Freitag, 3. Januar 2025

Passives Abseits Albumcharts 2024

 Wegen der Tradition und so...

Nebenbei überdenke ich gerade meine Arbeitsweise. Also ich höre die Alben, bis auf die Top 5, in "chronologischer Reihenfolge", schreibe die "Review" und sortiere die dann ein. Das könnte beim Lesefluss auffallen, weil ich vielleicht auf Dinge Bezug nehme, die erst noch kommen. Und wie immer ist es am Ende wichtiger, dass mir das Album dieses Jahr über den Weg gelaufen ist, und nicht, dass es wirklich dieses Jahr rauskam. Das erste Album ist... acid.milch&honig.

Und ja, ich hab in der letzten Woche etwa 38 Alben durchgehört, die für mich zu sortieren... Trotzdem habe ich noch "Honorable Mentions: Tyna's PNK ist noch zu neu im Plattenregal. Genau so wie das "Ich bleibe nicht hier" Album von Deine Cuisine. Die bringt nächstes Jahr ein neues Album raus, deswegen werde ich das "aktuelle" nicht mehr in die Charts einfügen. Tanner Adells Buckel Bunny ist diese neue, selbstbewusste Country Musik, die Beyoncé inspiriert hat und alte, weiße Männer überfordert. Es ist aber auch nur eine EP und deswegen etwas zu kurz, um hier aufzutauchen. Freekinds "Good News" ist ebenfalls "nur" eine EP... aber vertraut mir, wenn ich euch sage, dass es sich lohnt, sich dafür einen Schallplattenspieler zu holen, weil es dieses Werk ausschließlich auf Vinyl gibt. Dota und Dan's De Repente Fortaleza ist halt eher eines dieser Zwischenprojekte als ein richtiges Album. Und es wäre leichte, diese Platte einzusortieren, wenn ich portugiesisch könnte. Spax's "Engel und Ratten" war das beste Hip Hop Album des Jahres... 2003. Aber geil, dass es ein Rerelease gab, da ich die Platte zwischenzeitlich mal verkaufen musste.

Platz 40: Antonia Hausmann - Teleidoscope: Ein Jazz-Album muss halt in die Charts. Und das Antonia Hausmann Album kann man schlecht hinten runterfallen lassen. Schließlich war sie still und heimlich schon viel zu oft in den Albumcharts vertreten. Hauptsächlich als Teil von Karl die Große. Aber eben auch Teil der Liveband von Clueso. Oder bei Fatoni. Oder, oder, oder. Wenn man die Linar Notes deutscher Alben liest, stolpert man häufiger über diesen Namen. Wenn man eine Posaune braucht, ruft man bei Hausmann an... oder so. Das Album selber sind halt klassische Jazz-Kompositionen, die genau um diese Posaune aufgebaut wurden.

Platz 39: Ant - Collection of Sounds Vol. 1+2: Normalsterbliche so: Braucht man wirklich 2 Instrumental-Alben von Ant, wenn man bereits 36 Atmosphere, 15 Borther Ali Vinyls und die gesamte Felt-Collection hat? Also in der Summe deutlich über 50 Platten mit Beats von diesem Mann? Ich so: Volume 3 kommt im Januar!!! Die Platten bestehen im wesentlichen aus Beatskizzen, die man wunderbar zum Freestylen nutzen kann. Zumindest will ich mir das einreden, damit nicht nur mein Sammlerherz was von der Platte hat.

Platz 38: DJ Stylewarz - Hall of Fame: Stylewarz ist und bleibt halt eine Oldschool Legende. Der letzte DJ vom Alte Schule Sampler, der wirklich noch aktiv ist. Und der alle paar Jahre seine Freunde einlädt und ein neues Album raushaut. Für die wirklichen  Highlights sorgen dann Umse auf "Family Biz" und Ferris MC auf "Hall of Fame". Dazu kommen 3 reine DJ Tracks in denen Stylewarz beweist, dass er immer noch scratchen kann, auch wenn er die Schallplatten längst durch Laptops ersetzt hat... weil halt auch ein Oldschooler auf Nachhaltigkeit setzt.

Platz 37: Get Jealous - Casually Breaking Hearts: Das ist dann der erste Eintrag aus der Kategorie: "Das wird ja immer rockiger hier!" Isso. Ich fühle mich halt mittlerweile bei jungen und aufstrebenden (Punk)-Rocker*innen wohler, als bei der neusten Hip Hop Generation. Das ich mich vom Hip Hop entferne, ist keine ganz neue Erkenntnis... dass ich mittlerweile auch lieber bei Punk bin, irgendwie schon. Was man diesen Charts anmerken wird. Das Konzept hier ist denkbar einfach: Harte Gitarren auf einfachen Drums. Dazu kommt die Verarbeitung der Genderdysphorie von Leadsängerin Otto. Was auch am Ende zum stärksten Song des Albums führt.

Platz 36: Ätna - Lucky Dancer: Wahrscheinlich ist dies das Album, welches in einem Jahr am weitesten nach oben verschoben werden muss. Denn ich muss ganz ehrlich zugeben: So richtig verstehe ich es noch nicht. Das war aber bei Ätna Alben immer so und dieses ist noch relativ neu in der Playlist. Ätna sind immer noch Inez am Gesang und Demian am Schlagzeug. Dazu jede Menge Effekte und Synths. Es ist aber auch kein Zufall, dass ich die beiden bereits 2 Mal mit einem Orchester auf der Bühne gesehen habe. Denn die Alben sind echt komplex, da kann man mit dem großen Besteck einiges rausholen. Aber die beiden haben Musik auch an der Uni studiert.
Das neue Album ist atmosphärischer als die alten Sachen. Es gibt mehr Flächen und weniger Tanzmusik. Das fiel mir vor allem auf, als Live dann endlich "Trick by Trick" gespielt wurde. Da dachte sich die Menge: Das sind die Bänger, für die ich Eintritt bezahlt habe. "My first high" ist bis jetzt mein Lieblingssong, weil da das Schlagzeug richtig kickt. Inez Stimme funktioniert für mich auf "Hiatus" am Besten.

Platz 35: Endless Wellness - Endless Wellness: Dieses Album lässt sich relativ schnell zusammenfassen: Wenn man sich mit der markanten Gesangsstimme von Philipp Auer anfreunden kann, findet man hier eine sympathische Band. Was halt auch irgendwie unfair ist, weil wir hier auch wirklich von einer Band reden. Dennoch kann man schon nach dem Opener "Donnerwetterblitz", der nur mit Gitarre und Stimme beginnt, feststellen, ob das was für einen ist. Die Kompositionen werden auf dem Album auch gerne durch Streicherarrangements erweitert. Heraus kommt ein Album, das zu sanft für Rock ist, aber zu komplex ist, um als Pop durchzugehen. Das nennt man dann wohl "Alternativ und Indie"... Die Texte lassen sich am ehesten mit AnnenMeyKanterei vergleichen: Also man weiß nicht wirklich, ob das jetzt tiefgründig und lyrisch oder doch einfach nur sinnlos ist. "Hand im Gesicht" ist da das perfekte Beispiel: Ich hab den Text bis jetzt nicht wirklich verstanden, aber er hat halt eine Geralt von Rivia Referenz, deswegen suche ich weiter... Aber am Ende erwische ich mich immer wieder, wie ich bei "Danke für alles" mitsinge: "Wir haben heute nichts versäumt, das waren die Eltern." Funktioniert also zumindest für mich.

Platz 34: Marsimoto - Keine Intelligenz: Vor Jahren habe ich ja mal behauptet, dass Marsi das kreativere Alter Ego von Marteria ist. Mittlerweile ist das irgendwie vorbei. Denn Marsi macht irgendwie das, was er halt immer macht: mit seiner hochgepitchten Stimme über ausproduzierte Beats rappen. Mal, wie auf "Heile Welt", "Washington PC" und "Das Gehirn" mit besser funktionierenden Ideen. Aber auch mit viel Durchschnitt. Am Ende ist es einfach auch Zeit, dass sich der Marsianer von diesem Planeten verabschiedet. War eine Geile Zeit, aber wirklich was neues kommt da nicht mehr.  

Platz 33: Borislav Slavov - Baldur's Gate 3 Soundtrack: Falls ihr es verpasst habt: Baldurs Gate 3 ist das beste Spiel aller Zeiten. Ein wahrer Gamechanger einer kleinen Indie Firma, welches letztes Jahr so ziemlich alles Platt gemacht hat und den großen Firmen verdeutlicht hat, dass man sehr Wohl erfolgreich sein kann, wenn man Detailliebe anstatt Micro Transactions liefert. Mitten in diesem Spiel kommt dann in einem der wichtigsten Kämpfe dieser Schatz als Hintergrund Musik. Und obwohl man Ewigkeiten an dem Kampf sitzt, wird der Song auch nach 30 Minuten in der Endlosschleife nie langweilig. Nachdem ich dann mit dem Spiel durch war und alle alten Gefährten von Baldurs Gate 2 umgebracht habe, wollte ich Larian Studios unbedingt noch etwas Geld geben... also bestellte ich die Limited Edition Vinyl, nur um diesen einen Song zu besitzen. Als sie nach einem halben Jahr endlich ankam, musste ich kurz darüber nachdenken, ob ich sie nicht eingeschweißt lassen soll... weil die Platte laut Discogs seinen Wert verdreifacht hat und damit eine verdammt gute Wertanlage ist... Ich wollte aber Raphaels Final Act mindestens ein Mal auflegen. Der Rest des Albums besteht aus einigen "Barden Hymnen" und ganz viel atmosphärischer Musik.

Platz 32: Textor - So tun als ob: Was soll man dazu schon groß sagen, außer: Textor taucht halt alle 4 Jahre aus der Versenkung auf und tut dann Textor-Dinge. Ob jetzt mit seinem langjährigen Partner Quasimodo als Kinderzimmer Productions, oder jetzt wieder Solo. Danach spielt er 5 handverlesene Konzerte und verschwindet wieder in der Versenkung. Die Frage, ob Textor dabei ein guter MC ist, der die ganzen komischen Dinge, die er so macht, mit Absicht einbaut, oder ob er eben einfach kein guter MC ist, wird nie final beantwortet werden. Das ist mittlerweile aber auch egal. Ob es wirklich Sinn ergibt, sich zu Fragen, was der Philosoph Andi Brehme dazu sagt, wird auch nie final geklärt werden.. Da hat jemand seine Nische gefunden und macht einfach nur sein seltsames Ding. Wer es mag, wird all die Alben lieben. Wer schon mit den alten Sachen nichts anfangen konnte, wird jetzt nicht plötzlich den Aha Moment erleben und Fan werden.

Platz 31: Klan - Das Ende der Welt: Das soll das letzte Klan Album werden. Sie haben ja auch alles erreicht, was von ihnen erwartbar war: Popmusik mit guten deutschen Texten. Dem Album hört man deutlich an, dass die beiden Brüder schon vorher der ersten Note wussten, dass es ihr Abschied werden soll. Da wurde noch einmal "vollgetankt" und Gas gegeben. Die neue Welt ist schon bestellt, aber man wartet vergeblich auf den Postboten. Gefühlt gab es auf dem Jaaaaaaaaa! Album mehr politischen Inhalt, aber wenn man sich verabschieden will, muss man sich wahrscheinlich auch mit sich selbst beschäftigen. Als letzten Track gibt es dann ein "war schön mit euch." Das kann man so stehen lassen.

