Donnerstag, 29. Dezember 2022

Die Premiere League wird so bluten.

 Also ihre Stars, wenn sie in der entscheidenden Saisonphase auf dem Zahnfleisch gehen. Falls sie es nicht eh schon tun.

Aber ja, in England ging der Vereinsfußball natürlich als Erstes wieder los. Mit einem der Pokalwettbewerbe, bei dem erstmal nur all die Spieler, die im Viertelfinale oder früher ausgeschieden sind, auflaufen durften. Aber dann musste auch der Boxing Day gespielt werden, weil das halt Tradition ist. 

Das bedeutet auch nur: 2 Tage nach dem WM-Finale drehte sich das große Rad schon weiter. Also um das mal anders zu verdeutlichen: Noch bevor die offiziellen Feierlichkeiten in Argentinien abgebrochen wurden, spielt Leicester City schon wieder gegen die Milton Keynes Dons. Bevor der erste Argentinier wieder nüchtern war, war das Achtelfinale komplett durch.

Währenddessen hat die Bundesliga noch bis 20.01.2023 Pause. Das sind angemessene 30 Tage. Da kann man dann all die kleinen Wehwehchen wirklich auskurieren und im Urlaub... Ski fahren, wenn man das dann will. Ok, vielleicht sollte man einfach nur an einen Strand fliegen. Aber jeder, wie er mag.

Nun gönnt sich keiner eine derart lange Pause, wie die Bundesliga. Die gingen offensichtlich als einzige davon aus, dass ihre Nationalmannschaft bei dem Turnier weit kommt. Da kann man ja mal daneben liegen. Nebenbei fängt die Bundesliga direkt mit einer englischen Woche an. Ob das so sinnvoll ist, sei mal dahin gestellt. Es ist aber, wenn ich das richtig überblicke, die einzige englische Woche für die Vereine, die nur noch in einem Wettbewerb vertreten sind.

In England kommt halt erschwerend hinzu, dass das halt die beste und tiefste Liga der Welt ist. Das kann im Jahr 2022 ja keiner mehr infrage stellen. Wenn Kylian Mbappé feststellt, dass seine "Ich spiele einfach durch" Einstellung zu Problemen führt, dann tritt er in der einheimischen Liga halt ein wenig kürzer und wird trotzdem Meister. In England kann man sich diesen Luxus nicht leisten, weil jeder leichtsinnige Punktverlust den Titel kosten kann. Und weil die Konkurrenz auch einfach wesentlich stärker ist.

Es wird halt echt spannend, wenn es dann ins Viertelfinale der Champions League geht. Also in die Runde, bei der die Bundesliga zuguckt. Wahrscheinlich. Wobei man an der Stelle festhalten muss: mit ausgeruhten Beinen, einem Thomas Müller auf der Bank und Manuel Neuer im Tor hat man wahrscheinlich sogar eine Chance gegen müde Stars aus Paris. Nur ist eine dieser 3 Voraussetzungen ausgeschlossen und die andere zumindest fragwürdig. Und einen richtig guten Mittelstürmer hat man dann immer noch nicht. Dennoch könnte die Urlaubsverletzung von Neuer den Bayern richtig teuer zu stehen kommen. Denn der Rahmenterminkalender spricht schon für die Bayern.


Wobei ja an der Stelle die Frage aufkommt, ob die Stars erst bluten werden, oder ob sie nicht schon längst kaputt gespielt sind. Denn welcher Premiere League Star hatte denn wirklich eine gute WM? Hakim Ziyech muss da definitiv genannt werden. Das Problem daran: Der hat bei der WM mehr gespielt als in der Premiere League. Der war nach seinen 5 Liga-Einsätzen und insgesamt 270 Minuten Spielzeit mehr als ausgeruht. Hatte aber diese Minutenzahl bereits im Achtelfinale übertroffen. Julian Alvarez darf das Halbfinale seinen internationalen Durchbruch nennen, er ist bei Manchester City Julian Alvarez darf das Halbfinale seinen internationalen Durchbruch nennen, er ist bei Manchester City, aber auch nur Ergänzungsspieler oder Azubi. Im WM Finale spielten dann noch Alexis MacAllistar von Brighton Hove & Albion, den vorher niemand kannte. Und Christian Romero von Tottenham Hotspurs. Interessanterweise hat sich Romeros Körper seine Auszeit vor der WM genommen, sein letzter Einsatz im Vereinstrikot war am 19.10., danach hatte er eine nicht näher definierte "Oberschenkelverletzung". Dazu beide Torhüter, aber das ist ja auch die Position, die die Dauerbelastung am einfachsten wegstecken kann. 

Bei allem Respekt vor diesen Spielern: Das sind, abgesehen von Hugo Lloris, alles Leute, die nicht aus der obersten Kategorie kommen. Zumindest waren sie da vor der WM nicht angesiedelt. Der "teuerste" ist halt Romero mit einem für die Premerie League günstigen Marktwert von 55 Millionen.

Die ganz großen Namen wie, demonstrativ, Kevin de Bruyne waren bei der WM aber praktisch unsichtbar. Also wenn man jetzt rein nach den Marktwerten von Transfermarkt.de geht, war die Top 20 der Liga nach dem Viertelfinale im Urlaub. Spätestens. Mo Salah, Luiz Diaz und Erlin Haaland blieben ganz zu Hause, wofür sie aber natürlich nur bedingt was können. Kai Havertz, Kevin de Bruyne und Darwin Nunez scheiterten in der Vorrunde. Alle 3 hätten daran definitiv etwas ändern können, wenn sie besser gespielt hätten. Rodri scheiterte im Kollektiv an Marroko im Achtelfinale. 

