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Freitag, 9. August 2024

Olympia vs Herrenfußball: Teil 2: Druck und Charakter...

Das olympische Turnier offenbart halt 2 Lügen, die wir Fußballfans seit Jahrzehnten einreden: 1.) Das sind doch nur Emotionen und zeigt Charakter. Ich frage mich ja eher, was es über deinen Charakter aussagt, wenn du dich bei jeder Kleinigkeit beim Schiedsrichter beschwerst. Und Emotionen zeigen Marta und Lohmann bei den gestern erwähnten Beispielen auch. Lohmann flucht aber ins Leere, anstatt die Schiedsrichterin anzugeifern. Und Marta weint sich an der Schulter ihrer Mitspielerin aus.

Die 2. Lüge ist ja dieses "Der Druck ist halt viel zu hoch, das muss raus!" Fußballer haben doch so ein entspanntes Leben. Im Großen, wie im Kleinen. Sie haben 90 Minuten Zeit, um einen frühen Fehler auszugleichen. Sie haben alle 2 Jahre ein großes Turnier im Kalender. Und ja, Julian Nagelsmanns "dass man 2 Jahre warten muss" klingt herzzerreißend. Aber die DaNas werden nach ihrem aus für 4 Jahre in der Versenkung verschwinden, bevor wir in Los Angeles wieder einschalten.

Dabei ist es ja auch "nur" die Nationalmannschaft, die 2 Jahre lang in den Ruhemodus schaltet. Die Spieler bekommen in den Vereinen direkt die nächste Gelegenheit zum Jammern und Meckern. Wenn sie jetzt wirklich nur bei den Nationalmannschaftsturnieren und dem Champions League Finale zum Schiedsrichter rennen würden, könnte man eine außerordentliche Drucksituation als Argument bringen. Aber sie machen es auch bei jedem verdammten Bundesligaspiel.

Und um die 90 Minuten Spielzeit in Relationen zu setzen, betritt Nera Tiebwa die Matte. Ihr olympischer Wettkampf dauerte 5 Sekunden. Die ist dafür 14.0000 Kilometer angereist. Nun ist das de facto eine wunderschöne Episode, weil die 15-Jährige durch die Teilnahme ihren olympischen Traum gelebt hat. Es geht hier mehr um das Prinzip, mit dem sich Daria Bilodid übers gesamte Turnier auseinandersetzen musste: Im Judo kann eine einzige Aktion sofort den Kampf beenden. Und es gibt keine 2. Chance. Wenn du einen Kampf verlierst, bist du raus. Du trainierst 4 Jahre lang für dieses eine Turnier und nach einem einzigen Fehler kann sofort alles vorbei sein. Fußballer haben gar keine Ahnung, was Druck ist.

Dazu werden sie ja auch Schritt für Schritt an diesen Druck gewöhnt. Denn schon in Jugendmannschaften ist die Aufmerksamkeit ja mittlerweile so hoch, dass kaum noch jemand spontan bei einer WM auf die große Bühne tritt. Die wissen alle, was auf sie zukommt und können sich auch entsprechende Expert*innen leisten, die sie durch mental schwierige Situation kommen. Nicht, dass das einfach ist. Aber vergleicht das mal mit dem, was Imane Khelif durchmachen musste. Diese junge Frau betreibt als Algerierin mit dem Frauenboxen eine Nischensportart. Niemand interessierte sich für sie oder für ihre Wettkämpfe. Bis auf einmal aus dem Nichts das Gerücht aufkam, dass sie eine Transfrau sein soll. ALS ALGERIERIN. Einem Land, dass dich gerade auf seine konservativen Werte besinnt.
Anscheinend hat der ebenfalls eher korrupte Box-Verband festgestellt, dass sie einen erhöhten Testosteronwert hat. Dadurch wurde sie zur Zielscheibe des konservativen Mobs, der ja glaubt, dass der nur 2 Geschlechter gibt, die bei Geburt festgestellt werden. Was nebenbei völlig absurd ist, denn Khelif wurde ja als Frau geboren.

Nur um mal festzuhalten, wie absurd diese Position: Einerseits darf Khelif laut Arschlöchern wie J.K. Rowling nicht an Frauenwettbewerben teilnehmen, weil sie einen zu hohen Testosteronwert hat. Andererseits dürfte eine Khelif als Privatperson, falls sie das will, nicht auf diesen zu hohen Testosteronwert reagieren, indem sie eine Geschlechtsumwandlung durchführen lässt. Sie ist also gleichzeitige eine Frau und keine Frau, obwohl es das nach deren Weltbild gar nicht geben kann.

Und weil das noch nicht genug war, zeigten die Araber ihren Antisemitismus und schoben die Schuld den Juden in die Schuhe. So wurde sie zur Symbolfigur des Palästina-Konflikts, obwohl sie damit eigentlich so gar nichts zu tun hat. All das bricht völlig unvorbereitet über Khelif herein. Und unter diesen Voraussetzungen muss sie sich jetzt auf den wichtigsten Kampf ihrer Karriere vorbereiten, der heute Abend steigt. 

Ich empfehle an der Stelle nebenbei das ARD-Interview mit Caster Semanya. Da geht es auch darum, was diese ganze Debatte bei jungen Frauen auslösen kann. Da landet man ganz schnell bei Selbstmordgedanken.

Und ihr wollt euch einreden, dass Fußballer extreme Drucksituationen kennen? Ernsthaft?

Wir als Fußballfans müssen uns einfach eingestehen, dass unsere Idole zu verzogenen Gören geworden sind. Das sind immer noch Kleinkinder, die im Supermarkt anfangen, laut zu weinen, wenn Mutti ihnen keine Schokolade kauft. Wir haben diese Stars aber auf ein derart hohes Podest gestellt, dass wir uns einreden, dass diese ganz klaren Defizite ja notwendig und etwas Gutes sind. Emotionen und Charakter halt. Und beides kann man ja nur so ausleben und zeigen.