Platz 30: Mal Élevé & Osy - Amour Résistance: Mal Élevé ist und bleibt ein unverbesserlicher Optimist. Seit 20 Jahren kündigt er die kommende Revolution an und liefert weltweiten Widerstand. Jetzt halt im Namen der Liebe. Und mit dem wesentlich jüngeren Osy als neuer Partner in Crime. Live reißen die beiden immer noch alles ab. Auf den Alben passiert genau genommen wenig neues: Man träumt von einer anderen Welt, solidarisiert sich mit den Antifaschisten und redet nicht mit Polizisten und fordert mit Rio Reiser Referenz zum Häuser besetzen auf. Das ist halt einer dieser Künstler, bei denen die Haltung wichtiger ist, als die musikalischen Details.

Platz 29:Smile - Price of Progress: Das eine wirklich schlimme an einer Fußball-EM in eigenem Land ist ja, dass das restliche kulturelle Leben noch mehr zum Erliegen kommt, als das im Sommer sonst der Fall ist. Und auch wenn sie sich bei der Fan Meile in Leipzig mit den Live-Acts wirklich viel Mühe gegeben haben: Nach 2 Wochen habe ich einfach die stickigen und engen Clubs vermisst. Also bin ich zu Smile in die Ilse. Einfach nur, um wieder ein Clubkonzert zu sehen. Und als die Leadsängerin dann zum Auftakt durch die Crowd ist, wurde mir wieder bewusst, dass sich der ganze Schweißgeruch doch lohnt.
Das Album selber wird durch den buchstäblichen Sprechgesang geprägt. Umgeben werden die von robusten Gitarren, was dem ganzen einen eher psychedelischen Post-Punk Vibe gibt. Wirklich absurd wird es dann, wenn eine Amerikanische Sängerin dir erklärt, was ein "Herrengedeck" ist.

Platz 28: the Sensitives - Patch it up an go!: Die 3 spielen reinsten Punkrock: Schlagzeug, Gitarre und Bass. Dazu eine männliche und eine weibliche Gesangstimme. Viel mehr brauchen die nicht. Sie sind deutlich schneller und härter als Smile. Wie sich das für ordentliche Punk Musik gehört, passiert musikalisch auch nicht viel, aber die Energie ist schon ansteckend. Das ist halt Musik, zu der man live pogen sollte. "If only I could learn from my mistakes, I'll be an expert now" ist eine dieser einfachen Lebensweisheiten, die man so wunderbar zu Musik machen kann. Genau so wie "All I ever needed to live, was something to die for."

Platz 27: Ami Warning - Auszeit: Im Gegensatz zu all den meisten anderen Alben, leidet dieses Exemplar unter dem Nachteil, dass ich die Tour nicht Live sehen konnte... weil die Konzerte tatsächlich ausverkauft waren. Was ihr aber auch einfach zu gönnen ist. 10 Jahre nach ihrem Debüt Album hat sie den Schritt von der Vorband zum Headliner der eigenen, ausverkauften Tour gemacht. Ami Warning ist nebenbei auch eine dieser Künstlerinnen, die selbst bei Festival- oder Vorband-Auftritten mit gekürzter Zeit immer mal wieder ins Publikum fragt, was sie denn jetzt spielen soll.
So viel verändert hat sich aber gar nicht. Die Produktion ist etwas Bandlastiger, aber im Wesentlichen ist es immer noch eine warme Gesangsstimme und die Gitrarre, die das Album prägen. Das Highlight ist dann, wie häufig, der Titeltrack. Fatoni klärt im "war dabei" dann, ob das jetzt unter "Singer/Songwriter" oder R'n'B läuft: es featurerd ein Rapper, es muss also R'n'B sein... "Liebe ist laut" verdeutlicht, wie gut sich Mola und Ami ergänzen.

Platz 26: Karo Lynn - a line in my skin: Die wohl teuerste Erkenntnis des Jahres war ja, dass zumindest ich nicht wirklich Geld spare, wenn ich bei Konzerten auf der Gästeliste stehe. Das bekomme ich mittlerweile nämlich relativ häufig hin... nur kaufe ich dann 1 bis 2 Platten von Bands, die ich sonst nie kennengelernt hätte. Das erste Mal passierte mir das bei Karo Lynn, wo ich direkt beide gekauft habe. Andere Beispiele wären Polis, Florian Paul und die Kapelle der letzten Hoffnung, Josh und Hayiti. Um die "Moritzbastei Honorable Mentions List" auch abzuharken.
Karo Lynn macht jedenfalls eher düstere Popmusik. Also ich würde am ehesten die Tuvaband als Referenz, die keiner versteht, angeben. Der Sound ist eher düster, die Texte schwanken zwischen melancholisch und abstrakt. Mein persönliches Highlight ist der "are you shaking, or am I?" Part auf It's breaking the ice. Den gibt es aber online nur in der Akkustik Version, welches den elektronischeren Klang des Albums nicht wirklich repräsentiert. Deswegen wird der Titelsong auch noch verlinkt.

Platz 25: acid.milch&honig - acid.milch&honig: Oder so. Wie heißt das Ding eigentlich? Discogs behauptet: Genau so. Und eigentlich gehört es noch in die letzten Charts, weil auf dem Album 30.11.23 steht... Anyhow: Der Typ ist ein Leipziger Elektropunk Mysterium. Also der war irgendwie immer präsent, aber nie wirklich da. Man lief sich immer wieder bei der einen oder anderen Live Eskalation über den Weg. Diese Liveauftritte arten auch gerne in Elektro Cover Versionen "beliebter" Popsongs aus. Gerüchte über ein Album gab es schon vor 10 Jahren, aber dass es wirklich fertig werden würde, war zu bezweifeln. Bis zur Release Show an eben dem 30.11.. Hat sich das Warten gelohnt? Wenn man auf Elektropunk mit dämlichen Texten steht, schon. Aber eigentlich ist das eher ein Live-Ding. Ganz nach dem Motto: "Wir machen hier alles kaputt!" Wenn man den Panzersong mag, mag man auch den Rest, wenn nicht, dann brauch man das Album auch nicht...

Platz 24: FeurigseinPeter - Punk Revolution: Wo wir gerade schon bei Leipziger Subkultur waren: Ich dürfte der einzige Mensch auf der Welt sein, der dieses Album gekauft hat... weil ich Spotify konsequent verweigere und dem Gitarristen 5 Euro in die Hand gedrückt habe, damit er mir die MP3s schickt. Die wurden dann garantiert in Sterni investiert. FeurigseinPeter ist halt dann halt reiner Punk. Da gibt es also genügend Trinklieder, um Alben zu füllen. Aber mit Regenauf Asphalt liefern sie ein überraschend melancholisch/politisches Lied ab... was dann natürlich am wenigsten abgespielt wird. Und mit "Schwurbelfrei" eine leider viel zu nötige Hymne gegen Querdenker und Nazis. Oh und da bin ich kurz im Video zu sehen, das ist dann nach dem Chor im "Akustisch und Live" von 100 Kilo Herz die nächste "Cameo"...

Platz 23: Sobi - Beloved Child: Aus der "Ich bin da ins Konzert gestolpert, weil ich nix zu tun hatte" Kategorie kommt die Beloved Child Platte von Sobi. Man kann ja auch mal die kleinen Siege des Lebens feiern, anstatt sich mit den ganzen Problemen zu beschäftigen. Ist auch viel gesünder. Dieses Album strahlt eine gewisse Zufriedenheit und Geborgenheit aus, die man in der kommerziell ausgelegten und erfolgreichen Musik einfach nicht findet.

Platz 22: Grossstadtgeflüster - Das Über-ICKE: Das ist eine von diesen Bands, die ich ewig so halb auf dem Radar hatte, bei denen der Funke nicht wirklich überspringen wollte. Auch wenn es mehr nach vorne geht, ist die Band ähnlich wie Mine: Einzigartiger, fetter Sound und gute Texte. Nur halt eher für den Club, als fürs Heimkino. Und die Texte sind oftmals eher albern. Neu ist halt, dass diese Textideen bei mir besser klicken, als auf den "alten" Alben. Dafür habe ich mich selber ein Mal zu oft fragen hören "Wo ist das Ketchup?" Und natürlich habe ich die AGBs keine Gültigkeit, weil ich die gar nicht les'.

Platz 21: Marie Curry - Cameo: Ich bin ein wenig verwirrt, weil die Frau ein straightes Hip Hop Album rausbringt. Denn "Alles groß" vom letzten Neonschwarz-Album war ja eher ein angesungener Song. Und dieses Ding soll das Solo-Projekt ja getriggert haben. Aber am Ende ist es die Vollendung der Wandlung von der Chorus-Gesangsstimme zur guten Rapperin. Nicht überragend, aber gut genug, um ein halbstündiges Soloalbum zu tragen. Das hätte ich, ganz ehrlich, nach den ersten Neonschwarz Alben nicht erwartet. Dass der Name der Band jetzt schon zum Zweiten Mal fällt, zeigt aber das große Problem dieses Albums: Diese Band ist zusammen deutlich besser, als ihre Einzelteile. Sie ergänzen sich einfach, also fehlt bei so einem Solo-Album etwas. Trotzdem bleibt ein sehr solides Solodebüt mit klarer feministischer Kante. Wer eine Janelle Monaé Referenz einbaut, ist bei mir immer beliebt. Außerdem kommt das Album mit dem Gütesiegel des einzigen Millie Dance Part des Jahres. 

Platz 21: Chloé - Trouble in Paradise: Chloe legt direkt ihr zweites Soloalbum nach. Da ich mit dem letzten Album nicht so wirklich warm geworden bin, komme ich damit sehr gut klar. Trouble in Paradise gefällt mir persönlich besser, weil endlich wieder vernünftig gesungen wird, anstatt auf das Ciara-sques minimalistischeren Sprechgesang zu setzen. Chloe hat ja die Range, und das zeigt sie jetzt endlich auch wieder. "Strawberry Lemonade" geht verdammt gut ins Ohr. "Nice Girls finish last" ist herrlich versaut. In "Roses" geht es nur um Selbstbefriedigung. Wenn sei dann ein "Stupid Motherfucker" raushaut, hat das einfach eine ansteckende Energie.

Platz 20: Nichtseattle - Haus: Heute in der beliebten Serie "Absurde Konzeptalben": Wir nennen das Album Haus, bauen das Artwork um ein Zelt auf, das an verschiedenen Orten aufgestellt wird, und geben dann jedem Song einen zusätzlichen (Titel), der sich auf ein Haus bezieht. Und die Vinyl kommt natürlich mit einer H-, einer A-, einer U- und einer S-Seite. Fertig ist die Grundidee von diesem Album. Geprägt wird es durch wirklich komplexe Kompositionen. Auf diesem Song sind die "kürzeren Lieder" 4 Minuten lang. Dass der Name für dieses Projekt eine Tocotronic Referenz ist, ergibt auch Sinn, denn die Texte orientieren sich schon am Anspruch dieser Band. Man muss wirklich in die Platte reinhören, um sie halbwegs zu verstehen. "Frau sein" dreht sich darum, was dies für verschiedene Generationen bedeutet... und beginnt mit einem "Ich will das nicht!" und endet mit einem "Ich mach das nicht!" Auf "Beluga" alleine passiert inhaltlich mehr, als auf manchen Hip Hop Alben der Neuzeit. Das ganze endet dann in einem "Ich bin immer soo fleißig/ und trotzdem: irgendwie reicht's nicht."

