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Dienstag, 21. Juli 2026

WM Wrap Up: Dass Rudi Völler seinen Job behält

 Der DFB so: Nach diesem Desaster müssen wir gründlich aufräumen. Also behalten wir Rudi Völler... weil das am meisten Sinn ergibt.

Fangen wir mal ganz vorne an: Rudi Völler war sowieso kein Revoluzzer... oder wenigstens ein Reformator. Das ist ein Blitzableiter. Er "gilt als emotionales und verbindendes Element im deutschen Fußball". Das ist eine wunderbar treffende KI Antwort. Die liegt doch nicht immer falsch. Aber wie soll dieser 66 Jahre alter Mann jetzt die nötige Innovation einbringen?

Vor allem ist er ja technisch gesehen Jürgen Klopps Vorgesetzter, musste aber auf dessen Segen warten, um den Job zu behalten. Aber warum sollte Klopp auch nicht mit Völler zusammenarbeiten, der sichert ihm ja eine Wohlfühloase. Der bietet dir vor dem Turnier eine Vertragsverlängerung an. Und dann muss er hinterher deine Entlassung verantworten.

Also das ist eigentlich das Schlimmste: Völler muss sich als leitender Angestellter für die Art und Weise, wie Julian Nagelsmann entlassen wurde, rechtfertigen. Und die können sich das schönreden, wie sie wollen: Wenn man dem Mann und seinem Team 6,8 Millionen Euro bezahlen muss, damit er geht, dann ist er nicht zurückgetreten... sondern dann wurde er entlassen.

Ganz praktisches Beispiel: Die Niederlande sind wenige Stunden nach der deutschen Mannschaft ausgeschieden. Aber Ronald Koeman übernahm wesentlich schneller als Nagelsmann die notwendige Verantwortung. Und weil er wirklich und von sich aus zurückgetreten ist, bekommt er nach niederländischem Recht keine Abfindung. 
Wenn Nagelsmann am Ende wirklich eingesehen hätte, dass er dieses Turnier verkackt hat, wäre er wirklich zurückgetreten. Und dann hätte er auf eine Abfindung verzichtet. Der DFB hat aber noch nicht mal die Eier, das auch offen so zu benennen. Aber gut, wer 2026 Eier zeigt, muss damit rechnen, dass Merz die leckt... da würde ich das auch lassen.

Für diese 6,8 Millionen Euro, die jetzt dem DFB an allen Ecken und enden fehlen, muss Völler sich jetzt eigentlich rechtfertigen. Das wird am Ende Geld sein, welches vor allem dem Breitensport fehlen wird. Da hätte er dann wenigstens dem DFB die 3 Millionen, die ihm bis 2028 überwiesen werden, erlassen können.

Hier muss man auch nochmal festhalten, dass Nagelsmann genug Geld verdient haben sollte, dass er es sich leisten könnte, auf eine Abfindung zu verzichten. Und er wird ja auch zeitnah wieder einen interessanten Job für sich und seine Assistenten finden, bevor einer von denen in ernsthafte Schwierigkeiten gerät. Das Geld wird der DFB aber irgendwo streichen müssen, wo eben keine Millionen in der Hinterhand rumliegen. Also dass Nagelsmann auf dieses Geld besteht, ist richtig eklig.

Für mich ist es sowieso fragwürdig, dass man als Trainer der Nationalmannschaft unbedingt vor dem Turnier seinen Vertrag verlängern muss. Bei Vereinsmannschaften sehe ich es ja ein, dass es schwierig ist, seine Autorität zu erhalten, wenn man nur noch wenige Monate unter Vertrag steht. Das schaffen vielleicht Carlo Ancelotti und Pep GuardiolaJupp Heynckes hat es offensichtlich auch geschafft. Aber das ist schon verdammt viel verlangt. Als Vereinsprofi kannst du aber, wenn du erfolgreich gegen den Trainer gespielt hast, im nächsten Jahr wieder angreifen. Du hast oftmals nach der Entlassung des ungeliebten Trainers doch noch genügend Zeit, zumindest das Minimalziel zu sichern. Und wenn du zu erfolgreich, also Wolfsburg-esque, gegen den Trainer gespielt hast, kannst einfach den Verein wechseln.

Als Nationalspieler hast du im Normalfall 3 Chancen darauf, eine Weltmeisterschaft zu spielen. Wenn es für dich überdurchschnittlich gut läuft. Dazu kommen dann noch 3 Europameisterschaften. Aber mehr als 6 Turniere absolvieren nur die Ausnahmespieler... Dafür muss man 12-15 Jahre auf höchstem Niveau agieren, ohne dass ein jüngerer Spieler auftaucht, der das einfach besser kann. Oder man ist Lukas Podolski und wurde einfach im richtigen Moment geboren. 
Dass man als Nationalspieler ein Turnier wegwirft, nur weil der Vertrag des Trainers nach dem Turnier ausläuft, halte ich für extrem unwahrscheinlich. Ich meine, was hätte denn passieren sollen? Dass Deniz Undav in Interviews gegen die ihm zugedachte Rolle rebelliert? Oder das Leon Goretzka schlechte Stimmung verbreitet, weil er die ihm versprochene Rolle doch nicht übernehmen darf? Oh, wartet, das ist alles passiert, obwohl Nagelsmann's Vertrag verlängert wurde.

Nebenbei hat Didier Deschamps nachgewiesen, dass man eine Ansammlung großartiger Individualisten als Lame Duck souverän und diszipliniert ins Halbfinale führen kann. Aber gut, der hatte vorher auch Erfolge mit der Mannschaft vorzuweisen. 

Das ist nebenbei das andere Problem: Nagelsmann hatte jetzt technisch gesehen für 3 Turniere die Verantwortung. 2 davon waren im eigenen Land. Die EM vor 2 Jahren war in Ordnung und man konnte am Ende dem Schiedsrichter die Schuld am Ausscheiden geben. Aber man hatte den späteren Sieger des Turnieres vor echt schwierige Aufgaben gestellt. Das war zwar ein Schritt in die richtige Richtung, aber ein Viertelfinale ist, gemessen an den deutschen Ansprüchen, eben auch nicht überragend. Und das Nations League Final Four war... nun ja... dürftig. Dort verlor man beide Spiele. Das war ganz sachlich gesehen schon der erste deutliche Fingerzeig, dass die Entwicklung eher rückläufig ist. Denn 2024 war man gegen Spanien 90 Minuten lang auf Augenhöhe. Ein Jahr später konnte man gegen Portugal und Frankreich nur jeweils eine Halbzeit mithalten. Am Ende konnte man sich nebenbei bei Marc-André ter Stegen bedanken, dass man nur mit 1:2 gegen Portugal verloren hat.

Und ein weiteres Jahr später hatte man auf ein Mal Probleme mit Paraguay mitzuhalten. Also das ist ein ganz eindeutiger und stetiger Abwärtstrend, den man da in den letzten 2 Jahren erkennen muss. Den hätte man aber auch bei kritischer Betrachtung schon vor 12 Monaten wahrnehmen können.

Warum musste man den Vertrag überhaupt im Januar 2025 verlängern? Also vor dem Belastungstest Nations League... Warum hat man sich nicht wenigstens ein gewisses Sicherheitsnetz eingebaut? In dem man eine vernünftige und nachvollziehbare Abfindung von 13,12 in den Vertrag schreibt, falls man nicht mindestens das Viertelfinale erreicht. Nach den Erfahrungen der letzten Weltmeisterschaften wäre das doch irgendwie angemessen gewesen.

Und ganz ehrlich: Wenn Nagelsmann das nicht angenommen hätte, weil er, der offen vom Titel gesprochen hat, anscheinend doch Angst vor einem frühzeitigen aus hatte... dann hätten wir wenigstens gleich gewusst, dass er nicht der richtige Mann für den Job ist.  

Ernsthaft: Wäre es nicht mal geil, wenn ein Bundestrainer einen Vertrag unterschreibt, in dem er symbolische 1900 Euro Abfindung erhält, wenn er nicht mindestens das Viertelfinale erreicht? Damit würde dann auch ein Jürgen Klopp vorher ganz klar festlegen, was sein Mindestanspruch an ein erfolgreiches Turnier ist. Und wenn man wirklich extrem unglücklich im Achtelfinale ausscheidet, muss der DFB diese Klausel ja nicht ziehen.

Aber wie gesagt: Dass Jürgen Klopp gerne unter einem Rudi Völler arbeiten will, ist vollkommen nachvollziehbar. Das wird definitiv gut für in sein. Aber das bedeutet nicht, dass es auch gut für den DFB wird.
Aber der DFB ist auch der einzige Verband, bei dem eine gründliche interne Aufarbeitung immer wieder damit endet, dass die Verantwortlichen weitermachen dürfen. Das hat ja bei Jogi Löw und Hansi Flick schon super funktioniert, das wird bei Rudi jetzt auch werden...

Montag, 6. April 2026

Was mich ja an der Undav Debatte so stört

Eines vorne Weg: Die Kommunikation von Julian Nagelsmann kann man kritisieren. Muss man aber nicht. Deniz Undav ist ein erwachsen, Multimillionär und Vollprofi. Wenn Nagelsmann jetzt mit den öffentlichen Ansagen dessen Gefühle verletzt hat, dann muss der das halt ertragen, wie ein richtiger Mann. Macht er ja auch. Aber die Experten im Land weinen für ihn. Und das sehr einseitig.

Wobei man ja auch da ein paar Dinge relativieren muss. Also Nagelsmann hat ja erst intern die zu erwartenden Rollen abgesprochen. Dann hat Undav nach seinem Treffer höhere Ansprüche gestellt und darauf hat Nagelsmann dann ebenfalls öffentlich reagiert. Derjenige, der das Thema also in die Öffentlichkeit getragen hat, war Undav. Und ja ein generisches "Ich will der Mannschaft helfen, egal in welcher Rolle" hätte uns die ganze Debatte erspart.

Wie einseitig die geführt wird, ist aber wieder faszinierend. Ich verlinke hier mal demonstrativ den Doppelpass Zusammenschnitt für die allgemeine Position zur Lage in den deutschen Medien. Nur die TZ hat sich getraut, da eine Gegenmeinung "zu drucken". Dabei ist es nicht nur Julian Nagelsmanns gutes Recht, Undav nur für die Rolle des Jokers einzuplanen... ich würde sogar behaupten, es ist seine Pflicht.

Jetzt komme ich mal mit einer für alle Experten in diesem Land: Die deutschen Schlüsselspieler in der Offensive heißen Florian Wirtz und hoffentlich Jamal Musiala. Auch ich will ja, dass die in Bestbesetzung scheitern... Das sind die talentiertesten und besten "Angreifer", die wir haben. Das sind die beiden, die für Weltklasse stehen. Also absolute und richtige Weltklasse, nicht dieses "Er hat in der Bundesliga viele Tore erzielt, also reden wir uns das ein". Und das sind einerseits keine Mittelstürmer, aber andererseits Spieler, die oft in den Strafraum ziehen.

Vielleicht, absurder Gedanke, versucht Nagelsmann einfach nur, diese beiden in die bestmöglichen Positionen zu bringen. Und den Rest baut er dann drumherum. Und Deniz Undav hat halt eine Heatmap, die sehr zentrumslastig ist. Optimisten sagen: Der hat seine Stärken im Strafraum. Kai Havertz und auch Nick Woltemade können aber auch zurückgezogen aufgestellt werden. Sie sind um einiges flexibler in ihrer Spielgestaltung. Und sie sind halt auch hilfreich, wenn sie gerade nicht treffen. Auf solche Spieler zu setzen, um die Stärken der wichtigsten Spieler zu unterstützen, ist erschreckend vernünftig.

Das ist nebenbei der nächste Punkt, den jetzt viele völlig falsch darstellen. Also es gibt ja genügend Leute, die darauf hinweisen, dass Undav durchaus spät treffen kann und Nagelsmann's "Wenn er vorher 70 Minuten marschiert ist" als widerlegt betrachten. Aber vielleicht hat Nagelsmann einfach andere Erwartungen ans "Marschieren" als ein Sebastian Hoeneß. Fairerweise habe ich zu wenig vom VfB Stuttgart gesehen, um zu beurteilen, wie aktiv ein Undav da pressen muss. Ich kann mir aber durchaus vorstellen, dass man ihm da beim VfB mehr Freiheiten gewährt, weil er für deren Verhältnisse ein überragender Stürmer ist. In der Nationalmannschaft wird er diese Freiheiten nicht bekommen und muss dann wahrscheinlich mehr arbeiten, als er das im Alltag gewohnt ist.

