Dienstag, 30. Juli 2019

Die pessimistische Saisonvorschau: War es das wirklich wert, Union?

Oder ist das alles gar nicht so neu.

Union Berlin ist jetzt ja das neuste Mitglied "unserer Bundesligafamilie"... und lasst es mich mal so sagen: Der Verein ist etwas seltsam.

Zunächst mal ist er einer dieser absurden Relikte aus der DDR, wo der Staat Ende der 60er Jahre die Sportlandkarte neu sortierte um für eine bessere Abdeckung zu sorgen... und dann die Spieler entsprechend verteilte. Das wäre, als würde Horst Seehofer morgen bestimmen, dass Fortuna Düsseldorf ab sofort in Rostock antreten muss, weil es da doch einen dramatischen leeren Fleck auf der DFL-Landkarte gibt... Und dann noch 5 brauchbare Spieler der Konkurrenz nach Rostock delegiert, damit der neue Verein auch eine Chance hat... Heutzutage ist das unvorstellbar, dass so etwas in Rostock passieren würde... Seehofer würde Düsseldorf natürlich nach Rosenheim verlegen...

Und Union wurde damals gegründet, weil sie die mächtigen im Arbeiter und Bauernstaat dachten, dass die Arbeiter ja auch einen Verein kriegen könnten. Absurd, ich weiß.

Aber damit wurde auch schon frühzeitig die eigentliche Rolle der Unioner begründet: Als Gegenspieler zum Stasi-Klub (und deswegen Rekordmeister) BFC Dynamo und damit bei der breiten Masse übermäßig (im Verhältnis zu den sportlichen Leistungen) beliebt. Daraus wurde dann später das Gegenstück zur Hertha als Verein im Herzen der Stadt.

Union ist nicht der klassische "X-Mal Meister" Ostklub. Man gewann lediglich ein Mal den Pokal und kämpfte häufiger gegen den Abstieg als von höheren Trauben zu träumen. Oh und es ist faszinierend, wie oft Union in der Relegation scheiterte. Die wurden damals "Die Unaufsteigbaren" genannt.

Und nach der Wende... war man praktisch tot. Mehrere Jahre in Folge bekam man keine Lizenz für die Profiligen. Was jetzt nebenbei die "Ist das alles nur ein Mythos" Frage in den Raum wirft... Denn im Endeffekt wurde Union von Kinowelt, also dem Investor im Ostfußball zur Jahrtausendwende und einem fragwürdigen Sponsorendeal gerettet. Letzterer ist aus dem Jahr 2014... vielleicht ist das Image des Vereins wirklich nur ein Mythos.

Aber gerade als Zweitligist konnte man dieses Image auch gut pflegen. Man hatte die Art Fanbasis, die einem in der Freizeit das Stadion renovieren. Und die dann während der WM ihr Stadion in das größte Wohnzimmer des Landes verwandelten. Frei nach dem Motto: Ich hab das Ding hier gebaut, ich darf auch meine Couch hier aufstellen. (Das wirklich faszinierende an den Bildern sind ja die leeren Couchs... Anscheinend wissen die Unioner, wem welche gehört und dass es sich nicht gehört sich auf fremde Wohnzimmermöbel zu setzen...)
Dazu kommen Aktionen wie "Bluten für Union" und das jährliche Weihnachtssingen, welches angeblich in Berlin erfunden worden ist.

Union Berlin hat sich schon als Ostdeutsche Alternative zum FC St.Pauli etabliert. Als kleines Kulturgut für all diejenigen, die den Fußball noch in seiner ursprünglichen Form und jenseits des Turbokapitalismus genießen wollen. Und die dies jetzt überraschender Weise in der Bundesliga machen dürfen.

Aber gleichzeitig hat man einen Präsidenten, der während des größten Erfolges der Vereinsgeschichte die Angst verbreitet, dass sich Union von der Landkarte verschwinden könnte, wenn man sich nicht für Investoren öffnet.
Wenn es sich bei dem alternativen Bild des Vereines um mehr als nur einen Mythos handelt, sollte sich diese Frage nicht stellen. Denn dann werden die Fans dafür sorgen, dass der Verein immer präsent bleibt. Und genau genommen verschwindet der Verein, also zumindest das, was ihn besonders macht, von der Landkarte, wenn man sich Investoren öffnet.

Andererseits... ist das halt auch alles nicht so neu. Dirk Zingler ist seit 15 Jahren Präsident in dem Verein. Und Union ist eben kein Überraschungsaufsteiger, sondern spielt seit Jahren oben mit, sie haben es dieses Jahr nur geschafft die Saison auch zu Ende zu spielen. Wobei das auch falsch ist, der Hamburger SV hat es geschafft sich im Saisonfinale noch unfähiger zu präsentieren... (Keine Pessimistische Saisonvorschau ohne HSV Referenz!!!)

Union hat es geschafft, 8 Jahre in Folge in der oberen Tabellenhälfte zu stehen. Das klingt nicht nach viel, bis einem bewusst wird, dass kein anderer Verein dies auch nur 5 Jahre in Folge geschafft hat. Was ja auch Sinn ergibt, denn wenn man in der 2. Liga gut abschneidet, aber nicht aufsteigt, steigen die besten Spieler eben trotzdem auf und man selber kann diesen Qualitätsverlust als normaler Zweitligist einfach nicht kompensieren. Deswegen spielt zum Beispiel St.Pauli gefühlt immer im Wechsel um den Auf- und Abstieg. Union hat es geschafft konstant und fast ohne jegliche Rückschläge zu wachsen, was dafür spricht, dass sie schon seit Jahren außergewöhnliche (für einen Zweitligisten) Möglichkeiten haben.

Die Fieberkurve der Unioner ist dabei extrem spannend: Denn seit dem absoluten Tiefschlag des doppelten Abstieges in die drittklassige Regionallige 2005 gab es ganze 2 Jahre, in denen man seine Vorjahresposition nicht verbesserte: 20013/14 wurde man "nur 9." in der 2. Liga, 2017/18 "nur 8.". An sonsten ging es immer nach oben. Die logische Konsequenz muss dann irgendwann ein Aufstieg sein.