Platz 19: Ferris MC - Mortal Comeback: Damit, dass Ferris im Jahr 2024 nochmal ein tightes und reifes Album abliefert, hätte wohl niemand gerechnet. Also inklusive Ferris selbst, denn wenn man so grob über seine Biographie und seine Drogenexzesse geht, ist es schon eine Überraschung, dass der überhaupt noch lebt. Und auf Einklang beginnt er dann mit "So fühlt sich die Welt clean an." Gerade bei dem Text merkt man, dass Ferris selber nicht so wirklich glauben kann, dass er angekommen ist. Auf die Exzesse und das Gelaber hinter seinem Rücken versucht der sucht der "Freak" jetzt mit einem Lächeln zurückzuschauen. Auf "28325" schaut er auf Bremen Tenever als seine Urkatastrophe zurück, hält aber auch fest, dass dies Vergangenheit ist. Dem Mann geht es mittlerweile gut und as hat er sich verdient. Dafür musste er halt auch das eine oder andere "Trauma" verarbeiten. Faszinierenderweise kommt Ferris auch 2024 mehr über die Stimme und die Attitüde, weniger über die Technik und die Reime... nur ist die Attitüde mittlerweile "Familienvater" und nicht mehr "Assi".

Platz 18: 3% - Kill The Dead: Das Highlight der letzten Nachmittagssession im legendären Molotow waren diese 3 Rapper aus Australien. Die Wut und die Haltung erinnern an Public Enemy, nur halt ohne den schon immer eher nervigen Flavor Flav... Und dem Fakt, dass es schon nach 2024 und nicht nach 1988 klingt. BnP! Der Name der Band bezieht sich darauf, dass nur noch 3,8% der australischen Bevölkerung Aboriginals sind. In dem Album geht es dann hauptsächlich darum, wie beschissen mit denen umgegangen wird. Die wollen doch nur ihr Land zurück. Und beschweren sich darüber, dass viel zu viele von ihnen im Knast sitzen. Das wird natürlich komplett untergehen, weil sich niemand für die Probleme der Australischen Ureinwohner interessiert. Das Album sollte aber genau deswegen gehört werden.

Platz 17: Adam Angst - Twist: Wie geht man am Besten mit beschissenen Wahlergebnissen um? Kurzfristig, indem man sicher stellt, dass man für den Abend ein Punkrock-Konzert-Ticket hat. Denn gerade wenn die Rechten an die Urnen marschieren, hilft es, sich auf linksgrünversiften Konzerten daran zu erinnern, dass man doch nicht alleine ist. Und ja, genau so bin ich zu Adam Angst gestolpert. Ich suchte... "eine Lösung für deine Probleme." Twist ist nebenbei ein wirklich treffender Albumtitel, denn viele Songs kommen tatsächlich genau mit einem Plot Twist. "Unter meinem Fenster" behandelt das mir viel zu bekannte Problem, dass man eigentlich gar nicht mehr an die Tür gehen will, wenn es klingelt, weil dieser Knopf eh nur von Menschen benutzt wird, die man nicht sehen will... Nur um am Ende zu hoffen, dass doch noch jemand klingelt, wenn man irgendwann alt ist. "Mindset" wirkt im Chorus einfach nur wie eines dieser "Jetzt bitte durchdrehen" Live-Stücke, geht dann aber um toxische Influencer und Life-Coaches, die dir einreden, dass du ihnen dein Geld geben musst. "Wir sind zusammen" beginnt eigentlich wie ein schönes Liebeslied... wird aber ein Anti-Lead, indem es darum geht, wie nervig es ist, wenn andere dieses "Nein wir sind zusammen!" raushängen lassen. Es endet in einem "Seit ihr eigentlich ein Paar? NEIN, wir sind zusammen!" "Range Rover" ist dagegen relativ straight um die Wohnungssuche in Großstädten und Gentrifizierung... was halt ein immer wichtiger werdendes Thema ist, das jetzt auch in der Musik ankommt. Großartiges Songwriting. Und damit kriegt man mich immer.

Platz 16: Lola Young - this wasn't meant for you anyway: Gut, dass wir das vorher geklärt haben. Ich hoffe, es ist OK, dass ich es trotzdem feiere. Oder gerade deswegen. Meine Vorliebe für britische Sängerinnen, die mir beim Reeperbahn Festival über den Weg laufen, dürfte weitläufig bekannt sein. Das Debütalbum von Brooke Combe ist schon fast im Versand. Celeste und Jox Crooks müssen mal ihr 2. Album nachlegen. Bis dahin muss Lola Young übernehmen. Die ist tatsächlich schon bei ihrem 2. Album. Und das ist um einiges rotziger und punkiger, als das eigentlich zu erwarten war. Ihre Lieblingsvokabeln, neben dem obligatorischen "I", dürften "cunt" und "fuck" sein. Der Rest wird mit "wish you were dead" aufgefüllt. Das fasst die Grundstimmung, die sich durch das Album zieht, ganz gut zusammen. Da musste jemand ganz dringen Frust abbauen und das kann dann auch mal "messy" werden. Ob das ein Außreißer ist, oder ihr Vorgängeralbum "My Mind Wanders and Sometimes Leaves Completly" auch so derbe ist, kann ich noch nicht beurteilen, es steht halt noch eingeschweißt vor dem Plattenregal. Aber das aktuelle Album ist so gut, dass ich ohne reinzuhören den Vorgänger, den ich bei Release irgendwie verpasst habe, gekauft habe... Auch nen Qualitätsurteil.

Platz 15: Reinhard Mey - Nach Haus: Es ist für mich praktisch unmöglich, Reinhard Mey sachlich einzuordnen. Das ist halt meine Urkatastrophe. Der erste Musiker, den ich jemals bewusst gehört habe. Und damit werde ich auch nie aufhören. Da der ein für Musike biblisches Alter erreicht hat, ist jedes Album und jede Tournee ein Geschenk. Dass der Mann sich als Ü80-jähriger 16 Tage am Stück alleine auf die Bühne gestellt hat, um 2 Stunden Konzerte zu geben, ist völlig absurd...
Aber anderseits ist seine beste Zeit lange vorbei. Die absoluten Highlights der frühen 90er Jahre hat er schon lange nicht mehr erreicht. Trotzdem schafft es immer noch kaum jemand, so feinfühlig und präzise mit der Sprache umzugehen, wie Reinhard Mey. Der ist halt der beste deutsche Lyriker seit Goethe, da bleibe ich bei.
Dieses Album ist dann tatsächlich wieder politischer. Also explizit politischer, den linksgrünversifte Gutmenschenmusik war das ja immer. Was im Endeffekt damit begann, dass er sich auf seiner Homepage von all den Spinnern distanzieren musste, weil die seine Lieder missbrauchen wollten. Aber auch ein Reinhard Mey muss sich halt damit beschäftigen, dass sein totaler Pazifismus in Zeiten des Ukraine Krieges an seine Grenzen kommt. Krieg im allgemeinen ist auf dem Album sehr präsent. Sei es auf explizit "Verschollen" und "Black and White 1945", oder zwischen den Zeilen auf "Questo tavolo non sie vende". Dort bekommt Reinhard einen nicht zum verkauf stehenden Tisch geschenkt, weil er sich die Lebensgeschichte dieses Tisches anhört. Der Höhepunkt des Albums ist definitiv "Zwischen Kontrollpunkt Drewitz und der Brücke von Dreilinden". Hier beschäftigt er sich mit der Wendeeuphorie und der dann einsetzenden Enttäuschung. Da das ein kompliziertes Thema ist, braucht er halt seine 7:39... Das sind genau die Texte, die nur ein Mey schreiben kann. Bei der positiven Schlussnote bricht dann doch nochmal der unverbesserliche Optimist auf.
Auf "Lagebericht" kommt der dann nicht mehr zum Zug. Da zeichnet er dann für den 21.12.2042 genau den Lagebericht, den die "nicht mehr" Letzte Generation kommen sieht, den aber alle Politiker ignorieren. Auf "Misere mei" setzt er sich demonstrativ auf die Anklagebank der Tiere und seziert, wie unwürdig Massentierhaltung ist. Es ist aber nicht alles düster und politisch. Auf "Zwei Musketiere" schwelgt er mit leicht beschwinglich mit seinem alten Partner in Crime Hannes Wader in Erinnerungen. Und Liebeslieder kann er auch immer noch schreiben. 

Platz 14: Soko LiNX - Auf die Fresze. Fertig. Los!: Ja, eigentlich sollte das aktuelle Album "Blosz kein Stress" stehen. Aber das habe ich erst vor wenigen Tagen gekauft. Bei der Lebensfeier für meinen leider viel zu früh verstorbenen Kollegen Karsten Kriesel hatten die nur ihr Debütalbum dabei. Deswegen wird dieses Album immer einen besonderen Platz in meinem Schrank finden.
Das Debüt Album ist, im vergleich mit dem neueren Werk, Electro-lastiger. Aber im Kern immernoch Punk. Sie sind irgendwie der geistige Nachfolger von Supershirts "Punk ist, was du draus machst." Und sie haben einen konkreten Plan, wie man die Wirtschaft ankurbelt: "Vandalismus schafft Arbeitsplätze!" "Tu nicht, was du auch laszen kannst" ist ja mein eigentliches Lebensmotto. "Stiefmütterchen" war Karstens Lieblingslied und kickt deswegen live nochmal ganz anders. Und die jeweiligen Enden der "Muszichnich" Strophen (mit einem großartigen Gastbeitrag von Yetundey) sind herrlich.
Das neue Album ist dann weniger Elektro und mehr Punk... und wird hier dann nächstes Jahr auftauchen.

Platz 13: Rachel Chinouiri - What A Devestating Turn of Events: Der traditionelle Preis für die "Britische Newcomerin des Jahres " geht dieses ja an Rachel Chinouiri. Die orientiert sich aber weniger am Soul und Jazz, sondern an den Brit Pop Ikonen der 90er Jahre. Die Musik ist dementsprechend schneller und härter als der ihrer Vorgängerinnen. Es ist aber wesentlich poppiger als das 2. Album von Lola Young. Inhaltlich orientiert es sich aber schon an den schweren Themen, die auch eine Joy Crookes aufgreift: Rassismus, Armut und Depressionen Der Titeltrack beginnt mit einer harmlosen Romanze und endet in einer ungewollten Schwangerschaft und Selbstmord. In "Robbed" wird dann der Verlust zu früh von uns gegangenen Menschen verarbeitet. "It is, what it is, what it is is a problem." Es fasziniert mich immer wieder, wie die jungen Britinnen schon früh in ihren Karrieren diese heftigen Themen angehen. Aber natürlich kann Rachel auf "All I ever asked" auch ganz entspannt über gebrochene Herzen singen.

Platz 12: Dominique Fils-Aimé - Our Roots run deep: Letztens hatte ich ein interessantes Gespräch mit meiner Kollegin. Die frage mich, wie ich überhaupt neue Musik kennenlerne, wenn ich Spotify und dessen Algorithmus nicht nutze. Denn das ist ja echt gut, um sich neue Musik vorschlagen zu lassen. Meine Antwort war: "Ich gehe halt auf Konzerte und gucke mir da alles an. Wenn es mir gefällt, kaufe ich die Platte." Sie dann so ungefähr: Aber das ist ja total begrenzt auf Leipzig und vielleicht noch Hamburg. Das engt dich doch total ein. Ich so: Ich gehe halt ein mal im Jahr aufs Reeperbahn-Festival, da kommt Musik aus der ganzen Welt vorbei. Da finde ich jedes Jahr mindestens eine Kanadierin, die ich mir hinterher zulegen muss. Letztes Jahr war das Storry. Dieses Jahr geht der Titel "Candadian of the Year" an Dominique Fils-Aimé. (Platz 2 geht an Baby Rose). Die Frau pendelt zwischen klassischer Soul und Jazz Musik. Her roots indeed run deep. Sie nutzt ihre Stimme (auch live über den Looper) oftmals auch als Sample und Rhythmusinstrument. Dazu kommt dann noch minimal Instrumentierung. Dass die Trompete sich wirklich in den Vordergrund schleicht, bleibt auf "Give me a reason" die Ausnahme. Aber die Stimme ist auch gut genug, um das herzugeben. Inhaltlich versucht sie, trotz der schwierigen Zeiten und großen Probleme, Hoffnung und Optimismus zu verbreiten.
Fils-Aimé ist dabei aber keine junges, aufstrebendes Talent, sondern dies soll der Auftakt ihrer 2. Trilogie sein. Vielleicht hätte mir Spotify das schon vor 10 Jahren vorgeschlagen... aber alles zu seiner Zeit.

