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Dienstag, 16. Juli 2024

Lasst mal einen kreativen Ansatz finden:

 Zunächst mal muss man natürlich festhalten, dass dieses EM Turnier mit dem absehbaren Plottwist endete: Harry Kane verliert das Finale. Zur allgemeinen Überraschung von niemanden.

In 20 Jahren werden wir alle nebenbei von einem großartigen Turnier sprechen. Wir werden uns nur an die englischen Aufholjagden erinnern, die in jedem K.O. Spielen einen Rückstand aufholen konnten. Dass der Ausgleich meistens aus dem sprichwörtlichen Nichts fiel, fällt dann niemanden auf.
Wir werden uns an die späten Tore von Bellingham, Verthongen, Wirtz, Merino, Saka, Watkins und Oyarzabal erinnern. Und ja, es ist schon faszinierend, wie viele Spiele ganz am Ende entschieden wurden. 

Dazu werden wir uns an die faszinierenden jungen Talente erinnern. Selbst der Sicherheitsfanatiker Gareth Southgate setzte auf den 19-jährigen Kobbie Mainoo. Dazu kommen Yamal, Williams, Wirtz, Musiala, Güler. Da kam schon viel frischer Wind rein. Dass das eventuell auch einfach daran gelegen haben könnte, dass diese jungen Spieler relativ wenige Minuten in den Beinen haben und deswegen um einiges frischer sind, könnte man bei Wirtz relativ enttäuschender EM gesehen haben. 

Die Highlights von Frankreich - Portugal werden einfach... nicht gezeigt. Denn es gab ja keine. Und Didier Deschamps hat ja selber gesagt, dass wir was anderes gucken sollen. Dass diese beiden (und die Engländer) einen brutalen Pragmatismus walten ließen, wird einfach verschwiegen.
Nebenbei will ich das Deschamps und auch Southgate gar nicht vorwerfen. Deren Aufgabe ist es ja nicht, uns zu unterhalten, sondern Titel zu gewinnen. Und die Turnierbilanz der beiden spricht, auch wenn Southgate weiterhin der Titel fehlt, für sich. 

Die müssen nicht darüber nachdenken, wie man das Spiel attraktiver gestaltet. Das ist die Aufgabe der UEFA. Die müssen jetzt überlegen, wie sie eine aktivere Spielanlage fördern. Und der Ansatz, die Abseitsregel umzustellen, dass nur noch die Ferse des Angreifers auf Höhe des Verteidigers sein muss, wird gerade diese beiden nicht motivieren, offensiver zu spielen. Eher im Gegenteil: gerade die beiden werden dann einfach einen Feldspieler abstellen, der den Strafraum nicht mehr verlässt, damit die durchstartenden Stürmer aufgehalten werden. Das Comeback des klassischen Liberos.

Dabei war die K.O. Phase ja sogar echt in Ordnung. Wesentlich besser als erwartet. Selbst England hat eine Halbzeit lang richtig gut gespielt, bis Southgate das mit einer taktischen Umstellung unterbunden hat. Das eigentliche Problem war die Passivität in der Gruppenphase. Am besten verdeutlicht durch die Gruppe B mit ihren insgesamt 5 Toren.
Und abgerundet durch 2 Unentschieden am letzten Spieltag in der Gruppe E. Wenn 2 Mannschaften wissen, dass sie bei einem Unentschieden sicher weiter sind, kommen dabei beschissene Spiele raus. Wenn man mit 4 Punkten quasi sicher weiter ist (und ja, die Ukraine ist die eine Ausnahme, weil sie mit 4 Punkten nur Gruppenletzter wurde, aber das ist eine absolute Ausnahmesituation), kann ich im zweiten Gruppenspiel auf ein Unentschieden gehen... weil ich entweder nach dem Auftaktsieg das Achtelfinale sicher buche oder mir nach einer Auftaktpleite die Möglichkeit offen halte, mit einem Sieg am letzten Spieltag alles zu regeln.
Eigentlich beginnt so ein Turnier mit dem zweiten Spieltag, weil die Mannschaften, die zum Auftakt nicht gewonnen haben, gehörig unter Druck stehen und dringend etwas holen müssen. Sonst ist das Turnier nach 2 Spielen vorbei. Jetzt gibt es praktisch kein Szenario, wie man nach 2 Spielen sicher ausscheidet. Natürlich sichert man da als Trainer erstmal das Unentschieden.

Aber das ist jetzt ja allen aufgefallen. Selbst dem Kicker, und das soll was heißen. Jetzt fällt aber allen nur eine Lösung ein: Die EM auf 32 Teilnehmer aufstocken. Da sehen dann alle, dass ein Erling Haaland doch an der EM teilnimmt, das kann ja nur gut sein... auch wenn das bedeutet, dass bei 55 Landesverbänden mehr als die Hälfte aller Mitglieder zur Europameisterschaft müssen.
Für Deutschland wäre das nebenbei gut, denn so ein großes Turnier können dann nur noch England, Frankreich, Spanien und Italien austragen. Damit könnte es doch nicht das letzte Mal in unserem Leben sein, dass wir so ein Fest erleben. Denn dann wären wir in 20 Jahren wieder dran. Auch wenn wir dann wahrscheinlich jeweils einen Spielort an die Schweiz und Österreich abtreten müssen. Aber bucht schonmal den Urlaub für die EM 2044.

Da könnte man ja glatt mal einen kreativen Ansatz durchdenken. Denn "Aufstocken" ist nicht zwingend die einzige Option. Man könnte auch... eine Vor-Vorrunde ausrufen.

Ok, so wird das Ganze funktionieren: Die besten 7 Mannschaften und der Gastgeber sind für die eigentliche Gruppenphase gesetzt. Es ist natürlich ein bisschen schwierig, diese 7 Mannschaften zu bestimmen, aber bei Lostöpfen bekommt man das ja auch hin. Nehmen wir die Fifa Rangliste. Da wären das vor diesem Turnier Deutschland, Frankreich, Belgien, England, Portugal, Spanien, Kroatien und Italien.

Die restlichen Mannschaften spielen ein sogenanntes "Double Elimination Tournament" aus. Und ja, das ist mein absoluter Lieblingsmodus, der vom Esports bekannt ist. Ich hab das schonmal vorgeschlagen, um den Aufstieg in die dritte Liga gerechter zu machen

Double Elimination bedeutet: Vor dem ersten Spieltag wird ein Turnierbaum erstellt. Die Gewinner und Verlierer des ersten Spieltages spielen dann am 2. Spieltag gegeneinander. Wer bei 2 Siegen angekommen ist, hat die eigentliche Gruppenphase erreicht. Wer 2 Spiele verloren hat, fährt nach Hause.
Endet ein Spiel unentschieden, geht es sofort ins Elfmeterschießen, um einen Sieger festzustellen.

Die erste Runde würde dann ungefähr so aussehen: (Ich bin jetzt einfach die Abschlusstabelle von oben nach unten runtergegangen... wie man dafür Setzlisten erstellt, müssen andere rausbekommen)

Schweiz – Ungarn

Schottland – Albanien

Dänemark – Slowenien

Serbien – Österreich

Niederlande – Polen

Rumänien – Slowakei

Ukraine - Türkei

Georgien – Tschechien

In Runde 2 spielt dann Schweiz - Schottland und Ungarn gegen Albanien. In der dritten Runde Schottland - Ungarn/Slowenien.

Und ja, ob man die 4 Mannschaften als eine Gruppe betrachtet, oder am 3. Spieltag nochmal mischt, müsste irgendwie geklärt werden, denn sonst könnte es zu häufig passieren, dass man dasselbe Match nochmal sieht.

Der große Vorteil dieses Modus ist, dass es sofort zur Sache geht. Man muss vom ersten Spiel an auf Sieg gehen, wenn man nach 2 Spielen weiterkommen will. Man will zwingend nach 2 Spielen weiterkommen, weil man dann die nötige Pause bekommt. Und wenn der Zuschauer doch 90 langweilige Minuten überstehen muss, bekommt man hinterher wenigstens den Adrenalinkick eines Elfmeterschießens. Aber die im Rückstand liegende Mannschaft muss immer dringend was machen und kann nicht darauf spekulieren, dass sie nach einer knappen Niederlage mit 4 Punkten aus den restlichen 2 Spielen weiterkommen.

Außerdem würde es mehr relevante Spiele zwischen den kleineren Nationen geben. Das mag uns als Top 5 Nation egal sein, aber in der Ukraine und in Georgien wäre das 2. Spiel um den Einzug in die Gruppenphase ein legendärer Moment in der Verbandsgeschichte. Und natürlich wären die Einschaltquoten in Deutschland überschaubar. Aber bei den kleineren Nationen wäre es das TV Event des Jahres.

Man könnte sogar 2 Mannschaften anbieten, ihre Seite des Turnierbaums als Gastgeber auszutragen. Also nehmen wir hier mal die Schweiz und die Niederlande: Beide können ein gesamtes Turnier nicht als Gastgeber stemmen. Die brauchten ja schon bei 16 Teilnehmern die Österreicher und die Belgier. Aber beide haben die Infrastruktur, um 8 Spiele durchzuziehen. Es würden sich Interessenten finden, die den Gastgeber geben wollen. Allein schon aufgrund des Wettbewerbsvorteils, den man dann bekommt.

Die Nachteile sind auch offensichtlich, perfekt ist die Lösung auch nicht. Ok, perfekt wäre eine Rückkehr zu 16 Teilnehmern, aber das wird bei der UEFA niemand ernsthaft in betracht ziehen. Und das würde ja indirekt bedeuten, dass dieses "Vorturnier" doch stattfindet, nur halt in den Play-Offs als Teil der Quali...

Zunächst müsste man halt mehr Platz im Terminkalender einplanen. Eine Woche braucht man halt schon, um das durchzuziehen. Und es würden hier auch Spieler über die zusätzliche Belastung jammern. Wobei ich an der Stelle ja festhalten würde, dass dieses Jahr nur 7 Spieler im Champions League Halbfinale und meinem fiktiven Vorturnier teilgenommen hätten: Matthijs de Ligt, Konrad Laimer, Andriy Lunin, Salih Özcan, Marcel Sabitzer, Gregor Kobel und Milan Skriniar. 2 dieser 7 sind Torhüter. Dazu kommt ein leider verletzter David Alaba.
Die Spieler, die am überspieltesten sind, kommen normalerweise auch aus den 8 besten Nationalmannschaften, die dieses Vor-Turnier aussetzen würden. Und für die würde es dann ein Spiel weniger geben.

