Och nö ne? Nicht schon wieder
RB... Und ja, genau darüber habe ich die letzten Tage auch viel nachgedacht: Muss ich mich schon wieder in "seitenlangen" Diskursen über den Umgang mit diesem neuen Verein beschweren? Am Ende glauben die Leute wirklich noch, dass ich selber ein Freund von denen bin...
Dann fiel mir auf: Es geht am Ende um etwas viel wichtigeres. RB dient in diesem Fall nur als Proxy fürs Medienkompetenztraining. Hah. 2 Große Worte. Das reicht als Legitimation.
Ich wäre ja wirklich mal an einer sachlichen Diskussion über RB interessiert. Letzte Woche habe ich dann verstanden, warum es diese gar nicht geben kann. Weil unsere Diskussionsgrundlage aus den Medien viel zu häufig so aussieht,
wie in diesem Artikel bei den 11 Freunden.
Aus journalistischer Sicht ist dieser Artikel eine Katastrophe. Auf Augenhöhe mit der Bild. Denn als aller erstes sollte in einem Artikel niemals die Meinung des Journalisten im Vordergrund stehen. Die Teile, in denen es darum geht, kennzeichnet man als Kommentare oder Kolumnen. Oder verschiebt sie in seinen Hauseigenen Blog. Dieser Beitrag wurde aber als offizieller Artikel ins Web gestellt.
Und ja, jedem Journalisten ist es bewusst, dass man irgendwie immer seine eigene Meinung durchdrücken muss, weil man die subjektive Perspektive ja praktisch nie verlassen kann. Man kommt halt nicht aus seiner eigenen Haut. Und die Medien manipulieren an der Stelle immer. Der Anspruch eines guten Journalisten ist es aber, dass der Konsument gar nicht mitbekommt, dass er manipuliert wird. Weil die Meinung da nur sehr unterschwellig transportiert wird. Der Werbesologen "Bild dir deine Meinung" hat dieses Phänomen gerade zu pervers gut getroffen.
Und
Christoph Biermann, der den Scheiß verzapft hat, ist Chefredakteur dieses Magazins... das sagt viel aus...
Als Journalist hast du ja genau genommen 2 Aufgaben.
1.) Informationen vermitteln. Oder Aufklärung betreiben. Wir verlassen uns darauf, dass die Journalisten uns erklären, was an Orten passiert, die wir nie selber erreichen können.
Syrien und den
Bundestag halt... Wir gehen davon aus, dass das Bild, dass uns der Journalist aus diesen Gebieten zeichnet, möglichst nah an der Wirklichkeit liegt. So dass ich hinterher zumindest in groben Zügen weiß, was in Syrien oder im Bundestag abgeht.
Auf dieser Ebene scheitert der Artikel einfach. Denn ich, der noch nie zu einem Bundesligaspiel von RB im Stadion war, lerne aus diesem Artikel eine einzige Sache: Der Autor hasst RB. Danke für die Information. Das hätte er genau so sachlich in 3 Worten ausdrücken können: "Ich hasse RB."
2.) Eine Diskussionsgrundlage schaffen. Das ist natürlich das Meisterwerk eines Journalisten. Er veröffentlicht einen sachlichen Beitrag und löst damit eine Debatte auf größerer oder höherer Ebene aus. Das funktioniert aber gerade bei emotionalen Themen wie RB auch nur, wenn man es schafft, mehr als eine Seite zu beleuchten.
Das Problem an diesem Propaganda Artikel ist ja... dass er echt alles an RB schlecht macht. Selbst die Spielweise, die von dem gesamten Produkt getragen wird und die die Bundesliga auf jeden Fall innerhalb des Grünen Vierecks bereichern wird. Das muss man erst Mal schaffen.
Hier mal ein Beispiel, wie das ganze hätte funktionieren können:
Dass die den ganzen Verein durchdringende Spielphilosophie die Bundesliga auf dem Platz eher bereichern wird, als der
Hamburger SV oder der
VfB Stuttgart, die alle 6 Monate das leitende Personal und damit auch das Grundkonzept austauschen, steht außer Frage. Man darf dabei aber nie vergessen, dass
Dietrich Mateschitz als Patron diese Vereinsidentität nicht, wie ein
Armin Stocker früher ein
Freiburg oder ein
Harald Strutz bis heute in
Mainz, aus der persönlichen Überzeugung, dass dies die Beste Variante ist erfolgreich einen Verein zu führen, ausgerufen hat. Sondern einzig und allein weil er davon überzeugt ist, dass er so sein eigentliches Produkt am besten Vermarkten kann. Der attraktive und progressive Fußball ist dabei genau genommen nur ein teures Abfallprodukt, das Mittel zum Zweck und im wahrsten Sinne eine Aluminiumdose, aber nicht das Ziel des Vereins.