Platz 11: Mine - Baum: Da muss ich erstmal zugeben, dass ich Mine tatsächlich Jahrelang unterschätzt habe. Also klar, dass die "gut" ist, stand immer fest. Einen einzigartigen Sound, den man auf den ersten Takt erkennt. Eine richtig fette Produktion, mit der in Deutschland sonst keiner mithalten kann. Kreative Texte mit vielen Ebenen... all das waren Dinge, die mir bereits bewusst waren. Aber wie verdammt gut die Gesangsstimme eigentlich ist, fiel mir erst beim Live-Konzert auf... Warum habe ich die letzten Touren eigentlich ausgelassen? (Spoiler: Weil die schon ausverkauft waren, als ich mich drum gekümmert hat.)
Auf Baum beschäftigt sich Mine mit den essenziellen Fragen des Lebens... also mit dem Tod der eigenen Mutter, welcher die Perspektive aufs Leben verändert, auch wenn man "selber Mama" ist. Das gibt dem Album eine größere Tragweite, aber auch eine gewisse Schwere. Aber fest steht: Das ist eine großartige Künstlerin.

Platz 10: Monsters of Liedermaching - Federwisch im Elfental: Die wohl bekloppteste Band des Landes. Theoretisch sind das ja nur 6 Liedermacher, die sich gemeinsam auf die Bühne setzen und ihre Lieder spielen. Und diese Live-Aufnahmen werden dann mitgeschnitten und auf Alben gepresst. Das funktioniert seit über 2 Dekaden. In diesen 20 Jahren war man nur ein einziges Mal im Studio. Diese Konzerte sind dann nicht die entspannten Liedermacher-Abende sondern enden im "Sitz Pogo" und in Saufgelagen. "Glücklich und besoffen sein" halt. Und nach all den Jahrzehnten haben die Jungs auch endlich das "Prädikat Punk"... dank einer veganen Bulette. "Die Hamstereinkäufe schämen sich für dich" ist die vielleicht beste Aufarbeitung der Pandemie...

Platz 9: Moop Mama x Alice - Wieder Laut: In den 7 Jahren seit dem großartigen "Ich" Album hat sich bei Moop Mama einiges getan. Das offensichtlichste ist, dass sich Keno als Stimme verabschiedet hat, aber auch an den Bläsern hörten einige auf. Unter anderem Marcus Kesselbauer, der für die Arrangements verantwortlich war. Das sind schon krasse Veränderungen, insofern ist es nachvollziehbar, dass auf "Alles am Weg" erstmal die Frage geklärt wird, wie es überhaupt weitergehen soll und kann. Technisch gesehen sind das hier auch 2 nacheinander entstandene EPs und nicht ein Album. Deswegen endet die erste Vinyl auch mit einem "Outro". Teil 1 merkt man noch an, dass sich die neue Konstellation erst noch finden muss. Aber das war ja bei Keno auch nicht anders. Aber auch auf dieser Platte finden sich mit "Bildet Banden" und "Taub" schon echte Bretter. "Ich hab ein Recht auf Bassmassage!" Und Bässe können die Bläser von Moop Mama halt wie kaum eine andere Band.
Auf der 2. Vinyl fühlt sich gerade die Sängerin Alice wesentlich wohler. Das merkt man am deutlichsten beim Chorus von "NPC" und dem Call and Response Strophen von "Ich halt das nicht mehr aus", die gerade Live extrem gut wirken. "Nie wieder" fängt mit dem ehrlichen Eingeständnis an, dass man eigentlich keinen Bock drauf hat, auch ein politisches Lied zu spielen... ist nie wieder schon wieder viel zu nah. Ein viel versprechender Start in eine neue Moop Mama Ära.

Platz 8: Brother Ali & Unjust - Love & Service: Brother Ali ist technisch immer noch absurd gut. Kaum jemand bringt komplexe Themen so konkret auf den Takt, ohne auch nur ein Mal einen Reim zu erzwingen. Das Grundprinzip bleibt weiterhin: "Like give me three minutes and twenty seconds and here's my highs lows joys woes and any pent-up fears." "If it ain’t joy and pain it ain't eligible." "The Collapse" erinnert uns daran, dass wir ganz viel Elend auf der Erde einfach ignorieren und weitertanzen. Als bekennender Muslim nimmt Ali sich aber die Freiheit, sich dabei klar gegen die Politik Netanjahus zu positionieren. Überhaupt ist dieses Album, noch mehr als seine Vorgängerwerke, vom Islam geprägt. Was Ali im aufwändig gestalteten Artwork auch selber anspricht. Genauso wie den Fakt, dass nicht er in "Cadillac" flucht, sondern der Polizist, den er in dem Song zitiert. In dem Song erzählt er, dass sein Stiefvater und er aus dessen Auto gezogen, weil sie Schwarz sind und eine Waffe im Auto vermutet... obwohl Ali ja Albino ist. Während Ali panische Angst hatte, dass er erschossen wird, nimmt sein Vater das eher gelassen hin, weil er das halt auch nicht zum ersten Mal erlebt. Dass man solche Geschichten einfach ertragen und niemanden damit belasten sollte.
Soundtechnisch bewegt sich das Album, wie schon auf Secret & Escapes, weiter weg von dem klaren und hellen Sound von Ant und hin zu dem dumpferen MF Doom-esquen Klang. Für mich als Ant-Groupie ist das immer noch gewöhnungsbedürftig. Es ist ein Album, für das man sich verdammt viel Zeit nehmen muss, aber diese Zeit hat es definitiv verdient.

Platz 7: Max & Joy - Alles Liebe: Falls noch irgendjemand einen Beweis braucht, dass die beiden die Deutsche Version von Jay-Z und Beyoncé sind, liefern die beiden ihre Version von "Everything is love" ab. Und nennen das dann auch noch "Alles Liebe." Max ist eigentlich viel zu gut, um nur noch als Teilzeitrapper aktiv zu sein. Joy ist immer noch die beste Gesangsstimme. Zusammen verarbeiten sie jetzt ihre nicht immer ganz einfache Beziehung. Es ist quasi "Das Wenigste" auf Albumlänge. Und die beiden sind halt verdammt gut. Sie spielen dabei immer wieder mit ihrem größten Hit. Sei es als Querreferenz auf "Ein bisschen mehr als Freundschaft" oder indem sie die Geschichte hinter dieser Pop-Hymne erzählen. Aber auch die Tiefpunkte mit der Zwischenzeitlichen Trennung werden auf 35 Missed Calls aufgearbeitet. Und dazu gibt es natürlich ganz ganz viele Songs, auf denen die beiden einfach nur froh sind, dass sie wieder zusammen sind. Und wie bescheiden es ist, dass die beiden sich trennen müssen, wenn Joy mal wieder auf Tour geht... Denn genau genommen ist Joy mittlerweile die Alphamusikerin der Familie. Sie ist wesentlich aktiver und während Max zumindest Live immer wieder mal die Luft ausgeht, ist sie auch dort noch auf absoluten Spitzenniveau. Trotzdem wird sie auf der nächsten Tour ohne ihren Mann wieder die kleineren Hallen bespielen. So funktioniert unsere Welt halt.
Das Album ist deswegen so gut, weil es so erwachsen ist. Es ist keine naive Glorifizierung der großen Liebe ist, sondern eine realistische Abbildung aller Höhen und Tiefen. Und "Mmina Tau" ist, auch wenn es thematisch nicht so ganz zum Rest passt, ein positives Stimmung verbreitendes Brett.

Platz 6: Kapelle Petra - Hamm: Die wollen ein "mittelmäßiges Leben" führen? Die liefern ein mittelmäßiges Album ab. Bei der Kapelle heißt Mittelmaß aber immer noch: Verdammt gut. Wobei man das kurz eingrenzen muss: Dass "Frühwerk" vor Internationale Hits ist schon anstrengend. Wobei... Aber seit dem die mein Lebensmotto "Geht mehr auf Konzerte" gemacht haben, liefern die nur noch großartige Alben ab. Die Jungs haben die wunderbare Gabe, einfache Geschichten anhand absurder Bilder zu zeichnen. Praktisches Beispiel: Ein Sommerhymne an den "Freibad Pommes" aufzuziehen. Ein Gedicht in Rot und Weiß. "Es war nicht alles schlecht früher" kommt mit dem "Das meiste ist es immer noch" Konter. Und endet mit einer "Deine Schuld" Referenz. Denn es ist ja egal, ob früher alles besser oder schlechter war, wichtig ist, dass wir in der Gegenwart etwas verändern. "Alle dumm! außer ich" endet mit der offensichtlichen Frage "Warum mag man mich trotzdem nicht? "Keine Lieder für böse Menschen" ist dann ihre Abrechnung mit all den unangenehmen Gestalten, die während und nach der Pandemie so zum Vorschein kommen... und der freundlichen Ansage nicht auf ihre Konzerte zu kommen.
Das Album ist kein revolutionäres Werk. Kapelle Petra haben ihre Nische gefunden und fühlen sich dort sehr wohl. Wenn man die anderen Alben feiert, mag man auch dieses hier. Ist doch gut, dass die damals in der Schule gepennt haben.

Platz 5: Spilif - irgendetwas das du liebst: 3 Jahre nach der Debüt-EP mit Rudi Montaire kam Ende 2023 endlich das Album. Und weil ich oftmals etwas länger brauche, kommt es erst dieses Jahr in die Charts. Seitdem ich die Frau das erste Mal auf dem Reeperbahnfestival gesehen habe, hat sich einiges getan. Vor allem fühlt sie sich mittlerweile sichtlich wohler mit der Live-Band im Rücken und auf Band. Auch wenn der Sound weiterhin straight Rap ist. Die Leichtigkeit, mit der Spilif über den Takt fließt, ist faszinierend. Die Texte strahlen einen eher melancholischen, introvertierten Vibe aus. "Wie retroperspektiv wird der Abend sein, wenn der Wein wieder fließt?" Im Titeltrack heißt es dann "Auf der Suche nach dem Sinn sind Nihilisten nie." Sie nennt sich selbst poetisch... und ein "rebellischer Hippie". Spilif ist Österreichs größte Raphoffnung.

