Dienstag, 16. Juni 2020

Das Problem ist auch weiterhin nicht das Handspiel.. .Teil 537. Gefühlt.

Es sind nicht die Themen, die sich ändern, es sind die Namen, die sich ändern. Wobei, genau genommen ja nicht mal das.

Aber zum gefühlt 21. Mal in dieser Saison startet der Kicker seine große "Blicken sie bei den Handspielregeln noch durch?" Umfrage.

Das Problem daran ist halt: Der Anlass ist vollkommen albern. Denn die Regel für angreifende Spieler ist wunderbar eindeutig und wird konstant angewendet. Auch wenn es im Zweifelsfall man einen VAR braucht. Aber dieses Tor wird in 100 von 100 Fällen nicht mehr gegeben. Genau so funktioniert eine gute Regel.

Ob diese Regel jetzt gerecht ist, sei mal dahin gestellt. Alberner Weise soll sie jetzt ja angepasst werden, dass alles oberhalb des Trikotärmels nicht mehr als Hand gilt... Was dann dazu führt, dass alle plötzlich mit Longsleeves spielen. Guter Ansatz.

Und natürlich ist es unglücklich, dass Raphael Guerreiros "Traumtor" nicht zählte. Aber wenn ein traumhaft herausgespieltes Tor wegen einer Abseitsposition zurückgepfiffen werden muss, stellt ja auch keiner die Abseitsregel in Frage, nur weil das Tor schön gewesen wäre.

Nehmen wir mal ein anderes aktuelles Beispiel: Den Platzverweis für Dedryck Boyata. Es sind sich alle einig, dass dies "der Knackpunkt" des Spieles war. Und dass es keine böse Absicht von Boyata war, sondern nur sehr unglücklich gelaufen. Buchstäblich. Es sind sich alle einig, dass dies eine Harte Entscheidung war. Es würde aber niemand auf die Idee kommen, deswegen die Platzverweise für Notbremsen in Frage zu stellen. Er verhindert halt regelwidrig, wenn auch unabsichtlich, eine klare Torchance. Und für ihn dummer Weise direkt vor dem und nicht im Strafraum. Die logische Konsequenz ist halt der Platzverweis.

Das Problem ist aber halt ein ganz anderes: Die Dortmunder fühlen sich zum 4. Mal in Folge benachteiligt. Weil es halt einen Handelfmeter gibt, wenn einem Dortmunder der Ball im Strafraum an die Hand springt, aber keinen, wenn es einem Bayern-Profi passiert.

Aber auch hier ist genau genommen nicht die Handspiel Regel das Problem. Denn jeder, der keine Bayern-Fanbrille auf hat, sieht halt ein Strafbares Handspiel von Jerome Boateng. Also alle außer Tobias Stieler und Sascha Stegemann... nur sind das halt die entscheidenden Leute.

Die eigentliche Frage muss lauten: Warum hat der VAR bei dem einen Fall nicht eingegriffen? Warum gibt es keine Konstanz bei dieser nicht mehr wirklich neuen Institution? Das ist halt nicht nachvollziehbar. Und das ist halt mal wieder eine Qualitätsfrage.

Seit dem Re-Start gab es schon wieder 3-4 Szenen, bei denen man sich schon fragen muss: Wie kann es sein, dass da alle außer der VAR eine eindeutige Fehlentscheidung sehen? Warum sieht der VAR das anders? Traut der sich im Zweifelsfall einfach nicht einen renommierten Kollegen zu korrigieren?

Als eklatantestes Beispiel sei hier mal der Platzverweis für Benjamin Hübner genannt: Mit 2 Tagen Abstand sagen da alle, dass der Platzverweis eine Fehlentscheidung war (lustiger Weise war das in der Sportschau Zusammenfassung noch anders... aber Details). Trotzdem fragt niemand, warum der VAR diese anscheinend offensichtliche Fehlentscheidung, die durch die verkürzte Sperre von Hübner für nur ein Spiel ja bestätigt wird, nicht direkt korrigiert... dabei wäre das die viel interessantere Debatte.

Schritt 1 wäre hierbei ganz praktisch: Die Schiedsrichterkommission des DFBs und der DFL veröffentlichen selber nach jedem Spieltag zu den kritischen Szenen ein Statement. In diesem erklärt man entweder, warum der Schiedsrichter doch richtig lag, was ja durchaus sein kann, oder man steht eindeutig zu den Fehlentscheidungen. Also damit sich dann auch ein Stegemann nicht hinter dem "Och, war ja nicht so klar" verstecken kann.

Und wenn wir dann feststellen, dass auch DFL und DFB extrem unzufrieden mit den angebotenen Leistungen der Schiedsrichter sind, kann man darauf aufbauend die eigentlichen Probleme angehen: Eine Renovierung des Schiedsrichterwesens.

Denn wenn man die Schiedsrichterleistungen losgelöst vom offensichtlichen Symptom der Handspielregel analysiert, wird man feststellen, dass unsere Männer in Schwarz einfach nur seit einer ganzen Weile nicht mehr die Weltklasse darstellen, sie sie früher mal gehabt haben. Bis auf ganz wenige ausnahmen. Eine ausführliche Auseinandersetzung mit den 4 großen Skandalen und Tragödien rund ums deutsche Schiedsrichterwesen der Moderne wurde hier bereits vor einem Jahr veröffentlicht. Und wenn man Dinge wie Hoyzer, Ammerich und Krug in Zusammenhang setzt, fällt einem auf, dass es keine Überraschung ist, dass unsere Schiedsrichter einfach mit gewissen Situationen überfordert sind. Und dass sich grundlegend im Schiedsrichterwesen etwas ändern muss.

Aber das wird anscheinend das nächste "Die Relegation gehört abgeschafft!" Also Dinge, die offensichtlich ungerecht sind, geändert werden sollten, aber einfach ignoriert werden, weil sich alle lieber auf scheinbar zusammenhanglose Einzelentscheidungen stürzen.

Montag, 15. Juni 2020

Passives Abseits vs Tradition: Teil 8: Passives Abseits vs Kommerz

Warum eigentlich nicht? Also genau genommen wird gerade wieder deutlich, dass die Frage "Was ist Kommerz?" genau so random beantwortet wird, wie die Frage "Was ist Tradition?" Auch hier gilt anscheinend: Die einen dürfen, die anderen eher nicht.

