Donnerstag, 8. Januar 2026

Passives Abseits Jahrescharts 2025

 Das wird schon wieder viel. Lasst uns direkt anfangen... Und ja, ich habe in den letzten Tagen 40 Alben komplett durchgehört. Man konsumiert Musik einfach anders, wenn man Schallplatten besitzt.
Trotzdem gibt es noch ein paar "Quick Hits": an 100 Kilo Herz "Hallo Startblock" habe ich mich lange nicht rangetraut, weil ich den Abgang von Rodri nicht verkraftet habe. Aber das neue Album klingt schon weiterhin nach derselben Band, was ich nicht für möglich gehalten habe. Für Nina Chubas "Ich lieb mich, ich lieb mich nicht" fehlte mir bisher einfach die Zeit, aber es ist verdammt wichtig, dass es sie gibt. Nas & DJ Premier haben einen Hip Hop Classic gemacht. So Oldschool und gleichzeitig fresh hat Ami Rap lange nicht mehr geklungen. Main Concepts "Kontinuum" ist nur eine EP... und 2 der 3 Featuregästen holen mich nicht ab. Aber Dave P ist und bleibt ein überragender MC.

Platz 42: Eine Stadt wird bunt Sampler: Ich hätte auch nicht gedacht, dass das geht... aber hier wurde eine Dokumentation über Hip Hop in Hamburg auf Schallplatte gepresst. Dafür braucht man nur 4 Platten und ein 100 Seiten Booklet. Die Songs sind durchaus anstregend, denn es wurden wirkliche Deep Cuts rausgesucht. Um das praktisch zu erklären: Obwohl ich verdammt viele von den die Ära prägenden Vinyls besitze, habe ich nur einen Song vorher schon in meiner Sammlung gehabt. Dafür gibt es haufenweise Mitschnitte aus diversen Radiosendungen aus der Stadt. Ist das in der Summe unfassbar anstrengend? Bestimmt. Aber für Hip Hop Nerds ist es ein unfassbares Fundstück. 

Platz 41: "Death Becomes her" Original Broadway Cast: Nur um mal festzuhalten was für ein weirder Nerd und absoluter Groupie ich bin: Ich wusste nicht, dass es im Jahr 1993 eine Komödie mit diesen Titel gibt. Ich hatte auch keine Ahnung, wie der Plot dieses Musicals geht. Als ich herausgefunden habe, dass es eine Vinyl mit den Aufnahmen des Ensembles gibt, habe ich trotzdem sofort zugeschlagen... warum? Nun ja, ich brauche ja zumindest ein Grammy nominiertes Album in diesen Charts. Vor allem: Michelle Willians übernimmt halt die Rolle von Viola Van Horn. Damit kommt dieses Album quasi mit 5 neuen Michelle Williams Songs und einigen "Features". Und da ich diese Stimme einfach liebe, habe ich die Vinyl sofort bestellt.

Platz 40: Itchy Feet - Words of Passage: Der erste Überraschungsgast kam am 3.1. im Horns Erben in den Plattenschrank und in die Playlist. Aber in einen kleinen Klub zu rennen, um eine völlig unbekannte Band live zu stehen, bleibt halt mein Lieblingshobby. Der lustigste Moment kam direkt nach der Pause, als die mich bei "Welcome Back" mit einem "You might be here by accident" begrüßen. Itchy Feet sind zu viert und treffen sich regelmäßig in der Pampa in Mecklenburg um Folk Musik zu machen. Wir reden von Folk im ganz klassischen Stil, mit viel Banjo und wenig Schlagzeug. Man kann den Aufnahmen regelrecht anhören, dass sich hier jemand eine Auszeit am See gönnt.  

Platz 39: Wettermann - Wir schweben in Gefahr: Wo wir schon bei absurder Kleinkunst, die mir in kleinen Läden über den Weg gelaufen sind, waren: Wettermann habe ich in Ilses Erika gesehen. Da bin ich so oft, dass mich der Chef, der auch der Labelchef von DRAN ist, grüßt, wenn wir uns in der Stadt über den Weg laufen... Und da stolpert man dann über Bands wie Wettermann. Axel Rapp, dessen Soloprojekt das mittlerweile eigentlich ist, bewegt sich auf der Grenze zwischen Liedermacher und Deutschrock. Die Texte sind eher kryptisch. Es kann durchaus sein, dass dieses Album wirklich nur die etwas umständliche Aufforderung an seine Mutter ist, doch endlich das "Lösegeld" zu bezahlen, damit er den ganzen absurden Scheiß nicht mehr machen muss. Mein persönlicher Lieblingssong ist "Der Nachbar", in der ein fiktivier Nachbar observiert wird und das lyrische Ich sich fragt, warum dort denn die ganze Nacht Licht im Keller brennt. Es fällt ihm dabei aber nicht wirklich auf, dass er sich genau so creepy verhält, wie er es dem Nachbarn vorwirft. Und am Ende kommt raus, dass die beiden Nachbarn sich einfach gegenseitig beobachten und deswegen die ganze Nacht wach sind. Ganz absurdes Kino...

Platz 38: Tonbandgerät - Ein anderes Leben: Gilt das noch als "erwachsener Pop", oder ist das einfach nur... spießig? Gute Frage. Im optimistischen Fall ist dies ein melancholisches Album übers älter werden. In der Hoffnung, dass man später mal "Rotwein am See" trinken wird. Man erinnert sich auf der Veranda an die Freunde und Erinnerungen, die man unterwegs "verloren" hat. "Keine Cola" kommt mit dem für eine Band wunderbar seltsamen Satz "Der letzte Club, in dem ich war, ADAC, sogar Gold Card"... was ich aber widerlegen kann, weil ich die Band ja in einem Club live gesehen habe... Aber wahrscheinlich werde ich in 10 Jahren behaupten, dass dies eigentlich das beste Album des Jahres war. Noch fühle ich mich dafür zu jung, obwohl ich älter bin, als die.
Dann bleibt aber zu hoffen, dass die "88 Luftballons" Vision nicht wahr wird. Denn mitten in dem Album findet man dann eine klare Anti-AfD und Anti-Nazi Kante. Nur weil man an sich eher melancholisch und spießig ist, will man nicht mit denen kuscheln. Was nebenbei nicht nur in diesem einen Song deutlich wird, denn auch wenn dieses Album selten politisch ist, so ist die Haltung der Band es schon. 

Platz 37: Lena Stoehfaktor: Als ich Lena auf dem "Leipzig zeigt Courage" zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich mir: Feminisitischer Zeckenrap, das ist ja genau meine Sparte. Schön, dass ich hier eine neue, junge Künstlerin entdeckt habe... Dann musste ich feststellen, dass die Frau seit 2005 aktiv ist. Wie hat die es denn geschafft, sich die ganze Zeit über zu verstecken? Also wenn ich das 2020 entdeckt hätte, hätte ich das bestimmt auch schon gefeiert. Aber irgendwie ist sie mir einfach nie über den Weg gelaufen.
Dabei macht Lena aber auch nichts revolutionäres. Solide Beats, tighte Raps und ganz viel Inhalt. Dabei dreht es sich immer wieder um Sexismus im Rap. Das sind halt Dinge, mit denen man offensichtlich konfrontiert wird, wenn man sich als Frau im Rap positioniert. "Pretty World" und vor allem "Hässlich" sind hier hervorzuheben. Im Gegensatz zur Konkurrenz gibt es aber mehr Selbstreflektion, als bei der meist männlichen Konkurrenz. "Schuldig" sei hier demonstrativ genannt. Hier wird nicht nur mit dem erhobenen Zeigefinger gewunken, sondern man erkennt sich selbst als Teil des Problems an. In "Komisch 2" beschreibt Lena, wie sie schon seit ihrer Kindheit Probleme damit hatte, sich einfach anzupassen.

Platz 36: Die höchste Eisenbahn - Wenn wir uns wieder sehen, schreien wir uns wieder an: Verspielte Musik zwischen Rock und Pop mit intelligenten deutschen Texten klingt doch eigentlich nach genau meinem Ding. Dota macht ja auch nicht mehr... also müsste ich diese Band doch viel mehr feiern. Aber am Ende muss ich zugeben: Männliche Gesangsstimmen holen mich einfach nicht so ab. Und wenn, müssen es eher tiefe und raue Stimmen sein, mit diesem hohen und klaren Gesang kann ich gar nichts anfangen. Damit haben Moritz Krämer und Francesco Wilko schonmal einen fiesen Wettberwebsnachteil. Vor allem fällt einem damit dann auf, dass so eine Jahrescharts am Ende nur die persönlichen Preferenzen des Autors darstellen. Denn sachlich gesehen ist dieses Album richtig gut. "Ich halte Nachzüglern Vorlesungen" von "Die Bahn" dürfte meine Lieblingszeile aus der Kategorie "So einfach, aber so gut" sin. "Bürotage" ist ein böser Ohrwurm, gerade weil die leichte Melodie eigentlich nicht zum eher finsteren Text passen wollen. Aber am Ende sehen die halt in "Hotpants" nicht so gut aus, deswegen landet das Album viel zu weit unten...

Platz 35: Adja - Golden Retrieve Her: Das Album kommt mit viel Zynismus und beißender Kapitalismuskritik. Es ist also definitiv nicht darauf ausgelegt, populär zu sein. "Pacakage delivered by Tomorrow". Sign sealed and delivered. "Sucking on my emphatitties" ist der beste Song des Albums. 
Musikalisch ist das ganze halt wirklich Jazz. Es gibt mehr Breaks und Bridges als einfache Chorusse. Man wird ständig durch neue Ideen überrascht. Das funktioniert auch an sich ganz gut, nur "The Sound of the Mother" ist dann wirklich anstrengend. Deses "Interlude" besteht nur aus Hintergrundgeräuschen und Vocalisen, ist aber über 4 Minuten lang... Das muss dann wohl Kunst sein.

Platz 34: Doechii - Alligator Bites Never Heal: Es passiert ja mittlerweile nur noch relativ selten, dass neuer Mainstream Rap aus Amerika bei mir auf dem Plattenteller landet. Und dieses Album belegt irgendwie auch, warum: 19 Songs klingt erstmal nach unfassbar viel, aber in der Summe sind es trotzdem nur 47 Minuten. Aber nur 3 Tracks sind überhaupt länger als 3 Minuten. Es ist, wie Doechii selber im Booklet erklärt, nur ein Mixtape und kein Album. Oder es ist die fortschreitende Tik-Tok-isierung von Musik. Mir persönlich wäre es ja lieber, wenn einzelne Ideen detailierter ausgearbeitet werden. 
Doechii kann und will aber richtig gut rappen, deswegen funktioniert das für mich trotzdem. "Denial is a river" ist ein wunderbares Selbstgespräch über ihren persönlichen Status Quo. Der Track ist insofern interessant, weil hier nicht, wie sonst immer, der Teufel, sondern ein Engel auf der Schulter sitzt und Doechii tatsächlich ins Gewissen redet.
Wenn jetzt als nächstes ein richtiges Album mit 12 Bangern kommt, nehme ich das als wichtigen Zwischenschritt mit.

