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Mittwoch, 1. März 2023

Eine kurze Motivationsrede für den HSV

 Ha... "kurz"... als ob.

Wer diesen Blog regelmäßig verfolgt, wird es ja bereits wissen: Der HSV hat ein Alleinstellungsmerkmal in diesem Land. Und auch dieses Frühjahr erweckt der Verein den Anschein, als würde er dieses Merkmal gerne abgeben und doch einfach mal aufsteigen. Zumindest tut man so. Wie ernst man das wirklich meint, wird der April zeigen,

Nebenbei zeigt sich da nochmal die moralische Flexibilität, sobald es gegen ein Feindbild geht: Ich bin plötzlich für den 1. FC Heidenheim. Ich checke deren Ergebnisse aus und hoffe, dass die den HSV noch einholen, obwohl ich mir vollkommen bewusst bin, dass die für die Bundesliga... drücken wir es optimistisch aus... keine Bereicherung sein werden. Nächste Saison jammere ich dann die ganze Zeit, wie krass überfordert dieser Dorfverein ist. Schlimmer als Paderborn und Fürth.
Was die Arbeit des Vereins gar nicht schmälern soll. Gerade was der Trainer Frank Schmidt da abreißt, ist absolut faszinierend. Und man ist in 6 von 8 Zweitligajahren in der oberen Tabellenhälfte gelandet. Man wurde in aufeinander folgenden Jahren Fünfter und Dritter. Das ist eine Konstanz, die sonst nur Union Berlin an den Tag gelegt hat. Damit ist die realistische Frage nicht "Ob", sondern nur "Wann steigt der 1. FC Heidenheim auf?" Und dann doch bitte in einem Jahr, in dem sie es dem HSV versauen.

Nebenbei... gehört die 2007 gegründete Fußballabteilung zu diesen Vereinen, die noch nie abgestiegen sind. Ihr wisst schon: das angebliche ehemalige Alleinstellungsmerkmal des letzten Bundesligadinos. Nur um mal zu verdeutlichen, dass das gar nicht so besonders ist: Damit hatte man etwas mit RB Leipzig gemeinsam. Das kann ja keiner gewollt haben.

Random Fun Fact: Der "große FC Bayern ist 1954/55 aus der Oberliga abgestiegen. Selbst dieser arrogante Schnöselverein hat es frühzeitig geschafft, sich von RB zu distanzieren. Aber bei den Unabsteigbaren gibt es bestimmt auch in den Niederungen des Fußballs irgendwelche Dorfvereine, für die es noch nie bergab ging. 

Und ja, eventuell gibt es auch neu gegründete Vereine, die noch nie aufgestiegen sind. In Leipzig finde ich da gerade den FC Mohajer Leipzig, der 2020 als Integrationprojekt gestartet wurde und seinen Durchmarsch in die erste Kreisklasse noch aufgeschoben hat. Aber jeder Verein, der 10 Jahre überlebt, wird doch irgendwann zumindest ein Mal aufsteigen.

Wir haben in Deutschland über 24.000 registrierte Fußballvereine. Der einzige Verein von denen, der älter als 10 Jahre ist und niemals aufsteigen konnte, ist und bleibt der HSV. Selbst wenn wir grob festlegen, dass es mit all den Neugründungen 10 Vereine gibt, die noch nie aufgestiegen sind... dann sollte man die anderen Vereine im Sommer zu einem großen Turnier einladen und sich gegenseitig feiern. Und festhalten, dass man zur absoluten Ausnahme gehörte. Das können dann nur 0,04 % aller Vereine von sich behaupten.

Aber der nationale Vergleich ist ja nie der Anspruch des Hamburgers gewesen. Und weil HITC Sevens dieses Video weiterhin verweigert, stelle ich die Frage jetzt hier: Wie sieht es eigentlich im restlichen Europa aus?

Fangen wir mal in Italien an. Dort spielt einzig Inter Mailand ununterbrochen in der Serie A. Gut, das liegt auch daran, dass Juventus Turin zu einem Zwangsabstieg verurteilt worden ist. Aber Juve stieg trotz 9 Punkten Abzug sofort wieder auf. Die anderen Gründungsmitglieder der Serie A stiegen hinterher hin und wieder mal auf und ab. In ganz Italien kann also nur Inter den "Unaufsteigbar" Status bewahren.