Das eigentlich fiese wäre ja, wenn man nach 3 Spielen auf einen wochenlang ausgeruhten Gegner in der Gruppenphase trifft. Andererseits werden sich die Optimisten davon reden, dass es ja ein Vorteil ist, wenn man schon im Wettkampfmodus und wesentlich besser eingespielt ist.

Vor allem würden die Mannschaften, die 3 Spiele brauchen, am Ende eh der krasse Außenseiter sein. Das sind dann ja doch eher die Nationen, die froh sind, wenn sie sich überhaupt mit den großen 8 in einem Turnier messen dürften. Für die wäre die Gruppenphase dann reine Bonusspiele, in denen sie ohne jeglichen Druck frei aufspielen können.

Wird ein derartiger Modus kommen? Garantiert nicht. Also allein schon, weil sich alte, greise Männer mit jungen Ideen wie "Double Elimination" beschäftigen müssten. Da werden sie doch nur die "Wir erweitern das Teilnehmerfeld" Option sehen.

Donnerstag, 11. Juli 2024

Wie bewerten wir jetzt diese Leistung der Deutschen?

 Aber zuerst... hat Gareth Southgate Kicker.de kaputt gemacht. Auch die waren so verwirrt, dass der einen Joker gezogen hat, der auch noch sticht... dass es bei ihnen selbst um 0:30 noch 1:1 stand. Das kann ja gar nicht passiert sein.

Nachdem beide Trainer nach einer überraschend begeisternden ersten Hälfte die Handbremse anzogen, brachte Southgate dann doch Ollie Watkins für Harry Kane. So als wollte er beweisen, dass ich mit meiner Analyse gestern recht hatte.

Denn weder Harry Kane, noch der ebenfalls sein bestes Spiel abliefernde Phil Foden, beschwerten sich in irgendeiner Form über die Auswechslung. Beide zitterten anständig auf der Bank mit. Kane schaltete nach dem 2:1 sogar in den Cristiano Ronaldo Finalmodus und coachte voller Elan... denn irgendjemand muss das ja machen.

Und Ollie Watkins war, entgegen aller Erwartungen, doch bereit, was zu ändern. Der bekam bisher nur für 21 Minuten gegen Dänemark das Vertrauen von Southgate. Der durfte aus allerbester Perspektive mit ansehen, wie Kane sich völlig übermüdet über den Platz schleppt. Und trotzdem zog er sich nicht bockig zurück, sondern war bereit, als seine Nummer dann aufgerufen wurde.

Das sind natürlich Dinge, die an sich selbstverständlich sein sollte, wenn es um die einmalige Chance geht, einen großen Titel mit seinem Land zu holen. Aber es gibt genügend Gegenbeispiele, wo genau das dann doch nicht passiert, sondern ein Kader an den Egos zerbricht.

Was jetzt nicht bedeutet, dass ich plötzlich für England bin. Das ist nebenbei die eigentlich genialste Leistung von Southgate: Wir Deutschen waren auf einmal FÜR HOLLAND! Für den Feind. Dabei war doch das eine, was uns Deutsche wirklich vereint hat, das "Wenn's um Fußball geht, hass ich Holland wie die Pest!"

Was uns dann auch zu den Deutschen bringt: Jetzt, wo wir nicht nur gute Gastgeber, sondern auch schlechte Verlierer sind. Die Pfiffe gegen Marc Cucurella beweisen nebenbei auch wieder nur, wie dumm Fußballfans sind. Es ist ja nicht so, dass Cucurcella den Fehler gemacht hat, sondern dass der Schiedsrichter das verkackt hat. Wenn der Spanier jetzt durch eine grobe Unsportlichkeit aufgefallen wäre... Wenn er den Kroos kaputt getreten hätte... Wenn er der Rudi bespuckt hätte... Das wäre ein Anlass gewesen. Aber er hat genaugenommen nichts gemacht, was man ihm wirklich vorwerfen kann.

Apropos Kroos: Wenn ihr wissen wollt, wie schlimm dessen Aussagen im Podcast wirklich waren, ohne Precht einen Klick zu geben, könnt ihr das Wesentliche hier nachlesen. Und da bekommt ihr dann auch mit, wie die Rechten auf einmal doch einen Grund gefunden haben, die Nationalmannschaft zu feiern. Wie dumm kann man sein. Anscheinend dumm genug, um regelmäßig einen Precht Podcast zu hören.

Ich finde es nebenbei sowieso faszinierend, dass diese Mannschaft auf einmal so positiv betrachtet wird... nur, weil sie überforderte Schotten abgeschossen haben. Also sachlich gesehen haben Fabian Hürzeler und Lothar Matthäus ja recht. So wirklich überragend war das einfach nicht. Am ersten richtigen Gegner ist man direkt gescheitert... auch wenn es verdammt knapp war. Abseits ist eben Abseits und der Handelfmeter wäre halt wegen Abseits aberkannt worden. Was man bei den Pfiffen gegen Cucuralla auch nochmal erwähnen muss. Und ein Pfostenschuss ist halt kein Tor.

Aber da ist es auch faszinierend, wie weit die Ansprüche in den letzten Jahren gesunken sind. Also vor 2018 wäre ein Viertelfinale die Mindestanforderung gewesen, damit das Turnier nicht als Katastrophe gilt. Jetzt soll es überragend sein. Das ist auch nicht zwingend schlimm, es zeigt aber auch, dass eine vernünftige Einordnung einfach nicht möglich ist. 

Ganz sachlich gesehen war dies das schlechteste Heimturnier aller Zeiten. 1974 wurde man Weltmeister. 1988 und 2006 ging es bis ins Halbfinale. Gut, 88 gab es auch kein Viertelfinale, aber Details. Man gehörte damals zu den 4 besten Mannschaften, heute gehört man das nicht.

Und ich werfe nach den Halbfinalspielen die These in den Raum: Gegen die anderen Halbfinalteilnehmer hätte man auch nicht gewonnen. Die waren halt alle besser als die Schweiz, gegen die man schon große Probleme hatte.

Der Optimist sieht den ersten Sieg in einem K.O. Spiel seit der EM 2016. Und dass es Fortschritte gab, stellt ja niemand infrage. Aber andererseits setzt sich ein besorgniserregender Trend fort: Deutschland hat 4 Turniere infolge nicht mehr das Halbfinale erreicht. Nur um das nochmal zu verdeutlichen: Der letzte Sieg bei einem Turnier gegen eine große Nation wurde durch einen Elfmeter von Jonas Hector besiegelt. Da dachten alle noch, das Thomas Müller irgendwann ein EM Tor erzielen muss... 

Vorher gab es seit den 70er Jahren nie mehr als 2 Turniere infolge ohne Halbfinalteilnahme. Selbst die so beschissene "Das werden wir unseren Kindern erklären müssen" Generation stand 2002 irgendwie im Finale, obwohl die echt grausam gespielt haben.

Das ist schon ein Gedanke, den ich gestern bei meinem Loblied auf Southgate hatte: "Aber der hat doch auch nur dieselbe Bilanz wie Jogi Löw und den hältst du doch für einen Vollidioten!" Stimmt. Aber Löw hatte immer den geheimen Wetterwerbsvorteil namens "Winterpause", weshalb seine Spieler mit relativ frischen Beinen in das Turnier gingen, während gerade die Engländer, die im Winter nochmal extra viel spielen, einfach nur müde waren.

3 Halbfinalteilnahmen mit Deutschland ist halt eher mit 2 Meisterschaften mit den Bayern zu vergleichen. 2 Finalteilnahmen mit England dagegen mit 2 Meisterschaften mit Borussia Dortmund. Jetzt wurden aber, um bei dem Vergleich zu bleiben, die Ansprüche so weit runtergeschraubt, dass man eine Vizemeisterschaft mit den Bayern als großen Erfolg feiert.

Und nebenbei ist der Weg zum Weltmeistertitel alles andere als klar. Also klar, Jamal Musiala, Florian Wirtz und Kai Havertz werden in der Offensive vieles regeln. Aber Toni Kroos, Thomas Müller, Manuel Neuer, Pascal Groß und eigentlich auch İlkay Gündoğan müssen vor dieser WM ersetzt werden. Gündoğan ist dann 35 und hat jahrzehntelangen Spitzenfußball in den Knochen. Nebenbei wären auch Antonio Rüdiger und Niclas Füllkrug dann bereits 33. Emre Can wäre 32. Und klar, mit 33 kann man noch eine Weltmeisterschaft spielen. Aber eine wirkliche Perspektive sieht anders aus. Und zumindest Füllkrug ist der Typ Spieler, der keinen einzigen Schritt langsamer werden darf, wenn er auf diesem Niveau mithalten will.

Und gerade im Mittelfeld drängt sich niemand wirklich auf, diese Persönlichkeiten zu ersetzen. Also außer Aleksandar Pavlović, aber der Junge ist 20 Jahre alt. Das war jetzt keine junge Mannschaft, die dabei ist, zur goldenen Generation zu werden. Das war eher der letzte verzweifelte Versuch, die verfluchte Generation irgendwie zu retten. Und dann war dieser Versuch sportlich gesehen eher so mäßig erfolgreich...

Nur um mal zu beweisen, wie brutal aufs "Hier und Jetzt" dieser Kader ausgerichtet war: Oliver Baumann als "talentierte Nummer 3" ist bereits 32 Jahre alt. Was hat der Nagelsmann sich denn dabei gedacht? Warum nimmt der nicht einen Alexander Nübel mit, der irgendwie zwangsweise zur Nummer 1 aufsteigen muss... spätestens nach der WM in 2 Jahren. Warum gibt er dem 27-Jährigen nicht diese Turniererfahrung? Wenn Baumann auch Weltklasse repräsentieren würde, aber der ist am Ende "nur" ein durchschnittlicher Bundesligatorwart...

Egal, Deutschland muss einen überraschend großen Umbruch durchführen. Es könnte also durchaus sein, dass die Mannschaft in 2 Jahren noch ein Turnier entfernt von wirklichen Titelambitionen ist. Dass zumindest 3 der jetzt noch teilnehmenden 4 Mannschaften ihnen doch noch einen Schritt voraus sind. Denn Spanien, Frankreich und England werden ja nicht schlechter werden.

Da kann man dann plötzlich feststellen, dass der "Schritt in die richtige Richtung", den dieses Turnier ja darstellt, ein Schritt in eine Sackgasse war.