Eines steht ja fest: Undav ist im Abschluss verdammt stark. Aber auch eben nur da. Ehrliche Frage: Wann hat Undav zuletzt ein gutes Bundesliga-Spiel gemacht, ohne zu treffen? Schlagen wir das mal nach. Also als "gut" gilt hier alles, was eine Kicker-Note von mindestens 2,5 hat. Die Antwort lautet: bei der 0:1 Niederlage gegen Heidenheim... in der letzten Saison.

Nebenbei ist es auch wieder faszinierend, wie hier die Bundesliga überhöht dargestellt wird. Ja, Deniz Undav hat in der Liga gerade eine überragende Quote. Schön für ihn und für den VfB. Aber sie sind halt auch gemeinsam im Europacup gescheitert. Am FC Porto. Im Achtelfinale. In der europäischen Zweitklassigkeit. 

In der Königsklasse steht Undav bei einem Tor und einer Vorlage in 6 Spielen. In der Premiere League sind es 5 Tore in 22 Spielen. Wir haben also einerseits einen Kai Havertz, der bei Arsenal, dem englische Tabellenführer, nach langer Verletzung wieder eine wichtige Rolle spielt. Und der bereits nachgewiesen hat, dass er ein Champions League Finale mit einem Treffer entscheiden kann. Der eine hat schon mal auf allerhöchstem Niveau den Unterschied ausgemacht. Der andere trifft nur in der Bundesliga. Jetzt erzählen mir alle, dass der andere unbedingt spielen muss.

Und ja, 2021 ist lange her und Havertz war zuletzt oft verletzt. Aber wenn der Junge bis zum Sommer wieder ins Laufen kommt, ist er deutlich besser als Undav. Dann schadet es nicht, dass er sich zumindest mit Wirtz schonmal einspielen konnte. Und wir haben ja während der letzten EM gelernt, dass auch großartige Spieler sich durchaus einspielen müssen und sich nicht unbedingt blind verstehen.

Vor allem muss man mal eines festhalten: Die Bundesliga ist im internationalen Vergleich nicht wirklich gut. Also Undav war gegen Borussia Dortmund eher grausam als gut. Dortmund ist gegen Atalanta Bergamo in der Zwischenrunde ausgeschieden. Einer Mannschaft, die dann gegen die Bayern komplett chancenlos waren. Was bringt es uns da, dass Undav gegen die restlichen Bundesligisten viele Tore erzielt?

Und ja, das ist eine grobe Vereinfachung, weil Undav ja im Hinspiel gegen Dortmund 3-fach getroffen hat. Es ist also nicht so, dass er nur gegen die Kleinen trifft. Aber Dortmund gehört diese Saison ganz sicher nicht zu den Top 10 Europas. Vielleicht gehören sie nicht mal zur Top 20. Aber sie sind mit Abstand die zweitbeste Mannschaft der Liga. Das bedeutet auch nur: Der Rest der Liga ist froh, wenn er in den Top 30 auftaucht. Aber wenn man als Experte darauf hinweist, dass die Bundesliga, abgesehen von den Bayern, im internationalen Vergleich eher mittelmäßig daher kommt, nimmt man sich seine eigene Relevanz. Also redet man sich lieber ein, dass Undav in die Startelf gehört, weil er in einer mittelmäßigen Liga häufig trifft.

Man muss das nebenbei hier nochmal festhalten: Das ein Star im Vereinstrikot in der Nationalmannschaft nur von der Bank kommt, ist etwas völlig Normales. Also ich nehme hier mal ein wirklich passendes Beispiel, weil wir in beiden Fällen von "Spätstartern" sprechen: Oliver Bierhoff hat vor der EM 1996 17 Tore in der Serie A erzielt. Er wurde trotzdem vor der EM als 3. oder 4. Option eingeplant. Hinter Jürgen Klinsmann, klar. Aber auch hinter Stefan Kuntz und Fredi Bobic. Das sind jetzt im internationale Vergleich nicht die relevantesten Namen. Trotzdem hat am Ende Bierhoff das Finale entschieden, obwohl er vorher 3 Spiele lang nur auf der Bank saß. 

Ihr werdet, gerade im Offensivbereich, wo sich Leistungen leichter erfassen lassen, immer wieder Spieler finden, die sich mit einer wesentlich kleineren Rolle anfreunden müssen. Das vorher klar und deutlich zu kommunizieren, damit sich ein Undav darauf einstellen kann, ist ein vernünftiger Ansatz.

Donnerstag, 26. März 2026

Die Rüdiger Debatte ist so dumm

So unfassbar dumm.

Und im Zentrum steht schon wieder... Mario Basler. Der hat es sich anscheinend zum Ziel gesetzt, Didi Hamann vom Thron zu stoßen. Wenn man auf dem Platz alles erreicht hat, muss man sich jetzt absurde Ziele setzen.

Basler hat jetzt seine DFB-Trainerlizenz zurückgegeben, weil der DFB Rüdiger für die Nationalmannschaft nominiert hat, nachdem der, und jetzt kommt es, als Verteidiger ein hartes Foulspiel begangen hat. Und weil er seine Gegner als Verteidiger gerne provoziert. 

Rüdiger hat sich dazu ja auch geäußert. Und er hat da einen verdammt wichtigen Satz gesagt: "Wir müssen wieder dahin kommen, dass es maximal unangenehm ist, gegen Deutschland zu spielen."

Das ist das völlig bekloppte an dieser Situation: Dieselben Leute, die sonst immer heulen, dass es keine Typen mehr gibt und "wir" zu viele brave Chorknaben haben, wollen jetzt den einen Typen, den diese Truppe hat, nicht im Trikot der Nationalmannschaft sehen.

Ja, Rüdiger provoziert mit teilweise übertriebenen Gesten. Er will seine Gegner einschüchtern. Und er schont weder seinen noch deren Körper. Genau das wollen "wir" doch eigentlich sehen. Genau das hat doch zuletzt so oft gefehlt. Er sagt eigentlich in dem Interview genau das, was "wir" sonst immer hören wollen: "Wir müssen als Einheit so unangenehm zu bespielen sein, dass der Gegner schon im Tunnel keinen Bock mehr hat." Wenn Joshua Kimmich diesen Satz sagen würde, gäbe es tosenden Applaus...

Nebenbei würde ich hier mal eine interessante Umfrage unter den Spielern in Spanien einbauen. Da wird auf die Frage "Welcher Spieler in La Liga wird am wahrscheinlichsten vom Platz fliegen?" (oder, um es verständlicher auszudrücken, wer ist euer Dominik Kohr) mit "Jeder Spieler von Getafe" geantwortet. Das ist in dem Moment wichtig, weil das letzte harte Foul von Rüdiger gegen Getafe war. Vielleicht hat "nur" der anscheinend nach einer Umfrage der Spieler unangenehmsten Mannschaft im Land ganz klare Grenzen gesetzt. So einen Spieler willst du in giftigen Duellen auf deiner Seite haben.

Noch viel lustiger: Während wir eine sinnlose Debatte über das "Sicherheitsrisiko" Antonio Rüdiger führen, fehlt sein Name bei der "Dominik Kohr Umfrage" komplett. Den Spielern, die sich ständig mit Rüdiger beschäftigen, fallen 13 Spieler ein, die laut ihrer Meinung ein größeres Sicherheitsrisiko darstellen. Und wir, die die spanische Liga kaum verfolgen, machen uns dann Sorgen über Rüdiger.

Fun Fact: 3,3 % geben zu, dass es wahrscheinlicher ist, dass sie gegen Real Madrid oder Barcelona vom Platz fliegen, als dass es Rüdiger trifft. Womit sie natürlich den Schiedsrichtern eine gewisse Bevorteilung und Einschüchterung vorwerfen. 

Rüdiger selbst ist nebenbei in seiner Karriere in 600 Spielen 7 Mal vom Platz geflogen. Das ist jetzt nicht übermäßig viel. Vor allem, wenn das viele "Jugendsünden" dabei sind: Seit 2017/18 steht plötzlich nur noch ein einziger Platzverweis in der Vita. Im Pokalfinale gegen Barcelona... In der 123. Minute. 12 Minuten nach seiner Auswechslung.

Also ja, er hat die Arschloch-DNA von Real Madrid voll aufgesogen. Er hat in diesem Moment bewiesen, dass er ein schlechter Verlierer ist. Aber ganz sachlich gesehen ist er seit dem 23.02.2017 nicht mehr "vom Platz geflogen". Er hat aber, mit dieser aggressiven Spielweise, 2 Champions League Titel gewonnen. Jeweils als Stammspieler. 2021 mit einer sehr guten Leistung

Nebenbei, nur der Vollständigkeit halber, ist Rüdiger in 81 Länderspielen noch nie vom Platz geflogen. Er kommt auch "nur" auf 14 Verwarnungen. Und ja, gegen Spanien im Viertelfinale hat er seine 2. Gelbe Karte gesehen und wäre deswegen im Halbfinale gesperrt gewesen... weil er 2 Gelbe Karten in 5 Spielen als Stammspieler in der Innenverteidigung gesehen hat. Hier muss man festhalten, dass Rüdiger in der Situation nur verhindert, das Dani Olmo in den Strafraum durchstartet. Kein böses, aber ein wichtiges Foul. Hier gibt es eine etwas bessere Sicht mit arabischen Kommentar. Man könnte quasi von einem Michael Ballack-esquen Einsteigen reden, wenn man Rüdiger wohlgesonnen wäre: Er opfert sich für die Mannschaft, um eine große Chance zu verhindern... auch wenn das eine persönliche Sperre bedeutet.
Dass es die erste Gelbe Karte fürs Meckern gab, ist da natürlich eher ungeschickt. Aber das war die eine EM, bei der die "Kapitänsregel" plötzlich umgesetzt wurde und da wurde dann nicht nur Rüdiger überrascht.

Noch viel wichtiger: Rüdiger verteidigt im Viertelfinale hinterher trotz der Verwarnung gegen die quirligen Spanier weitere 110 Minuten. Als Julian Nagelsmann in der 80. Minute als Ausdruck der Verzweiflung die Viererkette auflöst und Thomas Müller bringt, geht Jonathan Tah runter und nicht das angebliche Sicherheitsrisiko... Aber Rüdiger lässt auch nach der Auflösung der Viererkette und trotz Verwarnung wenig anbrennen. Es gibt verdammt wenige Verteidiger weltweit, denen man so was zutrauen könnte. 

Warum Rüdiger so kritisch gesehen wird, ist auch logisch: Er ist halt früh ins Ausland gewechselt, anstatt es sich bei den Bayern bequem zu machen. Toni Kroos musste sich ja nach seinem Wechsel auch ständig irgendwelchen Bullshit anhören... Oh und Rüdiger ist schwarz und Muslime, das macht es nicht besser.

Das ist auch wieder faszinierend, weil ja gerade eine Doku über Mesut Özil durch die Öffentlich Rechtlichen geht. Die muss ich auf meine To Do Liste setzen. Özil hat sich ja am Ende öffentlich darüber beschwert, dass er immer der dumme Migrant war, wenn es für die Nationalmannschaft nicht lief. Ich habe ja selber damals aufgezeichnet, wie absurd es war, dass alte weiße Männer ihrem ehemaligen Vorbild für Integration die Kompetenz abgesprochen haben, sich zu diesem Thema zu äußern...

Bei Özil konnte man sich ja wenigstens noch einreden, dass es "Schönspieler" in diesem Land immer schwerer hatten und diese kritische Haltung also relativ normal war. Rüdiger wird jetzt vorgeworfen, dass für kompromisslose Härte und konsequente Zweikampfführung steht. Also die deutschesten Tugenden, die man sich vorstellen kann. Auch Rüdiger ist eines dieser offensichtlichen Beispiele, dass Spieler, die nicht wie eine richtige deutsche Kartoffel aussehen, einen schwereren Stand haben, als ein richtiger Treter Deutscher.

Montag, 8. September 2025

Weniger Qualität bringt anscheinend wirklich mehr Ertrag

 Also als Nadiem Amiri und Maximilian Beier eingewechselt wurden, und dafür der teure Einkauf der Premiere League und ein Champions League Sieger gingen, passierte ja wirklich etwas... Unfassbar.

Aber ich bezweifle nach wie vor, dass man die relativ niedrige Qualität auf dem Platz künstlich verringern muss. Den Luxus konnte man sich 2014 leisten, aber die Zeiten sind vorbei.