Die Olympischen Spiele zeigen uns jetzt, wie dumm das von uns und für uns war. Dass ein auch für den Zuschauer wesentlich angenehmerer Sport möglich wäre, wenn man den Athleten nicht einfach alles verzeiht, sondern sie sofort in die Schranken weist, wenn sie unangenehm auffällt.

Die neue Regel ist ein wichtiger Schritt dahin. Genauso wichtig ist es aber, dass alle anderen die Spieler darauf hinweisen, dass sie diese Regel für wichtig halten. Dass sie nicht jammern, wenn ihre Helden plötzlich gesperrt fehlen, weil sie sich 4 völlig überflüssige Gelbe Karten fürs Diskutieren abgeholt haben. Dass die Journalisten den Spielern kontra geben, wenn die Trainer sich beschweren wollen, dass diese Regel ja sinnlos sein soll. Man kann dann auch gerne erwähnen, dass es ganz schön erbärmlich ist, dass wir diese Regel brauchen, aber dass liegt ja nicht an der Fifa oder den Schiedsrichtern. Und wenn das alles nicht passiert, sollte man einfach zum Hockey gehen... Als ob das passieren würde.

In 4 Jahren werden wir dann wieder überrascht feststellen, dass es eigentlich viel angenehmer und sympathischer wäre, sich eine andere Sportart auszusuchen. Suprised Pikachu Face. Aber dann wird die Olympiaübertragung für die Zusammenfassung eines Zweitligaspiels unterbrochen und wir sind doch wieder gefangen im Bann des Königs...

Donnerstag, 8. August 2024

Herrenfußball vs Olympia: Teil 1: Der Umgang mit den Schiedsrichter

 Einer der faszinierenden Nebeneffekte bei Olympia ist ja, dass man den Sport, den man eigentlich verfolgt, wunderbar in Relationen zu anderen Sportarten auf absolutem Spitzenniveau setzen kann. Man kann sich dann informieren, wie woanders die Probleme, die man selbst hat, gelöst wurden. Und welche Auswirkungen diese Lösungsansätze auf das Geschehen auf den Plätzen haben. Deswegen gucke ich so gerne bei den anderen Mannschaftssportarten vorbei. Also abgesehen davon, dass ich einfach gerne Turniere in einem zeitlich begrenzten Rahmen mit K.O. Spielen gucke.

Natürlich werden sich die Offiziellen bei der Fifa nie damit beschäftigen. Die sind nur an der Gewinnmaximierung interessiert, werden sich also am ehesten mit Thomas Bach treffen und ihn fragen, wie er das Putin-Problem so elegant gelöst hat... Oder er fragt bei den Fechtern nach, wie die Kampfrichter die Kämpfe so effektiv manipulieren können, dass man die Sportart laut Meinung einiger Experten aus dem Programm nehmen sollte. An progressiven Lösungen zur Verbesserung des Spieles ist Infantino doch gar nicht interessiert.

Was mir als erstes aufgefallen ist: Die haben die Linienrichter beim Volleyball abgeschafft. Die Technologie ist so weit, dass der Schiedsrichter sofort ein Signal bekommt, wenn der Ball im Aus war. Und klar, das haben die theoretisch beim Fußball geklaut, wo die Torlinientechnoligie auch alles sofort und zweifelsfrei klärt. Aber da fällt einem auf, wie geil es wäre, wenn die halbautomatische Abseitserkennung in Echtzeit funktionieren würde. Also nur, weil beim Volleyball auffällt, wie viel Druck man aus dem Diskurs nimmt, wenn das sofort und objektiv geklärt wird.

Der wirklich spannende Teil bleiben aber die Challenges, die es praktisch in allen anderen Sportarten gibt... die aber im Fußball nicht umsetzbar sein soll. Warum auch immer. Bleiben wir beim Volleyball: Es war faszinierend, wie die Italienerinnen in ihrem Spiel bei einer verpassten Netzberührung der Serbinnen direkt aufschrien. Nur wurde nicht die Schiedsrichterin angeschrien, sondern sie drehten sich automatisch zu ihrem eigenen Coach. Der löste dann ruhig und sachlich die Challenge aus und die Italienerinnen bekamen ihren Punkt.
Beim Fußball wäre es bei einer vergleichbaren Szene zu einer Rudelbildung um den Mann in Schwarz gekommen, aber die Fehlentscheidung wäre bestehen geblieben...

Natürlich ist auch beim Volleyball nicht alles entspannt. Schließlich gab es im Spiel der Deutschen eine wohl eher fragwürdige Rote Karte, weil der Angreifer einen Gegner provokant angestarrt hat. Aber auch hier ist es faszinierend, dass die Proteste human ausfallen. Also verglichen mit einer krassen Fehlentscheidung beim Fußball, wo auch der Trainer direkt zum Schiri gerannt und den angeschrien hätte. Im Fußball wäre das Spiel minutenlang unterbrochen worden, im Volleyball wird das in unter 60 Sekunden geklärt und es geht weiter.