Platz 33: Karl die Große - Aufgehoben: Karl die Große ist in den letzten Jahren mehr zum Soloprojekt von Wencke Wollny geworden. Zum einen, weil die Frau Sachsen hinter sich gelassen hat, zum anderen weil sich die Männer der Band in Elternzeit verabschiedet haben. Dabei scheint es kein wirklich böses Blut zu geben. Die Spielfreude, die Wencke und Antonia Hausmann live ausstrahlen, ist schon faszinierend. Aber Antonia spielt halt nur auf 2 Songs Posaune. Der Dreh und Angelpunkt des Albums sind Wenckes melancholisch verträumte Texte und ihre dazu passende Gesangsstimme. "Zielloses Blatt" erfasst die Grundstimmung am besten. Oder das Video löst bei mir einfach Nostalgieflashbacks aus, weil ich auf der Ecke, auf der das gedreht wurde, groß geworden bin. "Bau nicht auf mich" ist ganz großes Kino, weil Karl am Ende froh ist, dass das lyrische Du es eben doch macht, obwohl sie doch nur "ein wackliges Regal" ist. Das "Lyrische Du" ist da nebenbei wörtlich zu nehmen, denn dieser Song wurde, wie auch "Schwere Kindheit" und "Dreh dich nicht um" für diverse Theaterstücke geschrieben. Das ist halt das Niveau, auf dem Wencke mittlerweile selbstverständlich arbeitet.
In der Summe ist es ein sehr komplexes Album, bei dem man auch nach dem 10. anhören noch neue Ecken entdecken kann. Aber genau diese Komplexität wird dazu führen, dass sie "niemals Famous mit dem Scheiß" wird. Darum geht es aber auch gar nicht.

Platz 32: Annahstasia - Tether: Manchmal ist das "wo" ja wichtiger als das "was eigentlich gespielt wird", um eine Emotionale Bindung zur Musik aufzubauen. Und am Ende geht es nur darum: Gefällt einem Musik, oder nicht. Annahstasia ist eine dieser Künstler*innen, die vom Imperial Theater Boost leben. Man geht da im Wesentlichen hin, weil man nach 8 Stunden Live Musik in diversen Klubs auf der Reeperbahn einfach mal in bequemen Sesseln sitzen will... Und weil das Bier überraschend bezahlbar ist. Dort steht dann das aktuelle Bühnenbild als Hintergrund, denn eigentlich ist das ja ein Krimi-Theater. Und meistens gibt es zurückhaltende Akustiksets. OehlKara JacksonReinel Bakolele und die legendäre Madison McFerrin habe ich genau so entdeckt und genau deswegen im Plattenregal stehen. Annahstasia wurde 2023 genau dort entdeckt und hat jetzt endlich ihr Debütalbum draußen.
Das Album ist ein klassisches Folk Album. Die Produktion ist Minimalistisch. Viele Stücke kommen quasi komplett ohne Schlagzeug aus. Und auf Tour geht sie weiterhin alleine mit der Gitarre, die ist also auch auf dem Album das prägenste Element. Damit steht und fällt das Album mit dem Gesang. Und da die Stimme mich krass an Tracy Chapman erinnert, funktioniert das für mich. Aber irgendwie hat ein Album, das derart minimalistisch ist, auch seine längen. Trotzdem hat es mit "Be Kind", "Believer" und Silk & Velvet" einige Höhepunkte: "Maybe I'm a moralist, an anti capitalist, who sells her dreams for money, to buy her silk and velvet" ist wohl die beste Textzeile des Albums.

Platz 31: Morcheeba - Escape the Chaos: Kurz zusammengefasst: Das Album ist solide, aber auch nicht mehr. Oder aber: Man hat sich auf gehobenen Niveau festgefahren. Was irgendwie logisch, aber auch bezeichnend ist. Also kurz für den Kontext: 2013 zerstritten sich die Godfrey-Brüder, die für den Sound, der um Skye's Stimme gebastelt wird, verantwortlich sind, endgültig. 2016 mussten die verbliebenen Mitglieder deswegen ein Album namens "Skye&Ross" rausbringen. Danach wurde zumindest die rechtliche Grundlage geklärt, damit die nächsten 3 Alben wieder unter dem eigentlichen Bandnamen veröffentlicht werden können... und jetzt muss ich ehrlich zugeben, dass ich die 3 Alben nicht wirklich auseinanderhalten kann. Also wenn einer der Songs im Shuffle durch meine Playlist läuft, weiß ich nie genau, von welchem Album der jetzt ist. Es gibt langsame und atmosphärische Trip Hop Beats, die um Ross's Gitarre und Skyes Stimme gewunden werden. Fast das komplette Album spielt sich zwischen 80 und 91 BPM ab. Gelegentlich, wie bei "Peace of Me" darf noch ein Gast über diese Beats rappen. Wirkliche Ausreißer wie der Klassiker "Rome wasn't build in a day" fehlen irgendwie. Und versteht mich nicht falsch: Das ist an sich nichts schlimmes, denn der Sound ist ja schon irgednwie einzigartig und geht gut ins Ohr. Das nächste Moorcheba Album wird trotzdem wieder vorbestellt und die Live Show sollte man sich auch gönnen. Aber ein bisschen mehr Mut zu Experimenten würde das Projekt wieder auf ein neues Level heben.

Platz 30: Cary - Allein oder Einsam: Wunderbar emotional und gleichzeitig viel zu depressiv. Cary ist eine dieser Musikerinnen, die buchstäblich ihre Seele und ihre intimen Ängste auf Beats packen.
Das Album hat zwar 10 Songs, die teilweise nahtlos ineinander übergehen, ist aber mit 22 Minuten trotzdem verdammt kurz. Es sind wirklich eher kurze Fragmente, was aber aufgrund des stimmigen Gesamtbildes trotzdem funktioniert. Es gibt am Ende auch keinen positiven Abschluss... außer dem Wissen, dass man als Zuhörer eben doch nicht Allein ist, wenn man selber mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hat.
 Am heftigsten funktioniert das beim Biografischen "Nordplatz". Hier geht es um fehlgeschlagene Therapien und Kindheitstraumas. "Bis es echt ist". Das ist es definitiv. 

Platz 29: Shitney Beers - Amity Island: Und alle Punkbands dieses Jahrtausends so: Warte, der Name war noch frei? Verdammt. Shitney Beers ist aber kein Alkohol verherrlichender Punk, sondern das liebevoll-ironische Indie-Pop Projekt von Maxi Haug. Für dieses Album ist das Projekt dann tatsächlich auch auf Band-Größe angewachsen, wodurch es rockiger und fülliger klingt, als das "This is Pop" Vorgängerwerk. 
Die Ironie lässt sich am besten an 2 Songs erklären: der Liebeserklärung an "Maya Hawk": obwohl in Strophe 1 erklärt wird, dass es dumm ist, sich in Stars zu verlieben und in Strophe 2 erklärt wird, dass man all die Nachteile des modernen Amerikas ertragen müsste, hat man halt trotzdem einen Celebrity Crush... Und obwohl das eigentlich nur ein naives Liebeslied ist, geht es plötzlich um Krankenversicherungen und Waffenbesitz...
Noch "schlimmer" ist eigentlich nur der Mitmach-Chorus auf "Lucky get laid". Da muss man beim Konzert erst ansagen, dass alle Kinder jetzt mal weghören müssen, nur damit dann alle "I want my friends to fuck" mitsingen können. Zwischenzeitlich werden, wie auf "N4N" und "Lachrymal Glands", aber auch ernstere Themen angesprochen. Damit ist dieses Album in der Summe zu komplex, um wirklich im Mainstream zu landen und zu speziell, um im Indie-Bereich seine Nische zu finden. Da hätte man es als Saufband leichter... 

Platz 28: Catt - A Different Life: Catt kündigt es auf dem ersten Track quasi an: "Nothing Changes": Sie macht weiterhin verspielt, verträumte Popmusik mit englischsprachigen Texten. "Follow no one, but yourself" heißt es da auf "Jungle of Abundance". Das ist am Ende "nur" die konsequente Weiterentwicklung des "Change" Albums von vor 2 Jahren. Die Band ist mittlerweile besser eingespielt, aber am Ende wird das ganze weiterhin von Catt persönlich zusammengehalten. Am Ende ist es mehr ein endgültiges Ankommen in der eigenen künstlerischen Vision, als eine große Revolution.  

Platz 27: Sirens of Lesbos - I got a Song, it's gonna make us millions: Das Kollektiv aus 5 Leuten, wie sie sich selbst eher beschreien, bestreitet auf dem 3. Album neue Wege. Oder gar nicht so neue Wege, schließlich wurde die "Band" über einen Ibiza Hit gegründet. Der wird mittlerweile so konsequent tot geschwiegen, dass ich das auch eben erst erfahren habe. Anyhow. I got a Song, it's gonna make us millions ist deutlich elektronischer als seine eher im klassischen 80er Soul Gewand kommenden Vorgänger. Es wird, auch live, mit verdammt vielen Effektgeräten gearbeitet. 
Inhaltlich gibt es aber keine Kompromisse, sondern man steht weiterhin für eine offene und friedliche Gesellschaft ein. Auf "Sodom and Gomorrah" klingt das ganze am epischten. Der Opener "Let it hurt" geht am besten ins Ohr. Millionen werden sie damit aber trotzdem nicht machen, dafür gibt es halt zu viel Haltung.

Platz 26: Kendrick Lamar - GNX: Ja, ich weiß... I'm late to that party. Aber das Album kam ja "erst" im November 2024 raus, da ist es nicht so schlimm, dass es erst 2025 auf meinem Plattenteller landete. Und damit ist es immer noch ein guter Zeitpunkt, Kendrick den nötigen Respekt zu zollen. Von all den Mainstream Rappern ist und bleibt er der Beste. Einer der wenigen, bei dem es sich wirklich lohnt, auf jede Zeile zu achten. Und einer der wenigen, denen es wirklich um die Musik geht. Dass das schon erwähnenswert ist, sagt viel über den Zustand vom Mainstream aus... Von dem verabschiedet sich Lamar aber, nachdem er für sie einige Feature-Parts abliefern musste. Denn dieses Album ist schon roh und kantig. Die Produktion ist schon tight, aber an vielen Stellen minimalistisch. Das ganze Werk wird also einzig durch Kendricks Lyrics und Energie getragen. Der ist aber auch gut genug, dass das funktioniert. Und groß genug, dass er sich das erlauben kann und trotzdem erfolgreich ist. 

