Also eigentlich sollte es "ganz normal" sein.
Es haben sich ja schon einige mit der angeblich so absurden Saison und Situation in der polnischen Extraklasse beschäftigt. Alfie Pots Hammer von noch HITC Sevens zum Beispiel. Lustigerweise sind seinem Manager derartige Videos zu lang. Wir sollten sie also genießen, solange wir noch können.
Die aktuelle Saison ist noch knapper als sonst. Aber dass in Polen die Saison erst im Schlussspurt entschieden wird, ist relativ normal. 2022/23 wurde zuletzt die Meisterschaft frühzeitig entschieden. 2020/21 konnte zuletzt eine Mannschaft den Titel verteidigen.
Das war nebenbei das Ende der Phase, in der Legia Warschau tatsächlich sehr dominant waren und 7 von 10 Meisterschaften gewinnen konnte. Legia war wirklich dicht dran, die Liga zu brechen und die absolute Dominanz zu erreichen. Aber ihnen fehlte dafür ein entscheidender Schritt.
Denn Legia Warschau hat in dieser Phase verpasst, sich in der Champions League einzunisten. Lediglich 2016/17 nahm man an der Gruppenphase teil, bekam also seinen Anteil der richtig fetten Fleischtöpfe. Man konnte aber nur ein einziges Spiel in der Gruppenphase gewinnen, bekam also wirklich nur die Antrittsprämie. Aber es gab ein beachtenswertes 3:3 gegen Real Madrid. In allen anderen Jahren scheiterte man in der Qualifikation.
Das bedeutet ganz praktisch: Die polnische Liga ist nicht "bekloppt", sondern eine der wenigen Ligen, die nicht durch die Millionen der Champion League kaputt gemacht wurde. Und vor der Einführung der Lizenz zum Gelddrucken waren alle Ligen so, wie die polnische gerade ist.
Praktisches Beispiel gefälligst? In der Bundesliga gab es in den 10 Jahren von 1990 bis 99 5 unterschiedliche Meister. Kaiserslautern und Dortmund wurden 2 Mal Meister. Werder Bremen und der VfB Stuttgart je einmal. Und die Bayern holten insgesamt 3 Titel.
Im Jahr 2000 wurde dann die Gruppenphasen eingeführt. Das Teilnehmerfeld wurde auf 3-4 Mannschaften der Spitzenligen erweitert. Dadurch wurde nebenbei sichergestellt, dass Bayern auch in der Königsklasse mitspielt, wenn sie mal nicht Meister werden. Auch wenn dieser Schritt formell gesehen schon 1996/97 vollzogen wurde.
Die logischen Konsequenzen: Während man in den 90ern noch 3 Mal am UEFA Cup teilgenommen hat, musste man seit der Jahrtausendwende nur ein einziges Mal beim "Cup der Verlierer", wie Franz Beckenbauer diesen Wettbewerb nannte, mitspielen. In allen anderen Jahren gab es immer das Königsklassengeld.
Wenig überraschend gewannen die Bayern in diesem Jahrtausend 19 von 26 Meisterschaften. Tendenz steigend.
Das ist jetzt auch keine ganz neue Erkenntnis. Dass die Champions League die nationalen Ligen kaputt gemacht haben, ist ja irgendwie allen bewusst. In Spanien gab es in den letzten 20 Jahren nur noch 3 unterschiedliche Meister. Halt die 3 großen mit Real, Barca und Atlético Madrid, die regelmäßig an der Champions League teilnehmen und dort auch weit kommen. In den 20 Jahren davor waren es mit Bilbao, Valencia, Deprotivo und den 3 großen noch 6 unterschiedliche Meister. In der Serie A sind sie froh darüber, dass die pure Dominanz von Juventus Turin am Ende durchbrochen wurde. Allerdings ist Inter da auf einem relativ guten Weg, eine neue Serie zu starten. Also die werden jetzt das 2 Mal in 3 Jahren Meister und haben zuletzt 2 Mal das Finale der Champions League erreicht. Sie haben also die besten Voraussetzungen um 6 Mal infolge Meister zu werden.
Inter und Juventus waren ja schon mal kurz davor, die Liga komplett zu brechen. Von 2002 bis 2021 teilten die beiden Vereine 17 von 19 Meisterschaften unter sich auf. Juventus musste zwischendurch einen Zwangsabstieg verdauen, hatte aber dank der Champions League einen derart großen Vorsprung, dass das wirklich nur eine kleine Delle bedeutete. Und Italien ist eine Liga, die ja auch 4 Starter in diesem Wettbewerb hat. Trotzdem wurde man lange von 2 Vereinen dominiert.
