt nach Hause.
Endet ein Spiel unentschieden, geht es sofort ins Elfmeterschießen, um einen Sieger festzustellen.

Die erste Runde würde dann ungefähr so aussehen: (Ich bin jetzt einfach die Abschlusstabelle von oben nach unten runtergegangen... wie man dafür Setzlisten erstellt, müssen andere rausbekommen)

Schweiz – Ungarn

Schottland – Albanien

Dänemark – Slowenien

Serbien – Österreich

Niederlande – Polen

Rumänien – Slowakei

Ukraine - Türkei

Georgien – Tschechien

In Runde 2 spielt dann Schweiz - Schottland und Ungarn gegen Albanien. In der dritten Runde Schottland - Ungarn/Slowenien.

Und ja, ob man die 4 Mannschaften als eine Gruppe betrachtet, oder am 3. Spieltag nochmal mischt, müsste irgendwie geklärt werden, denn sonst könnte es zu häufig passieren, dass man dasselbe Match nochmal sieht.

Der große Vorteil dieses Modus ist, dass es sofort zur Sache geht. Man muss vom ersten Spiel an auf Sieg gehen, wenn man nach 2 Spielen weiterkommen will. Man will zwingend nach 2 Spielen weiterkommen, weil man dann die nötige Pause bekommt. Und wenn der Zuschauer doch 90 langweilige Minuten überstehen muss, bekommt man hinterher wenigstens den Adrenalinkick eines Elfmeterschießens. Aber die im Rückstand liegende Mannschaft muss immer dringend was machen und kann nicht darauf spekulieren, dass sie nach einer knappen Niederlage mit 4 Punkten aus den restlichen 2 Spielen weiterkommen.

Außerdem würde es mehr relevante Spiele zwischen den kleineren Nationen geben. Das mag uns als Top 5 Nation egal sein, aber in der Ukraine und in Georgien wäre das 2. Spiel um den Einzug in die Gruppenphase ein legendärer Moment in der Verbandsgeschichte. Und natürlich wären die Einschaltquoten in Deutschland überschaubar. Aber bei den kleineren Nationen wäre es das TV Event des Jahres.

Man könnte sogar 2 Mannschaften anbieten, ihre Seite des Turnierbaums als Gastgeber auszutragen. Also nehmen wir hier mal die Schweiz und die Niederlande: Beide können ein gesamtes Turnier nicht als Gastgeber stemmen. Die brauchten ja schon bei 16 Teilnehmern die Österreicher und die Belgier. Aber beide haben die Infrastruktur, um 8 Spiele durchzuziehen. Es würden sich Interessenten finden, die den Gastgeber geben wollen. Allein schon aufgrund des Wettbewerbsvorteils, den man dann bekommt.

Die Nachteile sind auch offensichtlich, perfekt ist die Lösung auch nicht. Ok, perfekt wäre eine Rückkehr zu 16 Teilnehmern, aber das wird bei der UEFA niemand ernsthaft in betracht ziehen. Und das würde ja indirekt bedeuten, dass dieses "Vorturnier" doch stattfindet, nur halt in den Play-Offs als Teil der Quali...

Zunächst müsste man halt mehr Platz im Terminkalender einplanen. Eine Woche braucht man halt schon, um das durchzuziehen. Und es würden hier auch Spieler über die zusätzliche Belastung jammern. Wobei ich an der Stelle ja festhalten würde, dass dieses Jahr nur 7 Spieler im Champions League Halbfinale und meinem fiktiven Vorturnier teilgenommen hätten: Matthijs de Ligt, Konrad Laimer, Andriy Lunin, Salih Özcan, Marcel Sabitzer, Gregor Kobel und Milan Skriniar. 2 dieser 7 sind Torhüter. Dazu kommt ein leider verletzter David Alaba.
Die Spieler, die am überspieltesten sind, kommen normalerweise auch aus den 8 besten Nationalmannschaften, die dieses Vor-Turnier aussetzen würden. Und für die würde es dann ein Spiel weniger geben.