Platz 25: Moonchild Sanelly - Full Moon: Dieses Album muss man definitiv auf 2 Ebenen betrachten. Einerseits ist da der einzigartige Klang: Elektronische Sounds treffen auf afrikanische Rhytmen. Die Stimme wird ebenfalls als Rhytmusinstrument verstand. Oftmals singt sie in einer inhaltlich sinnlosen Fantasiesprache. Das klingt erstmal nach einem unterhaltsamen Album für den Dancefloor.
Aber wenn man auf die Texte achtet, geht es oft um richtig heftigen Scheiß. Primär geht es dabei um sexuelle Selbstbestimmung. "To kill a Single Girl" handelt von Alkoholproblemen.  In "Falling" geht es um die Ansprüche der Familie, die sie nie erfüllen wollte und konnte. Probleme, die man als Frau aus Südafrika halt so hat...
Die Kombination aus energetischen Klang und ernsten Themen macht die Musik von Moonchild Sanelly einzigartig.

Platz 24: Götz Widmann - Blütenduft: Das größte Problem dieses Album lässt sich mit dem besten Song des Albums "Trinkerdisneyland" erklären: In dem Song geht Götz seine mittlerweile geschlossenen Lieblingsbars durch und stellt die These auf, dass man die eigentlich als Museum wieder aufbauen müssen. Und in der Live-Version bringt er sogar die "Urinsteinwelterbe der Unesco" Referenz. Aber in dem Song fehlt Maria komplett. Und Maria behandelt dasselbe Thema, nur detaillierter und, meiner Meinung nach, besser. Allerdings ist Götz auch der einzige Musiker, der sich an dem Maria Song messen lassen muss... Und all den anderen großartigen Song. Blütenduft ist "nur" ein gutes Götz Album ohne die epischen Ausreißer nach oben. "Grosskonzern" ist eine ganz schön brachiale Kritik an den... nun ja... den Großkonzernen. Das eigentlich schönste an dem Album ist der Rahmen: "Partytime" ist ein Song, der auf einem uralten Joint Venture Fragment basiert und eine einfache Hymne aufs Saufen ist. Stumpf und sinnlos. Der gute alte Götz. Am Ende auf "Verkacken mit Verstand" gibt er dann aber zu, dass er das nur noch selten macht, weil er halt alt ist...

Platz 23: FrauPaul - Hol mir die Sterne zurück: Kommen wir zu meinem neusten Lieblingsgenre: Feministisch angehauchter Deutschrock. Man könnte die auch als neue Hamburger Schülerin bezeichnen. Frau Paul sind da, verglichen mit zum Beispiel Tyna, schon die brachialsten und punkigsten Vertreterinnen: Schlagzeug, Bass, Gitarre und Gesang. Mehr gibt es hier nicht. Damit steht und fällt das Album mit den Textideen. Und die Pointe, in der das Break bei "Family Guy" endet, funktioniert da einfach: "Wenn die Welt wieder zusammen in Flammen steht, weil Menschensein nicht von selber geht, Dann schaust du..." "Streichholz" beschreibt die derzeitigen Zustände und die Angst, die diese machen. Das ist schon ein Brett. Und das behaupte ich nicht nur, weil ich beim Video-Dreh dabei war und einer der Hinterköpfe am Ende meiner ist... Bei "Burn out" geht es dann darum, dass man nicht mal genug Zeit für ein Burn out hat.

Platz 22: Tocotronic - Golden Years: Nur um zu beweisen, dass die alte Hamburger Schule auch noch liefert... kommen auch Tocotronic mit neuem Album um die Ecke. Dabei erfinden sie, was niemanden überraschen sollte, das Rad auf ihrem 14. Album nicht neu. Es gibt die eher kryptischen Texte mit der markanten Stimme von Dirk von Lutzow und den typischen, verspielten Rocksound. Für mich ist dieses Album aber konstanter als der Vorgänger. Es gibt mit "Golden Years", "Ein Rockstar stirbt zum zweiten Mal" und "Wie ich mir selbst entkam" einige gute Songs, aber keine überragenden Lieder. Dafür gibt es auch keine "Wir machen jetzt Kunst" Ausreißer nach unten. Mein persönlicher Schlüsselsong ist aber "Denn sie wissen, was sie tun". Auch weil es hier inhaltlich wirklich mal konkret darum geht, dass die Neonazis im Parlament genau wissen, was sie wie erreichen wollen... was einem halt eher Angst macht. Dafür fehlen mir aber auch die Überklassiker wie "Nie wieder Krieg" oder "Aber hier leben, Nein Danke".

Platz 21: Madison McFerrin - Scorpio: Dieses Album ist die logische Konsequenz aus dem "Utah" Song vom "I hope you can forgive me" Album. Die Beziehung zu ihrem mittlerweile Ex-Verlobten war nicht mehr zu kitten und jetzt muss das Ende dieser Beziehung verarbeitet werden. "It ain't nice", aber notwendig. Das ganze "Fighting for our love" war halt am Ende vergeblich. "I don't" beschreibt, wie Madison den Tag der geplanten Heirat dann doch einsam verbrachte.
Produktionstechnsich bewegt sie sich weiterhin mehr in Richtung moderner R'n'B, aber der Stimme hört man die Jazz-Vergangenheit schon noch an.  

Platz 20: Umme Block - Nächte: Umme Block ist eine dieser Bands, die wesentlich mehr Aufmerksamkeit verdient hätten. Alle 2 bis 3 Jahre tauchen die beiden aus dem Nichts aus, setzen sich auf dem gesamten Album mit einem Thema auseinander und spielen dann eine fantastische Liveshow mit Videopräsentation... vor 80 bis 100 Leuten. Umme Block gehört zu den Bands, die ihre Fans wiedererkennen, weil man sich vor 2 Jahren ja schon gesehen hat. Es sollten definitiv viel mehr Menschen in ihre Blase kommen. In einer gerechteren Welt würden sie vor mindestens 300 Leuten spielen.
Auch dieses Mal erklärt sich das Konzept quasi mit dem Album-Title: Umme Block nehmen uns mit auf einem Trip durch verschiedene Nächte. Neu ist, dass mittlerweile verdammt viel auf Deutsch gesungen wird. Macht doch so was nicht mit mir, jetzt weiß ich nicht, wo ich die Platte hinstellen soll. Solche Nächte müssen nicht immer friedlich verlaufen, manchmal tanzt man sich eher in "Rage". Aber getanzt wird schon verdammt viel. In den letzten 3 Songs geht die Nacht dann langsam aber sicher in den nächsten Morgen über. Es wird erst "Still" und "Leise", bis sich schließlich das "Frühlich" durchsetzt. In der Summe ein wunderschönes, atmosphärisches Elektro-Album.

Platz 19: Kochkraft durch KMA - Hardcore never dies das / Hardcore never dies dazzz: Zur reinen Abwechslung mal ein Elektro-Punk Album. Brachial und stumpf. Musik für den Moshpit. 2 Akkorde für 3 geile Lieder... Das ganze funktioniert hauptsächlich über die Energie der Live Konzerte. Wenn man die Band gesehen hat, braucht man auch die Vinyl. "Freefalltower" presst diese Energie für mich am besten auf Platte: "Das erste O steht für O MEIN GOTT"... dass es nebenbei in dem Text um FOMO geht, macht es nur noch besser. Auf "Gutes Arbeitsklima, trotzdem kalt" wird der eher uninspirierende Arbeitsalltag in einem Büro beschrieben. "Ehrlich" ist ein überraschend kreativer Ansatz zur Selbstkritik. Es ist aber auch schon schwer genug, wenn man nicht ehrlich zu sich selbst ist... Es passiert also auch inhaltlich eine Menge.
Direkt nach dem Album schob man dann aber eine EP nach. Die ist einerseits verdammt kurz, sie klingt aber wirklich nach einer extrem kurzen und produktiven Phase nach dem Abschluss der LP und nicht nach der "Ausschusswahre", die es nicht aufs Album geschafft haben. Das Songwriting wird da schon aufs nächste Level gehoben. "Was reimt sich auf Klicken" kritisiert den Online-Kauf-Wahn, dem wir alle bestimmt schon mal erlegen sind. "Mein DJ hat ne REM Phase und ich gleich auch" handelt davon, dass man eigentlich lieber im Bett bleibt als abends auf die Piste zu gehen... was natürlich inhaltlich voll gegen die Energie des Songs geht, aber irgendwie trotzdem funktioniert. In der Summe ist das alles sehr schlüssig.

Platz 18: Antony Szmierek - Service Station at the End of the Universe: Das Album ist ein Paradoxon. Die Beats gehen eher in Richtung Electronic/Dance. Das ganze klingt ein wenig nach Everyone you know,  was lustig ist, weil ich beide Künstler auf dem Reeperbahnfestival in der Prinzenbar entdeckt habe. Über diese treibenden Beats werden dann aber absurde Spokenword Texte vorgetragen. Als Rapper erinnert Antony eher an Textor von der Kinderzimmer Production. Zusammen ergibt das eine absurde Kombination. Praktisches Beispiel: "The Great Pyramid of Stockport". Dass Cleopatra dichter an der WM in Frankreich, als an dem Bau der Pyramiden gelebt hat, ist richtig, aber auch völlig willkürlich. Aber Antony hat ja selber die Pyramiden gesehen. Also das alte, zwischenzeitlich verlassene Bürogebäude in Stockport. Ergibt das irgendeinen Sinn? Keine Ahnung. Aber ich liebe es. Was will man von einem Album, dass mit "Per Anhalter durch die Galaxis" Referenzen gespickt ist, sonst erwarten? Natürlich einen "Hitchikers Guide to the Fallacy": "Everything is ironic now isn't it, post post punk."
Es ist ein völlig absurdes Album geworden.

Platz 17: Umse - Imunsystem: Deutscher Hip Hop und ich... führen mittlerweile eine Fernbeziehung. Das lässt sich am ehesten an Umse erklären: Vor 20 Jahren hätte die gesamte Charts so geklungen, wie dieses Album. Vor 10 Jahren habe ich Umse dann ignoriert, weil ich aus den "Jugendjahren" ja genug davon in meiner Playlist habe. Dabei hat der vor 10 Jahren auch schon echt guten Scheiß rausgebracht. Aber ich musste mich halt neu orientieren. Jetzt haut der alle 3 Jahre ein neues Album raus, welches dann irgendwo zwischen Platz 10 und 20 landet. 
Dabei ist dies ein Album mit vielen Tiefen und wenig Höhen... guter alter Rapshit halt. Gut fürs "Imunsystem". Eine "Herzmassage" funktioniert halt eher auf 60 Hertz...  Umse ist als Rapper so gut, dass er hauptsächlich über Rap und seine Rolle in diesem Genre singen darf. "Kostenfrage", "Musik in der Luft" und "ID" machen inhaltlich wenig spannendes, sind aber einfach Banger. Manchmal braucht es für mich einfach nicht mehr... Und der Inhalt auf "Dinge werden besser" und das sehr persönliche "Winter" fallen ja auch nicht ab. 