Platz 4: Curse - Unzerstörbarer Sommer: Ist Curse der Beste Rapper des Landes? Auf jeden Fall der langlebigste. Es gibt halt kaum jemanden, der 2000 schon tight war und immer noch großartig ist. Dave P von Main Concept vielleicht, aber der kommt als Teilzeitarbeiter "Nur" auf 6 Albem... Und Curse kann von sich behapten, dass er zwischenzeitlich mal ein Popstar war, ohne sich irgendwie zu verkaufen. Können andere MCs auch ähnlich gut flown? Bestimmt. Kool Savas existiert immernoch. Zerlegen auch andere Live ganzen Laden und rappen 2 Stunden ohne Back Up MC durch? Milli Dance kommt nächstes Jahr zurück. Aber all das in einer Person? Kann eigentlich nur Curse. Das beginnt schon mit "Der Stimme." Wenn man er eine einzigartige, markante und prägende Stimme hat, kann man so halt das Album eröffnen. Aber Curse bricht am Ende bei "Die Stimme gehört nur einer Person und die heißt:" das Reimschema: Anstatt mit seinem eigenen Namen zu enden, kommt da ein "Du." "1994" malt das Bild dieses einen perfekten Jugendsommers, den wir alle erlebt haben und hinterher gerne verklären. Und klar, das hat Bryan Adams schon gemacht... aber Rap als Medium gibt Curse halt die Möglichkeit, mehr erlebten Bullshit in den Text zu packen. "Annuaki Flow" halt uns den Spiegel vors Gesicht und verdeutlicht, wie viele Dinge wir aus Bequemlichkeit ertragen. Und "Überdosistee" ist einfach nur absurd gut. Wie er in der ersten Strophe einfach Momente, in denen das lyrische Ich sterben könnte. Nur weil man gut versichert ist, hat das Leben nicht nen Sicherheitsgurt. In Strophe 2 geht er dann Global. Er schafft es dann, weil er sich auf Einzelbeispiele bezieht, das Ende einer jungen unschuldigen Jüdin und eines Kindes aus Gaza gegenüberzustellen... und das so neutral und brutal, dass er in keinster Weise eine moralische Stellung zu den Parteien bezieht, sondern einfach nur festhält, dass Krieg Scheiße ist. Ganz großes Kino.
Mein Lieblingsdetail: 20 Jahre nach "Vielleicht ist auch mein Herz nach dir vor Kälte erfriert" gibt Curse selber zu, dass es eigentlich erfroren heißt. In "Avocado Toast" beschreibt er, dass er mittlerweile wesentlich weniger braucht, als er vor 20 Jahren gedacht hat, um zufrieden zu sein... aber dass er damit auch verdammt zufrieden ist.
Da sind wir nebenbei auch noch nur beim Album. Er hat nebenbei noch ne EP released, für die er die Legenden Aphroe, Cora E. und die Stieber Twins motiviert hat. Und wie die sich die Querreferenzen hin und her werfen, ist einfach großartig. Da merkt man, dass die wirklich die Musik des jeweils anderen feiern.

Platz 3: Enno Bunger - Der beste Verlierer: Ich bin ja heimlich doch Clueso Fan. Also ich höre sehr gerne gute deutsche Texte auf ordentlich ausproduzierter Musik... und das läuft bei der GEMA unter Popmusik. Meine persönlcihe Sonderkategorie heißt: Cluesoig. Enno Bunger ist verdammt cluesoig. Aber ist halt auch die Antwort auf die Frage: Wie wäre es, wenn Clueso richtig viel Inhalt in seine Texte packt. Denn Enno Bunger macht auf den ersten Blick sehr seichte Popmusik, bis man dann auf die Texte hört. Dass ich ihn also nicht mit Dota, sondern mit Clueso vergleiche, ist reiner Sexismus... Der "Weltuntergang" hat uns ja gerade noch gefehlt. Auf "Einfache Leute" heißt es dann "Ich muss durch den Konsum". "Kritik am Kapitalismus, verkauft sich eben schlecht" ist der ultimative Aufdruck für einen Einkaufsbeutel... und dementsprechend ein Pflichtkauf. "Menschenwürde im Konjunktiv, ist das wonach wir streben,." "Ich sehe was, was du nicht siehst" ist eine dieser wunderbaren Depressionshymnen, die man nur wirklich versteht, wenn man daran leidet. Der Rest denkt sich so "Cool, dass du das mal ansprichst." Obwohl die Texte grundlegend von einer Melancholie getragen werden, versucht Enno Bunger trotzdem immer auf einen positiven Abschluss zu finden. Nirgends wird das so deutlich, wie auf "vielleicht morgen, heute nicht!" Sprachlich ist das alles auf einem unfassbar hohem Niveau. Inhaltlich trifft es meinen linksgrünversiften Nerv. Damit ist es für mich die perfekte Kombination.

Platz 2: Beyoncé - Act ii Cowboy Carter: Wie, nicht auf Platz 1? Will da jemand den Beyhive triggern? Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Dies ist das schlechteste Beyoncé Solo Album aller Zeiten. Und sie kann es nicht mal auf Jay-Z schieben... Nun ist "das Schlechteste" immernoch überragend. Es wäre aus meiner Perspektive pure Ironie, wenn sie ausgerechnet dafür ihren Grammy für das Album des Jahres bekommt, den sie seit einem Jahrzehnt verdient hat.
Das lustigste an dem Album: Nachdem sich bei Act I alle gefragt haben, wo die Stimme hin ist, haut sie als Leadsingle "16 Carriages" raus. Und "Blackbiird" mit einigen jüngeren, schwarzen Countrysängerinnen. Act I war einfach nicht das Album für die Stimme, sondern für den Dancefloor, aber die ist noch da. Auch wenn sie nach 2 komplizierten Schwangerschaften nicht mehr an die ganz hohen Töne von "Ave Maria" oder "Halo" rankommt und letzteres aus dem Live-Set streichen musste. Sie ist halt doch nur ein Mensch.
Aporpos Dancefloor: Das ausgerechnet "Texas Hold Em" der Song werden würde, den man dann doch wieder im Club spielt, verwirrt mich. Also so, wie "Break my Soul" die ganzen Partygänger verwirrt hat. Nicht, weil der Song schlecht ist, das ist schon ein Brett. Aber zumindest die DJs in meinem Umfeld haben 20 Jahre lang fast ausschließlich "Single Ladies" und "Crazy in Love" gespielt, weil die Gäste mit "Countdown" überfordert waren. Wenn ihr wissen nebenbei wollt, wie großartig die Stimme immernoch ist: Es gibt eine Acapella Version, auf der man dann erkennt, was sie da alles macht.
Wie schon auf Act I leidet das Album für mich aber unter einigen Längen. Ältere Beyoncé Alben waren einfach kompakter. Aber wenn man sich ein Album lang Zeit nimmt, um sich in diesem Fall mit dem Country Genre auseinanderzusetzen, dann muss das Album halt 80 Minuten lang sein.
Die wirklich Highlights, neben den angesprochenen Powerballaden, sind für mich aber "Ya Ya" und "Spaghettii". Also die Songs, bei denen B einfach das gesamte Genre Konzept über den Haufen schmeißt, auf alle scheißt und komplett durchdreht. Jetzt warten wir alle auf den 14.01. und fragen uns, ob es eine Welttournee oder "nur" Act III geben wird. Oder halt einfach ein neues Parfum... Es wirkt jedenfalls nicht so, als würde die Frau den Fuß vom Gas nehmen wollen. Gut für alle, die auf gute Musik stehen.

Platz 1: Sarah Lesch - Gute Nachrichten: Während Beyoncé mit einem "Country Album" überrascht... schockt Sarah Lesch uns mit einem Punkrock Album. Ganz ehrlich, dass kollektive Aufatmen, als sie beim Live Auftritt nach 15 Minuten Rock Musik endlich mit "Testament" ein klassisches Lied spielt, war einer meiner Lieblings-Livemomente des Jahres. Was ihr Manager wohl davon hält... kann uns egal sein, denn es kann ja sein, dass der einfach ein Arschloch ist...
Das Wichtigste: Abgesehen vom Chorus von "Dey" nimmt sie sich sprachlich in keinem Moment zurück. Und kommt weiterhin mit klarer Kante und Haltung. Begonnen mit der Leadsingle "Nie Wieder", in dem sie explizit die ganzen Rechten, die ihre Songs auf den Demos gespielt haben, anzählt. Auch wenn sie damit eher "die Spaltung der Gesellschaft" vorantreibt. Wie kann sie nur in diese fairen und gerechten Welt.
Auch wenn das Album um einiges härter ist, als seine Vorgänger, bleibt am Ende festzuhalten: Wie besten Songs sind am Ende doch wieder die Liedermacher-Sachen. Auf "Der letzte Faschist" wird sogar die Mundharmonika wieder ausgegraben. "Dopamin" geht es am Ende um einer eher toxische Beziehung. "Kannst du die Blindeschrift entziffern, auf meiner Haut." In "Bitte nicht anfassen" um Streit und häusliche Gewalt. Und dann ist da noch "Wenn er nicht trinkt." Der beste Song. Also nicht nur des Albums, sondern des Jahres. Der Song behandelt ein massives Alkoholproblem und erzählt uns, wie schwer es ist, wenn man jemanden hat, der unter dieser Krankheit leidet. Herzzerreißend und brutal zugleich... und komplett ohne einem "Das wird schon irgendwie"... wird es nämlich nicht.

Montag, 30. Dezember 2024

So dumm ist nicht mal Didi Hamann

 Die Netzabdeckung in Deutschland, über die man sich sonst ja gerne beschwert, ist am Ende doch einfach zu gut. Denn wenn man 5 Stunden durch die eher öderen Gegenden des Landes Bahn fährt... muss man sich halt irgendwann gelangweilt durch die Kommentarspalten und Social Media klicken, um sich irgendwie zu beschäftigen. Und dabei trifft man dann aussagen, bei denen selbt Didi Hamann sich fremdschämen würde.

Einer dieser Kommentare kam dann von Chris Lugert und wurde auf ran.de veröffentlicht. Das ist ein Brett. Die wesentliche Logik: Weil Beyoncé eine Halbzeitshow in den USA liefert, die höhere Einschaltquoten als das Spiel selber produziert, müssen wir jetzt in der Bundesliga auch an Weihnachten spielen... Oder weil das in England seit Jahrzehnten erfolgreich funktioniert. Da müssen wir das auch kopieren.

Wisst ihr, was es in England und den USA auch gibt? Montagsspiele. Genau die Montagsspiele, deren Einführung an den Protesten der Fans gescheitert sind. Es gab da eine quasi öffentliche Abstimmung: Der deutsche Fan will diese totale Durchkommerzialisierung nicht. Deswegen pfeift er, wenn Helene Fischer beim DFB-Pokal Finale auftritt... obwohl die so erfolgreich ist, dass verdammt viele sie heimlich zu Hause hören und den Text zu Atemlos mitgrölen würden, wenn er im Club läuft...

Ein Bundesliga-Spieltag an Weihnachten könnte echt zum ultramativen Breakingpoint werden. Also dass alle Ultras der Bundesliga sich an diesem Tag vereinen und einen kollektiven Spieltagsabbruch provozieren. In jedem Stadion und aus jedem Block... außer bei den Bayern, die auf Grund der 3 Punkte Meister werden... mit 15 anstatt 12 Punkten Vorsprung. Und ja, ich traue den Ultras zu, dass sie das koordinieren und durchziehen. Einfach um sicherzustellen, dass es diese Ansetzung nur ein einziges Mal gibt.

Zumindest werden sie dafür sorgen, dass wir (und die ganze Welt) am Fernseher 30 Minuten lang den Helfern dabei zuschauen können, wie sie Tennisbälle vom Platz sammeln. Diese Extraminuten sollte man bei den Übertragungen definitiv einplanen. Obwohl das ja eher ein Pro-Argument ist, denn man könnte die "Rechte" an den Spielunterbrechungen ja an entsprechende Vermarkter verkaufen. This pyrotechnik break is brought to you by Stabilo. Because Bürotechnik ist kein Verbrechen!

Und ob das jetzt vernünftig oder verlogen ist, kann an der Stelle völlig egal sein. Denn das Deutschland an dieser Stelle einen besonderen Markt hat, ist am Ende Fluch und Segen zugleich. Einerseits behindert diese Fankulutur den grenzenlosen Wachstum, andererseits sorgt er auch für eine einzigartige Bindung und Stimmung, die man dann doch wieder ausbeuten kann. Fakt ist aber, dass diese besondere Stellung bedacht werden muss, wenn man irgendwelche Neuerungen einführen will. 

So absurd das klingt: Das ist noch nicht mal das Dümmste an diesem Beitrag. Denn danach schadroniert der Mann dann von den armen Weihnachtsmuffeln, die sich nicht aus den Weihnachtsfilmen machen, die man über diese Tage in den Rachen geschoben bekommt, auch wenn man gar nichts für dieses Fest überig hat. Wie furchtbar. Diesen armen Menschen muss geholfen werden, indem man Fußball anbietet. Also nicht nur Sport im Allgemeinen, denn davon gibt es ja genug, sondern explizit Bundesligafußball.

