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Montag, 16. Oktober 2023

Es war schon ein faszinierendes Schauspiel

 Es gibt schon komische Momente im Fußball. Also gerade während der "Länderspielpausen". Dieses Mal war es die 75. Minute im Testspiel USA - Deutschland. Da wurde ein gewisser Johnny eingewechselt. Und wenn es euch so geht wie mir, dann habt ihr den Spieler vorher noch nie gesehen oder von ihm gehört.

Aber Johnny war trotzdem ein Ausnahmespieler an diesem Tag. Also weil er der einzige Athlet auf dem Feld war, der sein Geld nicht in Europa verdient. Der nicht mehrere Zeitzonen überwinden musste, um dieses Testspiel zu absolvieren.

Was aber nicht bedeutet, dass er die kürzeste Anreise hatte... ganz im Gegenteil. Weil Johnny für Porto Alegre in Brasilien spielt, musste er 5100 Meilen (ca. 8.208 km) zurücklegen. Für die europäische Fraktion waren es (von Frankfurt aus) "nur" 3700 Meilen (ca. 5.955 km). 

Um mal wirklich festzuhalten, wie absurd dieses Spiel wirklich war: Die Amerikaner haben 2 Torhüter von Nottingham Forrest in ihren Reihen, aber mit Miles Robinson und DeJuan Jones nur 2 Spieler, die in den USA ihr Geld verdienen. Und Alejandro Zendejas, der in Mexiko spielt. Ansonsten wurden 46 Profis quer über den Globus geflogen, um ein Testspiel zu absolvieren. Oder sie fliegen wie Joshua Kimmich nur hin und her, um sich unterwegs eine Erkältung einzufangen. Das klingt doch vernünftig. Also für den Planeten und für die Athleten.

Mittlerweile wissen wir ja auch, warum dieses Testspiel stattfinden muss: weil ein Oliver Bierhoff in seiner unfassbaren Weitsicht bereits jetzt Pläne für die WM in 3 Jahren geschmiedet hat. Und ja, das hier ist der letzte Nachruf vom Markenbotschafter Bierhoff. Wenn man sich da zur WM ein eigenes Domizil bauen lassen will, muss man sich halt vorher schonmal vor Ort umgucken. Dann macht das schon Sinn.  

Also gerade, wenn es hauptsächlich darum geht, Kontakte für die WM in Nordamerika zu knüpfen und sich schon mal als Delegation vor Ort ein Bild von den Gegebenheiten zu machen... sage ich jetzt mal etwas, das auf den ersten Blick extrem sexistisch klingt. Und es auf den Zweiten auch ist: Dann schickt doch die Frauen.

Und auch wenn es um das Erschließen des Marktes geht... hätte man das wesentlich eleganter über die Damen regeln können. Also als völlig bescheuerte Idee: Wie wäre es denn gewesen, wenn man im Sommer ein Testspiel-Doppelpack ansetzt: Um 19:00 spielt Deutschland - USA in Frankfurt vor 50.000 Zuschauern. Auch wenn es kein europäischer Gegner ist, so ist es aufgrund der zahllosen in Europa spielenden Profis trotzdem ein Härtetest vor der EM. Und dann um 22:30 spielt USA - Deutschland in Connecticut. Die 37.743 Zuschauer hätten die US-Ladys auch angelockt. 

Und der DFB hätte über den gut zu verkaufenden "Doubleheader" eine noch viel größere Präsenz im amerikanischen Fernsehen gehabt. Das wären 5 Stunden mit deutschem Fußball an einem Samstag oder Sonntag.
Aber dafür hätte, und das ist der eigentliche Sexismus daran, Bierhoff ja die Frauenmannschaft als Teil seines Marketingplanes betrachten müssen. Und dass dies sinnvoll sein könnte, fiel ihm erst während des EM Finales 2022 auf... Dass Bierhoff als Manager des DFBs mit den Frauen durch die Welt reisen könnte, war zu dem Zeitpunkt, als dieser Trip geplant wurde, noch unvorstellbar.

