Mittwoch, 10. Juni 2026

WM Vorschau: Ich war noch nie so wenig Bock auf eine WM

Das letzte Mal war der politische Diskurs wenigstens halbwegs interessant. 3 1/2 Jahre später wissen wir aber, dass Sportswashing halt funktioniert und niemand nach der WM weiterverfolgt hat, wie das mit den Menschenrechten in Qatar jetzt weitergeht. Und dieses "niemand" schließt ja auch mich mit ein. Dass so ein Fußballturnier irgendwie die Welt verbessern und die Zustände vor Ort verändern können, wurde auch dank Russland eindeutig widerlegt. 

Wobei dieses Turnier jetzt für mich ja schon ein finaler Belastungstest ist: Ist eine Fifa-WM wirklich too big to fail? Denn dieses Mal gibt es ja kein Sportswashing, sondern Turbokapitalismus im Endstadium. Die Welt zu Gast bei Abzockern. Jetzt ist es natürlich einfach, den Städten Vorwürfe zu machen, wenn sie die Bahntickets von der Innenstadt zum Stadion von 12 Dollar auf 105 Dollar erhöht haben... Bis einem dann bewusst wird, dass das die einzige Möglichkeit für die Stadt ist, den Spaß zu refinanzieren. Denn von den restlichen 11 Milliarden bekommen sie halt nichts ab. Denn bei diesem Turnier zocken sich ja alle Gegenseitig ab... und am Ende gemeinsam die Fans.

Die Fifa zahlt wie immer nichts dafür, dass sie dieses Turnier austragen. Aber anders als in Deutschland gibt es auch kein halbwegs vernünftiges Steuersystem, welches dafür sorgt, dass zumindest ein Teil der Umsätze, die diese WM so machen wird, auch bei den Kommunen ankommt.

Das muss man sich nochmal vor Augen führen: Die Fifa hat völlig absurde Ticketpreise UND völlig absurde Parkplatzpreise aufgerufen... aber von dem Geld bleibt dann nichts vor Ort hängen. Dennoch wird man hinter mit dem heftigsten Gewinn und den größten Umsatz aller Zeiten prahlen. Nun ist das natürlich ein USA-Problem, welches uns aber nur verdeutlicht, wie kaputt dieses Land ist. 

Der entscheidende Unterschied zu Qatar: Der gemeine, politisch desinteressierte Fan kann diese Probleme nicht einfach ignorieren. Also um das nochmal zu verdeutlichen: Ein Finalticket Kategorie 1 kostete damals 1390 Euro. Jetzt gibt es die billigsten Finaltickets für 1759 Euro... Und die gelten nicht als Fahrschein. Die Dollars für die Anreise kommen da noch dazu. Dazu dürften die Hotelpreise eskalieren...

Aber da scheint es schon das erste Problem zu geben... denn der große Ansturm bleibt anscheinend aus. Denn dies wird ein Turnier werden, dass sich die Mittelschicht einfach nicht mehr leisten kann. Also außer man lebt in New York, die haben einen Sozialisten gewählt. Da ist jetzt also Land unter und man kann für 50 $ eine WM Spiel erleben... inklusive Bahnfahrt. Fair.

Aber kann so eine WM funktionieren, wenn die großen Fangruppen ausbleiben, weil sie sich dieses Fest einfach nicht mehr leisten können? Kann da überhaupt Stimmung entstehen?
Eine meiner Lieblings-Fußball-Erfahrungen war ja sowohl 2006 als auch 2024 einfach entspannt vom Marktplatz zum Stadion zu laufen und zu genießen, wie die Fans sich und ihre Mannschaften feiern. Das hab ich gerade beim Conference League Finale wiederholen dürfen. Aber wie soll das funktionieren, wenn die WM Stadien in Kleinstädten liegen? Wenn die Tickets zum Stadion dann so absurd viel Geld kosten, dass einfach hinfahren und feiern keine Option ist?