2 Beispiele für eine bessere Kommunikation gibt es beim Hockey. Fangen wir mit einer chinesischen Unsportlichkeit an, die zu einer Rudelbildung führte. Ja, so was passiert auch bei Olympia. Das Ergebnis: 2 Gelbe Karten. Was wahrscheinlich eine Fehlentscheidung ist, aber mir fehlt die Erfahrung, um im Hockey zu beurteilen, ob es für die Aktion der Chinesin normalerweise Rot gibt. Aber wie schnell sich die Rudelbildung auflöst. Die bestrafte Belgierin sagt dann ein "Ich habe meine Mitspielerin verteidigt"... und die Schiedsrichterin erklärt in aller Ruhe "I know, but you can not do it." Dann geht sie in aller Ruhe zu den Chinesinnen und lässt den Trainer übersetzen, warum und für wen es Gelb gibt. Das Eurosport-Video ist nebenbei gekürzt, die gesamte Kommunikation gibt es bei 1:39:00 im ReLive bei den Öffentlich Rechtlichen. Die gesamte Aktion von der Unsportlichkeit, über die Rudelbildung und die VAR Überprüfung, zur Bestrafung und Erklärung dauert ungefähr 3 Minuten. Man sieht nebenbei, wie unzufrieden die Kapitänin der Belgierinnen mit der Gelben Karte für die Chinesin ist. Aber sie murmelt ihre Kritik in sich hinein, anstatt sie der Schiedsrichterin ins Gesicht zu brüllen, wie das beim Fußball zum guten Ton gehört.

Das andere Beispiel gab es in der Schlussminute des Hockeyspiels Indien - Deutschland: Der Schiedsrichter sieht und bestraft einen technischen Fehler. Der Deutsche beantragt eine Challenge. Die Kommunikation zwischen VAR und Feldschiedsrichter via Funk wird live übertragen. Man erfährt sofort, was überprüft wird und erfährt transparent, wie die Entscheidung ausfällt. So nimmt man die Spannung aus solchen Situationen.

Beim Hockey merkt man, wie sehr es helfen kann, wenn die Kommunikation der Schiedsrichter mit den Spielern und dem VAR durchs Stadion und die Fernsehstationen transportiert wird. Man kann immer nachvollziehen, was überprüft wird und warum es zu welcher Entscheidung kam. Das ist eine Lektion, die der Fußball definitiv lernen sollte. Und wenn dann noch die Vereine selber entscheiden könnten, was genau überprüft werden soll, weil sie eine Challenge nehmen können...

Sind Challenges perfekt? Bestimmt nicht. Sowohl in der Halle, als auch beim Beachvolleyball wurden immer wieder Challenges genommen, wenn man spät im Satz noch eine offen hatte, um den Spielfluss zu unterbrechen und sich eine kleine, zusätzliche Auszeit zu nehmen und sich nochmal abzusprechen. Aber in Sportarten ohne herunterlaufende Uhr ist das ja kein wirkliches Problem. Außerdem unterbrechen die Fußballspieler und -trainer doch auch ständig den "Spielfluss", wenn sie zum Schiedsrichter rennen und die Schuld bei dem suchen. Zudem beweist die angesprochene Challenge beim Hockey, dass man, revolutionärere Gedanke, die Uhr auch einfach anhalten kann.
Wie geil wäre das eigentlich: Nettospielzeit ab der 70. Minute. Also ab dem Moment, wo das Zeitspiel meistens beginnt. Der 4. Offizielle nimmt die Zeit und funkt sie überall durch. Die Nachspielzeit durch vorherige Verletzungen, Tore und Wechsel wird auch schon in der 70. festgelegt. Sobald das Spiel danach unterbrochen ist, wird die Uhr angehalten. Dieses sich ewig Zeit lassen beim Einwurf oder Abstoß wird komplett abgeschafft. Andere Sportarten können das. Der Fußball ist die einzige Sportart, in der dieses extreme Zeitschinden einfach dazu gehört.

Es ist allgemein faszinierend, wie viel respektvoller der Umgang oftmals ist. Also sowohl mit Gegnern, als auch mit den Schiedsrichtern. Hier muss man sofort erwähnen, dass die neue "nennt sie nicht Mecker-Regel, auch Kapitäne dürfen nicht meckern" Idee ausschließlich für den Herrenbereich eingeführt wurde. Denn bei den Frauen brauchte man sie normalerweise nicht. Hier mal ein praktisches Beispiel: Beim Halbfinale USA - Deutschland gab es nach der 53. und in der 55. Minute 2 Fehlentscheidungen. Zunächst wurde Sidney Lohmann ein harmloses Einsteigen im Mittelkreis zurückgepfiffen. Kann man so sehen, muss man aber nicht. Lohmann flucht laut und sichtbar, aber eben nicht zur Schiedsrichterin. Der Eckball in der 55. Minute war deutlicher. Und dann... laufen Sidney Lohmann und Nicole Anyomi zur Offiziellen... und es passiert nichts.
Aber es ist eben auch ein merklicher Unterschied, ob so was ein Mal im Spiel passiert, oder bei jeder Kleinigkeit. Und beim Frauenfußball passierte es eben nur ein Mal. Dann muss man auch nicht sofort Gelb zeigen.

Kurzer Einschub hier, dass die olympischen Spiele für die Frauennationalmannschaft bisher extrem unglücklich gelaufen sind. Zunächst liefern sie im Viertelfinale, wenn gerade alle hingucken, ihre bestmögliche Imitation des langweiligen Achtelfinales zwischen Slowenien und Portugal ab. Wie schlimm muss dieses Spiel gewesen sein? Deutsche regen sich plötzlich darüber auf, dass zu viel Fußball im Fernsehen gezeigt wird! Dann entscheidet Felicitas Rauch sich im wichtigsten Spiel dafür, den einen Fehler, den Philipp Lahm je gemacht hat, nachzustellen. Es ist an sich nicht verkehrt, sich als Linksverteidigerin an einem jungen Lahm zu orientieren, aber ich muss doch nicht an dem 1:0 der Spanier...
Nebenbei merkte man auch deutlich, dass der olympische Spielplan wirklich hart ist. Also das Niveau im Halbfinale war deutlich niedriger als in der Vorrunde. Und das von beiden Mannschaften. Man merkte aber auch, dass es das 5. Spiel in 13 Tagen war und dass beide in der Runde davor in die Verlängerung mussten. Nur so als Vergleich: Bei der EM hatten die Spanier 5 Spiele in 20 Tagen auf dem Spielplan.

