Dienstag, 22. Januar 2019

Manchmal stellt der Kicker die richtigen Fragen aus den falschen Gründen

So auch dieses Mal bei der Wöchentlichen Umfrage auf ihrer Homepage:

"Kann Gladbach in den Titelkampf noch eingreifen?"

Definitiv. Sie werden den Titelkampf sogar entscheiden. Nur halt nicht so, wie die Kicker-Redaktion sich das gedacht hat. Denn 9 Punkte Rückstand auf den Tabellenführer sind verdammt viel. Und dazwischen liegt ja auch noch der Rekordmeister. Gladbach müsste quasi eine perfekte Rückrunde spielen um selber Meister zu werden... oder Dortmund UND die Bayern müssten einen extremen Einbruch erleben. Und dass die Bayern 2 essenzielle Krisen in einer Saison erleben, ist extrem unwahrscheinlich. Die Frage, ob Gladbach Meister werden kann, muss sachlich mit einem "Nein" beantwortet werden.

Dennoch könnten sie die Meisterschaft am Ende entscheiden. Schließlich sind sie, stand jetzt, die Drittbeste Mannschaft im Lande. Und das auch mit respektablen Abstand. Und im Gegensatz zu RB Leipzig, die es schon als Fortschritt feiern, wenn sie ein Spiel gegen die Bayern mal nicht in Unterzahl beenden, sind sie auch eine echte Herausforderung für die beiden Mannschaften vor ihnen. Das haben die Hinspiele bereits bewiesen, obwohl sie, und das ist die entscheidende Information, in den Stadien der Titelanwärter ausgetragen worden sind.

Jetzt... könnte Gladbach am 24. Spieltag, wenn die Bayern sie besuchen, für die Vorentscheidung im Meisterschaftskampf sorgen. Denn wenn die Gladbacher dieses Spiel gewinnen, was im Rahmen des Möglichen liegt, geht die ganze "Die Dortmunder müssen ja nur ein Mal verlieren, da wir den Rückstand im direkten Duell eh verkürzen werden" Rechnung nicht mehr auf.

Und dann muss die Borussia am letzten Spieltag zu ihren Namensvetter reisen, während uns alle Prognosen eine Entscheidung der Meisterschaft am letzten Spieltag einreden wollen. Dann müssen die Dortmunder endgültig beweisen, dass sie dem Druck standhalten können... Und Gladbach muss sich entscheiden, wie wichtig ihnen dieses Spiel dann noch ist... Spoiler: Wenn es um die Meisterschaftsentscheidung geht, werden sie es wichtig nehmen.

Um also noch eine letzte Prognose ins Internet zu pusten (weil die "Düsseldorf wird nur dank der 4 Bonuspunkte die Klasse halten" These ja so gut aussieht...): Gladbach wird die Meisterschaft entscheiden, weil sie nicht beide Duelle gegen München und Dortmund verlieren werden und die Mannschaft, die mehr Punkte gegen Gladbach geholt hat am Ende Meister wird.

Freitag, 18. Januar 2019

Es ist echt niedlich, wie viel Mühe die sich dieses Jahr geben

Dabei wäre das so unnötig. Oder ist das Vertrauen der Kellerkinder in Borussia Dortmund echt so gering? Ich meine, alle Hochrechnungen enden bei einem spannenden Titelkampf... wie ich vorhergesagt habe... also für die letzte Saison, aber Details.

Und auch der Kampf um die internationalen Plätze. Man muss quasi damit rechnen, dass RB Leipzig und Hoffenheim eine bessere Rückrunde abliefern werden. Weshalb die Konkurrenz zur Konstanz gezwungen wird. Und wenn Peter Bosz so loslegt, wie in damals in Dortmund, ist auch mit Leverkusen zu rechnen. Aber die Zeiten, wo am Ende irgendwer den kurzen Strohhalm zieht und deswegen International spielen muss, scheinen vorbei zu sein. Und ja, das behaupte ich auch jedes Jahr.  Aber genau genommen war es ja auch schon letztes Jahr so.

Was wiederum bedeutet: Mit Berlin, Bremen, Freiburg und Mainz stehen lediglich 4 Vereine vor einer inhaltslosen Rückrunde. Also bei den 4en muss man vorher sagen, dass schon was ziemlich ungewöhnliches passieren müsste, damit sie irgendwo reinrutschen.

Und dann haben wir noch die Kellerkinder. Die könnten jetzt quasi gezielt darauf arbeiten, den Klassenerhalt so schnell wie möglich zu sichern... Denn im Gegensatz zu sonst sind nicht sie es, die für Spannung und Unterhaltung in der Liga sorgen müssen, weil sich sonst keiner darum kümmert... Und was machen die?

Die geben sich allesamt richtig viel Mühe und nehmen den Abstiegskampf wörtlich.

Angefangen bei Schalke 04, die sich völlig unmotiviert von Naldo trennten und jetzt plötzlich einen Abwehrchef und Führungskraft suchen... Ähm... Und ja, Schalke hat nur noch 3 Innenverteidiger... von denen einer auch als Defensiver Mittelfeldspieler gebraucht wird... Wenn Schalke absteigen sollte, wird das definitiv mit diesem unmotivierten Transfer zusammenhängen.
Aber ich vertrete ja seit Jahren die Theorie, dass Christian Heidel nur heimlich einen Konkurrenten ausschalten will und danach nach Mainz zurück kehrt. So würde diese Entscheidung zumindest Sinn ergeben...

Fortuna Düsseldorf schaffte es derweil auf alle Titelseiten im Land, weil man mit seinem Erfolgstrainer nicht verlängern wollte. Und klar, ich selbst habe neulich argumentiert, dass Friedhelm Funkel eher ein guter Zweitliga-Trainer als alles andere ist. Aber ganz ehrlich: Gibt es irgendein Szenario, in dem Düsseldorf einen besseren Trainer als Funkel findet? Ich verweise an der Stelle auf Darmstadt 98, die in einer ähnlichen Situation Dirk Schuster ersetzen mussten und am Ende bei Norbert Meier gelandet sind... und logischer Weise abgestiegen sind. Genau diesen Weg wollte die Fortuna jetzt freiwillig gehen.
Aber hey, zum Glück hat sich da ja die Vernunft gegen den Sportvorstand durchgesetzt... warte, was? Wie kann das die Gute Nachricht sein?

Augsburg und Stuttgart haben praktisch das gleiche Problem: Sie sind eigentlich wesentlich besser besetzt als die Konkurrenz, haben aber mit Undiszipliniertheiten im Kader zu kämpfen. Im Falle Cauiby könnte da echt die "Der ist nicht mehr tragbar" kritische Masse erreicht worden sein. Bei Stuttgart sind es eher noch Kleinigkeiten, aber dafür sind gleich 3 Spieler betroffen. Wenn man da jetzt schon Probleme bekommt, wie soll das dann erst werden, wenn es wirklich zur Sache geht?

