Posts mit dem Label Warum dürfen Leute die sich so gar nicht mit Fußball beschäftigen eigentlich professionell im Kicker schreiben werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
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Dienstag, 4. Juni 2019

Warum dürfen sich Leute, die sich so wenig mit Fußball beschäftigen

hauptberuflich über Fußball schreiben. Ja, schon wieder. Und ich sollte echt Buch führen, wie oft mir das passiert.

Vor einigen Wochen gab es ja den doch recht spontanen Wechsel von Kerem Demirbay von der TSG 1899 Hoffenheim zu Bayer Leverkusen. Nachdem es die Woche davor im Kicker-Interview noch keinerlei Anzeichen gab, dass da was im Busch ist. Aber darum geht es ja nicht, es ist Demirbays gutes Recht sich heimlich und jenseits der Öffentlichkeit mit einem Wechsel zu beschäftigen... oder innerhalb weniger Tage eine neue Entscheidung zu treffen.

Was mich mehr irritiert hat (und das gleich, aber mir fehlte noch das Gegenbeispiel), war ja die Einschätzung, dass dies jetzt ein Paradigmenwechsel bei Bayer wäre. Denn einerseits bedient man sich nicht mehr nur bei kleineren Vereinen, andererseits ist Demirbay kein Kandidat dafür, auf dem Transfermarkt eine höhere Rendite abzuwerfen.

Denn eigentlich sieht der perfekte Bayer Transfer ja so aus: Man holt sich Julian Brandt für 500.000 und verkauft ihn für das 50zig fache.

Da Demirbay aber schon 25 ist und 32 Millionen gekostet hat, kann man ja nicht erwarten... ok, das 50zig fache ist wirklich nicht zu erwarten.

Wenn man sich aber ein bisschen mit Fußball beschäftigt (was ja anscheinend keine Grundvoraussetzung für einen Job beim Kicker ist, aber Details) fällt einem einiges auf.

1.) Bayer Leverkusen hat exakt denselben Transfer vor einigen Jahren schon mal getätigt. Bei Kevin Volland, der ebenfalls aus Hoffenheim kam. Bei genauerer Betrachtung ist Hoffenheim einfach noch ein wenig kleiner als Leverkusen. Nicht nur von der Stadtgröße. Leverkusen spielt halt gerade in 9 von 10 Jahren international. Das fällt halt nur keinem auf, weil es halt nur dieses Chemielabor und kein Traditionsverein mit großem Anhang ist. Aber was die Konstanz betrifft kommen stehen nur Dortmund und natürlich die Bayern vor der Werkself. Wenn man also in Hoffenheim einkauft, bedient man sich weiterhin bei den kleinen.

2.) Demirbay ist erst 25. Es ist eigentlich unfassbar, dass solche Spieler mittlerweile als "alt" gelten. Also als "zu alt um seinen Marktwert weiter zu steigern".

3.) 32 Millionen sind einfach nicht mehr so viel. Die Transfersummen sind halt weiter munter am eskalieren. Und es gibt ja keine Tendenz, dass dies irgendwie aufhören könnte.
Anders ausgedrückt (und da kommt jetzt das Gegenbeispiel): Eintracht Frankfurt kassiert gerade 60 Millionen Ablöse für Luka Jovic von Real Madrid. Wobei, im Detail... gehen 18 dieser 60 Millionen an Benfica Lissabon. Versetzt euch mal in deren Position, die kriegen 18 Millionen Euro dafür, dass sie mit diesem Spieler nichts anfangen konnten.

Natürlich ist Jovic noch 4 Jahre jünger als Demirbay, da ist es einfacher seinen Marktwert zu steigern. Und Real investiert auch in das Potenzial dieses Spielers, sich weiter zu verbessern. Aber ich sag das mal so: Dass er seinen Wert innerhalb eines Jahres von 5 auf 55 Millionen Euro steigert, ist absurd. Vor allem nach einer guten Europa League Saison. Oder anders ausgedrückt: In der Internationalen Zweitklassigkeit.

Wenn Demirbay einschlägt, 2 gute Jahre in Leverkusen hat und 10+X Scorerpunkte in der Champions League sammelt, wird er im Sommer 2021 erfolgreich weiterverkauft werden. Das sind halt die Realitäten auf dem Transfermarkt der Gegenwart.
Wenn Demirbay einschlägt, wird genau das passieren. Und heimlich wird Leverkusen genau darauf hoffen. Schließlich ist der im Sommer 2021 auch erst 27. Wenn er natürlich wirklich zum nächsten Volland wird (also kein Fehlgriff, gerade National mehr als ordentlich, aber halt auch international nur mit 2 Torvorlagen und einem Tor in 3 Jahren), wird Bayer das auch jenseits der dann nicht kommenden Ablösesumme zu spüren bekommen. Weil die Mannschaft dann International weiterhin nur teilnimmt, aber nicht wirklich mitspielt.