Das ist so ein Gedanke, den ich nach meinem letzten Post hatte und jetzt mit euch teilen will: Wer von den aktuellen Nationalspielern wäre 2014 Stammspieler gewesen? Gehen wir mal fix die ideale Startelf vom 7:1 durch: Neuer - Höwedes, Hummels, Boteng, Lahm -  Kroos, Schweinsteiger, Khedira - Özil, Klose, Müller.

Man kann jetzt darüber reden, dass wir immer noch keinen Linksverteidiger haben. Und dass im Finale Christoph Kramer spielte, weil Sami Khedira verletzt ausfiel. Dass Jogi Löw zu seinem Glück auf der Rechtsverteidigerposition gezwungen wurde, weil sich Shkodran Mustafi ebenfalls verletzt hat. Aber das eine richtig gute Mannschaft. Ich hab ja damals schon behauptet, dass diese Mannschaft so gut war, dass selbst Löw den Titel nicht verhindern konnte, obwohl er alles versucht hat...

Was sich ja auch einfach nachweisen ließ: Die 11 Spieler in der Startelf kommen gemeinsam auf 15 Champions League Titel. Die verteilen sich auf 7 Spieler. Also auf die gesamte Karriere gesehen. Dazu standen Hummels und Kevin Großkreutz ein Jahr vor dem WM-Triumph zumindest im Finale. Dem historischen rein deutschen Finale. Die Mannschaft war so gut, dass man einen Spieler, der ein gutes Champions League Finale gespielt hatte, komplett auf der Bank lassen konnte. 6 der 10 Spieler standen in dem schon verlinkten Finale. Toni Kroos fehlte verletzt, es hätten also locker 7 sein können.

Die aktuelle Mannschaft hat Antonio Rüdiger, Serge Gnabry, Leon Goretzka und Joshua Kimmich. Die kommen zusammen nur auf 5 Titel. Da hat ein Kroos alleine mehr... Und die dürfte alle den Höhepunkt ihres persönlichen Schaffens bereits erreicht haben.

Oh und wollt ihr noch eine krasse Statistik: 2020/21 spielten Antonio Rüdiger und Kai Havertz im Finale. Gemeinsam mit, absurderweise, Tino Werner. Im Jahr davor standen die ganzen Veteranen der Bayern im Finale, also Kimmich, Goretzka und Gnabry. Und 2023/24 stand dann wieder Rüdiger im Finale. Gegen Borussia Dortmund. Aber von den Dortmundern, die vor gerade mal 2 Jahren diesen Überraschungserfolg feierten, stand jetzt keiner mehr im Kader. Das liegt natürlich auch an den Verletzungen von Nico Schlotterbeck und Niclas Füllkrug. Es hat aber auch viel mit dem deutlichen Leistungsabfall dieses Kaders zu tun.

Wir könnten also auf eine WM Startformation hinsteuern, in denen 2 oder 3 Spieler in den letzten 5 Jahren im wichtigsten Vereinsspiel der Saison mitgewirkt haben. Je nachdem, wie weit Liverpool kommt. Ganz nüchtern betrachtet ist Florian Wirtz ja, neben Rüdiger, der einzige Kandidat, der bei einem Verein spielt, der dieses Spiel erreichen könnte. Und der wird im Sommer seine erste Premiere League Saison in den Knochen spüren, man sollte also eher darauf hoffen, dass er nicht auch noch in der Champions League weit kommt.

Die Rückkehr einiger Verletzten wird die Situation zumindest verbessern.  Aber trotzdem ist man weit davon entfernt, eine ähnlich gute Mannschaft wie 2014 aufzustellen. Und vor allem werden weitere Verletzungen noch dazu kommen. Davon muss man im modernen Fußball einfach ausgehen. Ganz praktisch fehlte 2014 ein Marco Reus, der vorher zum Spieler der Saison gekürt wurde
Man hat halt doch überraschend viel Qualität verloren. Denn so unglücklich die Nationalmannschaftskarriere eines İlkay Gündoğan verlief: Der hat im Verein nachgewiesen, dass er zur absoluten Elite gehört. Und im zentralen Mittelfeld rückt niemand nach, der Kroos oder Gündoğan wirklich ersetzen könnte. 

Natürlich sollten Jamal Musiala und Florian Wirtz über kurz oder lang Weltklasse repräsentieren. Aber es ist schon zu bezweifeln, dass der Rest des Kaders dieses Niveau wieder oder bis zum Sommer erreichen wird. Und ich rede hier von wirklicher "Weltklasse", und nicht dem Verklären überdurchschnittlicher Spieler, was Matthias Sammer in diesem Sommer angesprochen hat.

Aber bereitet euch schonmal darauf vor, dass uns im nächsten Frühjahr erklärt wird, wie gut Nick Woltemade mit seinen 10 Premiere League Toren doch eingeschlagen ist. Wie schön und wichtig es doch ist, dass Joathan Burkardt in der Champions League mitlaufen durfte. Und natürlich, dass Kimmich im Zentrum ein echter Leader ist. Aber wenn man dann sachlich hinguckt und den Kader mit England, Spanien oder Frankreich vergleicht, sind die gerade deutlich besser und deutlich tiefer besetzt. Denn während die Deutschen stetig auf weniger Qualität setzen, steigt die Qualität dieser Kader immer weiter...

Freitag, 5. September 2025

Läuft ja wie ein Länderspiel

 Also ein Länderspiel der Herren, die Damen würden so was nie anbieten.

Es ist schon faszinierend, dass die Deutsche Nationalmannschaft es trotz der eher katastrophalen letzten 10 Jahre immer noch schafft, neue Tiefpunkte zu finden. Aber dann verlieren die ihr erstes Auswärtsspiel in einer WM-Qualifikation... im 53. Versuch. 

Und es kommt natürlich die erwartbaren Reaktionen. Der DFB muss quasi seine gesamte Abwehr vor rassistischen Äußerungen schützen. Her muss ich dann doch mal einen etwas komplexeren Einschub bringen: Letzte Woche habe ich es tatsächlich geschafft, den Kicker der Vorwoche zu kaufen. Also mit DFB-Pokal Ergebnissen statt Bundesliga. Ich war halt entspannt unterwegs. Das entpuppte sich aber gar nicht als ganz großer Fehlkauf, denn so bekam ich das wunderbar unkritische Interview mit Michael Gabriel als Munition. Der ist Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte und malt ein rosarotes Bild der Fanszene: die alten Hooligans wurden durch eine neue Generation an Ultras verdrängt. Und die sind so viel bunter, diverser und toleranter. Man benimmt sich auch auf Auswärtsfahrten nicht mehr so asozial. In dem Kopf von Gabriel muss das alles echt schön sein.

Das absurde: Das Interview war im selben Kicker, in dem die ganzen rassistischen Ausschreitungen des Pokalwochenendes erwähnt werden mussten. Und hey, vielleicht hat der sogar ein bisschen recht, weil sich die rassistischen Fans mittlerweile lieber in der Anonymität des Internets outen, als im Block. Dass aber keiner von denen ins Stadion geht, halte ich für extrem unwahrscheinlich. Und das es gerade eher schlimmer als besser wird, sollte offensichtlich sein.

Dass Ausschreitungen einfach zu den Relegationsspielen dazugehören, wird auch einfach ignoriert. Und die Anfeindungen und Gewalt, die RB Leipzig Fans auf Auswärtsfahrten erleben durften, wird auch nicht erwähnt. Auch wenn die einfach nicht mehr wegfahren, weil sie einfach nur friedlich Fußball gucken wollen, anstatt im Krankenhaus zu landen. Diese tolerante und diverse Fanwelt bricht sofort in sich zusammen, sobald es sportlich nicht mehr läuft... oder die anderen Anhänger Fans eines Konstruktes sind, welches aus fadenscheinigen Gründen abgelehnt werden muss.

Und jetzt gibt es wieder rassistische Beleidigungen nach einem Länderspiel. Das sind bestimmt nur bedauerliche Einzelfälle

Völlig absurd wird es, wenn Debütant Nnamdi Collins ins Kreuzfeuer der Kritik gelangt. Der gebürtige Düsseldorfer ist 21 Jahre alt. Er wurde vielleicht etwas früh in die Startelf geworfen, schließlich hat er erst eine ordentliche Saison in der Vita stehen. Aber von dem jetzt zu erwarten, dass er funktioniert, wenn Jonathan Tah, Antonio Rüdiger und Joshua Kimmich ihm keinerlei Hilfe geben, ist absurd. Wenn deine erfahrenen Nebenleute so einen Scheiß spielen, ist es praktisch unmöglich als Debütant gut auszusehen.

Der abgesehen von den Rassisten dümmste Kommentar, den ich gesehen habe, war nebenbei ein "Wir sollten die U21 spielen lassen"... während mit Collins und Nick Woltemade 2 der "Helden des Sommers" in der Startelf standen. Nur um zu beweisen, wie wenig sich diese Leute mit Fußball beschäftigen...

Die Frage, warum eine Mannschaft mit Tah, Rüdiger und Kimmich im Zentrum so auseinanderfällt, muss aber gestellt werden. Also bevor jetzt gleich die Forderung nach noch weniger Qualität kommt, muss man festhalten, dass da eigentlich genügend Veteranen und Führungsspieler auf dem Platz standen, um die Slowakai, eine eher drittklassige Mannschaft zu schlagen. 

Bei der Forderung nach weniger Qualität von Julian Nagelsmann muss man auch festhalten: Es ist ein wenig überraschend, wie dünn man gerade besetzt ist:

Im Tor steht gerade aus irgendwelchen Gründen Oliver Baumann. Der ist und bleibt für mich das, was ich einen durchschnittlichen Bundesligatorwart nenne. Der spielt ja auch seit Ewigkeiten in Hoffenheim, weil sich trotz oder wegen deren Achterbahnfahrten niemand für ihn interessiert. Wenn eine der konstant um Europa spielenden Mannschaften wie der SC Freiburg nach einem neuen Torwart sucht, nehmen die lieber einen jungen Niederländer mit Mark Flekken oder den eigenen Jugendtorwart mit Noah Atubolu. Wenn Bayer Leverkusen eine Lösung für ihr Torwartproblem der Vorsaison suchen, nehmen sie ebenfalls Flekken. Wenn Eintracht Frankfurt spontan nach einem Nachfolger für Kevin Trapp sucht, gucken die lieber in Bremen
Und im Ausland interessiert sich auch niemand für den. Jetzt könnte man sich natürlich einreden, dass der aufgrund der tiefen emotionalen Verbindung geblieben ist... aber wir reden von einem Mann, der nach Hoffenheim gewechselt ist. Ich habe da meine Zweifel. Und auch wenn es mittlerweile 11 Jahre her ist und er auch zu alt für einen Standortwechsel ist, so muss man auch festhalten, dass sich in diesen 11 Jahren kein einziger Premiere League Klub für ihn interessiert haben dürfte.  
Versteht mich da nicht falsch: Es ist prinzipiell nichts verkehrt daran, ein durchschnittlicher Bundesligaprofi zu sein. Damit ist man immer noch verdammt gut. Aber gerade im Tor war "verdammt gut" nie ausreichend, um ein Turnier zu spielen. Jetzt könnte er als Stammtorwart ins Turnier gehen, wenn Marc-André ter Stegen seinen Scheiß nicht auf die Reihe kriegt. Er wäre die schlechteste Nummer 1 seit Andreas Köpke 1998. Und er war der einzige Spieler, der halbwegs gut gespielt hat.

Als Außenverteidiger spielten Maximilian Mittelstädt und der bereits erwähnte Collins. Mittelestädt ist für mich auch eher ein Mitläufer, als ein Führungsspieler. Und sein Kicker-Notenschnitt von 3,44 in seiner einzigen Champions League Saison spricht nur bedingt dafür, dass er auf dem höchsten Niveau mithalten kann. Solide, aber halt nicht wirklich gut. Collins ist ein Talent, der wird vielleicht mal gut. Aber das "wird" ist hier der wichtige Teil. David Raum muss, wie ich schon in meiner Saisonvorschau geschildert habe, jetzt nachweisen, dass er mehr als nur ein Mitläufer sein kann. Und klar, die Position des Außenverteidigers ist die unwichtigste, man ist schließlich mit Benedikt Höwedes Weltmeister geworden. Also mit einem Schalker Innenverteidiger. Aber "gut" ist die Auswahl da gerade nicht.