Aber eine Angelique Kerber wird darüber nur lachen, schließlich hatte die auch ein absurdes Mammutprogramm hinter sich... und ihr letztes Spiel gegen die spätere Olympiasiegerin Zheng Qinwen dauerte über 3 Stunden. Zheng gewann 2 Tage später das nächste Duell. Vielleicht sollte man darüber nachdenken, die Spiele doch auf 3 Wochen zu strecken, damit die Athlet*innen wirklich mit genügend Pausen absolute Spitzenleistungen abrufen können.

Zurück zum Umgang miteinander: Ein weiteres konkretes Beispiel: Martas Platzverweis im dritten Gruppenspiel. Extrem unglücklich, weil es ja eher ungeschickt als böswillig war. Extrem emotional, weil es ja durchaus Martas letzte Aktion. Und natürlich gibt es danach eine Rudelbilldung... um die vom Platz geschickte Marta und die am Boden liegende Olga. Die Schiedsrichterin wird aber fast komplett in Ruhe gelassen. Nur eine einzige Brasilianerin geht ganz kurz zu ihr. Wenn man bedenkt, dass sie da gerade die Karriere der ungekrönten Königin beendet haben könnte... stellt euch vor, wie die Brasilianer auf den Schiri zustürmen würden, wenn der einen Neymar vom Platz stellt. Egal ob das völlig zurecht geschehen ist.

Die Olympischen Spiele zeigen, dass man Charakter und Emotionen zeigen kann, ohne dass man auf den Schiedsrichter zustürmen muss. Sie beweisen auch, dass dieser Umgang miteinander auch für die Zuschauer wesentlich angenehmer ist. Aber im Fußball geht das natürlich nicht, weil der Druck so viel extremer ist. Nebenbei beweisen die Olympischen Spiele, dass dieser extreme Druck im Fußball eigentlich nur ein Mythos ist. Aber damit beschäftigen wir uns morgen.

Dienstag, 3. August 2021

Hat es sich der Fußball zu bequem gemacht?

 Oder ist er einfach nur zu bürokratisch? Weil jede Regeländerung "von ganz oben", also von greisen, weißen Männern beschlossen werden und immer für alle gelten muss?

Also als jemand, der auch gerne mal über den Tellerrand guckt, ist die Olympiade ja ein wirkliches Fest. Da kann ich zu einer beliebigen Tageszeit den Rechner anschalten und im Stream interessante Sportarten auf höchstem Niveau sehen. Und dabei fällt einem eines auf: In anderen Sportarten werden Regeln einfach geändert, um die Sportart attraktiver zu machen.

Ein praktisches Beispiel: Beim Triathlon haben die nach 900 von 1500 Meter Schwimmen eine kurze Anlegestelle eingebaut, an der die Athleten ganz kurz aus dem Wasser steigen und wieder reinspringen. Die selbstverständliche Erklärung: Das wurde für die Fernsehstationen (also für die Zuschauer) eingeführt, damit man auf 2/3 der Schwimmstrecke sehen kann, wer wo liegt. Das ist nämlich echt schwer auszumachen, wenn man nur die Badekappen sieht. Obwohl allen bewusst ist, dass es relativ egal ist, wo genau man nach 900 Meter schwimmen liegt, wird einem das als Service geliefert.

Solche "Das wurde für die Zuschauer eingeführt" Regeländerungen kriegt man bei Olympia ständig präsentiert. Ist ja auch logisch, man kämpft ja buchstäblich um deren Aufmerksamkeit. Genau das hat aber der Fußball einfach nicht nötig. Deswegen glauben alle, dass das Regelwerk perfekt ist, auch wenn das offensichtlich nicht stimmt.

Denkt mal kurz drüber nach: Die letzte wirklich relevante Regeländerung war... Die Rückpassregel. Die soll sogar den einen oder anderen Torhüter seinen Job gekostet haben, weil sie halt nach 30 Jahren komplett ihr Spiel umstellen mussten. Das war 1992. Das ist fast 20 Jahre her.

Danach... wurden so offensichtliche Regeln eingeführt, dass man für Grätschen von hinten Rot sehen sollte... Dass Passive Abseits überarbeitet. Viel über die Handspielregel diskutiert. Und die vollkommen sinnlose Doppelbestrafung "Elfmeter und Platzverweis für den Torhüter" abgeschafft. Die Regelhüter brauchten halt Jahrzehnte um zu der Erkenntnis zu gelangen, dass ein Elfmeter eine "klare Torchance" ist. Mehr muss man doch eigentlich gar nicht wissen.

Oh und es wurde natürlich die Regel eingeführt, dass Torhüter den Ball nur 6 Sekunden lang in der Hand haben darf. Das wäre eine richtig gute, richtig schöne Regel um Zeitspiel einzudämmen, aber sie wird halt nicht angewendet.

Nehmen wir mal als Gegenbeispiel Volleyball: Dort wurde seit 1992:
- Die Zählweise komplett umgestellt, sodass es bei jedem Ballwechsel Punkte zu verteilen gibt. Vorher konnte man nur bei eigenem Aufschlag punkten, was das Spiel auch unfassbar zäh machen konnte.
- Mit dem Libero/ der Libera eine komplett neue Position erschaffen, die auch Menschen unter 1,80 m eine professionelle Karriere ermöglicht.
- Netzberührung als Fehler abgeschafft und wieder eingeführt.
- Der Freiraum hinter dem Feld wird von 8 auf 6,50m gekürzt.