Also es gab ja im letzten Montagskicker (ja, ich bin gerade extrem langsam) 2 große Beiträge zur Kommerzialisierung des modernen Fußballs. In dem einen ging es um die 100 Millionen, die Red Bull gerade RB Leipzig gut geschrieben hat. Ein Bilanz technischer Trick, sagen alle. Nichts ungewöhnliches, sagt RB selber. Aber die ganze Geschichte ist so groß, dass der den gesamten "RB Leipzig Berichtserstattungsteil" einnimmt. Und wie immer denkt man sich: Dieses böse RB. Jetzt kriegen die auch noch 100 Millionen Euro geschenkt? Ist da eigentlich wirklich alles sauber? Weil RB ja das personifizierte böse ist. Und ja, wenn es Fans im Stadion geben würde, hätten die dieses Wochenende Protestplakate wegen der Spende ausgehangen.

Auf der anderen Seite... also auf der wirklich anderen Seite... gibt es einen äußerst interessanten Artikel über Lars Windhorst. Nur ist der halt nicht der Leitartikel zur Hertha, sondern wird auf Seite 82 unter KickerBuisness versteckt. Und ich weiß ja nicht, wie es auch geht, aber das ist der Teil des Kickers, den ich meistens nur ganz grob überfliege.
Weil es einem einerseits nicht wirklich interessiert... aber man es aber auch nicht wirklich versteht, was da passiert.

Also ich habe den Artikel "Das Konstrukt hinter Tennor" jetzt mehrmals gelesen und immer noch nicht annähernd verstanden, was das alles bedeutet. Da werden halt Netze über 4 Länder gespannt, um alle möglichen Steuer-Schlupflöcher auszunutzen. Immerhin geht es nicht in die Karibik... Aber sonst ist da echt alles dabei: ein Flughafen in den Niederlanden, Jersey im Ärmelkanal, Luxemburg und die Schweiz.
Am Ende ist man sich nicht mal mehr sicher, wie viel Einfluss das Gesicht vor dem Konstrukt Lars Windhorst wirklich hat... oder ob der nicht doch auch nur eine Marionette es.

Aber bei einem Satz werde ich dann doch hellhörig: "Genau das muss ein Investor irgendwann tun, um Rendite zu realisieren." Der Grund für dieses komplizierte Konstrukt ist einfach: Man will seine Anteile am Ende gewinnbringend weiterverkaufen. Dieses "am Ende" sollte möglichst zeitnah sein...

Also das einzige, was ich verstanden habe, ist: Lars Windhorst ist ein Heuschrecken-Kapitalist, der die Hertha möglichst schnell nach oben pushen will... um dann seine Anteile abzustoßen und so seinen persönlichen Gewinn erzielen will. Deswegen muss es mit der Hertha ja auch so schnell wie möglich nach oben gehen. Und so setzt man auf Namen wie Jürgen Klinsmann und Jens Lehmann, die kurzfristigen Glanz versprechen, sich aber bei genauerem Hinsehen eher als Dampfplauderer erweisen. Also bei Klinsi auf jeden Fall, bei Lehmann steht da das finale Urteil noch aus. Aber beides sind Persönlichkeiten, die Umsätze generieren, weil sie polarisieren... und nicht langfristigen Wachstum entstehen lassen, weil sie einen Plan mit Perspektive haben.

Um das mal zu personalisieren: Wenn es Windhorst um einen langfristigen Aufbau gehen würde, würde er versuchen Christian Heidel oder Fredi Bobic für sich zu gewinnen. Aber diese Namen klingen halt nicht wirklich sexy.
Windhorst persönlich dürfte es halt auch völlig egal sein, ob die Hertha hinterher wirklich besser da steht als vorher, solange er den richtigen Zeitpunkt findet um seine Anteile abzustoßen.

Also lasst uns das mal mit den eigentlichen Feindbildern vergleichen. Und klar, bei Red Bull findet man auch schnell Steueroasen und vernetzte Strukturen. Denn noch weiß man genau, wo die 100 Millionen, die gerade Wellen geschlagen haben, herkommen. Und man weiß auch, welchen Zweck Red Bull mit seinen Fußballvereinen erreichen will: Das soll eine tolle Werbeplattform für den Gummibärensaft sein. Also der Plan ist nicht mit RB Leipzig Geld zu generieren, sondern da Geld reinzupumpen, damit wir mehr von deren Dosen kaufen.
Das kann man natürlich doof finden, gar kein Thema. Und man darf bei RB auch einiges kritisieren. Aber immerhin will sich Mateschitz nicht direkt selber an dem Projekt bereichern. Deswegen hat man halt auch gesteigertes Interesse daran ein langfristig tragfähiges Projekt zu erschaffen... damit man da nicht ständig weitere 100 Millionen reinbuttern muss.
Einer der dümmsten Drohszenarien von RB-Feinden ist ja: Und was macht ihr, wenn RB sich irgendwann in der Premiere League einkauft? Dann seid ihr nur noch ein Ausbildungsverein, da werdet ihr echt viel von haben.
Dann sage ich ganz sachlich: Wenn die hinterher für einen Champions League Sieger ausbilden und dafür auch regelmäßig in der K.O. Phase in diesem Wettbewerb stehen, während man vorher nur Regionalliga sehen konnte... dann ist man doch gerne ein Ausbildungsverein.

Also praktisch wollen einem ja die Leute erzählen, dass RB Salzburg so hart unter RB Leipzig leidet... und dass RB ja voll das Interesse an seinem eigentlichen Stammverein verloren hat... und dann weißt man die darauf hin, dass RB Salzburg 2018 die erfolgreichste internationale Saison seit 24 Jahren gespielt hat, weil man bis ins Halbfinale vorgedrungen ist. Und 2019 hat man dann tatsächlich zum erst Mal seit 1994 an der Champions League Gruppenphase teilgenommen. Oh und man konnte dort solch fantastische Talente wie Erlin Haarland live in Aktion erleben.
Anders ausgedrückt: Selbst nachdem Red Bull erkannt hat, dass man als Salzburg nie an der K.O. Phase der Champions League teilnehmen wird (und deswegen dann zu RB Leipzig "weiter gezogen" ist), haben sie dort immer noch den Anspruch um die Europa League Titel mitzuspielen. Was ein Niveau ist, was man in Österreich sonst nur noch in Ausnahmefällen erreicht. Und das, was vorher als großer Erfolg gefeiert worden wäre (so eine Achtelfinalteilnahme zum Beispiel), gilt mittlerweile eher als Enttäuschung.

Anders ausgedrückt: Selbst wenn RB irgendwann das Interesse an Leipzig als Hauptfiliale verliert, wird man danach dann weiterhin auf einem vorher unerreichbarem Niveau Fußball spielen lassen.