In Spanien haben wir den FC Barcelona und Real Madrid. Der eine Verein war der absolute Stolz Kataloniens, der andere wurde von einem Diktator gestützt. Also zumindest in der "grauen Vorzeit" war dies so und bei den meisten ganz großen Vereinen waren das ja die Jahre, in denen man überhaupt aufsteigen konnte. Dass diese "Graue Vorzeit" in Spanien bis in die 70er Jahre reichte und Johann Cruyff sich wegen Franco weigerte zu den Königlichen zu wechseln, verschweigen wir Europäer lieber.
Atletico Madrid war eigentlich auf einem richtig guten Weg, bis sie in der Saison 99/00 plötzlich abstiegen. Dann überlegten sie sich ein Jahr lang, ob den Unaufsteigbar Status beibehalten wollten und realisierten, dass sie das mit Real vereint... und kehrten in die Primera Division zurück. Damit hat man einen Aufstieg in der Chronik stehen.

Arenas Club war als weiteres Gründungsmitglied auf einem richtig guten Weg. Also die stiegen von 1929 bis 1975 ausschließlich ab. Das ist doch genau der Weg, den der HSV einschlagen sollte. Dann verkackten sie es aber und stiegen von der "Regional Preferenta" in die "Tercera Division" auf. Also von der 5. in die 4. Liga. Mittlerweile gurkt man in der Dritten Liga rum und die Wikipedia Seite gibt es nur auf Spanisch. Wenn die nie aufgestiegen wären und weiterhin in Liga 5 spielen würden, gäbe es garantiert auch deutsche Wikipedia Artikel... weil ich ihn dann anlegen würde.

Dieser ganze Beitrag wäre so viel einfacher, wenn es einen "Unaufsteigbare Vereine" Artikel bei Wikipedia geben würde. Aber dieser Begriff kommt nur 5 Mal vor... unter anderem bei Union Berlin.

Egal, auf nach Frankreich. Der französische Fußball ist überraschend chaotisch. Oder halt wie die Bundesliga ohne Bayern. Also die eine Dekade lang dominierende Mannschaft kämpft als Nächstes um den Abstieg. Deswegen darf sich noch der AS Saint Etienne Rekordmeister nennen. Gemeinsam mit Paris Saint-Germain. Saint Etienne ist am ehesten mit dem 1. FC Nürnberg zu vergleichen, die es ebenfalls geschafft haben, als amtierender Rekordmeister abzusteigen. Paris Saint-Germain wurde erst 1970 gegründet und etablierte sich erst in den 80ern als Stammgast in der oberen Tabellenhälfte. Technisch gesehen ist man nie abgestiegen, weil man wegen Verletzungen der Auflagen in die Dritte Liga musste. Trotzdem hat man es 2-mal geschafft, in die erste Liga aufzusteigen. Das macht diesen Verein dann wiederum einzigartig, das kann sonst keiner von sich behaupten. Also außer Juve muss nochmal Zwangsabsteigen.

Kommen wir zum ältesten Verband der Welt: Der FA in England. Der englische Fußball ist halt kompliziert, weil er genau genommen schon immer von den Launen der Investoren abhängig war. So ist für überraschend viele Vereine alles von 4. bis 1. Liga drin. Also Leeds United spielte zum Anfang des Jahrtausends in der Champions League (gemeinsam, also eher gegen 1860 München) nur um 2006/07 in die dritte Liga abzusteigen. In der Saison 19/20 stieg man dann plötzlich wieder in die Premiere League auf. Chelsea war vor der Übernahme durch den ersten russischen Oligarchen eher eine durchschnittliche Premiere League Mannschaft. Immerhin spielte man seit 1985/85 konstant in der höchsten Spielklasse, man war aber halt vorher auch ein paar Jahre zweitklassig. Dank der riesigen Geldsummen sind die Bewegungen halt auch extremer. Und die haben halt auch einfach ein paar Jahre mehr an Geschichte auf dem Buckel.

Durch all diese Bewegungen gibt es aber praktisch überhaupt nur 2 Kandidaten, die man überhaupt in Betracht ziehen muss: Manchester United und der FC Liverpool. Wenn es in England 2 Vereine gab, die schon immer dabei waren, dann sind es diese beiden. Liverpool startete 1893 in der 2. Liga, stieg direkt auf und wieder ab... nur um im Jahr darauf an Manchester City zu scheitern, damit haben wir die auch gleich abgearbeitet. Und dann fällt einem auf, dass Liverpool von 1954 bis 1962 zweitklassig war. Damn. Auch United stieg in den Anfangsjahren mehrmals auf und ab und etablierte sich "erst" 1938 in der First Division. 1974/75 stieg man dann das letzte Mal auf. Ich hätte nicht gedacht, dass selbst diese beiden Vereine auf mehrere Aufstiege kommen, aber so sieht es halt aus.