Oh.... und Beachvolleyball eingeführt, professionalisiert und olympisch gemacht. Man entwickelte sich von einer Rand- zu einer Trendsportart. Anders ausgedrückt: Es hat sich richtig viel getan. Also verglichen mit dem Fußball.

In den amerikanischen Sportligen treffen die sich ein Mal im Jahr und diskutieren über Regeländerungen. Die meisten dieser Vorschläge sollen das Angriffsspiel stärken und den Sport attraktiver machen. Da passiert es aber auch mal, dass Regeländerungen eingeführt und wieder abgeschafft werden. Also als praktisches Beispiel: Die haben in der NBA mal die 3 Punkte Linie an das internationale Regelbuch angepasst und gemerkt, dass ihnen das nicht gefällt. 

Man hat da dann auch eine ganz andere Kultur. Also die Frage, ob man einen 4-Punkte-Wurf einführen kann, wird da einfach mal gestellt. Wann wurden das letzte Mal wirkliche Regeländerungen und Optimierungen im Fußball diskutiert?

Also Louis van Gaal hat das mal gemacht. Vorgeschlagen, dass man den Einwurf abschaffen und durch einen Freistoß ersetzen sollte, damit Teams den Ball nicht mehr sorglos ins Aus schlagen können. Der wurde damals dafür ausgelacht. Weil er sich Gedanken gemacht hat, wie man den Fußball attraktiver machen kann. 

Ganz praktisch kann man das ja an der Torlinientechnologie festmachen. Also dass man so was braucht, wissen wir seit dem WM-Finale... 1966. Im Cricket wurde das Hawk Eye 2001 in Testspiele eingeführt. Im Tennis wird es seit 2006 genutzt. Aber der größte und reichste Verband, bei dem ein einzelnes Tor auch noch den größten Einfluss hat, ließ sich bis 2012 Zeit um diese Idee auch umzusetzen. 

Die mangelnde Flexibilität des Regelwerks wurde mir in einem Gespräch mit einem Schiedsrichter bewusst. Dem habe ich mein "Gebt für Handspiele indirekte Freistöße" Idee konfrontiert. Und er kam mit einem Totschlagargument: Das geht nicht, weil es für Foulspiele direkte Freistöße geben muss und indirekte Freistöße nur für Sachen wie gefährliches Spiel geben kann..." oder halt für einen Rückpass, der in die Hand genommen wird, aber Details.

Technisch gesehen hat er aber recht: Ein Handspiel eines Feldspielers ist ein Foul und für Foulspiele gibt es direkte Freistöße. Der direkte Freistoß im Strafraum ist halt ein Elfmeter. Deswegen kann es nur Elfmeter geben.

Warum man dieses Grundkonzept allerdings nicht auflockern kann und andere Strafen einführen darf, erschließt sich mir nicht. Oder man führt mit der Idee der Strafecke, die man beim Hockey klaut, einfach mal eine neue Standardsituation ein. Man kann das ja mal in einer Saison ohne Turnier im Sommer ausprobieren und hinterher wieder abschaffen, wenn es wirklich nicht funktioniert.

Vor allem, weil es ja früher auch ging. Also Dinge wie "Einwechselspieler" oder "Verwarnungen". Also um das mal zu verdeutlichen: 3 Wechsel sind erst seit 1994 erlaubt... Hoffentlich fällt niemanden auf, dass ich das oben nicht als Regeländerung erwähnt habe. 

Nun mag die Einführung einer Strafecke wirklich extrem sein. Aber selbst kleinere und vernünftigere Anpassungen können ja einfach nicht diskutiert werden. Also als praktisches Beispiel: Mein Vorschlag Wechsel nur bis zur 80. Minute zu erlauben, um das unerträgliche Zeitspiel einzudämmen, wird nie ernsthaft diskutiert werden. Genauso wenig wie die Idee einen neutralen Arzt zu stellen und Mindestzeiten für Behandlungspausen einzuführen. Obwohl uns allen klar ist, dass das Zeitspiel ein wirklich unangenehmes Niveau erreicht hat und dringend eingedämmt werden müsste.

Da aber selbst solche kleinen, progressiven Regeländerungen nicht möglich sind, können wir uns gar nicht vorstellen, wie große Regeländerungen funktionieren sollen. Als größeres praktisches Beispiel: Die haben jetzt herausbekommen, dass häufige Kopfbälle die wahrscheinlicher zu Demenz führt. Die kriegen alles raus. Und als Ergebnis... will man zumindest die Kinder später damit anfangen lassen. Also im FDP Stil als "freiwillige Erklärung"... 

Aber wir können uns eine Welt, in der jeder Kopfball zu einem indirekten Freistoß führt, auch einfach nicht vorstellen. Oder wenigstens einen Fußball, in dem man wie im Rugby Helme tragen muss, um die Folgen einzudämmen. 

Aus irgendwelchen Gründen glauben wir, dass Fußball halt seit 100 Jahren so gespielt wird und dass das Regelwerk perfekt ist, weil es halt schon immer so war. Oh und dass ALLE nach einem einheitlichen Regelwerk spielen müssen, was auch komplett albern ist. 

Aber ich sag das mal so: Nur weil Gerd Müller an Demenz leidet, muss Thomas Müller dies nicht auch passieren. Vor allem wo Thomas doch praktisch eh ein ganz anderes Spiel spielt, weil sich in Sachen Taktik und Athletik ja viel getan hat. Nur im Regelwerk bewegt sich halt nichts. Wobei man doch genau dieses auf die neuen Taktiken anpassen müsste...

Ich würde mir da weniger Denkverbote und ein progressiveres Vorgehen wünschen. Aber anderseits scheine ich da auch eine Minderheit zu sein, der Rest regt sich halt nur dann über Zeitspiel auf, wenn der Gegner es macht...