Union war eben nie nur dieser sympathische, aber emotionale, Kultklub. Es war immer auch ein ständig wachsendes Projekt. Es war nie der Verein, der davon geträumt hat mal 1-2 Jahre in der höchsten Liga zu spielen, dem es aber wichtiger ist, seine Identität zu wahren, sondern es ist ein Verein, dessen eindeutiges Ziel es ist, sich in der Bundesliga zu etablieren... koste es, was es wolle...

Dass man sich dafür dann mit Aroundtown zusammenschließt... nun ja, verdeutlicht dies halt nur. Es gibt wahrscheinlich wenig, womit der gemeine "Schlosserjunge" in Berlin so hart zu kämpfen hat, wie mit seinen steigenden Mieten. Und jetzt packen sich "Die Schlosserjungs" einen der Konzerne, der dies mitzuverantworten hat, auf die Brust. Das ist, als würde Hoffenheim mit Windows auf dem Trikot werben... Der Zyniker in mir findet das wunderbar... Der wohnt aber auch nicht in Berlin...

Ist das jetzt schlimm? Nun, das ist eine Frage, die wir nicht beantworten können. Also Fußballdeutschland schadet es nicht, wenn man einen kompetent geführten und ständig wachsenden Klub in der Hauptstadt hat. Und die Stadt Berlin ist auch groß genug für 2 derartige Bundesligisten, falls Hertha das auch noch mal wird, muss es trotzdem nicht zu eng werden... Einzig die Union Fans, die damals das Stadion renoviert haben, müssen sich irgendwann fragen, ob sie das wirklich gewollt haben... selbst wenn "das" dem Verein als ganzes auf keinen Fall schadet.

Um dann mal eine finstere Prognose abzuliefern: Wie lange wird es dauern, bis die Union-Ultras sich den Anhang von Hannover 96 zum Vorbild nehmen und gegen all das protestieren, was ihnen den wesentlich besseren Fußball, den sie zu sehen bekommen, ermöglicht hat?

Montag, 29. Juli 2019

Die Pessimistische Saisonvorschau 2019/20 Teil 1: Wer soll denn dieses Jahr absteigen

Und ja, ich habe mich auch vermisst. Wo das erwähnt ist: Back to Buisness:

Wenn ich mir derzeit die Saisonvorschau auf die neue Bundesliga Saison angucke, fällt mir vor allem eines auf: Alle sind so gnadenlos optimistisch, dass diese Saison alles großartig wird... ok, alle außer Schalke, deren Kicker Sonderheft Artikel mit der "Sorgen um Morgen" Überschrift kommt und sich hauptsächlich darum dreht, dass eben nicht alles spontan besser werden muss... was auch nur bedeutet, dass Schalke die Mannschaft wird, die sich am meisten verbessert...

Logisch gesehen ergibt das ja auch alles Sinn. Also die Vereine wollen sich natürlich einreden, dass sie auf dem richtigen Weg sind und die Medien leben davon uns einzureden, dass die Saison spannend und aufregend wird. Da hier aber immer gegen den Trend geschwommen wird, machen wir einfach mal das Gegenteil und stellen die schlechteren Szenarien für einzelne Vereine und vor allem das große Ganze da. Und da beginnen wird einfach mal...

Mit der eigentlich optimistischsten These: Jeder kann dieses Jahr die Klasse halten. Also sogar ein eigentlich mittelmäßiger Zweitligist, denn davon haben wir diese Saison mehr als genug. Fragt euch einfach mal selbst, wie viele selbsternannte "erste Absteiger" wir dieses Jahr haben... Ok, offiziell nur Paderborn und Fortuna Düsseldorf. Die beiden Mannschaften, die am meisten nach Zweitligist riechen.

Wie "schlimm" ist die Lage in Paderborn? Nun ja, sie fingen direkt nach dem Aufstieg an auseinander zu brechen. Sportvorsten Markus Krösche ist dabei zwar der bekannteste, aber bei weitem nicht der schlimmste Name. Dass Philipp Klement beim Absteiger VfB Stuttgart eine bessere Berufsperspektive sieht als bei der Mannschaft, mit der er als unumstrittener Stammspieler aufgestiegen ist... Wenn er zu einem Bundesligisten gewechselt wäre, wie Bernard Tekpetey... auch wenn der nur von einem sicheren Absteiger zum nächsten gewechselt ist... Immerhin hat Schalke dafür Geld bekommen.
Wie absurd ist der Paderborner Kader? Nun ja, laut Kicker-Sonderheft kommt er insgesamt auf 95 Bundesligaspieler (verteilt auf 6 Spieler) und 4 Tore... und kostete 0,555 Millionen Ablöse... irgendwie macht sich bei mir das Gefühl breit, dass die Kader des Hamburger SVs und des 1.FC Kölns aus der Saison 1963/64 mehr Bundesligaerfahrung besaßen als diese Paderborner. Auf jeden Fall hatten sie nach 2 Spieltagen mehr Tore erzielt...

Aber da die Paderborner einen progressiven Spielstil anstreben... werden sie entweder katastrophal scheitern oder die rein destruktive Konkurrenz so weit überrascht, dass sie souverän 10. werden.

Fortuna Düsseldorf steht eigentlich vor dem sicheren Einbruch. Also die Mannschaften, die im ersten Jahr überraschend 10. werden, brechen danach immer ein. Vor allem weil die Starspiele wieder Dodi Lukebakio und Benito Raman ihren gesteigerten Marktwert nutzen um woanders mehr Geld zu verdienen. Also das, was Klement eigentlich dieses Jahr hätte machen sollen.
Der offensichtlichste Vergleichswert sind die 2 Jahre von Ingolstadt in der Bundesliga. Dass die Fortuna abstürzt und einbricht ist wahrscheinlicher als eine Wiederholung eines Mittelfeldplatzes. Wesentlich wahrscheinlicher.