Mittwoch, 10. Juli 2024

Gareth Southgate ist ein Genie

 Und dieses Mal meine ich das sogar ernst. Aber zunächst:

Didier Deschamps: Der so "Ich habe euch gesagt: Lasst das! Jetzt seht ihr ja, was ihr davon habt!" Was ist "das"? Ein Tor aus dem Spiel heraus erzielen. Es ist schon lustig, dass Frankreich nach den besten 15 Minuten des Turniers raus ist.
Genauso lustig ist es, dass ja alle ein gutes Spiel gesehen haben wollen... Also ja, es war deutlich besser als erwartet, weil meine Erwartung ja ein absoluter Gurkenkick und ein Eigentor der Spanier war. Aber genau genommen waren nur die ersten 25 Minuten wirklich gut. Denn als Lamine Yamal auffiel, dass ihm langsam die Zeit wegläuft und er schon zeitnah treffen muss, wenn er noch als 16-Jähriger treffen will, packte er ein Gemälde von einem Treffer aus. Und Toni Kroos werden sie in Spanien noch eine Statue bauen, weil er ihnen Dani Olmo beschert hat... Sonst hat der ja nichts geleistet und nur Querpässe für Real Madrid gespielt, aber dieser eine Tritt war schon großartig...

Aber nach 25 Minuten fiel den Spaniern auf, dass jetzt ja die Franzosen was machen müssen. Und den Franzosen fiel auf, dass sie das trotz überragender Einzelkönner nicht wirklich können.

Hier ist eine Liste aller Paraden, die Unai Simon in der 2. Halbzeit zeigen musste:

In der 53. Minute bringt "Dembelé die Ecke scharf vor den Fünfmeterraum, wo sich Tchouameni durchsetzt, den Ball aber in Unai Simons Arme köpft."
Simon muss sich dafür nicht bewegen. Danach schießt Kylian Mbappé laut ZDF Zusammenfassung aus so spitzem Winkel, dass Simon sich wieder nicht bewegen muss. Den Schuss zeigen die als Highlight, obwohl er es nicht mal in den Kicker-Ticker geschafft hat.
Dembelé versucht in Minute 60 ein Eigentor zu erzwingen, in dem er einen Abschluss aus der Karegorie "Halb Schuss, Halb Flanke" bringt. 

Und das war's dann... die restlichen Abschlussversuche kamen aus dem "Wir schießen lieber drüber und vorbei" Lehrbuch von Paris St. Germain. Mein absolutes Highlight war die Einwechslung von Olivier Giroud: Einem Stürmer, der ohne eigenen Torschuss Weltmeister geworden ist. Ein Superspieler... wenn es darum geht, das Ergebnis zu halten.  Aber mit 37 nicht mehr der Mann, der bei einer EM für Gefahr sorgt.

Ab Minute 26 war es genau der Grottenkick, den ich vorher erwartet habe. Nur mit einem überraschenden Ausgang. Da erkennt man nebenbei den persönlichen Vorteil, wenn man das schlimmstmögliche Szenario vorher ausmalt: Jetzt kann ich sagen "Zum Glück ist meiner Vorhersage nicht eingetroffen"...

Jetzt aber das andere Realgenie: Alfie von HITC Sevens hat ein Video mit einer überraschenden Erkenntnis veröffentlicht: Die Engländer sind plötzlich gut im Elfmeterschießen! Vorher gewannen sie nur eins von 7, unter Southgate sind es 3 von 4. Und in dem Video wird im Detail erklärt, wie viel Arbeit Southgate in diese Elfmeter gesteckt hat. Es ist keinesfalls Zufall, sondern verdammt viel Strategie. Nicht nur, weil Jordan Pickford alle Schützen auf der Flasche hat. Das Video erklärt im Detail, wie wichtig es ist, dass der Ball nicht länger als 8 Sekunden auf dem Punkt liegt und dass Pickford es mit an sich verbotenen Provokationen und viel Zeitspiel geschafft hat, dass der erste Schütze Akanji diese 8 Sekunden weit überschritten hat. Akanjis Elfmeter war der schwächste und wurde dementsprechend gehalten. Danach wurden die Provokationen vom Schiedsrichter, der Pickford mit einer Verwarnung drohte, unterbunden und alle anderen Schweizer trafen souverän. Da alle Engländer eben auch souverän trafen, war das Kind bereits in den Brunnen gefallen.

Beides war kein Zufall. Eines der interessantesten Details ist, dass Southgate ein "Buddy-System" eingeführt hat: Den 5 Schützen wird jeweils ein Kumpel zur Seite gestellt, damit sie nicht alleine mit ihren Gedanken sind. Es ist schon faszinierend, wie gut durch choreografiert alle Elfmeter der Engländer waren.

Und nebenbei hat Southgate aus dieser Mannschaft eine verschworene Einheit geformt. Was bei all den Egos und Premiere League Rivalitäten keine Selbstverständlichkeit ist. Also die größte Enttäuschung aller goldenen Generationen der Weltgeschichte sind ja die Engländer von 1998 bis 2008. Ich nenne das mal "Die Beckham Jahre". Ein Spieler, der an sich eine viel zu gute Schusstechnik hatte, um so legendär schlechte Elfmeter zu schießen. Aber das größte Problem dieser Generation war ja, dass die drei besten Mittelfeldspieler Steven Gerrard, Frank Lampard und Paul Scholes nie zueinander gefunden haben. Waren die sich zu ähnlich? Vielleicht. Aber es hatte auch keiner der 3 wirklich Interesse daran, im Sinne der Mannschaft zurückstecken und eine angepasste Rolle zu übernehmen.

Und Southgate war ja damals dabei, als eine überaus talentierte Generation ihr Potenzial sinnlos verschwendete. Er hat es irgendwie geschafft, dass die Engländer eine verschworene Einheit geworden sind und dass sie ihre Dämonen vom Punkt überwunden haben. Man hört keinerlei Murren der Nicht-Einwechselspieler, obwohl die wahrscheinlich denken, dass sie auch nicht schlechter spielen würden, als die Startelf. Man schießt lieber gegen die jammernden Medien, als den eigenen Trainer zu hinterfragen.

Oder nehmen wir Harry Kane: Anstatt sich über die destruktive Spielweise aufzuregen und sich hängenzulassen, arbeitet der Mann gegen die Schweiz am eigenen Strafraum am 0:0. Kane ist offensichtlich nicht fit. Und er leidet am meisten unter der Spielanlage der Engländer. Aber er ist sich trotzdem nicht zu schade, das taktische Foul auszupacken, wenn es verlangt wird. Oder am eigenen Strafraum konsequent mitzuarbeiten.

Dazu kamen immer die legendären Undiszipliniertheiten. Man konnte ja vorher schon davon ausgehen, dass irgendein Engländer wegen irgendeiner Dummheit vom Platz gestellt wird.  Ein Jude Bellingham fasst sich nur an die eigenen Kronjuwelen und tritt nicht in die von Cristiano Ronaldo.

Und in der Summe ist dies verdammt erfolgreich. Eine Nation, die immer wieder an Egos und am Elfmeterschießen scheiterte. All diese chronischen Probleme hat Southgate beseitigt. Lässt er auf dem Platz einen grausamen Pragmatismus walten? Ja, klar. Was die Engländer spielen, verstößt gegen die Genfer Konvention.
Aber der Mann steht in seinem 3. Halbfinale. Und 2022 scheiterte er als bessere Mannschaft im Viertelfinale an Frankreich. Danach hat er sich gedacht: Das passiert mir nie wieder. Mit dieser Bilanz kann sich kein anderer englischer Trainer messen. Und auch kaum jemand sonst in Europa, jenseits von den absurd verwöhnten Deutschen. Fun Fact: Hier sind die Halbfinalteilnahmen ohne Southgate: WM 1966, EM 1968 und die WM 1990. Southgate war 1996 als Spieler dabei. Und 2018, 21 und 24 als Trainer. Der kommt also auf 4 Halbfinalteilnahmen, während ganz England ohne ihn auf 3 kommt.

Das einzige, was man Southgate vorwerfen kann, ist sein eiskalter Pragmatismus auf dem Platz. Der bevorzugt halt einen Spielstil, der sicherstellt, dass die eigenen Spieler im Elfmeterschießen noch frisch sind. Der hat wahrscheinlich José Mourinhos Biografie studiert. Und er ist wahrscheinlich auf taktischer Ebene kein guter Trainer. Dass er Sancho und Rashford nicht 10 Minuten früher eingewechselt hat, bleibt eine strategische Katastrophe, denn die Elfmeter hätten sie auch mit 10 Minuten in den Beinen schießen können. Aber... er hat Trent Alexander-Arnold dieses Mal in der 115. gebracht. Man kann also selbst da gewisse Fortschritte erkennen. Und ja, der Mann hatte vor dem Elfmeterschießen 6 Ballkontakte und 5 gespielte Pässe als Arbeitsnachweis und verwandelte dann seinen Elfmeter souverän.

Vor allem ist er anscheinend auf der menschlichen und der disziplinarischen Ebene überragend. Und Europameisterschaften werden meistens auf genau dieser Ebene entschieden. Meine pessimistische Prognose ist ja: Die Engländer werden Southgate vermissen, wenn sie in 2 Jahren nach einem absurden 2:3 Spektakel im Achtelfinale ausscheiden...

Samstag, 6. Juli 2024

Passives Abseits Leser wissen es früher: Den Handelfmeter gegen Dänemark hat es nie gegeben.

 Dass Deutschland da Glück hatte, weil man den nicht geben muss, haben alle 3 Tage später schon wieder vergessen. Stattdessen finden jetzt alle Ausreden, warum es doch Elfmeter geben muss, obwohl es realistisch gesehen ein weniger deutliches Handspiel war, als im Achtelfinale. Und schon den Elfmeter muss man nicht unbedingt geben. Auf einmal soll es relevant sein, wo der Schuss hingegangen wäre... nach dieser Logik war das gegen Dänemark auf gar keinen Fall Elfmeter.

Ich stelle ja mal die einfache Frage: Wie würdet ihr reagieren, wenn Antonio Rüdiger einen solchen Ball nach derselben Meidbewegung an den Arm bekommt? Da seht ihr dann alle garantiert keinen Elfmeter.

Persönlich finde ich es ja schade, dass selbst der meistens gute Manuel Gräfe sich das alles so hinlegt, dass er einen Elfmeter geben könnte

Nebenbei, was dann ja doch auch der Gräfe anspricht, ist die ganze Debatte hinfällig, weil Füllkrug vorher hauchzart im Abseits stand. Und wie wir auch seit dem Dänemark Spiel wissen, reicht ein Zentimeter... Das haben wir aber auch schon wieder vergessen.

Gerade das "Wo geht der Ball hin" ist ja auch albern. Denn der geht ziemlich genau auf Florian Wirtz, der schon reflexartig zuckt, weil er gleich im Abseits stehend abgeschossen wird... Das könnt ihr in der Analyse von Gräfe wunderbar sehen.  Aber Nagelsmann sieht den Ball halt im Winkel einschlagen, deswegen muss es Elfmeter geben, auch wenn Cucurella realistisch gesehen nur eine Abseitsstellung verhindert hat...