Und Hannover? Die scheinen sich endgültig den Hamburger SV als Vorbild genommen zu haben. Also mit Nicolai Müller holt man sich den Dritten ehemaligen Hanseaten als Hoffnungsträger... Weil die ja bewiesen haben, dass sie in der Relegation den Unterschied ausmachen können. Und mit Jonathas hat man auch den "Der war eigentlich schon abgeschoben, soll uns jetzt aber doch retten" Angreifer zurück geholt. Großartiges Konzept.
Gleichzeitig philosophierte Martin Kind, nach der Öffentlichen Forderung von Verstärkungen durch Andre Breitenreiter, darüber, ob es nicht sinnvoller wäre schon den Neuaufbau einzuleiten... Mehr Optimismus kann man gar nicht verbreiten.

Und auch in Nürnberg stellt man sich laut Kicker auf "frühzeitige Planungssicherheit" ein. Man hat irgendwie nicht das Gefühl, dass dort in der Vorbereitung der Grundstein zum Klassenerhalt gelegt worden ist. Die gesamte Planung ist auf "Vielleicht reicht es ja für die Relegation" ausgerichtet.

Anders ausgedrückt: Die Konkurrenz muss sich schon richtig viel Mühe geben um die beiden noch von den direkten Abstiegsplätzen zu verdrängen. Aber es sieht ja so aus, als hätten sie genau das vor.

Mittwoch, 16. Januar 2019

Es ist schon niedlich, wie der Kicker die Wahrnehmung verzerrt

Also der Kicker gönnte sich ja als Nachfolgeartikel zu den Jugendsünden diesen Montag einen Beitrag, in dem man anhand eines Einzelbeispieles Namens Kai Havertz feststellt, dass doch nicht alles verkehrt läuft... oder dass Havertz so überragend ist, dass er trotz bescheidenem System und bescheidenem Trainer nicht aufzuhalten ist. Vielleicht ist das der Wahre Grund ihn mit Michael Ballack zu vergleichen.

Faszinierend finde ich aber eigentlich den "Es fließt nicht mehr, es tröpfelt" Artikel als Anhang. Wo erklärt wird, das damals, 2009, viel mehr Talente sehr schnell den Durchbruch in der A-Elf schafften. Was ohne Kontext sogar stimmt.

Aber die erste Ebene Kontext ist halt, dass mit eben Havertz, Julian Brandt, und Timo Werner 3 Spieler der U21 bereits entwachsen sind, die dort Leistungsträger wären. Bei denen vergisst man es ja gerne, dass die eigentlich noch für die "Nachwuchsabteilung" spiel berechtigt sind. Anders ausgedrückt: dass 3 Talente bereits fest als Kaderspieler eingeplant warne, konnte die 2009er U21 Version nicht von sich behaupten. Deswegen waren ja, man kann sich kaum noch daran erinnern, die Erwartungen im Sommer 2017 so groß. Deswegen war Jogi Löws Leistung so episch und einmalig: Selbst die U21 B-Elf, deren einige Leistungsträger wegen des Confed Cups fehlten, war unschlagbar. Und die B-Elf beim Confed-Cup ebenfalls. Also eigentlich müsste auch Niklas Süle, Leroy Sané und Leon Goretzka zu der 2017er Europameister Generation zählen und auch die sind mittlerweile fest für die A-Mannschaft eingeplant.
Zu behaupten, dass es keine Durchlässigkeit mehr gibt, ist also schlicht falsch, denn 6 Spieler, aus der letzten U21 Generation, sind bereits feste Größen in der A-Elf. Nur die besonderen Umstände des Sommers 2017 mit 2 Turnieren und der geplanten Sommerpause für die verdienten Nationalspieler sorgte dafür, dass sich von den U21 Europameistern kaum jemand bei der A-Elf durchsetzen konnte. Weil die Besten daran eben nicht teilnehmen konnten, wollten oder durften. Und nur diese "Besten" setzen sich dann traditionell in der A-Elf durch.

Ein weiteres Problem kehrt der Kicker dann auch noch unter den Teppich: Die Nationalmannschaft im Jahr 2018 ist halt wesentlich weiter als die von 2010. Damals kam man als Überraschungseuropameister. Aber die Mannschaft war weit weg von designierter Weltklasse. Am deutlichsten wird dies in der Position des Torwartes: Ein Jens Lehmann ging damals als Platzhirsch in den Ruhestand. Und sein designierter Nachfolger war "nur" Rene Adler und hatte regelmäßig mit Verletzungsproblemen zu tun. Dementsprechend "leicht" musste es einen Manuel Neuer fallen sich den Stammplatz im Tor zu ergattern, den er seit dem nicht mehr hergibt. Aber selbst hier bleibt festzuhalten: Ohne das Verletzungspech von Adler wäre Neuer nur als Nummer 2 zur WM gefahren und hätte seinen Durchbruch erst später erlebt.
Wenn wir jetzt ein überragendes Talent im Tor haben sollten... muss der erst an Neuer und dann an Marc Andre ter Stegen vorbei um eine Chance zu bekommen. Man muss halt wesentlich bessere Spieler verdrängen.

Und das kann man auf die ganze Mannschaft übertragen: Hinten rechts spielte immer noch ein Arne Friedrich... seinerseits solider Bundesligaspieler, aber eben nicht mehr. In der Innenverteidigung spielte, wenn er denn fit war, was eine Seltenheit darstellte, Christoph Metzelder. Thorsten Frings und Thomas Hitzlesperger waren auch nicht wirklich für die ganz großen Aufgaben berufen. Deswegen spielten sie ja in Bremen und Stuttgart... Linksaußen stürmte ein gewisser Lukas Podolski, an dem man eigentlich leicht vorbei kommen sollte, wenn es nach Leistung gehen würde. Bastian Schweinsteiger war damals genau genommen schon zu langsam um auf den Flügel zu spielen, eingesetzt wurde er dort trotzdem. Und Miroslav Klose ist menschlich überragend, aber er war fußballerisch immer limitiert.

Wenn man sich das reine fußballerische Potenzial dieser Mannschaft anguckt, waren nur Philipp Lahm und Michael Ballack über jeden Zweifel erhaben. Lustiger Weise bootete Löw ausgerechnet einen von denen aus. Und bei Per Mertesacker und Schweini war zumindest zu erkennen, dass aus denen mal Leistungsträger auf Champions League Niveau werden könnten. Der Rest des Kaders war eher Durchschnitt.

Wenn man das jetzt mit den Möglichkeiten von 2018 vergleicht. Allein schon, dass man da halt amtierende Weltmeister verdrängen musste um eine Chance zu bekommen. Und ja, jede Nation hat die Angewohnheit zu lange an ihren Weltmeistern festzuhalten. Die emotionale Bindung zu solchen Persönlichkeiten ist halt eine andere. Was auch verständlich ist. Man muss halt mittlerweile einen Thomas Müller verdrängen, weil alle auf Grund seiner Verdienste ignorieren, dass der seit Jahren bei den Turnieren einen größeren "Mist" gespielt hat als Mesut Özil. An dem auch kein Vorbeikommen war. Oder an einem Toni Kroos, der als einer der Vergleichsparameter für einen aktuellen Zentralen Mittelfeldspieler gilt. Oder einem Sami Khedira, dessen Titelsammlung erstaunlich lang ist, gerade wenn man bedenkt, dass er nie für den FC Bayern gespielt hat. Oder, oder, oder.