Das eigentlich fiese wäre ja, wenn man nach 3 Spielen auf einen wochenlang ausgeruhten Gegner in der Gruppenphase trifft. Andererseits werden sich die Optimisten davon reden, dass es ja ein Vorteil ist, wenn man schon im Wettkampfmodus und wesentlich besser eingespielt ist.

Vor allem würden die Mannschaften, die 3 Spiele brauchen, am Ende eh der krasse Außenseiter sein. Das sind dann ja doch eher die Nationen, die froh sind, wenn sie sich überhaupt mit den großen 8 in einem Turnier messen dürften. Für die wäre die Gruppenphase dann reine Bonusspiele, in denen sie ohne jeglichen Druck frei aufspielen können.

Wird ein derartiger Modus kommen? Garantiert nicht. Also allein schon, weil sich alte, greise Männer mit jungen Ideen wie "Double Elimination" beschäftigen müssten. Da werden sie doch nur die "Wir erweitern das Teilnehmerfeld" Option sehen.

Donnerstag, 11. Juli 2024

Wie bewerten wir jetzt diese Leistung der Deutschen?

 Aber zuerst... hat Gareth Southgate Kicker.de kaputt gemacht. Auch die waren so verwirrt, dass der einen Joker gezogen hat, der auch noch sticht... dass es bei ihnen selbst um 0:30 noch 1:1 stand. Das kann ja gar nicht passiert sein.

Nachdem beide Trainer nach einer überraschend begeisternden ersten Hälfte die Handbremse anzogen, brachte Southgate dann doch Ollie Watkins für Harry Kane. So als wollte er beweisen, dass ich mit meiner Analyse gestern recht hatte.

Denn weder Harry Kane, noch der ebenfalls sein bestes Spiel abliefernde Phil Foden, beschwerten sich in irgendeiner Form über die Auswechslung. Beide zitterten anständig auf der Bank mit. Kane schaltete nach dem 2:1 sogar in den Cristiano Ronaldo Finalmodus und coachte voller Elan... denn irgendjemand muss das ja machen.

Und Ollie Watkins war, entgegen aller Erwartungen, doch bereit, was zu ändern. Der bekam bisher nur für 21 Minuten gegen Dänemark das Vertrauen von Southgate. Der durfte aus allerbester Perspektive mit ansehen, wie Kane sich völlig übermüdet über den Platz schleppt. Und trotzdem zog er sich nicht bockig zurück, sondern war bereit, als seine Nummer dann aufgerufen wurde.

Das sind natürlich Dinge, die an sich selbstverständlich sein sollte, wenn es um die einmalige Chance geht, einen großen Titel mit seinem Land zu holen. Aber es gibt genügend Gegenbeispiele, wo genau das dann doch nicht passiert, sondern ein Kader an den Egos zerbricht.

Was jetzt nicht bedeutet, dass ich plötzlich für England bin. Das ist nebenbei die eigentlich genialste Leistung von Southgate: Wir Deutschen waren auf einmal FÜR HOLLAND! Für den Feind. Dabei war doch das eine, was uns Deutsche wirklich vereint hat, das "Wenn's um Fußball geht, hass ich Holland wie die Pest!"

Was uns dann auch zu den Deutschen bringt: Jetzt, wo wir nicht nur gute Gastgeber, sondern auch schlechte Verlierer sind. Die Pfiffe gegen Marc Cucurella beweisen nebenbei auch wieder nur, wie dumm Fußballfans sind. Es ist ja nicht so, dass Cucurcella den Fehler gemacht hat, sondern dass der Schiedsrichter das verkackt hat. Wenn der Spanier jetzt durch eine grobe Unsportlichkeit aufgefallen wäre... Wenn er den Kroos kaputt getreten hätte... Wenn er der Rudi bespuckt hätte... Das wäre ein Anlass gewesen. Aber er hat genaugenommen nichts gemacht, was man ihm wirklich vorwerfen kann.