Dazu kommen dann die 2 weiteren Aufsteiger, die ja auch immer irgendwie als Abstiegskandidaten geführt werden müssen. Die Kölner haben das strukturelle Problem, dass es in ihrer Kicker-Saisonvorschau erst im 6. Textblock um die Neuzugänge geht... und dann auch nur kurz, man kehrt sehr schnell zu den Problemen auf der Führungsetage um Armin Veh und Toni Schumacher zurück. Dazu kommt der Fakt, dass man es geschafft hat als souveräner Aufsteiger seinen Trainer während der Saison zu entlassen. Als Tabellenführer. Ob Markus Anfang jetzt der richtige für die Bundesliga gewesen wäre, ist dabei eine hypothetische Frage. Aber man wäre auch mit ihm aufgestiegen. Und wenn man es nicht mal schafft eine Saison als Tabellenführer in der 2. Liga souverän über die Runden zu bringen, sondern kollektiv in Panik verfällt.
Wie die Saison der Kölner am Ende verlaufen wird, wird wie immer neben dem Platz entschieden. Aber auch deswegen sind sie immer ein Kandidat für einen spontanen Abstieg.

Und Union Berlin... wird wahrscheinlich seine eigene Vorschau brauchen, mal gucken. Auf dem Papier haben sie sich, gerade für einen Bundesliganeuling, überraschend gut verstärkt und sich erstaunlich viel Erfahrung geholt. Das Problem daran ist: Sie haben sich hauptsächlich Erfahrung im Abstiegskampf geholt. Also Christian Gentner und Anthony Ujah sind halt die Form von Stammspielern, mit denen man unten rein rutscht, und die dann hinterher tolle Führungsspieler Interviews geben können. Und Neven Subotic... also genau genommen war es eine der größten Auszeichnungen für den jungen Matts Hummels, dass der Subotic brillant aussehen lies... seit dem er nicht mehr neben dem Weltmeister spielen darf, sieht es aber eher dürftig aus.
Für Union sind das schon alles tolle Transfers. Die den einen oder anderen erfahreneren Trainer ins Grübeln bringen, wie sich die Berliner das eigentlich leisten können... Aber ich habe eher das Gefühl, dass sie sich Veteranen über ihren Zenit geholt haben und dafür könnten sie dann teuer bezahlen müssen. Also in einem Normalen Abstiegskampf.

Dann... kommen auch schon die Augsburger, die sich mit einer 1:8 Klatsche aus der Vorsaison verabschiedet haben. Solche Niederlagen zum Saisonausstand gönnt sich nur die Hertha in wirklicher Regelmäßigkeit. Bei allen anderen Mannschaften sind das Symptome für größere Probleme, die man auch mal in Ruhe analysieren müsste.
Ich muss da ja, weil ich die unnützen Daten, die ich mir merke, ja mal irgendwo anbringen muss, an die letzte Gute Bundesligasaison des Karlsruher SCs denken, die sich 2008 mit einem 0:7 gegen den Hamburger SV in die Sommerpause verabschiedeten... Und im Jahr darauf direkt abstiegen...
Und der Kader wirkt jetzt schwächer als in der Vorsaison, wo es auch nur gerade so reichte, obwohl der eine oder andere Abgang wie Max oder Gregoritsch noch kommen könnte. Aber man kann ja erfolgreich darauf setzen, dass die Konkurrenz noch schwächer geworden ist.

Dazu kommen dann halt Mannschaften wie Mainz und Freiburg, bei denen ein Abstieg immer mal passieren kann. Also die wollen zur Top 20 des Landes gehören und regelmäßig Bundesliga spielen, was bei ihren Möglichkeiten auch durchaus realistisch ist. Aber dieses Jahr ist die Konkurrenzsituation so, dass ein Abstieg einer dieser beiden Mannschaften eine herbe Endtäuschung wäre, weil es halt 4 oder 5 Mannschaften gibt, die eine deutlich schlechtere Ausgangsposition haben. Dazu kommt der eine Überraschungsgast im Abstiegskampf, der immer unerwartet mit unten rein rutscht. Und wenn man diese Ausgangssituation erreicht, muss in dieser Liga einiges falsch gelaufen sein.

Natürlich wird das niemanden auffallen, weil das relative Niveau (oder der Mangel dessen) immer noch zu einem spannenden Abstiegskampf führen kann. Aber wenn, was uns ja am anderen Ende alle einreden wollen, die Liga in der Spitze wirklich besser geworden ist, wird es jede Menge einseitige Spiele mit eindeutigen Ergebnissen geben. Was die Fans von Bayer Leverkusen begeistern wird, allerdings... nun ja... sind das halt nicht sooo viele...

Um mal mit so einer provokanten These aufzuhören: Der SC Paderborn beendete seine "beste" (weil einzige) Bundesligasaison mit 31 Punkten. Die werden dieses Jahr nicht mehr Punkte holen, aber tabellarisch besser abschneiden...

Montag, 1. Juli 2019

In anderen sensastionellen Nachrichten dieses Sommers

In Afrika ist es gerade heiß.

Also so richtig "es ist ungesund da Sport zu treiben" heiß. Hätte uns doch jemand gewarnt.

Um mal kurz die Logik der Europäer festzuhalten: Die haben erst festgestellt, dass es in Katar im Sommer zu heiß ist und das man die Stadien entweder mit riesigen Klimaanlagen ausstatten muss... oder die WM auf Weihnachten verlegen. Am Ende scheint man sich für letzteres entschieden zu haben.

Was nebenbei auch... also bei allen Argumenten gegen die WM in Katar ist das Klima das letzte, was man anbringen kann. Da sollte man eher ein Mal in seinem Leben kompromissbereit sein und sich eine WM zu Weihnachten gönnen... und eine extrem lange Winterpause, auch wenn das am definitiv komisch wird. Dafür darf dann ein Gebiet, welches bisher immer bei WM Vergaben außen vor war, dieses Volksfest mal vor Ort feiern. Es wäre natürlich schön, wenn das ohne Korruption und moderner Sklaverei funktionieren würde, aber die "Wir vergeben die WM in eine Gegend, in der es so was noch nie gab" Logik ist durchaus funktional.