Platz 16: Monsters of Liedermaching - Sekt, Setzen: Die Monsters bleiben ein Mysterium. Einerseits weigern die sich, gemeinsam ins Studio zu geben und veröffentlichen einfach Live-Mitschnitte. Andererseits machen sie sich die Mühe einen kurzen Begrüßungstext ins Albumbooklet zu packen. Und obwohl das ja eigentlich alles Solo-Songs der einzelnen Monsters sind, schaffen sie es irgendwie auch, dass diese Live-Alben nach dem Kollektiv klingen. Das liegt alles in allem an dem eher stumpfen und punkigen Humor, der all die Songs vereint. Die Monsters sind halt "Ein guter Freund", der aber eigentlich nur zum Saufen geeignet ist. Sie sind die einzigen Liedermacher, die Singen nicht so toll finden... 
Nebenbei schaffen sie es immer wieder, ihre Witze über mehrere Jahre zu strecken. Praktisches Beispiel: Der Flotte Totte spielt seit Jahren einen Song, der im Cover des Disney Songs "Katzen brauchen Musik" endet. Auf dem aktuellen Album gibt er dann zu: "Katzen hassen" seine Musik. Wie immer kommt der Song mit wunderbar absurden Details. Diese bekloppten Details machen die Monsters halt aus. Aber wenn man mit dem Humor nichts anfangen kann, bricht das ganze schnell in sich zusammen. Am Ende gilt: Auch wenn sie sonst nichts geschafft haben, haben sie einen Hit mit dem Titel "Pommes mit Spinat"...

Platz 15: Lola Young - I'm only fucking myself: Ich muss zugeben, dass es mir gerade richtig schwer fällt, dieses Album zu feiern. Denn eigentlich sollte es das "Das schlimmste liegt hinter mir, es geht bergauf" Album werden. "Tell my D€aler I miss him." Endlich all die toxische Scheiße mit diesem Album hinter sich lassen. Endlich ein erfolgreicher Entzug. "I'm fucking myself, but not like that anymore". Am Ende ist es aber doch nur ein "I'll make him think I'm fine, when I'm not" Album. Denn während der Promophase brach Lola Young auf der Bühne zusammen und musste sich hinterher komplett aus der Öffentlichkeit zurückziehen. Die Amy Winehouse Vergleiche sind quasi unvermeidbar. Aber dass sie denselben Manager haben, wenn man genau hinguckt, ein gutes Zeichen. Denn richtig bergab ging es mit Amy erst, als sie sich von Nick Shymansky trennte. 
Auch wenn es mittlerweile wieder erste Lebenszeichen von Lola Young gibt, so wäre es doch besser sich nach dem extremen Erfolg von "This wasn't meant for you anyway" etwas Zeit und Ruhe zu gönnen, bevor man sich in die nächste Extrembelastung stürzt. Das Album ist aber trotzdem richtig gut. Das wäre es aber 2026 auch noch gewesen. Hoffentlich bekommt sie endgültig die Kurve.

Platz 14: Little Simz - Lotus: Ich hab es tatsächlich geschafft, mir das neue Little Simz Album vorzubestellen und es nicht ein halbes Jahr lang zu ignorieren... und mir die Live Show zu gönnen. Und jetzt komme ich langsam an den Punkt, dass Eve mal ein neues Album machen muss, sonst ist ihr Titel als beste Rapperin der Welt weg. Die Leichtigkeit, mit der Little Simz auf "Young" über den Beat flowt, ist schon beeindruckend. Bei "Free" und "Peace" werden 2 unterschiedliche Voice Samples problemlos in den Rap eingebaut. Technisch ist das alles auf höchstem Niveau.
Geprägt wird dieses Album durch den Bruch mit ihrem ehemaligen Produzen Inflo. Toxische Beziehnungen müssen halt nicht immer körperlich sein... "Thief" ist hierbei das expliziteste Beispiel.
Alles in allem ist dieses Album schonungslos offen und brutal ehrlich. "Lonely" beschreibt die Zweifel und Probleme, die Little Simz beim erschaffen dieses Werkes hatte. Bis hin zur Frage, ob sie sich nicht doch eher auf die Schauspielkarriere konzentrieren sollte, aber am Ende stellt sie fest, dass sie doch dieses Album machen musste.

Platz 13: Brooke Combe - Dancing at the Edge of the World: Die Brooke Combe Formel ist eigentlich ganz einfach: Eine raue, soulige Stimme, tightes Songwriting und treibende Gitarren. Das kann dann in der sehr rohen Trennungsballade "L.M.T.F.A" münden, aber meistens gibt es eher geht es vom Tempo eher nach vorne. Bestes Beispiel ist "This Town", einer dieser "Ich muss hier dringend mal raus, die Decke, beziehungsweise Stadt, fällt mir auf den Kopf" Hymnen. Da wird der Weg, der auf "Black is the new Gold" eingeschlagen wurde, konsequent weiterentwickelt. Am spannendsten ist am Ende der Titeltrack und Closer, in dem die Trennung vom Major Label "Island Record" und die damit erlangte Freiheit, aber auch entstandene Unsicherheit besungen wird.
Das einzige Problem mit dem Album ist, dass es mit 32 Minuten kaum länger ist, als eine EP. Aber das wurde durch eine Akkustik Version mit einem "Ex-Factor" Cover und einer hier demnächst eintreffenden EP behoben. Die Frau wird ihren Weg gehen.

Platz 12: Deine Cousine - Freaks: Man muss erstmal eines feststellen: Die Live-Shows von Deine Cousine sind verdammt gut. Das ist wichtig, weil ich in den Videodreh zu "So jung und so dumm" gestolpert bin. Da hat sie mich einfach mit ihrer Energie komplett abgeholt. Musikalisch ist das ganze deutlich ausgefeilter als bei ihren Hamburger Kolleginen von FrauPaul oder Tyna. Das ist aber auch logisch, schließlich arbeitet sie seit 2014 mit Udo Lindenberg zusammen. Inhaltlich geht das aber in dieslbe Richtung: Selbstbewusster, feminisitscher Punkrock mit DIY-Aditude. Dabei gönnt sie sich aber mehr Freiraum für Feel Good und Party Hymnen. Mein persönliches Highlight ist ja "Kein Disneyland". Hier wird ein schönes, aber keineswegs geschöntes Bild von St.Pauli gezeichnet. Das ist eine angenehme Abwechslung zu den ganzen naiven, verherrlichenden Hymnen auf dieses Viertel.

Platz 11: Celeste - Woman of Faces: Celeste hat eine der krassesten Stimmen der Gegenwart. Sobald sie aus den Boxen schallt, füllt sich der gesamte Raum. Dabei ist es auch echt egal, wie bescheiden die Anlage ist, über die man die Musik laufen lässt. Das hatte ich in der Form zuletzt bei Ami Winehouse. Das wirklich faszinierende an diesem Album ist, wie verletzlich sich diese Stimme zeigt. Denn auch Celeste hat die Zeit seit dem letzten Album in einer eher toxischen Beziehung verbracht und muss diese jetzt musikalisch verarbeiten. Das scheint irgendwie das grundlegende Thema des Jahres zu sein. Bei Celeste zieht sich dieses Thema durch das gesamte Album und es verbreitet eine entsprechend finstere Grundstimmung. Es fällt echt schwer, da einzelne Songs hervorzuheben, weil das Album in der Summe so ein rundes Bild ergibt.
Musikalisch ist es einfach faszinierend, wie viel Präsenz diese Stimme hat. Oftmals besteht das Instrumental nur aus einem Piano und einigen wenigens Streichern. Das Album kommt fast komplett ohne Schlagzeug aus. Da die Stimme aber so eine absurde Präsenz hat, fällt das kaum auf. Das Album klingt trotzdem episch. Erst bei "Could be Machine" wird auch musikalisch die Intensität wirklich hochgefahren. Das klingt dann wirklich nach einem epischen Cresendo, bevor hinterher festgestellt wird "This is who I am". 
Dass Celeste auch "Radiofreundlichere" Musik machen könnte, wird mit "Angel like you" auf der Deluxe-Edition deutlich. Dass auch "Carmens Song" es aber nicht auf die Vinyl geschafft haben, zeigt, dass sich ganz bewusst für dieses finstere Klangbild entschieden wurde. Dieses Album muss also wirklich als geschlossenes Kunstwerk verstanden werden.

Platz 10: Fatoni, Edgar Wasser, Juse Ju - BAWRS: Da ist es endlich. Das lang erwartete Kollabo Album der 3 Indierap Ikonen. Der erste gemeinsame Song der "Unterground Kingz" stammt aus dem Jahr 2017. Die hätten einfach nur all die über die Jahre gesammelten Features als "Best Of" veröffentlichen können... aber sie haben es tatsächlich geschafft, dass Edgar seinen Arsch in Bewegung setzt und ein richtiges Album mit richtiger Tour macht. Unfassbar. Er hat sogar ein 37 minütiges Interview gegeben... Ok, er hat jemanden mit einer Sternburg-Flasche in der Hand zum Interview geschickt, aber das sind doch Fortschritte...
Inhaltlich ist das Album nebenbei ein große Lüge. Es geht auf den ersten Blick nur um BARS, also ums sinnlose Reine spitten. Aber zwischen den Refrains werden immer wieder Seitenhiebe verpackt. Praktisches Beispiel "Ich bin Visionär, denn ich fand Rammstein immer Scheiße". Fühl ich. Es wird auch bei jeder Gelegenheit eine klare Kante gegen die AfD eingebaut... also Fick die AfD. Nebenbei cuttet man auf "Weil das ja klar ist" Edmund Stoiber... was auch nur beweist, wie alt die sind, weil sie sich an den legendären Flughafen Auftritt des CSU Politikers erinnern können. Soviel zu Edgars "Alzheimer trifft manchmal auch die Jüngeren". Kann sein, trifft hier aber nicht zu. "Geisterbahn" beschreibt dann Fatoni realisitschen Probleme im Stadtbild und das eine einfache Fahrt mit der U8 ganz schön gruselig sein kann. Juse beschreibt dagegen, wie abgefuckt gruselig das Internet geworden wird. Und Edgar... nun ja. Macht Edgar Wasser Dinge. Er ist die ultimative Wildcard und balanziert elegant auf dem schmalen Grad zwischen Genie und Wahnsinn.
Zur allgemeinen Überraschung ist es ein absurdes, aber geiles Album. Nein! Doch! Ohh!