Um euch mal kurz zu erklären, warum das eine Elfmeter war und das andere nicht: Bei Andersen ist der Arm um etwa 90 Grad abgespreizt. Er macht eine Bewegung weg vom Körper. Marc Cucurella versucht dagegen aktiv seine Hand zum Körper zu ziehen, weshalb der Arm nur 45 Grad abgespreizt ist. Er macht eine aktive Meidbewegung, ist dabei aber nur zu langsam. Fairerweise erklärt der sonst hier so oft gescholtene Kicker das auch ungefähr so. In der Spielanalyse werfen sie Taylor eher vor, dass er Toni Kroos nicht nach 7 Minuten vom Platz gestellt hat. Theoretisch hätte er ihm für das Foul an Pedri und für die Diskussion hinterher in Minute 1 jeweils Gelb sehen können. Da hatte dann aber das erste Mal ein Schiedsrichter doch Angst davor, die neue Regel zum Meckern anzuwenden. Und Pedri wurde ja von Kroos buchstäblich kaputt getreten, ohne dass es für Kroos irgendwelche Konsequenzen gab...

Also abgesehen davon, dass der Torschütze und Vorlagengeber Dani Olmo eingewechselt wurde. Danke Toni. Ein ganz dummes "taktisches Foul" war das...

Am Ende war das Spiel nebenbei weniger Spektakel, als ich erhofft habe... Als Antonio Rüdiger den Fuß demonstrativ auf den Ball legte, um jegliches Tempo aus dem Spiel zu nehmen, dachte ich kurz: Die wollen beide doch Europameister werden... In Schönheit sterben sollt ihr! Aber gerade nach dem 1:0 ging es doch richtig ab. Und das, obwohl Deutschland ab der 80. Minute freiwillig zu 10. gespielt hat. Man will gar nicht wissen, was möglich gewesen wäre, wenn ein Deniz Undav da frischen Wind reingebracht hätte.

Wobei man an der Stelle festhalten muss: In Sachen Thomas Müller hatte sich zumindest in meiner Kneipe der Wind gedreht. Da dachte jetzt keiner mehr, dass der jetzt das entscheidende Siegtor machen würde. Mit 10 Jahren Verzug ist dann doch endlich angekommen, dass der einfach nicht mehr gut genug für die Nationalmannschaft ist. Hat ja nur 3 katastrophale Turniere gedauert.

Auf dieses Highlight des Turniers folgte dann der versprochene Pragmatismus bei Frankreich - Portugal. Frankreich hat nach wie vor kein eigenes Tor aus dem Spiel heraus erzielt. Es gab bisher 2 Eigentore und ein Elfmeter. Da ist also "Eigentor" buchstäblich der Toptorhüter. Und als nächste Stufe haben sie das Elfmeterschießen gewonnen, ohne dass Mike Maignan einen einzigen Elfmeter gehalten hat. Maignan wurde trotzdem zum Spieler des Spieles gekürt... Wenn die Feldspieler 120 Minuten lang nichts machen, wird man das dann in logischer Konsequenz, auch wenn man sich nicht wirklich auszeichnen musste.

Mittwoch, 3. Juli 2024

Die "Wir haben den Urlaub schon gebucht" Elf EM 2024

 Wie immer werden bei hier jetzt die Spieler gekürt, die bisher mit herausragenden Leistungen geglänzt haben. Leistungen, die man sich am ehesten mit schon gebuchten Flügen in den Urlaub erklären kann. Traditionen müssen gepflegt werden.

Thibaut Courtois

 Giovanni di Lorenzo - Gianluca Mancini - Jan Vertonghen - Kieran Trippier

Luka Modrić - Marcelo Brozovic

Kevin de Bruyne - Christoph Baumgartner - Phil Foden

Niclas Füllkrug

Thibaut Courtois, Belgien: Daran kann man nebenbei auch erkennen, wie gut die Torhüter bei dieser EM waren. So richtig krasse Patzer gab es einfach nicht zu sehen. Deswegen nominieren wir den vielleicht weltbesten Torhüter, der sich aber mit Domenico Tedesco zerstritten hat und deswegen nicht mitfahren durfte. Ob das jetzt die Schuld des Trainers oder des Spielers war, ist dabei gar nicht soo relevant. Fakt ist: Courtois macht buchstäblich lieber Urlaub.

Giovanni di Lorenzo, Italien: Der Mann war an beiden Highlights der italienischen EM direkt beteiligt. Er bekam gegen Spanien eine 6,0 und gegen die Schweiz eine 5,5. Es war also theoretisch eine gute Tendenz auszumachen. Ganz praktisch hat er Ruben Vargas wie einen Weltklassespieler aussehen lassen. Das ist gut für Augsburg, die den jetzt für 30 Millionen nach England verkaufen können... aber es ist halt auch eine Auszeichnung im Armutszeugnis. Bei der auch

Gianluca Mancini ordentlich mitgeholfen hat. Für Mancini war dies der erste Einsatz bei der EM. Damit beendet er das Turnier mit einem Notenschnitt von 6,0 und beantwortet indirekt die Frage, warum Gareth Southgate nicht wechselt. Bei einem abgesehen von Donnaruma extrem schwachen Kader sticht Mancini nochmal hervor.

Jan Vertonghen, Belgien: Eigentlich sollte man dankbar sein. Da die Franzosen 0 Interesse am Tore schießen zeigten und den Belgiern vorne einfach die Fähigkeiten fehlten, beendete er ein Spiel, dass sonst mindestens 30 weitere Minuten erlebt hätte. Das ist halt auch der Unterschied zwischen Vertonghen und all den anderen Eigentorschützen: Er besiegelte das Ausscheiden, während Samet Akaydin im Viertelfinale steht. Und damit besiegelte er auch das endgültige Ende der "goldenen Generation". Er dürfte auch der älteste Eigentorschütze der EM Geschichte sein, das entschädigt doch für alles.

Kieran Trippier, England: Ja, die sind noch dabei. Und die werden am Ende Europameister. Aber Kirean Trippier ist doch gefühlt schon auf dem Urlaub, er verlebt den nur auf dem Platz. Das größte Problem der Engländer, abgesehen davon, dass sie keinen natürlichen Ersatz für Kevin Phillips gefunden haben, ist ja ihre faktisch komplett unbesetzte linke Flanke. Die haben halt niemanden, der da einfach nur die Linie hält und dann Dynamik ausstrahlt. Das wurde mir extrem bewusst, als ich direkt nach den Engländern die Spanier gesehen habe. Wie Marc Cucurella bei jeder Aktion im hohen Tempo nachgerückt ist. Das war richtig anstrengend, da zuzugucken. Macht das weg. Bei Trippier muss sich niemand Sorgen machen, dass der bei eigenem Ballbesitz mal einen Sprint anzieht....

Luka Modrić und Marcelo Brozovic, Kroatien: Da war es dann. Das eine Turnier zu viel. Wo einem hinterher bewusst wird, dass man doch hätte in den Ruhestand gehen sollen. Das wird ihrem Legendenstatus zu Recht nicht schaden. Aber sowohl Real Madrid als auch Modric selber sollten darüber nachdenken, ob sie wirklich noch länger zusammenarbeiten wollen. Dabei war Modric noch nicht mal wirklich schlecht. Er war halt nur weit weg von dem Standard, an dem wir uns bei ihm gewöhnt haben. Brozovic muss sich dagegen eingestehen, dass Kroatien seine beste Halbzeit abgeliefert hat, nachdem er ausgewechselt wurde. Für beide gilt wohl: Das wird wohl nie wieder gut. Und natürlich ist Brozovic noch gar nicht soo alt und wird deswegen wahrscheinlich weiter machen... aber Kroatien braucht halt dringend einen Neuaufbau. Gerade im Mittelfeld und in der Offensive. Aber hey, die haben einen der legendärsten Läufe aller Nationalmannschaften hingelegt. Da haben sie sich ihren Urlaub auch verdient.

Kevin de Bruyne, Belgien: de Bruyne ist einer der besten Mittelfeldspieler der Welt... wenn er im Trikot von Manchester City spielt. In Belgien muss er jetzt seit Jahren erklären, warum aus dieser "goldenen Generation" nichts wurde. Am Ende steht ein dritter Platz, was für Belgien gar nicht schlecht ist. Aber zuletzt auch ein Vorrundenaus bei der WM und jetzt ein Aus im Achtelfinale. Klar, gegen Frankreich, das kann schon passieren. Aber gegen Frankreich spielte man ja auch "nur", weil man an Rumänien nicht vorbeikam. Da ist man schon ein bisschen selbst Schuld dran. Und ja, de Bruyne selbst war bei weitem nicht der schlechteste Belgier. Aber wenn er an seine Leistungen im Vereinstrikot anknüpfen würde... aber er ist halt auch nach einer langen Saison unfassbar durch, der braucht also Urlaub.

Christoph Baumgartner, Österreich: Unfair? Bestimmt. Er war halt am falschen Ende von der Parade des Turniers durch Mert Günok... der nebenbei nach dem Auftaktspiel auf die Bank gesetzt wurde... Und trotz dieser Parade "nur" eine 2,5 bekommen hat. Oder anders ausgedrückt: Mit einer Kicker-Durchschnittsnote von 3,5 ist er einer der schlechtesten Torhüter des Turniers. Und auf jeden Fall der schwächste Viertelfinalteilnehmer. Und diesen Mann hat Baumgartner berühmt geschossen. Gut für Besiktas, die ihn jetzt für 30 Millionen nach England verkauft haben. Schlecht für Ralf Rangnick, der dafür den Bayern abgesagt hat...

Phil Foden, England: Man kann auch nicht alles auf Gareth Southgate schieben. Also ja, vielleicht könnte der Trainer die Anweisung geben, dass Foden mehr die Linie halten soll und dadurch zumindest das Gefühl von Breite ins englische Spiel bringt. Und vielleicht hätte man das im Training auch mal einüben können. Dass Foden aber an den einfachsten Aufgaben scheitert, liegt aber nicht an Southgate... Also der Mann soll laut Transfermarkt.de 150 Millionen Euro wert sein. Trotzdem läuft er bei einem Querpass durch den 5er ins Abseits. Und das war ja kein hauchdünnes Abseits. Von einem derart teuren Spieler muss man erwarten können, dass er sich hinter dem Ball positioniert.