Apropos Kroos: Wenn ihr wissen wollt, wie schlimm dessen Aussagen im Podcast wirklich waren, ohne Precht einen Klick zu geben, könnt ihr das Wesentliche hier nachlesen. Und da bekommt ihr dann auch mit, wie die Rechten auf einmal doch einen Grund gefunden haben, die Nationalmannschaft zu feiern. Wie dumm kann man sein. Anscheinend dumm genug, um regelmäßig einen Precht Podcast zu hören.

Ich finde es nebenbei sowieso faszinierend, dass diese Mannschaft auf einmal so positiv betrachtet wird... nur, weil sie überforderte Schotten abgeschossen haben. Also sachlich gesehen haben Fabian Hürzeler und Lothar Matthäus ja recht. So wirklich überragend war das einfach nicht. Am ersten richtigen Gegner ist man direkt gescheitert... auch wenn es verdammt knapp war. Abseits ist eben Abseits und der Handelfmeter wäre halt wegen Abseits aberkannt worden. Was man bei den Pfiffen gegen Cucuralla auch nochmal erwähnen muss. Und ein Pfostenschuss ist halt kein Tor.

Aber da ist es auch faszinierend, wie weit die Ansprüche in den letzten Jahren gesunken sind. Also vor 2018 wäre ein Viertelfinale die Mindestanforderung gewesen, damit das Turnier nicht als Katastrophe gilt. Jetzt soll es überragend sein. Das ist auch nicht zwingend schlimm, es zeigt aber auch, dass eine vernünftige Einordnung einfach nicht möglich ist. 

Ganz sachlich gesehen war dies das schlechteste Heimturnier aller Zeiten. 1974 wurde man Weltmeister. 1988 und 2006 ging es bis ins Halbfinale. Gut, 88 gab es auch kein Viertelfinale, aber Details. Man gehörte damals zu den 4 besten Mannschaften, heute gehört man das nicht.

Und ich werfe nach den Halbfinalspielen die These in den Raum: Gegen die anderen Halbfinalteilnehmer hätte man auch nicht gewonnen. Die waren halt alle besser als die Schweiz, gegen die man schon große Probleme hatte.

Der Optimist sieht den ersten Sieg in einem K.O. Spiel seit der EM 2016. Und dass es Fortschritte gab, stellt ja niemand infrage. Aber andererseits setzt sich ein besorgniserregender Trend fort: Deutschland hat 4 Turniere infolge nicht mehr das Halbfinale erreicht. Nur um das nochmal zu verdeutlichen: Der letzte Sieg bei einem Turnier gegen eine große Nation wurde durch einen Elfmeter von Jonas Hector besiegelt. Da dachten alle noch, das Thomas Müller irgendwann ein EM Tor erzielen muss... 

Vorher gab es seit den 70er Jahren nie mehr als 2 Turniere infolge ohne Halbfinalteilnahme. Selbst die so beschissene "Das werden wir unseren Kindern erklären müssen" Generation stand 2002 irgendwie im Finale, obwohl die echt grausam gespielt haben.

Das ist schon ein Gedanke, den ich gestern bei meinem Loblied auf Southgate hatte: "Aber der hat doch auch nur dieselbe Bilanz wie Jogi Löw und den hältst du doch für einen Vollidioten!" Stimmt. Aber Löw hatte immer den geheimen Wetterwerbsvorteil namens "Winterpause", weshalb seine Spieler mit relativ frischen Beinen in das Turnier gingen, während gerade die Engländer, die im Winter nochmal extra viel spielen, einfach nur müde waren.

3 Halbfinalteilnahmen mit Deutschland ist halt eher mit 2 Meisterschaften mit den Bayern zu vergleichen. 2 Finalteilnahmen mit England dagegen mit 2 Meisterschaften mit Borussia Dortmund. Jetzt wurden aber, um bei dem Vergleich zu bleiben, die Ansprüche so weit runtergeschraubt, dass man eine Vizemeisterschaft mit den Bayern als großen Erfolg feiert.