Und nur um mal festzuhalten, wie gut dieses "Märkte erschließen" funktioniert hat: Die deutsche Mannschaft spielte in einem relativ kleinen Stadion einer College Mannschaft. Das war keiner dieser Milliarden-Tempel, die die Amis so gerne bauen, trotzdem war das Spiel nicht restlos ausverkauft. Nur so als direkten Vergleich: Die Testspiele der Bayern im Sommer in Japan wollten 49.000 Menschen im Stadion sehen. Das Testspiel gegen Manchester City letztes Jahr fand vor 78.000 Fans statt. Die Bayern buchen halt Lambeau Field, was ungefähr das Äquivalent zum Westfalenstadion sein dürfte, während der DFB im Ruhrstadion spielt.
Und auch wenn das TV Rating bei ESPN für ein Fußballspiel wirklich ordentlich war, so ist es doch nicht der große Durchbruch, der den deutschen Fußball jetzt in den USA wirklich präsenter gemacht hat. Oder anders ausgedrückt: Man hat nichts erreicht, was eine Frauenmannschaft im Sommer nicht auf geschafft hätte, wenn sie direkt nach dem Herrenspiel angetreten wären. Und der DFB hätte mit so einer Ansetzung und der Kombination von beiden Teams mal wirklich innovativ gewirkt.

Freitag, 21. Oktober 2022

Oliver Bierhoff, Vollidiot der Woche. Oder Hall of Shamer der Woche.

 Oder Liebling der Katarischen Scheichs der Woche. Denn die Haltung, die Oliver Bierhoff gerade öffentlich eingefordert hat, ist ja genau die Haltung, die die Veranstalter sehen wollen: Konzentriert euch aufs Sportliche. Plant bloß keine Proteste. Wäre ja schlimm, wenn die an Stellen passieren würden, die man nicht einfach ausblenden kann. Und das Dümmste, was seit langem zu dem Thema gesagt worden ist: Überlasst das politische dem Präsidenten.

Nun muss ich vorher zugeben, dass die gleich anstehende Kritik an Bernd Neuendorf ein wenig zu hart ausfallen wird. Vielleicht ist der noch gar nicht völlig korrupt. Vielleicht bleibt der ja sogar integer, falls er es jemals war. Ernsthaft, der Neuendorf ist für mich ein derart unbeschriebenes Blatt, es fällt mir echt schwer den einzuordnen. Also wenn ich den reden höre, finde ich ihn angenehm sympathisch. Aber meine allgemeine Skepsis gegen derartige Funktionäre ist halt so hoch, dass ich nicht mehr glaube, dass er als integre Person in diese Position gekommen wäre. Aber man soll ja den Optimismus nicht verlieren.

Oliver Bierhoff sagt jetzt, dass die Vollidioten, die dafür verantwortlich sind, dass wir in dieser Scheiße stecken, sich vor Ort äußern sollen. Der Verband, der seit Jahren von einer Steuerrazzia in die nächste stolpert. Der jahrelang Robert Koch mit durchgeschleppt hat, obwohl alle wussten, dass der eher toxisch als hilfreich ist. 

Der Verband, der seit Jahren zu den Zuständen im Katar oder bei der Fifa im Allgemeinen geschwiegen hat. Der ja auch von den Zuständen bei der Fifa selber profitiert hat. Der fleißig mit gemauschelt und sich selber eine WM gekauft hat. Wenn die jetzt was sagen, weist halt nur jemand darauf hin, dass 2006 auch nicht alles so glattgelaufen ist. Oder ist es so glattgelaufen, weil vorher ordentlich geschmiert wurde? Aber ja, dass auch das Sommermärchen am Ende gekauft war, war einer der größten Überraschungen der Neuzeit. Also ich war schon fasziniert, wie überrascht alle waren, als das Offensichtliche rauskam.

Dieser Verband soll jetzt der Vorreiter in Sachen Menschenrechte in Katar werden? Die sollen jetzt ganz plötzlich ihr Gewissen finden und alles offen ansprechen? Und damit sollen die auch noch Erfolg haben?

Wenn wir eine Lise Klaveness in unseren Reihen hätten. Die hat schon vorher auf Fifa Kongressen offen angesprochen, wie furchtbar es ist, dass dieses Turnier so stattfindet. Und die darf logischerweise gar nicht erst einreisen. Der DFB stand da mit betretener Miene daneben. Man hat ein wenig genickt, aber sich nicht wirklich getraut selber etwas zu sagen. Man vertraut halt nicht den Aussagen von Amnesty International, sondern muss erstmal selber vor Ort gucken, ob da wirklich Sklaverei betrieben wird. 

Wenn wir diesen Leuten die Kritik an den Zuständen vor Ort überlassen, können wir es auch gleich lassen.