Im zentralen Mittelfeld spielt jetzt doch wieder Joshua Kimmich, obwohl wir eigentlich alle wissen, dass er da die allerhöchsten Ansprüche nicht erfüllt. Als Rechtsverteidiger kann man mit dem die Champions League gewinnen, aber im Zentrum fehlt da einfach ein bisschen was. Neben ihm spielt Angelo Stiller. Das ist auch "nur" ein Spieler für den VfB Stuttgart. Und auch da ist er für mich kein Führungsspieler. Wenn um ihn herum alles funktioniert, qualifiziert man sich für die Champions League. Wenn dann die eigentlichen Führungsspieler zu Bayern und Dortmund wechseln, wird man Neunter. 
Dort findet man auch nur wenig Weltklasse. Und, bei allem Respekt vor Stiller, auch wenig Weltklasse-Potenzial. Also nach der Matthias Sammer Definition, dass wir den Begriff wirklich nur verwenden sollten, wenn es angebracht ist.

Auf der 10 startet dann Leon Goretzka. Ein Spieler, der seit 2 Jahren im besten Fall umstritten beim Rekordmeister ist... und das als 8ter und nicht als kreativer Kopf. Die 10 auf dem Rücken trägt Nadiem Amiri. Der musste nach Mainz fliehen, weil es für Bayer Leverkusen nicht gereicht hat. Natürlich ist er in Mainz ein Unterschiedspieler, aber das ist eben auch nur Mainz. Ich würde jetzt fast behaupten, dass Amiri die schlechteste Nummer 10 aller Zeiten ist, aber Lukas Podolski hat die jahrelang getragen. Aber eigentlich sollte diese symbolträchtige Nummer an einen Weltklassespieler gegeben werden, nicht an einen überdurchschnittlichen Bundesligaspieler.

Rechts neben Goretzka spielt Serge Gnabry, der bei den Bayern genaugenommen auch nur ein Mitläufer und kein Fixpunkt ist. 9 seiner 16 Champions League Tore hat er in der ersten Covid-Saison inklusive Final 4 erzielt. 4 davon in einem Spiel gegen Tottenham. Und natürlicht hübscht er seine Statistik gegen überforderte Bundesligisten auf, aber auf internationalem Niveau wird auch für ihn die Luft schnell dünn.

Ganz vorne stürmt Woltemade, der genau genommen auch nur ein starkes Halbjahr im Lebenslauf stehen hat. Und der, wie jetzt alle richtig festgestellt haben, auch nicht zu dem absoluten Spitzenverein in England gewechselt ist, sondern nur zu panisch mit Geld um sich werfenden Newcastle United. Jetzt muss er erst noch nachweisen, dass er sich in der Premiere League durchsetzen kann.
Immerhin spielt er bei einem der Big 7 und in der Champions League, während sein direkter Konkurrent Niclas Füllkrug im Mittelmaß der Premiere League versunken ist. 3 Premiere League Tore schreien jetzt nicht nach "Hoffnungsträger"...

Dann ist da noch Florian Wirtz, der in seinen wenigen hellen Momenten Weltklasse zumindest aufblitzen ließ. Der ist aber für mich auch der einzige, von dem ich das erwarte.

Um das nochmal zu verdeutlichen: Das sind alles gute Fußballer. Bei einem Kimmich konnte man sich ja sogar einreden, dass der mal Weltklasse war. Und als Ergänzungen zu einer starken Startelf kann der eine oder andere durchaus auch Weltmeister werden. Aber nur mit diesen Spielern ist es unmöglich. Und wenn Wirtz dann einen Scheißtag erwischt, reicht es nicht mal für die Slowakai.

Natürlich sollten Jamal Musiala und Kai Havertz zumindest in der Offensive einiges regeln, wenn die wieder gesund sind. Aber im letzten Turnier hat man deutlich gesehen, dass selbst sich selbst die Übertalente Musiala und Wirtz einspielen müssen. Da dürfte jetzt schon wieder wichtige Zeit verloren gehen, weil die sich bis März nicht sehen werden. Aleksandar Pavlovic sollte zumindest langfristig ein Problemlöser sein. Aber so viele verletzte Hoffnungsträger gibt es gerade auch einfach nicht.

Gegen die Slowakei hätte man trotzdem nicht verlieren dürfen. Aber dieses Spiel macht zumindest mir deutlich, wie dünn die deutsche Mannschaft gerade wirklich besetzt ist: Es gibt am Ende viel zu wenige Spieler, die Weltklasse repräsentieren. Und einigen von denen, die es waren (Antonio Rüdiger hat 2 Mal die Champions League gewonnen, das kann kein komplett Blinder sein), funktionieren im Nationalteam seit Jahren nur bedingt. Das ist ein hochgefährliches Gemisch.

Andererseits... könnte man in der Gruppe auch Letzter werden und sich trotzdem über den Nations League Weg für die WM qualifizieren. Jetzt muss man abschätzen, ob man da die leichteren Gegner findet... 

Donnerstag, 5. Juni 2025

Ein neuer Tiefpunkt ist erreicht.

 Das gab es echt noch nie: Die deutsche Nationalmannschaft verliert gegen Cristiano Ronaldo

Fun Fact: Beim letzten Sieg der Portugiesen traf ebenfalls ein gewisser Conceição. Das ist der Vater von dem Torschützen gestern. Das Spiel habe ich damals noch live gesehen. Ich bin halt auch alt. Um zu verdeutlichen, wie viel Zeit seit dem vergangen ist. Das war VOR Cristiano Ronaldos Zeit. Und die "Das werden wir unseren Kindern erklären müssen" Generation. Jetzt sind wir nach 25 Jahren wieder an diesem Punkt.

Es ist schon faszinierend, dass der Deutsche Fußball in den letzten 10 Jahren immer wieder doch recht peinliche Pleiten produziert hat... aber für Portugal hat es immer gereicht. 

Auffällig ist, wie schnell Deutschland doch wieder im "Lass uns mal lieber schonen" Modus angekommen ist. Praktisches Beispiel: Jamal Musiala. Der wird erst zur Klub-WM wieder fit. Sich jetzt schon mit dem designierten kongenialen Partner in Crime Florian Wirtz einzuspielen, ist doch nicht sooo wichtig. Vielleicht hat Julian Nagelsmann die Hoffnung doch noch nicht aufgegeben, dass die das einfach nächste Saison bei den Bayern machen. Das ist aber eher unrealistisch. 

Wir haben halt schon wieder den Modus operandi erreicht, in dem die Spieler sehr plötzlich wieder abreisen. In dem niemand auch nur das geringste Risiko eingehen will. Während Portugal in Bestbesetzung antritt. Und wer da die ach so lange Saison als Entschuldigung anbringt: Bernardo Silva und Bruno Fernandes spielen in Manchester. Einer der beiden hat das Europa League Finale gewonnen. Einer der beiden hat schon 58 Spiele in den Knochen. Der andere kommt "nur" auf 49, hat aber noch eine Klub-WM vor der Brust. Trotzdem suchen die keine Ausreden, sondern beißen auf die Zähne.

Dabei haben die letzten Turniere doch eindrucksvoll bewiesen, dass auch eine deutsche Nationalmannschaft sich vor den Turnieren einspielen muss. Und dass man jede Gelegenheit nutzen sollte. Und selbst wenn man eine Musiala dann nur auf die Bank oder gar auf die Tribüne setzt: Den jetzt vor Ort zu haben, damit er wenigstens mit Wirtz zusammen trainieren kann, könnte durchaus helfen.

Vor allem, wenn man bedenkt, dass dies wohl auch die einzige Gelegenheit gewesen sein dürfte, wirklich als Mannschaft zu trainieren. Und es ist auch die einzige Möglichkeit, gegen hochwertige Konkurrenz zu testen. 

Denn der Rest des Länderspieljahres besteht ja ausschließlich aus der WM-Qualifikation gegen die Slowakai, Nordirland und Luxemburg. Alles Daten, die zwischen die Bundesligaspiele gepresst werden. Da wird man seine Spieler 7 Tage lang zu Gesicht bekommen. Die meiste Zeit geht fürs Reisen, die Spiele und Promotermine drauf. Und dann sind es nur noch 6 Monate bis zur WM.

Im Sommer 2026 werden wir uns dann wieder wundern, warum die Automatismen zwischen Musiala und Wirtz nicht funktionieren. Didi Hamann wird dann wieder behaupten, dass das gar nicht funktionieren kann, weil deren Spielstil einfach nicht zueinander passt. Dabei sollten hochtalentierte Spieler immer gemeinsame Lösungen finden, man muss ihnen nur die Zeit geben. Und die wenige, verfügbare Zeit möglichst sinnvoll nutzen.

Aber obwohl Deutschland jetzt seit 2016 kein Halbfinale in einem großen Turnier erreicht hat und 2014 sein letztes Halbfinale gewonnen hat, glauben "wir Deutschen" anscheinend immer noch, dass wir es uns leisten können, unsere Starspieler zu schonen.

Und um das nochmal zu verdeutlichen: 5 Turniere infolge ohne Finalteilnahme gab es nicht mal zu den bereits verlinkten, finstersten Zeiten, als Didi Hamann selber noch das Tempo auf dem Platz gedrosselt hat. Wenn ihr jetzt mit einem "Es gibt halt keine Kleinen mehr, der Fußball hat sich so weit entwickelt, dass eine absurd dominante Bilanz, wie sie die Deutschen bei der EM über Jahrzehnte hingelegt haben, nicht mehr möglich ist", sage ich:

Stimmt und genau deswegen müssen die wenigen Gelegenheiten konsequent genutzt werden. Zu Jogi Löws Zeiten konnte man es sich noch erlauben, mit einer C-Elf gegen Dänemark aufzulaufen und trotzdem ein halbes Jahr später das Halbfinale zu erreichen. 

Und das Talent ist ja unbestritten vorhanden. Das war es aber auch bei den letzten verkackten Weltmeisterschaften. Aber die 2 Jahre zwischen den Turnieren im Larifari-Stil anzugehen, kann sich die Deutsche Nationalmannschaft ganz offensichtlich nicht mehr leisten. Und im Sommer werden dann alle wieder entsetzt gucken, wenn die ganzen anderen Mannschaften wesentlich besser abgestimmt und eigespielt auftreten.

Donnerstag, 27. März 2025

80 Millionen der ehrenamtlichen deutschen Bundestrainer sind unfähig.

 Schockierend, ich weiß. Obwohl... da auch 8 von 10 bezahlten Bundestrainern eher scheiße sind, passt das statistisch sogar: Warum sollen die ehrenamtlichen besser sein, als die Profis? Das Absurdeste an der Nations League Woche: Man braucht nur eine viral gehende Szene, um diesen Fakt zu beweisen. Nehmen wir Antonio Rüdigers Aktion gegen Italien. Als er plötzlich bis zum gegnerischen Torwart durchpresste

Fangen wir da erstmal mit den richtig dummen an: den Rassisten. Die sehen hier einen wild gewordenen Affen, der planlos losstürmt und damit das Land in Gefahr bringt. Die Verlogenheit dieser Rassisten kann man ganz einfach offen legen: Wenn Nico Schlotterbeck diese Aktion bringen würde, würden sie das solidarisch feiern: "Der zerreißt sich richtig für die Deutsche Nationalmannschaft! Der setzt bei Rückstand ein Zeichen und rüttelt seine Mitspieler wach und versucht diese mitzureißen! Genau das wollen wir sehen!" Nur halt nicht von einem Schwarzen. Aber prinzipiell wollen wir genau das sehen.

Aber auch die vernünftigen Menschen bekommen Angst, wenn sie diese Pressingsszene sehen: "Jedes Mal, wenn ich so was sehe, rutscht mir das Herz in die Hose!" Denn wenn man keine Ahnung von Fußball hat, sieht man eine potenzielle Gefahrensituation, wenn ein Verteidiger hoch anläuft.

Dabei muss ich an der Stelle zugeben: Mir macht diese Szene auch Angst. Aber hauptsächlich, weil ich offen dazu stehe, ein Anti-Fan zu sein. Ich sehe diese Mannschaft halt gerne verlieren. Dass die jetzt schon solche Aktionen drauf haben, macht mir Sorgen. Denn das beweist, dass sie gut trainiert werden. Und wenn eine talentierte Mannschaft auf einen guten Trainer trifft, verspricht das meistens große Erfolge.

