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Mittwoch, 5. Juli 2023

War Wenger nicht mal einer von den Guten?

 Das ist offensichtlich lange her. Also als er Berater bei der Fifa wurde, hatte man ja zumindest kurz die Hoffnung, dass da jemand mit wirklicher Expertise mitmischt und vernünftige Regeländerungen einbringt. Ihm hätte ich zugetraut, dass er eine praktische Lösung für die ganzen Handelfmeter findet.

Und vielleicht wäre er sogar in der Lage, den Funktionären Contra zu geben. Aber das Gegenteil ist der Fall, der Mann ist voll auf Fifa Linie. Was genau genommen wenig überrascht, denn wenn es anders wäre, hätten die ihn nie angestellt.

Aber wenigstens sinnvolle Regeländerungen wird er doch einbringen. Ähm nein, stattdessen arbeitet er jetzt aktiv daran, denn attraktiven Fußball zu zerstören. Wenn ich das nicht mehr trainieren darf, dürft ihr das auch nicht mehr sehen! Oder so.

Die Regeländerung, die Arsene Wenger vorgeschlagen hat, klingt auf den ersten Blick harmlos: Man steht dann nur noch im Abseits, wenn alle Körperteile, mit denen man regulär ein Tor erzielen kann, dichter am gegnerischen Tor sind, als der vorletzte Verteidiger. Das soll dann die ganzen Diskussionen eindämmen und für ein attraktiveres Spiel sorgen.

Also um das zu verdeutlichen: Wenn der durchstartende noch seine Achillesferse auf Höhe des eine Abseitsfalle stellenden Verteidigers hat, kann er dann alleine aufs Tor zurennen. Kling doch geil. 50 % mehr Tore verspricht sich die Fifa.

Das Problem daran ist aber: Ein Kylian Mbappé ist schon kaum zu verteidigen, wenn er nur auf der gleichen Höhe starten darf. Wenn man den ganz praktisch einen halben Meter Vorsprung gibt, hat man gar keine Chance mehr.
Und da sagt Wenger dann: Das ist doch gut so, wir wollen ja mehr Tore. Die bittere Realität wird aber anders aussehen. Denn wenn man nicht mehr auf Abseits spielen kann, weil es praktische unmöglich ist, dann wird man einfach keine Abseitsfallen mehr stellen. Dann wird der klassische Kreisklassen-Libero sein Comeback in der höchsten Liga geben. Dann werden sich Mannschaften zwangsweise am eigenen 16er verbarrikadieren, weil das die einzige Chance ist, schnelle Stürmer zu verteidigen. Und das soll dann attraktiver sein?

Oder verkürzt ausgedrückt: mehr Mourinho, weniger Guardiola. Bei allem Respekt vor dem Trainer Mourinho: Das kann doch nicht gewollt sein. 

Und ja, funktionierende Abseitsfallen sind die Grundlagen für jedes Pressingsystem. Denn man muss das Spielfeld extrem klein halten, um mit 11 Leuten effektiv am gegnerischen Strafraum zu pressen. Und der einfachste Weg, diesen Druck auszuhebeln, sind dann lange Bälle. Und da sind wir dann wieder bei dem Punkt, dass der Angreifer auf einmal einen entscheidenden Vorsprung geschenkt bekommt. Das Risiko in einen langen Ball zu laufen, wird so viel größer, dass sie die Chance des Pressings für viele Mannschaften nicht mehr lohnen wird.

Und die Umschaltmomente werden so viel gefährlicher, dass eher vorsichtige Trainer ihre Mannschaft gar nicht mehr rausrücken lassen, wenn sie selber einen Konter starten können. Das ist dann einfach viel zu gefährlich. Und die meisten Trainer sind eher vorsichtig.

Diese Idee soll jetzt ja in Europa getestet werden. Ich hielt das ja für eine dieser Sommerloch-Nachrichten, aber sie kommt anscheinend wirklich. Hoffentlich übertreibe ich da mit meinem Pessimismus, aber es wird den Fußball nicht so verändern, wie Wenger sich das erträumt.

Aber das ist wahrscheinlich auch wieder der Punkt, an dem Wenger schon als Trainer hauptsächlich ans Angreifen gedacht hat und sich relativ wenige Gedanken darüber machte, wie man da als Verteidigung reagieren wird. Das war ja auch schon als Trainer sein fataler blinder Punkt. Deswegen hat er gegen Mourinho auch nur 2 von 19 Spielen gewonnen: Der Portugiese hat sich vorher angeguckt, wie Arsenal angreift und beschlossen: Ok, das mache ich kaputt. Und dann hat er die humorlos gegen eine Wand laufen lassen und die Punkte eingefahren

Und jetzt denkt er beim Regeln erstellen halt auch ausschließlich daran, welche Möglichkeiten dies den Angreifern eröffnen wird, und bedenkt in keiner Sekunde, wie sich die verteidigenden Mannschaften darauf anpassen werden. Also um mal kurz zu erörtern, dass Wenger nicht unbedingt unfassbar dumm, sondern nur unfassbar naiv ist...

