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Donnerstag, 8. Dezember 2022

Warum von Gareth Southgate lernen

 Wenn man denselben Fehler doch auch begehen kann? Es ist viel sinnvoller, diese Schmerzen und Verzweiflung selber auf der Bank zu erfahren! Das muss man als Trainer doch mal durchgemacht haben!

Das ungefähr muss sich Luis Enrique gedacht haben, als er Spanien ganz souverän ins Elfmeterschießen gecoacht hat. 

Klar, es hat nicht nur der extra eingewechselte Pablo Sarabia verschossen, sondern alle anderen auch. Und Badr Banoun, womit die letzten 4 (VIER!) Spieler, die nur fürs Elfmeterschießen eingewechselt wurden, allesamt verschossen haben. Also falls der mittlerweile eingeführte Experte das nächste Mal gefragt wird, ob er diesen Wechsel mag, kann er mit dieser Statistik prahlen. Und man kann allen Trainern einfach mal mitteilen, dass sie das lassen sollten. Am besten in dem man diejenigen, die so was machen, einfach entlässt.

Die Lage für Marokko war halt eine ganz andere. Die sind halt der krasse Außenseiter und da ist es legitim, wenn man sich irgendwie ins Elfmeterschießen retten will. Das macht mal halt am besten, in dem man so viel wie möglich an der Uhr dreht und den Spielfluss unterbricht. Aber als haushoher Favorit? Und man hatte mit eben Sarabia ja noch einen Stürmer, den man bringen konnte.

Dazu kam ja, dass das offensichtliche Problem gerade nach der Einwechslung von Nico Williams die Besetzung im Strafraum war. Denn wenn der sich auf den Außen im 1 gegen 1 durchsetzen konnte, hatte er einen einzigen Zielspieler im Sechzehner. So machte man es den Tunesiern relativ leicht, die entscheidenden Situationen zu verteidigen. Am Ende hatte Spanien sogar Glück, denn die besseren Chancen in der Verlängerung hatten die Nordafrikaner. Aber letztendlich fehlte Luis Enrique der Mut um einen Mittelfeldspieler für einen weiteren Angreifer zu opfern. 

Nebenbei haben Japan und Kroatien anscheinend nachgewiesen, dass andere Trainer dies verstanden haben. Dort wurden die letzten Auswechslungen in der letzten Pause vorgenommen. Kroatien wechselte sogar doppelt... nur damit Marko Livaja ebenfalls verschießt. 

Also klar, die eingewechselten Spieler hatten nur bedingt einen positiven Einfluss auf das Geschehen. Wenigstens haben die Trainer dort alles versucht, um ein Elfmeterschießen zu verhindern. Das wäre alles nicht so traurig, hätte man bei den letzten beiden Turnieren nicht genau sehen können, wie das am Ende ausgeht. Also bei der einen Europameisterschaft negativ, bei der anderen positiv.

Aber um das zu begreifen, hätte man ja ernsthaft die Europameisterschaft der Frauen sehen und sich dann fragen müssen "Was kann ich für mich aus diesem Turnier lernen?" Das kann man doch von keinem Mann erwarten. Guckt mal, am Ende habe ich doch noch einen richtigen politischen Ansatz gefunden, der diesen Beitrag rechtfertigt...

Donnerstag, 15. Juli 2021

Ein viel zu später "Leider nichts neues" Rant

 Man mag das entschuldigen... aber ich lag 10 Tage am Strand. Ohne Internetempfang. Sonst wäre ich jetzt auch reich...

Denn als wir auf dem Bakenberg das EM Finale sah, sagte ich zu meinem komplett ahnungslosen Urlaubskumpanen: Die verschießen... beide. Setz da jetzt nen Euro drauf...

