Freitag, 11. Oktober 2019

Passives Abseits vs Tradition Teil 1: Warum gerade ich?

Eine Serie in unbestimmt vielen Teilen.

Ok, ganz ehrlich, ich schiebe diese Idee jetzt seit gefühlt einem Jahr vor mich her. Und irgendwie habe ich immer wieder Gründe vorgeschoben, damit ich nicht anfangen muss. Damit ist jetzt Schluss.
Denn an sich ist es ja auch gar nicht so schlimm anzufangen, wenn das ganz eh eher eine Lose Serie werden soll. Was habe ich also vor?

Ab sofort soll sich hier neben dem Normalen Grausamkeiten des Tagesgeschäfts Fußball ausführlich mit dem ledigen Thema "Traditionsfußball" beschäftigt werden. Und zwar langfristig auf allen Ebenen von der Bezirksliga bis zur Champions League. Ernsthaft, ich habe in meinem Hinterkopf Beiträge zu Bezirksligisten geplant, aber alles zu seiner Zeit.

Vorher müssen wir aber erst Mal eine wichtige Grundlage klären: Was qualifiziert dieses eingebildete Individuum dazu, sich tiefgründig und ausführlich mit diesem Thema zu beschäftigen.

Zunächst mal der Fakt, dass es sich hier definitiv um einen Fußball-Verrückten handelt. Also allein schon, dass dieser Blog seit 2010 betrieben wird und auf über 16.000 Beiträge kommt. Wenn ich es irgendwann nochmal auf die Reihe bekommen würde das drum herum zu koordinieren und Werbung zu machen... aber Details. Die Liebe zum Runden Leder ist definitiv vorhanden.

Aber dennoch bin ich, behaupte ich ganz dreist mal, in einer Sonderposition. Denn genau genommen bin ich jemand, der sich gerne über schlechten Fußball lustig macht, selber aber am liebsten einfach nur guten Fußball zu sehen bekommt. Völlig unabhängig davon, wer da jetzt auf dem Feld steht. Ok, fast völlig unabhängig, die Bayern-Führung ist derart unsympathisch, dass ich die verlieren sehen will, egal wie gut die spielen. Und auch ein Jogi Löw kann ich absolut nicht ab, so dass ich dem und seinen Mannschaften nichts gönne... Hoffentlich wird der 2021 Bayern Trainer, das wird großartig. Aber sonst...
Oder aber es liegt an meinem Goliath-Komplex, dass ich immer gegen die Haushohen Favoriten war. Gibt es diese Diagnose eigentlich, oder habe ich mir die ausgedacht?

Vor allem bin ich aber auch kein Anhänger irgendeines Traditionsvereins. Die Logik, dass ich etwas großartig finden muss, weil mein Vater das schon großartig fand, hat sich mir nie erschlossen. Oder dass ich einem Verein jetzt katastrophale Fehlkalkulationen verzeihe, nur weil es den Verein schon seit 100 Jahren gibt.
Praktisch kann man das an Hansa Rostock erklären. Als Sohn der Stadt habe ich natürlich an dem Verein gehangen. Denn wenn Hansa Bundesliga gespielt hat, ging es ungelogen der gesamten Region besser. Man konnte keine Heimspiele am Samstag um 15 Uhr ansetzen, weil 80% der Spieler unbedingt wissen wollte, wie Hansa spielt. Und jeden 2. Samstag im Monat gab es einen Stau bis zum Nachbardorf, weil alle ins Stadion fahren wollten. Dass dies nebenbei die Hauptmotivation hinter dem "Der Sonntag gehört den Amateuren" ist, wurde hier schon ausführlicher erörtert.

Aber gerade in den letzten Jahren musste ich immer wieder feststellen: Der Verein hat so viele Fehler gemacht. Und das werden ja gefühlt immer mehr. Ich überlege gerade, wer der letzte Hansa Trainer war, der eine gesamte Saison überstanden hat. Ich würde auf Frank Pagelsdorf tippen... Der Klub ist das reinste Chaos. Und ein Millionengrab. Wenn dann das Land Mecklenburg-Vorpommern und die Stadt dem Verein mehrmals die Schulden erlassen muss, damit er überhaupt überleben kann, habe ich damit ein moralisches Problem. Nur weil die nach der Wende 20 Jahre lang fast alles richtig gemacht haben, muss man danach doch nicht 20 Jahre lang jeden Mist ausgleichen, der da verzapft wird.
Dazu kommt natürlich, dass die Fans des Vereins ein Abbild der Probleme und der Perspektivlosigkeit in dieser Region sind. Hansa hat halt auch eine Fangemeinschaft, die immer wieder unangenehm auffällt. Seit mittlerweile auch 20 Jahren.

Aber nur weil mir dieser Fanatismus selber abgeht, heißt das nicht, dass ich ihn nicht faszinierend finde. Ich durfte mal einem Hardcore 1860 München Fan ins Gesicht sagen, dass er sich nicht wirklich über RB Leipzig aufregen darf, wenn er selber Fan eines Investors ist. Also als 60er sein muss, denn ohne Hasan Ismaik wäre der Verein halt pleite gegangen und der ist ebenfalls ein Investor, der mit dem Sport Geld verdienen will. Es gibt bis heute Leute, die sich wundern, dass ich diese Vorwürfe überlebt habe. Und die Emotionale Reaktion, die ich dort ausgelöst habe, ist einerseits für mich nicht nachvollziehbar. Diese Anziehungskraft hat aber auch etwas wirklich faszinierendes für mich. Das ist auch etwas, was RB Fans niemals in der Intensität erleben werden.
Dass Intelligente Menschen jegliche Vernunft und Anstand verlieren, weil man ihren Lieblingsverein kritisiert... Dass Fußballergebnisse gestandene Männer zum Weinen bringen, verdeutlicht die absurde Bedeutung dieser Sportart und der Institutionen, die sie vertreten, für unsere Gesellschaft. Und nur weil ich diese Wirkungen nur bedingt persönlich nachvollziehen kann, heißt das nicht, dass ich sie für etwas verwerfliches halte. Eher im Gegenteil.

Zu guter Letzt bin ich als Kind der ehemaligen DDR halt auch mit einer anders geprägten Fußballgeschichte sozialisiert worden. Auch wenn ich selber nicht soo alt bin, dass die die DDR Oberliga gesehen habe. Aber die Geschichte des Ost-Fußballs ist teilweise derart absurd, dass es wirklich im nach hinein fast Willkür ist, welcher der Vereine jetzt ein Traditionsverein ist und wer diesen Titel nicht zugesprochen bekommt. Denn die erfolgreichsten Ost-Vereine im Wiedervereinten Deutschland waren nicht die großen Legenden der DDR-Oberliga. Ganz im Gegenteil, Energie Cottbus hat genau so viele Jahre in der Bundesliga verbracht, wie in der höchsten Liga der DDR... was eigentlich eine völlig absurde Statistik ist. Und auch die Geschichte der DDR Oberliga wurde ist mehrmals gebrochen, aber dazu später mehr.