Anders ausgedrückt: Die Talente von damals hätten heute auch größere Probleme sich in der A-Mannschaft durchzusetzen und die Talente von heute wären damals genau so schnell Stammspieler geworden. Und das ist keine Frage von "Durchlässigkeit" oder dem aktuellen Niveau der U21 (welches man im Endeffekt eh erst in 5 Jahren beurteilen kann), sondern eine Frage des gestiegenen Anspruchs an die Nationalspieler.

Freitag, 4. Januar 2019

Der ganz große Kicker-Klickbait

Oder anders ausgedrückt: Neues vom ehemaligen Fachmagazin.

Der hat sich jetzt nämlich einen richtig großen Aufhänger zur ultimativen Sauren Gurkenzeit gesucht. Wofür sie ja nicht mal was können.
Also genau genommen braucht niemand den Kicker Nr.3 vom Donnerstag. Die meisten Mannschaften sind noch nicht mal im Trainingslager. Die ganz großen Transfers fehlen bisher... Also hätte die Titelseite aus "Christian Pulisic wechselt effektiv im Sommer zu Chelsea!" bestanden. Gefolgt von der Rangliste, die natürlich eröffnet werden muss...

Wenn man sich allerdings clever anstellt, macht man aus der Rangliste ein riesen Thema... durch jemanden der nicht mal dabei ist. Und packt auf seine Titelseite, dass Manuel Neuer aus Leistungsgründen gestrichen worden ist. Auch wenn das bei genauerer Betrachtung eigentlich albern ist. Manuel Neuer gehört in diese Rangliste. Nur halt nicht nach oben, sondern ins "Blickfeld". Aber damit hätte man ja keine Zeitungen verkauft.

Lasst uns dafür mal kurz das Mantra der Rangliste wiederholen: "Nicht das Potenzial des Spielers ist entscheidend für die Platzierung, sondern seine erbrachten Leistungen in allen Wettbewerben im jeweiligen Bewertungszeitraum." Damit sind allerdings auch die Vorleistungen von Neuer nicht der Maßstab für sein letztes Halbes Jahr. Sondern nur dieses letzte Halbe Jahr, in dem er sich, zum ersten Mal seit gut einem Jahrzehnt, mit den normalsterblichen Bundesligatorhütern messen lassen musste.

Der Referenzwert ist also nicht das Weltmeisterhalbjahr, in dem er die Position neu definiert hat. Wenn wir anfangen Torhüter mit der Phase von Neuer zu vergleichen, wird es in der Rangliste verdammt einsam... Die Referenzwerte lauten Oliver Baumann und Yvon Mvogo.

Also ja, Oliver Baumann war national gesehen besser als Manuel Neuer. Zumindest nach Kicker Notenschnitt. Wobei der Kickernotenschnitt für Bayern-Torhüter etwas fieses ist... denn da man sich als Bayern Torhüter selten auszeichnen kann, was zu wenigen überragenden Noten führt. Um da dann doch mal den unangebrachten Vergleich zur WM Saison zu bringen: Damals bekam Neuer in der Liga ganze 2 Mal eine Note mit einem 1 vor dem Komma... während er 4 mal eine 3,5 oder schlechter bekam. Aber wie will man dem Mann auch eine gute Note geben, wenn er sich an der Seitenlinie mit dem Balljungen beschäftigen muss.
Und auch wenn Neuers Hinrunde extrem unglücklich verlief...  hatte er halt auch verdammt wenige Gelegenheiten sich auszuzeichnen. Dass er die dann einen Monat lang komplett ungenutzt verstreichen lies, war quasi DER HAUPTGRUND für die große Bayern Krise... Wenn Neuer in der Phase einfach mal nen Ball gehalten hätte...
Aber selbst wenn er national schlechter ausgesehen hat als Baumann... so hat er doch in der Champions League mit einem Notenschnitt von 2,58 (verglichen mit Baumanns 3,33) durchaus überzeugt.

Und hier kommt Yvon Mvogo ins Spiel. Der hat sich dank seiner Einsätze in der Europa League in die Rangliste gemogelt. Sogar auf Platz 10 in den weiteren Kreis... obwohl seine einzige wirkliche gute Leistung gegen Universitatea Craiova gezeigt wurde. Und seit ganz ehrlich: Ihr wisst nicht mal, in welchem Land Craiova liegt. Ich auch nicht, werde das aber nicht mal recherchieren.

Neuer war laut Ansicht der Kicker-Redakteure schlechter als diese beiden Torhüter. Wie kann man zu dem Schluss kommen?
Jetzt müssen sie im Nachhinein einen "Lex Neuer" erfinden. Der von allen akzeptiert wird. Aber warum gilt der nur für Neuer und nicht für Jerome Boateng? Den ins Blickfeld zu setzen ist kein Problem...

Die Redaktionssitzung wird so abgelaufen sein: "Setzten wir Manuel Neuer ins Blickfeld, wo er nach den Regeln hingehört?"
"Klar, warum sollten wir darüber überhaupt diskutieren... diese Entscheidung werden alle nachvollziehen..."
"Oder... wir streichen ihn einfach von der Rangliste, aus 'Leistungsgründen' und packen ihn dafür auf die Titelseite... und lösen eine große Debatte aus, ob das richtig war."
"Geile Idee, wer entwirft das Cover?"

Funktioniert ja auch voll. Also die Umfrage ist in Vollem Gange. Und ich persönlich steige auf diese Debatte ein. Mist.
Mir wäre es natürlich lieber, wenn das ehemalige Fachmagazin nicht für ein paar Verkaufte Einheiten seinen heiligen Grundsatz der Rangliste abschafft. Aber ich bin irgendwie auch gefühlt einer der Letzten, der einen gewissen Anspruch an dieses Magazin hat...

Genau so faszinierend, wo wir schon dabei sind, ist ja die Frage, ob wir jetzt noch eine Torhüter-Nation sind oder nicht. Was ja auch ganz dringend geklärt werden muss, obwohl wir die nächsten 10 Jahre garantiert eine Weltklasse Nummer 1 im Tor der Nationalmannschaft haben werden.
Was ich an der jetzt schon geführten Debatte witzig finde: Der Kicker verheimlicht uns allen ein wichtiges Detail. Also aufgemacht wird dieses Fass ja, weil unter den Top 5 nur ein einziger Deutscher Torhüter steht. Und es insgesamt nur 4 Torhüter mit Deutschen Pass in die Rangliste geschafft haben. Aber wie sieht die Bilanz aus, falls Marc-Andre ter Stegen als einziger Deutscher die Weltklasse bescheinigt bekommt? Also zumindest Internationale Klasse wird der ja auf jeden Fall nachgewiesen haben. Er dürfte genau genommen die heimliche Nummer 1 auf dieser Liste sein, spielt aber halt in Spanien. Und wie würde sich ein Bernd Leno nach seinem ersten Halben Jahr in London in diese Liste einfügen? Wie hat Loris Karius eigentlich sein Champions League-Final Disaster vertragen? Welche Rolle würde Timo Horn spielen, wenn er sich nicht sein eines Jahr als Zweitligist gönnen würde? Wie sieht die Bilanz der Deutschen Torhüter aus, wenn man all diese Jungs mit einbezieht? Denn erst dann kann man die Diskussion wirklich führen...