Um mal ein weiteres Beispiel für eskalierende Preise zu nennen: Leroy Sané soll gerade für die Bayern unbezahlbar geworden sein. Das ist ein Spieler, den man vor ein paar Jahren für 30 Millionen hätte verpflichten können, wo man aber zugeben muss, dass man diesen Transfer damals verpasst hat. Jetzt hat der sich natürlich in den Jahren auch verbessert, aber so viel, dass man 3stellige Millionenbeträge für ihn ausgeben muss? Ja, genau so viel. Weil er sich nicht nur verbessert hat, sondern die Preise für solche Spieler halt auch weiter gestiegen sind.

Das ist nebenbei etwas, auf das ein gewisser Johannes Bachmeyer, also jemand, der sich mit Fußball beschäftigt hat, bereits vor Monaten in seiner inzwischen vergessenen Brandrede angesprochen: Dass die Bayern in den letzten Jahren auf dem Transfermarkt eher gespart haben, wird sie jetzt richtig viel Geld kosten. Denn für einen Spieler von der Qualität eines Leroy Sané, der vor 2-3 Jahren noch 30 Millionen gekostet hat, werden mittlerweile 60+X Millionen aufgerufen. Also davon ausgehend, dass Sané mit 20 besser war als Jovic mit 21...
Für einen Verteidiger, der einem weiter helfen soll, zahlt man mittlerweile halt auch keine 20, sondern 80 Millionen. Eine Entwicklung, die niemanden, der sich mit Fußball beschäftigt, überraschen sollte.

Und es ist ja auch kein Ende abzusehen. Dementsprechend wahrscheinlich ist es, dass Bayer Demirbay irgendwann gewinnbringend verkaufen kann. Damit passt der genau ins Beuteschema der Werkself, das absurde ist halt, dass Bayer für solche Spieler mittlerweile selber richtig tief in die Tasche greifen muss. Aber die Spirale dreht sich halt nicht nur an der Spitze hoch, sondern überall.

Donnerstag, 23. Mai 2019

Heute in unser aller Lieblingsserie:

Warum dürfen Leute, die sich so gar nicht mit Fußball beschäftigen, eigentlich professionell im Kicker schreiben... Season X Episode Y: Christian Biechele.

Ich sollte echt mal Buch führen, wie oft ich diesen Spruch eigentlich bringe... vielleicht nächste Saison.

Aber ja, Christian Biechele argumentiert am Montag gegen die Abschaffung der Relegation... weil man laut seiner Meinung "keine grottige Saison gespielt haben" muss um Drittletzter zu werden...
Theoretisch stimmt das sogar. Aber das ist praktisch dieselbe Theorie, die zur Mietpreisebremse den "der Markt reguliert sich selbst" Vorschlag bringt: Sollte klappen, aber hat aber mit der Realität nichts zu tun.

Lasst uns mal spaßeshalber die Relegationsteilnehmer der Letzten Jahre durchgehen und kurz analysieren, in wie weit man ihre Saison als "ordentlich", gerade gemessen an ihren Ansprüchen, bewerten kann:
1.) VfB Stuttgart, 20019, 28 Punkte: Dazu 3 unterschiedliche Cheftrainer. Einer von war Tayfun Korkut. Ich sag das mal so: Wer mit Korkut als Cheftrainer in eine Saison geht, der will doch absteigen. Oh und 28 Punkte für den Klassenerhalt ist im "So wenig hat noch nie für den Klassenerhalt gereicht" Ranking ganz weit vorne.

2.) VfL Wolfsburg, 2018, 33 Punkte: "Wir steigen ab, wir kommen nie wieder! Wir haben Bruno Labbadia! Und das war der Gute ihrer 3 Trainer in der Saison. Diese Mannschaft wirkte zwischenzeitlich so leblos, dass man sich echt gefragt hat, wie eine derart Zusammenstellung derart teurer Stars so einen Scheiß zusammenspielen kann...

3.) VfL Wolfsburg, 2017, 37 Punkte: Diese Mannschaft könnte fast einen Freifahrsschein bekommen... weil 37 Punkte echt ordentlich sind. Aber dann wird einem bewusst, dass die Valerien Ismael als Trainer angestellt haben, was sonst nur Nürnberg und Hannover versucht haben... anders ausgedrückt: das ist auch einer dieser Trainer, bei denen man es wirklich darauf anlegt, dass man in der Relegation landet. Oh und der Kader hat Namen wie Mario Gomez (als der noch ein Thema für die Nationalmannschaft war), Julian Draxler (der sich zugegebener weise nie für Wolfsburg interessiert hat) und Luiz Gustavo (der von den Bayern zwangstransferiert worden ist) in ihrem Kader. Das ist ein Kader, mit dem man eigentlich ums Internationale Geschäft mitspielen muss und trotzdem landete man hinter Mainz und Augsburg... Der einzige Grund, warum diese Mannschaft nicht so katastrophal aussieht, ist ja der Fakt, dass ihr Nachfolger sich noch dümmer angestellt hat.