Das liegt natürlich auch daran, dass viele Traditionsvereine nach der Wende auf die falschen Leute reingefallen sind. Rolf-Jürgen Otto ist der bekannteste Unternehmer, der Dynamo Dresden ganz souverän Richtung Abgrund geführt hat. Aber es sind ja praktisch all die großen Traditionsvereine nach 1990 abgestürzt. Und nur Magdeburg und Dresden haben sich zumindest halbwegs wieder erholt. Das liegt aber auch nicht nur an geldgierigen, die naiven Ossis ausnehmende Investoren... sondern an genügend eigenen Fehlern, die über die Jahre gemacht worden sind. Deswegen denke ich bei Tradition irgendwie auch immer an Misswirtschaft.

Mein Lieblingssatz dazu ist ja, dass die Tradition in Leipzig mehr Konkursverfahren (ähm... 2 für Lok Leipzig, eines für Sachsen) nach sich gezogen hat, als Bundesligajahre (ein Einziges). Im vielleicht einzigen wirtschaftlichen Wachstumsmarkt Ostdeutschlands haben es die Traditionsvereine nicht auf die Reihe bekommen sich zumindest in der 2. Liga zu etablieren. Und nur deswegen lag dieses riesige Einzugsgebiet ja so brach, dass es für Red Bull interessant wurde. Wenn es in der Stadt schon einen Verein mit 30.000 Fans gegeben hätte, wäre die Heuschrecke weiter gezogen. Erst das kollektive und jahrelange Versagen der Traditionalisten legte den Nährboden für das überkommerzielle Kunstprodukt. Deswegen sollten die Fans von Traditionsvereinen (sowohl in Leipzig, als auch außerhalb) nicht auf RB fluchen, sondern auf die Führungen, die es einfach nicht auf die Reihe bekommen haben hier vernünftig Fußball spielen zu lassen. Und vor allem sollten die Fans von Außerhalb froh sein, dass sie in einem Gebiet leben, in dem andere Vereine dies besser hinbekommen haben.
Dasselbe gilt nebenbei absurder Weise für Hoffenheim. Wer sich die Bundesliga Landkarte genauer anschaut, dem wird auffallen, dass es im Herzen von Baden-Würtemberg ein überraschend großes Loch gibt. Überraschend vor allem deswegen, weil wir von einer der wirtschaftlich stärksten Regionen Deutschlands sprechen. Es ist ja kein Zufall, dass ein Dietmar Hopp dort wohnt. Trotzdem spiel Waldhof Mannheim, also der Verein, der diese Region eigentlich abdecken sollte, ja, wo eigentlich? Der Karlsruher SC ist auch eher in der Versenkung verschwunden. Auch hier stieß der aufstrebende, finanzgespritze Verein in ein Vakuum.

Aber ich sehe halt nicht nur das Schöne und Emotionale der Traditionsvereine, sonder auch die Misswirtschaft, die dort immer wieder betrieben worden ist. Und nur die führte am Ende immer zum Niedergang dieser Vereine.
Deswegen habe ich auch relativ wenig Angst vor den Kunstprodukten. Die werden den Fußball nicht kaputt machen. Ich habe eher Angst davor, dass die inkompetente Führung der Traditionsvereine seine Vormachtstellung hergibt und damit den Fußball kaputt macht.

Tradition ist in der Summe etwas absurd faszinierendes. Weil es teilweise auch vollkommene Willkür ist, was jetzt Tradition ist und was nicht. Es hat ja auch noch niemand wirklich fest gelegt, was jetzt Tradition ist und was entstehende Brauchtümer sind. Oder was es nie zur Tradition schaffen wird. Lasst uns versuchen an einigen Beispielen zu klären, wie facettenreich Tradition wirklich sein kann.

Donnerstag, 10. Oktober 2019

Verdammt, ich komme mir alt vor!

Es kommt mir so vor, als wäre es gestern gewesen, als es endlich das lange erwartete Duell zwischen dem aufmüpfigen Aufsteiger und dem leicht genervten etablierten Rekordmeister an stand. Also für ein wenig Kontext: Damals stürmten die Hoffenheimer in ihrer Debüt Saison durch die Bundesliga. Sie spielten ganz sachlich gesehen den berauschendsten Fußball der gesamten Liga. Was heutzutage niemanden mehr überrascht, schließlich war Ralf Rangnick der Ingenieur hinter dieser Mannschaft. Der galt damals aber eher noch als verrückter Professor, während er ja heute ein Mal im Jahr ein Kicker Interview zum Status Quo abgeben muss, weil wir alle seinem Sachverstand huldigen müssen.
Nebenbei stand ein gewisser Vedad Ibisevic damals mit 18 Toren aus 17 Spielen an der Spitze der Torjäger-Liste. Wer den Ibisevic aus dieser Saison gesehen hat, wird sich hinterher schon fragen, warum der eigentlich nie International gespielt hat. Oder zumindest so gut wie nie.

Damit repräsentiert Ibisevic, der sich am 17. Spieltag das Kreuzband riss, perfekt die Absurdität dieser Hinrunde: Wer das damals gesehen hat, dachte, dass ein richtiger Konkurrent auf die Bayern zukommt. Eine Mannschaft, die den Rekordmeister mit absurden Tempo vor riesige Probleme stellen würde.

Daraus ist dann aber aus verschiedensten Gründen nichts geworden. Dass nebenbei mit Luiz Gustavo nur ein einziger der Hoffenheimer eine wirklich große Karriere hinlegen sollte, ist schon irgendwie absurd. Der Rest verschwand in der relativen Versenkung, oder halt in Russland. Aber wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass Carlos Eduardo, Sejad Sahilovic, Demba Ba, Chinedu Obasi und eben Ibisevic einen einzigen Meistertitel unter sich aufteilen würden... und das auch nur, weil Demba Ba 2017 türkischer Meister wurde... Irgendwie war die Hinrunde gleichzeitig das absolute Karrierehighlight dieser damals blutjungen Truppe. Was den Fußball, den die damals gemeinsam in der Hinrunde ablieferten, um so faszinierender machte. Es war halt der perfekte, aber nie wieder erreichbare Sturm... ein wenig wie das eine SXTN Album...

Darum soll es aber auch gar nicht so sehr gehen. Eigentlich geht es heute um den einen Spieler, der bei diesem Spitzenspiel, welches ein neues Zeitalter einläuten sollte, gnadenlos überfordert war: Bastian Schweinsteiger. Der einzige Spieler, der bei diesem Duell die Kicker-Note 5 bekam.