Platz 9: Dota - Springbrunnen / Der Regen / Die Kehrseite: Dota ist als Musikerin mittlerweile so facettenreich, dass sie de facto ein Dreifach Album raushauen muss, um alles abzudecken, was die Fans so hören wollen. Das eigentliche Album "Springbrunnen" gibt uns die perfekt ausproduzierte Popmusik mit den schönen Liebesliedern. Und "Wenn dir das reicht" ist das auch schon ein gutes Album. Und die linksgrünversifften Einschläge wie auf "In Springbrunnen baden mit nackten Milliadären" kann man ja einfach ignorieren. Die fortschreitende Radikalisierung lässt sich nebenbei am besten am Albumcover und Titel erklären. Denn bei "Springbrunnen" denkt man ja eher an meterhohe Fontänen in einer spießigeren Gegend. Und das Cover des Liederbuchs sieht auch genauso aus. Aber auf dem Album ist der Springbrunnen dann eine Ölfontäne.
Wirklich radikal wird es aber erst auf der Bonusplatte "Der Regen". Da hat dann fast jeder Track eine politische Ebene, dafür sind die Songs aber nicht ganz so ausgefeilt. Beim Titeltrack wird in der ersten Strophe eigentlich nur der einsetzende Sommerregen beschrieben.  Aber in Strophe 2 ist man plötzlich auf einer Demo und der Regen kommt von einem Wasserwerfer. In Strophe 3 bereitet man sich plötzlich auf eine biblische Flut vor, nur anstatt des Regens kommt am Ende das Feuer. Dota beweist hier wieder, was für eine brilliante Lyrikerin sie ist. Da ist es auch egal, das ein Roboter das längst besser kann... Solche Widersprüche in Songs zu packen, "schließt sich nicht aus". Für mich ist es das stärkere Album, auch wenn Lieder wie "Es ist machbar" sehr roh sind.
Auf der dritten Vinyl geht es dann zurück zu den eigentlichen Wurzeln: Ein Duo-Live Album in gemütlicher Atmosphäre. Man hört der Frau die Freude beim Spielen wirklich an. Es werden absurde Bilder gezeichnet. Und auf die Vinyl Version von "Eine Fee" haben die Dota Ultras 10 Jahre gewartet. "Perfekte Schurken wurde dagegen wirklich erst 3 Monate vor der Veröffentlichung des Albums geschrieben und bei der Aufnahme des Konzertes das erste Mal aufgeführt. Überhaupt gibt es viele Deep Cuts, die man sonst nie irgendwo live hören konnte.
In der Summe ist es also ein Album, auf dem jeder Dota-Fan seine bevorzugte Vinyl findet. Der rote Faden, der sich durch alle drei Albem zieht, ist die Kritik an den sozialen Medien und der Manipulation, die wir durch diese erfahren. Dota selbst schreibt dazu "Wir sind vielleicht gerade dabei, lustige Tanzvideos gegen unsere Demokratie einzutauschen. Das sollten wir überdenken." Dem kann man nichts hinzufügen.

Platz 8: Teluxe - Der Wind ist mit uns: Teluxe ist das Nebenprojekt von Lars Uecker und Tex Brasket. Das ist die eine Hälfte von Liedfett und der neue Säner von der Punkband Slime. Zusammen haben sie ein Singer/Songwriter Album gemacht, dass durch Braskets Buch "Dreck und Glitzer" für mich nochmal auf ein völlig neues Level gehoben wird. Denn durch das Buch wird deutlich, dass das alles keine Übertreibungen und Metaphern sind, sondern das alles ungefilterte und ehrliche Texte sind. Wenn Lars Uecker auf dem Opener "Hart" zugibt, dass er sich vor ein paar Jahren fast erhängt hätte, meint der das genau so. "Der Junge", der "ein neurologisches Schlachtfeld" ist, sind die beidend Sänger.
Am heftigsten wirkt das bei "Dorothy", in dem beschrieben wird, wie junge Frauen in Berlin erst in der Obdachlosigkeit und dann in der Prostitution landen. Ted kennt Frauen, die genau diese Erfahrung gemacht haben und teilt deren Schicksal mit uns. "irgendwann sagt jeder ja". "Siehst du den Regenbogen? Das sind nur die Drogen." Das ist ein wirklich heftiges Album. Und ich muss jetzt die ganzen Slime Alben nachholen...
Das Album endet aber mit "Eigentor" auf einer positiven Note. Denn es ist ne ganze Weile her, seit dem die das letzte Mal in Handschellen waren. Auf "Polaroid" wird dann deutlich, dass beide mittlerweile die Frau gefunden haben, die ihnen die dringend benötigte Stabilität gibt.  

Platz 7: Brother Ali & Ant: Satisfied Soul: Ist es wirklich 8 Jahre her, dass die beiden zusammen gearbeitet haben? Verdammt. Also nicht, dass die letzten beiden Ali Alben schlecht waren, aber Ant hebt den Mann für mich auf ein anderes Level. Die helleren und epischen Beats passen einfach besser zu Ali's Stimme, als die eher dumpfen und düsteren Sounds der letzten beiden Alben. Das wird gerade zum Anfang des Albums deutlich, wenn die beiden praktisch eine Messe feiern. Der Übergang von Strope zu Bridge zum Chorus bei "D.R.U.M." ist einfach unfassbar tight. Besser kann man den Schlagzeuger und die Musik nicht abfeiern. Danach nimmt Ant aber ein bisschen das Tempo raus, um Ali Platz für seine Geschichten und persönlichen Reflexionen zu geben. Und Ali baut mit einer absurden Leichtigkeit die Details ein, für die andere sich definitiv verrenken müssten. So erzählt er zum Beispiel die Geschichte, wie er Justin Timberlake von der Bühne geworfen hat, weil er als offiziell blinder Mensch den einfach nicht erkannt hat. Um in der 2. Strophe eine eher unangenehme Begegnung mit KRS One zu beschreiben. In "Mystirious Things" beschreibt er, wie er sich von einem nicht genannten Mentor entfernen musste, um sich persönlich weiterzuentwickeln. Persönlich glaube ich, dass es dabei um Slug geht, der seit gefühlten Ewigkeiten nicht mehr mit oder bei Ali aufgetaucht ist.
In "Better but us" beschreibt Ali eine Beziehung, die zumindest oberflächlich besser war, als man sich keine Beyoncé-Tickets leisten, sondern nur bei befreundeten Bands auf die Gästeliste kam. Was mir die Möglichkeit gibt, die Göttin in diese Albumcharts zu pressen. In Strophe 2 kommt dann aber raus, dass die Beziehung auch durch mehr Geld nicht wirklich gut wurde...
Das ganze endete dann in "Sing Myself Whole", wo Ali beschreibt, wie er die Musik nutzt um sich zu selbst zu heilen und um Probleme zu verarbeiten. Das endet im "Wenn ich irgendwann sterbe, lasst einfach meine Musik laufen." Ich bin jetzt erstmal beruhigt, dass das nicht nach einem endgültigen Ende klingt, sondern Ali direkt das nächste Album rausgehauen hat...

Platz 6: Atmosphere - Jestures: Wahrscheinlich hat die irgendjemand drauf hingewiesen, dass sie in ihre 30 Jahren noch nie einen Song mit X veröffentlicht haben. Darauf hin gehen sie dann einfach das gesamte Alphabet durch, damit sie Q wie "Quicksand" auch gleich abgearbeitet haben und ihnen niemand jemals wieder diesen Vorwurf machen kann. Slug sagte selbst vor Jahrzehnten "All Albums are concept albums, just most of yall work with stupid concepts". Aber Atmosphere ziehen so ein Konzept natürlich komplett durch: Auf die Featuregäste passen alphabetisch zum entsprechenden Song. So holt man sich R.A. the Rugged Man, nur damit der auf "Really" ein "Really ya'll ain't got nothing better to do" adlip bringt. 
Als erstes muss man hier natürlich wieder Ant loben, der es schafft, dass die 26 songs immer frisch und abwechslungsreich klingen. Und Slug macht halt Slug Dinge: persönliche Lyriks mit einer absurden Metapher- und Referenz-Dichte. Er ist und bleibt der beste Lyriker, den Rap je hervorgebracht hat. Praktisches Beispiel "I used to chase after the party And then the party chased after me The after party was the proof of a heartbeat The afterlife of the party was just the last to leave." So wird sich aufs eigene Werk, auf Eyedea, auf Nas, auf die Bibel und auf Ikarus bezogen. "Jestures" selber als Albumtitel ist ja schon ein Querverweis auf die gute alte "Sad Clown, Bad Dub" serie. 
Aber mein persönliches "Problem" lässt sich am ehesten an meinem Lieblingstrack "Neptune" erklären. Der ist mit 5 Minuten auch der längste Song des Albums und damit eine der wirklichen Stellen, an der sich eine Idee wirklich entwickeln kann. Von "This old man, he played one" bis "This old man, he played ten". Persönlich hätte ich mir mehr Songs gewünscht, die genau diesen Platz bekommen, aber dann wäre das Album wahrscheinlich 3 Stunden lang... Und das ist dann doch zu heftig.
Ähnlich stark ist die Erkenntnis "The future is not your Past". Es ist nebenbei allgemein überraschend, wie oft sich Slug mit der Frage, wie lange man das noch machen kann und ob man auch noch Musik machen würde, wenn niemand zu hört, beschäftigt. 
Das ist nebenbei im Weitwinkel der Karriere dieser Band faszinierend. Denn "früher" (also "God Loves Ugly und Seven's Travel" hat man ja regelmäßig 3-Fach Vinyl gepresst. 70 Minuten Playtime war der Standart. Dann hat man, was sie irgendwo auch zugegeben haben, die Alben bewusst etwas gekürzt und kompakter gemacht. Und "When Life gives you Lemons" und "The Family Sign" sind genau deswegen meine absoluten Lieblingsalben. Jetzt ist man wieder auf dem "Wir packen verdammt viel auf ein Album, die Leute werden das schon vertragen" Modus. Das ist aber auch ein absolutes Luxusproblem. Am Ende können sie voller Selbstvertrauen behaupten: "Another Masterpiece"

Platz 5: Spilif - Elouise: Spilif macht schon auf dem Opener "Das letzte Gefecht" klar: "Sie wählen die Waffe, ich wähle das Mic." Sie setzt jetzt voll und ganz auf die Musik. Gut so, denn Spilif ist ein brillianter MC. Auf die Leichtigkeit ihres Flows bin ich einfach nur neidisch. Dazu kommt die mittlerweile perfekt eingespielte Band, die dem Album auch musikalisch einen ganz eigenen, geschlossenen Vibe gibt. Auch wenn Spilif nur Musik "for the sake of it" machen würde, wäre das ein geiles Ding. "Get rich or die trying, still alive aber broke." 
Aber Spilif hat verdammt viel zu erzählen. "Schnee auf der Nordkette" ist der schönste und optimistschte Trennungssong des Jahres: "Ich glaub, ich würd dich wieder lieben, müsste ich nochmal." "Ozeanblau" verbreitet einen absurden Optimismus, ohne naiv zu klingen. In "halt den Moment an" besucht man die alten WGs und Wohnungen und fragt sich, wer da mittlerweile so wohnt. Und an der Stelle muss man über das Fiva Feature reden. Denn Fiva macht das, was Spilif hier liefert, seit 20 Jahren. Ich kann behaupten, dass ich bei beidem Fan der ersten Stunde bin. Und dann werfen die sich gegenseitig die Querreferenzen hin und her. Ein perfektes Feature, auf das ich seit 20 Jahren warte. "Regenbogen" erinnert uns an die Schönheit im Leben, für die wir "im Regelfall blind" sind. "Elouise" ist ein Loblied auf all die Frauen, die das Leben von Spilif geprägt haben. "Und immer wenn du lächelst, heilt ein kleiner Teil von mir, den du nie verwundet hast, aber repariert." Und auf dem Closer "ich hab's ja gesagt", feiert man den Fakt, dass das mit der Musik mittlerweile funktioniert, was dem Album einen perfekten Rahmen gibt. 