Denn das Wichtigste an dieser Szene ist, dass die deutsche Mannschaft kollektiv auf den Ausflug von Rüdiger reagiert. Leon Goretzka lässt sich direkt ein wenig zurückfallen. Der Rest schiebt mit hoch, sodass hinter Rüdiger kein freier Raum entsteht, der bespielt werden kann. Vor allem dieser Fakt spricht dafür, dass es kein "wilder Ausflug" war, sondern eine abgesprochene Aktion. Denn nur, wenn es vorher Absprachen gab, kann eine derartige Reaktion folgen.

Es gab also das Signal "Jetzt hoch pressen" und Rüdiger war in diesem Moment der "freie Spieler", der dieses Pressing auslösen konnte. Das wurde dann einwandfrei durchgezogen, aber die Italiener konnten sich trotzdem befreien. Sie konnten aber keinen ruhigen Angriff einleiten, deswegen gab es praktisch das "Worst-Case-Szenario": Einen Einwurf tief in der italienischen Hälfte.

Also ich verlinke hier mal demonstrativ einen scheinbar sichereren, aber realistisch viel gefährlicheren Pressing-Versuch: beim Spiel Dortmund läufen gegen Leverkusen hoch an. Aber Julian Brandt geht nur halbherzig drauf, der Raum hinter der Pressinglinie ist schlecht besetzt und ein einziger Pass reicht, damit Bayer plötzlich mit viel Raum auf die Viererkette zulaufen kann. In fast schon logischer Konsequenz fällt das 3:1. 

Obwohl das Pressing von den Angreifern initiiert wird, ist es wesentlich gefährlicher als der Ausflug von Rüdiger, weil eben nicht konsequent und kollektiv gepresst wird. 

Natürlich lässt Deutschland mir noch genügend Hoffnungsschimmer, schließlich haben sie gerade 3 Tore gegen Italien bekommen. Aber der erste Gegentreffer entstand aus einem krassen Fehler um Aufbauspiel. Beim dritten produzierte man einen Elfmeter nach einer Ecke. Lediglich der 2. Treffer wurde tatsächlich von den Italienern heraus gespielt.  Und dort zeigte sich dann: Es ist eher gefährlich, wenn man nicht presst.

Denn in der 2. Halbzeit begann man ja, sich zu schonen. Diese Schonung zeigte sich einerseits in den Wechseln im zentralen Mittelfeld, die eher semigut verkraftet wurden. Aber sie zeigte sich eben auch darin, dass man nicht mehr all die Meter in letzter Konsequenz ging, die man braucht, um ein effektives Pressing aufzuziehen. Das wichtigste hier ist aber: Während der WM wird sich niemand schonen.

Wen man mal bedenkt, wie oft in den letzten 10 Jahren das Wort "Restverteidigung" benutzt wurde, um Gegentore der deutschen Nationalelf zu erklären, ist diese Pressingssituation ein deutlicher Fortschritt.

Montag, 18. November 2024

Um mal wieder mit einem Mythos aufzuräumen: Die Mentalität war "früher" nicht besser

 Das ist ja eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Also die Ansätze dieses Beitrages findet ihr bereits hier. Es wird jetzt nur noch weiter ausgeführt.

Einer der Lieblingsmythen der "Früher war alles besser" Generation sind ja die "deutschen Tugenden". Dieses "Wir waren nie individuell die Besten, aber unsere Mentalität hat uns immer geholfen!" Wir waren immer eine Turniermannschaft... auch wenn das nur ein Mal, bei der WM in Südkorea und Japan 2002 wirklich gestimmt hat. Also das war das einzige Turnier, bei den Deutschland wirklich ihre eigentlichen Möglichkeiten* übertroffen hat.

* Ok, genau genommen hat man "nur" Saudi Arabien, Kamerun, Paraguay, die USA und Südkorea geschlagen. Bei genauerem Hinsehen haben sie gegen den ersten richtigen Gegner verloren, auf den traf man aber erst im Finale... Hat man wirklich besser abgeschnitten als erwartet? Oder hatte man nur extremes Losglück? Alles nur ne Frage der Perspektive.

Nun muss hier erstmal ein Disclaimer rein: Ich nicht alt genug, um die 54er Generation zu bewerten. Das dürfte der einzige Titel sein, bei dem die "Mentalität schlägt Qualität" Geschichte wirklich wahr ist. Das ist aber auch Ewigkeiten her. Es hat sich aber als Gründungsmythos verfestigt, da bekommt man es nicht mehr raus.

Aber schon die 70er Generation... Fun Story: ich hatte letztens im Plattenladen die Neuauflage von Franz Beckenbauers Größten Hits in der Hand. Klar, das sind nur 2 Singles und 4 Songs... aber das sind auch 4 Songs mehr als die aktuelle Generation in der Diskografie hat...
Franz Beckenbauer war halt auch eine Stilikone. Und sie nannten ihn den "Kaiser", weil er auf dem Platz ein Kampfschwein war diese absolute Eleganz ausstrahlte.

Günther Netzer war ein linksgrünversifter Freigeist. Und ein Genie am Ball. Gerd Müller war der beste Abschlussspieler der Welt. Und nebenbei eine Mimose, denn nachdem er ein einziges Mal bei den Bayern ausgewechselt wurde, ist er sofort weggerannt. Das ist die Mentalität, die immer beschrien wird. Denn das war ja die beste und erfolgreichste Fußballergeneration aller Zeiten.

Die 80er wurden von Karl-Heinz Rummenigge geprägt. Einem Menschen, der so bescheiden ist, dass er hier quasi seine eigene Kategorie hat. Bernd Schuster nannten sie den "Blonden Engel", weil er... ähm... so ein Kampfschwein war? Oder er war so eitel, dass er zurückgetreten ist, als ihm nicht seine Wunschposition versprochen wurde. Europameister wurde er trotzdem. Oder genau deswegen.

Die 90er Generation, die ebenfalls Welt- und Europameister wurden, bestand aus Lothar Matthäus und Matthias Sammer gewannen im Jahr der Triumphe jeweils den Ballon d'Or... weil das individuell überragende Fußballer waren. Es waren natürlich auch die letzten Deutschen, die den gewinnen konnten. Während man 1972 noch die ersten 3 Plätze untereinander aufteilte.

Dazu kam ein Andy Möller, der, wenn er nicht gerade mit dem Adler auf der Brust auflief, als Heulsuse verschrien war. Und als Schwalbenkönig. Ein Thomas Hässler funktionierte am besten im Biotop Karlsruhe. Bei den "richtig großen Vereinen" wie Juventus oder Borussia Dortmund konnte er sich dagegen nicht durchsetzen. Beide waren aber auch überragende Techniker und sind Welt- und Europameister.
Jürgen Klinsmann wurde in England "Diver" genannt, was nur bedingt an seinem Torjubel lag, sondern primär am Vorwurf zu schnell zu fallen.

Die 2014er Generation wurde auch von Mesut Özil und Lukas Podolski geprägt. Özil hat so wenig mit "deutschen Tugenden" zu tun, dass er sich mittlerweile öffentlich als Türke geoutet hat. Wenn Poldi einen Funken dieser angeblichen Mentalität gehabt hätte, hätte er sich in München durchgesetzt, anstatt zurück nach Köln zu fliehen. Dasselbe gilt für den Siegtorschützen Mario Götze. Beides waren Spieler, die auf Vereinsebene nie die Widerstandskraft hatten, sich gegen echte Probleme durchzusetzen. 

Und jetzt kommt ihr mit eurem "Ja, aber": Berti Vogts, Guido Buchwald, Dieter Eilts und Miroslav Klose. Ja, natürlich. Natürlich hatte Deutschland auch ihre Mentalitätsmonster, die über ihr eigentliches Talentlevel erfoglreich für Deutschland gespielt haben und damit ihren entscheidenden Anteil an den Titeln hatten. Da kann man in jeder Generation mehrere nennen. Selbstverständlich. Das stellt keiner infrage. Aber, schockierende Neuigkeit, das ist kein deutsches Phänomen.

Der "deutscheste" Spieler bei der WM 1994 war Carlos Dunga, und der führte die brasilianischen Künstler als Kapitän zum Titel. Frankreichs Goldene Generation hatte natürlich einen Zinedine Zidane. Aber es gab eben auch einen "General" mit Didier Deschamps, der im Mittelfeld alles souverän abräumte und dann den 5 Meter Pass auf eben jenen Zidane spielte. Oder einen Lilian Thuram, der sich vor jedem Spiel in Knoblauch einrieb und dann 90 Minuten am Gegenspieler hing. Man hatte mit Marcel Desailly einen Schrank in der Innenverteidigung. Thuram kommt nebenbei auf 2 Länderspieltore in 142 Einsätzen. Desailly auf 3 in 116. Die sind mehr Jürgen Kohler als unserer Jürgen Kohler...  Man wurde mit den Mentalitätsmonstern, aber ohne Topstürmer 1998 Weltmeister. 2000 hatte man dann mit Henry und Trezuguet auch gute Stürmer.

2002 war es für die Brasilianer ein riesiger Schock, als man kurz vor dem Turnier Emerson ersetzen musste. Nicht, weil das ein überragender Techniker war, da hätte man Alternativen gehabt. Aber es war ihr Vorzeigearbeiter und genau deswegen ihr Kapitän. Diese Rolle übernahm dann Kléberson, ein grundsolider Aufräumer, der sich aber nie in Europa durchsetzen konnte. Die gesamte brasilianische Taktik lässt sich nebenbei auf ein "Wir stellen 6 Arbeiter auf, damit Ronaldinho, Rivaldo und Ronaldo zaubern können." Und nutzen Roberto Carlos als Wildcard. Und ja, auch ein Rekordhalter wie Cafu war immer eher ein Arbeiter als ein Künstler. Deswegen ist sein persönliches Highlightvideo auch keine 10 Minuten lang und besteht zur Hälfte aus Tacklings... Aber er konnte sein "gehobenes, aber nicht überragendes" Niveau aufgrund seiner herausragenden Einstellung über Jahrzehnte halten. Klingt schon sehr nach "Mentalität" für mich.

Italien hatte 2006 nicht nur Totti und del Piero, sondern auch Cannavaro und natürlich Grosso. Grosso war nie ein überragender Individualist, lief aber genau in diesem Sommer plötzlich richtig heiß und spielte das Turnier seines Lebens. Und natürlich wurde er vom Feingeist Andrea Pirlo perfekt freigespielt... Aber das wichtigste Tor erzielt eben einer der Arbeiter.

Die Spanier spielten ihre abgefuckte Version von Barcas Tiki Taka und verteidigten das eigene Tor mit dem Ball, bis der Gegner müde wurde. Dann erzielten sie irgendwann das 1:0 und wir feierten das alle als großartigen Offensivfußball. Warum auch immer. Vor allem hatten sie aber auch Charles Puyol und Sergio Ramos in der Innenverteidigung. Sergio Ramos hat es geschafft, in seiner Karriere 29 Mal vom Platz zu fliegen! NEUNUNDZWANZIG. Und das, obwohl er den Großteil seiner Spiele für Real Madrid absolviert hat, wo er im Schnitt 3 Zweikämpfe pro Spiel führen musste. Der nie auf sich oder den Gegner Rücksicht genommen. 

Die "aktuelle" Generation der Franzosen hatte mit N'Golo Kante einen der besten Wasserträger aller Zeiten. Und mit Olivier Giroud den ultimativen "Arsenal-Angreifer", denn der Mann wurde Weltmeister, ohne ein einziges Mal AUFS TOR zu schießen. So aufopferungsvoll spielt nicht mal Miro Klose.

Ihr erkennt einen Trend? Alle Mannschaften, die bei den großen Turnieren große Erfolge eingefahren haben, hatten die perfekte Mischung aus Talent und Einstellung. Sie hatten einige Spieler, die individuell überragend waren und sich ihre Sonderrechte rausnehmen durfte. Diese wurden dann perfekt durch die Arbeitstiere ergänzt, die mit ihrer Einstellung den Künstlern den nötigen Freiraum schaffen. Das könnt ihr auf jede Mannschaft dieser Welt anwenden.

Was passiert, wenn diese Mischung nicht stimmt und man "nur Mentalität" zu bieten hat, konnte man bei den Europameisterschaften 2000 und 2004 sehen, wo es den Deutschen nicht an der nötigen Einstellung, sondern ausschließlich an der fußballerischen Qualität mangelt. Und wenn man nur auf "Qualität" setzt... also die amtierenden Weltmeister Frankreich, Italien, Spanien und Deutschland haben sich bei den Folgeturnieren blamiert. Das lag nicht an der individuellen Klasse. Es ist schon faszinierend, dass die Titelträger 4 Turniere infolge in der Gruppenphase ausgeschieden sind und erst Frankreich 2022 diesen "Fluch" beendete. Das hatte aber jeweils auch viel damit zu tun, dass man es sich in seinem Weltmeistersessel zu bequem gemacht hat und man die Grundtugenden vernachlässigt hat. Und man hat auch die schlechte Angewohnheit, zu lange an den Weltmeistern festzuhalten, auch wenn die mittlerweile nachgelassen habem. Aber auch das ist kein "rein Deutsche Tugend" sondern passiert überall.