Niclas Füllkrug, Deutschland: Häh? Der ist doch voll gut! Ein superwichtiger Joker. Und er hat dieses superwichtige Tor gemacht... seinetwegen erleben wir jetzt das vorgezogene Finale gegen Spanien... ahh...
Ja, Füllkrug hat seinen ersten Urlaubstag auf das Halbfinale gelegt. Wenn er nicht trifft, wäre man auf der "einfacheren" Seite des Turnierbaums. Es würde "nur" gegen die übermüdeten Engländer gehen, anstatt gegen die eine Mannschaft, die wirklich gut aussieht. Und danach dann designiert gegen Frankreich. Als Bonusfeature hat Antonio Rüdiger sich bei dem Torjubel verletzt und drohte auszufallen. Der Treffer macht alles also unnötig schwierig und spannend.

Und als "Einwechselspieler":
Jude Bellingham und Merih Demiral: Das ist schon ein gehobenes Arschloch Niveau: Seinen Kollegen noch mehr Stress und Spiele zumuten, obwohl zumindest die Engländer da ja gar keinen Bock drauf haben, und dann wegen obszöner oder rechtsextremen Gesten gesperrt auszufallen.

Dienstag, 2. Juli 2024

Die Engländer sind gar nicht schlecht...

 Die bieten gehobenen Durchschnitt an. 

Ganz ehrlich: Was wir gestern erleben durften, war der schlechteste Achtelfinale-Spieltag der EM Geschichte: 210 Minuten mit einem einzigen Tor. Und das war auch noch ein Eigentor, weil Randal Kolo Muani nicht mal aufs Tor gezielt hat.
Gerade wenn man bedenkt, dass bei Belgien und Frankreich richtig gute Fußballer auf dem Platz standen. Aber die wurden halt von Didier Deschamps und Domenico Tedesco auf- und eingestellt. Einer dieser beiden Trainer hat einfach kein Interesse an berauschendem Fußball... dem anderen fehlen vielleicht einfach nur die Fähigkeiten... Er war mal Schalke Trainer, davon erholt man sich nicht so leicht.

Slowenien gegen Portugal war dann einfach nur schlecht. Die einzigen Highlights waren ein verschossener Elfmeter von Cristiano Ronaldo... und Pepe's Versuch zu verhindern, dass Ronaldo erneut antreten muss... Leider sagte Benjamin Sesko da "Nö, ich will in dieses Elfmeterschießen"...

Und dort traf Slowenien dann auch das Tor nicht. Einen vergleichbar schlechten Spieltag gab es zuletzt... 2006 bei der WM in Deutschland. Das muss an uns liegen. Damals erzielte Italien in allerletzter Minute per Elfmeter die Führung... und die Schweiz entschied sich dafür, das Elfmeterschießen ohne eigenen Treffer zu beenden.

2010 gab es auch mal einen Tag, an dem nur ein Tor erzielt wurde... aber da spielten wenigstens halbwegs motivierte Spanier mit und Paraguay nahm am Elfmeterschießen wirklich teil.

Gerade dass das Elfmeterschießen, welche es als "Belohnung" für diese tollen Spiele gab und wenigstens für etwas Nervenkitzel sorgen sollte, nach 2 Schützen durch war. 

Und das absurdeste: Die beiden Gewinner treten jetzt gegeneinander an. Wir dürfen uns also auf ein weiteres Duell aus der Kategorie "Kann nicht mehr" gegen "Will nicht mehr" freuen. Euphorie!

Aber genau so erreicht man halt das Elfmeterschießen gegen England... und wird damit sicher Europameister. Dieser Spieltag hat mich in meiner Überzeugung, dass die am schlechtesten spielenden Mannschaften am Ende das Finale erreichen, bestärkt. Und dann werden alle hinterher nur noch von diesem einen Viertelfinale reden und den Rest des Turnieres verdrängen...

Montag, 1. Juli 2024

Gareth Southgate ist ein Genie

 Der spielt halt nur ein ganz anderes Spiel als wir. Deswegen steht er ganz entspannt mit den Händen in der Hosentasche am Seitenrand und wechselt bei Rückstand in der 94. Minute einen Spieler ein, um noch an der Uhr zu drehen. Er kann das nicht nur tun, wer muss genau so agieren, um sein eigenes Ziel umzusetzen: Das 2:1 vor dem 1:1 erzielen. Und genau das hat er geschafft.

England erzielte den Ausgleich in der 96. Minute und die Führung in der 92. Minute. Und nur darum ging es doch. Und dass ein Jude Bellingham diese taktische Anweisung dann fast perfekt umsetzt. Das Spiel ständig verschleppt. Seine Mitspieler anmault, falls die vor der 93. Minute irgendwelche Anstalten machen, Initiative zu zeigen. 

Ganz ehrlich, dass Bellingham nach der gezeigten Leistung und den gezeigten Emotionen überhaupt noch auf dem Platz stand, zeigt doch, wie wenig Interesse Southgate an der Ausübung seines eigentlichen Jobs hat. Und klar, wer trifft, hat recht und wer den treffenden Spieler auf dem Platz lässt, hat alles richtig gemacht. Aber, revolutionärer Gedanke, wenn man früher einen Spieler mit Elan und positiver Körpersprache auf den Platz stellt, trifft man vielleicht sogar etwas früher. Vielleicht geht man sogar der Verlängerung aus dem Weg, was bei einem völlig überspielten Kader elementar wichtig wäre. Aber Southgate hatte halt die Hände in den Hosentaschen, da konnte er keine Wechsel vornehmen.

Ernsthaft, was der abliefert, ist eher eine Karikatur eines Trainers. Und dass der damit durchkommt, ist  völlig absurd. Und wenn Bellingham auf dem Platz steht, spielt England de facto in Unterzahl. Nicht nur, weil er selber wenig bringt, sondern weil er auch noch die anderen Spieler mit seiner "Ausstrahlung" runterzieht. 

Aber hey, genau so wird man Europameister... oder erreicht zumindest das Elfmeterschießen gegen Frankreich. Und nur darum geht es Southgate doch: Ein letztes Mal im Elfmeterschießen scheitern.

Aber ja, das solltet ihr jetzt schon buchen. Dies ist nicht die EM, die man durch berauschenden Fußball gewinnt. Dies wird eher ein "Die Favoriten mogeln sich irgendwie durch" Turnier. Also wie die letzte EM auch... Das letzte Mal hatten die aber eine gute Ausrede, weil sie dank der Pandemie-Verschiebungen völlig überspielt waren. Wobei man Bellingham zugutehalten muss, dass das auch für ihn gilt, der ist halt nach einer harten und langen Saison mit Champions League Finale vollkommen durch. Nur hat dieser angeblich so wertvolle Kader auch keinerlei Alternativen hergibt...

Vielleicht sollte man auf Transfermarkt.de auf diese EM reagieren und allen Spielern der Premiere League 15% ihres Marktwertes abziehen. Denn offensichtlich sind diese Spieler völlig überbewertet, wenn ein Phil Foden an den einfachsten Aufgaben wie "Bei einem Querpass durch den Strafraum nicht im Abseits stehen" scheitert. Und das war ja keine Zentimeter-Entscheidung wie beim dänischen Abseits, sondern eher ein "Warum geht die Fahne da nicht gleich hoch, sondern muss der VAR mobilisiert werden?" Abseits.

Jetzt solltet ihr euch auf jeden Fall den Freitag im Kalender markieren, denn das wird das einzige richtig geile Spiel der EM. Das einzige Duell zweier Spitzennationen mit (fast ausschließlich) Topspielern, die auch beide Bock auf Fußball spielen haben. Und all das nur dank Niclas Füllkrug, was man nicht oft genug erwähnen kann. 

In allen anderen Viertelfinalspielen hat man entweder eine Mannschaft wie England, die Niederlande oder Frankreich, die keinerlei Interesse am Fußball spielen haben... oder einen Außenseiter, der sich überraschend in diese Runde verlaufen hat.
Und versteht mich dabei nicht falsch: Diese Außenseiter haben bisher auch für die fußballerischen Highlights gesorgt. Gerade was die Österreicher und Schweizer im Kollektiv anbieten, ist schon faszinierend. Aber deren individuelle Klasse ist, bei allem Respekt, ein gutes Stück von den Engländern und Franzosen entfernt. Um aus einem taktisch faszinierenden Spiel ein absolut hochklassiges zu machen, braucht man halt auch die individuelle Extraklasse.

Ansonsten muss ich mich echt nochmal über das Goldfisch-Gedächtnis von Fußballfans aufregen. Ich durfte echt Kommentare wie "Scheiß Schiri!" und "Schiebung" hören, habe mich da aber zum Glück nicht laut genug geflucht, so hat das "Ihr seid doch einfach nur dumm" nur mein Kollege gehört...
Die Fans haben diese Sprüche nicht nach dem zurück gepfiffenen 1:0 durch Niklas Süle gebrüllt... Sondern nach dem 3:0 von Florian Wirtz. Einem nur für die Statistik relevantes Tor. Wenn dieser (zugegeben schwache) Schiedsrichter das Spiel hätte verschieben wollen, hätte er den Handelfmeter nicht gegeben. Und als einer der anscheinend wenigen Menschen, die sich sachlich zu Regeln äußern können, sage ich da mal: Den kann man geben. Muss man aber auch nicht.
Was auch nur bedeutet: Für Deutschland ist das ein klarer Elfmeter, gegen Deutschland wäre es eine klare Fehlentscheidung.
Und Deutschland hat jetzt 2 Mal vom VAR profitiert. Denn beim hauchdünnen Abseits würde man sich, wenn man selbst betroffen ist, für dickere Linien einsetzen. Kann doch nicht sein, dass das auf den Millimeter ausgemessen wird. Was wurde eigentlich aus "Im Zweifel für den Angreifer"? Dabei ist Abseits die eine wirklich faire Verbesserung, die der VAR gebracht hat. Denn jetzt kann man objektiv sicherstellen, dass kein einziges Abseitstor erzielt wird. Das ist brutal für die Dänen, aber irgendwie auch fair, weil es auch für alle anderen Mannschaften genauso brutal geendet hätte.

Jedenfalls feiert Deutschland jetzt plötzlich den VAR mit "Spieler des Spiels" Memes. Wenn der VAR aber das nächste Mal gegen Deutschland entscheidet, werden sie das alles wieder vergessen haben und lauthals die Abschaffung dieser Missgeburt fordern. Garantiert. 

Traurigerweise werden das aber nicht nur die Fans machen, sondern auch die Experten hinterher werden sich dann fragen, ob das wirklich sein muss... Dass man im Achtelfinale krass davon profitiert hat, haben bis dahin alle vergessen.

Dienstag, 25. Juni 2024

Danke, Füllkrug

 War echt wichtig, dass wir diesen Italienern aus dem Weg gehen... und stattdessen auf England treffen.