Portugal hat mit Ruben Dias, Bernado Silva, Bruno Fernandes und Joao Cancelo 4 Spieler unter den Top 20. Und einen gewissen Cristiano Ronaldo, der jahrelang ganz oben auf dieser Liste stand oder gestanden hätte. Trotzdem waren sie auch nicht gut genug, um Marokko rauszukegeln. Der Rest teilt sich auf England und Brasilien auf, die jeweils im Elfmeter schießen scheiterten. England schaffte dies sogar ohne Verlängerung.

Das hätten eigentlich alles die Spieler sein sollen, die diese WM prägen. Außer eventuell Saka, schaffte dies aber keiner. Da könnte man schon ein strukturelles Problem sehen. Oder man redet von 19 bedauerlichen Einzelfällen.

Wirklich spannend sind ja die auf Transfermarkt.de nicht näher definierte "Oberschenkelverletzung" von Romero. Und die Adduktorenbeschwerden, die er vorher hatte. Wie viele dieser "mein Körper braucht halt mal eine Pause" Verletzung werden wir in der Rückrunde zur Kenntnis nehmen müssen? Wie viele der völlig überspielten Stars werden entweder verletzt auf der Tribüne sitzen, oder irgendwie fit gespritzt werden und deutlich unter ihrem Niveau spielen? Welchen Einfluss nimmt das auf die Champions League? Oder mache ich mir da viel zu viele Gedanken?

Ich würde spätestens im Halbfinale gegen alle englischen Teams wetten.

Freitag, 23. Dezember 2022

Ist Hitzfeld heimlich ein Agent der Schweizer?

 Das würde einiges erklären. Also zumindest eine Sache.

Denn während gerade in England der ultimative Cup der Versager mit allen Spielern, die bei der WM spätestens im Viertelfinale ausgeschieden sind, ausgetragen wird, geht in Deutschland ja eine Expertenmeinung durch die sozialen Medien: "Für mich ist Müller einer der wichtigsten Spieler im deutschen Fußball zurzeit."

Das kann man so halt nur sagen, wenn man für die Schweiz agitiert und deren Nationalmannschaft möglichst weit kommen soll. Anders ist das nicht zu erklären.

Hitzlfeld kommt natürlich sofort mit dem "Mentalität" Klassiker. Was er aber dabei vollkommen ignoriert: Thomas Müller war bei den letzten 3 Turnieren, als alle hinterher über die mangelnde Einstellung gejammert haben, Stammspieler. Er war 2018 schlechter als Mesut Özil. Özil ist im Defensivverhalten wenigstens hinterhergegangen und legt Matts Hummels den perfekten Ball zum Führungstreffer gegen Südkorea auf den Kopf. Dafür, dass Hummels den drüber köpft, kann Özil einfach nichts. Oh und direkt vorher legt er Timo Werner einen auf.
2021 war Müller schlechter als Toni Kroos, aber der wurde als "Querpasstoni" zum Sündenbock auserkoren. Und 2022 war er einfach nur der schlechteste deutsche Spieler auf dem Platz. Abgesehen vom Anlaufen war er komplett nutzlos.

Kein anderer Feldspieler hat so viel mit den 3 Scheiß-Turnieren zu tun, wie Müller. Anscheinend bekommt er diese Mentalität mit dem Adler auf der Brust nicht auf den Platz. 

Aber Hitzfeld sagt danach noch 2 sinnvollere Sätze: "Aber er darf nicht Mittelstürmer spielen, ganz vorne ist nicht seine Position. Am stärksten ist Thomas, wenn er einen Mann vor sich hat." Genau das ist doch aber Teil des Problems. Also wenn Müller Mittelstürmer spielen könnte, wäre der definitiv gesetzt. Aber auf der Position, die er einnehmen soll, ist er weit weg davon, der beste Deutsche zu sein. Meilenweit. 

Also lasst uns das mal konkret machen: Jamal Musiala, Florian Wirtz und Kai Havertz sind in der Rolle hinter der Spitze allesamt besser als Müller. İlkay Gündoğan ist es auch. Obwohl da ja auch noch unklar ist, ob der weitermachen will. Da agitiert nur niemand dafür, der muss das mit sich selber ausmachen. Aber jede Kaderliste sollte mit den ersten 3 Namen anfangen. Dazu noch Youssoufa Moukoko. Die wirklich entscheidende Frage ist: Schafft Hansi Flick es, dass diese 4 Spieler sich bis zur EM finden und dort dann wissen, wie der andere auf dem Platz tickt. Er muss herausfinden, wie man die 4 am effektivsten zusammenwürfelt. Wer von denen muss in die Spitze, wer auf die Außen und wie rotiert man im Spiel. Jedes Testspiel sollte genau dafür genutzt werden. Jede Theoriedebatte sollte genau darum gehen. Und wenn man überhaupt nach Alternativen sucht, dann heißen die Gnabry und Sané. Die beiden sehe ich aber spätestens 2024 eine Stufe unter den 4 Megatalenten. Und ja, bei all dem Geheule über den fehlenden Mittelstürmer ignoriert man vollkommen, dass man 4 absolute Diamanten zur Verfügung hat, die definitiv genügend Potenzial haben, um Weltmeister zu werden.