Nebenbei finde ich auch das "Dann müssen wir unseren gesamten Jahresplan umstellen, das wird Wahnsinn" Argument... nun ja, wahnsinnig. Steht irgendwo geschrieben, dass eine WM nach dem Champions League Finale ausgetragen werden muss?  (Fun Fact: Bei der Copa Libertadores ist es vollkommen selbstverständlich, dass der Wettbewerb durch eine WM oder ein Kontinentalturnier unterbrochen wird...) Klar, wir haben uns daran gewöhnt, aber vernünftig wäre es in einer Ausnahmesaison die WM in Winterpause auszutragen und danach dann die Saison wieder aufzunehmen. Das wird ungewohnt, aber es ist machbar. Das schlimmste Ergebnis könnte sein, dass die WM Stars erst ein Halbes Jahr nach der WM den Verein wechseln... was für eine Katastrophe das doch wäre, die Oligachen der Welt brauchen ihre neuen Spielzeuge doch sofort und nicht erst nach 5 Monaten Lieferzeit...

Dass man aber im Sommer in solchen Regionen keine großen Turniere stattfinden lassen sollte, war allen irgendwie bewusst. Trotzdem haben die europäischen Spitzenvereine jetzt durchgedrückt, dass der Africa Cup im Sommer ausgetragen wird, damit man nicht im Winter auf seine Stars verzichten muss. Die könnten im schlimmsten Fall im Champions League Achtelfinal-Hinspiel fehlen! Das geht ja mal gar nicht.

Und natürlich standen auch gerade die nicht so großen Stars vor der Frage "Soll ich jetzt mitten in der Saison meinen Stammplatz riskieren, weil ich an einem Kontinentalturnier teilnehme, während in England die Saison weiter läuft?"

Aber all diese Legionäre sind halt in jüngsten Jahren nach Europa und sportliche Spitzenleistungen unter derartigen klimatischen Bedingungen einfach nicht mehr gewöhnt. Und das ist dann auch irgendwie gefährlich. Vor allem, weil das ja keine Freundschaftsspiele sind.

Und klar, auch in Europa haben wir gerade Rekordtemperaturen. Dass ist dann wohl das Mittelmeerklima, welches uns vor Jahren versprochen worden ist. Dafür sind wir doch mit dem SUVs über die Dörfer gefahren. Nur dürfte das in Nordafrika nicht besser aussehen. Und im Gegensatz zu der Frauen-WM in Frankreich ist es gerade keine große Überraschung, dass es in Ägypten 40+x Grad warm wird. Das hätte ein Meteorologe einem erklären können.

Anders ausgedrückt: Die großen europäischen Verbände, nach deren Wünschen der Termin ausgesucht worden ist, tun jetzt ihren afrikanischen Starspielern genau das an, was sie ihren einheimischen Starspielern auf gar keinen Fall antun wollen. Da fällt mir dann echt nur noch ein "Das sind ja nur Neger, die müssen das abkönnen" ein...
Oder die Europäischen Verbände gingen davon aus, dass der Afrika Cup ab sofort immer in Südafrika stattfindet.

Natürlich muss man bei der Terminplanung für den Afrika Cup einen brauchbaren Kompromiss finden. Man sollte den schon so legen, dass die Stars keine relevanten Spiele verpassen. Dabei sollte es aber eher um ein "Können wir das 2 Wochen nach vorne verlegen, so das sich alle zur Champions League Saison wieder vernünftig eingliedern können" gehen als um ein "Lasst uns das im Sommer machen, was soll da schon schief gehen".

Aber wahrscheinlich werden erst Spieler einen Hitzeschlag erleiden und auf dem Platz wiederbelebt werden, damit das auch den Funktionären auffällt...

Montag, 24. Juni 2019

Weitere Absurditäten der Frauen-Weltmeisterschaft

Und ja, ich habe Thailand - Chile gesehen. Unter anderem weil ich die Vorstellung, dass ich der einzige Mensch in dem Land bin, der diesen Stream guckt, lustig fand. Aber vor allem, weil im Parallel-Spiel relativ schnell klar war, wie es ausgeht...
Interessant war das vor allem, weil dieses Spiel de facto durch einen an die Latte geschossenen Elfmeter in der 86. entschieden worden ist. Also zumindest der Ausgang der Gruppenphase, denn wenn Lara den ins Tor schießt, steht Chile im Achtelfinale...
Das Absurde daran ist ja... dass der Elfmeter nicht wiederholt worden ist, lag im wesentlichen an der mangelnden Dynamik der Torhüterin... denn sonst hätte sie die Linie garantiert wie alle um 5 CM verlassen und dadurch eine Regelwidrigkeit begangen, die der VAR überprüft hätte...

Klingt übertrieben, ist aber bei Frankreich - Nigeria genau so geschehen. Und das liegt an einem riesigen Problem, der vor allem eine extreme Respektlosigkeit gegenüber dem Frauenfußball ist: Die spielen nach den neuen Regeln der Fifa. Als erste. Quasi als Experimentierfeld für uns Männer. Auch wenn da vielleicht raus kommt, dass die konkrete Regelauslegung vielleicht einfach ignoriert werden sollte.
Gerade der "für uns Männer" Teil muss da explizit erwähnt werden, denn die U21 EM, die zeitgleich stattfindet, wird noch nach den alten Regeln gespielt. Denn es man kann es jungen Millionären, für die es um die Qualifikation für Olympia geht, nicht zumuten, dass sie sich innerhalb weniger Wochen auf neue Regelauslegungen einstellen... Das wäre ja eine absolute Zumutung.

Bei den Frauen dagegen... spielen einige Torhüterinnen jetzt ihr absolutes Karrierehighlight, stehen im Elfmeterschießen, haben eine ganze Nation, die auf sie schaut... ok, zumindest theoretisch... und müssen jahrelang an trainierte Verhaltensmuster plötzlich abstellen, sonst fliegen sie mit Gelb-Rot vom Platz.
Und es reichen halt echt 5 CM, damit der VAR eingreift. Was völlig absurd ist... und garantiert nach dem 5. Spieltag der Bundesligasaison wieder abgeschafft wird, weil die Regelumsetzer erkannt haben, dass das ziemlich dämlich ist da so penibel zu sein.
Deswegen, Captian Obvious incoming, werden die Regeländerungen ja meistens (der 4. Wechsel in der Verlängerung war eine Ausnahme, der wurde mitten im laufenden DFB Pokal eingeführt) im Sommer durchgesetzt: Danach haben dann alle Beteiligten ein 3/4 Jahr Zeit sich darauf einzustellen, bevor dann die wirklich relevanten Ansetzungen kommen. Außer halt bei den Frauen, da drückt man die Änderungen vor nicht nur dem Jahreshighlight, sondern dem Highlight des 4 Jahres Zyklus durch.