Also nur um nochmal festzuhalten, was dieser Treffer bewirkt hat: Es führt dazu, dass wir gegen den einen Gruppenzweiten spielen und nicht gegen den anderen... Weil dieser Modus mit den 24 Teams so abgefuckt ist.

Eigentlich sollte der Gruppenerste jeder Gruppe auf einen relativ schwächeren Gruppenzweiten treffen. Und alle nicht ganz so stark gestarteten Teams auf eines der dominanten Teams. Und wer nach 3 Spielen 3 Punkte und ein negatives Torverhältnis hat, scheidet aus.

Aber jetzt hat Ungarn immernoch die Chance auf ein weiterkommen. Hier ist auch etwas, was unbedingt bedacht werden muss: Mattia Zaccagni hat nicht Italien ins Achtelfinale geschossen. Er hat nur Kroatien rausgehauen. Denn ohne diesen Treffer stünde Italien bei 3 Punten und -1 Toren. Also schonmal vor den Ungarn. Man müsste also nur noch einen weitere noch schwächeren Gruppendriten finden. Und heute spielt Dänemark gegen Slowenien. Wenn eine dieser Mannschaften gewinnt und England nicht verliert, hätte Italien trotz Niederlage das Achtelfinale sicher.

Und ja, ich gehe nicht davon aus, dass England gewinnt. Southgate wird, wo er jetzt ja sicher weiter ist, Southgate Dinge tun... vielleicht stellt er wirklich 6 Crystal Palace Spieler auf, damit alle merken, dass seine Bank gar nicht so gut ist. Oder einfach nur, weil er es kann. Und dann spielen die nur Unentschieden, während Dänemark mit 2:0 gewinnt. Und schon trifft Southgate auf Nagelsmann.

Das ist aus Southgates Anti-Fußball-Perspektive auch gar nicht sooo schlimm. Er hat ja gerade die Blaupause bekommen, wie man die Deutschen an ihre Grenzen bringt. Und er wird die Mannschaften, die wirklich Fußball spielen können und wollen, so früh wie möglich aus dem Turnier kegeln wollen... bevor die sich noch besser einspielen.

Das Spiel gegen die Schweiz hat "uns" ja gezeigt, dass die Abstimmung im Mittelfeld noch nicht so fein ist, wie man das braucht, um Europameister zu werden. Da kam dann sogar ein Toni Kroos ins Schwitzen. (Dass Kroos Werbung für Deodorant macht, finde ich nebenbei absurd... aber andere Geschichte.) Aber je mehr Zeit Kroos, Gündogan, Musiala und Wirtz gemeinsam verbringen, umso besser wird das. Also lieber schnell  raus mit denen.

Und ja, diese Theorie ist völlig absurd. Deswegen gehe ich davon aus, dass dies Southgates Plan ist. Und dass England am Ende mit brutalem Anti-Fußball und absolutem Minimalismus Europameiser wird... Obwohl, er müsste ja pressen lassen und das wäre ja Aufwand. Dafür müsste man ja den Einsatz hochfahren. Southgate wird also diesen "genialen" Plan haben, dann aber nicht bemerken, dass der nicht funktioniert, wenn man sich am eigenen 16er vergräbt... Aber ansonsten ist der Plan voll gut. Und erklärt auch alles, was England bisher so angeboten hat.

Sonntag, 23. Juni 2024

Was mich ja am meisten verwirrt

 Ist der Spielplan dieser EM. Wer hat sich das denn ausgedacht?

Das fällt mir hauptsächlich auf, weil meine Schicht heute erst 18 Uhr beginnt. Sollte da nicht schon Anpfiff sein? Nope, heute wird nur 21 Uhr gespielt...

Auf den Sonntag. Den einen Tag, an dem alle auch schon um 1 Uhr Zeit gehabt hätten... fangen wir erst um 9 an. Damit die Ruhestörung am Ende richtig reinknallt. Nun könnte man natürlich behaupten, dass man ja Rücksicht auf die Christlichen Traditionen nehmen müsste... aber die Katholische Kirche hat ihren nächsten Missbrauchsskandal am Arsch, so fuck these guys. Oder um es diplomatisch auszudrücken: Auch die wären froh, wenn heute mehr Fußball gespielt wird, damit diese Schlagzeile möglichst schnell endgültig von Tagesschau.de verschwindet.

Und nur um das mal festzuhalten: Die müssen heute, an einem Sonntag, wieder eine Ausnahmeregelung für die Nachtruhe anwenden, weil das Deutschland Spiel erst um Halb 11 abgepfiffen wird und damit die Autokorsos erst um 22:45 losgehen können... Obwohl vorher nichts los ist. Ok, nicht "nichts", in Leipzig spielt die Spider Murphy Gang... damit haben die es jetzt auch in diesen Blog geschafft.

Mich verwirrt ja am meisten, dass das Ordnungsamt diese Konstellation gesehen hat und der UEFA gesagt hat "Macht mal..."  Wenn sonst jemand am Sonntag um 21 Uhr irgendwas machen will, kommt immer die Frage "Geht das nicht etwas früher? Oder Montags?"

Aber gut, Deutschland 21 Uhr bedeutet im Zweifelsfall auch, dass man beim Public Viewing nicht in die Sonne gucken muss und dadurch die Bildqualität besser wird. Aber dann lasst doch die Gruppe B auch am Sonntag spielen... Um 18 Uhr halt.

Aber die spielen am Montag. Auch spät. Auch als einzige. Ok, dachte ich mir da... dann machen die am letzten Spieltag wohl jede Gruppe einzeln und strecken das Turnier so etwas in die Länge... Ist vielleicht auch besser, weil ja noch nicht fest steht, welcher Gruppendritte wann wo antreten muss. Deswegen gibt es ja sogar 2 Ruhetage nach der Gruppenphase.

Aber dann machen die ab Dienstag wieder den 18 Uhr 21 Uhr Rhytmus... Warum? Warum packt man die Doppelspiele nicht an den Anfang und vor allem auf den freien Sonntag? 

Das mag jetzt auf den ersten Blick relativ egal wirken. Aber fällt folgendes auf: Der erste der Gruppe A (also Deutschland oder die Schweiz) trifft auf den zweiten der Gruppe... ja, ihr denkt jetzt "B", aber das wäre zu einfach. Es ist der zweite der Gruppe C. Und dies bedeutet, dass Deutschland 6 Tage Pause zwischen dem letzten Gruppenspiel hat. Also das steht fest, selbst wenn sie Gruppenzweiter werden. Die Frage ist nur, ob sie auf den zweiten der Gruppe B oder C treffen. Also stand jetzt Italien oder Dänemark. Absurderweise spielt man selbst dann nicht gegen einen Gruppenersten, wenn man selber nur Zweiter wird. Man kann also mit einer strategischen Niederlage den Spaniern und den Engländern aus dem Weg gehen. Und ja, theoretisch könnte England im Achtelfinale warten, wenn die weiterhin so uninspiriert auftreten und Dänemark Serbien abschießt. Aber das sind ja auch nur die absurden Metatheorien...

Viel schlimmer ist: Der erste der Gruppe A hat 6 Tage Pause, der 2. der Gruppe C nur 4. Das sind 2 Tage weniger, um eventuelle Wehwehchen auszukurieren.
Im "Früher war alles besser" Land war das nur ein einziger Tag Unterschied. Dieser extra Tag wird aber völlig unmotiviert eingeführt. Aber fairerweise war das 2016 auch schon so. Nur dass es damals als Bonusbelastung noch 3 Achtelfinale an einem Tag gab. 5 Jahre später waren sie so clever, das Sonntagspiel um 18 Uhr anzupfeifen und haben in reiner Willkür die Gruppe A und D an Extratagen angesetzt.

Im Sinne der Ruhetage wäre es natürlich am "sinnvollsten" immer 2 Gruppen an einem Tag auszutragen und einfach einen weiteren wirklichen Ruhetag einzuführen. Damit die Konzertgänger auch mal wieder in Ruhe auf Konzerte gehen können und nicht vor dem Anpfiff zu Clueso rennen müssen... Und man könnte Bands von dem Clueso-Kaliber um 19 Anfangen und sie ihr komplettes Set spielen lassen... an den freien Tagen halt.

Das wird am Ende alles nicht das Turnier entscheiden... aber es verwirrt mich halt doch.

Samstag, 22. Juni 2024

Ein "Worst of" zu einer bisher ziemlich guten EM

Das läuft ja besser, als erwartet. Die meisten Favoriten sind ordentlich bis gut in das Turnier gestartet. Die Außenseiter wie Albanien und Georgien spielen ordentlich mit und mauern nicht nur. Und die Schottischen Fans singen sich in die Herzen des Postillons. Viel mehr kann man nicht verlangen.

Ok, weniger Eigentore. Denn am Ende wird "Eigentor" jetzt ja zum Torschützen erklärt. Was mich zu der wichtigsten Frage bringt: Wenn Klaus Gjasula nochmal trifft, wird er dann mit 2 Treffern Torschützenkönig? Am besten schießt der noch ein Eigentor, dann holt er die Trophäe, indem er für Kroatien, Georgien und Spanien getroffen hat.

Nebenbei finde ich es faszinierend, dass sich jetzt schon alle sorgen um Spanien machen. Eine Mannschaft, die irgendwo zwischen "Gomez der Woche" und "Die Perfekte Arsenal Imitation" pendelt... Erfahrungsgemäß gewinnt man die EM aber nicht mit schönen Fußball, sondern mit brutaler Effizienz. Am Ende wird eine dieser Gurkenmannschaften mit ihrem grausamen Fußball den Titel holen, und nicht die Spaßfußballer.

England zum Beispiel. Also genau genommen ist es völlig absurd, wie alle gerade über die Engländer herziehen, während die sicher im Achtelfinale stehen. Also ja, die spielen derzeit mit angezogener Handbremse. Oder mit fast leerem Tank. Oder halt einfach Southgate-Fußball. Aber die spielen halt auch dieselbe Grütze, wie bei den letzten sehr erfolgreichen Turnieren.

Man muss aber auch mal festhalten: Die haben verteidigen verdammt gut. Die Dänen hatten keinen einzigen Abschluss im 16er. Die brauchten einen Sonntagsschuss, um den Ausgleich zu erzielen. Serbien hatte technisch gesehen einen Abschluss im Strafraum, weil Mitrovic nach dem frühen Ballgewinn tatsächlich aus 15 Metern abschließen konnte. Dazu musste Jordan Pickford ein Mal bei einer flachen Hereingabe eingreifen und eine gute Schußchance verkam zu einer Rückgabe. Das waren alle "brenzligen Situationen", die England in 180 Minuten im Strafraum üebrstehen musste. Das ist still und heimlich die Mannschaft, die am besten verteidigt. Solange der englische Torwart keinen Fernschuss "durchwinkt", steht die 0. Wenn die jetzt noch keinen englischen Torwart im Kasten hätten, wäre das Konzept perfekt, um mindestens ein Elfmeterschießen zu erreichen.... und das ist ja Southgates eigentliches Ziel. Die Offensive Klasse wird ja nur gut versteckt, die ist ja durchaus vorhanden. Das ist auch keine Mannschaft, auf die ich treffen will.