Freitag, 30. Juli 2021

Der wirkliche Schlag ins Gesicht

 Ein kurzer Nachtrag... haha... als würde ich mich jemals kurzfassen können.

Ich habe gerade rein zufällig das olympische Viertelfinale zwischen Australien und Großbritannien eingeschaltet. Weil ich mir dachte: Kannst du nebenbei machen, während du dich um wichtige Dinge kümmerst... und bevor du sinnlose Siegerehrungen von Sportarten guckst, die dich nicht interessieren...

Nebenbei was anders zu machen, hat dann aber überhaupt nicht funktioniert: Als ich eingeschaltet habe, stand es noch 1 zu 0 für die Australierinnen. Oh ja, natürlich: Es war das Viertelfinale der Frauen. Ich gucke bei Olympia halt nur hochwertigen Sport.

10 Minuten später lagen die Britinnen dann plötzlich dank eines Doppelpacks von Ellen White vorne. Diese Führung hielt dann auch... bis zur 89. Minute, als Samatha Kerr ausgleichen konnte. Schon mal der erste Wahnsinn.

Aber was dann folgte... also ganz ehrlich: Das war Jahrhundertspiel Niveau. Nur, dass das Spiel vorher halt keine absolute Grütze war. Aber ein derartiges Spiel sieht man nur ganz ganz selten.

Die Britinnen haben tatsächlich die "Gareth Southgate Lektion" gelernt und spielten die Verlängerung im "Wir wollen auf keinen Fall ins Elfmeterschießen" Modus. Australiens Torhüterin Teagan Micah stand schon im Fokus, bevor sie dann auch noch einen Elfmeter halten konnte. Was die erwartbarste Leistung war.

Direkt danach haut die 18-jährige Mary Fowler einen raus. Also klar, der Ball war abgefälscht. Aber den Ball mit rechts zu verarbeiten und mit links in den Winkel zu nageln. Also wenn eine Deutsche Nationalspielerin so eine Bude in so einem wichtigen Spiel macht, wird es das Tor des Monats. Wenn ein Deutscher Nationalspieler so ein Ding macht, wird es das Tor des Jahres.

Aber danach war ja noch lange nicht Schluss. Die Australierinnen erzielen direkt nach dem Anstoß der 2. Hälfte das 4:2. Also genau in den Momenten, in den ein Roberto Mancini seinen Stürmer auswechselt, anstatt das in der Pause zu machen. 

Danach kommen die Britinnen aber dank des 3. Treffers von Ellen White nochmal ran. Nebenbei vielen alle 3 Tore in der Verlängerung aus dem Spiel heraus und nicht durch irgendwelche erschlichenen Standards. Könnt ihr euch so was vorstellen? Eine Verlängerung, in der beide Mannschaften konstruktiv versuchen Tore zu erzielen? Unfassbar.

Nach dem 3:4 kamen die Britinnen aber zu keinen weiteren klaren Chancen. Was aber nicht daran lag, dass die Australierinnen übermäßiges Zeitspiel betrieben haben. Also um das mal zu verdeutlichen: In der 120. Minute sieht Georgia Stanway Gelb, weil sie beim verzweifelten Nachsetzen zu spät kommt... und Stephanie Catley steht einfach wieder auf. Ohne, dass die Ärzte aufs Feld kommen müssen. Ein richtiger Mann hätte sich da erst Mal 3 Minuten lang behandeln lassen. Stattdessen wurde das Spiel nach 40 Sekunden fortgesetzt. Ohne dass die Torhüterin Micah ermahnt werden musste, sie müsse doch mal bitte den Ball wieder ins Spiel bringen. 

Könnt ihr euch das vorstellen? Die haben in der Verlängerung wirklich Fußball gespielt, anstatt den Rasen zur Liegewiese umzufunktionieren. Und beide Mannschaften haben nicht nur aufs Elfmeterschießen gewartet. Wenn ihr irgendwie die Chance habt, zumindest an die Highlights zu kommen guckt euch das an. So schön kann Fußball sein

Aber jetzt kommt halt der Schlag ins Gesicht: Im Onlineportal des ehemaligen Fußball-Fachmagazins, welches sich ja so schön über die Leistungen der Deutschen Männer echauffierte, findet ihr dazu wenig bis nichts. Also schon während des Spiels war die Spitzenschlagzeile "Trikotpreise der deutschen Bundesligisten" Die Berliner Trikots sollen sehr teuer sein. Und ich bin so dumm, da auch noch draufzuklicken und es zu verlinken. Klickt da nicht drauf, sondern vertraut mir einfach.

Schon während des Spieles musste ich sehr weit runterscrollen, um überhaupt den Ergebnisticker zu finden. Und dort wurden dann wirklich nur die Tore aufgeführt. Die haben es nicht mal geschafft, dass irgendwer in der Redaktion da wenigstens mit einem Auge drauf guckt. Das Frauenfußball-Turnier hat alles, wovon der Kicker-Redakteur, der den Kommentar zur Deutschen Mannschaft geschrieben hat, träumt. Alle Stars sind dabei. Alle sind hoch motiviert. Die Amerikanerinnen sind ein wenig zu alt, weshalb auch noch nicht fest steht, wer gewinnt. Aber es wird wirklich die bestmögliche Version des Frauenfußballs präsentiert. Aber trotzdem wird das Turnier von den Fachmedien ignoriert und marginalisiert.

Dass der Kicker nicht unbedingt über Feldhockey und Wasserball berichten muss, sehe ich ja ein. Dass die nicht nach jedem Frauenfußballspiel ein Interview mit dem Trainerstab führen, kann ich auch nachvollziehen. Aber dass es so komplett an den Rand gedrückt wird, nur weil Deutschland nicht mitspielt... 