Jadon Sancho und Marus Rashford lieferten auch. In überzeugender Manier. Und rein zufälligerweise war auch der dritte Fehlschütze dunkelhäutig, deswegen konnten die englischen Fans ihren Frust durch stumpfen Rassismus abbauen, anstatt den eigentlichen Schuldigen ins Visier zu nehmen. Also selbst Boris Johnson und Prinz William sind angewidert...

Der eigentliche Schuldige, welcher die Beleidigungen auf sich ziehen sollte, der aber ungeschoren davon kommt, ist... Gareth Southgate. The fastest way out of the old Wembley. The slowest and still most painfull way out of the new Wembley. Es ändert sich halt nichts.

Aber ganz ehrlich: Wie kann man als Gareth Southgate so zielgerichtet aufs Elfmeterschießen gehen. Wo man doch selber die Erfahrung gemacht hat, wie beschissen es ist, wenn man den entscheidenden Elfmeter verschießt. Da denke ich mir doch nicht: Das tue ich auch meinen Spielern an.

Und England hat halt mit Elfmeterschießen allgemein richtig schlechte Erfahrungen gemacht. Ich war ja auch nur deswegen so überzeugt davon, dass  das nichts wird, weil ich das doch schonmal gesehen habe. Also "Ein englischer Elfmeterspezialist wird nur deswegen eingewechselt und verschießt." Und dabei dachte ich noch nicht mal an Simone Zaza, der 2016 für Italien gegen Deutschland verschoss. Ich dachte an Jamie Carragher, der 2006 gegen Portugal auf genau diesem Weg scheiterte. Southgate hat also aus der eigenen Geschichte genau so viel gelernt, wie Thomas Kämmerich

Ich frage mich ernsthaft, wie man als Trainer an solchen Stellen so ängstlich agieren kann. Und Marcus Rashford hatte ja das Trikot schon fast an und wurde beinahe zur 105. eingewechselt. Also zum perfekten Zeitpunkt: Er kann immer noch was bewegen und das Spiel eventuell vorher entscheiden, aber er hat dann auch schon mehr gemacht als einen halben Zweikampf geführt und ist im Fluss. Gleichzeitig ist er noch nicht so ausgepumpt, dass Konzentrationsschwächen zu einem Fehlschuss führen können. 

Und nur um das mal festzuhalten: Marus Rashford holte immerhin einen Einwurf durch einen Zweikampf heraus und fasste den Ball danach kurz an. Aber Jadon Sanchos hatte um 22 Uhr das letzte Mal einen Ball berührt. Zum Ende der 2. Halbzeit. Da man ja in den Pausen danach keine Zeit mehr hat einen Ball zu nutzen. 2 Stunden und 24 Minuten später muss er dann buchstäblich völlig aus der Kalten zum vielleicht wichtigsten Schuss seiner Karriere antreten. Mit 21 Jahren. Wie man als Trainer seine Spieler in solche Positionen bringen kann, bleibt mir ein Rätsel.

Also ich werfe mal folgende These in den Raum: wenn er in der 115. Minute Raheem Sterling, der ja schon die komplette Verlängerung gegen die Dänen in den Beinen hatte und im Elfmeterschießen nicht eingeplant war, rausnimmt, dann kann die beiden steinalten Bonucci und Chiellini, die ja auch schon eine Verlängerung in den Beinen hatten, richtig fordern. Wenn er richtig mutig ist, nimmt er auch noch Kalvin Phillips raus und bringt einen weiteren offensiv denkenden Spieler. Oder mit Jude Bellingham zumindest einen frischen. 