Die Kicker Schlagzeile am Montag danach ging in die Richtung "Zu schnell für Schweinsteiger". Und damit war es am Ende eines der Schlüsselspiele in seiner Karriere. Klingt übertrieben? Ist es aber kaum.
Klar Schweinsteiger war damals schon auf dem Weg zu seiner 4. Meisterschaft. Aber er stand mit seinen 24 Jahren halt auch irgendwie am relativen Scheideweg seiner Karriere. Denn es war eines dieser Spiele, in denen es deutlich wurde, dass Schweini zu langsam ist um auf internationalem Niveau auf dem Flügel zu spielen.
Und ihr jetzt so: Warte, was? Aber ja, Schweini begann seine Karriere als "Flügelflitzer". Und als Offensivspieler. Wenn er das geblieben wäre, hätte ein gewisser Arjen Robben ihn auf die Bank verdrängt und er hätte sich auf eine durchschnittliche Karriere bei weniger guten Bundesligisten einstellen können. Da hatte der aber nicht so wirklich Bock drauf...

Also, und hier (würg) muss man Jogi Löw erwähnen, weil ihm das als mit erstes aufgefallen ist, zog es Schweinsteiger ins Zentrum und mehr in die Defensive. Er distanzierte sich vom "Schweini und Poldi Hallordri Image" und durfte stattdessen eine "Chefchen" Debatte über sich ergehen lassen... Weil er einerseits seinem Vorgänger Stefan Effenberg deutlich, auch optisch, nacheiferte, sich andererseits von ihm distanzieren musste.
Vor allem wurde er von einem Spieler, der versuchte Fußball zu zelebrieren, dies aber nur bedingt konnte, zu einem, der Fußball arbeitet. Gemeinsam mit einem gewissen Mark van Bommel auf der Doppel-Sechs. Faszinierender Weise galt van Bommel eigentlich als der große Holzer, Schweinsteiger beging aber de facto mehr Foulspiele. Nur wurden über van Bommels Fouls mehr diskutiert, weil der halt richtig dazwischen haute... Aggressive Leader war die freundliche Bezeichnung.

Aber Schweinsteiger legte mit der Umstellung seiner Spielweise die Grundlage für alle die furchtbaren Siege, die ich als bekennender Bayern- und Deutschland-Hater in den letzten 15 Jahren über mich ergehen lassen musste. Und entwickelte sich damit zum Fixpunkt der Champions League Sieger und Weltmeister Generation. Mit seinen 18 Titeln kann er sich einer der erfolgreichsten Titelsammler bei den eh schon es verwöhnten Bayern nennen.

Und hier kommt das eigentlich faszinierende: Von all den "Wir haben mindestens 8 Meisterschaften geholt" Spielern war Schweinsteiger individuell gesehen der schlechteste. Ja, noch schlechter als Thomas Müller. Mit deutlichen Abstand. (Bei den 7. Meisterschaften Spielern kommen dann Namen wie Rafihna und Alexander Zickler, die Schweinsteiger im 1 gegen 1 hinter sich lassen könnte...)
Aber genau das machte Schweinsteiger so besonders. Er ist ein Spieler, den man am Ende selbst dann respektieren musste, wenn man die Mannschaften, für die er gespielt hat, grundlegend unsympathisch findet. Denn er ist einer dieser Spieler, die aus ihren individuellen Möglichkeiten genau genommen mehr als das maximale raus geholt hat.

Ein Spieler, der seinen Körper so gnadenlos geschunden hat, dass er mir 31 schon deutlich zu alt für den Scheiß war. Der seine Fußballerischen Limitierungen überwunden hat um (abgesehen von einem Europameister Titel... oh und beim Europa League Titel hat er in einem Spiel mitgewirkt und wurde im Winter verkauft, aber Details) alles gewonnen hat, was man gewinnen konnte. Und er war gemeinsam mit Philipp Lahm halt der Schlüsselspieler der Bayern-Generation, die die Grundlage für die derzeitige absurde Überlegenheit legten.

Vor allem ist Schweinsteiger einer der ersten Profis, dessen Karriere ich als Pseudo-Experte komplett verfolgen konnte. Ich konnte über jeden relevanten Fehltritt auf dem Platz hämisch lachen.... und da gab es mehr von, als Schweinsteiger selber lieb sein kann. Vor allem musste ich aber auch jede von ihm gewonnene Schlacht Zähne knirschend anerkennen. Dabei konnte ich halt die Entwicklung von hoffnungsvollen aufgehenden Star bis hin zur Legende nachvollziehen. Was für einen Spieler mit derart begrenzten fußballerischen Mitteln halt auch ein Anstieg mit vielen Umwegen ist. Danach konnte ich ihn dann beim Altern zugucken, bis ich schließlich ganz zum Schluss nur noch das verhallende Echo im Kleingedruckten des Kickers wahrnahm. Und den jährlichen "Wie geht's dem bei Chicago Fire eigentlich so?" Artikel.

Jetzt ist eines meiner am meisten respektierten, aber genau deswegen Lieblingsfeindbilder im Ruhestand. Und bei allem sportlichen Respekt vor den aktuellen Bayern-Spieler: Eine auch nur annähernd vergleichbare Reizfigur fehlt im aktuellen Kader. Und so komme ich jetzt zu einem Schluss, denn ich 2008 für unmöglich gehalten hätte: Ich werde ihn vermissen.

Mittwoch, 9. Oktober 2019

Überlegt euch gut, warum ihr Boykottieren wollt

So was ist wichtig. Sonst kann jemand eure Argumentation ganz leicht auseinander nehmen und am Ende bleibt nur Rassismus und Islamfeindlichkeit über.

Wer sich jetzt noch fragt, worum es geht... Die WM in Katar natürlich. Da ja gerade die Leichtathletik WM in Doha war, ist es ja gerade wieder Mode die WM Vergabe an den Wüstenstaat zu hinterfragen. Denn Doha war ja nur in der Wahrnehmung der Offiziellen die Beste WM aller Zeiten. Man hört drum herum so viele lächerliche oder unangenehme Geschichten, dass dieses Turnier echt wenig Freude verbreitet hat. Weder bei Fans, noch bei Athleten.

Und die logische Konsequenz ist natürlich, dass man einen allerletzten Versuch startet, denen die Fußball-WM wegzunehmen. Und um das vorwegzunehmen: In der Summe bin ich da voll dafür. Vor allem wegen den Verstoßen gegen das Menschenrecht. Man sollte aber trotzdem noch mal überlegen, ob die Argumente wirklich neu sind.

Fangen wir mal direkt mit dem absurdesten an: Im Katar ist es im Sommer zu warm, da kann man keine WM austragen lassen. Stimmt. Aber ist das ein Grund denen das Recht auf eine WM komplett zu verwehren? Vor allem: Verwehrt man dann nicht perspektivisch 1/3 der Welt das Recht auf die Austragung einer Weltmeisterschaft? Nebenbei auch Ländern wie Mexiko, bei denen das bereits 2 Mal problemlos ging, obwohl es dort im Sommer auch verdammt heiß ist. Oder in den Südstaaten der USA. An beiden Orten werden demnächst wieder WM Spiele ausgetragen. Oder Indien, bei denen es im Sommer auch gerne mal 40 Grad warm wird. Wollen wir perspektivisch dem Wachstumsmarkt Südostasien komplett von Großveranstaltungen ausschließen? Klingt das fair? Wäre es nicht sinnvoller ein Mal alle 25 Jahre eine längere Winterpause einzulegen und die zu integrieren?