Wo wir schon bei Torhütern waren: Da fällt mir auf, dass es auch einfach keine sachliche Debatte über diese deutsche Mannschaft mehr geben kann, weil die uns jetzt schon alle emotionalen Sicherungen rausgeknallt haben... was an sich etwas positives ist. Denn das der Gastgeber ein starkes Turnier spielt, ist durchaus positiv für die Stimmung... und für alle Gastronomen im Land.

Dennoch muss man auch mal festhalten: Manuel Neuer war gegen die Ungarn nicht "Weltklasse". Er war nicht mal der beste Torhüter auf dem Feld. Und ja, er hat Joshua Kimmichs Gegentorvorlage in Minute 1 verhindert... als einige Fans noch nicht begriffen hatten, dass die in Weiß die Bösen und die in Pink die Guten sind. In der Kneipe, in der ich am Tresen stand, wurde da von einigen schon gejubelt.
Er hat auch den einen Freistoss stark gehalten. Aber auch nur "stark" und nicht "Weltklasse" oder "Überragend", denn er hat den Ball doch wieder nach vorne abklatschen lassen und legt ihm so einem gegnerischen Stürmer auf den Fuß. Genauso, wie er in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit wieder einen Ball nach vorne abwehrt und der Gegner einschiebt. Aber Abseits ist halt Abseits. Wir sind da aber auch nur Zentimeter an einer erneuten Torhüterdebatte vorbeigeschrammt. Und diese Zentimeter hatten nichts mit Neuer zu tun, er hatte da einfach nur Glück. Und wenn ihr jetzt denkt, dass ich zu kritisch bin, dann guckt euch einfach mal die Parade von Peter Gulasci gegen Leroy Sané an. Also nur um zu verdeutlichen, dass es auf gehobenem Niveau durchaus möglich ist, Torschüsse zur Seite abzuwehren.
Dann sah Neuer noch bei einer Flanke extrem unsicher aus. Er hat also nicht nur dieselben Fehler wie zuletzt immer gemacht, sondern auch noch neue Schwächen eingebaut. Aber laut Kicker war er besser als sein Gegenüber, obwohl der keinerlei Unsicherheiten gezeigt hat. Und wenn man jetzt darauf hinweist, dass Neuer beängstigend viele Bälle nach vorne abwehrt, wird man als chronischer Nörgler abgetan... obwohl man eigentlich nur die Leistungen sachlich analysiert und sich nicht von dem Schwarz-Rot-Goldenen Fahnenmeer blenden lässt. 

Da macht einem das Duell mit den Spaniern doch wieder Angst. Denn so, wie Neuer sich derzeit präsentiert, werden die Spanier es nicht schaffen, den "berühmt zu schießen"...

Mittwoch, 21. Juli 2021

Die Pessimistische Saisonvorschau 2021/22: Wurde die Deutsche Meisterschaft am 29.06.2021 entschieden?

 Also wo ich keinen Kicker mehr lese, weiß ich ja gar nicht, ob das sonst allen so bewusst ist... aber: Am 29.06. schieden die letzten der 14 EM Teilnehmer des FC Bayern aus dem EM Turnier aus. Alle Spieler hatten eine enttäuschende Europameisterschaft "zum Vergessen" absolviert. Hätte ich übertreiben wollen, hätte ich das gesamte "Wir haben den Urlaub schon gebucht" Kader nur mit Spielern des Rekordmeisters zusammenstellen können. Und der einzige, der eine individuell gute EM gespielt hat und die Schuld auf seine Mannschaft schieben kann, war Robert Lewandowski.

Selbst Manuel Neuer... war nicht der beste Torhüter des Turniers. Er war nicht mal der beste Bundesligatorhüter des Turniers, das war Yann Sommer. Man müsste langsam mal die Frage stellen, ob Sommer nicht mittlerweile besser ist als Neuer. Oder ob Peter Gualsci und Koen Casteels ihm diesen Titel streitig machen. Der Kicker umgeht diese Diskussion vorerst, aber er platziert Neuer nicht mehr in der Weltklasse.

Alle anderen Bayern Profis brauchen mehr oder weniger kreative Ausreden. Leon Goretzka konnte dank einer Verletzung erst spät ins Turnier eingreifen. Joshua Kimmich durfte nicht im Zentrum spielen, weil wir da Platz für Thomas Müller brauchten. Für Müller war das System zu defensiv ausgerichtet und er hätte doch mehr Zeit zum Einspielen gebraucht. Serge Gnabry fühlt sich auch als Mittelstürmer nicht wohl, muss diese Rolle aber mangels Alternativen ausfüllen. Und so könnte man die Liste ewig weiterführen...

Nebenbei... ist die Bilanz dank der Tore von Lewandowki und Goretzka besser als vor 3 Jahren in Russland. Da traf gar kein Bayern-Profi. Also ist der Rekordmeister relativ gesehen stärker geworden.

Das sind vor allem Dinge, die man bedenken muss, wenn die Bayern dann wieder in ihrem eigenen Universum ihre Bahnen ziehen und der Rest der Liga abgeschlagen hinterherhechelt: All das erreichen die Bayern ohne die wirklichen internationalen Stars. Zumindest wenn man sich die Turnierbilanz anguckt. Die wirklich prägenden Turnierspieler treten seit Jahren woanders an.

Wobei dieses "Woanders" ja nicht mal zwingend "außerhalb der Bundesliga" lautet. Dani Olmo, Yussuf Poulsen, Thorgan Hazard, Alex Witsel und Patrik Schick spielten allesamt wichtige Rollen bei Viertelfinalteilnehmern. Jude Bellingham wurde zum jüngsten EM-Spieler aller Zeiten und kann wenig dafür, dass sein Trainer ein Feigling ist. Und Jadon Sancho durfte sofort mitspielen, nachdem er nach England gewechselt ist. Dazu kommt die halbe Nationalmannschaft der Schweiz. Ich wollte vor dem Turnier darüber witzeln, dass Österreich - Schweiz ja quasi die Nationalmannschaftsversion von Augsburg gegen Mainz gewesen wäre: 2 mittelmäßige Bundesligisten, für die sich eigentlich niemand interessiert... aber bei der EM hätten sie uns das als großartige Werbung für die Liga verkauft. Vor allem waren die Schweizer auch wesentlich besser, als ich erwartet hätte... Trotz oder wegen der 5 Bundesligisten in der Startelf.

Für die Bundesliga sind das aber ganz schlechte Nachrichten. Denn die einzige realistische Hoffnung auf eine spannende Meisterschaft war ja folgende: Julian Nagelsmann kann in seiner Vorbereitung sein neues, kompliziertes System nicht wirklich einstudieren lassen, weil seine Nationalspieler quasi die gesamte Vorbereitung über im Urlaub sind. Und dank des EM Finales Frankreich - Deutschland gehen diese Nationalspieler bis zur Winterpause auf dem Zahnfleisch. Deswegen gehen sie mit 5 Punkten Rückstand in die Rückrunde.

Stattdessen müssen RB Leipzig und Borussia Dortmund in ihren Vorbereitungen deutlich länger auf den einen oder anderen Schlüsselspieler verzichten. Und Dani Olmo darf ja auch noch an der Olympiade teilnehmen, denn die Spanier haben kein Problem ihre Jungstars nach einer Marathonsaison durch 2 Turniere zu jagen. Dafür werden beide Vereine irgendwann die Rechnung bekommen. Und die relativ ausgeruhten Bayern freuen sich dann über den nächsten Meistertitel... aber hey, vielleicht ja 2023...

Donnerstag, 15. Juli 2021

Ein viel zu später "Leider nichts neues" Rant

 Man mag das entschuldigen... aber ich lag 10 Tage am Strand. Ohne Internetempfang. Sonst wäre ich jetzt auch reich...

Denn als wir auf dem Bakenberg das EM Finale sah, sagte ich zu meinem komplett ahnungslosen Urlaubskumpanen: Die verschießen... beide. Setz da jetzt nen Euro drauf...

Jadon Sancho und Marus Rashford lieferten auch. In überzeugender Manier. Und rein zufälligerweise war auch der dritte Fehlschütze dunkelhäutig, deswegen konnten die englischen Fans ihren Frust durch stumpfen Rassismus abbauen, anstatt den eigentlichen Schuldigen ins Visier zu nehmen. Also selbst Boris Johnson und Prinz William sind angewidert...

Der eigentliche Schuldige, welcher die Beleidigungen auf sich ziehen sollte, der aber ungeschoren davon kommt, ist... Gareth Southgate. The fastest way out of the old Wembley. The slowest and still most painfull way out of the new Wembley. Es ändert sich halt nichts.

Aber ganz ehrlich: Wie kann man als Gareth Southgate so zielgerichtet aufs Elfmeterschießen gehen. Wo man doch selber die Erfahrung gemacht hat, wie beschissen es ist, wenn man den entscheidenden Elfmeter verschießt. Da denke ich mir doch nicht: Das tue ich auch meinen Spielern an.

Und England hat halt mit Elfmeterschießen allgemein richtig schlechte Erfahrungen gemacht. Ich war ja auch nur deswegen so überzeugt davon, dass  das nichts wird, weil ich das doch schonmal gesehen habe. Also "Ein englischer Elfmeterspezialist wird nur deswegen eingewechselt und verschießt." Und dabei dachte ich noch nicht mal an Simone Zaza, der 2016 für Italien gegen Deutschland verschoss. Ich dachte an Jamie Carragher, der 2006 gegen Portugal auf genau diesem Weg scheiterte. Southgate hat also aus der eigenen Geschichte genau so viel gelernt, wie Thomas Kämmerich

Ich frage mich ernsthaft, wie man als Trainer an solchen Stellen so ängstlich agieren kann. Und Marcus Rashford hatte ja das Trikot schon fast an und wurde beinahe zur 105. eingewechselt. Also zum perfekten Zeitpunkt: Er kann immer noch was bewegen und das Spiel eventuell vorher entscheiden, aber er hat dann auch schon mehr gemacht als einen halben Zweikampf geführt und ist im Fluss. Gleichzeitig ist er noch nicht so ausgepumpt, dass Konzentrationsschwächen zu einem Fehlschuss führen können. 