Fun Fact, den ich nicht habe kommen sehen: Der FC Everton hat weniger Jahre in der Zweitklassigkeit verbracht, als Liverpool und United. Man stieg aber 1930/31 und 1953/54 auf. Insgesamt war man nur 4 Jahre nicht in der höchsten Liga unterwegs.

Bleiben halt die "relativ kleinen" Ligen mit Portugal und Holland. Da wird die Datenlage auch echt schwierig. Auf den ersten Blick hat Portugal mit Porto, Benfica und Sporting direkt 3 Vereine, die immer in der höchstmöglichen Spielklasse angetreten sind. Zumindest so weit ich das nachvollziehen kann. PSV Einhoven spielt erst seit 1926 durchgängig in der ersten Liga, Feyenoord Rotterdam stieg 1917 auf. Ajax schaffte dies 1911.

Bleibt wahrscheinlich Celitc Glasgow. Und Austria Wien, die nach 11 Siegen in 17 Spielen in die Erste Klasse eingeteilt wurden. Und das war's dann... es sei denn, wir gehen nach Luxemburg und Liechtenstein... vielleicht nächstes Jahr.

Oder nach Osteuropa, wo es halt doch sehr unübersichtlich wird, weil viele der Ligen halt erst 1990 gegründet worden sind. Obwohl man das anhand der ewigen Tabelle der Wysschaja Liga doch gut nachvollziehen kann: Dynamo Moskau und Dynamo Kiew sind die einzigen Vereine, die "stets in der höchsten Spielklasse" antraten. Moskau stieg 2015/16 ab und danach dann wieder auf, muss also gestrichen werden. Kiew ist damit Gründungsmitglied in der sowjetischen und der ukrainischen Liga. Und da sie noch nie abgestiegen sind, können sie auch nicht aufsteigen.

Das ist dann die Liste: 3 Vereine aus Portugal, 2 aus Spanien und je einer aus der Ukraine und Österreich. Und der HSV. Der hat jetzt noch das absolute Alleinstellungsmerkmal, dass er nicht mehr erstklassig spielt, aber aus Prinzip trotzdem nicht aufsteigt.

Man hat jetzt ja die freie Wahl: Sortiert man sich in die (sowohl national als auch international) riesige Anzahl von schlecht geführten Traditionsvereinen, die nie ihr volles Potenzial ausreizen, ein? Also will man wirklich mehr wie Schalke werden? Oder macht man einfach sein eigenes Ding und bewahrt sich seine Nische.

Mittwoch, 5. Dezember 2012

Financial Fair Play... ja, klar, sicher

Das Financial Fair Play ist das liebste Kind vom UEFA Präsidenten Michel Platini. Es soll endlich zu Wirtschaftlicher Vernunft im Fußball führen. Und zu einem fairen und ausgeglichenen Wettbewerb führen. Nebenbei soll auch noch die Abhängigkeit von Privatinvestoren (die "nur noch" 45 Millionen in den Verein aus ihrem Privatvermögen stecken dürfen... pro Jahr...) reduziert werden.

Letzteres ist natürlich absurd, wenn der Investor einfach nur eine Tochterfirma gründen muss, die dann für eine einzelne Werbebande, die im Spiel 5 Minuten zu sehen ist, 135 Millionen bezahlt... wer will das verhindern? Und vor allem wie?

Aber gerade wir Deutschen sollen ja von dem Financial Fair Play am deutlichsten profitieren. Schließlich hatten wir vorher schon das härteste Lizenzsverfahren Europas. Und jetzt soll es endlich wieder den ersten internationalen Titel seit 2001 geben. Aber ist so was wie einen fairen und ausgeglichenen Wettbewerb in Europa überhaupt möglich? Eine Frage, die sich sonst VW und Seat stellen. Aber die Umsatzzahlen der Fußballligen führen zwingend zu dieser Fragestellung... und die Antwort lautet Nein.

Im Sommer durfte der Kicker ungestraft über ein vom Spanischen Steuerzahlen subventioniertes Europa League Finale lästern. Und die freundliche Bitte hinterher schicken, so etwas doch bitte zu unterlassen... oder von Seiten der UEFA zu sanktionieren.
Nun will ich die Spanischen Steuerschulden gar nicht schön reden... und deren Konkursverfahren ist so fucked up, dass die eine Mannschaft, die seriös wirtschaftet und jahrelang auf die Ablösesummen aus den Konkursverfahren wartet, absteigen muss, während die Schuldner weiter Pirimera Divison spielen...

