Dienstag, 21. Juli 2026

WM Wrap Up: Dass Rudi Völler seinen Job behält

 Der DFB so: Nach diesem Desaster müssen wir gründlich aufräumen. Also behalten wir Rudi Völler... weil das am meisten Sinn ergibt.

Fangen wir mal ganz vorne an: Rudi Völler war sowieso kein Revoluzzer... oder wenigstens ein Reformator. Das ist ein Blitzableiter. Er "gilt als emotionales und verbindendes Element im deutschen Fußball". Das ist eine wunderbar treffende KI Antwort. Die liegt doch nicht immer falsch. Aber wie soll dieser 66 Jahre alter Mann jetzt die nötige Innovation einbringen?

Vor allem ist er ja technisch gesehen Jürgen Klopps Vorgesetzter, musste aber auf dessen Segen warten, um den Job zu behalten. Aber warum sollte Klopp auch nicht mit Völler zusammenarbeiten, der sichert ihm ja eine Wohlfühloase. Der bietet dir vor dem Turnier eine Vertragsverlängerung an. Und dann muss er hinterher deine Entlassung verantworten.

Also das ist eigentlich das Schlimmste: Völler muss sich als leitender Angestellter für die Art und Weise, wie Julian Nagelsmann entlassen wurde, rechtfertigen. Und die können sich das schönreden, wie sie wollen: Wenn man dem Mann und seinem Team 6,8 Millionen Euro bezahlen muss, damit er geht, dann ist er nicht zurückgetreten... sondern dann wurde er entlassen.

Ganz praktisches Beispiel: Die Niederlande sind wenige Stunden nach der deutschen Mannschaft ausgeschieden. Aber Ronald Koeman übernahm wesentlich schneller als Nagelsmann die notwendige Verantwortung. Und weil er wirklich und von sich aus zurückgetreten ist, bekommt er nach niederländischem Recht keine Abfindung. 
Wenn Nagelsmann am Ende wirklich eingesehen hätte, dass er dieses Turnier verkackt hat, wäre er wirklich zurückgetreten. Und dann hätte er auf eine Abfindung verzichtet. Der DFB hat aber noch nicht mal die Eier, das auch offen so zu benennen. Aber gut, wer 2026 Eier zeigt, muss damit rechnen, dass Merz die leckt... da würde ich das auch lassen.

Für diese 6,8 Millionen Euro, die jetzt dem DFB an allen Ecken und enden fehlen, muss Völler sich jetzt eigentlich rechtfertigen. Das wird am Ende Geld sein, welches vor allem dem Breitensport fehlen wird. Da hätte er dann wenigstens dem DFB die 3 Millionen, die ihm bis 2028 überwiesen werden, erlassen können.

Hier muss man auch nochmal festhalten, dass Nagelsmann genug Geld verdient haben sollte, dass er es sich leisten könnte, auf eine Abfindung zu verzichten. Und er wird ja auch zeitnah wieder einen interessanten Job für sich und seine Assistenten finden, bevor einer von denen in ernsthafte Schwierigkeiten gerät. Das Geld wird der DFB aber irgendwo streichen müssen, wo eben keine Millionen in der Hinterhand rumliegen. Also dass Nagelsmann auf dieses Geld besteht, ist richtig eklig.

Für mich ist es sowieso fragwürdig, dass man als Trainer der Nationalmannschaft unbedingt vor dem Turnier seinen Vertrag verlängern muss. Bei Vereinsmannschaften sehe ich es ja ein, dass es schwierig ist, seine Autorität zu erhalten, wenn man nur noch wenige Monate unter Vertrag steht. Das schaffen vielleicht Carlo Ancelotti und Pep GuardiolaJupp Heynckes hat es offensichtlich auch geschafft. Aber das ist schon verdammt viel verlangt. Als Vereinsprofi kannst du aber, wenn du erfolgreich gegen den Trainer gespielt hast, im nächsten Jahr wieder angreifen. Du hast oftmals nach der Entlassung des ungeliebten Trainers doch noch genügend Zeit, zumindest das Minimalziel zu sichern. Und wenn du zu erfolgreich, also Wolfsburg-esque, gegen den Trainer gespielt hast, kannst einfach den Verein wechseln.