Man könnte halt auch einfach mal beide Seiten beleuchten. Den Leuten, die da ins Stadion gehen, ein gewissen Verständnis entgegen bringen. Anstatt so zu tun, dass die sich blind ein grotesk schlechtes Fußballspiel angucken und da dann trotzdem klatschen... Diese Leute dann aber darauf hinweisen, dass man sich mit der Motivationsgrundlage dieser Spielweise mal beschäftigen könnte... Dann könnte man vielleicht auch eine Diskussion in Gang treten. Zwischen den Freunden und den Feinden.
Stattdessen... passiert auf erster Ebene folgendes (und ja, so habe ich diesen Artikel gefunden): Die Feinde von RB posten diesen Artikel auf Facebook... die Freunde antworten darauf hin mit einer bissig-pissigen Antwort. Der Feind (der ja im realen Leben (oder zumindest im sozialen Netzwerk) mit dem Freund befreundet ist,) wundert sich dann, dass der RB Sympathisant so aggressiv reagiert und das man jetzt ja nur noch aneinander vorbei reden kann...
Das passiert halt, wenn man Propaganda Artikel teilt, auf den die Staatsmedien der DDR stolz wären...
Dem durchaus sinnvollen Diskurs über die Motivation von RB steht dieser Artikel eher im Weg als das er hilft.
Natürlich ist das in diesem Falle auch gar nicht das Ziel. Das Ziel war es, das möglichst viele Traditionsfans auf diesen Artikel klicken. Und sich hinterher die neuste Ausgabe kaufen, in denen es hauptsächlich um die Leiden der Traditionsfans geht... wie gefühlt in jeder dritten Ausgabe...
Aber welche Wirkung hat denn dieser Artikel erzielt? Und das ist der eigentlich Grund, warum ich mich doch dazu äußern musste. Denn die erste Reaktion war... eine Sitzblockade gegen den Mannschaftsbus und Transparente, die unter die Gürtellinie gingen. Herzlichen Glückwunsch, Herr Biermann, ihr Zündstoff ist in den Köpfen der Leute angekommen.
Joseph Goebbels nominiert sie für den Preis zum Deutschen Journalisten des Jahres.
Und ja, dieses Wochenende blieb alles friedlich. Aber wie lange wird es dauern, bis Steine auf den Mannschaftsbus fliegen? Bis Leuchtraketen in den RB Fanblock fliegen?
Bis diese Fans an den Autobahnraststätten bei Auswärtsfahrten angegriffen werden? Alles Sachen, die Fans von Traditionsklubs nachweislich im Repertoire haben, wenn sie auf Vereine treffen, die sie halt so gar nicht mögen.
Und wenn der erste RB Fan anstatt ins Stadion zu gehen ins Krankenhaus muss, wird sich Christoph Biermann fragen müssen, ob er da nicht seinen kleinen klick baitenden Teil dazu beigetragen hat...
Und wenn ihr jetzt denkt "Der übertreibt doch, so doof sind wir doch gar nicht." Ich habe euch ja Medienkompetenztraining versprochen. Erinnert euch einfach mal daran, wie schon zu Beginn der Flüchtlingskrise gegen Ausländer Stimmung gemacht worden ist. Angefangen bei den Faulen Griechen, bevor das mit der eigentlichen Krise los ging. Fortgeführt über die Titelblätter der großen Zeitungen: "Der Ansturm" und "Wie viele Flüchtlinge verträgt Deutschland". Und, als besonderes Wertvollen Highlight: "Was sie jetzt gegen die Asylflut tun können."
Ja... das stand so auf dem Focus...
Jetzt könnt ihr natürlich behaupten: Aber das sind doch nur die Titelbilder, die Artikel sind bestimmt total ausgewogen und fundiert. Vielleicht. Aber wie viele lesen die Artikel? Also verglichen mit den 40 Millionen, die (bewusst oder unbewusst) die Zeitungen im Kiosk rumliegen sehen? Und die dann durch die Titelbilder eine Bedrohungssituation eingetrichtert bekommen...
Dass dies kein neues Phänomen ist, hat
Hagen Rether schon vor Jahren im Scheibenwischer (als es den noch gab) anhand eines Spiegel-Jahres vorgeführt.
Und dann... stellt ihr auf einmal nicht mal überrascht fest, dass es allein in Nordrhein Westfalen dieses Jahr mehr Anschläge auf Flüchtlingsheime gab, als in ganz Deutschland vor 2 Jahren...
und das die Täter gar nicht mehr nur Rechtsextreme Perspektivlose aus Ostdeutschland sind... auch wenn das in den Medien gerne zu einem Ostdeutschen Problem gemacht wird...
2015 wurden mehr als 1.000 Attacken auf Flüchtlingsheime gezählt. Die Zahl dürfte 2016 nicht zurück gehen.
Dann wird einem bewusst, dass die Brandsätze, die die Medien in unsere Köpfe setzen, wirklich zünden. Und dass die eine verdammt kurze Zündschnur haben.
Wichtig ist es, sich persönlich bewusst zu werden, wo diese Brandstifter überall sitzen können. Teilweise halt auch in Gebieten, bei denen man es gar nicht erwartet hätte. Und dass man dann diese Brandstifter im Rahmen seiner Möglichkeiten ächtet.