Platz 4: Blond - Ich träum doch nur von Liebe: Ein hoch auf die sexistische... ähm ich meine sächsische Prominenz. Schön dass es euch gibt. Und vor allem: Verdammt wichtig, dass es die gibt. Blond erfinden auf diesem Album ihr persönliches Rad nicht neu. Die Produktionen klingen etwas fetter, als vorher, aber im wesentlichen macht man rockige Popmusik. Und weiterhin versteckt sich hinter diesem Gewand eine militant feministische Haltung. Das Schlüsselstück ist dabei "16 Jahr, blondes Haar". Dem alten, weißen CIS Mann ist es echt unangenehm, wie Blond die Manipulation junger Mädchen durch wesentlich ältere Männer beschreibt. Genau dieser Aspekt hat bei der Rammstein-Debatte immer gefehlt. Dass die deutlich älteren Männer am Ende immer ihre Machtposition ausnutzen und das einfach Scheiße ist, wurde komplett ignoriert. Aber Rammstein Fans werden diesen Song halt nie hören.
"Gelenkiger" ist die feminisitsche Umsetzung eines 20 Jahre alten Michael Mittermeier Witzes... wie wäre es, wenn man sich selbst oral befriedigen könnte? Vor allem schaffen sie es, Sigmund Freud und Bernd das Brot in einen Text zu packen... "Girl Boss" kritisiert die kapitalistische Ausbeutung des Feminismus.  In"Bare Minimum" wird Johann dafür gefeiert, dass er ja immerhin ein bisschen was macht. Lotta und Nina skiziert übertrieben die "dreier Schieben mit Blond" Fantasie, mit der die beiden garantiert zu häufig konfrontiert wird. Wie gesagt: Militanten Feminismus gibt es zu genüge.
Und sonst so? SB-Kassen Lover ist einfach ein Banger, der in jedem Supermarkt laufen sollte. "Nichts ballert so wie du" ist, zur allgemeinen Überraschung, ein einfaches Liebeslied. Das "Liebe ist die härteste Droge" Bild ist wahrscheinlich so alt, wie die Musik an sich, aber das Blond ein Liebeslied schreibt, ist neu. "Fliederbusch" beschreibt gebrochene Versprechen der Jugend.
Blond besetzen weiterhin eine Nische, die leider unbedingt besetzt werden muss.

Platz 3: Joy Crookes - Juniper: Da ist es endlich: Das 2. Album von Joy Crookes. Und ja, irgendwie ist es schon ein "Southmore Slump" Album, aber auch nur, weil "Skin" eines meiner All Time Lieblingsalben ist. Da kommt Juniper nicht ran. 5 Jahre hat Joy gebraucht, bevor sie endlich wieder Musik veröffentlichen konnte. Gerade wenn man bedenkt, dass die ersten Demos schon 2022 in den sozialen Medien geteilt wurden, ist das eine verdammt lange Zeit. Aber sie musste den überraschenden und extremen Erfolg erstmal verarbeiten und sich etwas abschotten.
Dieses Album ist zurückhaltender als der Vorgänger. Aber es ist alles noch da, was die Künstlerin so großartig macht: Die eher raue Stimme, die treibenden Bässe, die hervorragenden Texte. Sie sind nur nicht mehr ganz so direkt, wie früher. Praktisches Beispiel: Eigentlich wollte Joy einen Song übers Kotzen als Sympthom phyischer Angst schreiben. Ein Problem, mit dem sie halt in den letzten Jahren zu kämpfen hat. Stattdessen kam "First Last Dance" heraus. Ein "Abschiedsbrief" an derartige Ängste.
Dabei kann Joy diese Ehrlichkeit noch auspacken, wenn es auf "Mathematics" heißt: "I'm pretty, but I'm miserable". In "House with a Pool" wird ebenfalls das Ende einer eher toxischen Beziehung verarbeitet. In "Perfect Crime" geht es damm darum, sich erneut zu verlieben, nachdem einem das Herz gebrochen wurde. Man kann dort schon nachvollziehen, was Joy in den letzten Jahren so durchlebt hat.
"Mother" ist der tiefgründigste Song des Albums. Hier geht es darum, wie einem die familiären und kulturellen Wurzeln prägen... und das muss nicht zwingend etwas positives sein. Dieses Auseinandersetzen mit den Wurzeln ist ja nach wie vor eines der Grundthemen in Joys Musik. In "Carmen" setzt sie sich mit den Schönheitsidealen auseinander, die sie selber nie erreichen wird, obwohl sie gerne würde. Joy Crookes zementiert mit diesem Album ihren Status als Ausnahmekünstlerin.

Platz 2: Waving the Guns - Zwischen Wand und Tapete: Eigentlich macht Milli Dance auf diesem Album nichts neues. Und sein wir kurz ehrlich: WTG ist mittlerweile das Solo-Projekt von Milli. Klar, Dub Dylan liefert noch den einen oder anderen Beat, aber er ist längst nicht mehr der Haus und Hof Produzent. Dafür geht es mit DJ Joaf und einem Schlagzeuger auf Tour. Joaf hat sachlich gesehen mehr Anteil an dem Album als Dub Dylan.
Das ist für mich aber etwas Gutes, denn auch wenn Milli wenig neues macht, so macht er doch einfach alles besser und kompakter, als auf dem letzten Album. "Tausend Autofahrer, die keine Rettungsgasse bilden, ereifern sich ungestüm über ein paar Festgeklebte." legt da das Grundniveau auf "Bigotterie" fest. Es geht inhaltlich richtig konkret zur Sache. "Munitionsbestand unauffindbar, gemeinsam mit sozialdemokratischen Rückrat" und "wirklich asozial ist es, dass Leute Milliarden besitzen." Nebenbei beweist Milli hier auch, dass er technisch auf einem neuen Level ist denn "Wir agitieren gegen dich, bis das Jugendwort des Jahres Arbeiterverräter ist" ist eine unfassbar gute Zeile, die aber eigentlich viel zu sperrig ist, um auf einen Beat zu passen... Aber Milli kriegt das hin. Er schafft es immer wieder komplexe Themen buchstäblich auf den Takt zu bringen. Wo Milli die Luft hernimmt, um all diese Sätze auch Live tight rüberzubringen ist einfach nicht nachvollziehbar.
Man könnte jetzt jeden Song durchgehen und krasse politische Statements aufzählen. Aber eigentlich muss man sich die ganzen Songs anhören, da diese Statements halt auch wirklich tief gehen können. Letztes Beispiel: "Milli, wieso hast du dazu geschwiegen? Hab ich nicht, ich hab nur nichts auf Insta dazu geschrieben" auf "Gesinngungschat".
Aber dann kommt kurz vorm Ende noch ein absoluter Überbänger: "In diesen Zeiten tanzen" stellt die elementare Frage: Wie kann eigentlich "Feste feiern, auch wenn das Land brennt"? Aber Milli kommt zum Schluss, dass das Böse dann gewinnt, wenn wir das nicht mehr machen. Eine brutal einfache Idee, die aber verdammt gut umgesetzt wurde.
WTG steht weiterhin für Linken Zeckenrap mit verdamm viel Substanz.

Platz 1: Storry - Chapter 2: Run: Da ist es endlich: Der 2. Teil von Storrys Triologie, auf die ich seit 2 Jahre gewartet habe. Und ich habe schon ein paar Mal überlegt, ob ich eigentlich eine Triggerwarnung in die Review packen muss... hier könnte es wirklich angemessen sein. Denn in diesem Album beschreibt Storry, wie sie für ihren Ex-Freund als Stripperin anschaffen musste. Und wie sie sich von ihrem Abuser befreit. Das ganze beginnt mit der letzten Zigarette, die man gemeinsam an einem Tisch raucht und bewegt sich von dort Stück für Stück in Richtung Freiheit. Dabei geht es um einiges expliziter zur Sache als beim Vorgängerwerk "The Come Up", wo Storry die Prostitution in der Musikbranche beschrieben hat. "Run" beginnt mit einem "I hope he loves you", aber wird verdammt schnell zu einer Warnung an die nächste Freundin. Denn es ist nicht davon auszugehen, dass der "Trafficker" seine Verhaltensweisen ändern wird. "Twisted Love" beschreibt, wie abgefuckt diese "Liebe" wirklich war und wie sie sich selbst runtergemacht hat, um in dieser Beziehung zu bleiben: "I'm commited to to this sick shit, I am twisted, I'm a misfit." "Who loves you know" beschreibt dann die Manipulation, die Storry erlebt hat. "You won't make it out this dream alive" klingt da nach einer verdammten Drohung. In "Turn me back on" geht es darum, wie schwer es ist, nach all diesen Erfahrungen wieder eine normale Beziehung zu führen. "Call Cain" ist dann die traurige Konsequenz aus dieser Beziehung: Man flieht in den Kokain- und Alkohol-Rausch. Hauptsache man muss nicht darüber nachdenken, was einem so passiert. Erst auf dem epischen "Monster" kann man sich dann wirklich befreien und landet schließlich wieder bei dem Bild von den "Cigarettes". Nur dass das jetzt die buchstäbliche Zigarette danach ist und man mittlerweile "nur" noch am Verarbeiten der Erfahrungen ist, sich aber von diesen gelöst hat.
Nebenbei bleibt festzuhalten, dass dieses Werk wirklich seit Jahren bei Storry rumlag. Also ich habe schon auf dem Reeperbahnfestival 2023 eine Piano Version von "Bum Bum" gehört. Wie schwer es war, dieses Werk wirklich zu vollenden und rauszubringen, will ich mir gar nicht vorstellen. Es ist aber auch musikalisch am Ende richtig, dass man sich die Zeit genommen habe. Denn der Vorgänger klang noch nach relativ straighter Popmusik, die halt von ernsteren Themen erzählt. Hier wird aber das ganz große Orchester ausgepackt, damit das Album dann auch richtig reinknallt. "Monster" als der beste Track wäre vor 5 Jahren bestimmt nicht so episch geworden. 
Chapter 2: Run ist ein Album, dass man definitiv am Stück hören muss. Und das man, auch wenn es teilweise richtig unangenehm ist, gehört haben sollte.

Dienstag, 6. Januar 2026

Die X-Faktoren Revisited Part 2

Gucken wir mal, wie sich meine Prognosen zur oberen Tabellenhälfte gehalten haben. 