Nichts an der deutschen Mentalität und dieser Nationalmannschaft ist irgendwie besonders. Wie alle anderen Nationen müssen sie die perfekte Mischung finden, um sich bei den großen Turnieren zu behaupten. Und wie alle anderen Nationen gehen sie nach einem Triumph durch ein Wellental, weil sie es verpassen, die alten Weltmeister rechtzeitig auszusortieren. Das war schon immer so und wird auch immer so bleiben.

Dienstag, 8. Oktober 2024

Bekommt Deutschland ein Torwartproblem?

 Wenn nicht jetzt, dann gleich?

Die Verletzung von Marc-André ter Stegen zeigt uns gerade, dass die Torhüterposition überraschend dünn besetzt ist. Also, das muss dazu gesagt werden, für deutsche Verhältnisse... Denn zum ersten Mal seit Ewigkeiten sitzt kein Weltklassemann auf der Bank oder steht im Tor.

Klingt übertrieben? Aber guckt euch mal die Liste der Torhüter an. Dann nehmt die "Eintagsfliegen", die bei den Testspielen der C-Mannschaft gegen Dänemark ran durften... dann bleiben wir bei:

Sepp Meier: Welt- und Europameister. 3-maliger Champions League Sieger. Der Beste seines Faches.

Toni Schumacher: Stand in 2 WM-Finalen, Europameister, Deutscher Meister mit dem 1.FC Köln. Laut Kicker Rangliste 9-mal Weltklasse und 6-mal innerhalb von 7 Jahren "Torwart des Jahres". Oh und Zweitbester Spieler der WM 1986 als Torwart.

Bodo Illgner: Weltmeister, zweiter bei der EM, zweifacher Champions League Sieger mit Real Madrid.

Andreas Köpke: Europameister. Aber die eine Ausnahme, weil er die Angewohnheit hatte, sich für richtig schlechte Vereine zu entscheiden, weshalb er alleine 7-mal abgestiegen ist. Am besten lässt sich seine Karriere mit dem gescheiterten Doppelwechsel zum VfB Stuttgart und Barcelona zusammenfassen. Aber...

Oliver Kahn saß 1996 schon auf der Bank. Er hätte 1998 schon im Kasten stehen müssen, weil er spätestens da der bessere Torhüter war. Er legte eine legendäre Karriere hin und wurde, was vor 2006 eigentlich unvorstellbar war, nach der Karriere sogar sympathisch. 

Jens Lehmann war so gut, dass er einen Oliver Kahn verdrängte... weil er in der gesamten Champions League Saison kein einziges Gegentor kassierte. Wenn Arsenal ein Gegentor schlucken musste, stand immer Ersatzmann Manuel Almunia im Tor. Er war Teil der "Invincibles", verlor also mit Arsenal in der gesamten Premiere League kein einziges Spiel. Oh und Lehmann gewann den UEFA Cup mit Schalke und wurde Meister in 3 Ländern. Nach der Karriere ging er den gegensätzlichen Weg zu seinem jahrelangen Konkurrenten Kahn und entpuppte sich als Arschloch.

Danach kam schon Manuel Neuer, der das Torhüterspiel auf ein völlig neues Level gehoben hat. Bis zu seinem Skiunfall war der man ein Jahrzehnt lang sehr konstant Weltklasse.

Auf ihn folgte nach Jahren auf der Bank, ter Stegen, der in vielen anderen Ländern schon 100 Länderspiele auf dem Buckel hätte, aber nie an Neuer vorbeikam.

Wenn man sich also, wie 1998, gegen einen Weltklasse-Torhüter entscheiden wollte, konnte man den auf die Bank setzen. Aber keinen einzigen zur Verfügung haben... das gab es seit den 70ern nicht mehr. 

Jetzt steht, bei allem Respekt, Oliver Baumann im Tor. Ein guter Torhüter. Gehobener Bundesligadurchschnitt. Der ist aber auch schon 34 und wird niemals mehr als gehobener Bundesligadurchschnitt sein. Bernd Leno hat abgesagt, weil er zu alt für die Bank ist und er, sachlich gesehen, eh für kein Turnier infrage kommt. Janis Blaswich wurde als Nummer 3 nominiert, obwohl er in Salzburg stark in der Kritik steht... und sein ehemaliger Verein aus Leipzig ungeschlagen ist, seitdem er durch Péter Gulácsi ersetzt wurde. Ein Paradebeispiel für den Einfluss eines guten Torhüters auf den Erfolg einer Mannschaft. 

Als "junger Hoffnungsträger": Alexander Nübel. Der ist auch schon 28. Er hat bisher eine starke Saison beim VfB Stuttgart im Lebenslauf stehen. Ersteht aber jetzt schon bei 11 Gegentreffern in 6 Spielen. Und er muss sich anscheinend erstmal hinter Baumann anstellen, was Julian Nagelsmanns erster Fehler sein dürfte.

Vielleicht entwickelt sich Nübel noch zur Weltklasse. Aber mit 28 ist er es noch nicht. Internationale Klasse würde ich ihm geben, aber zu den Besten fehlt ihm noch ein Stückchen. Und der ist jetzt der designierte Thronfolger, falls ter Stegen nach der WM in den Ruhestand geht... Bei allem Respekt: Er ist der schlechteste Herausforderer, den Deutschland seit 1996 hatte.

Hier kommt aber das eigentliche Problem: Es kommt so richtig auch keiner nach. Die Lage ist so schlimm, dass Werder Bremen sich einreden wollte, dass Michael Zetterer nominiert werden könnte. Ein Torhüter, der sich erst mit 28 Jahren in der Bundesliga durchsetzen konnte. Kevin Trapp ist auch schon verdammt alt und hat sich auf höchstem Niveau, also bei Paris St. Germain, nicht durchsetzen können. Robin Zentner ist ein Torhüter für den Abstiegskampf. Kevin Müller hat seine erste Bundesligasaison gespielt... mit 33 Jahren. Moritz Nicolas hat letzte Saison die Chance, einen ebenfalls nicht überragenden Jonas Omlin zu verdrängen, nicht wirklich genutzt. Nicolas ist 26. 

Noah Atubolu zeigt sich immer wieder verdammt inkonstant. Für den SC Freiburg kann der, wenn er will, 15 Jahre im Tor stehen, aber ich sehe da keinen angehenden Weltklassetorhüter. Der ist aber, im Gegensatz zum Rest, wenigstens noch jung. Er ist aber auch der einzige deutsche U25 Keeper. Der muss also, Stand jetzt, 2026 oder 2028 übernehmen. Also das ist dann alternativlos. Das ist der Pfad, auf dem sich die Torhüternation bewegt.

Wirklich aufgefallen ist mir das vor ein paar Wochen, als Kaua Santos für Kevin Trapp übernehmen musste. Ich dachte mir da: wirklich? Die müssen ihren Ersatztorwart aus Brasilien importieren? Haben die extra einen Scout nach Flamengo geschickt, um nach Torwarttalenten zu suchen, anstatt sich im Ruhrpott umzugucken? Findet man keinen halbwegs brauchbaren Torhüter in der Region? Anscheinend nicht. Das kann kein gutes Zeichen für die Jugendarbeit sein.

An der Stelle muss ich zugeben, dass die Eintracht letzten Sommer Diant Ramaj für 5 Millionen an Ajax Amsterdam abgegeben hat, damit der da irgendwann Stammtorwart werden kann. Aktuell vertraut man da aber eher dem 40-jährigen Remko Pasveer. Ramaj war zum Ende der letzten Saison verletzt, dass er jetzt aber nicht an einem alten Sack vorbeikommt, ist kein gutes Zeichen. Aber mit einem Marktwert von 18 Millionen ist er, laut Transfermarkt, der zweit-wertvollste deutsche Torwart... nach dem verletzten ter Stegen.

Das einzige, worauf man sich immer verlassen konnte, waren Weltklasse Torhüter. Selbst wenn einer verletzt ausfallen sollte, stand sofort der Nächste bereit. Wenn die Karriere eines Rene Adlers durch zu viele Verletzungen ausgebremst wurde, kam sofort ein Neuer nach. Selbst ein für die Nationalmannschaft völlig irrelevanter 4. Torwart wie Bernd Leno wäre in England als Nummer 1 im Gespräch gewesen. 

Jetzt läuft alles auf das Duell Atubolu gegen Ramaj aus. Es gibt kaum noch hoffnungsvolle Talente. Während Neuer, Adler, ter Stegen und Leno mit Anfang 20 den Durchbruch in der Bundesliga geschafft haben, sind die Ersatztorhüter mittlerweile 28. Die Hälfte der Bundesliga-Torhüter kann gar nicht für Deutschland auflaufen (oder, im Fall von Neuer, will nicht mehr). Ein 34-Jähriger gibt sein Debüt mit dem Adler auf der Brust...

Da sieht man mal, wie krass es gerade im deutschen Tor bergab geht.

Donnerstag, 5. September 2024

Die andere lustige Frage in der Ausgabe

 ging an Manuel Neuer: "Gibt es ein Spiel, das sie gerne noch mal spielen würden?" Und die Antwort lautet: die EM Halbfinale 2012 und 2016...

Nicht das dritte Gruppenspiel der WM in Russland gegen Südkorea, obwohl das viel mehr Sinn ergeben würde. Also lieber nochmal die an sich ordentlichen Turniere nachspielen, als das historische Verkacken korrigieren. 

Aber das fällt ja gerade extrem auf: Über die letzten Weltmeisterschaften wird einfach nicht mehr geredet. Nicht nur das: Die Turniere werden bei der Bewertung der Weltmeister-Generation völlig außen vor gelassen. Natürlich wäre es auch unangenehm, beim großen Abschiedsinterview nach den absoluten Tiefpunkten zu fragen. Kritischer Journalismus würde aber genau das machen. Aber so was gibt es ja beim Kicker nicht.

Wenn man sich mit einem souveränen Sieg gegen Südkorea als Gruppenerster durchgesetzt hätte, wäre der Gegner im Achtelfinale aus der Schweiz gekommen. Da hätte man sich doch noch ins Viertelfinale schleichen können, wo es gegen England ging. Da hätte der Mythos der Turniermannschaft eingesetzt. 2014 war man schließlich auch erst ab dem Viertelfinale wirklich gut...

Aber gut, so ein Halbfinale ist natürlich traumatisierender. 

Die Turniere zwischen 2016 und 2024 werden ja aber allgemein einfach ausgeblendet. Also zumindest für die jetzt endgültig ausgeschiedene Weltmeister-Generation. Ein Joshua Kimmich muss sich damit immer noch bei jeder Gelegenheit rumschlagen. Wenn er in 2 Jahren nicht Weltmeister wird, werden wir bei ihm immer als Erstes ans Vorrundenaus denken... İlkay Gündoğan hat diesen Kampf jetzt ja aufgegeben. Aber sein wir ehrlich: Bei Kimmichs Abschiedsinterview werden die verkackten Turniere angesprochen werden.

Es fordern jetzt ja auch verdammt viele ein Abschiedsspiel für Thomas Müller. Dass der theoretisch nach der EM 2014 hätte zurücktreten können... oder spätestens nach dem 2. Vorrundenaus, welches er als Stammspieler miterlebt hat, zurücktreten müssen. Bei der kritischen Zählweise kommt der auf 50 Abschiedsspiele. Und ein letztes Abschiedsturnier. 50 Spiele, in denen er nebenbei als Offensivspieler wenig bis nicht für die Nationalmannschaft geleistet hat.

Um das nochmal zu verdeutlichen: Müller und Neuer waren Stammspieler bei der WM 2018 und 2022. Sie tragen als Führungsspieler eine elementare Verantwortung für diese katastrophalen Turniere. Trotzdem bringt sie niemand mit diesen Turnieren in Verbindung. Wer so viel Scheiße baut, ohne dass irgendwas hängen bleibt, sollte dringend in die Politik gehen. So viele Gelegenheiten zum Rücktritt lassen sonst nur CDU Politiker aus.

