An dem man alle schlechten VAR Puns bringen muss. Jetzt, wo das abgeklungen ist... müssen wir direkt mit der schlimmsten Aussage von Manuel Baum anfangen, die Sache mal wieder sachlich zu analysieren. Denn auf seiner Pressekonferenz nach dem Spiel zeigt er wieder deutlich, wie krass die an sich gute Idee "Video Assistent Referee" am Scheitern ist. I zitiere von Minute 2 an:
"Ich hab das Gefühl, dass wir die Spieler leider durch das System so sozialisieren, dass man in Situationen mittlerweile reingeht und sich reinfallen lässt."
Bei Minute 7:45 sagt er noch was viel Spannenderes: "Ich find es halt nur Schade, dass ich leider in der Besprechung meinen Spielern jetzt auch sagen muss: Warum fallt ihr denn nicht hin? (...) Das ist ne Cleverness, die wir jetzt bei den Spielern entwickeln müssen, das aber meinem Gedanken von Fußball und Fairness nicht entspricht."
Bei der gesamten Debatte über den VAR sollten genau diese Zitate jetzt in den Mittelpunkt gerückt werden, aber am Ende zeigt nur Arnd Zeigler sie. Also selbst die Zusammenfassung auf der verlinkten Homepage lässt den entscheidenden Teil weg und man muss sich wirklich das gesamte Video angucken, um zum Kern des Problems zu kommen.
Denn eines muss man nochmal festhalten: Ob ein Spieler theatralisch schreiend fällt, oder ob er trotz des Tritts konsequent den Abschluss sucht, sollte bei der Entscheidung, ob der Tritt ein Foul war, nicht der ausschlaggebende Punkt sein. Wichtig ist, ob der Spieler getroffen wird und nicht ob er fällt. Und der VAR hätte uns die einmalige Chance gegeben, dieses Problem anzugehen.
Stattdessen verschlimmert der VAR die Tendenz zu Schauspieleinlagen eher, als sie abzumildern. Denn nur wenn man theatralisch fällt, schaltet sich der Keller anscheinend ein. Und wenn man nur theatralisch genug gefallen ist, finden die auch irgendwelche Beweise dafür, dass es ja einen Kontakt gegeben haben muss. Damit gehört eine ordentliche Fallschule weiterhin zur Grundausbildung eines Profis.
Stellt euch einfach mal eine Welt vor, in der jeder Stürmer immer konsequent den Abschluss sucht, auch wenn er gefoult wird, weil er genau weiß, dass der VAR trotzdem eingreifen wird, wenn er am Trikot gezerrt oder am Knöchel getroffen wurde. Das würde den Fußball so viel angenehmer machen und damit könnte man auch die Akzeptanz des VARs erhöhen. Also das letztere ist ein Konjunktiv, weil es immer noch Szenen geben wird, wo die einen behaupten, dass das Ziehen für einen Elfmeterpfiff ausreicht, während andere dieselbe Szene komplett anders einschätzen.
Nebenbei beweist das Desaster Mainz vs Augsburg auch nochmal eins: Wir brauchen dringend Challenges der Trainer. Wenn Baum 2 Mal pro Spiel die Möglichkeit hat, den Schiedsrichter zum Monitor zu bitten, nutzt er diese Gelegenheit genau in diesem Moment. Und es wird innerhalb der nächsten 60 Sekunden eine Möglichkeit geben, das Spiel dafür problemlos zu unterbrechen. Wenn Baum bei seinen beiden Challenges richtig lag, bekommt er eine dritte.
Man muss hier nochmal explizit festhalten, dass Patrick Ittrich am Ende offen zugibt, dass er den Elfmeter zurückgenommen hätte, wenn ihn jemand zum Bildschirm geschickt hätte. Warum der VAR das nicht einfach gemacht hat, ist ein Mysterium. Warum Baum das aber nicht einfach auslösen kann, ist die viel wichtigere Frage.
Auch das gestern absolvierte Pokalspiel zwischen Bayern und RB liefert ein Textbuchbeispiel für Challenges: Josip Stanisic foult in der 27. Minute recht eindeutig Antonio Nusa. Schiedsrichter Daniel Siebert, so wirkt es zumindest auf mich, als wäre er sich nicht sicher, ob das für einen Elfmeter reicht. Aber der VAR kann das ja überprüfen. Im Nachgang stellt sich aber raus, dass der VAR das eben nicht überprüfen kann, weil das Foul außerhalb des Strafraums war. Ole Werner bekommt dann Gelb, weil er sich völlig zu Recht aufregt.
Wenn Werner die Option gehabt hätte, dass er diese Situation überprüfen lassen will, hätte RB Leipzig zwar nicht den erhofften Elfmeter, aber den berechtigten Freistoß in aussichtsreicher Position bekommen. Und die Situation an der Seitenlinie wäre wesentlich entspannter verlaufen.