Der Vollständigkeit halber muss natürlich auch noch das andere Feindbild Numemr 1 erwähnt werden: Dietmar Hopp. Der... nun ja... hat halt seinen eigenen Jugendverein nach oben gespusht. Einfach nur, weil er Bock drauf hatte. Nie mit dem Ziel sich daran selber zu bereichern. Er hat den Traum eines jeden Fußballers vom Dorf einfach mal... nun ja... auf die Spitze getrieben. Er kann sich das halt auch leisten. Und er hat am Ende auch sicher gestellt, dass er sein Geld wieder rausbekommen hat, das sollte man auch nicht verschweigen. Aber es ging halt nie nur darum seine Rendite zu steigern.

Um das dann mal kurz zusammenzufassen: Wir haben den einen Investoren, der sich eine Werbeplattform aufbaut und der genau genommen (Lok Leipzig dürfte gerade in die dritte Liga aufsteigen...) vor Ort nichts kaputt gemacht hat...
Wir haben den anderen Mäzen, der sich seinen Jugendtraum erfüllt hat... und nebenbei so vielen anderen Vereinen unter die Arme gegriffen hat, dass auch er sich auch keine "Das macht den Fußball kaputt" Vorwürfe machen lassen muss...
Und wir haben den Heuschrecken-Turbo-Kapitalisten, der nur auf eine eigene und wahrscheinlich schnelle Rendite aus ist... und der seinen eigenen Verein damit erst Mal direkt ins Chaos stürzt.

Jetzt fragt euch mal, wer von den dreien sich im Fadenkreuz abbilden lassen muss? Wessen Fans bei Auswärtstrips attackiert werden? Und wer einfach nur ohne irgendwelche Widerstände investiert...

Also ich hab mal spaßeshalber die Begriffe "Lars Windhorst" und "Protest" gegooglet. Da wird schon beim 2. Eintrag "Protest" angegeben. Anscheinend gab es keinerlei nennenswerte Protestaktionen gegen Windhorst in den Bundesligastadien. Dabei ist der mindestens genau so schlimm wie RB...
Er ist genau das, wovor der Traditionsfan die meiste Angst hat. Und die Erste Saison auf dem Weg zum Big City Club belegt ja alle Klischees. Da wurde ja wirklich alles falsch gemacht, was man falsch machen konnte.
Genau genommen wurde nicht wegen Dietmar Hopp oder RB, sondern wegen Leuten wie Windhorst das 50+1 als Grundsatz eingeführt. Trotzdem gucken die Ultras, die sich sonst immer als Ordnungshüter aufführen, einfach mal elegant weg.
Als Traditionsverein darf man sich halt auch an die Schlimmsten des Schlimmen verkaufen. Denn Tradition ist ja ein ultimativer Freifahrtschein. Die überblendet alles.

Also nur mal fürs Gedankenexperiment: Wie groß wäre der Widerstand gegen Windhorst, wenn der der nach einem Blick auf die Hertha beschlossen hätte: Das ist ein Chaos Club und die halten seit Jahrzehnten an einem bedingt kompetenten Manager fest. Den werde ich da auch nicht weg bekommen... da mach ich doch lieber den Berliner AK 07 zum Big City Club, das ist einfacher... Wie krass würde dem dann der Gegenwind ins Gesicht blasen?
Und natürlich wäre der Weg für Windhorst von der Regionalliga in die Champions League wesentlich weiter. Deswegen lässt er das ja. Aber für sein "Ich will einen Verein hochpumpen und dann abstoßen" Konzept ist es praktisch vollkommen egal, bei welchem Verein er sich engagiert.

Nun will ich natürlich keinesfalls, dass auch Windhorst im Fadenkreuz abgebildet wird. Aber die Frage, warum der so vollkommen unter dem Radar läuft und sich anscheinend niemand an seinen Investitionen stört, muss schon mal in den Raum geworfen werden. Denn genau genommen ist es reine Willkür, dass man das eine schweigend hinnimmt und gegen das andere lautstark demonstriert.

Donnerstag, 4. Juni 2020

Schöne neue Fußballwelt

Gut, dass es dich gibt. Und dass es so viele Fortschritte gibt. Das macht doch richtig Hoffnung für die Zukunft.

Also die Älteren werden sich vielleicht noch daran erinnern, aber zu Beginn der Corona Krise wurde überall davon geredet, dass die Fußballwelt danach eine andere sein wird. Und dass es diese Wahnsinnstransfers erst Mal nicht mehr geben wird. Also zumindest für einen Monat nicht.

An der Stelle sei mal wieder auf eines Hingewiesen: "Passives Abseits Leser wissen es früher!" Also dass wir ganz andere Debatten führen müssten, wenn die Fußballwelt wirklich eine andere werden soll, habe ich hier bereits Ende April erklärt. Aber auf diese anstrengenden Debatten hatte halt keiner Bock.

Und jetzt... beginnt halt der Transfersommer. Also es wird munter darüber spekuliert, wer jetzt wohin geht. Der erste Dominostein ist dabei Timo Werner, der 60 Millionen Euro kostet. Chelsea hat es halt. Und wenn man schon 40 Millionen in Hakim Ziyech investiert, machen die weiteren 60 den Braten dann auch nicht mehr fett... Bleibt eigentlich nur die Frage offen, warum sie sich im Tor mit der 17 Millionen "Discounter"-Lösung Roman Bürki zufrieden geben wollen...

Wenn Chelsea schon mal direkt 100 Millionen in die Hand nimmt... dann werden die Bayern doch für Thiago auch 80 Millionen aufrufen. Irgendwer wird die schon zahlen, auch wenn wir uns vor 2 Monaten eigentlich sicher waren, dass solche Transfers in diesem Sommer unrealistisch sind. Nur um das mal festzuhalten: 80 Millionen Euro für einen Spieler, den man ein Jahr darauf ablösefrei bekommen könnte, ist eigentlich Wahnsinn. Auch wenn es nur 60 Millionen werden, so ist das immer noch unfassbar viel Geld um einen Spieler 12 Monate früher zu bekommen. Genau solche Dummheiten sollten durch Corona eigentlich abgeschafft werden... oder wenigstens für 1 Jahr ausgesetzt...

Aber das ist ja alles nur Kleinzeug. Schließlich geht Bayer Leverkusen davon aus, dass Kai Havertz diesen Sommer den Verein verlassen will. Und damit könnten die Bayern, die ja nebenbei auch noch Geld in Leroy Sané stecken wollen, einen neuen Transferrekord aufstellen. Und vor allem steht damit auch fest, dass es diesen Sommer doch einen 3stelligen Millionentransfer gibt. Denn für weniger als 100 Millionen wird man Havertz ja nicht ziehen lassen. Das war ja irgendwie der Grund, warum ich davon ausging, dass der Junge Bayer noch ein Jahr erhalten bleibt... aber denkste.

Und nur um mal zu beweisen, dass dies auch im kleineren Rahmen geht. Der FC Augsburg hat mit mal eben mit Felix Udokai einen neuen Rekordtransfer getätigt. Trotz Geisterspielen hat man dafür 10 Millionen übrig...

