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Dienstag, 14. Juni 2022

Auch bei Sport1 beschäftigt man sich nicht wirklich mit Fußball

 Welch Überraschung. Sonst fällt mir so was immer nur beim Kicker auf. Aber die Kollegen können das auch. Aber das kann man ja auch nicht erwarten.

Ich hab also letztens mal auf die Sport1 Seite geklickt und da diesen schönen Kommentar von Pit Gottschalk zu Robert Lewandowski gefunden. Ist schon nen paar Tage her, ich war halt beschäftigt...
Dort wird dann die These in den Raum geworfen, dass Lewandowski "das Erbe von Gerd Müller" nicht verdient hat, weil er jetzt die beleidigte Leberwurst gibt und weg will. 

Also klar, sportlich hat er es eigentlich erreicht. Wenn er noch 2 Jahre bliebe, würde er auch den letzten Müller-Rekord brechen, aber er will halt nicht. Er ist halt zu enttäuscht von den Bayern-Bossen und schaltet deswegen in den Trotzmodus. Ranadliert wie so ein Kleinkind, nur um den Verein zu verlassen... das würde Gerd Müller natürlich nie...

Oh, warte... kurz Wikipedia aufgeschlagen, was für einen professionellen Sportjournalisten natürlich eine Demütigung ist... so was macht man halt einfach nicht. Und klar, als Quelle für einen Vortrag stimmt das auch, aber als grundlegende Orientierung ist die Seite schon nicht verkehrt. Und die Geschichte wird ja auch von anderen Quellen belegt.

Wie lautet die Geschichte? Nun ja: Pál Csernai wechselte das kleine dicke Müllerchen in der 82. Minute aus sportlichen Gründen aus... am 3. Februar 1979. Das passierte ihm zum ersten Mal in seiner Karriere. Müller drohte direkt mit dem Karriereende, bestand auf eine Vertragsauflösung und wechselte 25. Februar in die USA. Er war halt menschlich vom Verein und Trainer so enttäuscht, dass er auf keinen Fall mehr für seine Bayern spielen wollte... Die Auswechslung war dabei nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat, denn „all die anderen Dinge wiegen viel schwerer – und alles zusammen war einfach zuviel für mich“. 

Ich frage mich nebenbei gerade selber, ob diese "Das Fass zum Überlaufen" Metapher korrekt ist, wenn der Mensch dann in Amerika mit heftigen Alkoholproblemen zu kämpfen hatte... Oder ob sie nicht genau deswegen noch treffender ist, denn es sind sich abgesehen von den Steuerfahndern alle einig, dass er das besser gelassen hätte... oder zumindest direkt nach dem Karriereende nach Deutschland zurückgekehrt wäre.

Jedenfalls wäre, wenn es damals schon Twitter, Facebook und 24-stündige Berichtserstattung gegeben hätte, genau so abgelaufen, wie Lewandoskis Abgang jetzt. Müller hätte genau so alle Möglichkeiten ausgenutzt, um seiner Unmut Luft zu verschaffen und hat de facto den Bayern genau so gedroht, dass sie ihn auf keinen Fall halten wollen. Lewandowski ist damit also der ultimative Bayern-Nachfolger.

Aber das kann man ja so nicht schreiben. Dann müsste man ja dieses Fass aufmachen, welches nicht angezapft werden darf: Dass die Bayern-Legenden alle irgendwo in der Provinz ihre Karriere beenden mussten. Von Müller über Beckenbauer (der tatsächlich auch mit dem HSV Meister wurde), zu Hoeneß und Schweinsteiger. Oder Robben und Ribery... Die Liste ist echt lang. Loyalität ist im Fußball häufig eine Einbahnstraße... sie wird von den Spielern verlangt, aber Vereine dürfen verdiente Spieler selbstverständlich abschieben. Und ja, am Ende hat Philipp Lahm sich das nur erspart und ist in einem relativ jungen Alter in den Ruhestand gegangen, bevor die Bayern wirklich darüber nachdenken konnten, ob sie den nicht durch jemand jüngeres ersetzen... So wie er es mit Bixente Lizarazu gemacht hat. 

Natürlich haben die Bayern unter Hoeneß die Legenden nach dem Karriereende immer und gerne wieder aufgenommen. Aber auf dem Fußballfeld wird man in diesem Verein nicht alt. 

Wenn man sich die derzeitige Entwicklung um die Personalie Lewandowski anguckt, ist sie eigentlich völlig normal. Lewi hat dieselben Probleme wie der Müller vor 40 Jahren. Er zeigt exakt dieselbe Reaktion, auch wenn die völlig übertrieben dargestellt wird. Und der einzige Unterschied ist ja, dass der Stürmer schon ein Jahr bevor die Bayern ihn eigentlich loswerden wollen, gehen will. Vielleicht auch 2. Und damit wird er endgültig zum perfekten Erbe der Vereinslegende.

Mittwoch, 10. März 2021

Die Gerd Müller - Robert Lewandowski Vergleiche sind albern

 Und ich lese zu viele Kicker-Leserbriefe. Denn es ist natürlich genau das passiert, was passieren musste, als der Kicker anfing die Torquote von Lewandowski mit der von Gerd Müller aus der Saison 1971/72. Natürlich gibt es da nur 2 Meinungen: "Lewandowksi hätte damals 60 Tore geschossen" und "Müller musste gegen Vorstopper und Liberos antreten, das war viel schwerer."

Beide Argumente sind genau genommen albern. Zu glauben, dass "Tore schießen" damals gegen einfacher strukturierte Defensiven leichter war, ist extrem naiv. Also klar, Lewandowski wird nicht mehr stumpf in Manndeckung genommen... dafür stehen bei ihm teilweise 8 Gegner in Strafraumnähe und machen die Räume eng.