Nebenbei ist auch der VAR bei den Frauen praktisch nur für die WM eingeführt worden... und es dauerte natürlich keine 5 Tage, bevor sich über den deutschen Videoassistenten aufgeregt worden ist. Die eigentliche Frage ist doch, warum nach dem Desaster, die die Einführung des VARs in Deutschland war, unsere Schiedsrichter für so was überhaupt genommen werden. Ich würde um die einen großen Bogen machen. So wie Felix Brych das angeblich um seinen Persönlichen VAR Felix Zwayer seit der WM in Russland macht. Aber hey, bei der Frauen WM kann man den Zwayer ja mal ein wenig üben lassen...
Das Ergebnis der Geschichte ist dann... das Kamerun beinah in einen Streik gegangen wären, weil sie einfach nicht verstanden haben, warum das Schiedsrichtergespann ständig gegen sie entscheidet... und jeder VAR-Eingriff zu ihrem ungunsten ausgeht.

Völlig absurd ist dagegen dann die Debatte um die nicht mehr ganz so neue Abseitsregelung von unseren Kommentatoren. Was mich zunächst mal zu der Frage bringt: Ist es eigentlich ein Fortschritt der Emanzipation, dass sich diesen Sommer niemand darüber aufregt, dass die Neumann Fußballspiele kommentiert? Oder ist es ein verdammt schlechtes Zeichen, dass dies diesen Sommer einfach niemand mitbekommt?

Jedenfalls wird ja mittlerweile die Szene laufen gelassen und die Fahne im Nachhinein gehoben. Dies passiert auch bei den extrem offensichtlichen Abseitsstellungen und deswegen wird natürlich gefragt, ob es sinnvoll ist die Damen erst noch all die Meter im Vollsprint laufen zu lassen.
Und dann kam die 64. Minute und Debinha wird steil geschickt, flankt in die Mitte zum 1:1 von Thaisa... und die Fahne geht hoch. Zum Glück nicht gleich, denn dann wäre das Tor nicht gefallen. Denn dieses Tor wurde dann vom VAR tatsächlich bestätigt. Diese eine Szene im Achtelfinale rechtfertigt all die vorher laufen gelassenen Abseitsszenen. Denn in Sachen Abseits gibt es nur 2 Varianten: 1.) Man wendet dort den VAR nicht an und entscheidet gleich. Denn sobald die Fahne hochgeht, wird darauf ja reagiert und der Angriff abgebrochen. Dies ist so absurd, dass ich mich frage, warum die Fifa sich nicht für genau diese Variante entschieden hat, denn es würde zu massiven Ungerechtigkeiten im Fußball führen... und das ist doch deren Motto.
2.) Man lässt die Szenen weiter laufen, hebt die Fahne nach dem Abschluss, sorgt so für definitive Gerechtigkeit, weil es keine Abseitstore mehr geben wird (oder keine Großchancen, die wegen angeblichen Abseits zurück gepfiffen werden) und lebt mit den paar extra Metern. Gerechtigkeit gibt es halt nicht um sonst.
Sich aber als Kommentator über die sinnvolle Anwendung aufzuregen, weil man es nicht schafft bis zum nächsten knappen Abseits und der daraus resultierenden Fehlentscheidung zu sehen...

Nebenbei finde ich es total faszinierend, wie sich die Reaktionen der Spieler jetzt ändert. Also vorher gab es ja auf jede gehobene Fahne eine entsprechende "Auf keinen Fall war ich im Abseits" Geste der Akteure. Jetzt wird der Abschluss doch eher halbherzig gesucht, wenn die Person vorher im Abseits stand... Weil man als Profi natürlich doch relativ genau weiß, ob das jetzt Abseits war oder nicht... Aber zugeben, dass der Assistent Recht hat, war halt nie eine Option.

Und dann gibt es noch die allerletzte Perle. Denn während der WM fiel der Satz: "Es ist ja keine Selbstverständlichkeit, dass sie hier jetzt spielt, schließlich hat sie in der Heimat gegen Rassismus protestiert und das kann einem schon mal die Karriere kosten." Jetzt werdet ihr bestimmt denken: Naja, ist halt ne WM, da nimmt ja auch der eine oder andere Staat teil, der es mit den Menschenrechten nicht so genau nimmt... aber die "Sie" in dem Satz war Megan Rapinoe, die aus Protest (und aus Solidarität mit einem gewissen Colin Kaepernick, dem genau dieser Protest die Karriere kostete) die Nationalhymne der Amerikaner nicht mehr mitsingt.
Ich fand es schockierend, wie selbstverständlich die Information verbreitet worden ist, dass so etwas in einem freien Land eine Karriere beenden kann. Wenn sich die Chinesen so was trauen würden, wäre der Aufschrei groß, aber bei den Amis nehmen wir es Schulter zuckend zur Kenntnis...

Donnerstag, 20. Juni 2019

Warum spielt ausgerechnet Dieter Hecking sich jetzt als Moralapostel auf

und wechselt dann direkt zum Hamburger SV. Also ernsthaft, kann man so was nicht verbieten?

Also hier mal kurz die beiden Probleme mit Hecking und seiner neuen großen Liebe:
1.) Hecking ist als Trainer selber kein unbeschriebenes Blatt. Er ist jemand, der sich selber Ausstiegsklauseln in den Vertrag schreiben lässt und der mitten in der Saison von einem Verein zum nächsten wechselt. Und gerade wenn man sich den Wechsel von Alemannia Aachen zu Hannover 96 nach dem 3. Spieltag der Saison mal genau anguckt... Also Hecking schlägt Peter Neururer, sorgt dafür, dass dieser bereits nach 3 Spielen entlassen wird, was nach Heckings eigener Wertevorstellung viel zu früh ist, und belohnt dann den Verein, der diesen Schritt gegangen ist, mit seiner eigenen Expertise... während er in Aachen einen Scherbenhaufen hinterließ, von dem der Verein sich bis heute nicht erholt hat. Hecking ist halt auch nachgewiesener Weise ein Guter Trainer, der hätte die 4 Punkte, die zum Klassenerhalt fehlten, vielleicht noch geholt. Und ein weiteres Jahr Bundesliga hätte dem Verein bestimmt nicht geschadet. Und Heckings Ruf auch nicht. Aber er musste gleich zu seiner persönlichen Herzensangelegenheit, auch wenn die ihre Trainer damals eher mäßig behandelt haben.