Anders ausgedrückt: Der einzige Verein, bei dem sich nach der Corona Krise wirklich was verändert hat, ist Schalke 04. Denen geht es wirtschaftlich so schlecht, dass die gekauften Tickets nur in Härtefällen zurückerstatten wollen... Und wieder mal denke ich mir: Zum Glück für Schalke gibt es gerade Geisterspiele, sonst würde dort das Stadion brennen.

Alle anderen Vereine... machen anscheinend doch munter so weiter wie vorher. Und versteht mich nicht falsch: Das ist auch voll in Ordnung so. Also solange die bei ihren Transfers vernünftig kalkulieren. Wenn der FC Augsburg über die letzten Jahre so gewirtschaftet hat, dass man sich trotz Corona einen neuen Rekordtransfer leisten kann. Das ist ein gutes Zeichen für den Verein und für die Bundesliga. Auch wenn man sich schon fragen muss, ob die ganze "Wir werden alle pleite gehen" Panik ein wenig übertrieben war. Also außer auf Schalke. Aber ich sage das mal so: Wenn bei der nächsten großen Krise alle wieder diese Panik auspacken, werde ich sie darauf hinweisen, wie schnell sie "das Letzte Mal" wieder auf die Beine kamen und mit Geld um sich geworfen haben...

Vor allem wurde die Hoffnung auf eine neue Fußballwelt heute endgültig begraben.

Dienstag, 2. Juni 2020

"JEIN ZUM RASSISMUS!"

Denn zu einem wirklichen "Nein" können wir uns halt doch nicht durchringen.

Also klar, von der Fifa vorbereitete Botschaften vor einem WM-Halbfinale vorzutragen, ist natürlich wunderbar... wobei die Fifa wahrscheinlich auch mit Sanktionen droht, sobald man nur ein einzelnes Wort umbaut und minimal vom Originaltext abweicht...

Für mich persönlich ist die Lage ja einfach, auch wenn es drastisch wirkt: Wenn der DFB sich jetzt dazu entschließt, Weston McKennie, Marcus Thuram, Jaydon Sancho und Achraf Hakimi in irgendeiner Form zu sanktionieren, können sie sich auch den Werbespott, den sie ein Mal im Jahr drehen lassen, abschaffen.
Denn sobald jemand diesen Werbespott irgendwie mit Leben füllen will, sagen die Sesselfurzer halt doch "Lasst das lieber".

Das sind nebenbei genau die Aktionen, für die wir die Amerikaner immer auslachen. Wie, ihr nutzt eure exponierte Stellung um von eurer Meinungsfreiheit Gebrauch zu machen und ein wichtiges Thema anzusprechen? Schämt euch! Das gehört sich nicht! SHUT UP AND DRIBBLE!

Und was ist denn das schlimmste, was einem bei so einer Aktion passieren kann? Dass Rassisten nicht mehr einschalten? Dass Donald Trump eine Twitter Sturm loslässt und die DFL als "failing operation" beschimpft? Worauf man dann ganz lässig mit einem "Immerhin kann bei uns schon wieder Profisport betrieben werden, weil wir die Corona Krise halbwegs im Griff haben... wie sieht es dann da bei euch aus" antworten kann.
Ernsthaft, allein schon weil Trump sich dann in den Sozialen Netzwerken über die Bundesliga auslassen könnte, sollte man solche Aktionen fördern. Und den amerikanischen Ligen hat die Gratis-Werbung auch nicht geschadet...

Das faszinierendste ist ja Leute wie Fritz Keller, die sich einerseits mündige Spieler wünschen, aber andererseits dann auch ein Problem damit haben, dass die Spieler sich politisch auf dem Platz äußern... entweder oder.

Das eigentliche Problem ist natürlich dasselbe, wie auch bei den christlichen Botschaften, mit denen man nach dem Torjubel die Gefühle des militanten Hindus verletzten könnte. Oder des Chinesen, wenn man "Free Hongkong" brüllt.

Ich persönlich hätte dafür als DFL und DFB ja eine ganz einfache Lösung: Man sagt seinen Spielern, dass man derartige Jubelarien, solange sie mit dem Grundgesetz vereinbar, nicht homophob oder rassistisch sind, nicht verfolgen werden. Dass teilen wir dann auch den Fernsehstationen mit, durchtrainierte junge Männer lieber nicht oberkörperfrei rumlaufen sehen... und die müssen ihre Spiele dann halt "amerikanisch" gucken...

Falls ihr euch fragt, was ich damit meine: Seit "Nipplegate" werden amerikanische Liveveranstaltungen mit minimaler Verzögerung... weil Amerika das Land der Freiheit ist... Und wenn dann ein Kulturkreis mit unseren Jubelzeremonien ein Problem haben, dann können sie halt das Bild von dem Fanblock mit den entblößten Bierbäuchen einblenden... Jeder, wie er mag. Alles, was die brauchen, ist ein 10 Sekunden Delay und jemand, der einen Knopf bedient der den Fanblock einblendet, sobald irgendwas unpassendes zu sehen ist. Problem gelöst.

Und natürlich darf die Fifa dann bei ihren eigenen weltoffenen Veranstaltungen selber festlegen, welche Form des grenzenlosen Jubels sie erlauben und was nicht. Da hat halt jeder sein eigenes Hausrecht. Aber warum müssen die so was für alle Länder und aller Verbände einheitlich regeln? Gerade wenn man bedenkt wie viele unterschiedliche Kulturkreise man da abdecken muss.

Um nochmal den Bogen zu den Rassismus-Gegnern zu schlagen: Falls die DFL die Spieler wirklich sanktioniert, würde ich mir ja von denen folgende Reaktion erwünschen: Wenn sie das nächste Mal gefragt werden, ob sie sich an einer "Strich durch Vorurteile" Kampagne beteiligen will, sagt man laut und deutlich "Nein Danke, so was machen wir nur mit Leuten, die uns auch unterstützen, wenn wir unsere Position nutzen um Missstände anzusprechen" sagen... und noch fix was eigenes auf die Beine stellen.

Denn wenn man wirklich gegen Rassismus sein will, dann muss man halt die Individuen, die diese Haltung nach außen tragen, unterstützen und nicht abstrafen.

Donnerstag, 28. Mai 2020

Das war sie also

Die größte internationale Werbeveranstaltung für die Bundesliga seit dem Champions League Finale 2013.
Die ganze Welt schaute auf das leere Stadion in Dortmund... und das Spiel war dann... faszinierend nüchtern.
Also es zeigte mit aller Deutlichkeit das Grundproblem der Dortmunder: Gegen den Rest sieht das überzeugend aus, aber bei den Bayern stößt man an seine Grenzen.