Und zu behaupten, dass wir "kein Torhüterland" mehr sind, wenn unsere Nummer 4 oder 5 in England ein Kandidat für den Stammplatz im Tor der Nationalelf wäre, ist einfach absurd.

Donnerstag, 3. Januar 2019

Michael Oenning hat wieder einen Job in Deutschland!!!

Und wisst ihr was: Das ist gut und vernünftig so.

Also klar, meine erste Reaktion, als der 1.FC Magdeburg Michael Oenning als neuen Chef vorstellte, war: Die müssen verzweifelt sein. Ungefähr so verzweifelt, wie Jan Kirchhoff, der als ehemaliger Bayern-Spieler (und damit Deutscher Meister) beim Tabellenvorletzten der 2. Liga unterschreibt... An der Stelle frage ich mich ja, warum sich unsere 3 designierten Kellerkinder nicht für Kirchhoff interessierten... aber Fokus...

Michael Oenning, da er ja eine Weile raus war, ist so was wie der Traumtrainer meines persönlichen All Bawful Dream Teams gewesen. Weshalb er natürlich beim Hamburger SV angestellt gewesen ist. Er hat so ziemlich die schlechteste Bilanz aller Trainer, die nicht nur interimsweise angestellt gewesen sind, weil er mit Nürnberg seine eine Hinrunde mit 3 Siegen aus 17 Spielen beendete. Und dann mit dem bereits angesprochenen Hamburger SV eine Serie von 13 sieglosen Spielen in Serie hinlegte. Was schon beeindruckend ist, wenn man bedenkt, dass er ganze 15 Spiele Cheftrainer beim HSV war... Das sind so Bilanzen, auf die selbst ein Tayfun Korkut herabschaut... Also in Nürnberg hatte er einen Punkteschnitt von 0,7, in Hamburg einen von 0,8... da ist der Aufwärtstrend doch deutlich zu erkennen...

Dennoch ist es gut, dass er wieder einen Job in Deutschland hat. Und lasst uns mal kurz klären, warum.

Zum einen dürfte Oenning an sich gearbeitet haben. Er ging ja vom HSV direkt zur Deutschen Studentenauswahl, also zurück an die Universität. Was deswegen lustig ist, weil ich damals immer behauptet habe, dass sie Oenning ja beim Buffet an der Mensa gefunden haben müssen. Danach hat er dann 2 Jahre durchaus erfolgreich (also zumindest nach dem, was so rüber geschwappt ist, urteilend) in Ungarn gearbeitet. Es ist also durchaus im Bereich des möglichen, dass Oenning mittlerweile einfach ein vernünftiger Trainer geworden ist. So was passiert.

Viel wichtiger ist aber ein anderer Grund: Nur, weil er kein guter Bundesliga Trainer ist, muss das nicht bedeuten, dass er einem Zweitligisten nicht helfen kann. Denn auch für die Trainer gilt: Nur weil es für die Bundesliga eventuell (oder noch) nicht reicht, heißt das nicht, dass man in den unteren Ligen nicht erfolgreich arbeiten kann. Also dass es quasi den "Marius Ebbers Angreifer" (Memo an mich selbst, dringend Positionsbeschreibungen fertig machen) nicht nur auf dem Platz, sondern auch daneben gibt.

Was eigentlich mega offensichtlich ist, aber für mich irgendwie doch eine neue Erkenntnis. Bisher ging ich irgendwie immer davon aus, dass es entweder gute oder schlechte Trainer gibt. Und dass die Guten einen steilen Karriereweg hinlegen, während die Schlechten von Verein zu Verein weiterziehen und sich dort irgendwo zwischen Retter und Notlösung durchmogeln. Was dann dazu führt, dass sie irgendwann in Liga 2 oder 3 landen... oder im Fall von Peter Neururer bei Sport1...
Dieser Ansatz erschien mir ja auch irgendwie logisch, denn im Gegensatz zum Profi wird der Trainer ja nicht durch seine physischen Grenzen eingeschränkt. Also dass es gewisse Spieler gibt, die für Liga X einfach zu langsam sind, ist das offensichtlichste Beispiel, welches von der Kreisklasse bis zur Champions League funktioniert. Aber als Trainer muss man sich doch eigentlich nur artikulieren können... und einen Trainingsplan entwickeln. Wenn man das beherrscht, sollte man es doch in allen Ligen entsprechend anwenden können... Die Realität sieht aber irgendwie anders aus...

Nehmen wir einfach mal das ultimative Beispiel für die "Marius Ebbers" Rolle an der Seitenlinie: Friedhelm Funkel. Der ist buchstäblich das perfekte Beispiel. Schließlich ist er mit 6 Aufstiegen der "Rekordaufsteiger" unter den Trainern. Ein absolut überragender Zweitligatrainer... der allerdings auch mindestens 5 Mal abgestiegen ist... Also mit Uerdingen (allein 3 Mal, laut Wikipedia), Köln und Berlin... Wie oft er am Ende abgestiegen wäre, wenn der Verein ihn nicht, auf einen Abstiegsplatz stehend, entlassen hätte, ist schwer nachzuvollziehen...

Dank seiner überragenden Arbeit in der 2. Liga schlich er sich immer wieder in die Bundesliga, stoß dort aber an seine Grenzen. Also, um das offensichtliche nicht zu verheimlichen, abgesehen von der einen Episode in Frankfurt, wo er tatsächlich ein Mal konstant Erfolg in der Bundesliga hatte. Aber auch damals dachte niemand wirklich, dass Funkel plötzlich den Riesensprung gemacht hat und zu höherem berufen wäre... nach der einvernehmlichen Vertragsauflösung ging es für ihn nicht (wie bei Niko Kovac) aufwärts, sondern er musste weiterhin darauf hoffen, dass Abstiegs- oder Aufstiegskandidaten auf seine Dienste setzten. Die Phase in Frankfurt zeigte: Unter absolut idealen Voraussetzungen kann Funkel eine Graue Maus in der Bundesliga verwalten. Wenn man sich mehr erhofft, sollte man auf andere Kandidaten setzen.
Und das ist auf keinen Fall ein Vorwurf an Funkel. Schließlich kann er, der schon als Spieler zwischen den Ligen pendelte, behaupten, dass er sein persönliches Maximum ausgereizt hat. Mehr kann man von einem Individuum nicht erwarten. Aber dieses Maximum bedeutet halt auch: Funkel ist ein sehr guter Zweitligatrainer... und ein unterdurchschnittlicher Bundesligatrainer.