Da frage ich mich ernsthaft, ob es überhaupt Fans gibt, die ohne Ticket einfach nur die Stadt belagern und dort dann 2-3 Tage feiern. Wenn alles, was eine WM so besonders macht, ausfällt, ist es dann noch eine WM?
Und ja, das Best-Case-Szenario wäre halt eine WM mit mauer Stimmung vor halbleeren Rängen. Denn nur dann könnte sich vielleicht doch noch mal was ändern.

Viel Schlimmer: Das Turnier sollte eigentlich mit einer Triggerwarnung kommen. Also buchstäblich, denn die ganze Nation hat ja den Finger am Abzug.
Die Bedrohung, dass irgendein durchgeknallter die WM nutzt, um wild um sich zu ballern, ist viel zu real. Auch das muss man sich vor Augen führen: Dass der WM Monat ohne Amoklauf abläuft, ist statistisch ausgeschlossen. Denn es gab dieses Jahr schon mehr als 150 davon. 23 mit 4 oder mehr Toten. Könnt ihr euch noch an Columbine erinnern? Es ist mittlerweile so "normal" geworden, dass das in den deutschen Nachrichten gar nicht mehr auftaucht. Es bleibt zu hoffen, dass es zwischen den Amokläufen, die in diesem Land zum Alltag gehören, und den Fanfesten genügend räumlicher Abstand besteht.

Aber jetzt haben die unbehandelten Psychopathen auf einmal die Chance auf eine ganz große Bühne... Lustiger (oder doch eher rassistischer?) Weise macht sich das Kicker-Sonderheft Sorgen darum, dass es im Rahmen des allgemeinen Drogenkrieges in Mexiko zu Vorfällen kommen könnte. Die Tagesschau berichtete vor 4 Monaten. Dass in den USA jeder 15. schon mal einen Amoklauf live erleben durfte, muss man dagegen beim MDR suchen... Nebenbei ist ja auch nicht absehbar, ob ein "Linker", der seine Arztrechnung nicht bezahlen kann, durchdreht... oder ein ICE Agent und MAGA Fanatiker frei dreht. Das Land ist tief gespalten und die Lage hochbrisant. Und da haben wir den senilen Rassisten im Weißen Haus noch gar nicht erwähnt...

Ganz ehrlich: Ich hoffe inständig, dass das ein "PassivesAbseitsLeserwissenesexklusiv" wird. Aber der Rest hat sich ja dafür entschieden, dieses Problem komplett zu ignorieren. Ich will wenigstens offen die Daumen drücken, dass nichts passiert.
Auch hier muss man nochmal den Vergleich zur WM in Qatar ziehen: Solange man da nicht zur LBGTQ+ Community gehörte, war das nicht nur eine günstige, sondern auch eine verdammt sichere WM. Gut, man musste sich damit arrangieren, den Scheiß nüchtern zu gucken, aber das dürfte ja eher zu allgemeinen Sicherheit beigetragen haben. 
Jetzt... ich sage das mal so: Wenn man sich das Turnier vor Ort anguckt, sollte man sich vorher irgendwie darauf vorbereiten, wie man im Falle eine Eskalation reagiert. Die Einheimischen haben da einen klaren Vorteil, für die ist das quasi zum Schulfach erhoben worden...

Das dürfte nebenbei auch Teil des "Bauchgefühls" sein, von dem Rudi Völler gerade gesprochen hat, nachdem der Schiedsrichter aus Somalia nicht einreisen durfte. Wenn ich mit Rudi Völler übereinstimme, muss die Lage wirklich extrem sein...

Und ganz nebenbei führt das Gastgeberland auch noch einen völkerrechtswidrigen Krieg gegen ein Teilnehmerland. Hier ist ein apokalyptisches Szenario für die Fifa: Wenn die USA und der Iran jeweils 2. in ihrer Gruppe werden, treffen die im Sechzehntelfinale aufeinander. Das dürfte dann das erst mal sein, dass 2 gegeneinander Krieg führende Nationen bei einer WM aufeinandertreffen... aber zum Glück ist der Sport ja unpolitisch... 

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