Und das war kein Einzelfall. Es war eher ein Fortschritt, weil man halt gegen Bayern in ordentlicher Form nur 0:1 verloren hat. Vor allem stieß man halt kollektiv an seine Grenzen. Von Roman Bürki im Tor bis Erlin Haaland in der Spitze. Die in den Vorwochen so überragenden Raphael Guerreiro, Thorgan Hazard und Julian Brandt belegten eindrucksvoll, warum sie (noch) nur bei der Borussia spielen. Und am Ende war Lucien Favre so verzweifelt, dass er Mario Götze brachte... was wie alles, was versucht wurde, wenig brachte.

In der Endabrechnung steht das Handspiel von Jerome Boateng als einziger wirklicher Schockmoment. Also das war der einzige Moment, bei dem ich dachte: Hier könnte jetzt ein Tor fallen.
Wirklich faszinierend war für mich ja die Reaktion der Bayern auf Guerreiros Torschuss in der 75. Minute. Bis dahin spielte sich die 2. Halbzeit im Wesentlichen in der Hälfte des Rekordmeisters ab. Und gerade um die 70. Minute herum wurde tatsächlich so was wie Druck aufgebaut. Aber sobald Dortmund dann auch nur ein Mal ziemlich ungefährlich aufs Tor schoss... zogen die Bayern kurz an, und verlegte das Geschehen in den letzten 10 Minuten einfach mal 10-15 Meter weiter weg vom eigenen Tor. Und plötzlich kam man selber zur Chance zum 0:2.
Da kann man sich noch so sehr einreden, dass die Gelbe Wand gefehlt hat. Dass die Fans die Dortmunder schon noch zu einer beeindruckenden Schlussoffensive angetrieben hätten.. so humorlos und sachlich, wie die Bayern das runter gespielt haben, bin ich nicht so überzeugt davon, dass bei dieser Schlussoffensive mehr passiert wäre.

Was einem natürlich zum eigentlichen Problem führt: Ist man damit jetzt zufrieden oder nicht? Denn wir kommen halt wie immer einfach an die natürlichen Grenzen eines von Favre trainierten Teams: Man ist gut genug, um sich für die Champions League zu qualifizieren (und dort sogar im Viertelfinale dabei zu sein), aber halt keine echte Bedrohung für den Rekordmeister und die Titelanwärter. Man spielt halt genau genommen nicht um Titel, sondern nur mit...
Aber das macht die Lage halt so verdammt schwierig. Denn man jammert halt immer noch auf Hohem Niveau, wenn man über Favre jammert. Man wird halt auch keinen Trainer finden, der definitiv besser ist. Dazu würden 16 andere Bundesligisten ihren Ehrenpräsidenten verkaufen um auf dieses Niveau zu kommen. Trotzdem bleibt irgendwie das Gefühl, dass man aus all den Hochbegabten mehr rausholen könnte...

Nebenbei wird einem halt auch irgendwie bewusst, dass Dortmund still und heimlich ein Torwart-Problem hat. Und das geben sie unbewusst ja auch zu. Also die Dortmunder behaupten ja schon länger, dass sie 2 gleichwertige Torhüter in ihren Reihen haben. Diese Saison hat "Ersatzmann Marwin Hitz" sogar den deutlich besseren Notenschnitt.
Genau genommen bedeutet das halt auch nur: Man hat 2 ordentliche Torhüter, aber keinen überragenden. Und damit muss man sich arrangieren.
Also nehmen wir mal das Unfaire Beispiel des direkten Konkurrenten aus München: Die werden nie behaupten, dass ihr Ersatzmann ja quasi genau so gut wie Manuel Neuer sein könnte. Sie haben halt auch einen der Besten weltweit... Aber überlegt mal selber kurz: Wenn sich Dortmund im Sommer Sven Ulreich holen würde... wäre der dann die Nummer eins in Dortmund? Auf jeden Fall würde es in den entscheidenden Momenten keinen Unterschied machen, ob Bürki oder Ulreich im Tor steht. Und das ist ein schlechtes Zeichen.

Genau genommen ist es vollkommen albern 2 gleichwertige Torhüter im Kader zu haben. Du willst ja eine Nummer 1 haben, die den Unterschied ausmachen kann... und das können in der Bundesliga weniger Torhüter, als man denkt. Und dann will man eine Notfallversicherung für eventuelle Verletzungen (oder ein zu entwickelndes Talent) in der Hinterhand haben... Auch wenn einem bewusst ist, dass diese Absicherung nur für die niedere Konkurrenz ausreichen wird.
Das Problem für die Dortmunder: Es gibt genau genommen höchstens 3 Torhüter in der Bundesliga, die wirklich einen Unterschied machen: Neuer, Sommer und Gulacsi. Und so einen Torhüter zu finden ist verdammt schwer. Lustiger Weise sind Bayern, Gladbach und Leipzig auch die Vereine, die nicht behaupten, dass sie wirklich gleichwertigen Ersatz auf der Bank haben... Gerade in Leipzig haben sie ja betont, dass sie Yvon Mvogo immer mal wieder gebracht haben, weil er dringend Spielpraxis braucht... nicht weil er genau so gut ist, wie ihre Nummer 1.

Praktisch steht man bei der Torhüterfrage vor denselben Problem wie beim Trainer: Gibt man sich mit dem Status Quo zufrieden? Oder geht man ins Risiko und sagt sich: 4. werden wir auch mit anderem Personal, aber mit dem ist vielleicht auch mehr drin?

Vor wir schon beim "Reicht uns das?" sind: warum stellen wir uns die Frage nicht auch bei den Schiedsrichtern?  Die Dienstags-Sportschau begann ja mit Dortmund - Bayern und darauf folgte Werder Bremen - Borussia Mönchengladbach. Und bei beiden frage man sich mal wieder: Warum kriegen wir das einfach nicht hin?
Wobei man hier auch direkt mal Manuel Gräfe und Tobias Stieler aus der Schusslinie nehmen muss. Also sowohl Boatengs Handelfmeter, als auch das Foul von Christoph Kramer an Davy Klaassen kann man in Originalgeschwindigkeit verpassen. Aber genau an der Stelle muss doch der "Kölner Keller" eingreifen und den Schiedsrichter auf den vorhandenen Kontakt hinweisen... Oder darauf, dass Boateng deutlich den Arm ausfährt, was halt entweder grob fahrlässig war... oder aber bewusst passierte.
Aber anscheinend sahen die Videoassistenten in diesen Momenten nichts relevantes. Und das ist halt keine VAR-Frage... das ist eine Frage von Kompetenz. Unsere Schiedsrichter sind halt bei weitem nicht mehr so gut, wie sie mal waren. Vor allem in der Breite. Sobald dieses Problem gelöst worden ist, wird sich das Problem Videobeweis auch lösen...