Aber der arme Tropf arbeitet ja auch beim linearen Fernsehen. Der muss halt das gucken, was kommt und wenn er gerade arbeiten muss, wenn sein Lieblingsfilm läuft, muss er ein Jahr warten, bis er den wieder sehen kann... Der Rest der Welt hat entweder Netflix... oder weiß, wie das Internet funktioniert. Und wenn man dann lieber alle Teile vom Hobbit und Lord Of The Rings im Extended Cut gucken will, als unterm Weihnachtsbaum zu sitzen... dann macht man das halt einfach. Wenn man alle Star Wars Teile gucken will, gibt es da halt ein Holiday Special, was es kompliziert macht. 

Nebenbei will ich an der Stelle auch mal, abseits der Proteste der Fans, auf ein komplett ignoriertes Problem hinweisen: Ein Bundesligaspielt ist auch ein riesiges wirtschaftliches Projekt. Das fängt bei der Polizei an, mit der ich noch am wenisten Mitleid habe... Die Secu im Stadion, die all die Tennisbälle mit dem Gesicht abfangen müssen. Die Leute hinter der Bar, die sich die Beleidigungen fürs überteuerte und alkoholfreie Bier anhören müssen... weil natürlich auch ein Hochsicherheitsspiel für die Internationale Einschaltquote an den Weihnachtstag gelegt werden muss. Die Leute am Merchstand, die dann die hässlichen Weihnachtssweaters verkaufen, die ihr alle trotzdem kauft. Die Extrabusse und Sonderzüge müssen auch gelenkt und betreut werden. Die Leute vor und vor allem hinter der Kamera, die uns die Bilder ins Wohnzimmer bringen. Das ist ein riesieger Apparat, der da jedes Wochenende am Arbeiten ist. Und die Arbeitszeiten sind halt entweder am Wochenende... oder unter der Woche Abends bis Nachts. Denn wenn ein Champions League Spiel ansteht, ist vor um 2 keiner von denen zu Hause. Jetzt sagt denen mal, dass sie auch noch am Heiligabend um 20 Uhr ein Spiel ins Stadion bringen sollen... weil das ein paar Millionen mehr für die Liga bringen dürfte. Und dann dürfen die alle auch noch zusätzliche Stunden schieben, weil das Ende durch die Proteste auf ungewisse Zeit verschoben wird.

Und natürlich ist es schwierig, die genaue Zahl der "für die Bundesliga angestellten" zu beziffern. Denn wenn man im Arena Komplex in Leipzig angestellt ist, arbeit man viel bei den Bungesligaspielen, aber halt auch wenn Helen Fischer im Stadion spielt... oder bei Deichkind, wenn die nebenan spielen. Dieser Faktenfuchs kommt auf 110.000. Er ignoriert aber komplett die Fernsehproduktion, den Polizeieinsatz und dass die LVB Extrafahrten anbieten muss. Es würde mich überraschen, wenn weniger als 60.000 Menschen in Rahmen eines Bundesligawochenendes arbeiten müssen.

Es ist schon vernünftig, dass es an Weihnachten selber keinerlei Großevents gibt. Und selbst die kleineren Weihnachtskonzerte werden mittlerweile auf den 27. bis 29. Dezember gelegt. Es ist ja auch kein Zufall, dass die Weihnachtsmärkte am 23. und nicht erst am 27. schließen. Denn es könnte auch echt schwierig werden, genügend Menschen zu finden, die dann an diesen Tagen arbeiten wollen. Und die paar freien Tage haben die sich auch verdient. Gönnt denen das einfach mal.

Sonntag, 29. Dezember 2024

Nur bei den Romantikern

 Den Alternativen. Den Guten... wird Weihnachten, also zum Fest der Liebe, der Trainer entlassen. Natürlich. Am Ende sind die halt auch brutale Realisten.

Aber ganz ehrlich: Auf den zweiten Blick ergibt das nicht nur Sinn... es ist sogar das, was ich sonst immer fordere: Die Trainer nicht dann zu entlassen, wenn man in einer brenzligen Situation steckt, sondern sobald man merkt, dass die Zusammenarbeit nicht in die richtige Richtung geht und man mangelnde Fortschritte beanstanden muss. Zumindest wenn es nicht danach aussieht, als würde der Trainer langfristige Lösungen für diese Probleme präsentieren können.

Lasst uns an der Stelle eines festhalten: Union Berlin wäre auch mit Bo Svensson nicht abgestiegen. Und solange sie nicht Jürgen Klinsmann holen, werden sie es auch mit dem neuen Trainer nicht... Den Trainer als relativ junger Erstligist mit 7 Punkten Vorsprung auf den Relegationsrang zu entlassen, scheint absurd.

Aber im ehemaligen Fachmagazin wurde gemutmaßt, dass Svensson "die verbleibenden zwei Hinrundenspiele gegen die in der Tabelle schlechter dastehenden Teams aus Augsburg und Heidenheim bekommt, um den Negativtrend zu stoppen." Aber... da drohen Union ja 2 Siege. Auch wenn gar nichts besser geworden ist. Dann muss man den Trainer plötzlich behalten, das kann ja nicht wirklich der Plan sein.

Also zumindest nicht, wenn sich die Vorstellungen vom Fußball nicht decken, was hier halt der Fall ist. Bo Svensson will aggressives und aufwändiges Pressing sehen... der Kader gibt aber nur die bestmögliche Imitation von Real Madrids absurder Spielphilosophie her. Das passt einfach nicht zusammen.

Dazu konnte Svensson schon in Mainz nicht wirklich nachweisen, dass er eine Mannschaft wirklich weiterentwickeln kann. Sie stabilisieren? Garantiert. Ihnen ein halbwegs stabiles, funktionales System aufzwingen? Auch. Aber sein erwartbares Limit hat er in Berlin auch erreicht. Und Union bleibt ein Verein, der nach Höherem strebt.

Das lässt sich ja auch daran festmachen, dass er keinen Platz für László Bénes findet. Das ist der kreativste Mittelfeldspieler, den die haben. Wenn es spielerische Fortschritte geben soll, was zwingend notwendig ist, damit es weiter nach oben gehen kann, muss Union Bénes integrieren. Und Svensson ist es nicht zuzutrauen, dass er diese Entwicklung anleiten kann.

Wobei man hier natürlich auch festhalten muss, dass das vielleicht auch ein Bénes Problem sein kann. Der scheitert ja nicht zum ersten Mal beim Versuch, sich in der Bundesliga durchzusetzen und war bisher nur in der 2. Liga wirklich gut. Vielleicht ist das die Mittelfeldversion eines Marius Ebbers Angreifers. Aber an der Stelle ist Bénes auch "nur" das offensichtliche Symptom und nicht das einzige Problem.

Vor allem fällt einem jetzt ein weiteres Problem auf: Die nächste Transferperiode steht an. Würden Bénes und Svensson vielleicht einen Wechsel des Spielers forcieren, wenn der Trainer im Amt bleibt? Unwahrscheinlich, weil der ja erst seit 6 Monaten da ist. Viel relevanter: Svensson würde jetzt auf die Einkäufe Einfluss nehmen. Die würden Spieler verpflichten, die in sein Spielsystem passen, obwohl man von diesem System nicht überzeugt ist. Oder man holt Spieler, die nicht zum Trainer passen, was auch ungeschickt ist. Und man hat dann einen Trainer, der 3 Spieler hat, die in sein System passen, die restlichen aber nicht weiter entwickeln kann, damit sie auch und damit das Ganze stabil funktioniert. Das kann auch keine Lösung sein.

Da ist die unromantische Lösung mit dem kalten, harten und etwas überraschenden Cut schon die Beste. Auch wenn dir die Journalisten dann mangelnde Langfristigkeit vorwerfen, zeigt es auch, dass der Verein gewillt ist, proaktiv zu handeln, anstatt nur zu reagieren. Das ist an sich etwas Gutes.

Oh und Steffen Baumgart ist gerade verfügbar... Auch wenn der dieselben Probleme mit der unpassenden Spielphilosophie und der mangelnden Weiterentwicklung mit sich bringt, wird Union dieser Traumkonstellation kaum aus dem Weg gehen können. Da kickt dann doch wieder die Romantik rein.

Montag, 23. Dezember 2024

Worst of des "Und dann gewinnen die einfach alle!"

 Also wirklich alle Sorgenkinder dieses Blogs. Inklusive der Bayern gegen eine gute Mannschaft am Freitag. Und Bayer Leverkusen als Tabellenzweiter, wo das doch die Position ist, die traditionell verkackt. Ihr könnt mir doch nicht mein sorgfältig aufgebautes Narrativ kaputt machen. Auch wenn dieses Wochenende die Spitze nur noch weiter zementiert: Die Bayern stehen deutlich auf Platz 1, Bayer Leverkusen auf Platz 2 hat aber auch schon ordentlich Abstand zum Rest der Liga. Und dann kommt das große Hauen und Stechen um die letzten beiden Champions League Plätze... mit zahllosen Kandidaten, die alle eine Gemeinsamkeit haben: Sie sind nicht wirklich gut...

Viel krasser: Kiel, Bochum und St. Pauli haben am selben Spieltag ein Bundesligaspiel gewonnen... Wer das im Januar auf seinem Fußball-Bingo hatte, kann jetzt fett abkassieren. Jetzt sind das auf einmal nicht mehr die schlechtesten Tabellenletzten seit der Einführung der Drei Punkte Regel, sondern ganz normale Abstiegskandidaten... wie langweilig.

Gerade das Kiel plötzlich 5 Tore in einem Spiel erzielt... Das ist mehr als ein Viertel ihrer insgesamt erzielten Tore. Und löst in Augsburg eine gewisse Panik aus. Augsburg hat nebenbei nur eines der letzten 7 Bundesligaspiele gewonnen... und das gerade so gegen Bochum. Da ist es schon mutig, eine Jess Thorup im Januar "an der Wende versuchen" darf. 

Auch wenn es, was hier eingeschoben werden muss, sachlich vernünftig ist, denn Augsburg liegt 6 Punkte vor dem Relegationsrang und damit voll im Soll. Nur wurden sie auch von einer Mannschaft abgeschossen, die in den letzten Wochen hoffnungslos überfordert war. Beide Aussagen können gleichzeitig wahr sein...

St. Pauli bediente sich des Standardplots des Samstag Nachmittags: Der Gegner lies einfach nur so viele Chancen aus, dass sie quasi gewinnen mussten, obwohl sie eigentlich gar nicht wollten. Mainz gewann nach demselben Prinzip in Frankfurt. Beide Mannschaften können sachlich nicht erklären, wie sie diese 3 Punkte geholt haben... Aber sie haben die Punkte jetzt halt auf dem Konto.

Das ist halt das absurde am Fußball: Man kann als deutlich schlechtere Mannschaft trotzdem gewinnen. Also nicht immer, aber ein Mal pro Saison. Außer man ist Real Madrid, dann geht das immer.

Die eigentlich schlimmste Erkenntnis ist ja, dass Heidenheim mittlerweile genauso schlecht ist, wie Bochum und Kiel. Also sie haben gegen beide verloren. Und 9 der letzten 10 Bundesligaspiele. Nur gegen das ebenfalls nur dürftig abliefernde Hoffenheim gab es einen Punkt. Es fällt halt nur keinem auf, weil es halt auf dem Dorf passiert.

Dabei lässt sich der Einbruch in Heidenheim genau festhalten: Es begann nach dem ersten Gruppenspiel in der Conference League. Der im Sommer beachtliche Aderlass mit den Abgängen von Kleindienst und Beste lässt sich anscheinend nur kompensieren, wenn man nicht unter der Woche antreten muss. Da ist es schon sehr ungeschickt, dass man sich für die Bonusrunde qualifiziert hat. 

