Wo wir ja gerade in der kurzen Winterpause sind, ist das auch der Moment, sich die Saison-Preview anzugucken und sich zu fragen, wo man richtig und wo man falsch lag. Fangen wir damit an:
Yussuf Poulsen, Hamburger SV: Meine These war ja, dass der HSV einen vernünftigen, bundesligatauglichen Stürmer braucht. Der Poulsen-Transfer muss einschlagen, damit sie nicht mit Marius Ebbers Angreifer durch die Saison gehen müssen. Und irgendwie stimmt das auch. Also die Liasion zwischen dem HSV und Poulsen war bisher eher unglücklich. 4 benotete Spiele und ein einziges Tor... aber mit dem hat er sich direkt zur Legende und den HSV zum Derbysieger gemacht. Wenn er jetzt noch im Rückspiel gegen St. Pauli trifft, bauen die dem eine Statue.
Einerseits ist der HSV voll im Soll. 5 Punkte vor dem Relegationsrang ist für einen Aufsteiger mehr als solide. Trotzdem hat man gerade in der Offensive den Eindruck, dass man dieses beruhigende Polster nur hat, weil die Konkurrenz nun mal noch schwächer besetzt ist. Und da Poulsen auch nicht mehr der Jüngste ist, wird die Nummer 9 eine Baustelle bleiben.
Said El Mala, 1. FC Köln; Ich hab doch vorhergesagt, dass der einschlagen muss und wird... Hauptsache es klickt niemand auf den Originalpost, dann kann ich das einfach behaupten. Aber ganz ehrlich: Es ist schon faszinierend, dass die Kölner Offensive nur funktioniert, wenn der 19-Jährige gut drauf ist. Gerade weil er es in den letzten 2 Spielen nicht mehr war und Köln direkt chancenlos war.
Aber eigentlich hab ich ja den Manager Thomas Kessler genannt. Und dessen Transferbilanz ist zumindest die Grundlage für die stabile Saison, die man bisher spielt. Sebastian Sebulonsen und Isak Johannson standen in jedem Spiel auf dem Platz. Rav van den Berg wurde durch eine Verletzung ausgebremst, wäre sonst aber auch Stammspieler. Ragnar Ache hat nur einen Treffer erzielt, aber er hat schon 4 Tore direkt vorbereitet. Das ist quasi der Stürmer, der die Möglichkeiten und Räume für El Mala erarbeitet.
Das ist schon eine sehr ordentliche Bilanz für die 4 Top-Transfers. Dass man dann mit El Mala eine ultimative Wildcard gefunden hat, macht die Mission Klassenerhalt wesentlich einfacher, aber so wie Kessler eingekauft hat, würde man auch ohne den Youngstar über dem Strich stehen.
Leonardo Scienza, 1. FC Heidenheim: Scienza war eigentlich nach 2 Spieltagen auf einem guten Weg... bis er dann plötzlich in die 2. englische Liga verkauft wurde. Die logische Konsequenz: Heidenheim steht auf Platz 17. Mit einem weiteren brauchbaren Offensivspieler wäre der Klassenerhalt in realistischer Reichweite. Ich hoffe, die 9 Millionen wurde gut angelegt.
Um nochmal kurz den objektiven Qualitätsverlust zu verdeutlichen: Stefan Schimmer ist jetzt quasi der Hoffnungsträger in der Offensive. Ein 31-jähriger Angreifer, der in den letzten 2 Jahren ausschließlich als Joker eingesetzt wurde. Das kann man zu einer wunderbaren und romantischen Geschichte verklären, wenn man ignoriert, dass der Abgang von Tim Kleindienst einfach nie kompensiert werden konnte und man deswegen am Ende absteigt.
Dietmar Hopp, TSG 1899 Hoffenheim: Ok, ich bin verwirrt. Also hauptsächlich frage ich mich, wie Hoffenheim plötzlich so guten Fußball spielt, obwohl sich sachlich nichts verändert hat. Hopp poltert weiterhin öffentlich gegen seinen Verein. Das Hausverbot für Berater und Kumpel Roger Wittmann nennt er "eine Schweinerei". Dass Hopp die erfolgreichste Saison seit langem von der Tribüne aus mit einer Seifenoper begleitet, ist völlig absurd. Dass Christian Ilzer unter diesen Umständen derart guten Fußball spielen lässt, ist eigentlich unfassbar. Also der Mann muss, stand jetzt, zum Trainer des Jahres gewählt werden. Und das war so nicht vorherzusehen.
Andréas Hountondji, FC St. Pauli: 3 Spieltage lang sah diese Prognose unfassbar gut aus. Houtondji startete mit 3 Toren in die Saison. St. Pauli erzielte insgesamt 7 Treffer. Wenn man diese Bilanz halbwegs aufrechterhält, hat man mit dem Abstiegskampf wenig zu tun. Aber dann zog irgendwer den offensiven Stecker. In den 12 Spielen erzielte man dann plötzlich nur noch 6 Treffer. St. Pauli wirkte plötzlich offensiv noch harmloser, als in der Vorsaison. Nur hatte man irgendwie auch die defensive Stabilität eingebüßt und der letztes Jahr überragende Nikola Vasilji baute einige Patzer ein. Bis man dann plötzlich gegen die Bayern wieder mithalten konnte und erst in der Nachspielzeit die entscheidenden Treffer kassierte. Und seitdem zeigt man sich zumindest wieder bissig und griffig. Und man erzielte, wenn auch nur gegen Heidenheim, zum ersten Mal seit dem dritten Spieltag mehr als einen Treffer.
Am Ende bleibe ich aber dabei: Damit es für den Klassenerhalt reicht, muss von der Offensive mehr kommen.