Der ganz normaler Freiburger Wahnsinn: Die Freiburger haben ein Problem: Wenn sie gut spielen und die klar bessere Mannschaft sind, verlieren sie gegen Werder Bremen... wenn sie an die Wand gespielt werden, wie gegen Frankfurt und Leipzig, holen sie ein Unentschieden... vielleicht sollten sie mal versuchen den Gegner auf Augenhöhe zu begegnen, dann könnte es auch einen Sieg geben. Normal ist es jedenfalls nicht, dass die jeweils deutlich bessere Mannschaft 3 Spiele in Folge nicht gewinnt... Aber gut, für die Bundesliga reicht's auch so...

Die neue, große Heimschwäche: wo wir schon dabei sind: Für die Bundesliga reicht's; In Covid-19-Zeiten gibt es plötzlich... im Schnitt 2 Heimsiege pro Spieltag. Nicht mal, beim Re-Start gewann nur Dortmund im eigenen Stadion. Wenn man dann auf 12 Auswärtssiege an 3 Spieltagen kommt... Als erste Erkenntnis scheinen Geisterspiele in fremden Arenen einfacher zu sein... Oder es wird halt deutlich, dass es vielen Bundesligisten einfach an Qualität fehlt um ohne seine Fans im Rücken sein eigenes Spiel durchzudrücken. Gerade wenn man bedenkt, wie viel besser sich Leverkusen, Gladbach und Wolfsburg in der Fremde präsentierten...
Man könnte quasi behaupten: Die eine Mannschaft, die zu Hause genau so schlecht ist, wie auswärts... ist Schalke 04... die dürften auch gerade diejenigen sein, die sich heimlich über die Geisterspiele am meisten freuen, so bleibt ihnen der Spießrutenlauf nach enttäuschenden Vorstellungen erspart...

Samstag, 23. Mai 2020

Das Kohfeldt Paradoxon

Bevor das Tagesgeschehen diese Geschichte überholt... schreibt man lieber etwas, am Samstag.

Meinem derzeitigen Lieblingstrainer Florian Kohfeldt ist etwas unfassbares gelungen: Er hat anscheinend den Rückhalt der Medien verloren. Und wie hat er das geschafft? Nun ja, er hat offenbar das, was der Kicker über ihn geschrieben hat und was seine Vorgesetzten bei Werder Bremen ihm die ganze Zeit über gesagt haben, tatsächlich geglaubt... und jetzt im Wesentlichen eins zu eins zurück gegeben.
Wobei er ja genau genommen wenig neues sagt. Also dass er seinen Stuhl räumen würde, wenn Werder jemand besseres findet, fiel, glaube ich, vor Monaten schon. Dass er sich immer noch für den Besten Trainer für Werder hält, ist weder größenwahnsinnig noch "tollkühn"... es ist praktisch der einzige Weg, wie er als Bundesligatrainer seine Arbeit machen kann. Also wenn er selber diesen Glauben an seine Arbeit und damit auch an sich nicht mehr vermitteln kann, dann wird seine Mannschaft ihm auf keinen Fall folgen.

Nur um an der Stelle nochmal meine persönliche Position zu Kohfeldt zu verdeutlichen: Ich halte den Mann offensichtlich für überschätzt. Das bedeutet aber nicht, dass ich ihn für einen schlechten Trainer halte. Es ist halt verdammt leicht überschätzt zu werden, wenn alle so tun, als wäre man der nächste Jürgen Klopp oder, weil es halt logisch ist, der nächste Thomas Schaaf. Dabei ist er realistisch eher der nächste Bruno Labbadia.
Und ja, ich musste meine Position zu Labbadia neulich auch revidieren. Also Hertha BSC Berlin den als neuen Trainer vorgestellt hat, dachte ich "Unnötig, denn die Klasse halten sie auch so... aber an sich ein guter Move von Hertha"... Aber Labbadia dürfte die Rückschläge in Form von Entlassungen halt auch gebraucht haben. Und jetzt ist er mindestens ein sehr solider Bundesligatrainer.

Kohfeldt ist halt ein interessantes Trainertalent. Er bringt hervorragende Anlagen mit. Und er hat den Anspruch selbst unter schwierigen Umständen wirklichen Fußball spielen zu lassen. Aber er hat diese Saison halt auch richtig in den Sand gesetzt. Wenn man es nicht schafft seine Talente weiter zu entwickeln und bei Standards immer dieselben Fehler macht, muss man das genau so nennen. Und mir kann keiner erzählen, dass Werder wirklich den 2. schlechtesten Kader der Liga hat. Auch mit den Verletzungssorgen gibt es andere, die schwächer besetzt sind. Aber Kohfeldt hat es nie geschafft das vorhandene Potenzial auf den Rasen zu bringen.

Werder Bremen selber hat ja in den letzten Tagen den Christian Streich Vergleich ins Spiel gebracht. Ok, lasst uns das mal machen: Also Streich hat unter schwierigsten Voraussetzungen nach einer Hinrunde mit 13 Punkten den direkten Klassenerhalt gefeiert. Ohne jegliche Relegation, weil der SC Freiburg so was halt nicht braucht. In der Rückrundentabelle war er auf Platz 7. Im Jahr darauf hat er Freiburg in die Europa League geführt. Zum 2. Mal in der Vereinsgeschichte. Nur ein Mal stand man in der Bundesligaabschluss-Tabelle besser da... da dies vor der Einführung der 3 Punkte pro Sieg Regel war, kann Streich behaupten: Nie holte ein Freiburger Trainer in einer Saison mehr Punkte. Wobei auch festzuhalten bleibt: An die 27 Punkte seiner ersten Halbserie kam er dabei gar nicht ran... Nach 1 1/2 historisch spielte Freiburg eine ganz normale Saison, was für einen Verein wie dem SC Freiburg halt Platz 14 bedeutete. Aber dieser "Rückfall aufs Normale Niveau". Erst nach 1 1/2 historisch guten Jahren und einer normalsterblichen Saion stieg der SC Freiburg dann ab.
Hierbei muss man aber auch mal dringend erwähnen, dass ein Abstieg mit dem SC Freiburg etwas ganz anderes ist als ein Abstieg mit Werder Bremen.