Niclas Füllkrug oder Lukas Nmecha kann man natürlich als Joker mitnehmen. Und auch das kann man die 1 1/2 Jahre mal planen und durchspielen. Aber Priorität eins sollten diese 4 Spieler sein. Wenn die dann mal ein Spiel schlecht sind, verbannt man sie nicht direkt auf die Bank, wie es mit Havertz gerade permanent passiert. Ernsthaft, der hat halt so gar keine Lobby, weil er ins Ausland gegangen ist und sich dort durchgesetzt hat.

Wenn man das nebenbei genau so kommunizieren würde, dürfte Flick die eine oder andere holprige Leistung sogar verziehen werden. Schließlich ist Havertz mit 23 Jahren der Veteran dieser Offensivabteilung. Anderseits... hat Havertz jetzt schon mehr EM Tore erzielt, als Müller in seiner gesamten Karriere.

Gerade wegen der Jugend kann man doch für Müller argumentieren. Ich bin ja kein reiner Hater. Aber wenn von Anfang an klar ist, dass Müller als Mentor und Führungsspieler in der Kabine mitkommt. Als der eine im Kader, der noch weiß, wie es ist, wenn man ein gutes Turnier spielt. Als jemand, der aber auch gegenlenken kann, wenn die alten Verhaltensweisen, die zu 3 verkackten Turnieren in Folge geführt haben, wieder durchbrechen. Aber vorher muss allen klar sein, dass er die EM auf der Bank beginnen wird. Und da wahrscheinlich auch die meiste Zeit sitzen wird.

Wenn Müller mittlerweile so weit ist, diese Rolle anzunehmen, was er bisher immer verweigert hat, dann kann er Deutschland helfen. Wenn irgendjemanden auffällt, dass Musiala, Gnabry, Sané und Kingsley Coman jetzt schon besser sind als er, dann kann er diese Rolle auch 1 1/2 Jahre lang einstudieren. Denn ganz sachlich muss sich Müller erstmal voll darauf konzentrieren, dass er seinen Stammplatz beim Rekordmeister nicht verliert.

Aber es gibt ja durchaus auch Geschichten von Veteranen, die diese Rolle angenommen haben. Oliver Kahn im Jahr 2006 ist das offensichtlichste Beispiel: Da hat niemand erwartet, dass er als Nummer 2 zur WM fahren würde, aber er hat es nicht nur gemacht, sondern die Rolle auch zu 100 % angenommen. Und dadurch das Bild von ihm deutlich zum besseren gewandelt. Dani Alves hat sich gerade in dieser Rolle bei den Brasilianern ausprobiert. So was kann man, gerade bei der Aufstockung der Kader, durchaus mal machen. Das ist auch sinnvoll. Aber nur, wenn alle vorher wissen, wie der Plan lautet.

Mittwoch, 21. Dezember 2022

Was wird die Task Force am Ende rausfinden?

 Das ist doch die wichtigste Frage:


Woran hat es gelegen?

Und klar, die offensichtlichen Antworten wie "Wir haben halt keinen guten Trainer" und "Uns fehlt der Mittelstürmer" liegen auf dem Tisch. Also zumindest eine der beiden, die andere wird ja noch ignoriert. Aber dafür braucht man ja keine Task Force, das kriegt ja jeder Blogger raus.

Vor allem hatten wir schon immer richtig schlechte Trainer und waren trotzdem erfolgreich. Und nur mit dem fehlenden Mittelstürmer kann man ja kein Vorrundenaus erklären. Man muss sich also wirklich fragen, was 2014 noch anders war.

Die Antworten sind einfach, aber unbequem. Erstens: Damals gab es noch Raportagen. Von 2006 bis 2014 kommentierte der Blumentopf wortgewannt und gekonnt die Deutschen Spiele. In Reimform. Am Ende oft kurz nach dem Abpfiff. 2016 war man noch halbwegs erfolgreich, aber spielte auch nicht wirklich überzeugend. Alles nach dem logischen Motto: Wenn hinterher keiner darüber rappt, muss ich mir auch keine Mühe geben. Vor allem löste sich diese großartige Band 2016 komplett auf. Seit dem geht halt nix mehr. Also auf Nationalmannschaftsebene zumindest Roger hat noch ein geiles Album gemacht. Der logische erste Schritt ist also: Die Task Force muss Blumentopf aus dem Ruhestand zurückholen. Man kann ja für die EM den Zustand "Nur die Band, keine Raportagen" verwenden, und wenn das auch nicht reicht, müssen die halt zurück zur Sportschau.

Noch viel wichtiger fürs ganze Land ist aber folgender Fakt: Als wir 2014 Weltmeister wurden, hatten wir noch keine Nazis im Bundestag. Die AfD scheiterte 2013 gerade so mit 4,7 % der Stimmen. Ok, das funktioniert so richtig nur, wenn man ignoriert, dass es auch in der CDU/CSU Nazis wie Erika Steinbach gab. Aber so ein richtig großes Sammelbecken für Nazis im Bundestag gab es halt noch nicht. Mittlerweile hat man ja den Vorteil, dass die CDU Nazis zur AfD übergetreten sind, man könnte also richtig ausmisten. Aber in der Partei geht es ja immer weiter nach rechts. Also so weit, dass es sogar dem Verfassungsschutz auffällt. Oder sind die immer noch nicht rechts genug, um vom Verfassungsschutz ignoriert zu werden? Dieser Zustand ist bestimmt nicht mehr weit weg, man muss sich also schnell drum kümmern.