Dienstag, 9. März 2021

Jetzt muss Bierhoff liefern

 Er ist der letzte große Hoffnungsträger. Also als Steigerungsform vom Adjektiv hoffnungsträge. Ein Adjektiv, welches ich mir nicht selber ausgedacht habe, sondern Volker Pispers. Ehre, wem Ehre gebührt...

Aber genau genommen steht der DFB jetzt vor einer Gabelung und muss sich entscheiden, welchen Weg er für die nächsten 10 bis 15 Jahre nehmen will. Denn solange ist ja die Verweildauer eines Bundestrainers. Wir halten halt an denen fest, egal was passiert. Und die Auswahl der Spieler ist halt so großartig, dass selbst ein durchschnittlicher bis unbegabter Trainer ein Halbfinale erreichen könnte.

Die Optionen, die der DFB hat, sind folgende:

Man biegt links ab, kontaktiert Ralf Rangnick und erfüllt ihm all seine Wünsche. Rangnick ist immer noch arbeitslos und hat den Punkt in seiner Karriere erreicht, an dem strategisches Arbeiten eine willkommene Alternative zur täglichen Arbeit auf dem Trainingsplatz ist. Was ihn von einem eventuell doch auch verfügbaren Jürgen Klopp unterscheidet. 

Er ist aber auch ein anerkannter Fachmann. Auf einmal würde dieses herausragende Potenzial von einem echten Fachmann betreut werden. Zum vielleicht ersten Mal. Der Satz von Franz Beckenbauer aus dem Jahr 1990, dass wir "auf Jahre unschlagbar" sein werden, könnte tatsächlich Wahr werden. 

Und machen wir uns nichts vor: Vom Potenzial her muss diese Mannschaft trotz Jogi Löw um den EM Titel mitspielen. Da sind genügend gute Kicker dabei. Allein schon ein Mittelfeld aus Kroos, Kimmich, Gündogan, Sané, Gnabry, Goretzka, Havertz... da hat man echt schon ohne Thomas Müller das Problem, dass man nicht weiß, wen man jetzt auf die Bank setzen soll. Die einzige echte Problemposition ist und bleibt der Mittelstürmer. 

Was ein Rangnick aus so einer Auswahl rausholt, will sich ein Spanier oder Italiener gar nicht vorstellen.

Aber es wäre halt auch ein revolutionärer Schritt: Einen externen Trainer holen, der nie Welt- oder Europameister wurde. Das ist nicht das Erfolgskonzept des DFBs

Also wird man sich den rechten Weg an der Gabelung zumindest gründlich anschauen. Und die heißt Stefan Kuntz. Europameister von 1996. Und Trainer der U21. Da hat er in den letzten 5 Jahren die derzeitige Generation, mit der er dann ja um die richtigen Titel kämpfen soll, schon betreut. Und er wurde U21 Europameister. 

An der Stelle ist es nebenbei faszinierend, dass abgesehen von Serge Gnabry noch keiner der Final-Elf den Sprung in die A-Nationalmannschaft geschafft hat. Vielleicht sollte ich die Leistung von Kuntz höher einschätzen, denn anders als die Generation Neuer, Hummels, Özil, Boateng, Khedira und Höwedes, die erst gemeinsam U21 Europameister und danach dann Weltmeister wurden, war die 2017er Elf keine individuell überragende Generation.

Da kommt dann aber das ganz große ABER. Überzeugende U21 Turniere sind bisher die einzige vorzeigenswerte Leistung des Trainers Kuntz. Ansonsten ist sein größter "Erfolg" der Aufstieg aus der Regionalliga mit dem Karlsruher SC. Und als Vorstandsvorsitzender des 1.FC Kaiserslautern ist er nicht entlastet worden. Kuntz ist ein Trainer, der vielleicht Zweitliganiveau hat. Also meistens wurde er als Retter in der 2. Liga verpflichtet. Aber Bundesligisten hatten den nicht mal auf dem Radar. Und dann ist irgendwie der DFB auf ihn aufmerksam geworden. Und nur um das mal festzuhalten: Zwischen seiner Entlassung beim LR Ahlen und seinen Amtsantritt beim DFB lagen über 10 Jahre, in denen er gar keine Mannschaft betreut hat, sondern versuchte sich relativ erfolglos als Manager in Koblenz und Bochum. Bis er dann den endgültigen Niedergang in Lautern verwaltete.