Und es ist ja nicht mal so, dass Funkel eine Ausnahmeerscheinung wäre. Norbert Meier fällt mir spontan als nächstes Beispiel ein. Bernd Hollerbach könnte man auch anbringen: Der war mit den Würzburger Kickers in der 3. Liga überragend, in der 2. Liga ein halbes Jahr lang gut und in der Bundesliga völlig überfordert. Vielleicht werden wir in 5 oder 6 Jahren Domenico Tedescos Vizemeister-Jahr als absolute Ausnahmesaison anerkennen, weil er langfristig halt doch nur nen Zweitligatrainer ist... und in dem einen Jahr, wo die Bundesliga nur zweitklassig war, hatte er halt Erfolg. Alexander Zorniger kann auf beachtliche Erfolge in den tieferen (oder kleineren) Ligen verweisen, in denen seine Spielphilosophie wunderbar greift, verweisen, gilt in der Budesliga aber genau so als gescheitert, wie Stale Solbakken. Peter Bosz wird jetzt nachweisen müssen, dass er nicht auch in diese Kategorie gehört. Die Liste der Trainer, die im Ausland erfolgreich waren, aber an der Bundesliga scheiterten, ist ungefähr genau so lang, wie die Liste derjenigen, die es geschafft haben. Fred Rutten, Marcell Koller und Hanspeter Latour fallen mir noch spontan ein... Es gab zwischenzeitlich so eine Phase, in der gefühlt jedes Jahr der Meistetrainer aus den Niederlanden oder der Schweiz von einem Bundesligisten als Heilsbringer verpflichtet worden ist, aber wirklich funktioniert hat das nur bei Lucien Favre...

Diese Erkenntnis ist jetzt natürlich nicht bahnbrechend revolutionär. Aber es tut mir irgendwie gut, das mal so auszusprechen. Was mich jetzt zu dem "Was lernen wir daraus?" bringt. Gute Frage.

Zunächst ist die natürlich erst Mal für die Vereine aus den tieferen Ligen interessant. Denn für die ist das "Der ist an der Bundesliga gescheitert, muss aber kein schlechter Trainer für unsere Liga sein" Phänomen die große Chance. Als ambitionierter Zweitligist ist Friedhelm Funkel der perfekte Trainer für dich. Und solche Trainer ausfindig zu machen und zu verpflichten kann ein Wendepunkt in deiner Vereinsgeschichte werden.

Dann sollten gerade die Anhänger der Bundesligisten sich in Zurückhaltung üben, wenn ihnen der Meistertrainer aus der Gurkenliga als großer Heilsbringer vorgestellt wird. Denn nur weil ihre Ideen in spielerisch und/oder taktisch limitierten Ligen funktioniert hat, bedeutet dies nicht, dass es auch in der Bundesliga funktioniert.

Das ist ja gerade doppelt spannend, wenn man sich die Bundesligarückkehr der Hamburger und Kölner anguckt. Und ja, es ist davon auszugehen, dass beide es schaffen werden. Vor allem, weil sie mit Markus Anfang und Hannes Wolf Trainer installiert haben, die nachgewiesen haben, dass sie in der 2. Liga erfolgreich arbeiten können.
Aber gerade Anfang. Nur weil der mit Kiel überraschend aufgestiegen ist und dann sensationell die Relegation erreicht hat, bedeutet dies nicht, dass er auch 2 Jahre später durch die Bundesliga marschieren wird. Es kann durchaus sein, dass seine Methoden genau dort dann an ihre Grenzen stoßen.

Mittwoch, 2. Januar 2019

Das ausgerechnet Rudi Völler meinen Blog liest

Dabei kritisiere ich den doch fast so häufig wie Karlheinz Rummenigge...
Ok, wahrscheinlicher ist, dass die neue Generation bei Bayer um Simon Rolfes und vor allem Fernando Carro. Es ist nebenbei auch minimal faszinierend, dass Bayer immer wieder diese ziemlich unbekannten Typen ohne offensichtliche Bindung zum Fußball findet, die dann im Hinter- oder Vordergrund arbeiten. Also genau genommen angefangen bei Raimund Calmund, von dem man eigentlich nur weiß, dass er vor seiner Zeit bei Bayer mal schlank war... Gefolgt von Namen wie Michael Reschke und Jonas Boldt. Und jetzt ist es halt (falls das der richtige Name ist) Carro. Auch wenn man dessen Namen echt googlen muss.

Aber eigentlich geht es ja um die Entlassung von Heiko Herrlich: Leverkusen hat anscheinend tatsächlich beschlossen, dass man nach der Hinrunde ein Fazit ziehen will und sich dann zum Trainer positioniert. Was... genau genommen nur wenige Stunden dauerte, denn am Morgen nach dem 17. Spieltag wurde er bereits entlassen. Völlig absurd wird es dann, wenn sein Nachfolger bereits am selben Tag vorgestellt wird... Leverkusen hat also definitiv schon vor dem 17. Spieltag sehr konkret mit Herrlichs Nachfolger verhandelt... das ist ja für mich immer der Punkt, an dem man sich von Trainer trennen sollte... Also das ist halt, als würde man bereits mit seiner nächsten Freundin schlafen, aber abends nach Hause kommen und seiner aktuellen Lebensgefährtin vorgaukeln, dass ja alles in Ordnung sei. Nennt mich altmodisch, aber so was gehört sich einfach nicht.

Wenn Leverkusen sich nach dem Hinrundenfinale wirklich zu einer gründlichen (und gemeinsamen) Analyse verabredet hätte, wäre Herrlich erst am 27. oder 28. entlassen worden. So wurde die Entscheidung noch mal kurz diskutiert (wenn überhaupt) und vor allem abgenickt. 
Die Entlassung erinnerte schon sehr stark an den "Black Monday" in der NFL, wo auch spätestens am Tag nach dem letzten Saisonspiel und immer nach "gründlicher Analyse" die Trainer reihenweise entlassen werden. Und Leverkusen hat dieses Konzept halt 1:1 übernommen. Schließlich dürfte Herrlich der erste nicht-Schalke Trainer der Bundesligageschichte sein, der nach 2 Siegen in Folge (und 4 Siegen aus den letzten 5 Pflichtspielen) entlassen worden ist. So was macht sonst nur Clemens Tönnies...

Sachlich gesehen ist diese Entscheidung trotzdem nachvollziehbar. Denn das einzige Talent, welches diese Saison einen wirklichen Schritt nach vorne gemacht hat, ist Kai Havertz... während Leon Baily, Julian Brandt, Jonathan Tah und Tim Jedvaj eher stagnieren. Wenn überhaupt. Dazu kommt Wendell, der sich unter Herrlich eher zurück entwickelt hat... und Benjamin Henrichs, mit dem Herrlich so wenig anfangen konnte, dass er an den AS Monaco verkauft werden musste.
Um das mal zu verdeutlichen: Bayer Leverkusen musste ein Talent, welches bereits für die Deutsche A-Nationalmannschaft gespielt hat, gehen lassen. Und zwar nicht, weil die Großen ein Auge auf ihn geworfen hat, sondern weil der Trainer keine Verwendung für ihn hatte. Das war genau der Moment, in dem einem hätte auffallen können, dass Herrlich zum Problem wird.