Wirklich absurd wurde es, als es Tage vor dem Rücktritt ja hieß, dass Neuer immer noch der Beste ist. So unsachlich ist die Debatte über diesen Torwart mittlerweile. Und dann zählt man alle Fehler, die er vor dem Turnier gemacht hat, auf und verdeutlicht damit, dass er eigentlich vorher auf die Bank gehört hätte... und dann kommt ein "Ja, aber vor dem Patzer gegen Real Madrid hat er doch gut gehalten."

Dabei habe ich höchsten Respekt davor, dass Neuer sich nach seiner schweren Skiverletzung wieder zurückgekämpft hat. Das wird natürlich auch im Interview erwähnt. Und 4 Seiten später wird dann darüber sinniert, wie weit weg Sepp Meier wäre, wenn sein Autounfall nicht die Karriere über Nacht beendet hätte.

Neuer hatte, obwohl er quasi alles gewonnen hat, den Ehrgeiz, sich zurückzuquälen. Davor habe ich den höchsten Respekt. Und darauf kann man als Nationaltrainer durchaus auch bauen. Als Ersatzkeeper kann man da wunderbar moralischen Support für die Mannschaft spenden. 

Aber Neuer hat halt auch seit seinem Comeback eine eklatante Schwäche: Er lässt zu viele Bälle, die er früher festgehalten oder zur Ecke geklärt hätte, nach vorne prallen. Damit ist es ausgeschlossen, dass er noch "der Beste" sein kann. Denn wenn man diesen Titel, den Neuer ja auch lange genug gehalten hat, innehaben will, darf man sich keinerlei Schwächen erlauben.

Ich habe hier ja bereits mehrfach ausgeführt, dass alle Torhüter sich mit einem Idealbild von Manuel Neuer vergleichen müssen. Also alle, außer Neuer selbst. Da wird selbstverständlich davon ausgegangen, dass er immer noch so gut ist, wie er damals war, auch wenn die Faktenlage ein anderes Bild aufzeigt.

Aber gut, das ist jetzt ja nur noch das Problem der Bayern. Die werden Neuer jetzt so lange spielen lassen, wie er will. Er wird noch den einen oder anderen Meistertitel einfahren, weil die Bayern in der Bundesliga einfach zu dominant sind, als dass seine einzelnen Patzer einen Unterschied ausmachen. Und in der heißen Phase der Champions League gucken dann alle entsetzt, wenn er wieder patzt...

Dienstag, 11. Juni 2024

Lasst uns mal über Torhüter reden

 Also über die Deutschen. Und wie absurd, aber irgendwie auch normal, die derzeitige Situation ist.

Dafür müssen wir erstmal mit einem Mythos aufräumen. Nämlich dass es Torhüter schwerer haben, weil ja jeder Patzer direkt zu einem Gegentor führt. Das stimmt nicht. Das Problem hierbei ist: Wenn ein Fehler nicht zu einem Treffer führt, nennen wir das nur anders: "Kleinere Unsicherheit" zum Beispiel. Wenn zum Beispiel bei den letzten beiden, quasi identischen, Patzern von Manuel Neuer gegen Real Madrid und Griechenland einem eigenen Verteidiger und nicht dem Stürmer vor die Füße fällt, gibt es halt Eckball und nicht Anstoss. Da Manuel Neuer aber exakt dasselbe macht, begeht er auch denselben Fehler.

Oder wenn ein Torwart nicht konsequent genug rauskommt, der Kopfball aber am Tor vorbei geht. Oder wenn er einen sicher haltbaren Ball doch zur Ecke abwehrt. Wenn er den Ball bei der Spieleröffnung ins Seitenauß statt auf den Flügelspieler schlägt... das sind alles "Fehler", die es aber in keine Zusammenfassung schaffen.

Richtig ist: Der Torwart steht oft am Ende der Fehlerkette. Es ist eher selten, dass jemand seine Fehler noch ausbügelt. Das geht Innenverteidigern aber auch so.

Kommen wir jetzt also zur Lage im Deutschen Tor... wo wir uns zum ersten Mal seit 2008 Sorgen machen dürfen. Derzeit ist es erschreckenderweise das realistischte Szenario, dass Deutschland nach einem Neuer Patzer ausscheidet. 

Für den Kontext: 2008 hatte Jens Lehmann vor dem Turnier seinen Stammplatz bei Arsenal aufgrund einer Verletzung verloren und ihm fehlte die regelmäßige Spielpraxis. Das war das letzte Mal, dass kein verifizierter Weltklassetorhüter im Kasten stand. 

Jetzt hat Neuer dieses Niveau zuletzt eher selten nachgewiesen... Marc Andre ter Stegen aber schon. Also zumindest kommt das aus Spanien hier so an, bei Barca sollen alle sehr zufrieden mit ihm sein. Aber Neuer hat halt den besseren Ruf. Deswegen steht der schlechtere Torhüter im Kasten. Und wer das infrage stellt, guckt halt mit einem völlig verklärten Blick auf die Leistungen.
Also nur um das nochmal festzuhalten (oder in Neuers Fall genau eben nicht): Neuer hat zuletzt gegen Real Marid, Hoffenheim und Griechenland Gegentore verschuldet und gegen die Ukraine so krass gepatzt, dass alle darüber reden, obwohl gar kein Gegentor gefallen ist. ter Stegen hat dagegen eine sehr souveräne Saison gespielt.

Die einzige offene Frage ist ja, ob ter Stegen nicht schon bei der letzten WM der bessere Torhüter war.

Aber ich habe mich hier ja ausführlich darüber ausgelassen, dass es ja auch bei den Vereinen selten einen echten Konkurrenzkampf gibt und dass man aus Prinzip an der Nummer 1 festhält, obwohl es bessere Optionen gäbe. Aber nach diesen Optionen schaut man sich gar nicht erst um. Und ja, Marcel Schuhen ist auf dem Markt, es will ihn aber niemand haben.

Genau das passiert halt auch in der Nationalmannschaft. Also beinah immer wieder. Es war ja damals eine Sensation, dass Jürgen Klinsmann vor der WM 2006 wirklich einen offenen Zweikampf im Tor ausgerufen hat. Und es war ein Skandal, als er sich für Spieler, der eine historisch gute Champions League Saison spielte, entschied... und gegen Oliver Kahn. Also für noch mehr Lehmann Kontext: Der kassierte damals in der K.O. Phase kein einziges Gegentor, weil er beim Stand von 0:0 unglücklicherweise vom Platz flog... Dem Schiedsrichter war die weiße Weste wichtiger, als der Vorteil für Barca, die garantiert das erste Tor erzielt hätten, wenn er das Spiel nicht unterbrochen hätte.

Kahn war jedenfalls der letzte Torhüter, der seinen Stammplatz in der Nationalmannschaft verloren hat. Alle anderen treten einfach irgendwan zurück. Deswegen ist es auch gar nicht so ungewöhnlich, dass der bessere Torwart auf der Bank platz nimmt.

1994 nannte Berti Vogts es einen Fehler, auf Bodo Illgner gesetzt zu haben und nicht auf Andreas Köpke. Aber Illgner war Weltmeister, so jemanden setzt man nicht auf die Bank. 1998 war es dann Köpke, der spielte, obwohl Oliver Kahn der bessere Torhüter war. Aber Köpke war halt Europameister, so jemanden... Beide Turniere endeten im Viertelfinale.

Aber warum sollte man von den Fehlern der anderen lernen, wenn man selber die selben machen kann? Ist doch viel spannender so.
Was mich daran aber am meiten fasziniert: Wenn Neuer dann im (der Gastronom in mir ist optimistisch) Viertel- oder Halbfinale kritisch patzt, werden alle entsetzt gucken. DAS war ja so nicht zu erwarten... obwohl es sachlich gesehen eher eine Überraschung wäre, wenn Neuer fehlerfrei durchs Turnier kommt. Diejenigen, die es wirklich mit Deutschland halten, sollten eher hoffen, dass er nicht in einem kritischen Moment patzt...

Aber das ist ja das andere Phänomen in diesem Land, welches hier auch schon ausführlich dargelegt wurde: Alle Torhüter außer Neuer müssen sich mit dem Mythos aus dem Jahr 2014 messen. Damals hat er das Torhüterspiel auf ein neues Niveau gehoben. Und es stellen nur ein paar Buffon-Groupies infrage, dass Neuer von 2014 bis 2020 der beste Torhüter der Welt war. Niemand stellt infrage, dass er als einer der Besten aller Zeiten in die Geschichte eingeht. Aber am Ende wird sich der eine oder andere eingestehen, dass er ein paar Jahre zu spät aus der Nationalmannschaft zurückgetreten ist. Denn mit dem 2014er Mythos kann er selber seit einigen Jahren nicht mehr mithalten. Er ist aber auch der einzige, der sich nicht mit diesem Mythos messen muss.

Montag, 3. Juni 2024

Das war ja eine riesige Überraschung

 Also nicht, dass Real Madrid das Ding humorlos mit 2:0 gewinnt. Das war irgendwie abzusehen. Natürlich war Dortmund 60 Minuten lang die bessere Mannschaft... aber so spielt Real halt. Und das nicht erst seit gestern.

Aber die eigentliche Überraschung ist ja, dass in einem Land, in dem zu Gigi d'Agostino rassistische Parolen gesungen werden, 21 % der Menschen eine "arischere Nationalmannschaft" sehen wollen. 

Was nebenbei auch bezeichnend für die Diskussionskultur in diesem Land ist: Das Lied steigt auf Platz 1 in den Charts ein, worüber sich in sozialen Netzwerken unter anderem die AfD freut, während die Doku niemand sieht. Aber trotzdem äußert sich jeder zu dieser einen Statistik. Dabei sollte jeder, der sich dazu jetzt irgendwie äußert, erstmal die Doku sehen.

Nebenbei ist das ja auch nur ein Teil der Vorberichtserstattung zur EM im eigenen Land. Also es ist nicht nur so, dass die beim WDR diese eine Doku zum Thema Rassismus gemacht haben, sondern dass sie gerade dabei sind, die Nationalmannschaft, ihre Rolle und die hoffentlich großartige Heim-EM aus mehreren Perspektiven zu beleuchten.

Und Phillip Awounou hat sich halt mit der integrativen Kraft beschäftigt. Die Doku beginnt deswegen mit der Berufung von Gerald Asamoah und dessen ersten Tor. Und wie der als erster in Afrika geborene deutsche Nationalspieler auch ein Türöffner für eine buntere Generation war. Das, was in Frankreich, England oder den Niederlanden seit Jahrzehnten völlig normal war, kam tatsächlich auch in Deutschland an. Und es wird die wunderschöne Geschichte erzählt, was für Auswirkungen diese Nominierung für Menschen mit Migrationshintergrund hat. Und dann wird erzählt, wie sich diese Geschichte mit Nicole Anyomi bei der EM 2022 wiederholt wurde. Nur dieses Mal halt für junge Mädchen mit Migrationshintergrund. Das ist diese integrative Kraft des Fußballs, von der immer alle schwärmen. Einer der Schlüsselsätze ist "Da sieht man mal, wie wichtig Repräsentation ist."

Die Generation danach hatte einen wesentlich stärkeren Migrationshintergrund, wurde aber trotzdem oder gerade deswegen Weltmeister. Und sie stand damals auch für ein "neues Deutschland". Weil die Integrationsbemühungen, die laut Doku erst in den 90ern ernsthaft angegangen wurden, Früchte trug. Und jetzt haben wir eine Nationalmannschaft, der man das nicht unbedingt ansieht, weil es halt noch ungewohnt ist, die aber komplett aus Deutschland kommt. Die wurden allesamt in Deutschland geboren.

Die 2014er und die jetzige Generation bildet die aktuelle deutsche Gesellschaft wesentlich besser ab, als die 2006er-Generation. Auch wenn gerade die 2014er-Generation um Mesut Özil nachweist, dass Integration auch keine lineare Entwicklung ist. Und ja, es wird in der Doku auch über Özil geredet. Und darüber, dass İlkay Gündoğan auch auf dem ominösen Foto drauf war, damit aber einfach wesentlich besser umgegangen ist.

Nebenbei muss an der Stelle noch ein wichtiger Einschub dazukommen: 2006 wurden 9 der 13 Tore von Spielern erzielt, die nicht in Deutschland geboren wurden: Miroslav Klose, Lukas Podolski und Olivier Neuville. Nur sind das eben Menschen, bei denen man es am Namen raushört und nicht am Gesicht erkennt, dass die nicht in diesem Land geboren worden sind. Da kann man das wesentlich leichter ignorieren. Aber es gibt nach wie vor die Legende, dass Klose und Podolski auf dem Platz auf Polnisch kommuniziert haben. Trotzdem gilt das für einige als die letzte richtige Nationalmannschaft.