Aber im Fußball weigert man sich weiterhin, Challenges einzuführen, auch wenn praktisch alle anderen Sportarten mit VAR dieses System nutzen. Man redet sich ein, dass ein Fußballspiel dafür viel zu selten unterbrochen wird, auch wenn ja die Mannschaft, die die Challenge auslösen will, einfach den Ball ins Aus klären kann... Und vor allem ignoriert dieses Argument, dass es verdammt viele Ruhephasen in einem Spiel gibt. Also entweder, weil die eine Mannschaft den Ball ins Aus kloppt, oder weil die spielerisch gute Mannschaft sich den Gegner mit Ballstafetten zurechtlegt. Aber der Mythos vom fortlaufenden, unterbrechungsfreiem Spiel ist anscheinend wichtiger, als ein gerechterer Sport. Das ist auch wieder bezeichnend. Aber die Trainer fordern ja auch gar keine Challenges mehr, sondern haben so weit resigniert, dass sie ihren Spielern lieber wieder eintrichtern, dass sie doch Elfmeter schinden sollten.
Auch die 2. komplizierte VAR Szene ließe sich einfach regeln. Die war so kompliziert, dass sie sogar Arnd Zeigler verwirrt hat. Dem musste jemand eine SMS schicken, damit er erkennt, dass es um die Frage ging, ob eine neue Spielsituation hergestellt wurde, oder nicht. Dabei geht es um Köln gegen Leipzig. Hier muss man mal grundlegend eines festhalten: Wir brauchen dickere Abseitslinien. Das wäre total einfach zu regeln und würde die Situation zumindest ein wenig entspannen. Denn gerade in diesem Fall waren es ja wirklich nur Millimeter, die der Angreifer im Abseits stand. Es ist total unnötig, die Linien so zu kalibrieren, dass sie ein derartiges Abseits angeblich aufklären.
Und selbst die betroffenen Fans dürften an der Stelle zugeben, dass das nicht im Sinne des Sportes sein kann. Natürlich würde immer noch über Millimeterentscheidungen diskutiert werden, aber es wäre eine ganz andere Gesprächsgrundlage, wenn wir über einen halben Fuß im Abseits reden und nicht über das Leder des Schuhs, das im Abseits stand. Und das wäre total einfach machbar. 5 Zentimeter Spielraum könnte da schon helfen, aber die Fifa will das nicht. Die Premiere League hat diese Toleranz einfach mal eingeführt, die DFL könnte es also auch einfach machen. Aber im Gegensatz zur Premiere League, traut sich die DFL das einfach nicht.
Was aber noch viel wichtiger wäre, ist eine klare Ansage, wann eine neue Spielsituation entsteht und wann nicht. Damit es eindeutige Richtlinien gibt und der Schiedsrichter sich nicht minutenlang den Kopfball von David Raum anguckt, um dann eine schwer nachvollziehbare Entscheidung zu treffen.
Ich hab da ja auch schon beim letzten Mal einen einfachen Vorschlag gemacht: Erste Ballberührung bedeutet keine neue Spielsituation. Jede weitere Berührung der verteidigenden Mannschaft stellt diese her. Wenn Raum also seinen eigenen Spieler anköpfen würde, wäre es danach kein Abseits mehr. Denn dass Raum als Profi seinen eigenen Spieler anköpft, ist praktisch ein technischer Fehler seinerseits.
Das Wichtigste an dieser Regeländerung wäre, dass in 99 % aller Szenen jeder immer sofort wüsste, was Phase ist. Dass man sich als Schiedsrichter nie mit der Frage beschäftigen muss, ob das jetzt gewollt war...
Natürlich würden die Kölner dann jetzt jammern, dass es in diesem Fall zu ihrem Ungunsten geregelt wurde. Und dass sie in 2 Wochen von derselben Regel profitieren, haben sie natürlich nicht auf dem Schirm. Aber wenn man den Fokus etwas weiter einstellen würde, als der gemeine Fußballfan dies kann, würde man dann feststellen, dass vergleichbare Szenen wirklich zu denselben Schiedsrichterentscheidungen führen. Und das ist doch das eigentlich wichtige.
Das ist ja das wirklich frustrierende an der derzeitigen Situation für und um die Schiedsrichter: Die Lösungen wären so einfach: Challenges für die Trainer und eine 5 cm Toleranzzone beim Abseits. Dazu eine einfach und transparente Regelung, wann eine neue Spielsituation entsteht. Diese 3 Dinge würden Wunder für die Akzeptanz des VARs wirken. Sie würden deutlich mehr Konstanz in die Entscheidungen bringen und vor allem die Frage beantworten, wann der VAR denn eingreifen soll, eindeutig und endgültig klären.
Debattiert werden würde hinterher trotzdem immer noch, weil Fußball-Fans halt einfach gerne emotional diskutieren.