Aber dagegen spricht ja direkt Argument Nummer 2:
Weihnachten ist bei uns Heilig, da kann man keine WM gucken! Wirklich? In einem Land in dem sich 36% der Bevölkerung konfessionslos sein will, soll Weihnachten so wichtig sein, dass da kein Fußball gespielt werden kann? Ganz absurd wird das ganze dann in England. Da sagen die ernsthaft: An Weihnachten kann kein Fußball gespielt werden, weil wir da schon Fußball spielen! Boxing Day halt. Das ist wichtig, der hält die ganze Gesellschaft zusammen. Der ist damit auch alternativlos. Da kann man auch nicht ein Mal alle 24 Jahre drauf verzichten.
Wäre es schöner, wenn die Phase zwischen Halbfinale und Finale auf den 24.-26.12. fallen? Bestimmt. Kriegt man das irgendwie hin, wenn es sonst am cleversten ist die WM in den Dezember zu legen? Ganz sicher. Dann wären Dienstag und Mittwoch die Halbfinale und Sonntags das Spiel um Platz 3 um 15 Uhr und im 19 Uhr das große Finale. Einfach Lösungen für ein irrelevantes Problem.
Aber... da ist ja einerseits schon Weihnachtsmarkt und vor allem... ist es da ja kalt. Da kann man dann nicht in kurzer Hose und mit kaltem Bier zum Public Viewing... Ähm... den Leuten ist schon bewusst, dass es immer irgendwo kalt ist, weil die Erde eine Kugel ist? Dass dieses "Luxusproblem" in Australien und der Südhälfte Südamerika quasi der ganz normale Standard ist? Aber es müssen sich ja alle nach uns richten!
Hat sich eigentlich schon mal jemand darüber Gedanken gemacht, mit wie vielen Heiligen Feiertagen anderer Weltkulturen sich jede normale Fußball-WM überschneidet? Natürlich nicht, die andern sind ja alle irrelevant. Es geht hier um unser Wohlbefinden!
Um das ganze mal an einem ganz praktischen Beispiel zu verdeutlichen: 2018 ging der Fastenmonat Ramadan bis zum 14. Juni. Was all den muslimischen Spielern die Vorbereitung erschwerte. Wäre irgendjemand auf die Idee gekommen, die WM eine Woche nach hinten zu verlegen, weil sie sich mit heiligen islamischen Ritualen besser verträgt?
Hat überhaupt jemand nen Überblick, welche wichtigen Feiertage es in China und Indien gibt? Who cares? Aber Weihnachten ist nicht verhandelbar... Give me a break.

3. Es gibt ja gar keine Fußballkultur und -geschichte im Katar.
Natürlich gibt es diese noch nicht. Aber unter welchem Stein habt ihr eigentlich die letzten 30 Jahre gelebt? Seit der WM in den USA geht es bei der Vergabe der WM auch immer um die Erschließung neuer Märkte. Und diese Märkte zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie keine Fußballgeschichte und -kultur haben. An solche Länder werden bewusst Weltmeisterschaften vergeben. Immer und immer wieder. Die WM in den USA war 1994! Danach gab es unter anderen auch Weltmeisterschaften in Fußballhochburgen wie Japan, Südkorea und Südafrika. Die sind ja bekannt dafür, dass Fußball dort Volkssport Nummer 1 ist.
4. Das ist ja die Totale Kommerzialisierung des Fußballs!
Die Erschließung neuer Märkte war immer ein entscheidender Faktor der Weltmeisterschaften. Das ist ja auch nichts schlimmes. Also ohne einige Schlüsselweltmeisterschaften (der Deutsche WM Sieg 1954 löste mal direkt ein Wirtschaftswunder aus) hätte dieser Sport in unserem Land nie diese Ausnahmestellung, die er heutzutage selbstverständlich hat. Und ohne einige geschickt gesetzte Weltmeisterschaften in den USA oder Asien würde es sich eventuell bis heute nicht lohnen seine Vorbereitungen nach dort zu verlegen. Das ist ja einer meiner Lieblingsvorwürfe an Karlheinz Rummenigge, der immer so tut als würden die Nationalmannschaften immer nur nehmen und nie was zurück geben: Ohne den absurden kommerziellen Erfolg der Fifa Weltmeisterschaften wäre Fußball nicht annähernd so weit entwickelt. Nur ist die Fifa halt nur bedingt bereit jetzt nicht weiter an den Kommerzialisierungsschrauben zu drehen. Aber das sind die Bayern, (die nebenbei genau deswegen jeden Winter nach Doha fliegen) doch auch nicht... Wir haben jahrelang alles dafür getan, dass Fußball ein absolutes Prämiumprodukt wird und jetzt stellen wir entsetzt fest, dass dieses Produkt total kommerziell ist. Natürlich ist es das. Wer damit ein Problem hat, soll Kreisklasse gucken gehen.

5. Der Katar macht solche Großveranstaltungen ja nur, um sein eigenes Image aufzupolieren! 
Ähm... ja. Wie alle anderen Gastgeber auch. Also selbst die WM in Deutschland 2006 wurde von der Bundesregierung extrem unterstützt und gefördert, weil sie einerseits wussten, dass das ein riesiges Konjunkturpaket ist... andererseits wussten sie auch, dass man durch so ein Volksfest unser Image als lustiges Partyvolk (und einer damals angeblich geglückten Wiedervereinigung) prägen konnte.
Brasilien gönnte sich eine WM und Olympische Sommerspiele um allen zu zeigen, was für großartige, hochentwickelte Industrienation man doch ist. Und Russland gönnte sich eine WM und Olympische Winterspiele, damit Vladimir Putin auf der Tribüne strahlen konnte. Gestört hat uns das nie so wirklich. Aber wenn das jetzt ein fundamentalistischer, muslimischer Staat macht, dann geht das gar nicht...

6. Aber die Vergabe war doch total korrupt!
Habe ich schon mal gefragt, unter welchem Stein ihr eigentlich die letzten 30 Jahre gelebt hat? Die einzigen WM Bewerbungen der letzten 30 Jahre, die nicht korrupt waren, kamen aus Marokko. Deswegen verlieren die auch jedes Mal im letzten Wahlgang. Es wurde schon immer bestochen und das wird man bei einem derart großen Verband auch nicht mehr ändern. Eine der faszinierendsten Erlebnisse meines Lebens war ja der Moment, in dem uns die Erkenntnis getroffen hat, dass unsere WM Vergabe doch auch korrupt war. Obwohl wir alle davon ausgingen, dass es bei den Jahren davor und danach nicht unbedingt nur mit sauberen Mitteln zugegangen ist. Aber WIR sind doch so GUT, dass wir das auch ohne Geldkoffer hinbekommen! Wenn man wegen der Korruption die WM boykottieren will, hätte man damit vor Jahrzehnten anfangen müssen. Aber jahrelang hat man es einfach ignoriert und doch ausgelassen genossen.