Und damit sind wir dann bei der ominösen Umfrage, auf die diese Doku jetzt reduziert wird. Da wurden halt in Thüringen, wo die Deutsche Mannschaft ihr Trainingslager bezieht, Menschen interviewt. Und dabei kamen dann auch die "Du bist ja kein richtiger Deutscher, dazu gehört eine helle Haut" Aussage. Und die "mehr weiße Spieler" Aussage. Wobei hier auch wichtig ist, dass dies nicht die einzige Aussage der Thüringer ist, es gibt auch viele positive Stimmen in der Doku. Der WDR wollte dann halt wissen, ob das ein verwirrter Einzeltäter war, oder ob diese Meinung weiter verbreitet ist, als wir uns eingestehen wollen. Deswegen mussten sie die Umfrage in Auftrag geben. Jetzt kann halt keiner mehr behaupten, dass das ein dummer Ossi war... Ist unangenehm, ist aber auch wichtig.

Nebenbei wird am Ende festgestellt, dass die Gesellschaft viel liberaler geworden ist, aber dass die Ränder dieser Gesellschaft auch dank des Megaphons namens Internet viel lauter geworden ist. Die entlassen uns also mit einem "Es hat sich einiges getan und auch verbessert" Gefühl.

Was ich jetzt ja faszinierend finde: Dass sich Joshua Kimmich und Julian Nagelsmann zur Doku äußern, obwohl sie die offensichtlich nicht gesehen haben. Denn dann hätten sie ja ein kompletteres Bild zur Doku zeichnen können. Das ist vor allem faszinierend, weil sie da einen echten Experten zur Hand hätten. Jemanden, der die Doku nicht nur gesehen hat, sondern der selber für die Doku interviewt worden ist. Denn Jonathan Tah spielt eine nicht ganz unwichtige Rolle. Der hätte also das komplette Bild besser nachzeichnen können. Und anstatt irgendwas von "Spaltung vor der EM" zu labern, hätte er erklären können, wie wichtig die Doku ist, aber dass sie auch eindeutige Fortschritte darstellt. Und spätestens am 2. Tag hätte man ja ahnen können, dass da nochmal nachgehakt wird.

Dabei ist das Kimmich Statement an vielen Stellen sogar gut. Aber gerade das "Wenn man überlegt, dass wir kurz vor einer Heim-EM stehen, dann finde ich es absurd, überhaupt so eine Frage zu stellen." muss man halt sehr kritisch sehen. Und Nagelsmann stößt ja ins selbe Horn. Als Reporter kannst du die rassistischen Aussagen halt nicht aus deiner Doku streichen, auch wenn das für alle bequemer wäre. Und natürlich sind 21 % schockierend viele. Aber diese Zahl verdeutlicht auch nur, wie wichtig es ist, dass wir darüber diskutieren. Sich da jetzt wegducken und das Problem ignorieren, ist keine Option. Und auch wenn sich in diesem Land einiges getan hat, verdeutlicht die Doku, dass es auch noch einiges zu tun gibt.

Montag, 25. März 2024

Das traurigste ist ja, dass sich der Hass jetzt so offenbart.

 Das alles ohne irgendwelche Hemmungen. Und immer auf Kosten von Minderheiten oder fremden Menschen. Wir sind halt als Nation anscheinend doch homophobe und fremdenfeindliche Arschlöcher. Wer hätte das gedacht?

Wobei man hier natürlich sachlich einschieben muss, dass der sehr laute Teil der Gesellschaft sich jetzt öffentlich demaskiert und als homophobes und ausländerfeindliche Arschlöcher outen. So funktioniert das Internet halt: Es ist ein Katalysator für Hass und alles Schlechte in der Welt. 

Meine beiden "Lieblingsmemes" sind ja folgende: Die Aufstellung der 90er-Mannschaft mit dem Spruch: Das war noch eine richtige deutsche Mannschaft mit deutschen Trikots. Und erfolgreich... obwohl Bodo Illgner ein Trikot getragen hat, welches überraschend dicht am aktuellen Design ist. Andere haben dasselbe Bild, mit Zoom auf den Torhüter, genutzt, um darauf hinzuweisen, dass man "in solchen Trikot" durchaus Weltmeister werden kann.

Das 2. besteht aus dem guten Arier mit griesgrämigen Blick und dem Spruch "Von der 50er bis in die 90er". Daneben dann der Schönling, der sich im pinken Trikot die Haare macht, mit einem "... und heute."

Das zeigt auch einfach nur, wie dumm diese Menschen sind. Und das ist keine Übertreibung. Nehmen wir mal die 72er-Nationalmannschaft, die in diesem Bild zu den "guten Ariern" gezählt wird. Und das ist keine willkürliche Auswahl, weil sie von einigen als "die beste deutsche Nationalmannschaft aller Zeiten" betitelt wird. Noch besser, als die 74er-Weltmeisterelf. Was nebenbei beweist, dass es definitiv die erfolgreichste Generation war. 

Aber die 72er-Elf soll noch besser gewesen sein, weil sie den wesentlich schöneren Fußball gespielt haben. Denn die 74er haben sich durchs Turnier gequält. Sie haben gegen die DDR verloren und unterwegs den Trainer entmachtet. Und sie haben gegen bessere Holländer gewonnen. Mit anderen Worten: Sie waren so richtig Deutsch. Aber die 72er-Mannschaft war auf einem anderen Level. Die verzauberten die Fans und den Gegner.

Angeführt wurde sie von Franz Beckenbauer. Den nannte man nicht "den Kaiser", weil er so rustikal zu Werke ging, sondern weil er mit einer einzigartigen Eleganz und Gelassenheit die Außenrisspässe zelebrierte.

Man hatte Günter Netzer im Mittelfeld. Ein Rebell. Eine Stilikone. Der Mann hat nebenbei "Lover's Lane" als Nachtklub betrieben und dicke Schlitten gefahren.

Man hatte den fukking Afro von Paul Breitner. Das waren alles Schönspieler und Stilikonen. Hätte es damals schon sozialen Netzwerke gegeben, wären sie nach jedem Spiel "Schwuchteln" beschimpft worden. Bei einem Sieg durch die gegnerischen Fans... und bei einer Niederlage halt von den eigenen.

Nehmen wir als Nächstes die wehende blonde Mähne, mit der Jürgen Klinsmann die Niederländer durcheinanderwirbelte. "Damals" war genau dieser Haarschnitt halt der neuste Scheiß, deswegen haben die Fußballer sie getragen. Oder es war der heiße Scheiß, weil die Fußballer so aufliefen. Aber auch Klinsmann trug eben nicht den militärisch korrekten 3 mm Schnitt. Und auch der wird sich bewusst dafür entschieden haben, die Haare genau so zu tragen und er wird sie entsprechend gepflegt haben. Nur haben wir uns halt als Gesellschaft weiterentwickelt. Damit sind die rebellischen Haare von damals nichts Besonderes mehr. Das verdeutlicht sich ja nirgends so gut, wie an dem Pilzkopf, den Netzer damals getragen hat. Als Anlehnung an die Beatles, falls das nicht offensichtlich ist. Dass das "damals" als "obszön" gilt, kann man anscheinend niemanden mehr erklären, denn selbst die Leute, die dabei waren, haben es mittlerweile vergessen. Mich würde es ja wirklich freuen, wenn zum Beispiel ein Uli Hoeneß da mal auf den Tisch hauen würde und für alle deutlich feststellt, dass auch die angeblich guten Generationen teilweise aus Rebellen und Stilikonen bestand.

Das ist nebenbei das wirklich faszinierende: Es wird entweder darüber gejammert, dass es keine echten Charaktere mehr gibt und alles so weichgespült wirkt. Die Aussagen werden vom Berater diktiert, alle spielen denselben Stiefel und keiner traut sich mehr was. 5 Minuten später regen sich wahrscheinlich dieselben Menschen darüber auf, dass Fußballer mit bunten Haarschnitten und Tätowierungen ihren Charakter zum Ausdruck bringen. Und wir lachen über das Kurzzeitgedächtnis von Goldfischen...

Die aktuelle Generation an Fußballnationalspielern hat ein einziges Problem: Sie haben 3 Turniere infolge kein einziges K.O. Spiel gewonnen. Eine derart desaströse Bilanz hat es noch nie gegeben. Also um das mal festzuhalten: Die warten seit dem 2.7.2016 auf einen Sieg in der K.O. Phase. Selbst "damals" brauchte man das Elfmeterschießen, statistisch gesehen war das ein Unentschieden... Und ja, ich ignoriere den Confed Cup, weil selbst die Fifa eingesehen hat, dass dieses Turnier belanglos ist.

Die nächste Chance zum Ausmerzen diese Scharte, gibt es planmäßig am 29.06.. Wenn die Humor haben, werden sie "nur" Dritter in der Gruppe und spielen dann am 2.7. gegen den Sieger der Gruppe E. Dann wären es auf den Tag genau 8 Jahre. 2922 Tage. Das hat es in der Nachkriegszeit noch nie gegeben. Also seit wir den Fußball als Kriegsersatzdroge gefunden haben.

Nur deswegen wird die deutsche Mannschaft jetzt für jeden Scheiß angefeindet. Wenn die erfolgreich spielen würden, wäre allen alles egal. Jetzt wird ihnen vorgeworfen, dass sie sich aufs Spielen konzentrieren sollten, anstatt ständig politische Nebenkriegsschauplätze aufzumachen... so als hätten die Spieler dieses Trikot designt. Die Idioten sind es, die hier den Nebenkriegsschauplatz aufmacht, weil ihr politische Bedeutung sucht, wo es keine gibt. Und weil sie sich durch pinke Trikots in eurer Männlichkeit bedroht fühlen.

Der letzte faszinierende Nachtrag für mich ist ja, dass bei diesem ganze "erfolgreiche Ariermannschaften" Gelaber die 2014er-Generation komplett außen vor gelassen werden muss. Und das, obwohl sie eine der erfolgreichsten Generationen aller Zeiten war. Die haben 5 Turniere infolge mindestens im Halbfinale gestanden. Von der Heim-WM 2006 bis zum Titel 2014. Diese Bilanz kann sich mit den 70er Jahren vergleichen. Und die Mannschaft stand für ein neues, modernes Deutschland. Und sie beweist halt nebenbei, dass die ganzen "Migranten" eben nicht das Problem sind. Man kann mit Podolski, Klose, Boateng, Khedira, Gomez, Mustafi und Özil erfolgreichen Fußball spielen.

Die sind nicht das Problem, Oliver Bierhoff war es eher. Und der Fakt, dass die Nationalmannschaft allgemein schlecht gemanagt wird... und das, wohl sie doch ausschließlich von alten, richtig deutschen Männern gemanagt wird. 

Random Fun Fact: Die 2014er-Weltmeister hatten mehr Spieler, die nicht in Deutschland geboren wurden (Klose und Podolski halt), als die aktuelle Generation... Denn selbst Jamal Musiala, der zur Hälfte Engländer ist, wurde in Stuttgart geboren. Und falls das nächste Mal jemand mit einem "Danke Merkel" um die Ecke kommt, weist bitte darauf hin, dass die Eltern der aktuellen (und auch der U-19 Europameister Mannschaft) Generation lange vor Merkel eingewandert ist. Und dass all diese Spieler auf deutschen Boden geboren wurden.

Dass die deutsche Nationalmannschaft nicht mehr so arisch aussieht, wie in den 90ern und vorher, liegt halt an der fortschreitenden Globalisierung. "Wir" haben halt von den zahllosen Gastarbeitern, die wir ins Land geholt haben, profitiert. Ein nicht unwesentlicher Teil unseres Reichtums basiert auf diesen billigeren Arbeitskräften. Teilweise bis heute, denn guckt mal auf die Spargelfelder oder in die private Altenpflege. Ein Sohn italienischer Gastarbeiter hat uns das schon 1992 vorgerechnet... Aber "wir" dachten anscheinend wirklich, dass "die" dann nach getaner Arbeit wieder nach Hause gehen, und nicht, dass die hier Familien gründen. Was erlauben die sich? Das war so nicht abgemacht! Aber genau deswegen ist "unsere Nationalmannschaft" jetzt so "bunt". Das ist einfach nur eine logische Konsequenz aus der gesellschaftlichen Entwicklung der letzten 50 Jahre.