Denn Leverkusen existiert als Verein nur (abgesehen davon, dass sie als Traditionsverein die meisten Olympiasieger Deutschlands ausgebildet haben), um Talente aus- oder weiterzubilden... und sie dann bevorzugt an den FC Bayern zu verkaufen. Selbst bei ihren Managern funktioniert das genau so... (Ernsthaft, würde es irgendjemanden überraschen, wenn Boldt in München unterschreiben sollte?) Wenn man jetzt einen Trainer hat, der bei 4 von 5 Talenten an genau dieser Weiterbildung scheitert. Dazu war von Paulinho bisher nichts zu sehen. Und einige dieser Talente gelten als Sichere Anlage. Also Brandt war der einzige Lichtblick bei der WM und damit in der Poleposition für die Özil-Nachfolge als Fixpunkt beim Neuaufbau. Leon Baily sollte spätestens nächsten Sommer für 40+X Millionen nach England verkauft werden. Und spätestens dann sollte Paulinho so weit sein, dass man keinen Nachfolger für teures Geld holen muss. Nichts von dem ist passiert. Da muss man schon gar nicht mehr auf die Tabelle gucken um zu merken, dass das Ergebnis der Analyse nicht gut ausfallen kann.

So sehr man also den Progressiven und vom Tagesereignissen abgekoppelten Ansatz loben muss, der ja bereits bei Roger Schmidt angewendet worden ist, so zeigt er am Ende doch ein strukturelles Problem bei Bayer. Denn effektiv muss die Entscheidung Herrlich im Winter idealer Weise durch Peter Bosz zu ersetzen bereits vor dem 8.12. gefallen sein. Also dem Tag, an dem Bayer seine "Siegesserie" begann. Und wenn man Herrlich nach einem 1:1 beim hoffnungslos überforderten Tabellenletzten entlassen hätte, wäre das auch nachvollziehbar gewesen. Und auch das Rudi Völler Interview vom 20.12. belegt im Nachhinein nur, dass die Entscheidung bereits getroffen worden ist. Völler hatte halt den kurzen Strohhalm gezogen und musste die "Wir wissen es, können aber dazu nichts sagen" Haltung dann nach außen verkaufen. Dafür ist er halt das Gesicht von Bayer 04 Leverkusen. Und es ist eines dieser Interviews, bei denen man nur schlecht aussehen kann.

Aber dass man es sich dieses Jahr leisten kann den Trainerwechsel im Zweifelsfall in Ruhe durchzuführen, wurde hier am Beispiel Domenico Tedesco ausführlich erörtert. Leverkusen hat sich dieselben Fragen gestellt und kam zu dem Schluss, dass man den Trainer wechseln muss. Auf Schalke kam man zu einem anderen Ergebnis beides ist legitim. Dass Herrlich den Krisengipfel der Jungtrainer gewann und trotzdem entlassen wurde, während der Verlierer weiterarbeiten darf, ist nebenbei absurd.

Dennoch ist die Haltung, dass man den neuen Trainer in der Winterpause mit eigener kleiner Vorbereitung starten lässt, durchaus vernünftig. Es ist quasi ein ideales Szenario. Gerade, wenn man einen "Konzepttrainer" wie Peter Bosz verpflichten will. Hier zeigt sich aber ein strukturelles Problem, welches Bayer sich geschaffen hat, das aber von keinem angesprochen wird: Man musste den eigentlich schon entlassenen weiter wurschteln lassen, um Bosz diesen Einstieg zu ermöglichen, denn die Optionen als Interimstrainer hießen... Jupp Heynckes (als würde der nochmal ans Telefon gehen...), Markus von Ahlen und Iraklis Metaxa. Die letzten beiden sagen euch nichts, aber es sind halt die U19 Trainer, die auf Transfermarkt.de angegeben werden. Und einen U23 Trainer... hat man halt nicht, weil man die 2. Mannschaft abgemeldet hat.

Und natürlich sind die 2. Mannschaften immer die Mittelkinder, um die sich keiner kümmern will. Die personifizierte Beschäftigungstherapie für verdiente Vereinsikonen. Aber sie ist halt auch die Schnittstelle zwischen Jugendarbeit und Männerfußball.
Und dass dann der verdiente Ex-Spieler, der bisher die 2. trainiert hat, als Iterimstrainer die Profis Interimsweise übernimmt, war früher genau der Standartweg um Bundesligatrainer zu werden. Und wenn es halt nicht klappte, rückte man ohne größeren Schaden zurück ins 2. Glied. Falls man das nicht sowieso immer so geplant hat, weil man ja nur seinen Ruhestand finanzieren will und eine ruhige Beschäftigung sucht, aber gar nicht ernsthaft die Ambitionen hat ins Profigeschäft zurückzukehren...

Wenn Leverkusen einen grundsoliden, im Verein integrierten und im Herrenfußball erfahrenen Trainer in der Hinterhand gehabt hätten, hätten sie sich das unwürdige Theater ersparen können. Und sie hätten ihre Kronjuwelen nicht mehr unter einen Übungsleiter arbeiten lassen, dem man nicht mehr vertraute. Aber man wollte ja die 600.000 Euro im Jahr sparen.
Natürlich hat man am Ende das Glück gehabt, dass Herrlich noch die 4 Siege aus 5 Spielen holte, anstatt wirklich unter reinzurutschen. Deswegen musste man sich auch nicht mit dem Szenario, dass Bosz als Feuerwehrmann sofort einsteigen muss und seine 2 Auftaktspiele in einer englischen Woche verliert, auseinander setzen. Aber das war halt auch reines Glück, auf das man sich nicht verlassen sollte.

Es ist halt faszinierend, wie eine 2014 getroffene Entscheidung auf ein Mal auf die aktuelle Saison Einfluss nehmen könnte.

Montag, 31. Dezember 2018

Meine persönlche Album Jahrescharts 2018

Warum? Weil ich kann! Und weil für mich persönlich noch mal die Musik des Jahres durchgehen eine gute Eigentherapie ist. Die beste Variante eines persönlichen Jahrestückblick. Der dann halt auch zur echten Tradition wird. Also das gab's auch 2016 und 2017 schon mal. Und die zu schreiben, macht einfach Spaß. Gönnt mir also den Egotrip...