Und selbst wenn wir jetzt festgestellt haben, dass Kuntz ein guter Nachwuchstrainer und Weiterbilder ist... nur deswegen befördere ich den doch nicht auf den wichtigsten Trainerposten der Nation. Also kein anderer Verband außer dem DFB würde das machen..., weil es bei Berti Vogts doch so gut funktioniert hat.

Dabei bleibt dann festzuhalten: Die Ära Kuntz wird auch erfolgreich wirken. Der wird 2022, falls Deutschland nicht boykottiert, mindestens das Viertelfinale erreichen. Eher mehr. Aber dadurch wird dann überdeckt, wie viel Potenzial eigentlich verschenkt wird.

Vor allem hat Kuntz halt einen entscheidenden Vorteil: Er wird sich gegenüber Oliver Bierhoff absolut loyal verhalten. Was dazu führt, dass Bierhoff weiter an der Marke Nationalelf basteln darf, ohne dass es ein Gegengewicht gibt. Ein Rangnick wäre da wesentlich unbequemer. Der hätte nämlich eigene Visionen, wie der DFB Stab aufgestellt werden muss.

Mittwoch, 18. November 2020

Anscheinend lesen die Deutschen Nationalspieler Spieler meinen Blog

 Oder sie sind zumindest zu derselben Erkenntnis gekommen: Auf die Endrunde der Nations League haben wir keinen Bock.

An der Stelle muss natürlich erst Mal ein Mea Culpa kommen: Ich ging davon aus, dass Kicker.de eine seriöse Quelle ist, der man vertrauen kann. Deswegen habe ich deren Information, dass die Endrunde vor der EM ausgespielt wird, nicht gegen gecheckt. Mein Fehler, hätte ich nicht machen sollen. Gerade wo ich sonst immer auf der Homepage rumhacke. Es ist halt ne Weile her, dass der Kicker nen Fachmagazin war...

Also ja, die Endrunde wird im Oktober 2021 ausgetragen. Und Seiten wie Spox.de wissen das auch schon. Nur beim größten deutschen Sportmagazin hielt man diese Information für unwichtig. Aber anscheinend dachten Toni Kroos und Co trotzdem, dass sie da lieber Urlaub machen wollen...

So fügt Jogi Löw seinem Beeindruckenden Resümee ein weiteres Highlight hinzu. Also lasst uns das mal kurz zusammen zählen. Auf der Haben Seite stehen:
Den WM Titel 2014. Ehre, wem Ehre gebührt. Also der Goldenen 2014er Generation um Philipp Lahm, Manuel Neuer und Toni Kroos, die so gut waren, dass selbst Löw diesen Titel nicht verhindern konnte.
Das EM Finale 2008 gegen Spanien, welches ja gestern von Oliver Bierhoff wieder in Erinnerung gerufen wurde, weil man damals ebenfalls hoffnungslos unterlegen war...

Und genau genommen... war es das schon mit überragenden Turnierleistungen. Denn ein Halbfinale bei einer EM zu erreichen und sich dann zu vercoachen, wie Löw das in 2012 gemacht hat, ist genau genommen keine herausragende Leistung. Genau so wenig ist es überragend Deutschland in ein Halbfinale einer Weltmeisterschaft zu führen. Klingt absurd, aber selbst Rudi Völler hat das mit seiner Generation der Rumpelfußballer geschafft. Und niemand wird Rudi Völler deswegen zu einem großartigen Trainer verklären. Oder Jens Jeremies zu einem Weltklasse Spieler machen...

Natürlich ist es unfair Jogi Löws Leistungen mit denen anderer Nationaltrainer dieses Landes zu vergleichen... es ist halt auch einfach absurd, wie gut die Deutschen Turnierergebnisse, abgesehen von 2 Europameisterschaften zur Jahrtausendwende, immer waren. Da fällt es auch irgendwie schwer sich von den anderen Trainer deutlich abzuheben. Aber dies hat Löw beeindruckend geschafft. Mit folgenden Leistungen:

Dem ersten Vorrundenaus bei einer Weltmeisterschaft.
Dem Abstieg aus der Nations League.
Und jetzt die zweithöchste Niederlage der Geschichte

Für historischen Kontext: Die einzige höhere Niederlage war gegen England im Jahr 1909. Damals, als die Engländern allen anderen Meilenweit voraus waren. Und die letzte Nation, die uns 6:0 besiegt hat, haben wir hinterher annektiert. Nur damit die Spanier mal wissen, was auf sie zukommt...