7. Diese WM Vergabe geschah an den Spielern vorbei!
Wann wurde denn das letzte Mal bei der Planung einer WM an die Spieler gedacht? Die kamen doch schon immer an letzter Stelle. Auch hier ein praktisches Beispiel: Bei der WM 2014 wurde Manaus trotz der 40 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit, die ja mal so gar nicht gehen, als Spielort auserkoren. Und weil man die Spiele aber nicht nach Mitternacht Europäischer Zeit ansetzen wollte, weil ja der europäische Markt der wichtigste ist, mussten einzelne Spiele auch noch um 16 Uhr angepfiffen werden. Immerhin konnte in Manaus der 13 Uhr Anpfiff Termin gerade so vermieden werden... aber auch den gab's in einem Land, das teilweise in tropischen Klimazonen liegt. Weil sich niemand jemals für das Wohl der Spieler interessiert hat. Wenn es nach denen gegangen wäre, wären die Standard-Anstosszeiten 19 und 21 Uhr Ortszeit gewesen.

8. Aber die Arbeitsbedingungen! Das ist doch moderne Sklaverei!
Ich meine, da sterben Leute auf den Baustellen! Wie nebenbei auch vor der WM in Brasilien. Gerade wenn es am Ende um die rechtzeitige Fertigstellung der Spielorte geht, hat sich noch nie jemand darum gekümmert, wie es den Arbeitern dabei geht. Und was in Katar die Inder sind, waren in Russland halt Nordkoreaner.

9. Aber die sind dort auch noch Schwulen feindlich!
Wer eine wirklich gleichberechtigte und unkomplizierte Schwulenehe hat, darf den ersten Stein werfen. Vor allem regen wir uns jetzt darüber auf, wenn die Scheichs uns erklären, dass Schwule ja durchaus kommen dürfen, sie können ihre Schwulitäten halt nur nicht im Land ausleben. Denn darauf gibt es bis zu 5 Jahre Haft. Oder wie Sepp Blatter es angeblich formulierte: Schwule sollen bei der WM halt auf Sex verzichten. Aber jetzt mal ganz ehrlich: Gab es denselben Hinweis nicht vor der Russland-WM auch? Also wer sich da als homosexueller Mensch auf der Straße küsst, begibt sich doch auch in Gefahr.

10. Es gibt da aber nicht mal Bier!
Scheiße, das stimmt. Wenn ich vor Ort nicht saufen kann, dann mache ich da auch nicht mit. Stellt euch mal vor, ihr seid Engländer und müsst euch diese Grütze auch noch nüchtern ansehen. Da wird man doch aggressiv.
Aber ganz ehrlich: Das betrifft am Ende höchstens 1% der Fußballfans Weltweit. Eher weniger. Der Rest wird eh nicht an Tickets kommen... oder kann sich diese gar nicht leisten. Vor allem sind das halt wirklich diese kulturellen Unterschiede, die als Grund für einen Boykott völlig absurd sind. Also stellt euch mal vor, ein Land, in dem Bierkonsum nicht zum Kulturgut erhoben wurde, boykottiert die WM in Deutschland, weil sie die ganzen Schnapsleichen und den Geruch von Erbrochenen in der Innenstadt nicht ertragen können. Die würden wir doch auslachen. Wir sind aber so was von überzeugt davon, dass unsere Lebensweise die einzig richtige ist, dass jegliche Einschränkung unserer Gewohnheiten gleich boykottiert werden muss.
Oder anderes Beispiel: Hätte man die WM Vergabe nach Südafrika verweigern sollen, weil die dort mit für unsere Ohren nervige Vuvuzelas ihre Stimmung in den Stadien erzeugen? Gerade da gilt: Andere Länder, andere Sitten, die dann vor Ort zu einer einzigartigen Stimmung führen.

Um das aber nochmal klar zustellen: Natürlich bin ich in der Summe gegen die WM im Katar, Hauptsächlich wegen den Verstoßen gegen die Menschenrechte. Ich bin auch der Meinung, dass man bei der Fifa noch gründlicher aufräumen müsste, damit es dort nicht mehr nur und ausschließlich um die Gewinnmaximierung geht. Gerade letzteres führt ja zu all den Fragwürdigen WM Vergaben und ist damit die eigentliche Wurzel des Problems, die man angehen müsste. Und die man auch nach der WM 2022 weiter angehen muss. Aber jetzt all das, was man jahrelang ignoriert hat, auf ein Mal gebunden anzubringen, ist irgendwie auch verkehrt. All die Vorwürfe, die sich Katar jetzt anhören muss, standen bei allen anderen Weltmeisterschaften auch mehr oder weniger im Raum. Ganz wenig davon ist neu.
Daher gilt: Wer wirklich gegen das System WM protestieren will, boykottiert die so lang, bis Marokko endlich alleine eine austragen kann. Dann ist die Veranstaltung gesund geschrumpft und die Vergabe war sauber. Wer nicht bereit ist diesen Schritt zu gehen, sollte jetzt nicht behaupten, dass Katar 2022 so viel schlimmer wird wie all das, was davor kam...

Donnerstag, 3. Oktober 2019

War das jetzt das Worst Case Szenario?

Wahrscheinlich.

Und um das erst Mal direkt festzuhalten: Ein 7:2 beim Vorjahresfinalisten ist schon eine beeindruckende Leistung. Auch wenn es mich irgendwie verwirrt, dass das Serge Gnabrys erste Europacup Tore gewesen sein sollen... Aber das ist halt doch im Herzen ein Arsenal Angreifer.

Das eigentliche Problem ist aber ein anderes: Die Gruppe B ist damit praktisch durch. Also die eine spannende Frage ist, ob Tottenham so krass eingebrochen ist, dass sie das Achtelfinale verpassen... was aber auch eher unwahrscheinlich ist. Und um die Bayern einzuholen... ähm... also... Bei Punktgleichheit, die schon schwierig zu erreichen ist, müssten sie das Rückspiel 6:0 oder höher gewinnen um an den Bayern vorbeizuziehen.

Im Wesentlichen brauchen die Bayern noch 2 Siege gegen Belgrad und Piräus, was mehr als machbar erscheint, und spätestens danach können sie mal Jan-Fiete Arp für die Startelf nominieren. Und die weiteren Ergänzungsspieler wie Thomas Müller.
Gleichzeitig werden uns jetzt alle auf Grund dieses Ergebnisses erzählen, dass die Bayern dieses Jahr wieder ein ernsthafter Kandidat für die Krone Europas sind. Also noch mehr als sie es am Montag bereits im Kicker getan haben. Und es wird bis April kein Gegner mehr kommen, der dies irgendwie widerlegen kann. Die Frage, ob die Bayern wirklich so viel besser oder Tottenham doch so viel schlechter geworden sind, kann halt keiner sachlich beantworten.

