Freitag, 24. April 2026

Was euch natürlich niemand über den Abstiegskampf erzählt

 Ist ja, wie verdammt langweilig und quasi entschieden der bereits ist. Selbst der von mir sehr geschätzte Manu Thiele tappt in die "In der Bundesliga ist der Abstiegskampf extrem spannend. Viele Klubs hängen unten drin" Falle.

Das ist wieder der Moment, wo man erkennt, welche Experten hauptsächlich wollen, dass ihr dran bleibt und wer euch wirklich die gesamte Lage und ihren Kontext erklärt. Das Erste, was hierbei wichtig ist: In 12 der letzten 13 Jahre setzte sich der Bundesligist in der Relegation durch. Der Leistungsunterschied zwischen dem drittbesten Zweitligisten und dem drittschlechtesten Bundesligisten ist einfach zu groß, um wirklich von einem fairen Wettbewerb zu reden. Vielleicht ist St. Pauli wirklich individuell schwach genug besetzt, dass der Drittligist dieses Jahr wieder mal eine echte Chance hat. Beim Rest wäre es schon eine Überraschung, wenn es 2 spannende Spiele werden. Ein Abstieg wäre eine echte Sensation.

Aber das will euch natürlich niemand erzählen, weil dann auffallen könnte, wie unfair die Relegation wirklich ist... und das man für ein paar Millionen Euro an Fernsehgeldern den 3. Aufstiegsplatz abgeschafft hat. Die sind froh, dass die Ultras sich andere, irrelevantere Schlachtfelder ausgesucht haben und lieber gegen die Montagsspiele, als gegen die Relegation gekämpft haben.

Damit Werder Bremen, der Hamburger SV, Borussia Mönchengladbach oder der 1. FC Köln wirklich absteigen, müssten die 7 Punkte Vorsprung verspielen. In 4 Wochen. Das ist beinah unmöglich. Also tatsächlich... Wir nennen sie ab sofort geschlossen "Die Klassenerhalts-Kandidaten".

Ich bin dann mal die Tabellen dieses Jahrtausends durchgegangen. Da kann man dann die epischen Aufholjagden nachvollziehen. 2015/16 hat Eintracht Frankfurt 4 Punkte Rückstand aufgeholt, um sich in der Relegation zu retten. 2012/13 waren es bei Hoffenheim 6 Punkte aufs noch erreichbare rettende Ufer. 2002/03 konnte Bayer Leverkusen Arminia Bielefeld noch abfangen, obwohl die scheinbar komfortable 5 Punkte Vorsprung hatten... und 12. in der Tabelle waren. Und... das war es. Also selbst die 5 Punkte, die St. Pauli noch aufholen müsste, um die Konkurrenz wenigstens in die Relegation zu zerren, wären eine absolute Seltenheit. Das ist uns in diesem Jahrtausend ZWEI Mal passiert. 7 Punkte konnten in den letzten 25 Jahren nie aufgeholt werden.

Nebenbei erwähne ich an der Stelle auch immer, dass St. Pauli und Wolfsburg am letzten Spieltag gegeneinander spielen. Zum Glück, denn so, wie die Tabelle gerade aussieht, könnte dies das einzige relevante Spiel werden. Aber das bedeutet auch, dass beide vor dem 34. Spieltag 5 Punkte aufholen müssen, damit Wolfsburg dann am letzten Spieltag am Millerntor gewinnt. Und sie sollten auch noch hoch gewinnen, denn die "Konkurrenz" hat das deutlich bessere Torverhältnis. Wenn die also nur ein Unentschieden holen, wird die ganze Rechnung hinfällig.

Im Wesentlich wird das an diesem Wochenende entschieden. Also Wolfsburg muss gegen Gladbach und Pauli in Heidenheim gewinnen. Wenn man darauf 5 Euro wettet, bekommt man 33 Euro ausgezahlt... Dann muss ja auch noch Pauli die Wochen darauf gegen Mainz oder RB Leipzig gewinnen. Und Wolfsburg gegen Freiburg und die Bayern. Die Auszahlung für die wahrscheinlicheren Siegen liegt bei 215,80 €. Also Stand Freitag 17 Uhr via BWin... Aber wenn man den Experten so zuhört, ist das eine sichere Anlage. Denn es soll ja angeblich noch Spannung in den Abstiegskampf kommen.

Aber ganz realistisch geht es nur noch um Wolfsburg und St. Pauli. Alle anderen Vereine, die angeblich noch unten drin stecken, werden nächstes Jahr Bundesliga spielen. 

Und natürlich willst du den Gang in die Relegation vermeiden... auch wenn das eigentlich ein Reingewinn ist, den man in dem Heimspiel erwirtschaftet. Aber seinen Fans will man das natürlich nicht antun. Und es wäre schon extrem arrogant, jetzt schon vom Klassenerhalt zu reden, wenn es nur 5 Punkte auf diesen Relegationsrang sind. Dass die Klassenerhalts-Kandidaten sich selbst noch nicht als "gerettet" betrachten, ist durchaus vernünftig. Aber dass die Experten in den Fernsehsesseln und Redaktionen das alles verschweigen, ist schon erbärmlich.

Denn hier ist das Lustigste: Selbst wenn ich daneben liege, ist diese Prognose extrem wichtig und wertvoll. Wenn einer dieser beiden Vereine sich noch aus ihrer prekären Lage befreien können, erleben wir eine historische Aufholjagd, wie wir sie selten sehen. Viel wichtiger: wenn einer der Klassenerhalts-Kandidaten noch absteigt, sei es direkt oder über die Relegation, erleben wir einen historischen Einbruch. Und diesen Kontext, der verdammt wichtig ist, um das Geschehen einzuordnen, habt ihr jetzt schon. #PassivesAbseitsLeserwissenesfürher... UND exklusiv.

Ich behaupte ja immer, dass es gar nicht so wichtig ist, als Experte immer richtigzuliegen. Es ist wichtig mit seinen Prognosen den Kontext zu erklären, damit die Zuschauer wissen, worauf sie achten müssen, damit die außergewöhnlichen Ereignisse eintreten. Und diese Ereignisse wissen sie dann richtig zu schätzen.

Aber in der Medienrealität versuchen die Leute euch nicht den Kontext zu erklären, sondern sie wollen euch nur irgendwie an den Geräten halten. Und dafür müssen sie irgendwie Spannung generieren. Das könnt ihr am Samstag, um noch eine Prognose abzugeben, sowohl bei der Konferenz, als auch in der Sportschau beobachten. 

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