Was mich ja am meisten fasziniert, ist ja. wie man jetzt versucht, das alles zu relativieren. "Die Spanier sind halt auch gut." Ähm... es gab Gründe, warum den Deutschen ein Unentschieden gereicht hätte... Denn diese Spanier haben gegen die Ukraine verloren und gegen die Schweiz nur unentschieden gespielt. Die waren quasi auch im "Wie verhindern wir eine Endrunden Teilnahme" Modus...

"Das ist ja auch eine junge Mannschaft!" Ähm was? Also mit Manuel Neuer, Toni Kroos und Matthias Ginter standen da 3 Weltmeister auf dem Platz. DREI!. Niklas Süle, Leon Goretzka und Serge Gnabry sind allesamt Champions League Sieger. Neuer holte diesen Titel zum 2. mal. Kroos ist bei 4 Titeln. Soll ich jetzt noch die Meisterschaften zusammen rechnen, die diese Spieler geholt haben?
Dazu sind Ilkay Gündogan und Timo Werner Stammspieler in englischen Star-Ensemblen. Gündogan spielt im vielleicht besten, auf jeden Fall teuersten Mittelfeld der Welt eine Zentrale Rolle. Bleiben also Robin Koch und Philipp Max als wirklich unerfahrene Spieler.  Ich sage bewusst unerfahren, denn Max ist bereits 27 Jahre alt, Koch kommt auf 24... Oh und Leroy Sané, dem aus irgendwelchen Gründen jegliche Turniererfahrung fehlt. Wer hat das nochmal zu verantworten? Diese Mannschaft ist einfach nicht Jung. 

Wie kommt es also zu so einem Ergebnis? Warum geht eine Mannschaft, angeführt von 3 Weltmeistern, so unter? Kann man das analysieren, ohne 15 mal "passieren" zu sagen? Und ja, das Interview von Oliver Bierhoff, studierter Marketingmanager, erinnerte mich irgendwie an "Woran hat's gelegen?

Aber halten wir mal den entscheidenden Unterschied zwischen den Spaniern und den Deutschen fest: Die einen wollten die Gelegenheit nutzen und sich für die Stammelf bei der Europameisterschaft präsentieren, die anderen wollten sich nicht verletzen. Das hat man ja auch am deutlichsten gemerkt, als die Einwechsel-Offensive der Spanier weiter für Randale sorgten: Die mussten halt nachziehen, nachdem ihre Konkurrenten um einen Stammplatz so vorgelegt haben...

Unter Jogi Löw ist es aber seit Jahren so, dass die Testspielleistungen... nun ja.. irrelevant für das Turnier sind. Also nehmen wir mal das "Herzstück" Kroos-Gündogan: Ein Toni Kroos weiß, dass er seinen Stammplatz zur EM sicher hat, egal was da gestern auf dem Rasen passiert. Genau so wie ein Gündogan weiß, dass er nicht an Joashua Kimmich vorbei kommen wird, wenn er diese Bühne nutzt und 2 Tore erzielt. Das Ergebnis: Beide machen mindestens einen Schritt weniger. Sie kommen nicht auf das nötige Motivationslevel um gegen Spanier, die mit hohem Tempo spielen, gegenzuhalten. Und ohne jegliche Präsenz im zentralen Mittelfeld geht man halt unter.

Das sind halt einfach Probleme, die sich irgendwann ergeben, wenn ein Nationaltrainer seit 14 Jahren im Amt ist... und es eigentlich allen bewusst ist, dass aufs Leistungsprinzip seit 2010 geschissen wird. Das Löw an den Spielern, denen er vertraut, bedingungslos festhält. 

Und weil das mittlerweile auch den Spieler zumindest unterbewusst klar ist, lassen die Leistungen zwischen den Turnieren seit Jahren konstant nach. Und bei der WM 2014 hat man die deutliche Quittung dafür bekommen. Nur hat man halt nicht den Eindruck, dass sich danach an Löws Haltung zu den Testspielen irgendwie geändert hätte. 