 Niemand, VfL Wolfsburg: Das läuft ja alles nur noch viel schlimmer, als ich es vorhergesagt habe. Also wie sich das auswirkt, wenn diese bunte Mischung aus durchschnittlichen Bundesligaspielern und Talenten auf der Durchreise von einem überforderten Trainer betreut wird, konnte ich nicht voraussagen. Dass die Probleme im Kader aber so tief sitzen, dass kein einzelner Spieler hier etwas reißen wird, habe ich aber vorhergesagt. Das "schlimmste" für den VfL Lovro Majer spielt weiterhin so, als würde er die nächsten 10 Jahre dort bleiben und irgendwann das Kapitänsamt übernehmen wollen. Der Junge ist weiterhin "in Ordnung", aber eben auch nicht mehr.

Shuto Machino, Borussia Mönchengladbach: In der Sache lag ich da richtig, nur hätte ich Haris Tabakovic nennen sollen. Der hat nach anfänglichen Problemen die Offensive in die richtige Spur gebracht und die Borussia aus der Krise geführt. Dass der Saisonstart so krass verkackt wurde, dass man endlich Gerado Seoane entlassen musste, ist aber etwas Gutes für die Gladbacher. 

Nick Woltemade, VfB Stuttgart: Am Ende hat man sich doch dafür entschieden, den Angreifer für einen absurden Preis nach Newcastle zu verkaufen. Dort deutet er zumindest an, dass Variante 1 "Der ist wirklich gut" zutreffen könnte.
Die beste Nachricht für die Schwaben: So richtig doll vermisst man den Angreifer nicht. Deniz Undav füllt die Lücke, wenn er denn fit ist, unfassbar gut. Stuttgart kann also behaupten, dass sie alles richtig gemacht haben, weil sie dem Angebot der Bayern nicht nachgegeben und auf ein absurdes Angebot aus der Premiere League gewartet haben. So sie ein gut geführter Verein aus.

David Raum, RB Leipzig: Zunächst mal bleibt festzuhalten: RB Leipzig liegt wieder im Soll. Aber eben auch nicht mehr. Das liegt vor allem daran, dass man nur 2 der letzten 6 Bundesligaspiele gewinnen konnte... und 3 verloren hat. Und David Raum hat da durchaus seinen Anteil dran: Seit der grausamen Auftaktniederlage spielt er unfassbar stabil und hat lediglich gegen Bayer Leverkusen eine 4,0 vom Kicker bekommen. Einerseits ist er genau der Fixpunkt, an dem man sich als Talent orientieren kann. Andererseits taucht er in den wirklich schwierigen Spielen auch gerne ab...

Julian Schuster, SC Freiburg: Was soll man hier schon groß sagen: Schuster und der SC Freiburg machen ihr Ding. Selbst der "Europa League Einbruch" bleibt da mittlerweile aus. Und ganz Fußballdeutschland hat sich einfach daran gewöhnt, obwohl es eigentlich völlig absurd ist, wie konstant im Breisgau gearbeitet wird.

Julian Brandt, Borussia Dortmund: Die gute Nachricht: Brandt hat seinen unumstrittenen Stammplatz verloren. Nur 2 seiner 12 Einsätze absolvierte er über die gesamten 90 Minuten. Teilweise saß er gesund komplett auf der Bank. Noch besser: Brandt nimmt den Fakt, dass Maximilian Beier und Karim Adeyemi ihm den Rang abgelaufen haben, an und kämpfte sich zurück in die Startelf. Die schlechte Nachricht: Jobe Bellingham war bisher kein Faktor, sorgte aber schon für Unruhe im Kader. In der Summe ist man "Bayern-Jäger Nummer 1"... und hat vor allem 5 Punkte Vorsprung auf Platz 5. Das wird das, was man eine "sorgenfreie Saison" nennen kann, was verglichen mit dem Vorjahr ein Fortschritt ist.

Mario Götze, Eintracht Frankfurt: Gut, dass ich auch direkt Can Uzun genannt habe. Gerade zum Saisonbeginn sah es so aus, als würde Uzun das Ruder an sich reißen. Die ersten 5 Spieltage waren schon verdammt stark, aber danach fiel er dann in ein Loch. Aber erst, nachdem Uzun dann verletzt ausgefallen war, rutschte Götze überhaupt in die Startelf. Dort enttäuschte er zwar nicht, aber wirklich überragend ist es auch nicht mehr.
Frankfurt könnte tatsächlich in einer Übergangssaison gefangen sein: Uzun ist noch nicht gut genug, um den Taktstab permanent zu schwingen und Götze ist zu alt, um das noch zu kaschieren. Das Ergebnis ist eine gewisse Unruhe am RheinDino Topmöller stand plötzlich irgendwie in der Kritik, auch wenn er in der Summer immer noch einen guten Job macht. Frankfurt wird häufig als große Enttäuschung genannt. Da zeigt sich, wie deutlich die Ansprüche doch gestiegen sind, denn man liegt ja auf Kurs "Europa" und ist damit eigentlich voll im Soll... Ob Uzun oder Götze in der Rückrunde zurück in die Spur finden, ist jetzt aber die wichtigste Frage.

Malik Tillman, Bayer Leverkusen: Die gesamte Bayer Saison wird natürlich durch die überhastet wirkende Entlassung von Erik ten Haag überschattet. Dass ein neu verpflichteter Trainer so schnell entlassen wird, ist schon krass. Es zeigt aber auch nur, dass man in Leverkusen gewillt ist, Fehler gleich zu korrigieren.
Es bleibt aber festzuhalten, dass Tillman bisher die Erwartungen nicht wirklich erfüllen konnte. 3 Tore und 0 Vorlagen sind ganz schön dünn. Aufgefangen wird das durch ein Kollektiv, das sehr stabil funktioniert. So steht man in der Summer trotzdem auf Platz 3. Und Tillman hat ja zumindest angedeutet, dass da noch einiges kommen dürfte.

Serge Gnabry, Bayern München: Das sah ja zum Saisonbeginn richtig gut aus. Nach 4 Spieltagen stand Gnabry schon bei 5 Scorerpunkten. Dass die Bayern so überzeugend in die Saison starteten, lag auch an dem deutschen Nationalspieler. Leider lief es zu gut, weshalb die Bayern es sich dann leisten konnten, Lennart Karl reinzuwerfen. Und dann stellten alle fest, dass dieser Karl ja verdammt gut ist. Wenn er jetzt noch nicht besser ist, als Gnabry, so wird er das zeitnah sein. Das ist schlecht für Gnabry, der aber trotzdem noch auf 10 Scorerpunkte kommt. Seine Rolle als "Brückenspieler" bis Jamal Musiala wieder fit wird, hat er also voll und ganz erfüllt. Aber immerhin scheinen die Bayern ihn dafür mit einem neuen Vertrag zu belohnen. Gnabry sollte den schnell unterschreiben, bevor denen auffällt, dass für Gnabry kaum noch Platz ist, wenn Musiala und Karl im Mittelfeld wirbeln sollen...

Montag, 5. Januar 2026

Der Afrika Cup ist das Worst Case Szenario für die Fifa

 Da gibt es bezahlbare Tickets! Wie furchtbar!

Wobei rein sportlich gesehen etwas anderes viel schlimmer ist. Nur interessiert das die Fifa nicht wirklich. Und ja, ich bin immer noch im Feiertags-Delay, eigentlich wollte ich das hier schon vor 3 oder 4 Tagen schreiben.

Aber die Gruppenphase des Afrika Cups ist durch. Die Achtelfinale laufen und Tansania war dabei. Was völlig absurd ist, weil diese Mannschaft ganze 2 Punkte in der Gruppenphase geholt hat. Da Angola und die Komoren ebenfalls nur 2 Punkte ergatterten, reichte das aber trotzdem. Dank des dritten erzielten Tores.

Nennt mich alt, aber wer in der Gruppenphase nur 2 Punkte holt, sollte ausscheiden. Und bisher hat das trotz der Erweiterung der Teilnehmer und dem Weiterkommen der besten Gruppendritten auch bei der EM immer geklappt. Und formell gesehen auch bei der WM 1994.

Natürlich gibt es auch ein theoretisches Szenario, wie man mit 2 Punkten Gruppenzweiter wird. Aber das ist dann eine absurd unwahrscheinliche Konstellation. Dass man jetzt auch mit 2 Punkten weiterkommen könnte, ist ein Fehler im System und keine Absurdität mehr.

Was die ganze Sache noch schlimmer macht: Die Komoren und Angola spielten in der Gruppe A und B. Damit wusste der Außenseiter aus Tansania zur Pause, dass ein einziger Treffer das Weiterkommen garantiert. Entsprechend verhalten waren die Angriffsbemühungen beider Mannschaften in der 2. Halbzeit: Warum sollte man auch angreifen, wenn man nichts gewinnen kann?

Um die Sache dann richtig rundzumachen, standen Benin, Sudan und Mosambik schon vor dem Spieltag als beste Gruppendritte fest. Auch wenn Gabun das letzte Spiel mit 16 Toren Unterschied gewonnen hätte, wäre das aufgrund der Niederlage im direkten Duell egal gewesen. Nicht nur reichte dem Sudan ein einziger Treffer, um sich fürs Achtelfinale zu qualifizieren, die Qualifikation stand auch schon vor dem letzten Spieltag fest.

Das ist mal wieder ein Beweis dafür, dass das erweiterte Teilnehmerfeld auf 24 Mannschaften jegliche Spannung und Emotionen in der Gruppenphase tötet. Das wird jetzt auch bei der anstehenden WM nicht besser werden. Aber daran werden wir uns wohl gewöhnen müssen. Denn ein Zurück gibt es im normalen Fußball ja praktisch nicht. Und die Turniere nochmal zu erweitern, damit dann wieder nur die ersten 2 in jeder Gruppe weiterkommen, ist auch nicht wirklich praktikabel. 

Auf der anderen Seite ist der Fußball halt "too big to fail". Also obwohl die Fifa absurde Ticketpreise aufruft, gibt es 150 Millionen Ticketanfragen. Und solange die Leute da weiter hinrennen, wird die Fifa nichts ändern. Die eine WM vor halbleeren Rängen werden wir nicht erleben, auch wenn das die einzige Lösung wäre.

Wobei... also der Afrika Cup hatte ja trotz der günstigen Ticketpreise extreme Probleme, die Stadien zu füllen. Da wurden die Fans 20 Minuten nach Anpfiff einfach so reingelassen, damit auf den Rängen wenigstens etwas passiert. Aber den Zusammenhang von bedeutungslosen Spielen und ausbleibenden Fans wird da trotzdem niemand verstehen wollen.

Wenn uns unsere Kinder dann fragen, warum wir früher zur Gruppenphase eingeschaltet haben, werden wir ihnen mit Tränen in den Augen die Geschichte von WM 2018 erzählen und wie intensiv es damals in den letzten Gruppenspielen zuging, weil jeder genau wusste, dass man das Spiel gewinnen muss, um weiterzukommen. 