Und nebenbei ist der Weg zum Weltmeistertitel alles andere als klar. Also klar, Jamal Musiala, Florian Wirtz und Kai Havertz werden in der Offensive vieles regeln. Aber Toni Kroos, Thomas Müller, Manuel Neuer, Pascal Groß und eigentlich auch İlkay Gündoğan müssen vor dieser WM ersetzt werden. Gündoğan ist dann 35 und hat jahrzehntelangen Spitzenfußball in den Knochen. Nebenbei wären auch Antonio Rüdiger und Niclas Füllkrug dann bereits 33. Emre Can wäre 32. Und klar, mit 33 kann man noch eine Weltmeisterschaft spielen. Aber eine wirkliche Perspektive sieht anders aus. Und zumindest Füllkrug ist der Typ Spieler, der keinen einzigen Schritt langsamer werden darf, wenn er auf diesem Niveau mithalten will.

Und gerade im Mittelfeld drängt sich niemand wirklich auf, diese Persönlichkeiten zu ersetzen. Also außer Aleksandar Pavlović, aber der Junge ist 20 Jahre alt. Das war jetzt keine junge Mannschaft, die dabei ist, zur goldenen Generation zu werden. Das war eher der letzte verzweifelte Versuch, die verfluchte Generation irgendwie zu retten. Und dann war dieser Versuch sportlich gesehen eher so mäßig erfolgreich...

Nur um mal zu beweisen, wie brutal aufs "Hier und Jetzt" dieser Kader ausgerichtet war: Oliver Baumann als "talentierte Nummer 3" ist bereits 32 Jahre alt. Was hat der Nagelsmann sich denn dabei gedacht? Warum nimmt der nicht einen Alexander Nübel mit, der irgendwie zwangsweise zur Nummer 1 aufsteigen muss... spätestens nach der WM in 2 Jahren. Warum gibt er dem 27-Jährigen nicht diese Turniererfahrung? Wenn Baumann auch Weltklasse repräsentieren würde, aber der ist am Ende "nur" ein durchschnittlicher Bundesligatorwart...

Egal, Deutschland muss einen überraschend großen Umbruch durchführen. Es könnte also durchaus sein, dass die Mannschaft in 2 Jahren noch ein Turnier entfernt von wirklichen Titelambitionen ist. Dass zumindest 3 der jetzt noch teilnehmenden 4 Mannschaften ihnen doch noch einen Schritt voraus sind. Denn Spanien, Frankreich und England werden ja nicht schlechter werden.

Da kann man dann plötzlich feststellen, dass der "Schritt in die richtige Richtung", den dieses Turnier ja darstellt, ein Schritt in eine Sackgasse war.

Mittwoch, 10. Juli 2024

Gareth Southgate ist ein Genie

 Und dieses Mal meine ich das sogar ernst. Aber zunächst:

Didier Deschamps: Der so "Ich habe euch gesagt: Lasst das! Jetzt seht ihr ja, was ihr davon habt!" Was ist "das"? Ein Tor aus dem Spiel heraus erzielen. Es ist schon lustig, dass Frankreich nach den besten 15 Minuten des Turniers raus ist.
Genauso lustig ist es, dass ja alle ein gutes Spiel gesehen haben wollen... Also ja, es war deutlich besser als erwartet, weil meine Erwartung ja ein absoluter Gurkenkick und ein Eigentor der Spanier war. Aber genau genommen waren nur die ersten 25 Minuten wirklich gut. Denn als Lamine Yamal auffiel, dass ihm langsam die Zeit wegläuft und er schon zeitnah treffen muss, wenn er noch als 16-Jähriger treffen will, packte er ein Gemälde von einem Treffer aus. Und Toni Kroos werden sie in Spanien noch eine Statue bauen, weil er ihnen Dani Olmo beschert hat... Sonst hat der ja nichts geleistet und nur Querpässe für Real Madrid gespielt, aber dieser eine Tritt war schon großartig...

Aber nach 25 Minuten fiel den Spaniern auf, dass jetzt ja die Franzosen was machen müssen. Und den Franzosen fiel auf, dass sie das trotz überragender Einzelkönner nicht wirklich können.

