Donnerstag, 16. Juli 2026

Worst of der WM Halbfinale

 Wo ich nach 2 Wochen endlich wieder Internet habe... Kann ich mich endlich auch wieder mit dieser WM beschäftigen... erstmal zum ganz Aktuellen.

Spanien gegen Frankreich war das faszinierendste schlechte Spiel, dass ich seit langem gesehen habe. Also wie die Spanier den Franzosen den Zahn gezogen haben, war schon beeindruckend. Wie Frankreich versucht hat zu pressen, aber einfach keine Aussichten auf Erfolg hatten. Ich habe irgendwo die These gelesen, dass das der Moment war, in dem auffiel, dass Frankreich's Starensemble eben doch untrainierbar ist und von Didier Deschamps nur gemanaged wird. Denn die Automatismen, die man bräuchte, um die Spanier wirklich unter Druck zu setzen, muss man sich halt erarbeiten. Frankreich lief zwar verdammt viel, aber nie geschlossen an. 

Dass dann von der Offensive bei eigenem Ballbesitz kam, war auch beeindruckend. Also dass sich eine Offensive aus Kylian Mbappé, Ousmane Dembelé, Bradley Barcola und Michael Olise in 45 Minuten einen Expected Goals Wert von 0,07 erarbeitet, sollte praktisch unmöglich sein. Also das war Ghana-esque... Nach 90 Minuten lagen sie bei 0,3. Das war also buchstäblich ein "Die hätten ewig so weiterspielen können, ohne ein Tor zu erzielen."

Sachlich gesehen war das sogar absehbar. Also das EM Halbfinale vor 2 Jahren lief ja ähnlich. Und in der Nations League führte Spanien 5:1, bevor es plötzlich nochmal spannend wurde. Es ist also kein überraschender Ausgang. Didier Deschamps hatte praktisch gesehen in den letzten 2 Jahren eine einzige Aufgabe: Seine Mannschaft auf ein Duell mit Spanien vorzubereiten. Den Rest der Welt kann schlägt die Mannschaft aufgrund ihres absurden Talents auch so. 

Aber obwohl Deschamps viel dafür gelobt wurde, dass zum Beispiel ein Mbappé unter seiner Führung viel disziplinierter spielt, als man das vom Verein kennt, hat er das eben nicht geschafft.

Das wirklich enttäuschende war, wie Mut und Widerstandslos Frankreich sich ergeben hat. Am offensichtlichsten war das bei dem zögerlichen Abschluss von Desiré Doué in der 81. Minute. Aber die wirklich schlimmste Szene kam viel früher. Guckt euch einfach mal das Ende der Trinkpause aus der Vogelperspektive an. Das ist bei 1:43:00. Da trabt Olise dann zurück auf den Platz, nur um dann direkt ausgewechselt zu werden... und wieder runterzutraben. Alles mit der Entspanntheit einer 2-Tore-Führung... nur das Frankreich eigentlich 2 Tore erzielen musste.

Entweder hatte Olise sich schon mit dem Ausscheiden abgefunden und wollte noch ein wenig Zeit auf dem Platz genießen... also sich "seinen Applaus" abholen. Oder Deschamps hat es wirklich verkackt, seinen Spielern mitzuteilen, dass er sie gleich auswechselt. Da auch Rayan Cherki auf den Platz zurücktrabt... da fällt es nur nicht so auf, weil er an der Seitenlinie bleibt. Dafür geht der sogar vom Platz und klatscht mit einem Spanier ab. Dann muss man sich natürlich fragen, was Deschamps in dieser Trinkpause eigentlich gemacht hat. Aber eine Mannschaft, die noch daran glaubt, dass sie diesen Rückstand dreht, wechselt da anders aus...

Nur so als Vergleich: Argentinien lag ebenfalls zur Trinkpause im Rückstand. Da standen aber beide auszuwechselnden Spieler schon an der Seitenlinie, bevor die Tafel überhaupt hochgehalten wurde. Und hier ist ein weiteres Detail: Während Didier Deschamps konsequent positionsgetreu wechselte, brachte Lionel Scaloni am Ende den Torschützen zum 2:1 Lautaro Martínez für seinen Linksverteidiger Nicolas Tagliafico. Es war auch wirklich auffällig, wie Argentinien in der 2. Halbzeit seine komplette Spielanlage umstellte. Wie Lionel Messi wieder zum Rechtsaußen wurde, weil der englische Spielplan mit dem Verdichten des Zentrums so gut funktionierte, dass die in der Halbzeit das Singen der Nationalhymnen als Highlight zeigen mussten. Es war aber nicht nur Messi. Er brachte mit Nicolas Gonzalez und Martinez zwei Zielspieler für Messis Flanken, die im Strafraum für extrem viel Unruhe sorgten...

Deschamps hat es dagegen nur geschafft, ein einziges System einzuplanen. Und an diesem ein musste stur festgehalten werden. Obwohl es aus den Spielen davor und aus den 60 Minuten an diesem Tag genügend Anschauungsmaterial gab, dass das nicht reichen wird. 
Jetzt muss man schon irgendwie die Frage in den Raum werfen, ob Deschamps damit ganz offiziell der Jogi Löw dieser Generation ist. Wie viele Titel hätte diese Mannschaft holen können, wenn sich wirklich trainiert worden wäre... Deschamps hat ja schon angekündigt, dass er jetzt belegen will, dass es nicht an ihm lag, da er eben nicht in den Ruhestand geht, sondern neue Herausforderungen sucht. 

Wo wir gerade schon die Anpassungen der Argentinier angesprochen haben, kommen wir nun zum Einbruch der Engländer. Denn die andere Seite deren Medaille ist der extreme Einbruch der Engländer nach der Führung. Dafür hat die Kraft anscheinend gerade so noch gereicht, danach war der Tank dann leer.