Schritt 2 lautet also: Die AfD aus dem Bundestag kicken. Wenn das passiert und der Topf zurückkehrt, werden wir 2026 Weltmeister. Garantiert. Und ich würde mich definitiv darüber freuen. Also Kalle und Rudi: Fangt an mit der Arbeit, ihr habt viel zu tun.

Dienstag, 20. Dezember 2022

Warum war dies das beste WM Finale aller Zeiten

 Also dass es das war, steht ja allgemein fest. Und ja, es ist extrem zynisch, dass die korrupteste WM aller Zeiten das beste Finale bekommt. Aber das könnt ihr ja überall sonst lesen. Ich versuche ja einen Blickwinkel aufzumachen, der zumindest mir nicht so über den Weg läuft.

Die meisten konzentrieren sich ja rein auf das Lionel Messi vs Kylian Mbappé Narrativ. Und dass 2 wunderschöne Tore heraus gespielt wurden. Das ist auch nicht gänzlich verkehrt. Dass 2 absolute Weltstars in einem Finale so abliefern, ist außergewöhnlich. Aber das ist nur die oberflächliche Betrachtung.

Fangen wir mal mit Mbappé an. Aber vernünftig. Es wird ja immer behauptet, dass der noch nicht auf einer Stufe mit Messi oder Cristiano Ronaldo ist, obwohl er sich im Verein so benimmt, als wäre er dies schon. Aber die nüchterne Wahrheit lautet: Zumindest in der Nationalmannschaft hat er sie schon überholt. Und die Champions League Titel werden schon noch kommen.

Denn Mbappé ist einer von 3 Spielern, die in 2 Endspielen getroffen haben. Die anderen sind Paul Breitner (ja, in Deutschland regelt das ein Verteidiger) und Pele. Er steht bei quasi uneinholbaren 4 Finaltoren. Und er wird heute erst 24. Was uns wirklich Angst machen sollte: Mbappé könnte noch 2 weitere WM-Finale erreichen.

Nebenbei ist er insgesamt bei 12 WM Toren nach 2 Turnieren. Oder anders ausgedrückt: Miroslav Klose kann sich innerlich schon mal von seinem Rekord verabschieden. Mbappé dürfte diesen Rekord von 16 Toren pulverisieren, selbst wenn Frankreich 2 mal unglücklich im Viertelfinale ausscheidet. Und hey, vielleicht hat er sogar noch Bock auf ein 5. WM Turnier mit 35 Jahren.

Er ist nebenbei auch der 2. Spieler, der in einem WM-Finale einen Hattrick erzielt. Der letzte war Geoff Hurst im Jahr 1966. Damit hat er auch einen weiteren Rekord, auf den er wahrscheinlich verzichten könnte: Er ist der einzige Spieler, der im WM Finale einen Hattrick erzielt und das Spiel danach verliert. Und das wird er auch ewig bleiben.

Also um damit mal das nächste Level an Perspektive zu geben: Der letzte Spieler, der in einem K.O. Spiel 3 Tore erzielte und trotzdem verlor, war Igor Belanov. Wenn euch der Name nichts sagt, liegt das daran, dass es 1986 war. Da war noch die UdSSR und nicht der Russe das personifizierte Böse. Ein weitere Spieler, der trotz Dreierpack (es war damals sogar ein Viererpack) nicht gewann, war Ernst Willimowski. Das war 1938. Das war der Adolf noch nicht das personifizierte Böse. Dies ist der historische Kontext, in dem wir uns bewegen. Dazwischen "schaffte" es noch Josef Hügi 1954. Abgesehen von Belanov kommen diese Spiele aber aus der fußballerischen Steinzeit.

Um das mal zu verdeutlichen kommt hier jetzt eine kurze Auflistung aller Spiele, in denen eine Mannschaft trotz 3 erzielter Treffer nicht gewinnen konnte:

Senegal - Uruguay 3:3 im Jahr 2002.
UdSSR - Belgien 3:4 n.V. 86.
Deutschland - Frankreich 3:3 n.V. 82.
Italien - Deutschland 4:3 n.V. 70.
Portugal - Nordkora 5:3 66.
UdSSR - Kolumbien 4:4 62.
Frankreich - Deutschland 6:3.
Paraguay - Jugoslawien 3:3
Frankreich - Paraguay 7:3 jeweils 58.
Österreich - Schweiz 7:5
Ungarn - Deutschland 8:3 jeweils 54.
Kuba - Rumänien 3:3
Brasilien - Polen 6:5 n.V. jeweils am 5.6.1938.
Argentinien - Mexiko 6:3 30.

Wenn ich nichts übersehen habe, war es das. Da fällt einem sofort auf: Je moderner der Fußball wird, um so seltener wird ein derart absurder Spielverlauf. Mittlerweile muss man 20 Jahre darauf warten. Und 1958 muss ein völlig verrücktes Turnier gewesen sein. Und im Großen und Ganzen sind das 14 von 962 WM Spielen. Ja, ich fahre gerade Bahn. Aber das heißt, es passiert alle 64 Spiele ein Mal. Mit fallender Tendenz.