Dann setzt er auch Roberto Mancini richtig unter Druck: Steht meine routinierte Mannschaft diese Angriffswelle 15 Minuten lang durch, oder muss ich am Ende Chiellini auswechseln? Stattdessen kann auch Mancini bis zur 118. Minute warten, um mit Allesandro Florenzi einen Spieler einzuwechseln, der noch nicht mal beim Elfmeterschießen antritt. Nur um zu erwähnen, dass Mancini auch nicht besser war.
Aber das war abzusehen. Wie der im Halbfinale Enrico Chiesa mit der taktischen Anweisung "Ich wechsle dich gleich aus, lass dir Zeit und positioniere dich mittig, damit es möglichst lange dauert" wieder aufs Feld schickte... Um ihn in der 107. Minute vom Feld zu holen. So was sollte ja verboten werden. Es ist völlig absurd, dass Trainer in solchen Momenten plötzlich jeden Kniff ausnutzen, um an der Uhr zu drehen, aber an allen anderen Stellen großzügig verzichten, wenn es darum geht Einfluss aufs Spiel zu nehmen. 

Wenn Southgate jedenfalls aggressiv und offensiv wechselt, dann sendet er seiner Mannschaft auch das wichtige Signal, dass sie die Angelegenheit vor dem Elfmeterschießen regeln wollen. Das Schlimmste, was ihm passieren kann, ist... das Mancini auch offensiv reagiert, was, wie man am Chiesa Wechsel gesehen hat, unwahrscheinlich ist. Und dann kriegen wir tatsächlich eine offene und interessante Verlängerung. Hinterher wird dann keiner sagen "Ach, hätte der sich doch ins Elfmeterschießen gerettet" sondern es hätte von allen Seiten ein "nach sensationellen Kampf und mit viel Leidenschaft" gegeben.

Um mal den ganz großen Bogen zu schlagen und mein Lieblingsvideo zu verlinken: Was Marcelo Lippi damals gemacht hat, war eine der großartigsten Trainerentscheidungen aller Zeiten. Der dachte sich damals schon "Fuck our National Idendity" und brachte Alberto Gilardino, Vincenzo Iaquinta und Alessandro del Piero 3 frische Stürmer. Damals, als man nur 3 Mal wechseln durfte. Und Del Piero brachte er in der 104. Minute. Dazu ließ der Francesco Totti auf dem Feld, spielte also formell gesehen mit 4 Angreifern gegen den Gastgeber der WM Deutschland.

Denn er hatte genau verstanden: Gegen Deutschland will ich nicht in ein Elfmeterschießen. Und das hat er seiner Mannschaft auch vermittelt. Deswegen war es auch kein Zufall, dass Andrea Pirlo diesen wunderbaren Pass auf Fabio Grosso spielte. Wobei man das ja allgemein sagen kann, Pirlo hat nie einen zufälligen Pass gespielt... 

Aber die Italiener hatten auch in der 115. Minute eine konsequente Strafraumbesetzung bei eigenem Eckball. Und sie hatten genügend frische Stürmer auf dem Feld um einen souveränen Konter zum 0:2 zu fahren. Das war alles kein Zufall, sondern Lippis Meisterleistung.

Trotzdem wurde diese Lektion 15 Jahre später komplett verdrängt. Obwohl sich niemand an ein Spiel erinnern kann, in dem der Trainer die Niederlage mit aggressiven Wechseln in der Verlängerung eingeleitet hat und es das historische Positivbeispiel gibt, haben alle Trainer Angst davor aggressiv zu wechseln... und setzen doch lieber aufs Elfmeterschießen, anstatt wenigstens zu versuchen das Spiel vorher zu entscheiden.

Und das war ja der große Trend dieser Verlängerung. Also selbst die Urkaine ist in Überzahl ja eher zum Siegtor gestolpert, als dass sie es konsequent erzwungen haben. Und auch Andriy Shevchenko wechselte lieber in der 118. um sein Team aufs Elfmeterschießen vorzubereiten, anstatt die Entscheidung zu erzwingen.

Die einzigen, die nach der 100. Minute wirklich konsequent versucht haben ein Tor zu erzielen, waren doch die Spanier und die Kroaten. Das war allgemein die eine wirklich aufregende Verlängerung, aber das Spiel war halt auch vorher schon wahnsinnig genug, da konnte man die Spieler wohl einfach nicht mehr bremsen. 