Sandro Wagner - FC Augsburg: Ich muss ganz ehrlich zugeben, dass ich ein wenig stolz darauf bin, dass ich als einziger die Situation in Augsburg halbwegs realistisch eingeschätzt habe. Alle gingen ja irgendwie davon aus, dass Wagner aus dieser Mannschaft über Nacht eine spielstarke Mannschaft zaubert. Dass der Kader diesen Spielstil einfach nicht hergibt, wurde dabei komplett ignoriert.
Eine Saison im Abstiegskampf habe ich bereits im Sommer vorhergesagt. Nur dass Wagner selbst so schnell aufgibt und selber zugeben würde, dass er den Karren nicht aus dem Dreck ziehen kann, überrascht mich dann doch. Aber zu Augsburg habe ich ja schon genug geschrieben, ich will mich da nicht wiederholen.
Michael Zetterer und Romano Schmid, Werder Bremen: Die Entscheidung Zetterer abzugeben und stattdessen auf einen eigenen Jugendspieler zu setzen, war mutig. Aber am Ende musste Eintracht Frankfurt feststellen, dass Zetterer kein Kandidat für die Nationalmannschaft, sondern "nur" ein durchschnittlicher Bundesligatorwart ist. Ob Mio Backhaus, Karl Hein oder eben Zetterer im Kasten steht, ist für den Ausgang der Saison relativ egal. Nur hat man mit Backhaus jetzt einen jungen Mann im Tor, aus dem mal mehr werden kann. Schmid hat man dagegen behalten und er bleibt der Motor im Bremer Spiel. Wenn er ins Laufen kommt, sieht Bremen deutlich besser aus. Er und Jens Stage könnten die einzigen Kandidaten im Kader sein, die mehr als nur Mitläufer sein können.
Die Stimmung in Bremen ist aber trotzdem irgendwie weird. Man beendete die "Hinrunde" halt mit 5 sieglosen Spielen in Serie. Das war durchaus erwartbar, aber irgendwie scheint das Umfeld an der Weser optimistischer gewesen zu sein... und so steht Horst Steffen bei den Fans in der Kritik, obwohl er die Mannschaft ins sichere Mittelfeld geführt hat. Das sind dieselben Fans, die sich den jahrelangen Niedergang in aller Ruhe angeguckt haben und jetzt werden die unruhig, weil es nicht wieder direkt und schnell nach oben geht? Ich bin verwirrt.
Aber Backhaus, Schmid und Stage haben genügend Qualität, um den Klassenerhalt souverän zu sichern... auch wenn das viel mit der Schwäch der Konkurrenz zu tun hat.
Andrej Ilic, 1. FC Union Berlin: Ich glaube, ich lag nirgends so falsch, wie bei der Einschätzung von Union Berlin. Denn Ilic steht bei 0 Toren in 14 Spielen. Unions Angreifer kommen insgesamt auf 9 Treffer. Zwischenzeitlich blieb man 9 Spiele am Stück ohne Stürmertor. Mit dieser Bilanz sollte man bis zum Hals im Abstiegskampf stecken. Stattdessen trennen einem nur 5 Punkte von Europa.
Wie schafft man das? Nun ja: Eine stabile Defensive und absurd gute Standards. Doekhi, Nsoki und Rothe erzielten zusammen 5 Tore. Dazu kommen 3 Treffer durch den defensiven Mittelfeldspieler Rani Khedira. Die Stürmer sind im System Baumgart anscheinend nur dazu da, um Freistöße rauszuholen und dann den Verteidigern den Platz im Strafraum zu überlassen. Die Frage bleibt aber, ob man dieses Konzept über die gesamte Saison durchziehen kann. Bei 9 Punkten Vorsprung auf den Relegationsrang ist das aber eine Luxusfrage.
Jonathan Burkardt, 1. FSV Mainz 05: Teil 2 des "Passives Abseits Leser wissen es früher": Dass Mainz ohne Burkardt wie ein Abstiegskandidat aussieht, habe ich bereits im Sommer erklärt. Wie schlecht sie dann aber wirklich sind, konnte ich aber auch nicht ahnen. Man ist ja nicht nur letzter, sondern abgeschlagen letzter. Die spannendste Persönlichkeit ist dabei der entlassene Trainer Bo Henriksen. Denn hier könnte man erahnen, wie gering der Einfluss des Trainers auf den Erfolg am Ende ist und dass die Spieler der eigentlich entscheidende Faktor ist. Denn Henriksen, der Mainz im Sommer in die Conference League geführt hat, ist ja nicht über Nacht ein inkompetenter Trainer geworden. Die Erfolge auf europäischen Paket beweisen ja auch, dass er die Kabine nicht verloren hat. Und es zeigt auch die relative Stärke der Liga im internationalen Vergleich: Auch die schwächste Mannschaft der Hinrunde ist immer noch in der Lage, mit der Elite aus den Ligen diesseits von England, Spanien und Italien mitzuhalten. Aber Henriksen war einfach nicht in der Lage, die individuelle Klasse von Burkardt zu ersetzen.
Im Großen und Ganzen bin ich ja ganz zufrieden mit meiner Prognose. Also abgesehen von Union Berlin, die deutlich stärker sind, als erwartet. Ich bleibe auch bei den beiden direkten Absteigern St. Pauli und Heidenheim, auch wenn das natürlich alles andere als ein Hot Take ist. Der Abstand zum eigentlich rettenden Ufer ist aber zu groß für einen direkten Klassenerhalt der Mainzer. Vor allem nachdem Augsburg sich für die Variante "eklig und stabil" statt "in Schönheit sterben" entschieden hat.
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