Was auch nur bedeutet: alle warten jetzt aufs Frühjahr. Und bis dahin ist es noch verdammt lang hin. Genau genommen haben die Bayern bis dahin ein wirklich wichtiges Spiel gegen Dortmund und haufenweise Pflichtaufgaben zu erledigen. Und müssen trotzdem irgendwie den Fokus hochhalten. Wenn Tottenham wenigstens die hier erhoffte Bedrohung für den Gruppensieg gewesen wäre...
Was mich aber auch direkt zu der Frage bringt: Warum sollte ich mir die Bayern Gruppenspiele angucken? Das ist doch jetzt schon ein völlig irrelevantes Schaulaufen mit sehr geringer Aussagekraft für die entscheidenden Spiele. Denn es gibt genügend Beispiele (sagen wir alle Pep Guardiola Mannschaften der letzten 8 Jahre) dafür, dass die Form im Oktober absolut irrelevant für die Verteilung des Titels ist.


Wo wir schon bei der sonst zu ignorierenden Champions League Gruppenphase sind: Paco Alcacer ist schon ein faszinierender Spieler. Am 16.9. schrieb der Kicker, dass Alcacer jetzt ja endlich auch die Fitness und den Rhythmus für dauerhafte Einsätze hätte. Vielleicht hätte man mit diesem Artikel ein wenig warten sollen. Zumindest bis die erste 3 Spiele in 8 Tagen Woche durch ist. Denn das Ergebnis dieser ersten Belastungsprobe: Ein Joker-Einsatz gegen Werder Bremen und einen Platz auf der Couch gegen Prag, weil doch schon wieder irgendwas weh tut... und Dortmund die ersten Vorsichtsmaßnahmen ergreifen muss.
Am Ende, und jetzt kommt was ganz bitteres für einen Dortmunder, könnte Alcacer einfach nur das Personalisierte Schalke sein. Also wenn sie ein Mal die Woche antreten, spielen die absurder Weise recht erfolgreichen Fußball. Sobald die Belastung allerdings gesteigert wird, bricht dort alles zusammen.

Montag, 23. September 2019

Worst of des "Wie viele Trainerjobs rettet Paderborn gerade?" Wochenendes

Spätestens seit dem 1:5 auf Schalke, die ja traditionell eher für grausamen Fußball als für Torfestivals stehen, sollte es langsam deutlich werden, dass zwar Paderborns Ansatz lobenswert ist, aber dass sie ganz große Probleme bekommen wird diese Spielidee auch gegen halbwegs ordentliche Bundesligisten effizient umzusetzen.

Was dann nochmal verdeutlicht wurde, als die Qualität vorne nicht mal reichte um trotz mehr heraus gespielter Torchancen gegen verunsicherte Berliner zu Punkten. Jetzt kommen als nächstes die Bayern und Steffen Baumgarts Matchplan lautet "Dann kriegen wir vielleicht nur Vier... nein!"

Und das ist ja auch alles für Paderborn kein ganz großes Problem. Also dieses Bundesliga-Jahr ist ja für sie selber mehr als überraschend. Wenn sie ganz ehrlich sind, geht es nur darum, sich nicht zu übernehmen und in der Bundesliga mehr Schulden zu machen als einnahmen zu generieren... in der Hoffnung für dass es dann vielleicht für den Klassenerhalt reicht. Es gibt da ja genügen Beispiele an Vereinen, die sich an der Bundesliga übernommen haben und dann in der Versenkung verschwinden.

Problematisch ist das eher für die Liga, deren Qualität weiter sinkt. Auch wenn das nicht soo deutlich aussieht, weil Paderborn bisher die meiste Zeit ja doch ganz gut mitgespielt hat und es nur in den jeweils letzten Dritteln fehlte... Dummer Weise aber halt in beiden letzten Dritteln, was dann doch ganz schön viel Fläche ist. Und noch kann man als Paderborn selber ignorieren, dass die Klasse eher nicht reicht. Sobald diese Erkenntnis einsetzt, wird es richtig schwer. Aber das ist halt auch nicht... das Problem der Hertha.

Aber gerade bei der Hertha wird es halt auch richtig spannend. In den Leserbriefen im Kicker findet man schon die ersten "Wann kommt Dardai zurück und rettet den Verein vor dem Abstieg" Stimmen. Was halt, so wie sich Paderborn (und Mainz ab der 75. Minute) präsentieren, vollkommen albern ist. Und die Wachstumsschmerzen der Unioner sind ja, abgesehen von dem Überraschungscoup, deutlich wahrnehmbar. Wie schon in der Saisonvorschau angekündigt, präsentieren sich der Abstiegskampf wieder von seiner besten Seite. Auch wenn Augsburg gerade noch die Kurve kriegen könnte und Fiedhelm Funkel in Düsseldorf einfach nur absurde Arbeit abliefert.

Dennoch kann man sich halt derzeit auch als designiertes Problemkind ganz gut über Wasser halten. Wie halt die Hertha. Man kann relativ entspannt gucken, wie sich die Mannschaft unter dem neuen Trainer entwickelt. Einen wirklichen Notfallplan, falls es wirklich keine Fortschritte gibt, braucht man voraussichtlich erst im März, da man vorher den Kontakt zum rettenden Ufer gar nicht verlieren kann. Wenn Ante Covic einen halbwegs brauchbaren Job macht und seine Mannschaft weiter entwickelt, sollte es am Ende für die Herta trotzdem locker reichen. Wenn er nichts taugt, hat man es wenigstens in einem Jahr ausprobiert, wo man das in relativer Sicherheit mal testen konnte...

Oder Werder Bremen, wo Florian Kohfeldt jetzt nachweisen muss, ob er wirklich als Trainer so gut ist, wie uns alle im Frühjahr erzählt haben. In einer starken Liga könnte dies das entscheidende Jahr für Kohfeldt werden. Die Saison, in der er sich von einem Domenico Tedesco abgrenzt, weil er selbst unter schwierigen, hier aber nicht mal selbst verschuldeten, Umständen trotzdem in sicheres Fahrwasser führt. In einer stärken Liga könnte das Bremer Lazarett wirklich in Probleme geraten. Aber der Keller ist so schwach, dass selbst die verbesserte Regionalligamannschaft, die gegen RB Leipzig Standing Ovations bekommen hat, weil sie am persönlichen Leistungslimit trotzdem chancenlos war, gegen Augsburg und Düsseldorf 6 Punkte holt. Und das reicht dann halt um die Halbe Liga hinter sich zu lassen...
So ist Bremens größtes Problem derzeit, dass man seine ambitionierten Ziele auf Grund der Verletzungsmisere frühzeitig verpassen könnte und dann im März und April perspektivlos durch Mittelfeld treibt. Eine wirkliche Havarie erscheint ausgeschlossen.
Anders ausgedrückt: Kohfeldt kann seine Fähigkeiten als Krisenmanager in relativer Sicherheit nachweisen. Frank Baumanns Überzeugungen werden nur bedingt auf die Probe gestellt werden... oder Kohfeldt verkackt es richtig, dann sind die Verletzungen aber nur bedingt eine Ausrede...