Das sieht man ja an 2 Grundsatzentscheidungen: Zunächst mal den Fakt, dass Kimmich unbedingt auf die 6 muss, obwohl man im Zentrum am Besten besetzt ist. Eigentlich sollte Löw die Testspiel nutzen um nach Möglichkeiten zu suchen, wie er Kimmich, Kroos, Goreztka und Gündogan in einem stabilen System gemeinsam auflaufen könnten, legt Löw sich frühzeitig fest, dass Kimmich sein 6er wird. Und sucht krampfhaft nach Außenverteidigern, die es in diesem Land anscheinend nicht gibt. Dabei wäre das offensichtlich vernünftige Kimmich davon zu überzeugen im patriotischen Dienst Außenverteidiger zu spielen... Mit dem Argument "So steigerst du unsere Chancen auf den Titel."
Aber er hat sich halt schon anders entschieden und das kann man jetzt nicht mehr ändern...

Genau so wie die 2. Grundsatzentscheidung: Dem Nein zu Boateng, Hummels und Müller. Hier ist das faszinierende: Den dreien zu sagen, dass ihr derzeitiges Niveau nicht für die Nationalmannschaft reicht, wäre eine harte, aber nachvollziehbare Entscheidung gewesen. Alle drei waren weit weg von ihren persönlichen Bestleistungen. Sie also erst Mal nicht mehr zu nominieren, wäre eine Eindeutige Ansage ans Leistungsprinzip gewesen. 

Dadurch, dass Löw diese Ansage aber so endgültig getroffen hat, dass er sie selber nicht mehr zurücknehmen kann, hat er sofort wieder jegliches Leischtungschprinzschip außer Kraft gesetzt. Und zwar mit Ansage: Es ist vollkommen egal, was in den nächsten 1 1/2 Jahren passiert, ich habe mich fest gelegt. 

Wenn Löw mit einer "Wenn ihr wieder Leistungen im Verein bringt, werdet ihr natürlich auch wieder nominiert" in die Gespräche gegangen wäre... Das wäre fair, transparent und nachvollziehbar gewesen. Und er hätte sie zurückholen können, ohne dass er sich einen Zacken aus der Krone bricht. Und er hätte allen vermittelt, dass das, was zwischen den Turnieren auf dem Rasen passiert, durchaus relevant ist.

So... haben wir jetzt einfach keine brauchbaren Innenverteidiger für die Europameisterschaft. Außer vielleicht Niklas Süle. Und die Lösung für dieses Problem wurde sich völlig unmotivert verbaut.

Um den Bogen zu schlagen: Es ist wirklich faszinierend, wie viele Fehltritte Löw sich erlauben durfte, weil er vor in den letzten 10 Jahren ein überdurchschnittliches Ergebnis abgeliefert hat. Wie viel von diesem einen WM Titel überblendet wurde. Und wie er sich damit jahrelang jeglicher Kritik entzogen hat.

Aber er hat sich halt auch sein eigenes, höriges Umfeld erschaffen. Alle kritischen Stimmen wie Matthias Sammer, der garantiert schon viel früher eingegriffen hätte, wurden vertrieben. Stattdessen sitzen auf allen Positionen Leute, die ihren Posten am Ende Jogi Löw zu verdanken haben. Und auch der Öffentlichkeit hat es ja jahrelang ignoriert, dass Löw der wohl schlechteste Weltmeistertrainer aller Zeiten ist. Und er ist anscheinend nicht in der Lage seine Arbeitsweise zu ändern.

Bleibt zu hoffen, dass er sich irgendwie in ein Halbfinale wurschtelt und deswegen seinen Posten behält... zumindest wenn man will, dass Deutschland 2022 nicht Weltmeister wird.

Mittwoch, 11. November 2020

Jogi Löw und Oliver Bierhoff haben das Unvorstellbare geschafft

 Sie haben den Ruf der Marke "Deutsche Nationalmannschaft" "ruiniert". Also zumindest nach unten getrieben. 

Wir haben halt gerade den Zeitpunkt erreicht, in dem die Deutsche Nationalmannschaft spielt und das allgemein eher so mit einem Schulterzucken zur Kenntnis genommen wird. Trotz Lockdown. Also obwohl man eigentlich gar nichts anderes zu tun hat, als den besten Spielern des Landes beim Kicken zuzugucken, werden die Quoten relativ gesehen wieder grausam sein.

Also klar "grausam" heißt immer noch 5,8 Millionen... so ganz weg kommen wir von unserem Party-Patriotismus halt doch nicht. Aber der Trend geht halt deutlich nach unten.

Was halt faszinierend ist, weil halt die Deutsche Nationalmannschaft das eine war, worauf man sich Quoten technisch verlassen kann. Das guckt der Deutsche halt. Egal was ist. Da kommen nicht mal Institutionen wie "Der Tatort" gegen an.