Aber die 60 Minuten Verlängerung mit England lassen sich doch auf einen eigentlich eher peinlichen, aber erfolgreichen, Versuch einen Elfmeter zu schinden zusammenkürzen. Das war alles, was England in 2 Durchlaufen gemacht hat, um ein Elfmeterschießen zu verhindern. Lustigerweise hat Harry Kane den Elfmeter dann ja auch demonstrativ verschossen, um seinen Coach zu warnen. Der hat das aber einfach ignoriert.
Dieses Vorgehen könnte ich ja noch verstehen, wenn man wie Dänemark oder die Schweiz auch einfach nicht die Tiefe im Kader hat um entsprechend aggressiv zu wechseln. Aber England hatte genügend Offensivpotenzial auf der Bank, Southgate hat sich einfach nicht getraut. 

Und damit dann den dummen Rassisten ihren Zündstoff geliefert. Das ist ja das wirklich traurige an der ganzen Geschichte. Wenn die Kritik sich an den Verantwortlichen richten würde, wäre das ja wenigstens angemessen. Stattdessen muss der Verantwortliche jetzt seine Opfer vor rassistischen Angriffen schützen.

Dienstag, 19. Juli 2011

Die Finalen Highlights dieses Fußballsommers

Falls es noch irgendeinen Beweis brauchte, dass die Turniere, die diesen Sommer ausgetragen werden, fürn Arsch sind...
Sonntag abend gegen 11 gab es quasi direkt hintereinander 2 Elfmeterschießen auf zumindest theoretisch allerhöchstem Niveau. Den Anfang machten die Frauen beim WM Finale in Frankfurt.


und falls es noch irgendwelche Zweifel am Frauenfußball gab, dieses Elfmeterschießen hat sie wahrscheinlich beseitigt. Die Amerikanerin brauchten erstmal 2 Versuche um halbwegs rauszukriegen, wie das mit dem Elfmeterschießen eigentlich läuft. Und das, obwohl die Torhüterinen wohl (und das wird gerade beim Elfmeterschießen immer wieder deutlich) die schwächste Position im Frauenfußball sind (Total sinnlose Statistik: Eine Einzige Torhüterin hat einen Notenschnitt, der mit 2, beginnt, und das auch nur, weil sie im Finale 2 Elfmeter gehalten hat... und normaler Weise kommen bei den Kickernoten Torhüter im großen und ganzen besser weg...)
Aber direkt auf das Elfmeterschießen der Frauen folgte ja die Copa America mit den Brasilianern... und die haben es sich anscheinend bei dieser Copa zum Ziel gesetzt, aktiv Werbung für den Frauenfußball zu betreiben. Denn im Vergleich zu den Brasilianern bei der Copa (Argentinien hat sich dem Konzept nebenbei auch angeschlossen) war die Frauenfußball-WM richtig unterhaltsam. Und auch das Elfmeterschießen der Damen stellten die Brasilianer in den Schatten:

Ja, ihr seht richtig, Paraguay gewinnt dieses Elfmeterschießen mit 2:0. Der insgesamt 3. Elfmeter ist der erste, der überhaupt aufs Tor kommt. Und wer jetzt behauptet, Brasilien wäre an Justo Villar gescheitert... wenn die Paraguayer das Elfmeterschießen einfach ohne Torwart bestritten hätten... wären sie immernoch als 2:1 Sieger vom Platz gegangen.
Nur mal so unter uns: Das Elfmeterschießen wurde quasi schon 1996 gelöst. Selbst die Engländer hatten den Dreh damals eigentlich raus: 11 quasi unhaltbar geschossenen Elfmeter und Garreth Southgate, der die Arschkarte zieht. Ein schwacher Elfmeter reichte, um rauszufliegen... am letzten Sonntag hätte ein gut geschossener Elfmeter gerreicht um weiterzukommen...