Dienstag, 3. August 2021

Hat es sich der Fußball zu bequem gemacht?

 Oder ist er einfach nur zu bürokratisch? Weil jede Regeländerung "von ganz oben", also von greisen, weißen Männern beschlossen werden und immer für alle gelten muss?

Also als jemand, der auch gerne mal über den Tellerrand guckt, ist die Olympiade ja ein wirkliches Fest. Da kann ich zu einer beliebigen Tageszeit den Rechner anschalten und im Stream interessante Sportarten auf höchstem Niveau sehen. Und dabei fällt einem eines auf: In anderen Sportarten werden Regeln einfach geändert, um die Sportart attraktiver zu machen.

Ein praktisches Beispiel: Beim Triathlon haben die nach 900 von 1500 Meter Schwimmen eine kurze Anlegestelle eingebaut, an der die Athleten ganz kurz aus dem Wasser steigen und wieder reinspringen. Die selbstverständliche Erklärung: Das wurde für die Fernsehstationen (also für die Zuschauer) eingeführt, damit man auf 2/3 der Schwimmstrecke sehen kann, wer wo liegt. Das ist nämlich echt schwer auszumachen, wenn man nur die Badekappen sieht. Obwohl allen bewusst ist, dass es relativ egal ist, wo genau man nach 900 Meter schwimmen liegt, wird einem das als Service geliefert.

Solche "Das wurde für die Zuschauer eingeführt" Regeländerungen kriegt man bei Olympia ständig präsentiert. Ist ja auch logisch, man kämpft ja buchstäblich um deren Aufmerksamkeit. Genau das hat aber der Fußball einfach nicht nötig. Deswegen glauben alle, dass das Regelwerk perfekt ist, auch wenn das offensichtlich nicht stimmt.

Denkt mal kurz drüber nach: Die letzte wirklich relevante Regeländerung war... Die Rückpassregel. Die soll sogar den einen oder anderen Torhüter seinen Job gekostet haben, weil sie halt nach 30 Jahren komplett ihr Spiel umstellen mussten. Das war 1992. Das ist fast 20 Jahre her.

Danach... wurden so offensichtliche Regeln eingeführt, dass man für Grätschen von hinten Rot sehen sollte... Dass Passive Abseits überarbeitet. Viel über die Handspielregel diskutiert. Und die vollkommen sinnlose Doppelbestrafung "Elfmeter und Platzverweis für den Torhüter" abgeschafft. Die Regelhüter brauchten halt Jahrzehnte um zu der Erkenntnis zu gelangen, dass ein Elfmeter eine "klare Torchance" ist. Mehr muss man doch eigentlich gar nicht wissen.

Oh und es wurde natürlich die Regel eingeführt, dass Torhüter den Ball nur 6 Sekunden lang in der Hand haben darf. Das wäre eine richtig gute, richtig schöne Regel um Zeitspiel einzudämmen, aber sie wird halt nicht angewendet.

Nehmen wir mal als Gegenbeispiel Volleyball: Dort wurde seit 1992:
- Die Zählweise komplett umgestellt, sodass es bei jedem Ballwechsel Punkte zu verteilen gibt. Vorher konnte man nur bei eigenem Aufschlag punkten, was das Spiel auch unfassbar zäh machen konnte.
- Mit dem Libero/ der Libera eine komplett neue Position erschaffen, die auch Menschen unter 1,80 m eine professionelle Karriere ermöglicht.
- Netzberührung als Fehler abgeschafft und wieder eingeführt.
- Der Freiraum hinter dem Feld wird von 8 auf 6,50m gekürzt.

Oh.... und Beachvolleyball eingeführt, professionalisiert und olympisch gemacht. Man entwickelte sich von einer Rand- zu einer Trendsportart. Anders ausgedrückt: Es hat sich richtig viel getan. Also verglichen mit dem Fußball.

In den amerikanischen Sportligen treffen die sich ein Mal im Jahr und diskutieren über Regeländerungen. Die meisten dieser Vorschläge sollen das Angriffsspiel stärken und den Sport attraktiver machen. Da passiert es aber auch mal, dass Regeländerungen eingeführt und wieder abgeschafft werden. Also als praktisches Beispiel: Die haben in der NBA mal die 3 Punkte Linie an das internationale Regelbuch angepasst und gemerkt, dass ihnen das nicht gefällt. 

Man hat da dann auch eine ganz andere Kultur. Also die Frage, ob man einen 4-Punkte-Wurf einführen kann, wird da einfach mal gestellt. Wann wurden das letzte Mal wirkliche Regeländerungen und Optimierungen im Fußball diskutiert?