Fangen wir mit den "Honorable Mentions" an: TiffanyForBreakfasts "Welcome to Scum" ist bein Random Metal Album des Jahres. Ich habe mittlerweile die Angewohnheit mir ein Mal im Jahr ein Album von Freunden zu kaufen, welches dann meistens zu Hart und zu Schnell für mich ist. Ich brauche dringend andere Freunde.
Ace Tee's "Tee Time" klingt irgendwie cool... aber mehr auch nicht. Und es ist nur ne EP. Vielleicht nächstes Jahr mit dem Album, mal sehen.
Yellow Caps "Too Fucked to go" ist mein Vinyl gewordener Soundtrack zum Skadelicious... aber halt auch erst seit 9 Tagen im Plattenregal. Und auf dem Niveau der Slapstickers sind die am Ende auch nicht... und wenn die es nicht in die Charts geschafft haben...
Neonschwarzs "Chaos" habe ich gerade erst bekommen und kann es noch nicht wirklich einordnen.
Falks Livealbum ist eben genau das und damit außen vor.
Materia und Casper haben zwar beide coole Stimmen und sind fähige Rapper... aber 2 Alben von dem einen auf einer Bestenliste wäre doch zu viel des guten... 
Und Clueso... nun ja...

Platz 14: Clueso - Handgepäck I: Ok, lasst uns genau genommen hier anfangen. Ich habe dieses Jahr aufgehört Clueso überkritisch zu sehen. Man muss dazu wissen, dass der überverpeilte Junge damals mit Gute Musik eines meiner absoluten Lieblingsalben rausgebracht hat. Damals heißt 2004. Er bewegte sich genau auf der Ebene zwischen Rap und Liedermacher. Und er hatte Songs wie Pizzaschachteln im Angebot... Danach... wurde er aber zum Popmusiker. Was ich ihm lange nicht verzeihen wollte. Dieses Jahr dachte ich mir dann: Gib dem Jungen doch nochmal eine Chance und vergleiche ihn einfach nicht mit dem perfekten Sturm von damals. Und siehe da: Man kann sich das wieder anhören.

Platz 13: Moorcheba - Blaze Away: Moorcheba ist cool. Und es ist gut zu hören, dass sie ihre "Soloprojekte" beendet wurden und sie jetzt wieder gemeinsam Musik rausbringen. Manchmal wusste man gar nicht so genau, was man vermisst hat.

Platz 12: Nakahne - You will not die: Auf meiner "Ich muss irgendwie mal meinen Frieden mit dem Mojos in Hamburg schließen" Mission (dazu später mehr), stolperte ich auf dem Reeperbahnfestival ganz spontan über Nakhane. Und der hat Prince studiert. Ganz gründlich Prince studiert. Dabei hat er aber nicht vergessen, dass man nicht nur kopieren darf, wenn man eigene Musik machen will. Heraus kommt ein Album um die Interloper Single, welches der Prince Fan in mir einfach mögen muss...

Platz 11: Marteria - Verde: Was soll ich sagen, ich mag den bekifften Marten lieber als den angeblich nüchternen und fokussierten. Dazu kommt: Jeder Künstler, der Doppelkopf cuttet, hat einen Stein bei mir im Brett.

Platz 10: Epic Beard Men - Season 1: Oder: Der Grund, warum meine Geheime Band nicht so heißen kann... Schade eigentlich. Sage Francis war jedenfalls immer einer der absurdesten und unterschätzten Rap-Künstler aus den USA. Auch wenn er da irgendwie selber dran Schuld ist. Jetzt hat er sich nach jahrelangen gemeinsamen Tourneen (und der Vollendung meines Live-Outfits) dafür entschieden, mit seinem Partner in Crime B.Dolan auch offiziell gemeinsame Sache zu machen. Im "D.I.Y.M.F.S." Modus. Hoffentlich taucht er nicht wieder auf Jahre ab... Und ja, ich liebe Indie Rap aus den USA...

Platz 9: William Wormser - Jede Idee: Ich vergleiche mich selbst ja mittlerweile mehr mit Liedermachern als mit Rappern. Oder ich habe es heimlich schon immer gemacht, bin mir dessen jetzt nur bewusst geworden. Und "Es funkionert" ist definitiv der Liedermachertext des Jahres (auch wenn er technisch von 2016 ist... aber Details... Er hat es auf dieses Album geschafft. Dazu kommt "Das Lied von der ewigen Ungleichzeitigkeit"... Der Witz mag etwas umständlich sein, trifft aber dennoch genau meinen Komiknerv.

Platz 8: Moop Mama - Ich: Eine von diesen Bands, die mir seit Ewigkeiten bekannt sind, aber doch irgendwie unter dem persönlichen Radar flogen. Was halt auch irgendwie daran lag, dass sie wie Jan Delay für Arme klangen... Passiert einem halt, wenn man sich mit genau dem Feature bei mir vorstellt... und dann ein eher durchschnittlichen Jan Delay Song rauskommt... Aber jetzt hat Rapper Keno Langbein entscheidende Fortschritte als Texter gemacht und bringt diese "Warum habe ich die nicht selbst gehabt?" Ideen, die dann von der großen Kapelle akustisch umgesetzt werden.

Platz 7: Chloe X Halle - The Kids are alright: Oh, die beiden schon wieder. Läuft bei denen. Natürlich ist auch "The Kids are alright" mehr eine Sammlung aller bisherigen Songs der beiden, als ein klassisches Album. Dennoch denke ich mir immer wieder "Wie kann man in dem Alter so epische Musik machen". Also das klingt einfach so verdammt groß. Und die dürfen noch nicht mal Alkohol trinken. Was soll daraus mal werden?

Platz 6: Beyoncé & Jay-Z - The Carters - Everything is Love: Was, jetzt schon? Damit ist es wohl... das schlechteste Beyoncé Release seit dem Destiny's Child Weihnachtsalbum. Und ihr alle so: Warte, es gibt ein Weihnachtsalbum von denen, warum erzählt er uns das jetzt?
Dieses Album ist jedenfalls mal kein Meilenstein und das ist gut so. Es ist dafür aber der Beweis, dass die beiden ihre Ehetherapie erfolgreich abgeschlossen haben. Was auch gut ist. Und darauf hin haben sie sich einfach mal in nem Studio eingeschlossen und gemeinsam Spaß beim Aufnehmen gehabt. Anstatt sich ständig Gedanken um das nächste Meisterwerk zu machen.
Nebenbei dropt ausgerechnet Beyoncé die vielleicht beste Battle Zeile seit langem: "My great grandchildren are already rich/ that's a lot of brown children on your forbes list!" Das ist einerseits die ultimative Angeberei mit dem eigenen Reichtum, was ja im Mainstream Rap schon immer beliebt war. Sie denkt halt schon gar nicht mehr in Autos oder Privatjets, sondern nur noch in Platzierungen auf der Forbes Liste... Andererseits wird dieser Reichtum für die Übernächste Generation erhalten und nicht sinnlos verprasst, was die meisten anderen Rapper gerne vergessen.
Wenn Jay-Z dann noch auf "Summer" entwaffnend ehrlich über die Beziehung (und deren Bedeutung für ihn) philosophiert... Auch wenn einem dabei irgendwie bewusst wird, dass die "Sie sing, er rappt" Aufteilung doch die ist, die am besten funktioniert...
Oh und die beiden haben den fucking Louvre absperren lassen um dort ein episches Video zu drehen... ohne dass dies irgendjemand mitbekommen und veröffentlicht hat... Weil sie's können.