Und nur um das mal festzuhalten: Marus Rashford holte immerhin einen Einwurf durch einen Zweikampf heraus und fasste den Ball danach kurz an. Aber Jadon Sanchos hatte um 22 Uhr das letzte Mal einen Ball berührt. Zum Ende der 2. Halbzeit. Da man ja in den Pausen danach keine Zeit mehr hat einen Ball zu nutzen. 2 Stunden und 24 Minuten später muss er dann buchstäblich völlig aus der Kalten zum vielleicht wichtigsten Schuss seiner Karriere antreten. Mit 21 Jahren. Wie man als Trainer seine Spieler in solche Positionen bringen kann, bleibt mir ein Rätsel.

Also ich werfe mal folgende These in den Raum: wenn er in der 115. Minute Raheem Sterling, der ja schon die komplette Verlängerung gegen die Dänen in den Beinen hatte und im Elfmeterschießen nicht eingeplant war, rausnimmt, dann kann die beiden steinalten Bonucci und Chiellini, die ja auch schon eine Verlängerung in den Beinen hatten, richtig fordern. Wenn er richtig mutig ist, nimmt er auch noch Kalvin Phillips raus und bringt einen weiteren offensiv denkenden Spieler. Oder mit Jude Bellingham zumindest einen frischen. 

Dann setzt er auch Roberto Mancini richtig unter Druck: Steht meine routinierte Mannschaft diese Angriffswelle 15 Minuten lang durch, oder muss ich am Ende Chiellini auswechseln? Stattdessen kann auch Mancini bis zur 118. Minute warten, um mit Allesandro Florenzi einen Spieler einzuwechseln, der noch nicht mal beim Elfmeterschießen antritt. Nur um zu erwähnen, dass Mancini auch nicht besser war.
Aber das war abzusehen. Wie der im Halbfinale Enrico Chiesa mit der taktischen Anweisung "Ich wechsle dich gleich aus, lass dir Zeit und positioniere dich mittig, damit es möglichst lange dauert" wieder aufs Feld schickte... Um ihn in der 107. Minute vom Feld zu holen. So was sollte ja verboten werden. Es ist völlig absurd, dass Trainer in solchen Momenten plötzlich jeden Kniff ausnutzen, um an der Uhr zu drehen, aber an allen anderen Stellen großzügig verzichten, wenn es darum geht Einfluss aufs Spiel zu nehmen. 

Wenn Southgate jedenfalls aggressiv und offensiv wechselt, dann sendet er seiner Mannschaft auch das wichtige Signal, dass sie die Angelegenheit vor dem Elfmeterschießen regeln wollen. Das Schlimmste, was ihm passieren kann, ist... das Mancini auch offensiv reagiert, was, wie man am Chiesa Wechsel gesehen hat, unwahrscheinlich ist. Und dann kriegen wir tatsächlich eine offene und interessante Verlängerung. Hinterher wird dann keiner sagen "Ach, hätte der sich doch ins Elfmeterschießen gerettet" sondern es hätte von allen Seiten ein "nach sensationellen Kampf und mit viel Leidenschaft" gegeben.

Um mal den ganz großen Bogen zu schlagen und mein Lieblingsvideo zu verlinken: Was Marcelo Lippi damals gemacht hat, war eine der großartigsten Trainerentscheidungen aller Zeiten. Der dachte sich damals schon "Fuck our National Idendity" und brachte Alberto Gilardino, Vincenzo Iaquinta und Alessandro del Piero 3 frische Stürmer. Damals, als man nur 3 Mal wechseln durfte. Und Del Piero brachte er in der 104. Minute. Dazu ließ der Francesco Totti auf dem Feld, spielte also formell gesehen mit 4 Angreifern gegen den Gastgeber der WM Deutschland.

Denn er hatte genau verstanden: Gegen Deutschland will ich nicht in ein Elfmeterschießen. Und das hat er seiner Mannschaft auch vermittelt. Deswegen war es auch kein Zufall, dass Andrea Pirlo diesen wunderbaren Pass auf Fabio Grosso spielte. Wobei man das ja allgemein sagen kann, Pirlo hat nie einen zufälligen Pass gespielt... 

Aber die Italiener hatten auch in der 115. Minute eine konsequente Strafraumbesetzung bei eigenem Eckball. Und sie hatten genügend frische Stürmer auf dem Feld um einen souveränen Konter zum 0:2 zu fahren. Das war alles kein Zufall, sondern Lippis Meisterleistung.

Trotzdem wurde diese Lektion 15 Jahre später komplett verdrängt. Obwohl sich niemand an ein Spiel erinnern kann, in dem der Trainer die Niederlage mit aggressiven Wechseln in der Verlängerung eingeleitet hat und es das historische Positivbeispiel gibt, haben alle Trainer Angst davor aggressiv zu wechseln... und setzen doch lieber aufs Elfmeterschießen, anstatt wenigstens zu versuchen das Spiel vorher zu entscheiden.

Und das war ja der große Trend dieser Verlängerung. Also selbst die Urkaine ist in Überzahl ja eher zum Siegtor gestolpert, als dass sie es konsequent erzwungen haben. Und auch Andriy Shevchenko wechselte lieber in der 118. um sein Team aufs Elfmeterschießen vorzubereiten, anstatt die Entscheidung zu erzwingen.

Die einzigen, die nach der 100. Minute wirklich konsequent versucht haben ein Tor zu erzielen, waren doch die Spanier und die Kroaten. Das war allgemein die eine wirklich aufregende Verlängerung, aber das Spiel war halt auch vorher schon wahnsinnig genug, da konnte man die Spieler wohl einfach nicht mehr bremsen. 

Aber die 60 Minuten Verlängerung mit England lassen sich doch auf einen eigentlich eher peinlichen, aber erfolgreichen, Versuch einen Elfmeter zu schinden zusammenkürzen. Das war alles, was England in 2 Durchlaufen gemacht hat, um ein Elfmeterschießen zu verhindern. Lustigerweise hat Harry Kane den Elfmeter dann ja auch demonstrativ verschossen, um seinen Coach zu warnen. Der hat das aber einfach ignoriert.
Dieses Vorgehen könnte ich ja noch verstehen, wenn man wie Dänemark oder die Schweiz auch einfach nicht die Tiefe im Kader hat um entsprechend aggressiv zu wechseln. Aber England hatte genügend Offensivpotenzial auf der Bank, Southgate hat sich einfach nicht getraut. 

Und damit dann den dummen Rassisten ihren Zündstoff geliefert. Das ist ja das wirklich traurige an der ganzen Geschichte. Wenn die Kritik sich an den Verantwortlichen richten würde, wäre das ja wenigstens angemessen. Stattdessen muss der Verantwortliche jetzt seine Opfer vor rassistischen Angriffen schützen.

Samstag, 3. Juli 2021

So hätte es gehen können.

Italien ist ja gerade DIE MANNSCHAFT des Turniers. Also es tritt keiner so geschlossen auf. Verteidigt selbst gegnerische Druckphasen kollektiv und emotional weg. Wenn Leitwolf Giorgio Chiellini für 2 Spiele ausfällt, wird der durch Francesco Acerbi ersetzt. Dieser kehrt aber auch ohne zu murren auf die Bank zurück. Nebenbei könnte Gianluigi Donnarumma fast Chiellinis Sohn sein. Trotzdem funktioniert man als geschlossene Gemeinschaft. Oh und der Trainer hat all seinen Spielern Einsatzzeit gegeben, weil er selber aus der Egoperspektive weiß, wie es ist, wenn man als einziger nicht spielt.

Und jetzt kommt der Trigger: Italiens letztes Turnier war ein grausamer Tiefpunkt. Also nicht mal das Turnier an sich, sondern die Qualifikation, in der man bereits scheiterte. Man kommt aus einem tieferen Tal, als die Deutschen, aber man hat sich aus diesen herausgearbeitet und kommt zumindest wieder verdammt stark zurück... Mit einer historischen zu 0 Serie. Natürlich habe ich erst vor paar Tagen vorgeführt, dass man diese Serie nicht überbewerten sollte, denn wenn man auf vernünftige Gegner spielt, kommen die ja durchaus zu Chancen und Toren. Aber sie zeigt, wie seriös und geschlossen die Italiener schon die Vorbereitung auf dieses Turnier angegangen sind.

Und was haben die Italiener nach ihrem Vor-Vorrundenaus gemacht? Den Trainer gewechselt. Giampero Ventura durch Roberto Mancini ersetzt. 

Anders ausgedrückt: Wann immer ihr die Italiener bestaunt, vergesst eins nicht: "Das" hätten "wir" sein können, wenn man nach 2018 die einzige logische und konsequente Entscheidung getroffen hätte. Wenn beim DFB keine selbstherrlichen Sonnen-Vize-Könige hätte, sondern Führungspersönlichkeiten hätte. Wenn man nach der WM den einzigen verantwortlichen in den wohlverdienten Ruhestand geschickt hätte.

Aber Entscheidungen Treffen vermeidet man als DFB lieber. Solange der Trainer nicht von selbst geht, passiert da nichts. 

Lustigerweise ist der personelle Umbruch bei den Italienern ja beinah ausgeblieben. Also Chiellini, Bonucci, Jorgihno und Immobile standen schon bei der Blamage in der Startelf. Donnaruma und Insigne saßen schon auf der Bank. Auferstanden aus Ruinen. Aber es hat halt anscheinend schon gereicht, dass die Alten Säcke nicht mehr nur aus Gewohnheit und alter Verbundenheit zum Trainer noch da sind, sondern weil sie immer noch gut sind.

Oder wir erleben einen Dead Coach Bounce auf Nationalmannschaftsebene. Aber anscheinend hat es ja gereicht den Trainer auszutauschen, um neue Euphorie zu entfachen. Oder einfach nur den schlechten Trainer vorher abzulösen. Wer hätte das gedacht.

Kommt natürlich noch die eine Schlüsselszene im Spiel: Immobiles Blitzheilung. Wenig überraschend muss Zeiglers Wunderbare Welt des Fußballs direkt danach mit einem "spart euch Beleidigungen und Beschimpfungen" reagieren. Weil der gemeine Fußballfan natürlich glaubt, dass nur die unfair agierenden Italiener so was versuchen würden. Denn echte Bundesligaprofis würden da ja stehen bleiben und nie einen Elfmeter schinden wollen. Es gibt halt nur einen richtigen Satz für alle, die sich über solche Szenen aufregen: Dann guck doch Frauenfußball

Kommen wir noch kurz zu den Engländern. Und den einen Geheimtipp fürs Tippspiel. Natürlich ohne Gewähr. Aber nach dem ersten Sieg über Deutschland in Wembley seit 1975 wäre ein spontanes Ausscheiden gegen die Ukraine "the most England thing to do..."