Und das wird einem halt beim Vergleich deutlich. Denn Kohfeldt startete genau so beeindruckend wie Streich mit 29 Punkten in 17 Spielen. Seine erste Mission als Retter erledigte er mit Bravour. Dass kann ein Bruno Labbadia allerdings auch von sich behaupten. Oder, oder, oder. Es gibt genügend "Dead Coach Bounces."
Das Jahr darauf führte er Werder dann ins Mittelmaß. Das ist ordentlich. Aber halt auch nicht mehr. Vor allem wenn man bedenkt, dass er den "Klassenerhalt" mit einer Serie von 5 Spielen ohne Sieg endgültig sicherte.
Und letztes Jahr hätte er seine Mannschaft, auf dem Rücken eines überragenden Individualisten im "Contract Year Modus" fast nach Europa geführt. Es war am Ende echt knapp. So, wie Werder sich derzeit präsentiert, sollten sie echt froh sein, dass sie nicht nebenbei noch über die europäischen Dörfer tingeln müssen...

Und hier ist das entscheidende Problem im Streich-Vergleich: Mit Werder die Europa League zu erreichen ist keine überragende Leistung. Also historisch betrachtet. Eigentlich sollte es für einen jahrelangen Werder Trainer der Mindestanspruch sein, Werder ein Mal alle 4 Jahre nach Europa zu führen.

Nehmen wir da mal zur Verdeutlichung seinen Emotionalen Vorgänger Thomas Schaaf als Vergleich: Der führte Werder bereits im ersten vollen Jahr fast nach Europa. Und dann 2 Mal in Folge auf Platz 6, was ein Mal zur Teilnahme an der Europa League reichte. Werder hatte damals Probleme mit der Balance zwischen Offensive und Defensive... und brach in der Rückrunde immer ein. Aber trotzdem war jede der ersten 3 Jahre in der Abschlusstabelle erfolgreicher als alles, was Kohfeldt jemals abgeliefert hat. Und danach wurde Werder dann Doublesieger. Und Thomas Schaaf wurde zum Heiligen. Danach durfte er sich dann praktisch einen auf Jahre angelegten schleichenden Niedergang leisten, ohne dass irgendjemanden auffiel, dass der moderne Fußball irgendwie an Schaaf vorbei gezogen ist... Nen bischen, als spontaner Vergleich, wie bei Arsene Wenger und Arsenal London...

Kohfeldt darf dagegen ohne historische Vorleistungen eine der schlechtesten Werder-Saisons aller Zeiten spielen lassen, ohne dass er irgendwie in Frage gestellt wird. Und bis Mitte Mai wurde er ja nicht mal von den Medien oder den Alteingesessenen in Frage gestellt.
Aber mal als spekulative Frage: Glaubt irgendjemand, Thomas Schaaf hätte Werder anstatt zur Meisterschaft auf Platz 17 führen dürfen ohne entlassen zu werden?

An der Stelle fällt mir dann auf: Kohfeldt ist gar nicht das Problem, er ist das Symptom. Die Personalie, an der halt allen deutlich wird, dass bei Werder eigentlich fundamental etwas falsch läuft. Dass die eigene Genügsamkeit und die mangelnden Ansprüche zu einer kaum noch aufzuhaltenden Negativspirale, die über kurz oder lang in Liga 2 enden wird, geführt hat.

Denn hier kommt mal das kurze Realitäts-Update: Eigentlich sollte sich Bremen mit Borussia Mönchengladbach vergleichen. Mindestens. Denn eigentlich hat man dank der doch überraschend zahlreichen Abstiege der Gladbacher einen extremen Vorsprung. Den man auf beeindruckende Art und Weise verspielt hat.
Und ja, auch Gladbach steht für ruhiges, kontinuierliches Arbeiten und seriöses Wirtschaften in einem familiären Umfeld. Nur wird in Gladbach ein Dieter Hecking für Arbeit, die sich im normalen Rahmen des erwartbaren Erfolges bewegt, nicht zum Heiligen verklärt... sondern am Ende einfach ersetzt um neue Impulse zu setzen.

Die bittere Realität lautet: Man kann sich noch nicht mal mit dem FC Augsburg messen. Also zumindest was die Europa League Teilnahmen der letzten 10 Jahre betrifft.
Eigentlich sollte es Bremens Anspruch sein, dass man zumindest selber diese eine Mannschaft ist, die in die Internationalen Plätze rein rutscht, wenn die wirtschaftlich stärkeren Teams dies verkacken. Stattdessen haben Augsburg, Mainz, Freiburg und Hannover diese Rolle übernommen. Genau genommen auch Eintracht Frankfurt, die jetzt versuchen sich auf dem Erfolg der letzten Jahre eine konstante Basis für eine bessere Zukunft zu erarbeiten. Also genau das, was Werder in den letzten 20 Jahren verkackt hat...

Bremen sollte eigentlich über diesen Mannschaften stehen. Stattdessen vergleicht man sich mit dem SC Freiburg, deren Anspruch es ist zu den 25 besten Mannschaften in Deutschland zu gehören. Wo eine schlechte Saison eigentlich erst beginnt, wenn man nicht zur Spitzengruppe der 2. Liga gehört, wo aber ein Abstieg halt auch mal passieren kann. Werder sollte aber den Anspruch haben zu den 10 besten Mannschaften in Deutschland zu gehören. Die Voraussetzungen dafür sollten immer noch gegeben sein. Zumindest wenn man den Abstieg noch vermeidet. Aber stattdessen gibt man sich mit wesentlich weniger zufrieden.
Und so erhöht man dann auch einen Trainer, der ganz normale Ergebnisse erzielt, zur Legende... und wundert sich, dass die Leistungen nicht besser werden, wenn man die Ansprüche runter schraubt.

Das ist halt Schade, weil Werder eigentlich echt der einer der sympathischen Bundesligisten ist. Eigentlich stehen wir alle auf offensiv ausgerichteten Fußball und seriös geführte Vereine. Selbst ich, der ja eigentlich vom Zynismus lebt und gar nichts zu schreiben hätte, wenn alle Vereine wie Werder geführt werden würden.
Aber, als interessante These, wahrscheinlich wurde Kohfeldt deswegen so viel verziehen, anstatt diese Saison als das zu beschreiben, was sie eigentlich ist: Eine extrem schlechte Trainerleistung. Deswegen will auch keiner glauben, dass Kohfeldt irgendwie Schuld an der mangelnden Fitness hat. Irgendwie wissen wir alle, dass es für die Liga im Allgemeinen das beste wäre, wenn Werders Weg zum Erfolg führt. Denn wenn man gute Trainer in einem ruhigen Umfeld ihre Arbeit machen lässt, muss dies zwangsweise zu einem besseren Produkt auf dem Rasen führen.

Nur wird halt allen langsam deutlich, dass die Arbeit von Kohfeldt unangemessen wenig Früchte trägt.
Das wirkliche Problem für Werder lautet aber: Wenn man jetzt Kohfeldt einfach entlässt, aber an sonsten genau so Selbstzufrieden weiter macht, wird das genau so wenig helfen, wie ein Wiederaufstieg mit Kohfeldt, für den man sich dann auf die Schulter klopft. Nur wenn man selber sein Weltbild wieder richtig ausrichtet, wird es in Bremen wirklich vorwärts gehen.