Jetzt bleibt die spannende Frage im Raum, ob man sich bis zum 21. Spieltag ein ordentliches Polster aufbauen kann, damit man sich ein Weiterkommen in Europa überhaupt leisten kann. Andererseits... stehen Union Berlin, Werder Bremen, St. Pauli und Augsburg in den nächsten 4 Spielen auf dem Plan. Das könnte also wirklich klappen.

Wobei man an der Stelle nochmal festhalten muss: Werder Bremen ist wirklich gut. Das habe ich nicht unbedingt kommen sehen. Aber Ole Werner sichert sich gerade sein Einkommen für die nächsten 6 Jahre... weil er wirklich ein guter Trainer ist. Er hat aus einem angehenden Marius Ebbers Angreifer einen Topscorer gemacht. Marvin Duksch ist bei 14 Torvorlagen im Jahr 2024. Mitchell Weiser macht im plötzlich nochmal Fortschritte, die es nicht vollkommen lächerlich erscheinen lassen, dass er mal zur Nationalmannschaft eingeladen werden könnte... aber er hat sich ja für Algerien entschieden. Jens Stage trifft plötzlich als zentraler Mittelfeldspieler konstant...

Das sind alles Entwicklungsschritte, die nicht unbedingt erwartbar waren. Also verglichen mit einem Romano Schmid, der noch relativ jung ist und bei dem man noch deutliche Fortschritte erwarten konnte. Der nächste Schritt ist es dann, diese Leistungen als Mannschaft konstant anzubieten. Aber Werder könnte echt auf einem richtig guten Weg sein. 

Montag, 16. Dezember 2024

Worst of des "Und dann pfeifen die kollektiv" Wochenendes

 Das ist ja wie beim Verfassungsschutz hier: Das sind alles bedauerliche Einzelfälle.

Gebt mir ein EINZELFALL! EINZELFALL!

Ernsthaft, was gerade um den Feuerzeugwurf von Berlin abgeht, ist absolut erbärmlich. Ich habe den Scheiß nebenbei Live bei Sky gesehen. Das einzige, was da entschuldbar ist, war die direkte Reaktion des Berliner Blocks, aus dem das Feuerzeug kam. Also dass die dann lautstarke Gesänge angestimmt haben, könnte man noch als deeskalierendes Ablenkungsmanöver werten. Und immerhin haben sie den Täter nicht vor Ort geschützt, sondern an die Ordner übergeben.

Aber alles, was danach kam. Das begann mit dem wilden Gestikulieren von Bo Svensson in Richtung Bochumer Bank... der damit quasi direkt den Vorwurf einer übertriebenen Reaktion in den Raum gebracht hat. Vielleicht sollte man dem einfach mal ein vergleichbares Feuerzeug aus 20 Metern an den Kopf werfen...
Und nur um das mal festzuhalten: Die Bochumer haben weitergespielt, um eine Eskalation im Stadion zu verhindern... und dann macht der Trainer des Tätervereins das exakte Gegenteil und eskaliert?

Was die Union Fans dann auch sofort aufnahmen... denn die entschieden sich, den Nichtangriffspakt mit einem Pfeifkonzert zu begleiten. Damit solidarisieren die sich mit dem angeblichen Einzeltäter und nicht mit dem Opfer. Großartige Idee.
Eine angemessene und reife Reaktion wäre es gewesen, dieses Spiel stillschweigend zu begleiten. Aber von Fußballfans ein Mindestmaß an Anstand zu erwarten, ist halt übertrieben.

Deswegen sind die Kommentarspalten auch voll mit "Das war doch nur ein Schauspiel!" "Der ist doch nicht schlimm getroffen worden!" "Das war doch nichts!" Ähm... der ist am Kopf getroffen worden. Von einem ziemlich großen Feuerzeug, dass aus 20 Metern geworfen wurde. Macht das einfach mal in euerer Freizeit, und dann guckt, ob da noch mehr kaputtgeht...

Nebenbei ist es auch völlig egal, wie schlimm der Treffer wirklich war. Er wurde halt am Kopf getroffen. Damit sollten sich jegliche Debatten erledigt haben. Ganz ehrlich: Die DFL sollte einfach mal eine Regel einführen, dass ein Spiel automatisch mot 3:0 gewertet wird, wenn ein Spieler von einem aus dem Fanblock geworfenen Gegenstand am Kopf getroffen wurde. Anstatt dass man erst auf eine Platzwunde nach einem Golfball wartet.  

Und das ist auch der Moment, wo der Mythos des "Einzelnen" von dem Horst Heldt natürlich schwadroniert, zusammenbricht. Erstens gibt es verdamm viele, die diesen Vorfall verharmlosen und das ganze Stadion hat sich fürs Pfeifkonzert entschieden. 2. ist es halt auch nichts ungewöhnliches, dass Gegenstände in Richtung der gegnerischen Spieler geworfen werden. Bei einigen, polarisierenderen Spielern wäre es eher ungewöhnlich, wenn bei einem Eckball nichts in ihre Richtung geworfen werden würde. Deswegen gibt es extra Ordner mit Schirmen. Ja, das passiert so regelmäßig, dass die Ordner extra Schutzschirme parat haben.

Das ungewöhnliche ist hier nur der Kopftreffer. Abgesehen davon ist es ein ganz normaler Vorgang. Dass Gegenstände auf den Gegner geworfen werden, ist kaum noch eine Nachricht wert, so sehr haben wir uns daran gewöhnt. 

Im Großen und Ganzen ist es natürlich egal. Also außer bei der Frage, wer 18. wird. Da könnte Bochum jetzt am Grünen Tisch zu Holstein Kiel aufschließen... deren Leistung am Wochenende mit einem Die "Hoffnungen auf den Klassenerhalt schwinden" zusammengefasst wurden... Die sind SIEBZEHNTER und haben trotzdem jetzt schon keine realistische Chance mehr auf den Klassenerhalt. Nach 14 Spieltagen! Die Hinrunde ist noch nicht mal durch und trotzdem haben wir schon 2 Vereine, für die es hauptsächlich darum geht, nicht den Rekord von Tasmania Berlin zu knacken...

Falls es noch irgendwelche Beweise brauchte, dass die Schere in der Liga immer weiter auseinander geht. Dass der Tabellensiebzehnte nach 14 Spieltagen bereits 5 Punkte Rückstand aufs Rettende Ufer hatte, gab es zuletzt 2007/08. Weil das rettende Ufer damals noch Platz 15 war... 

Groteskerweise hat der FC Augsburg 2012/13 8 Punkte auf Platz 15 aufgeholt... aber die waren damals nach 14 Spieltagen Letzter. Damit steigen statistisch gesehen die Chancen der Kieler auf den Klassenerhalt, falls Bochum die 3 Punkte gutgeschrieben bekommt und damit an ihnen vorbeizieht.

Das andere Highlight der Konferenz war ja, wie Schimso und Bachi ein spannendes Meisterrennen herbeireden wollten... weil Leverkusen nach der Niederlage der Bayern in Mainz nur noch 4 Punkte Rückstand hat. Dabei ist sachlich gesehen nur geklärt worden, dass die Bayern nicht ohne Niederlage durch die Saison gehen werden.
Und natürlich ist Bayer jetzt zurück in der Spur. Aber am Ende werden ihnen die 4 Punkte, die sie gegen Kiel und Bochum liegen gelassen haben, fehlen. 

Um mal diese 4 Punkte ad absurdum zu führen: In der Zweiten Liga ist das der Abstand zwischen dem Tabellenführer und dem Zehnten. Und irgendwie ist Elversberg Tabellenführer.So sieht eine spannende Tabelle aus. Aber ganz sachlich ist es extrem unwahrscheinlich, dass die Bayern den derzeitigen Vorsprung noch aus der Hand geben werden. Nicht unmöglich, aber Journalisten sollen ja eigentlich die realistischen Szenarien darstellen, nicht irgendwelche absurden Ausnahmen herbeireden.

Da sind wir aber wieder an dem Punkt, dass die Kommentatoren im Fernsehen eben eher Verkäufer als Journalisten sind: Deren Existenz hängt halt ein wenig davon ab, dass wir weiterhin einschalten, und das ist wahrscheinlicher, wenn wir an ein spannendes Meisterrennen glauben...

Freitag, 13. Dezember 2024

Das Hamann Mysterium

 Kurz gesagt: Warum hat der Mann noch einen Job? Ganz einfach: Weil er verdammt gut in seinem Job ist.

Das klingt erstmal absurd. Denn kein anderer Experte wird so oft kritisiert, wie Didi Hamann. Von den Verantwortlichen der Bayern, die natürlich ihre Spieler schützen. Von anderen Experten, die ihm direkt widersprechen. Und unter jeder Kommentarspalte, wenn eine seiner Hot Takes wieder viral geht.

Um da mal selber ein Hot Take loszulassen: Seine Aussagen wirken auf mich oft wie KI Generiert. Der tippt vor der Live-Sendung bei ChatGPT die Frage ein "Wie kann ich zu diesem Spiel oder jenem Spieler was richtig krasses sagen, was alle triggert?" Und ChatGPT so: Harry Kane trifft in den wirklich wichtigen Spielen nicht.

Dass Kane in der K.O. Phase der Champions League auf 4 Tore kommt, ist da egal. Denn wirklich wichtig waren ja die Rückspiele gegen Dortmund und Leverkusen...

Sein neustes Beispiel: Jamal Musiala und Florian Wirtz passen einfach nicht zusammen. Das hat man ja im Sommer gesehen. Dass das 2 verdammt junge Spieler sind, die noch lange nicht am Ende ihrer Entwicklung sind, ignoriert er genau so, wie den Fakt, dass beide alle Positionen in der offensiven Dreierreihe spielen können.

Hier muss man auch einen technischen Aspekt einwerfen: Wie bei einer guten Verschwörungstheorie gibt es einen kleinen, wahren Kern. Also praktisches Beispiel: Die ganzen Studien zum Klimawandel sind doch bezahlt!!! Ja, es gab Studien, die von der Wirtschaft in Auftrag gegeben wurden, damit Ergebnisse herausgefunden werden, die denen passen. Und wenn die Ergebnisse nicht passen, werden sie geheim gehalten. Nur kommen diese Studien halt von Ölkonzernen und nicht von den Grünen. Ein weiteres bekanntes Beispiel sind großen Tabakfirmen, die ebenfalls jahrelang die Gefahr von Zigaretten verheimlichen wollten. Das, was jetzt "Den Grünen" vorgeworfen wird, ist halt durchaus auch mal passiert.

Zurück zu Hamann: Ja, Kane war im Rückspiel gegen Dortmund und Leverkusen schlecht. Ja, das Zusammenspiel von Musiala und Wirtz während der EM blieb hinter den Erwartungen zurück. Deswegen haben diese Aussagen einen gewissen Zusammenhang zur Wirklichkeit. Man muss sich halt nur auf 2 Wochen konzentrieren und die restlichen 50 ignorieren, dann passt das schon. Auch wenn eine sachliche Analyse eher ein "Selbst Musiala und Wirtz müssen sich einspielen, deswegen ist die Nations League zum Testen doch verdammt wichtig" wäre. Aber mit sachlichen Takes sorgt man nicht für Umsatz.

Jetzt macht Hamann vor allem eins: Er sorgt für Takes, die Viral gehen. Und genau das will Sky, denn dadurch kommt man ja ins Gespräch. Dabei gilt wieder: Es gibt keine schlechte Presse. Praktisches Beispiel: Rammstein sind dank der Vorwürfe gegen Lindemann mit all ihren Alben wieder in den Charts eingestiegen. Die haben davon profitiert, dass ihrem Liedsänger sexuelle Übergriffe vorgeworfen wurden.