Und so kann man die Liste munter weiter abarbeiten. Und das muss ja nicht zwingend etwas schlechtes sein. Natürlich sieht Herthas Fußball derzeit genau so grausam, aber eben erfolgloser, als in den Vorjahren aus. Aber dass sich unter den aktiveren Ansatz von Covic vielleicht noch was entwickeln kann, ist ja nicht ausgeschlossen. Hoffenheim spielt derzeit den destruktivsten Fußball ihrer Vereinsgeschichte. Aber auch hier wird vielleicht erst Mal eine Stabile Grundlage geschafft, bevor man dann irgendwann eine aktivere Spielweise an den Tag legen kann...

Andererseits müssen sich die Vereine halt auch am Ende der Saison unabhängig vom Tabellenbild kritisch hinterfragen. Sich also mit der Frage beschäftigen, ob man nur die Klasse gehalten hat, weil es 5 "Absteiger Nummer 1" gab und nicht, weil man selber irgendwie "gut" war. Denn die nächsten Aufsteiger werden mit ziemlicher Sicherheit stärker sein als die Letzten...

Freitag, 20. September 2019

Uli Hoeneß hat jeglichen Bezug zur Realität verloren.

Und bevor wir uns falsch verstehen: Ich liebe jeden einzelnen Satz. Da kann man jeden Morgen aufstehen und auf wunderbare Perlen hoffen.

Und im Gegensatz zu dem anderen Senilen Alten schwingt da nicht die Angst mit, dass "covfefe" vielleicht doch die Codes für die Amerikanische Atomwaffen sind. Also ja, ich werde Uli Hoeneß vermissen. Dass bedeutet aber auch nur, dass seine letzten Aussagen gründlichst analysiert gehören.

Nebenbei wurde der Letzte Beitrag hier mit einem "Manuel Neuer hätte die Bayern-Armada hinter sich" aufgehört. Anscheinend kommt die auch schon zum Vorschein, wenn praktisch nichts passiert.

Aber fangen wir mal direkt mit dem allerschönsten Schatz an: ""Wenn man in der heutigen Medienwelt lebt, muss man wissen, was man anrichtet. Wir mussten uns für unsere Pressekonferenz entschuldigen."
Also erstens: Dass Uli Hoeneß diese Pressekonferenz selber wieder auspackt. Der sollte doch als am meisten darauf hoffen, dass dieses Meisterwerk möglichst in Vergessenheit gerät.
2.) Dass Hoeneß, nur weil selbst er eingesehen hat, dass man sich dafür doch mal entschuldigen sollte, glaubt da irgendetwas richtig gemacht zu haben.
3.) Dass er jetzt Marc Andre ter Stegens Aussagen mit diesem Autounfall in Verbindung bringt. Ter Stegen hat nicht völlig unmotiviert und Zusammenhanglos das Grundgesetz zitiert und irgendwas von Menschenrechten geschwafelt... sondern einfach nur festgehalten, dass die Situation für ihn wirklich beschissen ist. Diesen Vorgang irgendwie mit seinen eigenen Aussagen in Zusammenhang zusetzen ist wirklich ein unwürdiges Schauspiel.

Dann behauptet Hoeneß, ter Stegen würde "einen tadellosen Sportsmann" beschädigen. Ähm... also wenn jetzt ter Stegen irgendwas an der Leistung von Neuer kritisiert hätte. Ein "Es kann nicht sein, dass ich hinter dieser Flasche auf der Bank sitze" raus gehauen hätte. Wenn er in irgendeiner Weise das Lebenswerk oder die aktuellen Leistungen kritisiert hätte. Aber er will lediglich ausdrücken, dass die Position, in die Jogi Löw in gebracht hat, für ihn richtig beschissen ist, weil ihm halt unmotiviert Hoffnungen gemacht hat, die man anscheinend nie erfüllen wollte. Neuer ist gar nicht das Ziel von ter Stegens aussagen.

Das bringt uns direkt zum nächsten: Da muss man doch zum Trainer oder Manager gehen und nicht zu den Medien. Also zum einen war Hoeneß mal ein Mensch, der das Spiel mit den Medien perfektioniert hatte. Der immer genau wusste, wann er diese nutzen muss um Reichweite zu generieren und dann bewusst was von sich gegeben hat. Er ist echt nicht der "Das muss man im kleinen Rahmen halten" Typ gewesen.
Und dann ist es halt problematisch zum Trainer oder Manager zu gehen, wenn der Trainer das Problem ist... und wir in der Nationalmannschaft eine Struktur geschaffen haben, wo Löw ausschließlich von engsten Vertrauten umgeben ist. Wenn ein Matthias Sammer noch einen Posten beim DFB hätte, könnte man da hingehen... aber ist es wirklich sinnvoll zu Oliver Bierhoff zu rennen, wenn man ein Problem mit Löw hat.

Und es bleibt halt festzuhalten, dass Löws Menschen- und Mannschaftsführung (also dass, was Rummenigge jetzt von ihm fordert) genau das Problem ist. Wenn Löw gleich gesagt hätte, dass er weiterhin voll auf Neuer setzen wird, dann hätte ter Stegen sich gleich darauf einstellen können oder die Konsequenzen ziehen müssen. Anders ausgedrückt: Genau genommen haben hier alle dasselbe Problem.

Bleibt noch das letzte Highlight, welches einfach nur belegt, wie wenig Hoeneß sich mit Fußball außerhalb seiner ersten Mannschaft beschäftigt: Dass ja niemand auf die Idee kommen würde, zu behaupten, ter Stegen wäre besser als Neuer... Nun ja... einer der beiden steht auf der Liste der 3 besten Torhüter der letzten Sasison... und das ist nicht Neuer. Die Expertenmeinung ist derzeit eher, dass ter Stegen besser ist. Ich erwähne es ja nur.

Das allergrößte daran ist ja... also wenn wir mal kurz ein Gedankenexperiment durchgehen, in dem Neuer vor ein paar Jahren die "Herausforderung Ausland" sucht und die Bayern sich als logische Ersatz ter Stegen verpflichten und ter Stegen würde sich jetzt als Herausforderer positionieren. Dann würde sich die Bayern Vorstände bei denselben Aussagen voll hinter ter Stegen stellen. Aber ihnen fehlt halt die Selbstreflektion und Weitsicht das zu erkennen. Das überrascht mich bei den beiden noch weniger, als bei Fußballprofis...