Als Nationalspieler hast du im Normalfall 3 Chancen darauf, eine Weltmeisterschaft zu spielen. Wenn es für dich überdurchschnittlich gut läuft. Dazu kommen dann noch 3 Europameisterschaften. Aber mehr als 6 Turniere absolvieren nur die Ausnahmespieler... Dafür muss man 12-15 Jahre auf höchstem Niveau agieren, ohne dass ein jüngerer Spieler auftaucht, der das einfach besser kann. Oder man ist Lukas Podolski und wurde einfach im richtigen Moment geboren. 
Dass man als Nationalspieler ein Turnier wegwirft, nur weil der Vertrag des Trainers nach dem Turnier ausläuft, halte ich für extrem unwahrscheinlich. Ich meine, was hätte denn passieren sollen? Dass Deniz Undav in Interviews gegen die ihm zugedachte Rolle rebelliert? Oder das Leon Goretzka schlechte Stimmung verbreitet, weil er die ihm versprochene Rolle doch nicht übernehmen darf? Oh, wartet, das ist alles passiert, obwohl Nagelsmann's Vertrag verlängert wurde.

Nebenbei hat Didier Deschamps nachgewiesen, dass man eine Ansammlung großartiger Individualisten als Lame Duck souverän und diszipliniert ins Halbfinale führen kann. Aber gut, der hatte vorher auch Erfolge mit der Mannschaft vorzuweisen. 

Das ist nebenbei das andere Problem: Nagelsmann hatte jetzt technisch gesehen für 3 Turniere die Verantwortung. 2 davon waren im eigenen Land. Die EM vor 2 Jahren war in Ordnung und man konnte am Ende dem Schiedsrichter die Schuld am Ausscheiden geben. Aber man hatte den späteren Sieger des Turnieres vor echt schwierige Aufgaben gestellt. Das war zwar ein Schritt in die richtige Richtung, aber ein Viertelfinale ist, gemessen an den deutschen Ansprüchen, eben auch nicht überragend. Und das Nations League Final Four war... nun ja... dürftig. Dort verlor man beide Spiele. Das war ganz sachlich gesehen schon der erste deutliche Fingerzeig, dass die Entwicklung eher rückläufig ist. Denn 2024 war man gegen Spanien 90 Minuten lang auf Augenhöhe. Ein Jahr später konnte man gegen Portugal und Frankreich nur jeweils eine Halbzeit mithalten. Am Ende konnte man sich nebenbei bei Marc-André ter Stegen bedanken, dass man nur mit 1:2 gegen Portugal verloren hat.

Und ein weiteres Jahr später hatte man auf ein Mal Probleme mit Paraguay mitzuhalten. Also das ist ein ganz eindeutiger und stetiger Abwärtstrend, den man da in den letzten 2 Jahren erkennen muss. Den hätte man aber auch bei kritischer Betrachtung schon vor 12 Monaten wahrnehmen können.

Warum musste man den Vertrag überhaupt im Januar 2025 verlängern? Also vor dem Belastungstest Nations League... Warum hat man sich nicht wenigstens ein gewisses Sicherheitsnetz eingebaut? In dem man eine vernünftige und nachvollziehbare Abfindung von 13,12 in den Vertrag schreibt, falls man nicht mindestens das Viertelfinale erreicht. Nach den Erfahrungen der letzten Weltmeisterschaften wäre das doch irgendwie angemessen gewesen.

Und ganz ehrlich: Wenn Nagelsmann das nicht angenommen hätte, weil er, der offen vom Titel gesprochen hat, anscheinend doch Angst vor einem frühzeitigen aus hatte... dann hätten wir wenigstens gleich gewusst, dass er nicht der richtige Mann für den Job ist.  

Ernsthaft: Wäre es nicht mal geil, wenn ein Bundestrainer einen Vertrag unterschreibt, in dem er symbolische 1900 Euro Abfindung erhält, wenn er nicht mindestens das Viertelfinale erreicht? Damit würde dann auch ein Jürgen Klopp vorher ganz klar festlegen, was sein Mindestanspruch an ein erfolgreiches Turnier ist. Und wenn man wirklich extrem unglücklich im Achtelfinale ausscheidet, muss der DFB diese Klausel ja nicht ziehen.

Aber wie gesagt: Dass Jürgen Klopp gerne unter einem Rudi Völler arbeiten will, ist vollkommen nachvollziehbar. Das wird definitiv gut für in sein. Aber das bedeutet nicht, dass es auch gut für den DFB wird.
Aber der DFB ist auch der einzige Verband, bei dem eine gründliche interne Aufarbeitung immer wieder damit endet, dass die Verantwortlichen weitermachen dürfen. Das hat ja bei Jogi Löw und Hansi Flick schon super funktioniert, das wird bei Rudi jetzt auch werden...

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