Für mich ist auch das gar nicht so überraschend. Denn die Engländer zahlen halt in genau solchen Momenten die "Premiere League Steuer". Und ja, es haben natürlich alle Mannschaften Spieler aus der Premiere League in ihren Reihen. Bei Spanien sind es 7. Die Argentinier haben 5. Aber England hat nur 5 Spieler, die nicht durch die Knochenmühle Premiere League gehen mussten. In der Startelf waren das dann nur Harry Kane und Jude Bellingham. Und die Premiere League ist einfach intensiver, als der Rest. Allein schon weil Arsenal und Manchester City bis zum 37. Spieltag um die Meisterschaft kämpften, die in der Bundesliga und in Spanien frühzeitig entschieden war. Aber diese Liga ist halt auch in der Breite so gut, dass ihre Abstiegskandidaten gleichzeitig um europäische Titel kämpfen. Da gibt es einfach keine einfachen Spiele. Und dann gibt es 38 davon. Dazu die 2 Pokale. Und die Champions League, in der die Schlüsselspieler ja ebenfalls oft weit kommen. 

Also ganz praktisch hatte Declan Rice vor der WM vor der WM 4.456 Minuten in den Beinen. Ein Harry Kane nur 4.050. Und diese 400 "Bonusminuten" werden nicht, wie bei anderen Vereinen, mal 5, sondern mal 18 genommen. 
Da ist es dann auf einmal nicht mehr so überraschend, dass die Argentinier hinten raus noch Kraft haben, obwohl sie das älteste Team des Turniers sind. Gerade die ganz alten Säcke wie eben Lionel Messi haben sich doch praktisch monatelang für diese WM geschont, weil sie sich den Stress des europäischen Rahmenterminkalenders erspart haben. Und selbst ein Alexis Mac Allister, der ja auch bei Liverpool spielt, kommt da nur auf 3.885 MinutenJulián Alvarez kommt auch verletzungsbedingt nur auf 3.549 Minuten. Bei Messi sind es lächerliche 1.423...

Und hier muss man auch nochmal festhalten, dass das Alter bei einer WM nur bedingt ein Problem ist, da das Tempo in den Spielen im Allgemeinen deutlich niedriger ist, als in der Champions League. Das macht man ja auch am besten an Messi fest. Der hat 2015 seinen letzten Titel in der Königsklasse geholt. Der hat halt auch irgendwann das Spiel gegen den Ball fast komplett eingestellt. Und seitdem er das gemacht hat, gab es immer wieder "überraschende" und vor allen Dingen heftige Pleiten in diesem Wettbewerb. Bei Paris, wo dann gleich 3 Angreifer nicht konsequent gegen den Ball gearbeitet haben, wurde es nur noch schlimmer. Aber er steht vor seinem dritten WM-Finale. 

Bei einer WM gibt es aber nur 3 Mannschaften, die rein vom Talent her in ein Halbfinale der Champions League einziehen könnten. Eine davon ist am Ende der langen Saison zu Müde für den Scheiß. Die andere wird von Deschamps "trainiert". Bleibt also nur noch Spanien, die wirklich auf höchstem Niveau agieren. Deswegen kann Argentinien es sich auch erlauben, einen Messi gegen den Ball durchzuschleppen. Und ja, er zahlt das natürlich auch zurück, das ist kein Thema, aber wenn der Gegner den Ball hat, geht Messi hauptsächlich spazieren. In der Champions League würde das viel krasser bestraft werden. 

Dennoch müssen wir an der Stelle auch über Thomas Tuchel reden. Denn das Argentinien die Luft und den Willen für ein Comeback hat, war ja keine ganz große Überraschung. Das haben sie in den vorherigen Spielen schon eindrucksvoll nachgewiesen. Auch dass Scaloni und Messi Anpassungen vornehmen werden, um deinen Matchplan auszuhebeln, ist keine ganz große Überraschung. Warum also mimt Tuchel plötzlich den Gareth Southgate? Dass man gegen Mexiko in Unterzahl auf 5er-Kette umstellt, ist ja nachvollziehbar. Aber dass er gegen Argentinien und einem Messi in überragender Form dasselbe macht, ist total bescheuert. Vor allem hätte er ja mit Noni Madueke und Bukayo Saka frische Flügelspieler auf der Bank gehabt. Wobei man "frisch" bei englischen Profis im Sommer immer in Anführungsstriche setzen muss. Was England brauchte, war kein Mauerwerk, sondern Entlastung. Tuchel wechselte aber ängstlich. Und genau diese Angst übertrug sich auch auf seine Mannschaft, die ehrfürchtig auf die Gegentore wartete.

Es ist halt wirklich faszinierend, dass in diesen beiden, taktisch hochwertigen, Spielen die besseren Trainer den Unterschied ausmachten. Also im Fall von Spanien - Frankreich eher in der Vorbereitung: Da war ein Team perfekt darauf ausgerichtet, den Gegner aus dem Spiel zu nehmen und dem gegnerischen Trainer fiel kein Mittel ein, dieses Team in Not zu bringen. Und bei England - Argentinien machten die besseren Anpassungen während des Spiels den Unterschied aus. Wobei man auch hier festhalten muss, dass Tuchel das ja eigentlich kann. Er hat sich dieses Mal nur verzockt. 

Das ist aber etwas, dass ich eher in der Champions League als bei einer WM erwarten würde. Bei einer WM regeln halt normalerweise die Stars und nicht die Taktik, weil man ja als Trainer auch nur bedingt die Zeit hat, entsprechende taktische Kniffe vorzubereiten. Aber dieses eine Mal muss man ganz klar festhalten, dass die richtige Taktik und die richtigen Anpassungen den Unterschied ausgemacht haben. 

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