Aber gut, ich habe ja mittlerweile erkannt, dass man denen kein Geld mehr geben sollte...

Donnerstag, 3. September 2015

Toni Kroos spricht eine unangenehme Wahrheit aus.

Könnt ihr euch noch an den Sommer erinnern? Als fußballtechnisch so gar nichts ging und wir uns für die U21 EM begeistern mussten?
Damals wollten sie uns den Wettbewerb spannend reden. Und es hieß, dass alle Jungstars die noch nicht definitiv bei Jogi Löw festgespielt sind, dort antreten mussten... anstatt sagen wir mal Urlaub zu machen.
Was wiederum dazu führte, dass das Turnier sein eigentliches Ziel verfehlte: Junge, noch nicht vollends etablierte Profis weiterzubilden. Einen Maximilian Arnold, der beim VfL Wolfsburg noch nicht den endgültigen Durchbruch geschafft hat, hätte dieses Turnier voll viel bringen können. Er wäre zum ersten Mal bei einem derart wichtigen Turnier ein Stamm- und Führungsspieler. Stattdessen fragte er sich hinterher wahrscheinlich, warum er auf seinen Sommerurlaub verzichtete, nur um 4 mal 90 Minuten auf der Bank zu sitzen.
Am anderen Ende des Spektrums stand Emre Can. Seines Zeichens Stammspieler beim FC Liverpool. Also auch noch in England, wo man jedem Spieler jede mögliche Pause zugestehen sollte. Der verzichtete für ein nicht so berrauschendes Turnier und haufenweise Kritik auf seinen Sommerurlaub. Nebenbei seinem einzig bis 2019, falls er sich bei den großen Jungs durchsetzt.

Wenn sowohl deine Stammspieler als auch deine Lückenfüller zu dem Schluss kommen müssen, dass sie wohl besser Urlaub gemacht hätten... hast du definitiv irgendwas falsch gemacht.

Aber es gab ja das eine große Ziel, für das sich das alles gelohnt haben soll. Und an der Stelle kommt Toni Kroos mit seiner Aussage: "Olympia hat nicht den Stellenwert."
Yapp, kaum kommt Can bei den großen Jungs an, wird ihm sofort mitgeteilt, dass es komplett sinnlos war, was er da im Sommer gemacht hat. Und bereits jetzt geht die große Diskussion los, wen man denn nun da hin schicken soll... schließlich ist direkt davor EM... und direkt danach Bundesliga. Can kann seinen großen Traum des letzten Sommers wahrscheinlich gar nicht realisieren, weil er beim wesentlich wichtigeren Termin teilnehmen muss. Noch viel schlimmer: Wenn Can wirklich zur Olympia-Delegation abgeschoben wird, wird er mächtig enttäuscht sein. Und sein Arbeitgeber auch, da er noch länger fehlen wird.

Und das schlimmste daran: Toni Kroos hat recht. Der Junge ist Weltmeister. Und hat im Sommer die Chance, Europameister zu werden. Warum sollte er sich da über das Olympische Fußballturnier Gedanken machen.
Und wer interessiert sich schon für dieses Turnier? Oder könnt ihr aus dem Stehgreif die letzten 3 Olympiasieger aufzählen? Ich nicht. Und das, obwohl Lionel Messi dabei ist.
Und ja, der Messi muss sich immer noch vorwerfen lassen, dass er für sein Land nie irgendwas gewonnen hat... weil selbst die Argentinier, die seit 1993 nebenbei nur diesen Titel (dafür aber gleich 2 mal) holen konnten, interessieren sich nicht dafür, wer Olympiasieger wird.

Da gibt es ja auch gute Gründe für. Eine Sommer-Olympiade ist das größte Sportevent des Jahres. Das war es schon bei den Alten Griechen. Für jede Menge Sportarten heißt das: ungeahnte Aufmerksamkeit. Und unglaublich viele sympathische Deutsche Athleten, die ins Scheinwerferlicht treten können. Für die ist eine Goldmedaille halt auch der Türknopf zum großen Jackpot. Weil man mit ihren bis dahin völlig unbekannten Gesichtern plötzlich was anfangen kann. Was sie zu beliebteren Werbeträgern macht...

Für Fußballer dagegen... Fußball ist halt der größte und populärste Sport weltweit. Das sieht man ja allein schon an den Bemühungen europäischer Vereine in Asien einen Fan-Markt zu kreieren: der europäische Spitzenfußball ist ein weltweiter Magnet. Der für sich selbst ein alles andere in den Schatten stellendes Spotlight beansprucht.

Und an diese Aufmerksamkeit hat sich der Fußballer auch gewöhnt. Wenn ein internationales Fußball-Finale stattfindet, hat an diesem Tag gefälligst alles andere zu Ruhen. Und da wird dann nicht mal kurz hingezappt, sondern dann beginnt bereits 8 Stunden davor die Berichterstattung.
Ganz ehrlich: Ein Deutscher Nationalspieler stolpert doch beim Einsteigen, wenn ihn dabei keine Medienvertreter zugucken und das live kommentieren... diese Medienvertreter haben aber bei olympischen Spielen wichtigeres zu tun.

Für alle anderen Sportarten ist dieses Spotlight Olympia ein Vorteil. Die Deutschen Athleten wissen halt, dass ihnen dieses eine Mal unsere Aufmerksamkeit geschenkt wird. Obwohl es uns drum herum 4 Jahre lang nicht interessiert, was die sonst so machen. Weshalb sie aber halt auch 4 Jahre auf genau dieses eine Event hinarbeiten. Und zwar auch in ganz absurden Sportarten wie "Moderner Fünfkampf"... und ja, wenn Herrensynchronschwimmen olympisch wird... und wir eine Deutsche Mannschaft stellen... werden wir gebannt auf den Bildschirm starren, wenn 5 deutsche Recken ihren Sack gerade so über Wasser halten. Und nen Spagat machen...