Freitag, 22. Mai 2020

Das Borussia Dortmund Paradoxon

Nur um das nochmal fix festzuhalten. Und ja, es ist schon ein wenig absurd. Oder es sagt Leuten, die wesentlich mehr von Fußball, Trainingsdosierung und Medizin haben wirklich etwas. Für den Laien mit Master in Ferndiagnostik ist es jedenfalls einfach nur... interessant.

Also: Borussia Dortmund hatte ja genau genommen vor dem Derby gegen Schalke extreme Probleme mit der Muskulatur. Emre Can, Alex Witsel und Nico Schulz fielen frühzeitig mit größeren oder kleineren Wehwehchen aus. Frühzeitig heißt hier: Es stand bereits im Donnerstags-Kicker.
Dazu kamen dann "spontan" Jadon Sancho, den man als Vorsichtsmaßnahme zunächst mal auf der Bank ließ und Giovanni Reyna, dessen Startelf-Debüt, auf das sich gerade die Amerikaner besonders gefreut haben, spontan abgesagt werden musste. Also bei Reyna sind beim Aufwärmen "Probleme aufgetreten."

Nach einer "normalen Vorbereitung" sollten an der Stelle alle Alarmglocken schrillen. Wenn da zu dem "Jetzt sollten alle fit sein" Moment 5 Leute mit Muskelproblemen ausfallen, hat man in der Trainingsdosierung wohl etwas falsch gemacht... Werder Bremen würde an der Stelle irgendwann den Athletik-Coach austauschen, weil der ja allein dafür verantwortlich ist, in welchem körperlichen Zustand die Mannschaft ist... Auch wenn das Problem mit neuen Athletik-Coach noch nicht wirklich besser geworden ist. Aber was Werder dieses Jahr vor hat, wird eines der größten Rätsel der Fußballgeschichte bleiben...

Zurück zu Dortmund: Für den weiteren Saisonverlauf sollten diese Muskelverletzungen durch aus einen Anlass zur Sorge geben. Also wenn die bereits vor dem ersten Spieltag auftreten, wie soll das dann erst in den anstehenden englischen Wochen werden?

Auf der anderen Seite der Medaille lieferte Dortmund allerdings ein Feuerwerk, welches selbst Euphoriker Lucien Favre ein "War ganz okay" entlockte. Ernsthaft, Favres Reaktion nach dem Derby war so großartig, das kann man gar nicht genug erwähnen. Der würde wahrscheinlich vor Beyoncé Knowles Konzerten stehen und sagen "War ganz Ok." Die Pyramiden und die Große Mauer würde er wohl als "nett und interessant" beschreiben. Genug Füller.

Hier ist eine der spannenden philosophischen Fragen, die ebenfalls über den Re-Start schweben: War Dortmund trotz, oder wegen der Muskelverletzungen so gut? Das "Trotz" wäre die symapthischere Antwort. Denn an sonsten ist der logische Schluss folgende: Um in dieser Saison noch was zu reißen, muss man sich Muskeln reißen. Also mehr als sonst. Man musste sich in der Vorbereitung so sehr quälen, dass einige Spieler gesundheitliche Schäden von sich trugen. Und die Leistung, die man dafür anbieten konnte, geben der "Folter" sogar recht.

Nun ist das nur bedingt eine Neuigkeit. Dass Profisport an sich wirklich ungesund ist, kann einem jeder Toni Schumacher und Stefan Kießling bestätigen. Überraschend viele Fußballer sind hinterher froh, wenn sie nach der Karriere wenigstens noch Golf spielen können. Andere brauchen mit Ende 30 eine neue Hüfte... Oder tragen ewig die Narben der Karriere auf den Gelenken. Die derzeitige Situation in Dortmund könnte aber darauf hinweisen, dass dieser an sich normale Zustand jetzt noch extremer als gewöhnlich ist.

Oder aber Dortmund ist nur einfach wesentlich besser als Schalke... und in Zeiten ohne Fans könnte so was vielleicht noch relevanter sein als sonst...
Ernsthaft, dass der Kicker diese Woche tatsächlich eine "ob das Spielstärkeren Mannschaften mehr helfen könnte" Debatte lostreten will.
Natürlich profitieren fähige Mannschaften von den derzeitigen Umständen am meisten. Sie würden dies auch tun, wenn nach der Pause Fans ins Stadion dürften. Denn die Bayern sind halt in der Lage ein Bundesligaspiel zu gewinnen, in dem sie 9 Kilometer laufen. Weil sie als einer der wenigen Mannschaften der Bundesliga in der Lage sind den Gegner laufen zu lassen... ohne sich selber groß anzustrengen.
Die tapfer mit viel Aufwand dagegen haltenden Normalsterblichen Bundesligisten werden durch die Unterbrechung, die mangelnde Fitness und die für sie ungewohnten englischen Wochen noch schneller Müde als sonst. Und als gratis Bonbon für die an Theaterpublikum gewöhnten Bayern fehlt der emotionale Push der Fans, die den Außenseiter in den Schlussphasen über seine Grenzen hinausgehen lässt...
Natürlich werden die Bayern am aller meisten von den Geisterspielen und der Corona-Pause profitieren. Gefolgt von Dortmund. Deswegen werden die Bayern auch mit ziemlicher Sicherheit Meister. Die spannende Frage ist: Welcher der Konkurrenten um die Champions League Plätze präsentiert sich dahinter am Spiel stärksten? Und hat die nötige Reife in der Spielanlage. Wo sich RB Leipzig, Borussia Mönchengladbach und Bayer Leverkusen ja auch durchaus ordentlich präsentieren. Wer von denen kann seine Qualität am konstantesten auf den Platz bringen? Und wer von den 3en muss in die Europa League?

Und die andere spannende Geschichte wird sein: Welcher der Abstiegskandidaten versetzt sich auch ohne Publikum in dieses absurde Delirium, in dem man dann doch die nötigen zusätzlichen Meter geht um die nötigen Punkte irgendwie zu erreichen? Oder wer hat dann doch die nötige Fußballerische Qualität um sich durchzusetzen?
Diese beiden Punkte könnten den Abstiegskampf noch ein Mal ordentlich durch wirbeln. Wenn man halt zum Beispiel die vorherige negative Tendenz der Frankfurter mit der bekannten Diskrepanz zwischen Heim- und Auswärtsspielen kombiniert... ähm... ich sag das mal so: Da sollten die Frankfurter hoffen, dass sich Rune Bratseths Meinung doch nicht durchsetzt.