Nur um mal ein Gegenbeispiel zu nennen: ein Ralf Hasenhüttl hätte direkt nach dem Aufstieg auf Ingolstadt scheißen und zu RB Leipzig wechseln können. Er hat sich der Aufgabe Bundesliga mit geringen Mitteln gestellt und sie erfolgreich bewältigt. Er hat seinem Verein den angemessenen Respekt entgegengebracht, er darf diesen jetzt auch einfordern.

Und es ist ja Hecking nicht nur ein Mal passiert. 2011/12 verließ er mitten in der Saison den 1.FC Nürnberg, weil die Perspektive Wolfsburg zu verlockend war. Wieder stieg er aus einem laufenden Vertrag aus, weil er für sich persönlich bessere Chancen bei einem anderen Verein sah. Auch wenn Nürnberg immerhin auch ohne ihn die Klasse hielt... Zum bis heute letzten Mal, aber das ist dann nicht unbedingt Heckings Schuld.

Dass aber jemand, der sich selber nicht so sehr dafür interessiert, wie lange sein Vertrag eigentlich noch läuft, sich jetzt darüber aufregt, dass seine Vorgesetzten dies auch nicht machen... Er selber nutzt seine Gelegenheiten um sich persönlich zu verbessern, warum soll ein Max Eberl nicht die Möglichkeiten nutzen die Trainerposition in seinem Verein zu verbessern?

Und dann wechselt der auch noch zum Hamburger SV. Es gibt wohl kaum einen Verein, der konstant respektloser mit ihren Trainern umgeht. Nur um das mal festzuhalten: die haben Christian Titz entlassen, als sie klar auf Kurs aufstieg lagen... und sich dabei dermaßen verzockt, dass der fest eingeplante Aufstieg verspielt worden ist.

Das sind ja auch keine Ausnahmen. Also der HSV hat in diesem Jahrzehnt 2 Mal nicht den Trainer während einer Saison gewechselt. Dafür haben sie 2 Saison mit 4 unterschiedlichen Cheftrainern... Auch wenn da natürlich der eine oder andere Interims-Trainer dabei ist: Das sind einfach viel zu viele. Und das spricht dafür, dass man beim HSV gerne den Trainer als Sündenbock nutzt, also alles andere als respektvoll mit ihnen umgeht.

Und als Belohnung bekommen sie dafür die nachgewiesene Expertise von Dieter Hecking. Weil er sich, kurz nach seiner Brandrede beim Abschied auf Mönchengladbach. Wenn Hecking wirklich einen anderen Umgang mit den Trainer will, hätte er dem HSV mit der Begründung "Mit Vereinen, die derart respektlos mit ihren Trainer umgehen und sie immer wieder als einzigen Schuldigen opfern, will ich nicht zusammenarbeiten. Und ich rate es allen anderen Trainern, dies auch nicht zu tun. Denn nur wenn solche Vereine feststellen, dass sie ihre Trainer nicht beliebig austauschen können, wird sich etwas ändern."
Aber dazu fehlten ihm dann doch die Eier. Oder das Gehalt beim HSV war zu verlockend. Oder er hat in den paar Wochen schon wieder vergessen, dass er eigentlich ein Problem mit dem Umgang der Vereine mit ihm und seinen Kollegen hat.

Eines steht fest: Wenn Hecking sich demnächst darüber beschwert, wie in Hamburg mit ihm umgegangen wird (und so viel ist sicher: Es geht eher um das "wann" als ums "ob"), dann werde ich kein Mitleid mit ihm haben. Denn er hat es ja so gewollt.

Dienstag, 18. Juni 2019

Was die Frauen-WM uns nebenbei noch beweist,

ist ganz sachlich betrachtet... dass dieses System mit den besten Gruppen-Dritten im Achtelfinale einfach Scheiße ist. Und das ist die diplomatische Formulierung.

Eine Gruppenphase nimmt normalerweise ab dem 2. Spieltag fahrt auf, weil immer mindestens eine Mannschaft gewinnen muss und entsprechend das Spiel angeht. Und am 3. Spieltag gibt es dann regelmäßig alles oder nichts Spiele, in dem im Idealfall beide Mannschaften gewinnen wollen.

Also um ein Paradebeispiel zu nennen (und nicht nur um in Wunden zu pieksen, aber auch): Wenn ihr euch das Südkorea - Deutschland Spiel vom letzten Jahr anguckt... Wo es den Koreanern den Deutschen eben nicht gereicht hat das 0:0 zu verteidigen, sondern wo sie vollen Risiko gehen mussten und die Koreaner dann tatsächlich ein glückliches Tor erzielen. Und wie sich die Koreaner dann nach dem Abpfiff kurz freuen, weil sie denken, sie hätten das Achtelfinale erreicht, nur um kurze Zeit später auch zusammenzubrechen, weil es eben nicht gereicht hat. Genau das macht eine Weltmeisterschaft aus. Und auch eine EM... aber da haben wir es ja abgeschafft.

Jetzt, bei der Frauen-WM erkämpft sich China ein 0:0 mit 1 eigenen Torschüssen. Und kommt damit so gut wie sicher ins Viertelfinale. Also wird nach dem Spiel ausgiebig gefeiert.
Auch wenn der Kommentator das natürlich nicht durchrechnen kann. Da herrscht halt wirklich Gleichberechtigung, wir schicken auch zur Frauen-WM Kommentatoren, die sich nicht so wirklich mit Fußball beschäftigen.

Aber die Konstrukte, wie man mit 4 Punkten nicht in die K.O. Phase kommt, wenn nur die 2 schlechtesten Gruppendritten ausscheiden, sind eher theoretischer noch nicht mal theoretischer Natur. Denn es gibt bereits 2 Gruppen, in denen der Gruppendritte nur noch auf 3 Punkte kommen kann. Damit erreicht China mit einem erzielten Tor garantiert das Achtelfinale... Das kann doch nicht der Plan sein.