Vor allem fällt auf: Obwohl dies bereits 2 Mal in einem Halbfinale passierte, weil Deutschland unter anderem extrem gut darin war ein müdes 1:1 nach 90 Minuten in ein begeisterndes 3:3 nach 110 Minuten zu verwandeln. Aber so ein Finale gab es halt noch nie.

Denn Finale sind halt meistens doch eher müde oder einseitige Angelegenheiten. Der Druck ist so hoch, dass kaum jemand wirklich ins Risiko gehen will. Und ein Rückstand ist meistens so demoralisierend, dass man nicht zurückkommen kann. Also zumindest nicht von einem 2-Tore-Rückstand. Das letzte Mal schaffte dies Deutschland. Natürlich, die Mentalitätsmonster. Das war aber 1958. Frankreich holte diesen Rückstand als dramatischen Bonus in den letzten 10 Minuten auf. Ich mache mir jetzt nicht die Mühe und finde heraus, wie oft ein 2:0 Vorsprung in den letzten 10 Minuten verspielt wurde. Vor allem, weil Argentinien ja im Halbfinale dasselbe Prinzip durchgezogen hat.

Aber selbst das ist rein statistisch noch nicht alles, denn es gab ja eine Verlängerung. Und normalerweise hoffen beide Mannschaften dann nur, dass kein Scheiß passiert und man irgendwie das Elfmeterschießen erreicht. Bloß keine Fehler machen. Und wer das erste Tor schießt, gewinnt. Glaubt ihr mir nicht? Nun ja: Dies war das erste WM-Finale, in dem beide Mannschaften in der Verlängerung getroffen haben. Dieses "Du steckst den Nackenschlag weg und kommst zurück" hat es einfach noch nie gegeben.

Aber auch das war ja nicht das letzte Highlight. Denn beide Mannschaften versuchten ja alles, um die Lotterie zu vermeiden. Wie selten sehen wir so was? Also ganz konkret hatten die eingewechselten Randal Kolo Muani und Laurato Martinez in der 123. Minute den Siegtreffer auf dem Fuß oder Kopf. Beide Mannschaften hätten in allerletzter Minute den Siegtreffer erzielen können oder müssen. Normalerweise wird nach 121 Minuten abgepfiffen, deswegen behaupte ich jetzt, dass auch das noch nie so passiert ist. Und danach hatte Mbappé eine weitere, nicht ganz so klare Abschlusssituation, die der eigentlich nur fürs Elfmeterschießen eingewechselte Paolo Dybala endgültig klären konnte.

Und ja, der einzige Wermutstropfen ist, dass beide Trainer am Ende noch Spieler für die Lotterie eingewechselt haben. Gerade Lionel Scaloni hätte Dybala früher in die ursprünglich von Angel di Maria ausgefüllte Rolle bringen können, denn die Schwachstelle der Franzosen waren ja die Außenverteidiger. Zumindest so lange, bis Scaloni mit Marcos Acuna den zweiten Linksverteidiger einwechselte. Bei 2:0 Führung ist das nachvollziehbar, aber wenn man diesen Vorsprung verspielt hat, könnte man doch zu dem System zurückkehren, welches einen nach vorne gebracht hat.

Aber beide Trainer haben in der Summe 13 ihrer insgesamt 15 Wechsel genutzt, um auf das Spielgeschehen Einfluss zu nehmen. 15 Wechsel sind ganz nebenbei ein weiterer WM-Rekord. Nur so nebenbei. Am Ende bleibt: Wir werden nie wieder ein derart herausragendes Finale sehen.

Montag, 19. Dezember 2022

Wir brauchen eine TASK FORCE!

 Back by unpopular demand. Und ich dachte, nachdem Oliver Bierhoff weg ist, lassen wir diesen Blödsinn mit den Anglizismen.

Und ja, dass wir gestern das beste WM-Finale aller Zeiten gesehen oder verpasst haben, könnt ihr überall lesen. Auch wenn ich zugeben muss: Dass beide Mannschaften in der 123. Minute den Siegtreffer erzielen müssen, war schon grandios. Aber egal, zurück zur Task Force:

Denn die Lage ist so schlimm, dass wir dringend mal was ändern müssen. Das ist auch durchaus vernünftig: Wenn man keinen Stein auf dem anderen lassen will, kann Input von Außen nicht schaden. Matthias Sammer überhaupt zu vergraulen, war vielleicht der entscheidende Fehler von Jogi Löw. Oder dass der DFB Löw ein Umfeld aus persönlich Vertrauten aufbauen ließ und alle kritischen Meinungen vom Hof gejagt worden sind. 

Aber dieses Komitee hat halt ein entscheidendes Problem: Es besteht nur aus Alten Weißen Männern. Oliver Mintzlaff ist der einzige U50er. Dafür werden Karl-Heinz Rummenigge und Rudi Völler wieder ausgegraben. Das sind Leute, die in den letzten Jahren quasi nur emotionalen Blödsinn gelabert haben. Einer der beiden hat aktiv daran gearbeitet, dass die WM in Katar stattfinden konnte. Und die sollen jetzt die neuen, fortschrittlichen Ideen in den DFB bringen? Hatte Ottmar Hitzfeld keine Zeit?