4.) Eintracht Frankfurt, 2016, 36 Punkte: Die große Überraschung. Ein Mannschaft, deren bester Spieler Lukas Hradecky ist, dürfe tatsächlich mal mit 36 Punkten in einer Relegation landen. Da könnte man vielleicht wirklich von einer ordentlichen Saison reden. Aber bei genauerer Betrachtung landeten sie hinter Darmstadt und Ingolstadt... Wer hinter solchen Mannschaften, die in der Bundesliga (wie die Folgejahre ja zeigten) nichts verloren haben, landet, kann sich nicht beschweren, wenn er absteigt.

5.) Hamburger SV, 2015, 35 Punkte: Wenn es keine Zugabe gewesen wäre... aber der HSV qualifizierte sich 2 Jahre in Folge mit einer Mannschaft, die mindestens um einen einstelligen Tabellenplatz mitspielen muss, für die Zusatzrunde in der Relegation. Oh und man hatte 4 unterschiedliche Cheftrainer. Immer ein gutes Zeichen.

6.) Hamburger SV, 2014, 27 Punkte: Vielleicht muss man das einfach mal aussprechen: SIEBENUNDZWANZIG Punkte reichten für den Klassenerhalt. Und das in einem Kader mit Rafael van der Vaart und Heung Min Son. Ja, genau dem Son, der Tottenham gegen Chelsea ins Champions League Halbfinale geschossen hat und damit jetzt im Finale steht. Das faszinierndste am HSV ist es ja, dass sie Spieler um ihre HSV Stationen erstaunlich viele Erfolge hatten. Milan Badelj und van der Vaart sind zum Beispiel beides Vize-Weltmeister. Jonathan Tah und Kareem Demirbay sind hinterher deutsche Nationalspieler geworden. Pierre-Michel Lasogga... ist halt immer noch da... Trotzdem schaffte man es irgendwie nur 27 Punkte zu sammeln und trotzdem die Klasse zu halten...

7.) TSG 1899 Hoffenheim, 2013, 30 Punkte: All das nur, weil die bereits als Vize-Meister feststehenden Dortmunder zu dumm waren ihr letztes Heimspiel gegen den damaligen Klassenfeind aus Hoppenheim zu gewinnen... Einem Spiel, in dem Kevin Großkreutz im Tor stand.

Die Liste geht dann nebenbei mit Hertha BSC Berlin, Borussia Mönchengladbach, dem 1.FC Nürnberg und Energie Cottbus weiter. 3 von denen sind genau die Kandidaten, bei denen es passieren kann, dass sie (die Hertha damals als Aufsteiger) unten rein rutschen. Die Gladbacher... hatten nach der Hinrunde 10 Punkte. Wer ein derart schlechtes erstes Halbjahr spielt, kann sich halt nicht beschweren, wenn er absteigt...

Was lernen wir daraus? In den ersten 4 Jahren mag die Argumentation von Biechele halbwegs funktioniert haben. Aber seit dem... sein wir ehrlich: Nur in einer einzigen Saison (Eintracht Frankfurt, 2016) bettelte der Relegationsteilnehmer nicht förmlich um den Abstieg. Unternahm buchstäblich alles in ihrer Macht stehende um sich für die 2. Liga zu qualifizieren. Und das in einer immer schwächer werdenden Liga. Es waren, bis auf diese eine Ausnahme, jeweils Mannschaften, die mit wesentlichen größeren Ambitionen in die Saison gestartet sind und die dann komplett zusammengebrochen sind. Oder von gnadenlos überforderten Trainern angewiesen worden sind.

Wenn die Relegation noch, wie in den Anfangsjahren, aus Mannschaften wie Mainz, Freiburg oder Augsburg bestehen würde, könnte ich dem Kicker-Experten ja folgen. Aber diese Vereine müssen sich gar nicht auf dieses extra gespannte Rettungsnetz verlassen... Sondern es sind immer die Vereine mit wesentlich größerer Wirtschaftskraft... und mit katastrophaler Vereinsführung, Außendarstellung, Teamchemie, Trainern usw.-

Ich frage mich echt, wie man überhaupt nach einer Rechtfertigung suchen kann, dass man solchen Mannschaften noch mal einen Rettungsanker zuwirft.

Es gibt eine einzige schöne Sache an der Relegation. Dazu kommen wir... Morgen.