Und da muss auch keiner mit "Naja, die Nations League, wer interessiert sich den für so einen Wettbewerb?" kommen. Also zum einen verändert sich für die "großen Nationen" bei der Nations League wenig, außer... dass die Testspiele nicht selber abgeschlossen werden und eine minimal höhere Konsequenz haben. Aber die Top Nationen haben ihre freien Termine eh als Geschlossene Gesellschaft abgehalten und Verträge mit Hin- und Rückspiel abgeschlossen. Gut, damals noch über 2 Jahre, damit es nicht ganz so auffällt, aber prinzipiell... Würde Deutschlands Terminkalender kaum anders aussehen, wenn statt der Nations League Testspiele im Kalender stehen würden.

Vor allem muss aber folgende Frage gestellt werden: Wer interessiert sich denn für die Qualifikationsspiele? Also klar, man hat mit etwas Glück ein Gutes dabei... aber Weißrussland - Deutschland? Ein belangloses Spiel im kalten November, welches Deutschland ohne großen Aufwand mit 4:0 gewinnt? Ein Spiel, welches keinerlei Einfluss auf irgendwas hat? Die Antwort lautet: 7,1 Millionen Menschen. Wenn Deutschland spielt, fragt man nicht "gegen Wen und Warum?", sondern man schaltet ein.

Ich sag das mal so: Selbst in den finstersten Jahren, wo es wirklich nur Rumpelfußball gab, war es trotzdem kein Problem die Leute zu elektrisieren.

Dabei muss ich auch zugeben, dass ich das selber gar nicht so auf dem Schirm hatte... wie die Öffentlich Rechtlichen anscheinend auch. Also als RTL sich für garantiert gutes Geld die Übertragungsrechte für die Qualifikatiosspiele sicherte, dachte ich nur: "WTF, ich dachte, die Quali zu zeigen, wäre eine notwendige Zwangsaufgabe, die man machen muss, wenn man die Turniere zeigen will..." Aber wie viele Menschen da wirklich einschalten, war mir halt wirklich nicht bewusst.

Und Löw und Bierhoff ruinieren dieses Geschäftsmodell jetzt plötzlich. Was völlig absurd ist. Denn Bierhoff ist ja studierter Markenbotschafter. Was dann plötzlich genau das Problem ist. Die Deutsche Nationalmannschaft war halt eine Marke, die größer war als jede Botschaft. Die kein künstliches Werbekonzept und verrückte Slogans brauchte. Die einfach und organisch von 2 Dingen lebte: Die Besten Spieler des Landes kommen zusammen und vertreten dieses Land. Und für die gemeinen Bürger ist diese Auswahl, egal was passiert, das liebste Kind.

Alles, was man eventuell noch braucht... sind Integrations- und Antirassismus-Kampangnen. Stattdessen bekamen wir Häshtägs... Bierhoff ging mit der etabliertesten Marke des Landes um, wie mit der neuen Idee eines Start-Up Unternehmens. Und die dann doch eher konservativen Fans guckten sich irritiert um... Und stellten fest: NotmeineMANNSCHAFT. 

Teil des Problems ist halt, dass man unbedingt künstlich versuchte eine eh schon extrem große Marke weiter zu pushen... anstatt mit der absurden Reichweite, die man auf Grund des geschenkten Grundkonzepts hatte, zufrieden zu sein. Aber hey, dafür hat man dann wahrscheinlich die Werbeeinnahmen gesteigert... 

Und jetzt will Bierhoff ein Lob erhalten, weil man sich "souverän" für die EM qualifiziert hat. Und hat die Nerven, die Situation in Deutschland mit den Niederlanden zu vergleichen.  Ähm... Nein. Einfach nur Nein. Also ein kleiner Grundkurs in Geographie für Olli: Die Niederlande hat 17,8 Millionen potenzielle Nationalspieler. Deutschland hat 83 Millionen. Auch wenn das dank der überragenden Jugendarbeit in dem Land nicht so auffällt: Das ist eigentlich eine kleine Fußball-Nation. Solche Nationen gehen immer wieder mal durch ihre Täler. Das die Holländer immer wieder überragende Generationen und Titelanwärter produzieren, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Sensation. 

Es ist echt faszinierend, wie weit entfernt von der Realität Bierhoff in seiner Bubble anscheinend ist. Oh und das man in der Nations League eigentlich abgestiegen ist, verschweigt er auch. Es war halt nicht nur die WM, die eine herbe Enttäuschung war.