Dazu kommt noch Hans Joachin Watzke, der, laut Wikipedia, damals den Slogan "Die Mannschaft" forcierte. Ich dachte, wir wollen weg davon...

Nur um das mal kurz festzuhalten: Die werden am Ende herausfinden, dass wir zu wenig Mittelstürmer haben. Das wird ihnen der CIA verraten.  Die finden alles raus. Aber wisst ihr, wer dafür hauptsächlich verantwortlich sein könnte? Vielleicht die beiden besten Deutschen Vereine, die auch die besten Jugendspieler ausbilden sollten? Watzkes Vorschlag lautet dann doch: Scoutet doch einfach Erling Haaland und kauft den. Also kauft den so früh, dass wir den einbürgern können. Ist doch nicht so schwierig.

Die sollen jetzt auf nationaler Ebene das Problem lösen, dass sie im Verein seit Jahrzehnten nicht gelöst haben. Oder dass sie gar nicht erst angegangen sind, denn der letzte deutsche Mittelstürmer dieser Vereine war Sandro Wagner. Und als Stammspieler war es Mario Gomez. Das war in der Saison 12/13. Bei Dortmund hatte in derselben Saison Julian Schieber in 35 Startelfeinsätze, ich schätze mal, den muss man dann zählen. Auch wenn er hauptsächlich auf den Außen gespielt hat. Seitdem haben die nebenbei Marvin Ducksch und Steffen Tigges vom Hof gejagt, weil die halt einfach nicht gut genug darin sind, Mittelstürmer auszubilden. Bayern hat Joshua Zirkzee aus dem Fokus der Medien genommen. Ernsthaft: Wo spielt der eigentlich gerade, sollte der nicht der nächste große Stürmer werden?

Das Problem haben sie nicht alleine, aber sie stehen symbolisch dafür. Und sie hätten genügend Mittel gehabt, das auf Vereinsebene zu lösen. Aber sie haben halt lieber einen Eric-Maxim Choupo Moting oder einen Adrian Ramos als Ergänzungsstürmer zu verpflichten, anstatt diesen Stürmer selber auszubilden. Das sind doch genau die Experten, die wir jetzt brauchen.

Dabei gäbe es doch durchaus jüngere und fähige Köpfe. Also wir haben doch die 2014er-Weltmeistergeneration, die mittlerweile fast vollständig im Ruhestand sind. Also außer Thomas Müller und Manuel Neuer. Gut, Mesut Özil wird nicht ans Telefon gehen. Aber Per Mertesacker ist der neue Chef der Arsenal-Akademie. Also der hat in den letzten 5 Jahren genau das gemacht, was wir jetzt dringend brauchen: Das System vor Ort umgekrempelt und erneuert. Philipp Lahm hat uns doch die EM in 2 Jahren besorgt, da dürfte es ihm auch am Herzen liegen, dass die Nationalmannschaft da auch ein bisschen mehr reißt. Und der sieht immer noch aus, wie ein Grundschüler, das ist doch genau der Mann für frischen Wind. Bastian Schweinsteiger wirkt auf einmal auch halbwegs kompetent, wenn Esther Sedlaczek dem das Mikro hinhält. Obwohl das eher darauf hindeuten dürfte, wie gut die Sedlaczek ist.

Mindestens einen von denen muss man bei so einer Task Force ins Boot holen. Stattdessen kommt Rudi Völler. Der hat nebenbei mit seinem Verkacken als Bundestrainer und dem Vorrundenaus bei der EM 2004 die letzte Task Force ausgelöst. Also der weiß immerhin, was man machen muss, damit so was passiert. Und er war auch schon Teil der 2000er Task Force. Er hat also wie Rummenigge auch Erfahrung mit dem, was so ein Ding so macht.

Nebenbei wollte ich mal erwähnen, dass wir gerade die rare Situation haben, dass ein herausragender deutscher Trainer arbeitslos ist: Thomas Tuchel wäre zu haben. Ein jüngerer und mutigerer Arbeitskreis würde sich vielleicht mal mit der Idee beschäftigen, einen Trainer, der jahrelang gute Arbeit geleistet hat, zu holen. Der auch einfach mal ein Upgrade zu Hansi Flick darstellen würde. Der aber halt keinerlei DFB Vergangenheit hat. So eine Verpflichtung als Cheftrainer hat es beim DFB noch nie gegeben. Aber mit diesen Leuten wird sich das auch nicht ändern. Und nach einer suboptimalen Heim-EM hat Tuchel dann schon wieder anderswo einen Vertrag unterschrieben. Dafür müsste man aber progressive Leute holen. Also mehr als Mintzlaff.

Sonntag, 18. Dezember 2022

Ein paar Gedanken zum Spiel um Platz 3

 Also grundlegend und losgelöst von dieser WM. Und inspiriert von HITC Seven.

Dieses Spiel wird ja gerne als sinnlos und überflüssig bezeichnet. In einem eh schon extrem vollen Rahmenterminkalender quält man die Stars mit einem weiteren belanglosen Spiel. Dabei müssen die doch frisch sein für das nächste Spiel gegen Sheriff Tirasol! Oder noch viel wichtiger: Die müssen doch schon im Flugzeug zur Promotour Saisonvorbereitung! Zumindest normalerweise, wenn die WM im Sommer stattfindet.