Genauso unsinnig ist es sich zu fragen, wie viele Tore ein Lewandowksi mit moderner Trainingswissenschaft in den 70ern geschossen hätte. Klar, allein schon seine physische Überlegenheit würde ihn zahllose Treffer bescheren. Aber wie viele Tore würde Gerd Müller machen, wenn man ihn genau so hochzüchten würde, wie es heute bei Profisportlern der Fall ist? Wenn er schon mit 16 Nahrungsergänzungsmittel anstatt Bier bekommt? Genau solche Fragen machen Vergleiche über Generationen hinweg sinnlos.

Was allerdings spannend wäre, ist: den Fokus etwas weiterzustellen. Aber das wird der Kicker nicht machen, denn, Spoiler, dann wird ihm die Sinnlosigkeit seines eigenen Tuns bewusst. Und das man in furchtbar langweiligen Zeiten Storys generieren muss.

Gucken wir uns erstmal die Torquote an. Also Lewandowski hat, Stand Jetzt, 31 von 71 Bayern Tore erzielt. Das ist eine Quote von 43 %. Bei Gerd Müller waren es 40 von 101, was eine Quote von 39 % sind. Das sieht direkt erstmal gut aus für den Polen. Und eine deutliche Steigerung gegenüber den 31 % aus der Vorsaison. Wenn die Bayern ihre Spiele weiterhin so knapp und spannend gestalten, könnte er sogar eine bessere Quote als Müller erreichen. Das wäre wirklich beeindruckend: Trotz des überragenden Offensivpotenzials der Bayern an der Hälfte aller Tore direkt beteiligt zu sein (er kommt ja auch auf 8 Assists) ist schon etwas Besonderes. Ober er dieses Tempo allerdings beibehält...

Wirklich spannend ist aber eine historische Einordnung der 40 Tore Saison. Denn sie kam halt zu Zeiten, in denen die Bundesliga relativ gesehen besser war. Das zeigt sich einerseits daran, dass der Uefa Cup, in dem sich deutsche Mannschaften mittlerweile ja regelmäßig blamieren, als "deutscher Wettbewerb" bezeichnet wurde. Steht zumindest so im Kicker. Und vor allem war die Meisterschaft damals...

Also vor der 40 Tore Saison wurden die Bayern nur 1932 und 1969 Deutscher Meister. Rekordmeister war damals noch der 1.FC Nürnberg. Rekord-Bundesligameister war Borussia Mönchengladbach, die es als erste Mannschaft der Bundesligageschichte geschafft haben diesen Titel zu verteidigen.

Das ist etwas elementar wichtiges, was man bei diesem Vergleich immer bedenken muss: Die selbsternannte 2. Macht im Land, Borussia Dortmund, hat seit ihrem letzten Sieg in der Allianz Arena 2014 im Schnitt 4,7 Tore kassiert. IM SCHNITT! Selbst der größte Herausforderer macht sich ständig in die Hose, wenn er in München antreten muss. Die einzige Mannschaft, die die Bayern wirklich vor Probleme stellen kann, ist RB Leipzig

Vor 7 Jahren verglich Sebastian Prödl die Duelle mit den Bayern mit einem Zahnarztbesuch: Muss man 2-mal im Jahr durch und ist oftmals schmerzhaft. Seit dieser erschreckend ehrlichen Aussage wurden die Bayern ununterbrochen Deutscher Meister. Meistens mit fast unzähligen Punkten Vorsprung. Spannend war es nur ein einziges Mal. Das ist das Umfeld, in dem Lewandowski den Torrekord jagt: Die Gegner erstarren vor Ehrfurcht. Kaum jemand traut sich wirklich zu wehren.

In den 70ern wird das definitiv anders ausgesehen haben. Und es war das Zeitalter vor VAR und 100 Kameras im Stadion. Die Verteidiger damals dürften mit allen legalen und illegalen Mitteln versucht haben Gerd Müller zu stoppen. 

Und klar, die Bayern begannen mit dieser 40 Tore Saison ihre erste richtig dominante Phase. Müller profitierte auch von einer absoluten Ausnahmemannschaft. Aber die 40 Tore waren nicht das Ergebnis einer jahrelangen Dominanz auf nationaler und internationaler Ebene, sondern der Ausgangspunkt dieses legendären Laufs.

Wo wir schon dabei sind: Das waren auch noch die Zeiten, in denen die Bayern wirklich auf hausgemachte Talente setzen musste. Die Startelf am letzten Spieltag bestand aus 10 Deutschen und einem Dänen... Nur Rainer Zobel, Franz Krauthausen und Johnny Hansen spielten vor ihrem Durchbruch bei den Bayern für andere Bundesligisten. Wie viele Tore ein Müller also erzielen würde,  wenn er als Speerspitze einer quasi Allstar Mannschaft die Vorlagen von Günther Netzer verwertet... Damals konnten sich die Bayern halt nicht einfach alle Stars zusammenkaufen, sondern sie legten das Fundament dafür, dass dies heute selbstverständlich ist.

Der Fußball hat sich halt drastisch verändert. Was halt dazu führt, dass ein Lewandowksi in den 70er Jahren nie zu den Bayern gewechselt wäre, sondern irgendwo in Polen seine Torrekorde aufgestellt hätte. Das ist aber nur ein weiterer Grund unterschiedliche Generationen nicht zu vergleichen.

Das soll Lewandowskis Leistung nicht schmälern. Es soll nur verdeutlichen, dass er nicht die Bedeutung eines Gerd Müllers erreichen wird. Er hat auch gar keine Chance sie zu erreichen, weil Lewandowksi halt nur an den Balkonverzierungen des 31. Stocks arbeitet, während Müller und Co. damals das Fundament angerührt haben.