Freitag, 2. Januar 2026

X-Faktoren der Bundesliga Saison Re-Visited Part 1

 Wo wir ja gerade in der kurzen Winterpause sind, ist das auch der Moment, sich die Saison-Preview anzugucken und sich zu fragen, wo man richtig und wo man falsch lag. Fangen wir damit an:

Yussuf Poulsen, Hamburger SV: Meine These war ja, dass der HSV einen vernünftigen, bundesligatauglichen Stürmer braucht. Der Poulsen-Transfer muss einschlagen, damit sie nicht mit Marius Ebbers Angreifer durch die Saison gehen müssen. Und irgendwie stimmt das auch. Also die Liasion zwischen dem HSV und Poulsen war bisher eher unglücklich. 4 benotete Spiele und ein einziges Tor... aber mit dem hat er sich direkt zur Legende und den HSV zum Derbysieger gemacht. Wenn er jetzt noch im Rückspiel gegen St. Pauli trifft, bauen die dem eine Statue.
Einerseits ist der HSV voll im Soll. 5 Punkte vor dem Relegationsrang ist für einen Aufsteiger mehr als solide. Trotzdem hat man gerade in der Offensive den Eindruck, dass man dieses beruhigende Polster nur hat, weil die Konkurrenz nun mal noch schwächer besetzt ist. Und da Poulsen auch nicht mehr der Jüngste ist, wird die Nummer 9 eine Baustelle bleiben.

Said El Mala, 1. FC Köln; Ich hab doch vorhergesagt, dass der einschlagen muss und wird... Hauptsache es klickt niemand auf den Originalpost, dann kann ich das einfach behaupten. Aber ganz ehrlich: Es ist schon faszinierend, dass die Kölner Offensive nur funktioniert, wenn der 19-Jährige gut drauf ist. Gerade weil er es in den letzten 2 Spielen nicht mehr war und Köln direkt chancenlos war. 
Aber eigentlich hab ich ja den Manager Thomas Kessler genannt. Und dessen Transferbilanz ist zumindest die Grundlage für die stabile Saison, die man bisher spielt. Sebastian Sebulonsen und Isak Johannson standen in jedem Spiel auf dem Platz. Rav van den Berg wurde durch eine Verletzung ausgebremst, wäre sonst aber auch Stammspieler. Ragnar Ache hat nur einen Treffer erzielt, aber er hat schon 4 Tore direkt vorbereitet. Das ist quasi der Stürmer, der die Möglichkeiten und Räume für El Mala erarbeitet.
Das ist schon eine sehr ordentliche Bilanz für die 4 Top-Transfers. Dass man dann mit El Mala eine ultimative Wildcard gefunden hat, macht die Mission Klassenerhalt wesentlich einfacher, aber so wie Kessler eingekauft hat, würde man auch ohne den Youngstar über dem Strich stehen.

Leonardo Scienza, 1. FC Heidenheim: Scienza war eigentlich nach 2 Spieltagen auf einem guten Weg... bis er dann plötzlich in die 2. englische Liga verkauft wurde. Die logische Konsequenz: Heidenheim steht auf Platz 17. Mit einem weiteren brauchbaren Offensivspieler wäre der Klassenerhalt in realistischer Reichweite. Ich hoffe, die 9 Millionen wurde gut angelegt.
Um nochmal kurz den objektiven Qualitätsverlust zu verdeutlichen: Stefan Schimmer ist jetzt quasi der Hoffnungsträger in der Offensive. Ein 31-jähriger Angreifer, der in den letzten 2 Jahren ausschließlich als Joker eingesetzt wurde. Das kann man zu einer wunderbaren und romantischen Geschichte verklären, wenn man ignoriert, dass der Abgang von Tim Kleindienst einfach nie kompensiert werden konnte und man deswegen am Ende absteigt.

Dietmar Hopp, TSG 1899 Hoffenheim: Ok, ich bin verwirrt. Also hauptsächlich frage ich mich, wie Hoffenheim plötzlich so guten Fußball spielt, obwohl sich sachlich nichts verändert hat. Hopp poltert weiterhin öffentlich gegen seinen Verein. Das Hausverbot für Berater und Kumpel Roger Wittmann nennt er "eine Schweinerei". Dass Hopp die erfolgreichste Saison seit langem von der Tribüne aus mit einer Seifenoper begleitet, ist völlig absurd. Dass Christian Ilzer unter diesen Umständen derart guten Fußball spielen lässt, ist eigentlich unfassbar. Also der Mann muss, stand jetzt, zum Trainer des Jahres gewählt werden. Und das war so nicht vorherzusehen.

Andréas Hountondji, FC St. Pauli: 3 Spieltage lang sah diese Prognose unfassbar gut aus. Houtondji startete mit 3 Toren in die Saison. St. Pauli erzielte insgesamt 7 Treffer. Wenn man diese Bilanz halbwegs aufrechterhält, hat man mit dem Abstiegskampf wenig zu tun. Aber dann zog irgendwer den offensiven Stecker. In den 12 Spielen erzielte man dann plötzlich nur noch 6 Treffer. St. Pauli wirkte plötzlich offensiv noch harmloser, als in der Vorsaison. Nur hatte man irgendwie auch die defensive Stabilität eingebüßt und der letztes Jahr überragende Nikola Vasilji baute einige Patzer ein. Bis man dann plötzlich gegen die Bayern wieder mithalten konnte und erst in der Nachspielzeit die entscheidenden Treffer kassierte. Und seitdem zeigt man sich zumindest wieder bissig und griffig. Und man erzielte, wenn auch nur gegen Heidenheim, zum ersten Mal seit dem dritten Spieltag mehr als einen Treffer. 
Am Ende bleibe ich aber dabei: Damit es für den Klassenerhalt reicht, muss von der Offensive mehr kommen.

Sandro Wagner - FC Augsburg: Ich muss ganz ehrlich zugeben, dass ich ein wenig stolz darauf bin, dass ich als einziger die Situation in Augsburg halbwegs realistisch eingeschätzt habe. Alle gingen ja irgendwie davon aus, dass Wagner aus dieser Mannschaft über Nacht eine spielstarke Mannschaft zaubert. Dass der Kader diesen Spielstil einfach nicht hergibt, wurde dabei komplett ignoriert.
Eine Saison im Abstiegskampf habe ich bereits im Sommer vorhergesagt. Nur dass Wagner selbst so schnell aufgibt und selber zugeben würde, dass er den Karren nicht aus dem Dreck ziehen kann, überrascht mich dann doch. Aber zu Augsburg habe ich ja schon genug geschrieben, ich will mich da nicht wiederholen. 

Michael Zetterer und Romano Schmid, Werder Bremen: Die Entscheidung Zetterer abzugeben und stattdessen auf einen eigenen Jugendspieler zu setzen, war mutig. Aber am Ende musste Eintracht Frankfurt feststellen, dass Zetterer kein Kandidat für die Nationalmannschaft, sondern "nur" ein durchschnittlicher Bundesligatorwart ist. Ob Mio BackhausKarl Hein oder eben Zetterer im Kasten steht, ist für den Ausgang der Saison relativ egal. Nur hat man mit Backhaus jetzt einen jungen Mann im Tor, aus dem mal mehr werden kann. Schmid hat man dagegen behalten und er bleibt der Motor im Bremer Spiel. Wenn er ins Laufen kommt, sieht Bremen deutlich besser aus. Er und Jens Stage könnten die einzigen Kandidaten im Kader sein, die mehr als nur Mitläufer sein können.
Die Stimmung in Bremen ist aber trotzdem irgendwie weird. Man beendete die "Hinrunde" halt mit 5 sieglosen Spielen in Serie. Das war durchaus erwartbar, aber irgendwie scheint das Umfeld an der Weser optimistischer gewesen zu sein... und so steht Horst Steffen bei den Fans in der Kritik, obwohl er die Mannschaft ins sichere Mittelfeld geführt hat. Das sind dieselben Fans, die sich den jahrelangen Niedergang in aller Ruhe angeguckt haben und jetzt werden die unruhig, weil es nicht wieder direkt und schnell nach oben geht? Ich bin verwirrt.
Aber Backhaus, Schmid und Stage haben genügend Qualität, um den Klassenerhalt souverän zu sichern... auch wenn das viel mit der Schwäch der Konkurrenz zu tun hat.

Andrej Ilic, 1. FC Union Berlin: Ich glaube, ich lag nirgends so falsch, wie bei der Einschätzung von Union Berlin. Denn Ilic steht bei 0 Toren in 14 Spielen. Unions Angreifer kommen insgesamt auf 9 Treffer. Zwischenzeitlich blieb man 9 Spiele am Stück ohne Stürmertor. Mit dieser Bilanz sollte man bis zum Hals im Abstiegskampf stecken. Stattdessen trennen einem nur 5 Punkte von Europa. 
Wie schafft man das? Nun ja: Eine stabile Defensive und absurd gute Standards. Doekhi, Nsoki und Rothe erzielten zusammen 5 Tore. Dazu kommen 3 Treffer durch den defensiven Mittelfeldspieler Rani Khedira. Die Stürmer sind im System Baumgart anscheinend nur dazu da, um Freistöße rauszuholen und dann den Verteidigern den Platz im Strafraum zu überlassen. Die Frage bleibt aber, ob man dieses Konzept über die gesamte Saison durchziehen kann. Bei 9 Punkten Vorsprung auf den Relegationsrang ist das aber eine Luxusfrage.

Jonathan Burkardt, 1. FSV Mainz 05: Teil 2 des "Passives Abseits Leser wissen es früher": Dass Mainz ohne Burkardt wie ein Abstiegskandidat aussieht, habe ich bereits im Sommer erklärt. Wie schlecht sie dann aber wirklich sind, konnte ich aber auch nicht ahnen. Man ist ja nicht nur letzter, sondern abgeschlagen letzter. Die spannendste Persönlichkeit ist dabei der entlassene Trainer Bo Henriksen. Denn hier könnte man erahnen, wie gering der Einfluss des Trainers auf den Erfolg am Ende ist und dass die Spieler der eigentlich entscheidende Faktor ist. Denn Henriksen, der Mainz im Sommer in die Conference League geführt hat, ist ja nicht über Nacht ein inkompetenter Trainer geworden. Die Erfolge auf europäischen Paket beweisen ja auch, dass er die Kabine nicht verloren hat. Und es zeigt auch die relative Stärke der Liga im internationalen Vergleich: Auch die schwächste Mannschaft der Hinrunde ist immer noch in der Lage, mit der Elite aus den Ligen diesseits von England, Spanien und Italien mitzuhalten. Aber Henriksen war einfach nicht in der Lage, die individuelle Klasse von Burkardt zu ersetzen. 

Im Großen und Ganzen bin ich ja ganz zufrieden mit meiner Prognose. Also abgesehen von Union Berlin, die deutlich stärker sind, als erwartet. Ich bleibe auch bei den beiden direkten Absteigern St. Pauli und Heidenheim, auch wenn das natürlich alles andere als ein Hot Take ist. Der Abstand zum eigentlich rettenden Ufer ist aber zu groß für einen direkten Klassenerhalt der Mainzer. Vor allem nachdem Augsburg sich für die Variante "eklig und stabil" statt "in Schönheit sterben" entschieden hat.