Platz 5: Feine Sahne Fischfilet - Sturm & Dreck: Hier jetzt das peinliche Eingeständnis: Meine eigenen Eltern waren auf mehr Feine Sahne Konzerten, als ich selber. Und das schlimmste daran: Das liegt im wesentlichen daran, dass ich die Band jahrelang irgendwie nicht mochte. Klar, die waren irgendwie cool, mein gesamtes Umfeld hat die ja gehört... aber verpasst man wirklich was, wenn man die verpasst? Jetzt haben sie mich mit "Wo niemals Ebbe ist" und "Niemand wie ihr" emotional voll abgeholt. Der eine Song erinnert mich daran, dass ich ja eigentlich ein Kind der Ostsee bin und diese vermisse... der andere ist beinah auf Zeugnistag Niveau. Was einer meiner 10 Lieblingslieder aller Zeiten ist.
Warum mich dieses Album jetzt mehr mit nimmt als die Vorgänger... keine Ahnung.

Platz 4: Mono und Nikitamann: Ich bin hin und her gerissen. Einerseits ist es schön, dass es im Jahr 2018 solche Alben gibt. Andererseits ist es irgendwie traurig, dass wir solche Alben brauchen. Gerade wenn "Der aufrechte Gang" uns doch eigentlich erklären will, dass wir uns weiter entwickeln sollten... obwohl dieses Album technisch gesehen ein Rückschritt ist. Das Vorgängerwerk "Im Rauch der Bengalen" drehte sich im wesentlichen um Selbstverwirklichung und Individuelle Freiheit. Jetzt... geht es um "Wir sind mehr"... also dem Hashtag des Jahres, auch wenn der nur indirekt um dieses Album geht... Um eine klare Positionierung gegen Fremdenhass und den wieder aufbrechenden Rechtsradikalismus.
Während Feine Sahne Fischfilet (relativ gesehen) unpolitischer geworden ist, sind Mono und Nikitamann wieder aktiver geworden. Was nur bedeutet, dass beide Bands sich an einem guten Mittelpunkt getroffen haben...

Platz 3: Atmosphere - La Vida Loca: Blasphemie! Wie kann die großartigste Band aller Zeiten nur das drittbeste Album des Jahres veröffentlichen? Ich habe keine Ahnung. Vielleicht habe ich einfach dran gewöhnt, wie großartig die Jungs sind und bin verwöhnt, weil sie alle 2 Jahre ein neues Album rausbringen. Oder ich habe das neue Album einfach noch nicht verstanden. Was nichts ungewöhnliches ist, Atmosphere Alben verdaue gerne mal mehrere Monate am Stück, bis ich sie irgendwann "begreife". Oder auch nicht, weil Slug mir dann erklärt, dass die letzten 3 Alben ja als eine Trilogie mit dem Motiv "Moral" veröffentlicht worden sind... damn, jetzt muss ich erst Mal Fishing Blues und Southsiders nochmal durchgehen und mit diesem Album in Zusammenhang setzen...
Auch wenn die einzelnen Singles mittlerweile mit großartigen Videos versehen werden, so muss ich an der Stelle doch das gesamte Album empfehlen... Was niemanden überraschen sollte.

Platz 2: Dota - Die Freiheit: Ich bin überfordert... was mach ich daraus? Ehrlicher Weise war dies das einzige Album, vor dessen Release ich gerade zu nervös war. Schließlich war es für mich das erste Dota Album, auf welches ich warten musste. Und an das ich Erwartungen hatte. Dota ist halt von "Habe ich irgendwie immer ignoriert" zu "ist eine meiner Lieblingskünstlerin" durch gestartet. Und jetzt hat sie abgeliefert.
Es ist definitiv eines dieser Alben, die man mehrmals hören muss. Wo sich das "mehrmals hören" aber auch lohnt, weil man erst beim 3. oder 4. hören versteht. Nehmen wir einfach mal den "Raketenstart". Das klingt gerade akustisch erst mal nach einer seichten Deutsch-Pop Nummer, bei denen es sich nicht mal lohnt auf den Text zu achten. Eine dieser Songs, über die ein gewisser Jan Böhmermann sich ausführlich lustig macht. Dennoch fällt einem irgendwann auf, dass der Chorus "Wir haben die Katastrophe kommen sehen!" lautet... Und dass es darum geht, dass wir die Nummer gerade komplett gegen den Baum fahren... ups, da achte ich dann doch lieber auf die seichte Melodie... die tut weniger weh.
Und das ist einer der Songs, die ich verstanden habe. Ob "Nackte Beine" wirklich nur eine militante, wenn auch etwas umständliche Vegetarier-Hymne ist, oder ob da was anderes hinter steckt? Keine Ahnung. Vielleicht kriege ich das irgendwann noch mal raus... Und dann ist da noch als optimistischster Song "Schwangere Frauen" im Baumarkt... Wer hat die praktischen Ideen?

Platz 1: Janelle Monaé - Dirty Computer: Holy Shit. Dass ich in einem Universum leben darf, in dem solche Alben existieren.
Um das große Bild zu erklären: Es dürfte September 2013 gewesen sein, als ich das frustrierendste Konzert meines Lebens im Hamburger Mojos erlebt habe: Mein Bruder und ich standen genau so lange im Stau, dass wir Janelle Monaé für die Zugabe durch eine ekstatische Crowd springen sahen. Da hatte jemand ein richtig geiles Konzert... und wir nicht.
Danach verschwand die Frau für 5 Jahre von der musikalischen Bildfläche, erinnerte mich aber immer daran, dass ich da was verpasst habe. Weil ihr Gesicht plötzlich nach jener ominösen Oscar-Nacht, wo erst der falsche Sieger verkündet worden ist, auf Tagesschau.de auftauchte. Also bei den richtigen Siegern. Musikalische Lebenszeichen waren aber rar gesät.
Und dann kam dieses Jahr dieses Album. Ganz "klassisch" als "Emotion Picture". Und ja, man kann sich das gesamte Ding in seiner eigentlichen Form kostenlos bei Youtube angucken. Ich empfehle allerdings ausgemessene Discoboxen, nen HD Beamer und eine Kinoleinwand. Weil ich kann...
Wie heftig ist diese Offenbarung bei mir eingeschlagen? Nun ja, ich musste mir danach nochmal auf derselben Leinwand Lemonade angucken um abzuschätzen, ob Dirty Computer nicht vielleicht doch noch etwas besser ist. Ist es nicht, aber es ist verdammt knapp. Und wo ich vorhin schon mal Prince angeschnitten habe: Janelle ist mit diesem Album endgültig zur offiziellen Nachfolgerin dieses Universalgenies gekürt. Und nächstes Jahr kann ich dann endlich dieses beschissene Konzert nachholen.