Hier ist eine Liste aller Paraden, die Unai Simon in der 2. Halbzeit zeigen musste:

In der 53. Minute bringt "Dembelé die Ecke scharf vor den Fünfmeterraum, wo sich Tchouameni durchsetzt, den Ball aber in Unai Simons Arme köpft."
Simon muss sich dafür nicht bewegen. Danach schießt Kylian Mbappé laut ZDF Zusammenfassung aus so spitzem Winkel, dass Simon sich wieder nicht bewegen muss. Den Schuss zeigen die als Highlight, obwohl er es nicht mal in den Kicker-Ticker geschafft hat.
Dembelé versucht in Minute 60 ein Eigentor zu erzwingen, in dem er einen Abschluss aus der Karegorie "Halb Schuss, Halb Flanke" bringt. 

Und das war's dann... die restlichen Abschlussversuche kamen aus dem "Wir schießen lieber drüber und vorbei" Lehrbuch von Paris St. Germain. Mein absolutes Highlight war die Einwechslung von Olivier Giroud: Einem Stürmer, der ohne eigenen Torschuss Weltmeister geworden ist. Ein Superspieler... wenn es darum geht, das Ergebnis zu halten.  Aber mit 37 nicht mehr der Mann, der bei einer EM für Gefahr sorgt.

Ab Minute 26 war es genau der Grottenkick, den ich vorher erwartet habe. Nur mit einem überraschenden Ausgang. Da erkennt man nebenbei den persönlichen Vorteil, wenn man das schlimmstmögliche Szenario vorher ausmalt: Jetzt kann ich sagen "Zum Glück ist meiner Vorhersage nicht eingetroffen"...

Jetzt aber das andere Realgenie: Alfie von HITC Sevens hat ein Video mit einer überraschenden Erkenntnis veröffentlicht: Die Engländer sind plötzlich gut im Elfmeterschießen! Vorher gewannen sie nur eins von 7, unter Southgate sind es 3 von 4. Und in dem Video wird im Detail erklärt, wie viel Arbeit Southgate in diese Elfmeter gesteckt hat. Es ist keinesfalls Zufall, sondern verdammt viel Strategie. Nicht nur, weil Jordan Pickford alle Schützen auf der Flasche hat. Das Video erklärt im Detail, wie wichtig es ist, dass der Ball nicht länger als 8 Sekunden auf dem Punkt liegt und dass Pickford es mit an sich verbotenen Provokationen und viel Zeitspiel geschafft hat, dass der erste Schütze Akanji diese 8 Sekunden weit überschritten hat. Akanjis Elfmeter war der schwächste und wurde dementsprechend gehalten. Danach wurden die Provokationen vom Schiedsrichter, der Pickford mit einer Verwarnung drohte, unterbunden und alle anderen Schweizer trafen souverän. Da alle Engländer eben auch souverän trafen, war das Kind bereits in den Brunnen gefallen.

Beides war kein Zufall. Eines der interessantesten Details ist, dass Southgate ein "Buddy-System" eingeführt hat: Den 5 Schützen wird jeweils ein Kumpel zur Seite gestellt, damit sie nicht alleine mit ihren Gedanken sind. Es ist schon faszinierend, wie gut durch choreografiert alle Elfmeter der Engländer waren.

Und nebenbei hat Southgate aus dieser Mannschaft eine verschworene Einheit geformt. Was bei all den Egos und Premiere League Rivalitäten keine Selbstverständlichkeit ist. Also die größte Enttäuschung aller goldenen Generationen der Weltgeschichte sind ja die Engländer von 1998 bis 2008. Ich nenne das mal "Die Beckham Jahre". Ein Spieler, der an sich eine viel zu gute Schusstechnik hatte, um so legendär schlechte Elfmeter zu schießen. Aber das größte Problem dieser Generation war ja, dass die drei besten Mittelfeldspieler Steven Gerrard, Frank Lampard und Paul Scholes nie zueinander gefunden haben. Waren die sich zu ähnlich? Vielleicht. Aber es hatte auch keiner der 3 wirklich Interesse daran, im Sinne der Mannschaft zurückstecken und eine angepasste Rolle zu übernehmen.