Noch absurder wurde es im Abendspiel. Also nicht nur, weil ein Elfmeter wiederholt werden musste, weil sich die Torhüterin 5 cm von der Linie entfernt hat. Die hat dafür Gelb gesehen... wenn diese Regel konsequent angewendet wird, endet demnächst jedes Elfmeterschießen in einem Spielabbruch. Gute Idee.
Aber 10 Nigerianerinnen hatten dann die schwierige Entscheidung zu treffen: Gehen wir aufs Unentschieden, oder verteidigen wir das 0:1? Und wenn man sich anguckt, wie langsam die bei Auswechslungen vom Platz gekrochen sind (hier hast du meine Kapitäninenbinde die ist wichtig), haben sie sich fürs Verteidigen des knappen Rückstandes entschieden. Und das ist ja auch vernünftig so. Denn solange Chile nicht 3:0 UND Kamerun gegen Neuseeland unentschieden spielen, reicht ihnen die knappe Niederlage um weiterzukommen. Bei einem 0:2 oder 0:3 wären diese Varianten praktisch unmöglich, so hat man zumindest eine Chance.

Nebenbei: Wenn der Frauenfußball wirklich so viel fairer und umgänglicher ist, wie alle immer gerne behaupten, hätte Wendie Renard nach dem ersten verschossenen Elfmeter mit Absicht daneben geschossen, weil es eigentlich albern war, dass sie nach ihrem Pfostenschuss wegen 5 Zentimeter nochmal antreten durfte. Aber sie bewies, wie auch die Norwegerinnern (Moneyquote aus dem Kicker-Ticker: "Schön ist es nicht, was Norwegen hier zeigt. Nach einem Eckstoß bleiben zwei Spielerinnen mit dem Ball an der Eckfahne stehen, nur um den nächsten Freistoß rauszuholen."), dass der Mythos vom schöneren und faireren Spiel nicht mehr ist als ein Mythos. Wenn es am Ende um die Wurst geht, werden die Frauen genau so Zeit schinden wie ihre männlichen Gegenparts. Und wenn man dann nicht mehr den längst möglichen Weg zur Auswechslung nehmen kann, dann muss man halt noch dringend seine Kapitänsbinde bei der Torhüterin abgeben. Den wird schon was einfallen. Denn taktisch haben die Frauen echt viel aufgeholt. 

Aber natürlich kann man 10 ausgepumpten Nigerianerinnen schlecht einen Vorwurf machen, dass sie gegen einen der Turnierfavoriten nach einem Platzverweis nicht in der Lage ist, den Gegner unter Druck zu setzen. Aber das man es noch nicht mal versuchen musste, liegt halt am System.

Und das ist ja nur die letzte Fortsetzung dieses Systems. Das Problem beginnt ja eigentlich viel früher. Das "Wir verteidigen nur und spielen rein destruktiv" wird schon an den ersten Spieltagen noch weiter gefördert. Denn ein 0:1 gegen einen "Großen" ist fast so viel Wert, wie ein Unentschieden. Solange man nicht hoch abgeschossen wird, liegt man voll im Soll. Die Argentinierinnen setzten das ja gerade (wie halt auch die Chinesinnen) in Perfektion um: Ein unansehnliches Unentschieden gegen Japan, eine knappe Niederlage gegen England... jetzt braucht man nur noch einen Sieg gegen den Turnierneuling aus Schottland mit einem Tor und ist garantiert im Achtelfinale. Hurra! Genau das brauchen wir doch.

Und das sind ja alles keine Neuigkeiten. Oder Erkenntnisse, die man beim Frauenfußball "gewinnt". Bereits bei der letzten EM hatten wir eine Portugiesische Mannschaft, die ohne einen einzigen Sieg die Vorrunde überstanden hat und hinterher Europameister wurde. Warum auch nicht. Eigentlich sollte es unmöglich sein ohne Sieg die Vorrunde zu überstehen. Natürlich geht es theoretisch, aber eben auch nur theoretisch. Die einzige Mannschaft, die es bei einer WM geschafft hat mit 3 Unentschieden weiterzukommen war 1998 Chile. Da muss schon alles andere perfekt laufen, damit das funktionieren kann. 2010 ist Neuseeland als einzige Mannschaft bei der WM ungeschlagen geblieben und trotzdem nach der Vorrunde ausgeschieden. Was einfach eine lustige Geschichte ist.
Im System mit 24 Mannschaften ist man da so gut wie sicher weiter. Was halt auch dazu führen wird, dass Mannschaften im 3. Gruppenspiel lieber weiter das Unentschieden verteidigen als auf Angriff zu gehen, wozu man früher im Endeffekt immer gezwungen war

Die Gruppenphasen so eines Turniers sind ja eh schon eine eher zähe Sache. Qualitativ Hochwertigen Fußball bekommt man da eher selten zu sehen. Und das "die Kleinen" erst Mal mauern und auf das Beste hoffen, kann ihnen ja keiner vorwerfen. Aber normalerweise kommt so eine Gruppenphase in Gang, wenn am 2. Spieltag die "Wir müssen gewinnen oder werden sehr wahrscheinlich Heim fahren" Dynamik einsetzt. Man siehe auch hier Toni Kroos Knaller aus der 95. Minute.

Die einzige Chance, was dagegen zu tun, ist ja... die Gruppenphase kollektiv mit Nicht-Beachtung abstrafen. So sehr, dass die Werbeanbieter merken, dass niemand ihre Anzeigen sieht und es die Refinanzierungsangebote erst ab dem Achtelfinale gibt. Vielleicht mache ich das ja nächstes Jahr zur EM... Mal schauen.

Wenn euch jedenfalls nächstes Jahr auffällt, dass die Gruppenphase bei der EM absolut grausam ist, dann erinnert euch daran, dass euch das hier bereits ein Jahr im voraus erzählt worden ist. Denn das Problem sind nicht die 22 Geschöpfe auf dem Platz, sondern das System dahinter, welches eine destruktive Spielweise fördert.