Aber tun wir kurz so, als würde der Deutsche Fußball ohne Subventionen auskommen. Wir brauchen kein Financial Fair Play, wir brauchten eine Fußball-WM im eigenen Land. Denn seit der WM im eigenen Land boomt die Liga wie verrückt.
Etwas 500 Millionen wurden von den Ländern und Städten in die WM Stadien gesteckt. Dazu kommen all die Stadien, die vor der WM renoviert wurden, aber am Ende nicht den Cut geschafft haben, die in dieser Liste nicht mal auftauchen. Und 300 Millionen Euro Kredite von den Landesbanken... Und selbst für ein offiziell komplett selbst finanziertes Stadion wie die Allianz Arena in München... wurde mal so nebenbei ein U-Bahnhof um 50 Meter nach Norden verlegt. Und das haben dann (auch wenn ich es am ehesten zutrauen würde) wohl kaum die Bayern bezahlt, sondern die Stadt München. Und ich behaupte mal: nicht nur in München musste das Nahverkehrssystem den neuen größeren Stadien angepasst werden...

Laut Abschlussbericht der Bundesregierung zur WM 2006 (ja, ich fahre die schweren Geschütze auf...) hat "die Bundesregierung ca. 3,7 Mrd. Euro allein in Ausbau- und Erweiterungsmaßnahmen für das Bundesfernstraßennetz investiert". Geld das laut eigenen Angaben nur wegen der WM in die Hand genommen wurde, aber dort in keiner offiziellen Bilanz auftaucht. Und jeder, der mal zu einem Auswärtsspiel in Lwiw war, weiß wie wichtig es ist, dass man die letzten 500 Meter nicht durch eine Ödnis laufen muss...

Ich will die Fußball-WM 2006 gar nicht schlecht reden. Schließlich wurde Angela Merkel zur größten Deutschen Autobahnbauerin seit Adolf Hitler... (und ein Internationales Volksfest ist mir als Motivation 3,7 Mrd. mal lieber als ein völkervernichtender Weltkrieg...) Aber man sollte niemals vergessen, dass die grandiose Entwicklung der Bundesliga ganz stark mit diesem Event zusammenhing. Und das da Milliarden geflossen sind, die dem Fußball direkt oder indirekt zu gute kam. In Italien wurde zum Beispiel 1990 das letzte Mal groß renoviert. In vielen Stadien wurde seit dem nichts mehr gemacht. Und so hat nur Juventus Turin im Jahre 2012 ein Stadion, dass man in Europa vorzeigen kann... Und dementsprechend am Arsch ist der Italienische Fußball (wobei es natürlich in Italien auch noch genügend andere Probleme gibt... Verschobene Spiele etc.pp...) Aber die Italiener können nicht zu unrecht behaupten, dass sie durchaus auch mal wieder ein großes Turnier bräuchten, damit sie, wie die Deutschen, wieder in die Gänge kommen...

Aber auch ohne die Fußball-WM würde es derzeit deutlich aufwärts gehen für den Deutschen Fußball. Wir sind das Bevölkerungsreichste Land im Herzen Europas. Und wir haben die Robusteste Wirtschaft... mit einem Bruttoinlandsprodukt von 3,5 Mrd US Dollar... Und wir stecken mitten in einer Weltwirtschaftskrise... Und während wir beinah die einzigen sind, die weiterhin unsere Bevölkerung zum Geld ausgeben animieren (erinnert ihr euch noch an die Abwrackprämie? Ja, die spielt da mit rein), erlegen wir allen anderen krasse Sparkurse auf... Wir sind quasi die einzige Wirtschaft, die sich ein Hobby wie Fußball noch leisten kann... sowohl vom Sponsoring (wo VW mal so nebenbei zum Partner des DFB Pokals wird) als auch auf Seiten der Fans, wo sich immernoch 80.000 Menschen einen Bundesligaklassiker wie Dortmund gegen Fürth angucken. Alles Dinge, die man sich in Spanien oder Italien nicht mehr leisten kann...

Lange Rede, kurzer Sinn: das Financial Fair Play ist eine schöne Sache. Aber zu glauben, dass es zu einem fairen europäischen Wettbewerb führen kann, ist naiv. Das ist aber in einem Internationalem Millardenschweren Wettbewerb aber auch unmöglich. Aber wenn man sich über Steuergeschenke und Finanzspritzen von Privatinvestoren aufregt, sollte man vorher auch mal unter dem eigenen Teppich nachschauen, was da noch so rumliegt.