Nebenbei können wir jetzt live dabei zugucken, wie die Champions League die nächste Liga kaputt macht. Denn für uns als Europäer ist die Geschichte von Bodö/Glimt ein wunderbares Fußballmärchen. Für die Norweger ist es der pure Horror.
An der Stelle muss man hier mal einfügen, dass Glimt nur so gut ist, weil es von Dezember bis Februar zu Hause praktisch unschlagbar ist. Das könnte daran liegen, dass es für jede Mannschaft Europas extrem unangenehm ist, im Winter nördlich des Polarkreises anzutreten. Das ist aber einer der absurden Nebeneffekte der neuen Europacup-Reform. Denn im "Alten System" hatten die Mannschaften aus den eher kälteren Regionen am letzten Spieltag immer ein Auswärtsspiel. Damit gab es von Ende November bis Mitte März einfach keine Heimspiele. Jetzt konnte Glimt Manchester City, Inter Mailand, Besiktas, Maccabi Tel Aviv, Twente Eschede und Olympiakos Piräus im skandinavischen Winter besiegen. Das waren nur die letzten 2 Jahre... Das waren aber alles Ansetzungen, die es im "alten System" nie gegeben hätte. Und ohne den Sieg gegen City hätten sie nicht mal die Zwischenrunde erreicht.
Man muss aber definitiv festhalten, dass dort ein absurd guter Job gemacht wird. Aber auf diese hervorragende Arbeit werden jetzt noch massig Geld gekippt. Dank des Ausscheidens der Dortmunder können wir ja festhalten, dass allein das Erreichen des Achtelfinales zusätzliche 11 Millionen Euro gebracht hat.
Norwegen dürfte sich gerade darüber gefreut haben, dass die Dominanz von Rosenborg Trondheim durchbrochen wurde. Trondheim war der Serienmeister zur Einführung der Champions League. Sie spielten bis 2008 auch noch regelmäßig in der Gruppenphase, verloren dann aber, wie auch der norwegische Fußball insgesamt, den Anschluss. Wie Trondheim das verkackt hat, müsste man wahrscheinlich gesondert studieren, denn sie haben es ja gerade am Ende nicht geschafft, trotz der absurden Millionen die Dominanz aufrechtzuerhalten.
Aber die 13 Meistertitel in Serie wurden 2005 durch Välgerena Fotball Elite durchbrochen. Danach nahm Trondheim noch 2 Mal an der Gruppenphase teil und danach kam ganz lange nichts mehr. Dafür gab es mit Välgreana, Rosenborg, SK Brann, Stabaek Fotball, Molde FK, Strömsgodset IF, FK Bodö/Glimt und Viking FK 8 unterschiedliche Meister in 21 Jahren. Das sind dich polnische Verhältnisse: Kaum war der Champions League Vorsprung von Trondheim aufgebraucht, gibt es einen offenen und spannenden Wettbewerb.
Nur hat Glimt jetzt schon 4 der letzten 6 Meisterschaften für sich entschieden. Und dank der eigenen Leistungen darf man jetzt auch als Vize-Meister an der Champions League Qualifikation teilnehmen. Dass man den letzten Titel knapp verpasst hat, ist also auch egal.
Falls Glimt es jetzt durch die Quali schafft und sich nächstes Jahr wieder für die Champions League Gruppenphase qualifiziert, werden sie mindestens 8 der nächsten 10 Meisterschaften holen. Und die einzige Hoffnung, die die Norweger haben, ist ein Scheitern des eigentlichen Hoffnungsträgers. Denn es ist im Fußball wie in der Wirtschaft: Es gibt keinen "Trickle Down Effect". Es gibt nur ein "Die Reichen werden immer reicher." Und Bodö/Glimt macht gerade den Sprung zu den Reichen.
Um den Bogen zurück zur polnischen Extraklasse zu schlagen: Es ist wirklich faszinierend, wie tief und fest die Indoktrinierung der Champions League nach 25 Jahren ist. Wir halten die Dominanz von einer bis 3 Mannschaften, die die Konkurrenz nach Belieben platt machen für völlig normal. Und wenn wir dann eine an sich gesunde Liga mit ausgeglichener Konkurrenz sehen, nennen wir das "bekloppt". Wir haben alle anscheinend vergessen, dass alle Ligen ungefähr so waren, wie die polnische es derzeit ist. Aber all das hat uns im Endeffekt die Champions League genommen.
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