Mittwoch, 12. Juni 2019

Das war schon beeindruckend

Vielleicht sogar das beeindruckendste, was ich auf dem Fußball-Feld seit langem gesehen habe.
Also nicht die EM Qualifikation der Deutschen, ich habe das andere Spiel gesehen. Das Relevante...

Aber der Reihe nach. Ich habe vor einigen Tagen gemerkt, dass mir sowohl die Nations League als auch die EM Quali vollkommen egal geworden ist. Vor allem die Quali. Ich wollte quasi gerade dazu ausholen, dass Jogi Löw ja gerade in der Quali nur auf dem 2. Platz liegt, wie kann es sein, dass der noch nicht entlassen worden ist... bis mir bewusst wurde: Ein 2. Platz reicht vollkommen für die direkte Qualifikation... Die dritten kommen in die Play Offs... wir können uns also auf ein "Armenien - Kasachstan" Duell um den letzten Platz einstellen... und darauf habe ich keinen Bock.

Also entschied ich mich dafür, bewusst die Frauen-WM laufen zulassen. Zugegeben hauptsächlich im Hintergrund, während ich andere Dinge machen. Aber gezählt wird offiziell, dass ich die Livestreams gucke. Auch die wunderbar angenehme Halbzeitanalyse gestern. Und mir ist ja vorher erzählt worden, dass die Frauen ja den besseren Fußball zu sehen gibt, weil es weniger Bitchfights auf dem Platz gibt. Da wollte ich mal nach gucken, ob diese Behauptung auch stimmt.

Das erste, was mir da auffiel, war: Es gibt genau genommen keinen wirklich Unterschied zwischen einem Durchschnittlichen Gruppenspiel der Herren und der Damen. Dummer Weise aus den völlig falschen Gründen: 80% der Spiele lassen sich auf ein "Die einen verteidigen verzweifelt irgendwie das Unentschieden, haben aber überhaupt keinen Plan, wie wir selber ein Tor erzielen und hoffen auf den Lucky Punch" gegen "Wir greifen uninspiriert an und hoffen auf eine Standartsituation zum 1:0" herunter brechen. Genau das haben wir doch im letzten Sommer auch so oft gesehen.

Der einzige Grund, warum die Damen ihr Auftaktspiel gewonnen haben und die Herren nicht, ist am Ende der Fakt, dass China die Abwehrpatzer der Deutschen nicht nutzen konnte, Mexiko schon. An sonsten waren sich die Spiele verdammt ähnlich. Was auch verdeutlichen kann, wie absurd das Ausscheiden in der Gruppenphase vor 12 Monaten eigentlich war: Normalerweise holst du als Deutschland selbst dann genügend Punkte, wenn du nicht überzeugst, weil halt irgendein Gewaltschuss rein rutscht. Heute kommt der von eine Gwinn, damals kam er von einem Kroos... Nur hat halt nur einer der Schüsse ein Beben ausgelöst... und das ist dann der einzige Unterschied...

Aber dann... kam aber das 21 Uhr Spiel und ich muss zugeben: Was die Amerikanerinnen gegen Thailand abgeliefert haben, war wirklich krass. Von der ersten Minute an hatte man den Eindruck, dass es hier nur darum gehen kann, wie hoch der Sieg ausfällt. Und dass die Asiatinnen keinen Hauch einer Chance haben. Und dann kam die 2. Halbzeit. Angesehen von einer 20 Minütigen Pause erzielten die Amerikanerin buchstäblich alle 3 Minuten ein Tor. Insgesamt 10 in 45 Minuten plus Nachspielzeit.
Und ja, es gab eine Nachspielzeit. Als der Kommentator irgendwas von "da wird die Schiedsrichterin ja gnädig sein und pünktlich abpfeifen..." dachte ich gleich: Wenn er das macht, werden die Ladys sauer auf sie sein. Und sie belagern, warum es denn keine angemessene Nachspielzeit gab, die hatten doch noch was vor... und natürlich erzielten sie in der 92. Minute noch ein Tor... aus einer Gegenpressing Situation nach einem Abstoß der Thailänderin.
Die waren so giftig und garstig, die sind beim Stand von 12:0 in der Nachspielzeit weiterhin kollektiv ins Pressing gegangen und haben schnell umgeschaltet. Und danach kollektiv genau so gefeiert wie beim 1:0.
Dass das Thailändische Mädchen auf der Tribüne seit der 70. Minute nur noch am Weinen war, war denen doch egal. Mitleid gab es erst nach dem Abpfiff. Und vorher ging es immer nur darum noch ein weiteres Tor zu erzielen.

Normaler Weise sagt eine Mannschaft spätestens nach dem 4:0: Lasst mal langsamer machen. Lasst den Gegner auch mal nen bisschen spielen. Lasst denen mal Luft zum atmen. Und hey, vielleicht dürfen die sogar nen Ehrentreffer erzielen, dann fühlen die sich nicht ganz so schlecht.

Es ist ja auch egal, ob man das Spiel 7:1 oder 13:0 gewinnt.

Und ja, dass Deutschland gestern nur 8:0 und damals nur 7:1 gewonnen hat, lag im wesentlichen daran, dass die Deutsche Mannschaft jeweils gesagt hat: Reicht jetzt auch. Und da haben dann in der 2. Halbzeit jeweils nur noch einzelne Spieler (früher war ein gewisser Lukas Podolski dafür prädestiniert) aus rein egoistischen Gründen (also um das gerade fehlende Selbstvertrauen aufzubauen... oder weil sie als einzige bei dem Schützenfest noch nicht getroffen haben) zielgerichtet aufs gegnerische Tor gespielt. Während sich am anderen Ende des Feldes nur der Torwart aufregt, wenn man das zu 0 nicht hält. Und so macht man es am Ende "gnädig".

Das soll auch alles kein Vorwurf sein. Es ist halt auch der vernünftige Ansatz. Aber gestern war halt mal zu sehen, wie sehr ein Fußballspiel eskalieren kann, wenn die überlegene Mannschaft es nicht "gnädig" gestaltet. Wenn die mit brutaler Konsequenz immer auf das nächste Tor geht. Und wenn diese Gier aufs nächste Tor in der gesamten Mannschaft einfach nicht nachlässt.

Zum Glück gab es das nur im Livestream und nicht im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, das hätte bestimmt ein FSK 18 Rating bekommen...