Aber hier ist mal wieder das Grundproblem: Die Haltung trifft im Wesentlichen nur auf die 8 größten Nationen zu. Also Frankreich, Argentinien, Spanien, Deutschland, Brasilien, England, Italien (wenn sie sich denn qualifizieren) und die Niederlande. Also die 8 Nationen, die im Wesentlichen seit 1966 untereinander auswürfeln, wer ins Finale einzieht. Und England ist die einzige Deppennation, die dies nur ein Mal geschafft hat. Was für Versager. Aber hey, die behalten sicherheitshalber Garteh Southgate, damit es auch auf gar keinen Fall besser wird.

Und klar, dass es dich als Deutschland nicht (oder nur im Ausnahmefall Heim-WM) interessiert, wenn deine Mannschaft mit ihren 5 Weltmeister- und 3 Europameistertiteln um die Bronzemedaille mitspielt, ist das nachvollziehbar. Die Deutschen Legenden gewinnen halt den Titel. Und nebenbei mindestens ein Mal die Champions League. Aber es ist halt auch keine europäische Nation so erfolgsverwöhnt, wie die Deutschen, die es nicht mal interessiert, dass sie die meisten Spiele um Platz 3 gewonnen haben.

Aber das faszinierende am Spiel um Platz 3 ist ja: Während das Finale, abgesehen von Kroatiens Ausreißer vor 4 Jahren, eine geschlossene Gesellschaft ist, gibt es im Spiel um Platz 3 verdammt viele Überraschungen. Denn ins Halbfinale zieht meistens mindestens ein Außenseiter ein. Einen Klassiker wie Brasilien gegen die Niederlande sieht man da selten. Und klar, dass Brasilien nach der 7:1 Demütigung nochmal antreten musste und dementsprechend unmotiviert 0:3 verliert, war schon Kacke für die. Aber muss man sich wirklich immer nach den Großen richten?

Wenn man mal bedenkt, dass Polen, Schweden, Bulgarien, Kroatien (also schon 98 das erste Mal), Südkorea, die Türkei, Uruguay (welches halt lange nicht mehr den Status der 30er Jahre hat) und Marokko an diesem Spiel teilnimmt, bekommt man schon eine andere Perspektive. Denn in diesen Nationen wird man zur Legende, wenn man an diesem Spiel teilnimmt. Denn es ist für viele ist es halt doch der Höhepunkt der Nationalmannschafskarriere. Hinterher kann man sich dann die Bronzemedaille einrahmen, was für alle diese Nationen immer noch eine herausragende Belohnung darstellt. Und da die taktischen Fesseln da meistens nicht mehr so eng angesetzt werden, gibt es meistens ein unterhaltsames Spiel.

Gerade für Marokko war es halt auch die letzte Gelegenheit, mit 44.000 Fans zu feiern und sich auch für ihre großartige Leistung feiern zu lassen. Das werden die wenigsten von denen so schnell wieder erleben. Gönnt denen das einfach.
Wenn man dann nebenbei sieht, wie ein Luka Modric in diesem Spiel erst 90 Minuten auf dem Platz steht und danach dann zufrieden grinst, obwohl der eigentlich zu viele Champions League Finale gesehen hat und ihn das alles gar nicht mehr interessieren muss, wird es schwierig den Sinn dieses Spieles zu hinterfragen.
Aber das ist dann vielleicht auch der entscheidende Unterschied: Ein Modric hat mit 37 Jahren immer noch Bock drauf, was mit seiner Nationalmannschaft zu reißen. Der verlängert jetzt seine Karriere, weil er ja theoretisch noch die Nations League gewinnen kann. Währenddessen sitzt ein wesentlich jüngerer Toni Kroos zu Hause und nimmt Podcasts mit seinem Bruder auf. Diese absolute Geilheit auf Spiele im Nationalmannschaftstrikot fehlt bei den Deutschen anscheinend gerade.

Aber gerade die Nations League ist ein interessanter Vergleich. Denn auch die interessiert ja alle, außer die großen 8. Die schieben da Dienst nach Vorschrift und sehen den Wettbewerb eher als Testspiele. Das eigentliche Ziel lautet der Klassenerhalt, damit man auch im nächsten Zyklus gute Testspiele zugewiesen bekommt. Und davon, dass diese Testspiele ein wenig ernsthafter angegangen wird, profitieren alle. Also außer die Engländer, die halt abgestiegen sind. Hab ich schon erwähnt, dass die Southgate behalten wollen?

Aber diese großen 8 können halt am Ende den Titel und in den meisten Fällen die Champions League unter sich ausmachen. Und ja, in den letzten 30 Jahren gingen 29 Titel an Mannschaften aus diesen 6 Länder, die am Ende auch das WM-Finale erreichen können. Aber man muss sich ja nicht immer nach diesen Großen richten. Also nicht bei jedem Spiel und bei jedem Turnier.

Dass die Nations League genau deswegen eine gute Idee ist, weil die kleinen Nationen sich untereinander in Pflichtspielen messen können, habe ich hier bereits ausführlich erklärt. Dieselben Ausführungen gibt es hier zur Europa Conference League. Man muss das Spiel um Platz 3 einfach mit genau denselben Augen sehen, dann ergibt das schon Sinn. 

Aber da sind wir wieder bei dem Grundproblem: Was mich als Fußballfan oder gar Fußballnation nicht interessiert, muss sinnlos sein und gehört abgeschafft.

Freitag, 16. Dezember 2022

Marokko war die europäischste Mannschaft, die Afrika je gestellt hat.