Und Hamann ist der eine Experte, den jeder in diesem Land kennt. Der Mann wird ständig auf allen Plattformen zitiert. Einfach nur, weil seine Aussagen so krass sind, dass alle darauf reagieren. Dass die meisten mit "Was für ein Spinner" antworten, ist sowohl Sky, als auch der Welt egal. Sie haben es nicht nur geschafft, dass man auf ihre Artikel klickt, sondern auch noch, dass Leute kommentieren, was die Artikel weiter verbreitet. Für die ist Hamann ein Heiland.

Das ist nüchtern gesehen auch nichts Neues. Also ich habe mich schon vor Jahren aufgeregt, warum alle Netzer und Delling als Duo feiern, wenn die als Experten eigentlich furchtbar war. Also man hat da ganz selten etwas neues gelernt, während man denen zugehört hat. Aber die waren halt unterhaltsam, wenn sie gegeneinander gesitchelt haben... obwohl die privat richtig gut miteinander klar kamen... Aber die waren auch damals schon darauf angelegt, dass sie viral gehen, und nicht darauf aus, Fußball sachlich zu erklären. Nur war es damals halt schwerer, "viral zu gehen", wenn es die Videos nur verpixelt gab...

Neu ist nur der technische Aspekt, dass jeder Hamann Kommentar kommentiert wird. Hier noch eine lustige Episode aus den Sozialen Medien: Dort pusht Chip.de regelmäßig den Artikel, dass immer mehr Vegane Speisen in den Stadien angeboten werden. Die Leute, die selber vegan essen, nicken da kurz zustimmend und scrollen weiter. Deswegen sind dann 80 % der Kommentare negativ. Weil die Leute dann auch nicht verstehen, dass dies ein Zusatzangebot ist und die Wurst deswegen nicht aus dem Stadion verschwindet. Und dann fragt jemand ernsthaft "Wie oft wollt ihr diese Studie noch pushen?" Die sachliche Antwort: Solange ihr da draufklickt und damit interagiert, wird es immer wieder geschaltet und gepusht. Wenn das alle schulterzuckend mit einem "Ist halt so, wen interresiert's" zur Kenntnis nehmt, werden diese Posts auch irgendwann verschwinden.

Das würde auch bei Hamann helfen. An dem Tag, an dem Max Eberl jegliche Aussagen von Hamann einfach ignoriert. An dem wir alle einfach anerkennen, dass weghören die einzige Lösung ist. Und klar, mein kleiner und irrelevanter Beitrag hilft da jetzt kurzfristig auch nicht, denn ich interagiere jetzt ja auch mit Hamann. Deswegen habe ich dieses Thema das ganze Jahr vor mir hergeschoben und habe seinen Namen (ein Hoch auf die Suchfunktion) in den letzten 12 Monaten 2 Mal verwendet. So kommen wir nie in die Charts. Obwohl ich ja eigentlich der ursprüngliche Hamann-Hater bin, weil ich den mit Carsten Ramelow gleichgestellt habe... also als Spieler, der zur unfähigsten Generation aller deutsches Fußballer gehörte. An der Stelle ist es faszinierend, dass Hamann als Experte das komplette Gegenteil des Spielers ist, der allgemein eher eine Spaßbremse und ein absurder Bürokrat im Mittelfeld war, als jemand, der ins Risiko ging.

Ich kann mir aber auch durchaus vorstellen, dass dies eine bewusste Entscheidung von Hamann ist und er diese Rolle am Ende nur spielt. Der könnte einfach verstanden haben, dass man so am einfachsten Reaktionen hervorruft und dass sich niemand wirklich für sachliche und tiefgründige Analysen interessiert... für die er bei Sky auch einfach keine Zeit hätte. Der halt halt Stephen A. Smith und Skip Bayless studiert und verstanden. Das waren 2 Amerikanische Sportexperten, die für genau die krassen Takes bekannt sind, die Hamann jetzt auch verbreitet. Und die Millionen verdient haben, weil sie sich im amerikanischen Fernsehen angeschrien haben. Beide lagen eigentlich so oft daneben, dass sie von jeglicher Diskussion ausgeschlossen werden sollten. Stattdessen wurde Smith zum Gesicht von ESPN und Bayless zum Gesicht von Fox Sports. So funktionieren die Medien halt und genau das muss man verstehen.

Wenn man aber zumindest verstanden hat, dass Hamann auch nur seinen Job macht, fällt es einem einfacher, diese Aussagen mit einem milden Lächeln zur Kenntnis zu nehmen. Und wenn das alle irgendwann machen, wird das auch vorbei gehen.

Und wenn ihr bewusst was gegen Hamann machen wollt, dann klickt ihr einfach auf die Beiträge mit den tiefgründigen Analysen. Kommentiert dort, damit der Algorhytmus verwirrt ist. Hier ist ein Beispielvideo, in dem erklärt wird, wie eine an sich irrelevante Regeländerung das (Aufbau-)Spiel verändert hat. Ihr könnt da auch "Hamann ist ein Vollidiot" reinschreiben, denn es ist dem egal, was ihr schreibt.

Vor allem ist auch wichtig, dass Hamann nicht das Problem ist, sondern nur ein Sympthom für ein größeres Priblem: In unseren Medien geht es mehr darum, richtig und sachlich zu berichten, sondern möglichst krasse Schlagzeilen zu produzieren. Don't hate the player, hate the game.

Montag, 9. Dezember 2024

Worst of des "Auch die Eintracht legt nach" Wochenendes

 Die einzige Hoffnung darauf, dass die Meisterschaft nicht schon im März entschieden ist... leistet sich direkt ein Unentschieden im eigenen Stadion gegen die aktuell ultimative Graue Maus aus Augsburg. Mit freundlicher Unterstützung vom Nationaltorwart Kevin Trapp. Genau so macht man allen klar, dass man nicht am Rennen um die Meisterschaft teilnehmen will. Was kein Vorwurf ist, die Frankfurter haben realistisch gesehen ganz andere Ansprüche. Es ist eher ein Problem für Dortmund, Leipzig und Leverkusen, dass die nicht mal mit den Frankfurtern Schritt halten können.

An der Stelle müssen wir aber über eine viel wichtigeres Problem reden: Kopfverletzungen und ihre Verharmlosung. Denn ich sag das mal so: Jeder vernünftige Arzt wird dich mit Verdacht auf Gehirnerschütterung für ein paar Tage krank schreiben, wenn du nach einem Sturz kurz bewusstlos liegen bleibst. Oder wenn du nach einem Zusammenprall mit einem anderen Schädel eine heftige Platzwunde davonträgst. Einfach, das Gehirn das empfindlichste Organ ist. Und weil die zweite Erschütterung noch viel gefährlicher ist.

Hugo Ekitiké und Phillip Tietz spielten jeweils weiter und erzielten ein Tor. Was für Helden. In den Kommentaren wird so was dann immer mit "Da werden Erinnerungen an Dieter Hoeneß 82 wach." verharmlost... obwohl die Medizin seit 1982 extreme Fortschritte gemacht hat und wir alle wissen könnten, wie gefährlich es sein kann, sich in solchen Momenten kurz zu schütteln und weiterzuspielen.

Natürlich wurde bei allen 3 Spielern keine Gehirnerschütterung diagnostiziert. Aber sie wurden ja auch nicht gründlich untersucht. Fahrlässig ist es trotzdem. Oder gerade deswegen. Absurderweise verweist Dino Topmöller auf einen Vorfall in Florenz... dass er seinen eigenen Spieler aber in solchen Situationen auch schützen könnte, fällt ihm nicht ein. 

Und ja, wir müssen an der Stelle auch über die Schiedsrichter reden. Also gar nicht so sehr über Bastian Dankert. Der muss sich zwangsweise von Ekiteké wegdrehen und den Ball im Blick behalten. Und die traurige Wahrheit ist halt auch, dass zu viele Stürmer nach Zweikämpfen liegen bleiben, obwohl sie nichts haben. Und die Fans pfeifen auch unabhängig davon, ob da jetzt wirklich was passiert ist.
Die Frage ist eher: Was macht der Assistent den in dem Moment? Der muss doch sehen, wie die Mit- und Gegenspieler reagieren und das da gerade wirklich was im argen ist. Der sollte eingreifen und das Spiel unterbrechen. Im Zweifelsfall hinter dem Rücken des Schiedsrichters das Spiel unterbrechen und die Ärtze aufs Spielfeld rufen. Um die Konsequenzen kann er sich hinterher kümmern. Den Schiedsrichter anfunken, falls das technisch mittlerweile möglich ist. Aber wenn all das keine Option ist, sollte er zumindest mit der Fahne wedeln, um Dankerts Aufmerksamkeit zu erlagen. Und der... popelt sich in der Nase?

Dass Niels Nkounkou dann auch noch Gelb sieht, ist die Kirsche auf der Torte der Schiedsrichter-Inkompetenz. Das muss man Dankert wirklich vorwerfen, er sollte wenigstens die Größe haben und seinen Fehler einsehen, indem er die Verwarnung sofort zurücknimmt. Was er technisch gesehen kann, solange das Spiel nicht fortgesetzt wird.

Zum Glück blieb diese Gelbe Karte ohne größere Konsequenzen. Technisch gesehen hätter Dankert Nkounkou, weil der den Schiedsrichter anfasst, auch Rot zeigen können, ich erwähne es nur. Und eine falsche Reaktion sorgt nicht dafür, dass die neue Regel schlecht ist. 

Was mich zu meinem Lieblingskommentar der Woche bringt: "Schiedsrichter Tobias Welz macht ernst mit der Regel, dass nur der Kapitän mit dem Schiedsrichter sprechen darf." 5 Gelbe Karten für Union Berlin in einer Minute. Stark. Respekt. Ich hoffe, es ist den Unionern wenigstens ein bisschen peinlich, dass sie sich derart über eine offensichtliche Schwalbe aufregen. Wo wir schon dabei sind: Frederik Rönnow bekam schon zur Pause eine Verwarnung, weil er sich, Zitat Kicker-Ticker, "über irgendwas bei Tobias Welz beschwert hat." Man hätte als Union also ahnen können, dass Welz diese Regel anwendet. 6 Gelbe Karten für Schwalben und Meckern dürften ein trauriger Bundesligarekord sein... Was für ein sympathischer Verein...

Im Keller gab es derweil einen großen Gewinner: Hoffenheim. Weil sie als einzige der letzten 5 nicht verloren haben. Herzlichen Glückwunsch, so baut man sich ein beruhigendes Punktepolster.
Den Heidenheimern ist dagegen aufgefallen, dass ihr Polster fast aufgebraucht ist, weil sie in den letzten 8 Spielen einen einzigen Punkt geholt haben... und unter anderem gegen Holstein Kiel verloren haben. Aber hier ist das völlig bekloppte: Auf die direkten Abstiegsplätze haben sie immer noch 5 Punkte Vorsprung. FÜNF! Obwohl sie seit dem Sieg am 5. Spieltag EINEN EINZIGEN Punkt geholt haben. Das sollte praktisch unmöglich sein.

Aber... Kiel hat halt auch nur gegen Heidenheim gewonnen und sonst nix geholt. Also nur um nochmal festzuhalten, wie unmöglich es ist, auf die letzten beiden Plätze abzustürzen.
In der Bochum-Zusammenfassung fiel nebenbei der Satz, dass noch keine Mannschaft, die nur 2 Punkte in den ersten 12 Spielen geholt hat, hinterher die Klasse halten konnte. Falls noch irgendjemand irgendwelche Hinweise brauchte, wie hoffnungslos die Lage im Keller ist.