Und Southgate war ja damals dabei, als eine überaus talentierte Generation ihr Potenzial sinnlos verschwendete. Er hat es irgendwie geschafft, dass die Engländer eine verschworene Einheit geworden sind und dass sie ihre Dämonen vom Punkt überwunden haben. Man hört keinerlei Murren der Nicht-Einwechselspieler, obwohl die wahrscheinlich denken, dass sie auch nicht schlechter spielen würden, als die Startelf. Man schießt lieber gegen die jammernden Medien, als den eigenen Trainer zu hinterfragen.

Oder nehmen wir Harry Kane: Anstatt sich über die destruktive Spielweise aufzuregen und sich hängenzulassen, arbeitet der Mann gegen die Schweiz am eigenen Strafraum am 0:0. Kane ist offensichtlich nicht fit. Und er leidet am meisten unter der Spielanlage der Engländer. Aber er ist sich trotzdem nicht zu schade, das taktische Foul auszupacken, wenn es verlangt wird. Oder am eigenen Strafraum konsequent mitzuarbeiten.

Dazu kamen immer die legendären Undiszipliniertheiten. Man konnte ja vorher schon davon ausgehen, dass irgendein Engländer wegen irgendeiner Dummheit vom Platz gestellt wird.  Ein Jude Bellingham fasst sich nur an die eigenen Kronjuwelen und tritt nicht in die von Cristiano Ronaldo.

Und in der Summe ist dies verdammt erfolgreich. Eine Nation, die immer wieder an Egos und am Elfmeterschießen scheiterte. All diese chronischen Probleme hat Southgate beseitigt. Lässt er auf dem Platz einen grausamen Pragmatismus walten? Ja, klar. Was die Engländer spielen, verstößt gegen die Genfer Konvention.
Aber der Mann steht in seinem 3. Halbfinale. Und 2022 scheiterte er als bessere Mannschaft im Viertelfinale an Frankreich. Danach hat er sich gedacht: Das passiert mir nie wieder. Mit dieser Bilanz kann sich kein anderer englischer Trainer messen. Und auch kaum jemand sonst in Europa, jenseits von den absurd verwöhnten Deutschen. Fun Fact: Hier sind die Halbfinalteilnahmen ohne Southgate: WM 1966, EM 1968 und die WM 1990. Southgate war 1996 als Spieler dabei. Und 2018, 21 und 24 als Trainer. Der kommt also auf 4 Halbfinalteilnahmen, während ganz England ohne ihn auf 3 kommt.

Das einzige, was man Southgate vorwerfen kann, ist sein eiskalter Pragmatismus auf dem Platz. Der bevorzugt halt einen Spielstil, der sicherstellt, dass die eigenen Spieler im Elfmeterschießen noch frisch sind. Der hat wahrscheinlich José Mourinhos Biografie studiert. Und er ist wahrscheinlich auf taktischer Ebene kein guter Trainer. Dass er Sancho und Rashford nicht 10 Minuten früher eingewechselt hat, bleibt eine strategische Katastrophe, denn die Elfmeter hätten sie auch mit 10 Minuten in den Beinen schießen können. Aber... er hat Trent Alexander-Arnold dieses Mal in der 115. gebracht. Man kann also selbst da gewisse Fortschritte erkennen. Und ja, der Mann hatte vor dem Elfmeterschießen 6 Ballkontakte und 5 gespielte Pässe als Arbeitsnachweis und verwandelte dann seinen Elfmeter souverän.

Vor allem ist er anscheinend auf der menschlichen und der disziplinarischen Ebene überragend. Und Europameisterschaften werden meistens auf genau dieser Ebene entschieden. Meine pessimistische Prognose ist ja: Die Engländer werden Southgate vermissen, wenn sie in 2 Jahren nach einem absurden 2:3 Spektakel im Achtelfinale ausscheiden...

Montag, 8. Juli 2024

Der Sport muss unpolitisch bleiben!

 Das geht ja gar nicht, wenn die sich irgendwie äußern. Oder es zu irgendwelchen politischen Statements kommt.

Ok... dann schaffen wir die Welt- und Europameisterschaften halt ab. Denn das sind immer automatisch politische Statements, weil die Sache so verdammt groß ist.