 Ich bin nebenbei ein wenig im Paradise Delay, weil das mit dem Konzerte statt Katar ein wenig übertrieben habe. Also eigentlich sollte das hier schon vor dem 2. Halbfinale rauskommen. Aber egal. 

Das Marokko ins Halbfinale eingezogen ist, werden ja sogar die boykottieren Fraktion mitbekommen haben. Ein historisches Ereignis. Was aber niemanden auffällt: Diese Mannschaft kommt genau genommen gar nicht aus Afrika. Also 14 der Spieler wurden in Europa geboren, weil Marokko halt eine ehemalige französische und spanische Kolonie ist. 

Gehen wir die Liste der Leistungsträger mal durch: Torhürer Bono wurde in Montreal geboren. Der hätte also auch für Kanada spielen können. Roman Saiss kommt aus Bourg-de-Péage, Achraf Hakimi aus Madrid. Noussair Mazraoui aus Leiderdorp. Damit wurde aus der Viererkette lediglich Nayef Aguerd in seinem Heimatland geboren

Im Mittelfeld geht es genauso weiter: Amrabat kommt Huizen, Ziyech aus Dronten, Boufal aus Paris und Amallah aus Hautrage. Lediglich Azzedine Ounah wurde in Casablanca geboren. Damit gab es in der Startformation nur 3 einheimische Spieler, weil wir Europäer unsere Stürmer eben nicht teilen. Und ihr dachtet, Katar würde sich seine Nationalmannschaft zusammenkaufen.

Was natürlich so nicht richtig ist, denn die Nationalmannschaft Marokkos ist deswegen so ein bunter Haufen, weil die afrikanische Geschichte und die Kolonialzeit kompliziert sind.

Aber als quasi Fortsetzung des "War das Brasiliens letzte Chance den Titel zu holen" Beitrages ist das wirklich spannend. Denn all diese Spieler wurden nicht nur ein Europa geboren, sie wurden auch dort ausgebildet. Lediglich Bono hat seine Fußballkarriere bei Wydad AC begonnen. Der Rest kommt aus den Akademien in den Niederlanden, Belgien, Frankreich oder Spanien. Sie haben damit alle die taktische Ausbildung und Disziplin, die den Brasilianern laut meiner These fehlen werden.

Und das hat sich ja auch auf dem Platz gezeigt. Bis zum 0:1 der Franzosen war man sich nicht ganz sicher, ob da nicht doch eine von José Mourinho trainierte Mannschaft auf dem Platz stand. Die verbarrikadierten sich vor dem eigenen Strafraum und schoben perfekt die Räume zu, sodass Spanien und Portugal lange zu gar keinen Chancen kamen. Erst als die Marokkaner müde wurden, ergaben sich doch die Räume. Und als die Taktik im Halbfinale umgestellt wurde, ergaben sich die Räume gleich.

Aber dann bewiesen sie nebenbei, wie sich das für eine Mourinho Mannschaft gehört, dass sie durchaus einen gepflegten Ball nach vorne spielen können. Die haben nicht konsequent verteidigt, weil sie nichts anderes können, sondern weil sie genau so spielen wollten. Sie haben halt verstanden, dass man nur so in ein Halbfinale einziehen kann.

Damit will ich die historische Leistung gar nicht kleinreden. Ich will nur verdeutlichen, wie viel Einfluss so eine Ausbildung im europäischen System haben kann. Denn selbst wenn man die individuell schwächeren Spieler als Spanien, Portugal und Brasilien hat, kann man diese bezwingen (oder weiter als sie kommen), wenn man taktisch diszipliniert spielt und etwas Glück hat. Aber das kann halt nur funktionieren, wenn der Nationaltrainer auf die entsprechenden Grundlagen zurückgreifen kann.

Genaugenommen passiert das alles ja auch schon seit Jahren. Also alle Mannschaften aus den Maghreb Staaten wurden immer von in Frankreich ausgebildeten Spielern, die aber für die herausragend besetzte A Nationalmannschaft nicht gut genug sind. Deswegen habe ich ja auch scherzhaft gesagt, dass am letzten Vorrundenspieltag Frankreich II gegen Frankreich III gespielt hat, weil die einen auf ihre erste Formation verzichteten und die Tuniesier halt zu großen Teilen aus diesem Land kommen. Marokko treibt dieses Prinzip halt nur noch auf die Spitze.

Aber ja, das alles könnte bedeuten, dass die Maghreb Staaten in 20 Jahren an Brasilien in der Weltrangliste vorbeiziehen. Klingt noch wie eine absurde These, aber bedenkt, dass die Ausbildung immer besser wird. Gerade die Franzosen sind ja gerade wirklich in der Lage 3 starke Kader zu stellen, wenn alle fit wären und sich alle für Frankreich entschieden hätten.

Man sollte aber auch bedenken, dass dieser Einzug ins Halbfinale nicht bedeutet, dass der afrikanische Fußball entscheidende Entwicklungsschritte nach vorne gemacht hat. Denn all die anderen Nationen, die nicht auf diese Ausbildung zurückgreifen konnten, hatten dieselben Probleme, die sie immer hatten.

Nebenbei profitieren von diesem Austausch ja offensichtlich auch die Franzosen. Da muss man nur mal kurz erwähnen, dass Zinedine Zidane algerische Wurzeln hat.