Aber warum sollte man als Fußballer, der ganz andere Reize gewohnt ist, sich für so ein Event interessieren? Wenn es nur dazu führt, dass man entweder die EM oder den Saisonstart verpasst? Also abgesehen von dem Fakt, dass man an diesem qualitativ eher minderwertigen Turnier höchstens ein Mal im Leben teilnehmen kann... Und damit im Olympischen Dorf wohnen könnte, was einem aber praktisch nichts bringt, da man all 2 Tage ein Spiel hat und dieses Spiel nicht zwingend in Rio ausgetragen werden wird...

Dienstag, 23. Oktober 2012

Der Radsport muss Lance Armstrong vergessen

möglichst schnell... denn nur wenn man diesen Vorfall möglichst schnell vergisst, kann man hinterher in Ruhe weiterdopen.
Aber ganz ehrlich, der Radsport sollte die letzten 15 Jahre ganz schnell vergessen... Mindestens. Denn wenn die wirklich mit dem Dopen aufgehört hätten, würden die heute wohl kaum noch dieselben Berge hochkommen wie zu Armstrongs Zeiten. Und ob der nun wirklich schlimmer, oder nur besser und wissenschaftlicher, als der Rest war, werden wir nie rausbekommen.

Aber nun stellt euch mal vor, euch würde jemand sagen: "Wir müssen Pele vergessen!" Möglichst schnell. Oder Zinedine Zidane, um ein zeitnäheres Beispiel zu nennen. Nun kann man natürlich direkt behaupten:
Der Fußball ist doch sauber, wie soll man das denn dopen?


Fußball ist halt kein Ausdauersport. Talent kann man sich sowieso nicht erdopen und mit Technik sieht es ähnlich aus. Stimmt sicherlich... Aber Fußball ist, gerade in der Gegenwart, auch ein sehr athletischer Sport. Und die Hohe Kust ist es ja, diese Technik, Übersicht und Klasse auch noch in der 118. Minute zu zeigen... Und jetzt soll niemand behaupten, dass Fußballspiele nicht in der 118. Minute entschieden werden...
Nachdem man 10 bis 12 Kilometer gelaufen ist, muss man immernoch die Luft haben, um guten Fußball zu spielen.
Ein Lionel Messi hat mittlerweile so viel Kraft im Oberkörper und Beinen, dass er sich gegen die vielen körperlichen Angriffe durchsetzen kann. Mit 13 musste genau dieser Messi mit Wachstumshormonen vollgepumpt werden, damit er überhaupt seine 1,69 groß wird... Und was ist eine Behandlung mit Hormonen anderes als Doping?
Vielleicht kann ich mir sogar einreden lassen, dass der Fußball während der Saison relativ sauber ist. Aber in der Vorbereitung? Wenn die Muskeln aufgebaut werden müssen, mit denen man dann die Zweikämpfe bestreiten darf. Wollen wir davon ausgehen, dass da nicht mit allen Möglichkeiten der Grauzonen nachgeholfen wird?
Man vergleiche einfach mal die Körper von einem Günter Netzer und einem Cristiano Ronaldo. Daran alleine kann man erkennen, wie sehr sich der Fußball in den letzten 30 Jahren verändert hat. Natürlich hat das auch was mit dem verbesserten Training zu tun. Aber nur damit?
Und nur so nebenbei: den Ausdruck "sich fit spritzen lassen" gab es wahrscheinlich damals schon. Und selbst heutzutage, wo Doping ein Thema in den Medien ist, kann man sich als Profi wie Christoph Metzelder hinstellen und behaupten, er würde sich "jeder Zeit fir spritzen lassen." Nur um mal einmal zu klären, wie hoch im Zweifelsfall die Hemmschwelle wäre, wenn ein Arzt in der Vorbereitung kommt und sagt: nimm das mal, das macht dich fitter...
Sobald ich sehe, dass ein Verein eine Medizinische Abteilung hat... gehe ich davon aus, dass die alles ausreizen wird, was erlaubt ist, um die Leistungen zu steigern. Und erlaubt ist de facto, was nicht nachgewiesen werden kann.

Ist das schlimm? Oder habe ich mich einfach nur damit abgefunden? Ich finde es eher schlimmer, dass der Radsport so am Pranger steht. Wahrscheinlich ist es bei einem reinen Ausdauersport wirklich schlimmer als in anderen Sportarten. Aber bei Olympia haben wir hunderten von denen zugejubelt. Natürlich davon ausgehend, dass die alle sauber sind...
Aber selbst wenn alle Spitzensportler was nehmen? Die sollen mich ja unterhalten. Und natürlich immer schneller, krasser, athletischer. Beschwere ich mich, wenn die Fotos von der Frau in einem Männer-Magazin retouschiert wurden... oder die Frau vorher geschminkt wurde? Oder wenn die Aufnahmen des Gesangs von der Frau aus dem Männermagazin mit verschiedenen Programmen überarbeitet wurden, damit es nach Musik klingt? Nein, ich fühle mich gut unterhalten. Beschweren werde ich mich nur, wenn sie sich dabei erwischen lässt, dass sie nicht mal selbst gesungen hat... Und ähnlich betrachte ich es mit dem Sport. Der ist ja vor allem deswegen faszinierend, weil Menschen dort Dinge machen, die man selber niemals könnte...

Was nicht heißen soll, dass man Doping komplett frei geben sollte... aber nur um die Sportler zu schützen. Ich will gar nicht wissen, auf was für Perversitäten Funktionäre und Ärzte kommen würden, wenn man ihnen sagt: ihr dürfte alles machen, um die Leistungen zu steigern...