Wenn ich jetzt hier, und ich nutze ganz bewusst lieber den Konjunktiv, schreiben würde, wie froh ich bin, dass die Türkei mit ihren rechtsradikalen Grüßen endlich ausgeschieden sind. Allein schon, weil das die einzigen sind, die die Nationalhymnen der anderen Länder konsequent auspfeifen... dann wäre das auch schon wieder eine politische Botschaft. Weil die Menschen im Stadion halt auch ein Stück weit das gesamte Land repräsentieren und drücken wir es mal diplomatisch aus... da haben die Türken keinen sympathischen Eindruck hinterlassen.

Gleichzeitig ist es auch ein politisches Statement, wenn eine Nationalmannschaft, die von der AfD verachtet werden muss, das gesamte Land emotional eint. Auch wenn das ganz ohne spezifische Ansagen und Regenbogenfahnen passiert ist. Denn der Fakt, dass der DFB die Integration endlich als wichtige Aufgabe betrachtet und die Nationalmannschaft damit ein realistisches und buntes Abbild unserer Gesellschaft ist, ist auch per se schon politisch.

Oder wenn Toni Kroos dann bei (natürlich) Lanz und Precht Aussagen raushaut, für die er aus dem Kontext gezogen doch wieder Respekt von Rechts bekommt: Denn die reden sich ja seit Jahren ein, dass die deutschen Städte viel unsicherer geworden sind... wegen die Ausländer. Das sagt Kroos natürlich nicht. Aber es kann so ausgelegt werden, dass er das gemeint haben könnte.

Dass ein Kroos, der Deutschland vor ziemlich genau 10 Jahren verlassen hat, gar nicht abschätzen kann, ob die Straßen in Berlin sicherer sind als nach seinem letzten Besuch, ist dabei völlig egal. Gerade das letzte Beispiel finde ich extrem faszinierend. Denn es entlarvt in diesem Fall die Rechten, dass sie gar kein Problem mit politischen Statements haben. Sie haben nur mit Statements Probleme, die ihrem recht kleinen Weltbild widersprechen. Sobald man sich das irgendwie so hindrehen kann, dass man das für sich beansprucht, sagt keiner mehr, dass sich der Kroos auf den Fußball konzentrieren sollte, anstatt über Dinge zu labern, von denen er keine Ahnung hat. Und wenn Kroos irgendwas zum Thema "Gleichberechtigung" und "Auch unsere Frauennationalmannschaft sollte ordentliche Prämien bekommen" gesagt hätte, wäre das genau die Reaktion, die er hervorgerufen hätte. Obwohl er formell gesehen genau dasselbe gemacht hätte: Sich zu einem Thema geäußert, von dem er wenig Ahnung hat.

Nebenbei... hat Kroos dieses Interview vor dem Viertelfinale gegeben. Eigentlich hätte der Aufschrei der Rechten da genauso groß sein müssen, wie bei der "20 % hätten gerne eine deutschere Nationalmannschaft" Doku vor der EM. Und Kroos hat gegen Spanien ja nicht so wirklich überragend gespielt...

Wenn ein Jude Bellingham sich an die eigenen Kronjuwelen fasst, macht er das in dem Moment auch im Namen der englischen Krone... was, wenn man bedenkt, wie die sich Jahrhunderte lang aufgeführt haben und wie wenig Schuldbewusstsein dort vorherrscht und was in England sonst so zur Schau gestellt wird, ein wunderbares Statement ist. 

Wenn Kylian Mbappé eine Marine Le Pen ans Bein pisst und damit eventuell Einfluss auf die Wahl nimmt... ist das auch ganz offensichtlich politisch. Aber er kann das in der Form und mit der Auswirkung am Ende auch nur machen, weil er gerade diese extreme Reichweite und Position in der französischen Gesellschaft hat, die er auf dem Platz präsentiert. Nebenbei hat der sich den EM Titel jetzt wirklich verdient. Nicht auf dem Platz, aber mit seinen Aussagen daneben.