Dienstag, 17. September 2019

Manuel Neuer bringt sich selbst in Position

Kommen wir mal direkt zur Sache: Manuel Neuers Retourkutsche gegen Marc-Andre ter Stegen war ziemlich schwach und ziemlicher Schwachsinn. Denn genau genommen nutzt Neuer seine Rolle als Führungsspieler und Kapitän ausschließlich dafür aus, um seine eigene Position medial zu stärken, spricht aber trotzdem davon, dass er nicht weiß, "ob das so förderlich" ist. Wenn Neuer sich da als Innenverteidiger zu äußert, kann man das vielleicht stehen lassen. Aber genau genommen ist das, was er selber macht, definitiv auch nicht förderlich.

Ganz absurd wird es ja, wenn er das letzte legendäre Torhüter-Duell anspricht und wir großartig das doch am Ende zwischen Oliver Kahn und Jens Lehmann ausgegangen ist. Was Neuer dabei aber völlig ignoriert: 1.) Er ist im dem Gleichnis gerade der Kahn. Und 2.) hat es da vorher auch haufenweise Reibereien gegeben. Am Ende waren alle ein wenig überrascht, als Kahn sich dann bei der WM auf die Bank gesetzt hat. Und es war herausragend, wie Kahn sich dann präsentiert hat, was man ihm einfach mal hoch anrechnen muss.

Neuer sollte sich also, wenn er schon das Beispiel bringt, eher mal fragen, wie er selber reagiert hätte, wenn Jogi Löw ihn vor der WM auf die Bank gesetzt hätte. Was damals definitiv die richtige Entscheidung gewesen wäre. Und danach ist ter Stegen, der trotz der schwer nachvollziehbaren Degradierung keinen auf Suppenkasper gemacht hat, eine faire Chance versprochen worden. Die hätte er sich definitiv auch verdient, er bekommt sie aber trotzdem nicht. Also lässt er nach den 2 Spielen seinen Frust in den Medien raus. Ein völlig nachvollziehbarer Vorgang. Wichtig ist aber halt auch, dass er nicht schon als vor dem Spiel abzusehen war seine Beschwerde veröffentlicht hat. Er hat sich, so weit man das mitbekommen konnte, vor dem Nordirland Spiel sein eigenes Ego dem Teamerfolg untergeordnet.
Anders ausgedrückt, und die Frage könnte jetzt mal jemand Neuer stellen: Wann soll ter Stegen denn sonst seine Unzufriedenheit zum Ausdruck bringen? Oder ist es "besser", wenn er den Frust bis zur EM in sich hineinfrisst?

Vor allem, wenn es vorher wirklich die Absprache gab, dass im Spiel in Nordirland ter Stegen in einem Pflichtspiel im Tor stehen soll. Denn diese Chance wurde ihm ohne eigenes Verschulden genommen. Sondern nur, weil Neuer und seine Kollegen aus dem Defensivverbund es nicht auf die Reihe bekommen haben halbwegs vernünftig zu Verteidigen. Und wenn man ohne eigenes Zutun oder Fehlverhalten um seine Chance gebracht wird, frustriert das natürlich.

Dass Neuer selber nach all den Verletzungen zurück in der Weltklasse ist und sich gegen Holland selbst nichts zu Schulden kommen ließ, ist natürlich auch richtig. Das führt aber auch nur dazu, dass dieses Land gerade 2 Weltklasse-Torhüter zur Auswahl hat (wenn man so viele brauchbare Verteidiger hätte), denen man beiden schlecht den Anspruch "Ersatztorwart" vermitteln kann.

Eine vernünftige Reaktion eines Kapitäns wäre ein "Ich kann seinen Frust natürlich verstehen, vor allem, weil es ja keineswegs seine Schuld ist, dass wir unsere Aufgaben gegen die Niederlande nicht ordentlich erfüllt haben." gewesen. Ergänzt durch ein "Dass er sich während der Trainingseinheiten und im Spiel trotzdem vorbildlich verhalten hat, wie er es schon bei der WM getan hat, muss man ihn anrechnen." Dann hätte er noch ein "Aber ich bin Weltmeister und habe keine Ambitionen meinen Platz freiwillig zu räumen." hinterher schicken können. um sich selber eindeutig zu positionieren.

Nebenbei, wo wir schon dabei sind, ist das halt auch eine Situation, mit der sich Neuer nie beschäftigen musste. Das liegt nicht mal an Neuers Überragendem Talent, sondern ausschließlich an Rene Adlers Verletzungspech. Also 2008 war noch Lehmann die Nummer 1, während Adler und Robert Enke auf der Bank saßen. 2010 war Neuer dann, auf Grund der Tragödie um Enkes Selbstmord und Adlers beginnenden Verletzungspech, aus dem Stehgreif die Nummer 1. Was ein beinah einmaliger Vorgang sein dürfte, alle anderen Torhüter haben ihre ersten Turniere zunächst auf der Bank verbracht. Meistens sogar mehr als eines.
Und es ist mehr als ein Mal in der Geschichte des deutschen Fußball Geschichte vorgekommen, dass man vor dem Turnier nicht an der Hierachie rütteln wollte, obwohl vielen klar war, dass die eigentliche Nummer 2 mittlerweile der bessere Torwart ist. Nennen wir einfach mal demonstrativ Oliver Kahn und die WM 1998. Kahn war damals bereits 2-maliger Deutscher Meister und Andreas Köpke ist nach dem EM Titel 2 Jahre zuvor und einer ziemlich verkackten Sommerpause, in der er bei 3 Vereinen unterschrieb, am Ende in Frankreich bei Olympique Marseille untergekommen. Wo er immerhin nicht abstieg, was man bei Köpke zwingend dazu sagen muss, da er quasi mit allen anderen Vereinen immer abgestiegen ist.
Dennoch stand Köpke bei dem WM Turnier im Tor... aus dem einfachen Grund, dass er 2 Jahre zuvor, als Kahn noch zu jung und erst seit 2 Jahren Stammtorwart beim Rekordmeister war, beim EM Titel 2 Elfmeter gehalten hat...
Was bei Nationalspielern allgemein nichts ungewöhnliches und bei Torhütern etwas völlig normales ist: Die alte Nummer 1 behält solange ihren Platz, bis sie irgendwann selbst zurücktritt. Vor allem, wenn diese Nummer 1 mal einen Titel gewonnen hat. Aber Neuer fehlt eben genau diese Perspektive. Wenn Neuer 2010, obwohl er sich definitiv auch da für den besten Torhüter gehalten hätte, hinter Adler auf der Bank gesessen hätte, würde er vielleicht Verständnis für ter Stegen aufbringen. Und wenn er danach dann im neuen Zyklus immer noch keine Chance bekommt... ich sag das mal so, da würde sich nicht nur Neuer übelst aufregen, er hätte auch eine Bayern-Armada angeführt von Hoeneß und Rummenigge hinter sich.

Aber da sind wir wieder an dem Punkt, dass ich auf Selbstreflektion und Weitsicht von Bundesligaprofis hoffe... mein Fehler...