Nebenbei, das muss an der Stelle nochmal erwähnt werden, ist Bierhoff studiert Diplom-Kaufmann. Der sollte eigentlich genügend Ahnung von der Materie haben, dass er dieses Flaggschiff nicht so souverän Richtung Untergang fährt.

Aber anstatt irgendwelche Sicherheitsmechaniken einzubauen, die Bierhoff bremsen und kontrollieren, hat man den ja, ohne großartige Leistungen, in eine Position befördert, wo ihn niemand mehr entlassen kann. Guter Plan.

 

Und Jogi Löw hat halt endgültig mit dem "Wir laden die Besten ein" Grundprinzip gebrochen. Klar, das hat er im Detail schon immer... aber halt meistens, in dem er Spieler eingeladen hat, die nicht mehr gut genug sind... und nicht, in dem er die anscheinend Besten auslädt.

Ich finde Löws Aussage zu Hummels, Boateng und Müller ja gerade faszinierend: "Wir haben uns grundsätzlich entschieden, (...) wir können das jetzt nicht Rückgängig machen." Ähm... Warum nicht? Hat der Mann sich bei Donald Trump infiziert, dass er keine Fehler zugeben kann? Dabei tut er nebenbei dreist so, als würde er sich ja kritisch hinterfragen. Wie man bei dieser kritischen Analyse nicht zu dem Schluss kommen kann, dass Boateng und Hummels auszubooten ein Fehler war, bleibt ein riesiges Mysterium.

Aber das ist ja noch nicht mal das Schlimmste. Also Löw hatte ja immer (Frings, Ballack) die Angewohnheit, einige verdiente Nationalspieler spontan rauszuschmeißen, während er an anderen (Podolski, Schweinsteiger 2016) entgegen jedes Leistungsprinzips festhielt, Wir haben ihm das immer verziehen. Warum können wir das dieses mal nicht mehr?

Da muss man als erstes natürlich wieder über Thomas Müller als Sympathieträger reden. Denn jeder Trainer, der versucht hat, den zu ersetzen, ist darüber gnadenlos gescheitert. Denn Müller holt uns halt auf einer emotional Ebene ab, die kaum noch nachzuvollziehen ist. Weil er halt authentische Interviews gibt. Und weil er halt auch auf den Platz teilweise wirkt wie einer von uns. 

Dass Müller lediglich gegen ein implodierendes Barca ein gutes Spiel auf gehobenen Champions League Niveau abgeliefert hat? Dass er seit dem 7:1 Halbfinale kein Tor in einem Turnierspiel mehr erzielt hat? All das erfahrt ihr nur hier. Überall sonst heißt es "THOMAS WIR BRAUCHEN DICH ZURÜCK!!!"

Wer Müller absägt, verscherzt es sich mit ganz Deutschland. Und das ist ja kein Löw-Problem. Niko Kovac und Carlo Ancelotti haben beide ebenfalls versucht Müller zu ersetzen und sind daran gnadenlos gescheitert.

Das viel größere Problem ist aber, dass Deutschland mittlerweile nur noch Magerkost anbietet. Und das ist halt das völlig absurde. Auch als Löws größter Kritiker musste ich ja eines immer anerkennen: Der Mann hatte den Anspruch attraktiven Fußball spielen zu lassen. Er hatte es sich damals halt in den Kopf gesetzt, Spanien mit deren eigenen Waffen zu schlagen... was völlig albern war, weil die Spanier den unfairen Wettbewerbsvorteil hatten, dass sie auf Barca Automatismen zugreifen konnten. 

Aber lange Zeit wusste man: Wenn Deutschland spielt, geht es ab. Mittlerweile weiß man, dass es gerade zwischen den Turnieren eher unmotiviertes Gekicke zu sehen gibt. Mit einem zögernden und zaudernden Trainer an der Seitenlinie. Es ist echt faszinierend, wie ängstlich Löw während der letzten Nations League Spiele gewechselt hat.

Und da waren wir halt auch (im Gegensatz zu früher, wo wir halt Deutsche Tugenden aufgetischt bekamen, und die gefressen haben) echt verwöhnt. Und an dieses Niveau haben wir uns gewöhnt.

Das Gefühl, dass bei dem talentierten Haufen mehr rauskommen müsste, schwingt halt bei jedem Länderspiel mit. Und das gerade Löw da eher als Bremse wirkt, ist halt einfach nur faszinierend.