Aber eine EM ist halt so verdammt groß, dass alles, was in diesem Rahmen passiert, am Ende politisch ist. Dass so viele Deutsche öffentlich zeigen, dass sie ihre Daten gerne hergeben, um in einem hässlichen Trikot für irgendeine Firma Werbung zu machen, ist ein bedenkliches Thema. Und da kamen die Kinder in China ja kaum mit dem Nähen hinterher, so erfolgreich lief das. Da wird man aber garantiert irgendwo den Haken gesetzt haben, dass die Daten jetzt verwendet werden dürfen.

Was einem wirklich Sorgen macht, wenn man als Nächstes bedenkt, dass Alipay Hauptsponsor der EM ist... Denn bei Check24 könnten die Daten zumindest in Deutschland weiterverwertet werden. Jetzt treffen aber die Deutschen mit ihrem offensichtlich entspannten Umgang mit ihren persönlichen Daten auf eine Krake aus einem autoritären System.

Überhaupt kamen ja 7 der 12 Großsponsoren aus autoritär geführten Ländern... Dass uns diese EM von Visit Qatar präsentiert wurde, obwohl wir doch genau dies das letzte Mal boykottieren wollten, beweist doch nur, wie gut dieses ominöse "Sportswashing" am Ende funktioniert. Genauso wie das kleine Mädchen im neusten Cristiano Ronaldo T-Shirt, welches mir letztens über den Weg gelaufen ist. Ich dachte da nur: Die dürfte dieses Trikot in Saudi-Arabien nie tragen, macht hier aber indirekt Werbung dafür. Und fühlt sich verdammt groß dabei.

Nebenbei hat das Heute Journal während der EM Übertragung einen durchaus kritischen Beitrag zu den Großsponsoren gebracht. Sollten die nicht eigentlich darüber berichten, wie die Deutsche Mannschaft unfallfrei in ein Flugzeug steigt? 

Da kommen auch die 7 von 12 her. China stellt 5 Hauptsponsoren. Qatar 2... Dazu kommt dann Coca-Cola als auch nur bedingt humanitäres Unternehmen... Wenn jetzt noch Nestlé einsteigt, würden die Cthulhu beschwören. Der dann aber zum Glück mit der Deutschen Bahn anreisen müsste und irgendwo in Brandenburg versacken würde.

Events von dieser Größe und emotionalen Reichweite sind einfach immer politisch. Um das zu verhindern, müsste man sie abschaffen. Was schon wieder in sich ein politisches Statement wäre. Kein Sinnvolles, weil ich ja nach wie vor die Europameisterschaft als nicht zu unterschätzenden Kriegsersatz sehe. 

Dass das ganze definitiv auch eine politische Veranstaltung ist, sollte man immer im Hinterkopf haben. Da sollte man vorher auch so ein paar Erwartungen haben, die man hinterher abgleichen kann.
Deutschland hat sich bisher während des Turniers als Land präsentiert, in dem man gerne zu Gast ist, was so kurz nach den letzten Wahlergebnissen nicht unbedingt zu erwarten war. Das sagen zumindest die Rumänier... Die Schotten haben sich als Menschen präsentiert, die man gerne zu Besuch hat. Die Türken haben dagegen nachgewiesen, dass sie derzeit eher in eine unangenehme Richtung unterwegs sind.

Auf den Fanmeilen wart die Stimmung ja so gut und optimistisch, dass die rechten Trolle sich buchstäblich Fake News ausdenken mussten, weil sie mit diesem ganzen Fahnengeschwenke irgendwie nichts anfangen konnten. Das zeigt nebenbei, dass die hier auch schon angesprochene Doku von Phillip Awounou im Schlusswort durchaus richtig lag: Die Ränder werden immer lauter, das bedeutet aber nicht, dass sie die Mehrheit darstellen. 

Jetzt müssen wir als der aufgeschlossene Teil der Gesellschaft nur aufpassen, dass wir nicht nur während der EM lauter sind als die rechten Trolle, sondern dass wir auch danach noch nachweisen, dass die Mehrheit in diesem Land eigentlich Bock auf eine bunte Nation hat.