Also Louis van Gaal hat das mal gemacht. Vorgeschlagen, dass man den Einwurf abschaffen und durch einen Freistoß ersetzen sollte, damit Teams den Ball nicht mehr sorglos ins Aus schlagen können. Der wurde damals dafür ausgelacht. Weil er sich Gedanken gemacht hat, wie man den Fußball attraktiver machen kann. 

Ganz praktisch kann man das ja an der Torlinientechnologie festmachen. Also dass man so was braucht, wissen wir seit dem WM-Finale... 1966. Im Cricket wurde das Hawk Eye 2001 in Testspiele eingeführt. Im Tennis wird es seit 2006 genutzt. Aber der größte und reichste Verband, bei dem ein einzelnes Tor auch noch den größten Einfluss hat, ließ sich bis 2012 Zeit um diese Idee auch umzusetzen. 

Die mangelnde Flexibilität des Regelwerks wurde mir in einem Gespräch mit einem Schiedsrichter bewusst. Dem habe ich mein "Gebt für Handspiele indirekte Freistöße" Idee konfrontiert. Und er kam mit einem Totschlagargument: Das geht nicht, weil es für Foulspiele direkte Freistöße geben muss und indirekte Freistöße nur für Sachen wie gefährliches Spiel geben kann..." oder halt für einen Rückpass, der in die Hand genommen wird, aber Details.

Technisch gesehen hat er aber recht: Ein Handspiel eines Feldspielers ist ein Foul und für Foulspiele gibt es direkte Freistöße. Der direkte Freistoß im Strafraum ist halt ein Elfmeter. Deswegen kann es nur Elfmeter geben.

Warum man dieses Grundkonzept allerdings nicht auflockern kann und andere Strafen einführen darf, erschließt sich mir nicht. Oder man führt mit der Idee der Strafecke, die man beim Hockey klaut, einfach mal eine neue Standardsituation ein. Man kann das ja mal in einer Saison ohne Turnier im Sommer ausprobieren und hinterher wieder abschaffen, wenn es wirklich nicht funktioniert.

Vor allem, weil es ja früher auch ging. Also Dinge wie "Einwechselspieler" oder "Verwarnungen". Also um das mal zu verdeutlichen: 3 Wechsel sind erst seit 1994 erlaubt... Hoffentlich fällt niemanden auf, dass ich das oben nicht als Regeländerung erwähnt habe. 

Nun mag die Einführung einer Strafecke wirklich extrem sein. Aber selbst kleinere und vernünftigere Anpassungen können ja einfach nicht diskutiert werden. Also als praktisches Beispiel: Mein Vorschlag Wechsel nur bis zur 80. Minute zu erlauben, um das unerträgliche Zeitspiel einzudämmen, wird nie ernsthaft diskutiert werden. Genauso wenig wie die Idee einen neutralen Arzt zu stellen und Mindestzeiten für Behandlungspausen einzuführen. Obwohl uns allen klar ist, dass das Zeitspiel ein wirklich unangenehmes Niveau erreicht hat und dringend eingedämmt werden müsste.

Da aber selbst solche kleinen, progressiven Regeländerungen nicht möglich sind, können wir uns gar nicht vorstellen, wie große Regeländerungen funktionieren sollen. Als größeres praktisches Beispiel: Die haben jetzt herausbekommen, dass häufige Kopfbälle die wahrscheinlicher zu Demenz führt. Die kriegen alles raus. Und als Ergebnis... will man zumindest die Kinder später damit anfangen lassen. Also im FDP Stil als "freiwillige Erklärung"... 

Aber wir können uns eine Welt, in der jeder Kopfball zu einem indirekten Freistoß führt, auch einfach nicht vorstellen. Oder wenigstens einen Fußball, in dem man wie im Rugby Helme tragen muss, um die Folgen einzudämmen. 

Aus irgendwelchen Gründen glauben wir, dass Fußball halt seit 100 Jahren so gespielt wird und dass das Regelwerk perfekt ist, weil es halt schon immer so war. Oh und dass ALLE nach einem einheitlichen Regelwerk spielen müssen, was auch komplett albern ist. 

Aber ich sag das mal so: Nur weil Gerd Müller an Demenz leidet, muss Thomas Müller dies nicht auch passieren. Vor allem wo Thomas doch praktisch eh ein ganz anderes Spiel spielt, weil sich in Sachen Taktik und Athletik ja viel getan hat. Nur im Regelwerk bewegt sich halt nichts. Wobei man doch genau dieses auf die neuen Taktiken anpassen müsste...

Ich würde mir da weniger Denkverbote und ein progressiveres Vorgehen wünschen. Aber anderseits scheine ich da auch eine Minderheit zu sein, der Rest regt sich halt nur dann über Zeitspiel auf, wenn der Gegner es macht...